Dreierlei über Bildschirmfrauen



1. Lara Croft

A. Mangas

2. Lena Odenthal

3. Seven of Nine

B. Bildmaterial

C. Nachwort

D. Nachwort 2




1. Der Ruhm der Archäologie



Eine frühe Variante des Themas: in einer Anthologie surrealistischer Gedichte fand ich einen Satz, der mich merkwürdig berührte: „Und der Tag zermalmt mit seinem großen cholerischen Fuß einen kleinen Stern.“ Ungewöhnlich an diesem Satz ist, in seinem Kontext, daß es sich um eine Metapher handelt, denn an und für sich kennen surrealistische Gedichte keine direkten Metaphern, allenfalls Sätze, die Metaphern ähneln. In diesem Fall läßt sich das Bild auflösen: der heranbrechende Tag, dessen Licht den Stern unsichtbar werden läßt (abgesehen von der weiteren möglichen Bedeutungsebene, die Geschäftigkeit des Tages, die die Poesie der Nacht auslöscht, um es arg plump und verkürzt zu sagen). Ich benutzte das literarische Bild für ein gemaltes Bild, ein Aquarell, in dem tatsächlich der Himmel mit seinem Fuß einen Stern zertritt (außerdem gibt es da eine Schriftrolle in dem Bild, die den Satz zitiert, und einen Elephanten, also ein Tier aus dem Morgenland, und dergleichen mehr). Wenn ich nicht irre, stammt das Bild aus dem Jahr 1987. Es folgt nun das Gedicht, aus dem dieser Satz stammt, in seiner vollen Länge, um der Leserin etwas von dem Kontext dieses Satzes zu vermitteln: „Flammend lodert das Zinnengeschrei der Morgenröte. Erstes Ei, erstes Schnäbeln, Gemetzel und Jubel! Federn fliegen, Flügel breiten sich aus, Segel blähen sich, Ruder tauchen in den frühen Morgen. Ah, zügelloses Licht, sich bäumendes erstes Licht. Vom Berg brechen Kristallstürze herein, trommelfellzerfetzende Trommeln zerplatzen auf meiner Stirn./ Er schmeckt nach nichts, er riecht nach nichts, der Tagesanbruch, noch ist das Kind ohne Namen, ohne Gesicht. Es kommt, geht weiter, schwankt, geht durch die Vorstädte davon. Hinterläßt einen Schweif von Geräuschen, die die Augen aufschlagen. Verliert sich in sich selbst. Und der Tag zermalmt mit seinem großen cholerischen Fuß einen kleinen Stern.“ Das ganze Gedicht heißt „Majuskel“, entnommen ist es dem Band „żAguila o sol?“, übersetzt wurde es von Rudolf Wittkopf, und geschrieben wurde es von einem Herrn namens Octavio Paz, einem Namen, der mir damals (in der Blüte meiner Jugend, unschuldig, unbelesen) nicht das geringste sagte, und in dem Sammelband, in dem ich das Gedicht fand, „das surrealistische Gedicht“, einem anderthalbtausendseitigen Gemeinschaftswerk des zweitausendeins-Verlages und des Museum Bochums, hob nichts diesen Autor, der mit seinem mit „P“ beginnenden Nachnamen sich am Beginn des letzten Drittels fand, besonders hervor. Die Schönheit seines Gedichts bewog mich, mich auf die Suche nach weiteren seiner Werke zu machen, und so stieß ich dann auch auf die Werke, die vielleicht auch einigen anderen bekannt sind, seinen berühmteren „Sonnenstein“ („Piedra de sol“), das innovative „Weiß“ („Blanco“). Aber wiederum deutete wenig darauf hin, daß es sich hier um eine Person der Weltliteratur handelte. Zwar schien, Klappentexten und Nachworten zufolge, dieser Paz in seiner Heimat Mexiko ein recht bekannter Dichter zu sein, und nicht nur das, seine literarische Karriere hatte ihm auch eine zweite, politische Karriere ermöglicht, und lange Zeit vertrat er sein Land diplomatisch. Trotzdem schien es mindestens in Deutschland nicht üblich zu sein, seinen Namen zu kennen, und ich konnte mir einbilden, im alleinigen Besitz seiner Gedichte zu sein. Dann bekam er den Literaturnobelpreis. Das ist eine ziemlich merkwürdige Bestätigung meiner Vorlieben, denn eigentlich wird der Literaturnobelpreis, soweit ich sehe, nur an äußerst mediokre Gestalten verliehen, und was noch merkwürdiger ist, seither habe ich kein einziges weiteres Werk von Paz gelesen.


Nun, nach der Variation, das eigentliche Thema: vor einigen Jahren veröffentlichte die Firma Eidos ein Computerspiel namens Tomb Raider. Die Hauptfigur, die Heldin des Spiels war eine Archäologin namens Lara Croft, repräsentiert durch relativ zueinander bewegliche Polygone mit bunten Flächen. In dieser ersten Fassung des Spieles hatte die Heldin noch nicht ganz ihre eigene platonische Idee ergriffen, das heißt, sie mußte noch ohne ihren Polygonzopf auskommen und trug einen modischen Kurzhaarschnitt (in den ursprünglichen Entwürfen hatte Lara Croft langes, offenes Haar, aber langes, offenes Haar läßt sich nicht recht durch Polygone darstellen, und auf den Trick mit dem Zopf verfielen die Designer von Eidos erst später). Ein spielbares Demo wurde veröffentlicht, also ein unvollständiges Gratismuster, und weil ich fand, daß die Vorstellung von einer Frau, die sich in verschiedenen Grabgewölben herumtreibt, etwas sympathisch Verschrobenes hatte, und da die Ersetzung der ehedem üblichen Sprites (also flacher Bilder, die nur so taten, als seien sie dreidimensional) durch Polygone mir ein bemerkenswerter Fortschritt zu sein schien, versuchte ich, dieses Demo auf meinem damals etwas angejahrten Computer zum Laufen zu bringen. Ich dachte damals, daß Lara Croft möglicherweise das Zeug hätte, berühmt zu werden, und ich zeichnete ein kleines Bild von ihr, mit gelbem Licht von einer Seite und grünem Licht von einer anderen Seite. Und dann wurde sie berühmt. Und zwar, zu meiner Überraschung, berühmt nicht etwa nur bei den Menschen, die Computerspiele spielen, sondern berühmt auch bei allen möglichen anderen Menschen. So berühmt und bekannt, daß mir meine ursprüngliche harmlose Zeichnung mir mit einem Mal ziemlich albern vorkam. Im übrigen wurde sie so berühmt, daß im Internet zahlreiche Bilder von ihr veröffentlicht wurden, von sechserlei Art: Da gab es erstens einmal screenshots aus dem Spiel selbst, das heißt, jemand hatte das Spiel gespielt und dabei ein Bild des Bildschirms gemacht. Dann gab es zweitens offizielle Bilder der Firma Eidos, die etwa die Packungen der Spiele schmückten, im Spiel selbst als Graphiken auftauchten oder zu Werbezwecken verwendet wurden. Diese Bilder zeigten ebenfalls eine aus Polygonen aufgebaute Lara, nur, daß diese Lara aus wesentlich mehr Punkten aufgebaut war (wobei die Zahl der Punkte im übrigen von Mal zu Mal wechselte), und mit einer wesentlich anspruchsvoller berechneten Verteilung von Licht und Schatten und Farbübergängen: in diesen Bildern etwa war ihr Busen nicht nur, wie in dem ersten Spiel, ein etwas lieblos entworfenes Dreiecksprisma, sondern erinnerte tatsächlich an menschliche Anatomie, und ihre Augen waren verschwenderisch mit Iris und Pupille und Glanzlichtern ausgestattet. Drittens Zeichnungen der Designer von Eidos, viertens das lebende menschliche Modell, das diesen Zeichnungen als Vorlage gedient hatte. Fünftens gab es selbstgemalte Bilder von Fans, die Lara im durchsichtigen Badeanzug oder als Domina oder strenge Lehrerin oder als Besatzungsmitglied von Star Trek zeigten. Sechstens sogenannte fakes, manipulierte Bilder, die wie screenshots aussehen sollten, aber keine waren, die die Folgen eines angeblich existierenden legendären cheat codes zeigten, der Lara entkleiden sollte. Des weiteren hat Lara mittlerweilen auch als centerfold model gearbeitet und in einigen Werbespots mitgewirkt, und vermutlich ist ihr Marktpotential noch keineswegs ausgereizt.


Einer dieser Werbespots etwa wirbt für eine deutsche Frauenzeitschrift, die sich müht, ihrem allzu biederen Image zu entkommen, und die sich in diesem Spot explizit mit Lara gleichsetzt: „Wir sind wie...“ Mithin gilt Lara Croft als ein positiv besetztes Rollenmodell, oder, da ja Lara Croft keine realistische Rolle im wirklichen Leben darstellt, als ein positives Ideal unter Frauen, auch unter Frauen, die selbst vielleicht noch nie im Leben Tomb Raider gespielt haben.


Ich nehme an, Lara Croft hätte kaum derart berühmt werden können, wenn Tomb Raider ein schlechtes Spiel gewesen wäre. Tatsächlich wurde der erste Teil von Tomb Raider sehr freundlich und positiv besprochen, gelobt wurden das schnelle Programm zur Darstellung der Graphiken (also die engine), die ausgewogenen, also angemessen schwierigen, aber lösbaren Rätsel, und anderes mehr, das nicht unmittelbar etwas mit der Person der Heldin zu tun hatte. Andererseits kann kaum die Rede davon sein, daß Tomb Raider ein konkurrenzlos gutes Spiel war; eingefleischte Anhänger von Quake etwa mögen bemängeln, daß es in Tomb Raider nicht möglich ist, in einem Mehrspielermodus einem Mitspieler die virtuellen Gedärme herauszureißen, daß überhaupt das Spiel allzu zahm und unblutig daher kam. Im übrigen wäre auch ein alle anderen Spiele überragendes Spiel kaum jemals unter Nichtspielern so berühmt geworden. Seinen eigentlichen Ruhm verdankt Tomb Raider sicher Lara Croft.

Warum nun Lara Croft auf verschiedene Menschen so attraktiv wirkt, ist eine Frage, die sich in drei Teile zerlegen läßt: warum wirkt sie für Frauen so attraktiv, warum wirkt sie für Männer so attraktiv, und warum wirkt sie für Feuilletonisten so attraktiv. Was die Frauen betrifft, so lassen sich leicht Elemente aufzählen, die Lara zu einem positiven Vorbild machen: sie sieht gut aus, sie ist mutig, sie hat einen interessanten Beruf, in dem sie ausgesprochen kompetent ist, und die Zahl der sonstigen Frauen, denen es erlaubt ist, ohne männliche Hilfe Drachen zu erlegen, ist begrenzt. Allenfalls der auffällige Mangel an Sozialkontakten (solchen, die als Mittel der Kommunikation nicht das Schießeisen benutzen) macht sie vielleicht zu einer etwas merkwürdigen Figur: es sieht nicht so aus, als ob sie viele Freunde hätte. Aber vielleicht ist auch das eine ihrer Stärken, und vielleicht sogar ihre wichtigste: autark zu sein, nicht von anderen abhängig, niemanden zu brauchen. Im übrigen: wenn Lara keinen boyfriend hat, käme niemand auf die Idee, sie für einsam und verlassen zu halten, für irgendwie unvollständig und defektiv, denn nur dann ist sie ganz sie selbst, wenn sie allein ist, während bei den meisten anderen Frauen Alleinsein als Mangel gilt. Aus dem zufälligen Umstand, daß viele Computerspiele Solitärspiele sind, ergab sich ein weibliches Rollenmodell der geglückten und gewollten Autarkie, das in dieser Form so sonst kaum zu finden ist. Das Erstaunliche an ihr ist denn auch weniger, daß sie gekonnt mit Waffen umgehen kann und sehr sportlich ist, sondern daß ihr Alleinsein so überzeugend und so gänzlich unmelancholisch ist. Die Pointe des oben erwähnten Werbespots besteht übrigens darin, daß Lara Croft bei einer wilden Verfolgungsjagd vor einem Schaufenster stehen bleibt, und in diesem Schaufenster betrachtet sie sich, na, wer hätte das erraten, ein weißes Brautkleid. Auch sie ist also eine von uns, mit geheimen romantischen Sehnsüchten im Herzen, aber tough und respektgebietend in ihrem Auftreten, und wir können wie sie sein (vorausgesetzt, wir kaufen das Produkt, für das sie wirbt).

Ein weiterer anziehender Aspekt ihres Wesens ist der, daß sie, neben ihrer japanischen Kollegin, der virtuellen Moderatorin Date, die einzige Frau auf dieser Welt ist, die sich nicht mit irgendwelchen Neurosen in Bezug auf ihr Aussehen herumschlagen muß, da ja ihr Körper nicht natürlich gewachsen ist, sondern vollständig den Wünschen der Männer (nun, nicht eigentlich der Männer, da diese sich ja untereinander gar nicht einig sind in Bezug auf ihre Wünsche, aber dem anerkannten Leitbild der Männerwünsche) angepaßt wurde. Wenn selbst Schauspielerinnen und Kleidervorführerinnen sich selbst für häßlich halten und darunter leiden, dann kann das einzige Glück auf dieser Welt nur darin bestehen, Lara Croft zu sein, die sich gleich doppelt keinerlei Sorgen machen muß, ob sie irgend jemandem gefällt: weil sie vollkommen ist, so vollkommen, wie keine Frau sein könnte, und weil es ihr ohnehin egal ist, ob sie jemanden gefällt, da ihre Arbeit und ihr Charakter sie mit unbesiegbarem Selbstbewußtsein ausstattet.

Der reale weibliche Körper aus Fleisch und Blut ist ja auch nicht einfach als solcher gegeben, sondern bedeutet beständige harte Arbeit durch entsprechende Ernährung, körperliche Ertüchtigung, optimierte Kleidung, Aufmachung und Inszenierung (noch gänzlich abgesehen von chirurgischen Eingriffen). Und diese Arbeit hat notwendig den Charakter eines frustrierenden Rückzugsgefechts, da ja das Verstreichen der Zeit unfehlbar die weibliche Schönheit zerstört. Laras Körper dagegen ist ewig, unwandelbar und mühelos. Zwar behauptet sie in ihren Interviews, eine strikte Diät zu halten und regelmäßig zu trainieren, wir wissen aber doch, daß die Wahrheit so aussieht, daß Lara sich ausschließlich von Hamburgern ernähren und den ganzen Tag vor dem Fernseher verbringen könnte und immer noch so aussähe, wie sie aussieht, und noch immer genauso sportlich und gelenkig wäre, und daß sie niemals altern wird. Auch der reale weibliche Körper ist die Realisierung eines Entwurfs seiner Besitzerin, aber eine unvollkommene Realisierung, da sich das Fleisch gegen die Realisierung des Entwurfes wehrt. Da Lara aber der reine Gedanke ist, hindert in ihr nichts den gestaltenden Willen, sich zu realisieren: ihr Körper ist kein mühsam erkämpfter Kompromiß zwischen dem Körper, wie er sein sollte, und dem Körper, wie er eigenmächtig gewachsen ist, sondern in kompromißloser Form der Körper, wie er sein soll. Ihr Körper ist die Schminke, also die autonome weibliche Selbstgestaltung, ohne den Leib, auf dem die Schminke angebracht wird. Gleichzeitig ist Lara jeder Verantwortung für ihren Körper enthoben, denn sie selbst hat nichts damit zu tun, wie sie aussieht, nicht sie hat ja sich selbst entworfen, sondern andere haben das für sie getan, und sie muß sich nicht dafür rechtfertigen, daß sie aussieht, wie sie aussieht. Eine Frau, die ihren eigenen Körper ohne jede physische Beschränktheit selbst entworfen hätte und aussähe wie Lara Croft müßte sich sicher Fragen gefallen wie etwa, ob sie diese Riesenbrüste nicht geschmacklos, plump und indezent fände; durch ihre Herkunft aus der Trivialkultur muß Lara sich nicht einmal dafür rechtfertigen, daß sie aussieht, wie anscheinend viele Männer wünschen, daß Frauen aussehen. Wer wollte da nicht mit ihr tauschen? Ohne jede Mühe vollkommen aussehen, ohne Angst um das eigene Aussehen zu kennen, ewig unwandelbar jung und schön, nichts dafür tun zu müssen, sich nicht rechtfertigen zu müssen, der eigenen Vollkommenheit gewiß sein und sich dabei um das eigene Aussehen nicht zu kümmern, sich nicht um andere scheren zu müssen, selbständig zu sein und von niemandem abhängig.

Warum nun mögen Männer Lara Croft? Nun, die auf der Hand liegende Antwort ist, daß Lara konzipiert wurde, Männern einen erfreulichen Anblick zu bieten. Und nicht nur das, jeder, der eines der Tomb Raider-Spiele erwirbt, erhält das Recht, eine schöne, begehrenswerte Frau nach seinem Kommando auf Knopfdruck in der Gegend herumzuscheuchen, und sie muß jedem seiner Befehle gehorchen, ohne daß sie je widerspricht oder auch nur Zeichen des Unmuts zeigt, abgesehen davon, daß sie stirbt, wenn sie nicht sorgfältig behandelt und beschützt wird. Schließlich gibt es ja auch Männer, die aufblasbare Gummipuppen oder die Abbildungen in entsprechenden Magazinen realen Frauen vorziehen, die etwa ein kompliziertes Eigenleben aufweisen oder den eigenen Wünschen widersprechen könnten. Soweit die offensichtliche Erklärung. Vielleicht aber läßt sich noch mehr dazu sagen. Denn Computerspiele, in denen virtuelle Frauen sich vom Benutzer manipulieren lassen, gibt es ja noch mehr, und verglichen mit den meisten von ihnen sind die Möglichkeiten in Tomb Raider, Lara zu mißbrauchen, ziemlich bescheiden: noch nicht einmal die geheime Buchstabenkombination, die Lara auszieht, existiert außerhalb der Phantasie einiger Benutzer, und Lara wirkt auch nicht gerade wie ein billiges Flittchen, das sich dem Erstbesten hingeben würde.

Der Spieler, der Tomb Raider spielt, mag Lara Croft als ein Objekt betrachten, das er manipulieren kann, aber die meisten werden sie doch eher als eine Art Verkörperung des eigenen Ichs betrachten, als eine Art Avatar (wie Rama ein Avatar Krishnas ist), als jemand, mit dem sie sich identifizieren. Dürfen wir daraus schließen, daß zumindest einige der männlichen Benutzer des Tomb Raider-Spieles wenigstens manchmal so sein möchten wie Lara Croft?

Ich glaube, die Identifizierung mit einem Helden des anderen Geschlechts bietet gewisse psychologische Vorteile. Nehmen wir, als Gegenbeispiel, einen männlichen Computerspieler und den männlichen Helden eines Computerspiels, sagen wir mal, Duke Nukem. Duke Nukem habe ich aus keinem besonderen Grund ausgewählt, er hat den Vorzug, daß er, im Gegensatz zu den namenlosen Helden von Doom oder Quake, einen Namen hat, relativ bekannt ist (obwohl seine besten Tage vorüber sein dürften, da er halt doch nur ein guter alter Sprite ist, und kein Polygon) und einige typische Eigenschaften aufweist: er ist blond, stiernackig und muskelbepackt und kommentiert alle Ereignisse des Spiels mit irgendwelchen lässigen Bemerkungen. Der Spieler mag sich nun für die Dauer des Spieles einreden, er selbst sei Duke Nukem, aber die Differenz zwischen ihm und Duke Nukem wird in der Regel kaum zu übersehen sein. Der Spieler wird sicher nicht nur lässige Bemerkungen machen, sondern oft auch hilflose, törichte oder peinliche, und wahrscheinlich wird er auch weniger durchtrainiert aussehen wie Duke. Identifiziert sich der Spieler dagegen mit einer weiblichen Figur wie etwa Lara Croft, dann entfällt sofort die direkte Vergleichbarkeit. Zwar wird der männliche Spieler Lara Croft wahrscheinlich noch weniger als Duke Nukem ähnlich sehen, er hat aber weniger Veranlassung, seine eigene Realität mit der des Spieles zu vergleichen, beziehungsweise, er kann sich ja dem Glauben hingeben, daß er Lara Croft zwar tatsächlich nicht ähnelt, daß er ihr aber ähneln würde, wäre er eine Frau. Ich glaube, die meisten Menschen, wenn sie sich vorstellen, sie gehörten dem jeweils anderen Geschlecht an, stellen sich vor, sie wären dann ein besonders herausragender und bewundernswerter Vertreter dieses anderen Geschlechts: kaum ein Mann, nehme ich an, der sich vorstellt, wie es wäre, eine Frau zu sein, stellt sich vor, eine unscheinbare oder gar häßliche oder auch eine exzeptionell einfältige Frau zu sein, ebenso, glaube ich, wie Frauen sich eher vorstellen, wenn sie sich vorstellen, wie es wäre, wenn sie ein Mann wären, ein Held oder ein Ritter zu sein, und nicht unbedingt, ein Hanswurst oder ein Knecht zu sein. Ebenso, wie manche Frauen sich gelegentlich ausmalen, daß ihr Leben viel einfacher wäre, wären sie ein Mann, mag es vielleicht vorkommen, daß auch Männer sich einreden, daß alles viel einfacher wäre für sie, wenn sie eine Frau wären, weil sie dann nämlich eine Frau wie Lara Croft wären. Das andere Geschlecht, eben weil es das andere ist, erscheint als der Hort der Freiheit, der Stärke und des Glücks. So, wie eine Frau sich vorstellen mag, daß, wäre sie ein Mann, sie nicht nur keine Cellulites und ein höheres Gehalt hätte, Vorstellungen, die ja durchaus begründet sind, sondern auch etwa, sie wäre mutiger, eine viel weniger begründete Vorstellung, ebenso mögen auch manche Männer sich vorstellen, sie wären, wären sie Frauen, nicht nur etwa die Last des Karrieremachens los, sondern sie wären, wären sie Frauen, dann auch mutiger. Insofern mag auch die Autarkie Laras etwas für Männer verführerisches sein: frei zu sein von dem ewigen Verlangen nach dem weiblichen Geschlecht, dafür aber auch sich kein neues Verlangen nach dem männlichen Geschlecht einhandeln, sondern frei und unabhängig zu sein und keines anderen Menschen zu bedürfen.

Die Frage aber, warum die Feuilletonisten Lara Croft lieben, läßt sich sehr schlicht beantworten: weil Lara ihnen endlich einmal wieder Gelegenheit gibt, den nahenden Untergang des Menschengeschlechts und die Ära der Computerherrschaft zu verkünden.


Aus dem oben Gesagten könnte sich das Mißverständnis ergeben, ich hielte die Maßstäbe weiblicher Schönheit oder auch nur die Existenz solcher Maßstäbe für ein unabänderliches Naturgesetz, und Lara Croft für die Besitzerin einer vollkommenen und objektiven Schönheit, während alle anderen Frauen verurteilt wären, die vollkommene Schönheit stets zu verfehlen. Das ist keineswegs der Fall: wir selbst haben die Regeln dieses Spiels erschaffen und können sie auch wieder ändern, und wenn wir wollen, können wir auch beschließen, daß es eine allgemeingültige Schönheit nicht geben soll. Das ist schön, was jemand liebt, sagt Sappho, und erst die innere Anmut erschafft Schönheit, und demzufolge wäre Lara ebensowenig schön wie beseelt, und jede andere Frau hätte die Macht, schöner zu sein als sie. Im übrigen läßt sich auch umgekehrt argumentieren, daß Lara keineswegs von vollkommener Schönheit ist, sondern schön, weil unvollkommen. Die Bilder von ihr sind ja eigentlich zunächst nichts weiter als krude Pixelhaufen, und erst menschliche Phantasie verwandelt sie in eine menschliche Gestalt. Insbesondere die Lara des Tomb Raider-Spieles kann ja ihr eigentliches Wesen als buntes Polygon kaum verleugnen mit ihren unnatürlichen Ecken und Kanten, und auch die Lara der elaborierteren Werbegraphiken ist offenbar ein künstliches Wesen, und niemand würde sie für echt halten. Um sie als Menschen überhaupt zu erkennen, müssen wir eine Abstraktionsleistung vollbringen, und in gewisser Weise entsteht ihre Schönheit gerade aus ihrer Unvollkommenheit, aus ihrer Vagheit, daraus, daß wir selbst unsere Phantasie zu ihrer Polygonrohmasse hinzufügen müssen, daß wir erst in unserem Geist ihre Schönheit erschaffen, während sie selbst nur ein Stück vergleichsweise schlichter Geometrie ist: erst die Phantasie macht aus einem Dreiecksprisma einen atmenden Mädchenbusen. Und wenn ich oben sagte, Schönheit entstehe erst durch die harte Arbeit der Frauen an der Inszenierung ihrer Körper, so ändere ich nun meine Meinung und sage, die Schönheit entstehe erst im Auge des Betrachters, als Ergebnis der harten, wiewohl meist unbemerkten Arbeit des Geistes. Schön ist Lara nur, wenn wir beschließen, sie schön zu finden, wenn wir beschließen, sie für eine häßliche Ansammlung von Ecken und Kanten zu halten, wird sie zu einer häßlichen Ansammlung von Ecken und Kanten. Auf elegante Weise unterstützt das detailliertere Bild Laras auf der Schachtel des Spieles oder in Werbeprospekten ihre Erscheinung im eigentlichen Spiel, da die Benutzer unaufgefordert das Bild der Einen in das gröbere Raster der Anderen einsetzen und das detailliertere Bild auch dort sehen, wo an sich nur das gröbere zu sehen ist. So daß sich am Ende unserer Betrachtung noch eine tröstliche Moral ergibt: daß es eigentlich gar nicht so besonders darauf ankommt, wie wir wirklich, objektiv, in der physikalischen Realität, aussehen, da wir in dieser ohnehin nie wahrgenommen werden, und daß jeder und jede schön sein kann, wenn er oder sie nur mit den richtigen Augen betrachtet werden.




A. Kleiner Anhang über tapfere Japanerinnen



Weiter oben sagte ich, vorbildliche Frauen, denen erlaubt wird, Drachen ohne männliche Hilfe zu töten, seien selten. Die Rede ist dabei ausschließlich von Frauen in Produkten der populären Kultur. Ganz und gar rar sind solche Frauen nicht: das beweist ja allein schon die Tatsache, daß ich hier nicht über eine, sondern über drei von ihnen schreibe. Auch Ellen Ripley im Kampf gegen die perfekte Kreatur ist sicher eine von ihnen (und zwar eine, die sogar, zumindest im ersten, ernst zu nehmenden Teil, Furcht zeigen und langweilige Unterwäsche tragen darf). Beim nochmaligen Nachdenken darüber, wo in der populären Kultur solche Frauen auftauchen, fielen mir die japanischen Bildergeschichten, die Mangas ein, in denen weibliche Heldin etwas ziemlich gewöhnliches sind. Die statistische Grundlage für meine Behauptung ist nicht sehr breit, aber es würde mich nicht erstaunen zu erfahren, daß es in den Mangas ebenso viele weibliche wie männliche Helden gibt. Einiges davon, wie die vielleicht allzu niedliche Sailer Moon und die Gunsmith Cats, sind bis nach Deutschland gedrungen, anderes nicht, wie etwa Peorth aus „Oh! My Goddess!“, die Hexen aus „Slayers“, die populäre Asuka Langley aus „Neon-Genesis Evangelion“ oder die ernster zu nehmende Motoko Kusanagi aus „Ghost in the Shell“. Letztere ist übrigens, wie die Dame des dritten Teiles dieses Aufsatzes, halb Mensch halb Roboter (außerdem wurde ihre Geschichte verfilmt, also aus einem Manga in ein Anime verwandelt, leider unter Verlust nicht nur der Komplexität der Story, sondern auch mit Verflachung und Vereinheitlichung des abwechslungsreichen Zeichenstils von Masamune Shirow, dem Autor)(Überhaupt hat Shirow eine Vorliebe für tapfere Heldinnen, siehe auch „Appleseed“, „Dominion“ oder „Orion“, deren Heldinnen allesamt Kusanagi nicht unähnlich sind)(Naja, zugegeben, Asuka ist nicht die eigentliche Heldin von Neon Genesis EVANGELION, der eigentliche Held jener Geschichte ist ein Bub, aber schließlich habe ich hier die These zu belegen, daß in Japan alles besser ist als hier; außerdem gibt es in Japan noch Kyoko Date, und die ist noch älter als Lara.)(Außerdem ist EVANGELION anscheinend nun doch ins Deutsche übersetzt worden)(Dann gibt es da noch Aya Brea aus „Parasite EVE“)(Und die Leserin soll gefälligst froh sein, daß ich für diesmal von verschachtelten Klammern Abstand genommen habe).




2. Ermittlungen in Ludwigshafen



Zu den ehelichen Pflichten kann es auch gehören, gemeinsam fernzusehen. So kommt es, daß ich in jüngster Zeit einige Folgen der Serie Tatort gesehen habe, obwohl mich Krimis an sich vollkommen langweilen.


Lange Jahre lebte ich ganz ohne Fernseher. Das heißt, ich hatte zwar einen Fernseher, aber den benutzte ich als Computerbildschirm (bei den guten alten Computern von Commodore oder Atari war das ohne weiteres möglich, während die heutigen Computer viel heikler und primadonnenhafter sind). Ich hätte diesen Fernseher zwar auch als Fernseher benutzen können, aber dazu hätte ich jedesmal das Computerkabel entfernen und das Antennenkabel anschließen müssen, und das war ein Aufwand, den auf mich zu nehmen mir, glaube ich, drei oder vier Jahre lang nicht in den Sinn kam. Später hatte ich dann einen richtigen Computerbildschirm, aber da war mein Fernseher schon ziemlich alt und gebrechlich und inkontinent und konnte das Bild nicht mehr halten, das heißt, das Bild lief mit wechselnder Geschwindigkeit über den Bildschirm. Irgendwann warf ich ihn weg. Später zog eine Freundin mit ihrem Freund zusammen, und als Synergieeffekt dieser Verbindung bekam ich eine Zeitlang ihren Fernseher, so daß ich mich ein halbes Jahr lang gelegentlich (selten) über die Arroganz der großen französischen Kulturnation im Kulturkanal arte ärgern konnte, die diesen Sender angeblich gemeinsam mit einigen Deutschen betrieb. Einmal schaute ich mir auch Blade Runner an, aber da der Film an sich nicht besonders großartig ist und nur durch seine düstere Stimmung einen gewissen Reiz gewinnt, der das ständige Einspielen von Frühstücksflockenwerbung nicht unbeschadet überlebt, beschloß ich, auf eine Fortsetzung des Experiments „Spielfilme im Privatfernsehen“ zu verzichten. Überhaupt scheinen mir MTV und Cartoon Network so ziemlich die einzigen erträglichen Privatsender zu sein, da in ihnen Werbung und redaktioneller Beitrag zwanglos und harmonisch ineinander übergehen.

Nach diesem kurzen Zwischenspiel konnte ich dann wieder zu meiner Zufriedenheit behaupten, keinen Fernseher zu besitzen. Bis vor etwa einem halben Jahr wieder ein kleiner Fernseher in meine Wohnung einzog und ich zu meinem Erstaunen meine Zeit damit verbrachte, eine Serie zu sehen, die mich überhaupt nicht interessiert, nämlich eben den „Tatort“.

Generell interessiert mich bei Krimis die Frage, wer denn der Mörder war, nicht besonders. Ich gehe zuversichtlich davon aus, daß die dafür angestellten Fernsehkommissare den Fall auch ohne meine Hilfe rechtzeitig innerhalb den ihnen zur Verfügung stehenden anderthalb Stunden aufklären werden. Freilich, nach einigen Sendungen konnte ich nicht umhin, gewisse Muster zu bemerken: Finten und falsche Fährten, die die Zuschauerin ablenken sollten, Tricks, die den Verdacht vorsätzlich auf eine bestimmte Person lenken sollten. Die Zahl der möglichen Verdächtigen war im übrigen eigentlich immer recht begrenzt: nur solche Personen konnten der Mörder sein, die zuvor überhaupt als Personen in die Handlung eingeführt worden waren. So ergaben sich ganz eigene Indizien, nicht kriminologischer Art, sondern dramaturgische, die es erlauben, eine bestimmte Person als den gesuchten Täter zu identifizieren. Die Zahl der dabei verwendeten Tricks scheint mir im übrigen nicht unbegrenzt.


Eine der ermittelnden Kommissare war eine Frau: eine gewisse Lena Odenthal (gespielt von Ulrike Folkerts). Diese Frau Odenthal war das Vorbild zahlreicher weiterer weiblicher Kommissare, die in ihrem Gefolge ihre Ermittlungsarbeiten aufnahmen, aber diese historischen Zusammenhänge waren mir nicht klar, als ich sie das erste Mal sah. Recht bald jedoch verstand ich, daß diese Lena Odenthal von einigen, vielleicht vielen Frauen als großer Durchbruch, als positives Leitbild, als vorbildliche Heldin aufgefaßt wurde. Dieser Frau war es gelungen, einen typischen Männerberuf zu ergreifen, nämlich den des Fernsehkommissars, und diese Rolle, so hieß es, spielte sie ohne weibliche Klischees (damit war gemeint, ohne Minirock und Stöckelschuhe), aber nicht um den Preis des Verlustes ihrer Weiblichkeit. Denn Lena war nicht nur eine Frau, sie verwendete auch, so diese Rede, unkonventionelle Ermittlungsmethoden, sie ließ sich von ihrem Gefühl, ihrer weiblichen Intuition leiten.


Das aber halte ich für großen Blödsinn. Denn Odenthals Ermittlungsmethoden sind weder unkonventionell noch besonders weiblich noch auch bewundernswert. Recht eigentlich ist sie nichts weiter als eine wenig originelle Kopie eines anderen berühmten Tatortkommissars, nämlich Horst Schimanskis. Auch Schimanski kleidet sich eher leger als elegant, aber das ist nur eine der harmloseren Ähnlichkeiten. Beide lassen sich bei ihren Ermittlungen in starkem Maß von ihren Gefühlen leiten - nun, das ist an sich noch kein Fehler, wir alle lassen uns von Gefühlen leiten, aber beide weisen große Defekte auf, wenn es darum geht, diese Gefühle im geeigneten Moment zu beherrschen. Haben sie sich erst einmal dafür entschieden, daß eine bestimmte Person der Mörder sein muß, der bloß noch nicht überführt wurde, dann sind sie kaum fähig, ihre Gefühle zu verbergen, und in diplomatischer Verstellung sind sie erstaunlich ungeschickt. Weil sie beide eine Person auch schon vor der endgültigen Beweislage verurteilen, und weil für beide die Verfolgung des Täters eine kompromiß- und erbarmungslose Angelegenheit ist, neigen beide dazu, rechtsstaatliche Prinzipien außer Kraft zu setzen, die zum Schutz von Verdächtigen vor der Polizei existieren. Eben in diesem Außerkraftsetzen rechtsstaatlicher Prinzipien besteht zum großen Teil das sogenannte Unkonventionelle ihrer Ermittlungsmethode. Unkonventionell ist diese Methode schon deshalb nicht, weil sie auch bei realen Ermittlungen der wirklichen Polizei vorkommen dürfte, im übrigen scheint es auch unter Fernsehkommissaren mittlerweile geradezu zum guten Ton zu gehören, wenigstens einmal pro Folge im Affekt einen Verdächtigen zu verprügeln.

Lena Odenthal verprügelt nicht direkt Verdächtige (jedenfalls in den Folgen, die ich gesehen habe), aber in der Folge „Rendezvous“ etwa, ihrer zweiten Folge überhaupt, terrorisiert sie die Verdächtige Vicky (die, wie dem Zuschauer zur Beruhigung und Rechtfertigung gleich am Anfang mitgeteilt ist, tatsächlich die gesuchte Mörderin ist) derart, auch unter Einsatz körperlicher Gewalt, daß sie nicht nur rechtsstaatliche Prinzipien verletzt, sondern auch massiv ihre eigenen Ermittlungen behindert. Der ständige Ärger mit den Vorgesetzten, die als Folge dieser, nun ja, unkonventionellen Ermittlungsmethoden mit disziplinarischen Methoden drohen, ist ein charakteristisches Merkmal, das Lena mit Horst teilt. Es mutet schon ein wenig seltsam an, daß eine Kommissarin als bewundernswertes Vorbild gilt, die eine Verdächtige als ihre persönliche Feindin betrachtet, beschimpft und mißhandelt und sich dabei ohne Skrupel und ohne erkennbare Bedenken über die Regeln einer institutionell kontrollierten Polizei in einem demokratischen Staat hinwegsetzt. Und nicht nur bei ihrem Umgang mit Verdächtigen und Vorgesetzten schaffen sich Schimanski und Odenthal durch ihre emotionale Art Probleme; die eigentliche Dramatik etwa der Folge „Die Kampagne“ kommt nur ins Rollen durch die unhöfliche und wenig einfühlsame Art und Weise, wie Lena Odenthal Silke Tennenbaum, die Mutter eines verschwundenen Kindes, behandelt.


Odenthal ist in ihren Ermittlungen immer persönlich involviert, und eben das verursacht die emotionellen Kurzschlüsse, die, wie bei ihrem Kollegen Horst, zur Mißachtung der Rechte der Verdächtigen führt. Eine andere Art der persönlichen Anteilnahme an einem Fall ist das Sich-Verlieben in einen der Beteiligten, meistens, sonst wäre es ja nicht interessant und spannend, in eine besonders dubiose Gestalt. Und so verliebt sich Lena in einigen der Krimis, wie etwa „Der schwarze Engel“, wo sie mit einem coolen Undercoveragenten schläft, der sich als Mörder herausstellt, oder „Mordfieber“, wo ihr ein charmanter und faszinierender Psychologie begegnet, der, wie das wohl so ist bei Psychologen, einen ziemlichen Hau hat. Wiederum ist aber die ständige Beschäftigung mit Liebeswirrungen nichts besonders spezifisch weibliches, und auch Schimanski verliebte sich ja ständig in immer die falschen Frauen. Eher noch wirkt das sich verlieben Schimanskis in eine besonders unpassende Frau plausibler, denn von Männern sind wir ja gewohnt, daß sie sich hauptsächlich von Äußerlichkeiten leiten lassen, während es nicht so ganz nachvollziehbar ist, warum sich die intelligente Lena ausgerechnet in einen arroganten Macho wie Ben Broder im „schwarzen Engel“ oder den schmierigen Rosso im „Mordfieber“ verlieben sollte, wo doch Ben Becker als ihr Hilfspolizist Stefan Tries ohnehin nicht nur besser aussieht, sondern auch unvergleichlich liebenswerter ist.

Der einzige Unterschied zwischen Horst und Lena, den ich erkennen kann, besteht allenfalls darin, daß Lena Odenthal eine weniger ausgeprägte Neigung zu spektakulären Verfolgungsjagden hat, bei denen der Kommissar auf der Suche nach dem Mörder beinahe selber einer wird.


Es ist vielleicht angebracht, grundsätzlich eine Verwirrung über das Verhältnis von Verstand, Gefühl und Intuition aufzuklären. Von Männern mit wenig Verstand wird gelegentlich behauptet, Frauen seien weniger befähigt zum vernünftigen Denken, da sie sich zu sehr von Gefühlen leiten ließen. Einige Feministen, keineswegs die meisten, aber vielleicht leider einige besonders lautstarke, haben diesen Vorwurf ins Positive gewendet durch die Behauptung, in der Tat verfügten Frauen über eine andere Form der Erkenntnis als Männer, nämlich die weibliche Intuition, und die Wiederentdeckung und die Rückbesinnung auf diese Form der Erkenntnis sei unabdingbar zum Aufbau einer beglückenden und harmonischen Gesellschaft. Diese Behauptung halte ich nun für gleich doppelt falsch: falsch ist sie, was den postulierten Unterschied zwischen den Geschlechtern angeht, falsch ist sie aber auch, was die angeblichen Vorzüge dieser alternativen Erkenntnisform angeht. Was den ersten Teil angeht, so verweise ich auf das bisher Gesagte: denn offensichtlich erscheint ja auch ein Mann wie Schimanski wenig befähigt zum vernünftigen Denken, da er sich zu sehr von Gefühlen leiten läßt, und solche Männer gibt es ja schließlich scharenweise. Was aber nun den zweiten Teil angeht:

Es gibt viele Tiraden gegen die Rationalität, und die Gegenwart versäumt es nicht, ihnen weitere hinzuzufügen. Als kalt und unmenschlich und destruktiv und zu wenig ganzheitlich wird die Rationalität gescholten. Das wichtigste Merkmal des Rationalisten ist es aber überhaupt nicht, daß er keine oder wenig Gefühle besitzt oder jedes Problem in immer kleinere Teilprobleme zerlegen will oder eine besondere Liebe zur chemischen Industrie auf Chlorbasis hegt oder wie auch immer sich die Irrationalisten den Rationalisten vorstellen. Das wichtigste am Rationalismus ist, daß er die Möglichkeit bietet, Ansichten, Meinungen und Theorien zu kritisieren. Angenommen, ich bringe meine Meinung zusammen mit den Gründen und Argumenten vor, die mich bewogen haben, mir diese Meinung zu eigen zu machen. Ein Anderer mag dann meine Gründe bestreiten und meine Argumente kritisieren, und vielleicht gelingt es ihm, mich zu überzeugen, und vielleicht können wir voneinander lernen. Bringe ich aber meine Meinung vor mit dem Hinweis, eine intuitive Einsicht habe mich auf diese Meinung geführt, oder ein Besuch einer höheren Ebene der Spiritualität oder mein Gefühl, dann ist das Gespräch zu ende, und ist ein Anderer anderer Meinung, so bleibt uns nichts, als entweder auseinander zu gehen, soweit das möglich ist, oder uns die Schädel einzuschlagen.

Wollten wir ernsthaft die Intuition zur Grundlage unserer Erkenntnis machen, so würden wir damit jede Möglichkeit zur Kritik, damit auch jede Möglichkeit zur Opposition, und, wie ich überzeugt bin, damit auch jede Möglichkeit des Erkenntnisfortschritts zunichte machen. Freilich gibt es keine Erkenntnis ohne Intuition: aber das Verhältnis zwischen Rationalität und Intuition ist ein ganz anderes als das konkurrierender Erkenntnisformen. Statt dessen gehören beide zusammen, und Rationalität besteht eben gerade in der Verschränkung von Intuition und Kritik: jemand hat eine intuitive Erkenntnis, und nun macht er sich daran, diese Erkenntnis zu überprüfen oder in eine nachvollziehbare argumentative sprachliche Form zu bringen, so daß sie von anderen Menschen kritisiert werden kann. Ohne Intuition gäbe es kein einziges mathematisches Theorem und keinen einzigen mathematischen Beweis, es gäbe aber auch keine Mathematik, wenn wir darauf beharren wollten, uns allein mit der Intuition zu begnügen. Wäre die Intuition unfehlbar, wäre sie hinreichend, aber die Intuition geht ständig in die Irre, und sie geht insbesondere da in die Irre, wo sie sich auf keinerlei Erfahrung stützen kann.

Ich glaube also, daß es nur eine einzige Form der Vernunft gibt, und daß diese Vernunft aus Intuition und intersubjektiv nachvollziehbarer Argumentation und Kritik besteht, und daß diese Vernunft kein Privileg eines bestimmten Geschlechts ist. Wenden wir diese These auf Horst und Lena an, dann erscheinen ihre Methoden nicht nur formalrechtlich bedenklich, sie erscheinen auch kriminologisch als unzuverlässig. Es ergibt sich, daß Horst und Lena mit ihren intuitiven Einschätzungen oft richtig liegen, aber das liegt auch nur daran, daß sie Bewohner einer künstlichen Welt sind, erschaffen von einem Drehbuchautor und einem Regisseur, dem es nicht schwer fällt, die beiden am Ende Recht behalten zu lassen, gegen die Widerstände ihrer Vorgesetzten und Kollegen. Was aber wäre nun zum Beispiel, wenn die Vicky aus „Rendezvous“ unschuldig wäre, wie es ja immerhin denkbar ist, solange sie nicht überführt ist, und wenn diese Unschuld am Ende bewiesen werden könnte? Müßten wir dann nicht Lena Odenthals Verhalten einigermaßen tadelnswert finden, und ist es nicht allein der Erfolg, der sie zu rechtfertigen scheint? Richter pflegen in Krimis auf klaren Beweisen (oder einem Geständnis) zu beharren, und aus Sicht der Kommissare wirkt diese Forderung oft ärgerlich und lästig, wer aber wollte sich ernsthaft auf die Intuition der ermittelnden Kommissare als letzte maßgebliche Instanz verlassen?


So erfreulich ich es finden mag, daß die ARD ihren Kommissaren eine Frau beigesellt hat (und damit die übrigen Sender inspirierte, die auch alle eine Kommissarin haben wollten), so bedauerlich finde ich es, daß diese Frau ausgerechnet nach dem mir wenig sympathischen Muster Schimanskis ermittelt, und nicht etwa nach dem mir wesentlich einleuchtenderen der Kommissare Stoever und Brockmöller (alias Manfred Krug und Charles Brauer). Den beiden gelingt es, ihre Ermittlungsarbeiten durchzuführen, ohne ihre Zeugen regelmäßig zu verprügeln oder wild um sich zu schießen, auch sie können manche der Menschen, die ihnen bei ihrer Arbeit begegnen, besser leiden als andere, müssen aber deswegen nicht gleich sämtliche Dienstvorschriften vergessen, zur Belohnung haben sie auch nie irgendwelchen Ärger mit ihren Vorgesetzten, sie müssen nicht allen Verdächtigen von Anfang an beweisen, wie klug sie sind, und gelegentlich sind sie imstande, sich selbst aus ironischer Distanz zu betrachten.


Und gut aussehen tun die beiden außerdem auch noch.




3. Rede der Seven of Nine an die Menschheit



Für die Leserin, die nicht weiß, wovon im folgenden die Rede ist: Seven of Nine ist eine Figur der Serie Star Trek Voyager. Sie ist eine ehemalige Angehörige des Volkes der Borg, einem Zusammenschluß von Technikfanatikern, die alle ein wenig aussehen wie die Zyklopen aus der „Stadt der verschwundenen Kinder“, ausgerüstet mit kybernetischen Zusatzorganen, und in tristen fliegenden Plattenbauten leben. Sie bilden einen kollektiven Organismus ohne Individualität des Einzelnen, das heißt, eigentlich gibt es nur einen einzigen Borg, der verschiedene Einzelkörper besitzt. Die Borg neigen zu einer aggressiven Expansionspolitik, wobei sie die überfallenen und besiegten Völker allesamt in Borg umwandeln, borgifizieren oder assimilieren. Ihr Lieblingsspruch ist „Resistance is futile“, „Widerstand ist zwecklos“.

Seven of Nine ist ein Mensch, der als kleines Kind von den Borg assimiliert wurde, später jedoch von der Besatzung der Voyager wieder in einen Menschen umgewandelt wird. An ihr früheres Dasein als Borg erinnern äußerlich nur noch eine Vorliebe für Metallicfarben bei der Wahl der Kleidung und verschiedene übrig gebliebene Borgimplantate. Innerlich ist sie noch immer halb Borg, mit einem gewissen Unverständnis für menschliche Gefühle und Motivationen, ähnlich wie Spock, der halb Mensch, halb Vulkanier war, oder Data, der vernunftbegabte Roboter.

Im übrigen habe ich die Serie, in der Seven of Nine als Protagonistin auftritt, selbst nie gesehen; aber schließlich hat persönliche Unkenntnis einen Intellektuellen noch nie gehindert, sich über irgend ein beliebiges Thema zu verbreiten. Ich habe auch nicht vor, mir die Serie jemals anzusehen, um mir meine eigene Phantasie nicht zerstören zu lassen, ich fürchte nämlich, in dieser Serie werden die Möglichkeiten, die eine Figur wie Seven of Nine bietet, ziemlich verschenkt: die Ängste und der Schock, die ein solch dramatischer Wechsel auslösen muß, wie ihn Seven of Nine erlebt, die Originalität der epistemologischen Position, über die sie verfügt, alles das wurde nicht genutzt, zugunsten eines wenig ergiebigen dritten Aufgußes der ursprünglichen Spock-Figur, die zur Erheiterung des Publikums drollige Dinge sagen darf wie „x is irrelevant“, so, wie Spock ehedem dies und jenes als unlogisch abqualifizieren durfte, mit dem einzigen Unterschied, daß es sich diesmal um eine Frau handelt in einem engstsitzenden Kostüm, was Gelegenheit gibt zu Gesprächen der Art „Are you in love with me? /.../ Then you want to copulate“.

Ich fürchte, ich habe eine grundsätzliche Abneigungen gegen Serien dieser Art, womit zusammenhängen mag, daß in diesen Serien das Prinzip „Bildungsroman“ mit dem Prinzip „Konfektionsmassenware“ in unschönen Konflikt gerät. Das Prinzip Bildungsroman: in allen diesen Serien, ob Simpsons oder Golden Girls, erleben die Protagonisten nicht nur mehr oder weniger spannende Abenteuer, sondern sie lernen auch etwas, sie erfahren eine persönliche Bereicherung, ihre Kompetenz im Sozialverhalten nimmt beständig zu, sie realisieren eine Moral, denn alle diese Geschichten sind ausgesprochen moralisch. Das Prinzip Konfektionsmassenware: alle diese Serien sind so konstruiert, daß sie auf einer standardisierten Grundsituation beruhen, so daß verschiedene Drehbuchautoren diese Basiskonstellation als Ausgangspunkt benutzen können. In der einzelnen Folge können dramatische Dinge passieren, es kann sogar mit der Zerstörung der Grundkonstellation gedroht werden, aber diese wird nie wirklich zerstört, sondern am Ende wieder hergestellt. Am Ende wird alles, was etwa sich in der Folge ereignet haben könnte, wieder bereinigt, so daß der nächste Autor in der nächsten Folge wieder von vorne beginnen kann. Dies hat zur Folge, daß es in diesen Serien keine Entwicklung geben kann und daß die standardisierten Charaktere sich selbst ewig treu sein müssen. Beide Prinzipien zusammen genommen bedeuten: in jeder neuen Folge lernen alle beteiligten Personen unheimlich viel dazu, in der nächsten Folge sind sie dann aber wieder so dumm wie von Anfang an. Sie entwickeln sich enorm weiter, aber diese Entwicklung bewirkt in ihnen nicht die geringste Veränderung. Eine Person mit einem bestimmten charakteristischen Fehlverhalten lernt dieses in einer Folge zu überwinden, um sich in der nächsten Folge als völlig unbelehrbar zu zeigen.

Es folgen, versteht sich, nicht alle Serien diesen Gesetzen. Andere Serien erlauben es ihren Protagonisten zwar nicht unbedingt, etwas zu lernen, aber immerhin, ihr äußere Situation zu verändern, etwa zu heiraten oder sich scheiden zu lassen oder krank zu werden oder Millionär oder drogensüchtig oder zu sterben oder ein Geschäft zu eröffnen. Gewöhnlich zeichnen sich diese Serien dadurch aus, daß sie ein umfangreiches Personal besitzen, manchmal sind sie auch weniger moralisch. Auch die Protagonisten von „Raumpatrouille“ machen eine Entwicklung durch, aber eigentlich nur, weil die Serie nur ein halbes Dutzend Folgen lang war. Im übrigen gehört Seven of Nine nicht zum Anfangspersonal der Serie Voyager, sondern kam erst später dazu.

Das Motiv eines Menschenkindes, das unter Nichtmenschen aufwächst, ist nicht neu. In der SF-Literatur findet es sich etwa in der „dritten Zivilisation“ der Brüder Strugatzki, in Wahrheit ist dieser Topos aber viel älter: Mowgli, der unter Wölfen aufwächst, Kaspar Hauser, von dem einige Zeitgenossen mutmaßten, er sei von Wölfen gesäugt, Romulus und Remus, der trojanische Prinz Paris, der von Bären aufgezogen wird. Die Geschichte vom Menschenkind, das unter Tieren aufwächst, dürfte so alt sein wie die Mythologie selbst, ebenso wie die Geschichte vom Menschenkind, das von Göttern erzogen wird, wie Erichthonios, König von Athen. Überhaupt ist dies das ursprüngliche Motiv von allen diesen Geschichten von Findelkindern: nämlich die göttliche Abkunft des Herrschers zu bezeugen. Deshalb ist Sargon II nicht der Nachkomme einer ehrenwerten Herrscherdynastie, sondern ein Findelkind, ein Kind der Götter, denn anders ist der Glanz seiner Herrschaft nicht zu erklären. Von Moses wird später die gleiche Geschichte erzählt wie von Sargon, freilich bleibt sie nun ohne Pointe, denn Moses kann, als Verkünder eines Monotheismus, nicht der Sohn eines Gottes sein. Jedenfalls: um die göttliche Herkunft ging es ursprünglich in diesen Geschichten, und niemals darum, die Erfahrungen einer nichtmenschlichen Vernunft zu beschreiben; das wesentliche des Mythos ist es ja gerade, daß selbst die Götter nur menschliche Vernunft besitzen, und erst die Mystik beschreibt die Götter als das Fremde und Andere, kennt aber dafür keine Findelkinder mehr. Insofern ist die Geschichte Mowglis durchaus originell: da hier das Wolfskind benutzt wird, die Menschen von außen zu betrachten. Freilich geht Kipling hierin nicht sehr weit, denn wie in der Fabel sind seine Tiere den Menschen außerordentlich ähnlich, und in gewisser Weise hat er auch Vorläufer einer anderen Tradition, die mit Rousseau beginnt, nämlich der von der Geschichte des edlen Wilden.


„Als ich zu euch kam, tadelte ich an euch eure Individualität. Sie schien mir ineffizient, den Aufgaben, die ihr zu erledigen habt, nicht angemessen, und darum schien es mir auch offensichtlich, daß eure Lebensweise zum Untergang verurteilt sei, nachdem ihr nun den Borg begegnet seid. Ihr aber rühmt euch eurer Individualität, sie scheint euch eure besondere Auszeichnung zu sein. Eure Individualität erlaube es euch, eine Vielfalt zu entwickeln, während die Borg nur eine Einfalt besäßen. Ich glaube, ihr täuscht euch, was eure Vielfalt angeht. Es ist keineswegs wahr, daß ihr die Vielfalt liebt und vorzieht, so, wie ihr es mir gegenüber behauptet. Denn würdet ihr in der Tat die Vielfalt lieben, wie könnte es dann sein, daß ihr unbedingt darauf beharrt, alles, was euch begegnet, nicht zu assimilieren, wie die Borg es tun, um sich selbst mit Vielfalt zu bereichern, sondern alles, was euch begegnet, in Menschen zu verwandeln? Die Borg sind eine lästige Bedrohung eurer Kultur, aber nicht das allein ist es, was euch an ihnen stört: ihr glaubt auch, daß an ihrer Lebensweise etwas zutiefst Unrichtiges ist, und daß sie besser daran täten, ihre Lebensweise aufzugeben und sich eurer Lebensweise anzuschließen. Und hier bin nun ich: dank eurer Bemühungen nicht länger ein Borg, dank der Bemühungen der Borg auch kein Mensch mehr. Ich bin die Angehörige einer dritten Zivilisation, und ihre Einzige: die Einzige vom Volk der Seven of Nine. Was für eine Bereicherung eurer Vielfalt, so sollte man meinen. Ihr aber beharrt darauf, ich dürfte dabei nicht stehen bleiben. Wenn ich mich noch nicht für einen Menschen halte, so liegt es daran, daß ich noch nicht vollkommen geläutert, gereinigt bin vom Einfluß der Borg, ein Mensch aber muß ich, so meint ihr, unbedingt und auf alle Fälle werden, und es kümmert euch nicht, daß ihr das Volk der Seven of Nine auszurotten versucht. Ihr mögt mich etwa, eine eurer Metaphern, mit einem Kind vergleichen, das auf die Welt kommt und noch nicht teil hat an der menschlichen Kultur, sondern das Menschsein erst mühsam lernen muß. Vielleicht bin ich ein besonders schwieriges Kind, weil ich viele Jahre unter ungünstigem Einfluß verbracht habe, am Ende aber werde ich doch erwachsen und eine von euch werden. Zeige ich mich widerspenstig oder benehme ich mich sonderbar, so bedeutet dies eben nur, daß ich noch viel zu lernen habe und noch weit vom Erwachsensein, vom vollen Menschentum entfernt bin. Eure Metapher aber ist falsch, und ich bin kein Kind mehr. Ich weiß und kann vieles, vieles auch, das ihr nicht wißt oder nicht vermögt. Es sollte euch zu denken geben, daß ich euch manches Mal geholfen habe und euch manches Mal mit meinen Fähigkeiten überrascht habe. Nun gut, ein wirkliches Kind bin ich nicht mehr, obwohl auch ein Kind einen Erwachsenen etwa im Memoryspiel besiegen kann, aber doch, so meint ihr, ist an der Metapher richtig, daß ich noch unvollständig bin, das mir etwas fehlt, daß ich noch etwas lernen muß, um dann zu sein wie ihr, ein richtiger Mensch. Warum aber, glaubt ihr, bin ich nicht bereits vollständig, wie ich bin? Vieles von dem, was euch wichtig ist, halte ich für irrelevant. Das scheint ihr für einen großen Irrtum zu halten, für ein Mißverständnis meinerseits. Ich habe es nicht gleich verstanden, aber ich glaube nun, daß das Mißverständnis auf eurer Seite liegt und sich ganz einfach aufklären läßt: Relevanz ist stets ein relativer Begriff, seiner Logik nach kann er kein absoluter Begriff sein, denn relevant ist etwas nicht an und für sich, sondern relevant ist etwas immer nur in Bezug auf etwas anderes. Und hier nun zeigt es sich, daß wir, ihr und ich, verschiedene Interessen haben und deshalb für euch Dinge relevant sind, die für mich irrelevant sind. Es ist manchmal nicht leicht zu durchschauen, was für euch relevant ist und aus welchen Gründen, ich leugne auch gar nicht, daß euer Verhalten eine ziemlich komplizierte und manchmal verwirrende Angelegenheit ist, ich behaupte nicht, über den Dingen zu stehen und euch ganz zu durchschauen, und ich behaupte auch nicht, ich könnte nichts von euch lernen. Tatsächlich habe ich bereits ungeheuer viel von euch gelernt, so viel, daß ich nun eine Ahnung davon bekommen habe, was alles ich noch nicht von euch weiß und wie vieles mir noch verborgen und unverständlich ist. Ihr dagegen beharrt darauf, daß ihr von mir gar nichts lernen könnt, und insbesondere glaubt ihr, ihr könntet von mir nichts über euch selbst lernen, denn da, so meint ihr, wißt ihr ja schon alles. Allenfalls könntet ihr von mir einige in praktischer Hinsicht nützliche Dinge über die Borg erfahren, das Studium der Relikte des borgischen in meinem Verhalten etwa könnte euch eher instand machen, euch der Borgs zu erwehren. Das aber ist alles, was ihr von mir lernen zu können glaubt, ansonsten aber könnt ihr in der Beziehung zu mir, so denkt ihr, nur geben, nicht nehmen. Insbesondere glaubt ihr, wenn ich außerstande bin, etwas, das für euch relevant ist, als relevant zu erkennen, mir fehle hier etwas, und ihr müßtet mir dabei helfen, es als relevant zu erkennen, statt neugierig zu sein, warum etwas, das für euch relevant ist, für mich nicht relevant sein könnte. Es ist wahr, nicht immer verstehe ich, warum etwas, das für euch relevant ist, für euch relevant ist, und ich kann in dieser Hinsicht viel von euch lernen. Es ist aber ein Irrtum eurerseits zu glauben, es müßte am Ende dieses Lernprozesses für mich die gleiche Relevanz bekommen wie für euch. Das wäre der Fall, wenn ich am Ende Eine von euch würde, ganz und gar, unter Aufgabe von allem, was mir eigen ist, aber warum sollte es dazu kommen? Ihr mögt hier eine weitere Metapher benutzen, die vom Blinden und den Farben. Wohl, so sagt ihr, habe ich ein gewisses Verständnis für das, was euch umtreibt, aber dieses Verständnis ist ein rein intellektuelles, keines, das auf innerem Nachvollzug beruht, und deswegen weiß ich in Wahrheit von allen diesen Dingen nur so viel, wie ein Blinder von den Farben weiß, wenn er sich ausführlich mit der Theorie der Lichtwellen und des menschlichen Auges beschäftigt hat. So meint ihr etwa, ich könnte erst dann etwas von der Liebe wissen, wenn ich selbst einmal verliebt gewesen wäre, und, so meint ihr weiter, erst aufgrund dieses Wissens durch Nachvollzug wäre ich imstande, die Sache zu beurteilen, während ich jetzt eigentlich gar nichts von der Sache verstehe und meine Meinung deshalb auch nicht ernst genommen werden muß. Da die Liebe etwas ist, das für viele von euch einen besonders hohen Stellenwert besitzt und das höchste der erreichbaren Glücksgüter darstellt, so meint ihr etwa, hätte ich nur selbst einmal von diesem Glück gekostet, dann würde ich beschämt eingestehen, meine bisherigen Vorbehalte gegen eure Lebensweise seien ganz und gar nichtig gewesen und hätten auf einem mangelnden Verständnis der Sache beruht. Merkwürdigerweise ist dies eine Form der Argumentation, die ihr nicht mehr bereit seid zu akzeptieren, wenn es etwa um den Konsum von Drogen geht oder die angeblichen mystischen Erfahrungen von Sektenmitgliedern, denn diese beiden meint ihr durchaus von außen, ohne eigenen Nachvollzug beurteilen zu können. Auch etwa wenn ich euch sagte, Borg zu sein sei eine bei weitem befriedigendere Angelegenheit, als Mensch zu sein, und um in dieser Frage entscheiden zu können, müßtet ihr alle einmal Borg gewesen sein, widersprecht ihr und meint auf eigene Erfahrung verzichten zu können. Und trotzdem bemitleidet ihr mich geradezu, wenn ich euch recht verstehe, weil ich noch nie verliebt war, außer, daß ich als Kleinkind meine Eltern geliebt habe, woran sich für mich aber kaum noch Erinnerungen verknüpfen, und, was euch doch zu denken geben müßte, keine einzige Erinnerung an ein Glücksgefühl. Es versteht sich, daß ich diesen Teil eurer Kultur mit besonderer Neugier betrachte, ist er doch gleichzeitig von außerordentlicher Bedeutung für euch und verworren wie kaum sonst etwas in eurer Gemeinschaft. Ihr aber neigt dazu, diese Neugier, die sich auf Bedeutung und Struktur dieses Phänomens bezieht, mit einer Neugier auf den persönlichen Vollzug dieses Phänomens zu verwechseln. Tatsächlich habe ich keine grundsätzlichen Vorbehalte gegen einen persönlichen Nachvollzug dieser Erfahrung, die Dinge liegen hier aber komplizierter, als mir ursprünglich klar war, insbesonders, in welch schwer durchschaubarem Verhältnis bei euch Kopulation und Liebe stehen, die ich ursprünglich für identisch hielt, oder nicht eigentlich für identisch: aber in meiner anfänglichen Naivität glaubte ich, der Vollzug des einen würde ohne weiteres ein Verständnis des anderen mit sich bringen, während ich nun glaube, daß die Kopulation mit einem von euch mich im Verständnis eures Konzepts von Liebe kaum weiter bringen würde. Wiederum: sowohl was die Kopulation als auch was die Liebe angeht, besteht meinerseits keine grundsätzliche Reservation, durch den persönlichen Nachvollzug zu lernen, und zwar, weil ich, glaube ich, neugieriger auf euch bin als ihr auf mich, gezwungenermaßen, weil ich selbst einsamer bin als ihr und daher mehr auf euch angewiesen. Das unangenehme an meiner Existenz nämlich ist, daß ich die einzige Angehörige meines Volkes bin, daß aber gerade ich durch meine Herkunft als Borg Einsamkeit besonders schlecht ertrage. Ich bin es nicht gewohnt, allein zu sein, und es erscheint mir nicht natürlich. Ich bin es auch nicht gewohnt, zu schlafen, und im Schlaf mich vom Rest der Welt zu trennen und eine andere Welt zu betreten, in der ich ganz allein bin. Ihr werdet wahnsinnig und sterbt schließlich, wenn ihr nicht schlafen könnt, und da ihr mich wieder zu Einer der euren gemacht habt, würde auch ich sterben, wenn ich nicht schlafen würde, anfangs aber schien mir diese Ohnmacht und Abgeschiedenheit ganz unerträglich. Auch, allein in meinem Zimmer zu liegen, die Stimme von niemand anderem zu hören, abgeschnitten von allen anderen, ist eine sehr unangenehme Erfahrung. Inzwischen habe ich herausgefunden, wie ich mich stumm mit mir selbst unterhalten kann, und in diesem Verfahren liegt sogar ein gewisser Reiz und eine gewisse Befriedigung, weil ich mir mit diesem Verfahren über viele Dinge klarer werden kann, als ich es ohne dieses Verfahren könnte, und mich selbst oder mein Verhältnis zu euch mit einem gewissen Abstand, von außen, betrachten kann. Ihr selbst nennt diese Zwiesprache mit sich selbst Nachdenken, und ich bin froh, daß ich nachdenken kann, wenn ich allein bin. Aber auch das Nachdenken macht das Alleinsein, das Schweigen der Gemeinschaft der Borgs oder der Menschen, nur für eine kurze Weile erträglich, und selbst eure Angewohnheit, eure Defäktion allein zu verrichten, war mir anfangs schmerzhaft. Nicht, daß ich nicht auch als Borg fallweise eine Aufgabe allein ausgeführt hätte, aber selbst dann war ich weder allein, noch war ich ich, denn ich wußte noch nichts von mir. Nun aber weiß ich von mir, und wenn ich allein bin, so schleichen die Minuten quälend langsam voran, und ich laste schwer auf mir. Ihr habt mir das angetan, gedankenlos, denn euch ist euer Ich keine Qual, sondern euer ganzer Stolz, ihr aber seid nun auch meine einzige Rettung. Eure Gegenwart ist mir angenehm, selbst wenn ihr nichts oder nur törichte Dinge sagt. Wenn ihr wollt, mögt ihr diesen Sachverhalt so beschreiben, daß ihr sagt, daß ich euch liebe. Freilich, bitte beachtet das, ist es eine erzwungene und unglückliche Liebe, denn ihr liebt mich ja nicht so, wie ich bin, sondern wollt mich ändern, damit ihr mich lieben könnt, während ich euch nicht ändern will, außer vielleicht, daß ich euch mit meinem Reden klüger und verständnisvoller machen will. Darum bin ich neugieriger auf euch als ihr auf mich, weil ich euch lebensnotwendig brauche, während ich euch nützlich oder angenehm sein kann, ihr aber auch ohne mich leben könnt. Daraus folgt aber nur, daß ihr zusammen mächtiger seid als ich allein, und daß ich neugieriger auf euch bin als ihr auf mich, es folgt daraus nicht, daß ihr in allem recht hättet oder daß ihr von mir nichts lernen könntet. Wäre Macht und Recht das selbe, so müßtet ihr zugeben, daß die Borg das Recht auf ihrer Seite haben, da sie ja mächtiger sind als ihr. Die Borg übrigens glauben tatsächlich, im Recht zu sein, da sie mächtiger sind und effektiver arbeiten. Aber zurück zu euch und mir. Ich bin, so sagte ich, neugierig auf euch und möchte euch verstehen, und mein Verständnis von euch ist für mich eine Notwendigkeit des Überlebens. Auch bin ich bereit, mich probeweise auf eure Verhaltensweisen einzulassen, soweit ich sie verstehe. Ich sagte, ich sei bereit, auszuprobieren etwa, wie es ist, zu lieben, während mir anfangs ein solcher Nachvollzug eurer umständlichen Torheiten albern und unnütz vorkam. Aber das liegt nicht allein in meiner Macht: denn wenn ich eurer Selbstdeutung glauben darf, befällt euch die Liebe ohne euer Zutun und gegen euren Willen, und so scheint es wenig wahrscheinlich, daß ich mich, die ich euch so fremd bin, ohne weiteres verlieben werde, während ich inzwischen imstande bin, zu essen und zu trinken und zu schlafen und wohl auch imstande wäre, eine Kopulation zu vollziehen, obwohl ich inzwischen glaube begriffen zu haben, daß auch bei dem Akt der Kopulation an sich, unabhängig von der etwaigen Verliebtheit der Beteiligten zu unterscheiden ist zwischen einem mechanischen und einem psychischen Aspekt des Vorgangs, ich meine damit einerseits Penetration und tribotaktile Sensation, Sensationsverarbeitung und Lustempfindung andererseits, so, wie ihr beim Essen auch zwischen Verdauung und Geschmack unterscheidet, eine Unterscheidung, die ich nicht von Anfang an begriff. Freilich ist meine Unbefangenheit hierin inzwischen geringer geworden, denn so, wie ihr es nicht schätzt, wenn jemand sein Essen ohne Besteck zu sich nimmt, so habt ihr die Kopulation mit einem Netz komplizierter Regeln überzogen, so daß mir inzwischen weniger klar ist als am Anfang unseres Zusammenlebens, wann ihr eine Kopulation für statthaft haltet und wann nicht, und wohl einige Dinge gesagt habe, die euch lächerlich oder taktlos erschienen sind. Nicht ganz durchschaut etwa habe ich, warum einige von euch, die, nach meinem Wissensstand, mit mir kopulieren wollten, davon in ihren expliziten Worten, nicht aber in Mimik, Gebärdensprache und Körpergeruch wieder Abstand nahmen und Reaktionen der Abwehr zeigten, nachdem ich erklärt hatte, zur Erfüllung eines in meinen Augen so unbedeutenden Gefallens, um den ihr ein mir kaum nachvollziehbares Gewese macht, bereit zu sein. Mir scheint, sie hätten es vorgezogen, ich hätte mich, zumindest über einen längeren Zeitraum hinweg, geweigert, oder wenn ich zum Ausdruck gebracht hätte, daß es sich nicht um einen unbedeutenden, sondern um einen eminent bedeutenden Gefallen für mich handele. Außerdem scheint hier ein Phänomen der Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern mit hineinzuspielen, das ich nicht ganz durchschaue. Es kommt hinzu, daß ich inzwischen aus eigener Anschauung erfahren habe, welche Bedeutung das mir schwer verständliche Konzept der Eifersucht in euren Beziehungen spielt, das ihr zwar auch in Bezug etwa auf Essen oder soziale Rangstufen kennt, daß aber gerade in Bezug auf eure Sexualität zu besonders verheerenden Konflikten führt, so daß mir inzwischen klar geworden ist, daß ich hier, ohne es zu wollen, einigen Schaden anrichten kann, wenn ich nicht vorsichtig vorgehe und versuche, meine Wissensbasis zu vergrößern. Wovon ich aber eigentlich sprechen wollte, war die Liebe, da es sich um das bei weitem verwirrendere und ungewohntere Konzept handelt als die Kopulation, die ja auch den Borg nicht fremd ist. Ich sagte, es wäre möglich, daß ich mich weder jetzt noch später in einen der euren verliebe. Dann, so meint ihr, sei etwas in meiner Menschwerdung mißglückt, mir fehle etwas, und zwar etwas von höchster Wichtigkeit. Woran ihr denkt bei all diesem ist, scheint mir, wie es wäre, wären meine Eltern und ich nicht von den Borg überfallen worden, wäre ich immer ein Mensch geblieben. Es scheint plausibel, daß ich dann ein gewöhnlicher Mensch geworden wäre wie ihr, und daß mir alle diese Erfahrungen begegnet wären, von denen ihr sprecht. In diesen Menschen nun, den es nie gab, außer als kleines Kind, wollt ihr mich verwandeln, das, so denkt ihr, sei ich, wie ich wirklich bin, und so, wie ich jetzt bin, bin ich gefangen in einem falschen Ich, und je eher ich jenes authentische Ich wiederfände, desto besser für mich, desto weniger Zeit meines Lebens hätte ich verschwendet und unwiederbringlich verloren. Gäbe es jenen kontrafaktischen Menschen tatsächlich, diese Seven-Wenn-Sie-Den-Borg-Nicht-Begegnet-Wäre, dann würde sie wohl über all diese Dinge so denken, wie ihr alle darüber denkt, sie würde denken, daß es wichtig und wertvoll sei, ein Mensch zu sein, schrecklich, ein Borg zu sein, und immer noch schrecklich, wenn auch vielleicht etwas weniger schrecklich, so zu sein, wie ich bin, ein Krüppel, dem wichtige Empfindungen fehlen, eben wie der Blinde, der nicht weiß, was Farben sind. Aber diesen kontrafaktischen Menschen gibt es nicht, und sein Urteil kann in dieser Frage nicht maßgeblich sein. Ich wollte kein Borg werden und wurde um meine Meinung nicht gefragt, ich wollte aber auch kein Mensch werden, und ich will es noch immer nicht, und ich weiß auch nicht, ob es für mich überhaupt möglich ist, je wieder ein Mensch zu werden. Was ich möchte, ist, eine erträgliche Balance finden, einen Zustand, den ich aushalten kann, und ich möchte, was ich bin, bleiben. Was ihr verlangt, ist, mich zu töten und einer Menschenfrau Platz zu machen, die ich nicht kenne und die ich nicht war und die es nie gab. Begreift, ein Mensch zu sein ist von außen betrachtet ebenso wenig verlockend, wie ein Borg zu sein. Wenn ich mir heute vorstelle, wie es wäre, wieder Borg zu sein, dann wäre das das Ende meiner individuellen Erfahrungen, und der Gedanke ist mir unangenehm, ich möchte nicht mehr Borg sein. Ihr aber scheint zu glauben, wer kein Borg mehr sei, müsse unmittelbar einsehen, was für eine herrliche Sache es sei, Mensch zu sein, und sich sogleich und ohne zögern dem Menschsein anschließen. Es scheint euch beispielsweise nicht klar zu sein, daß ich, um ein Mensch wie ihr zu werden, meine ästhetischen Vorstellungen aufgeben müßte. Zwar bekäme ich dann, zum Tausch, eure ästhetischen Vorstellungen, solange ich aber die meinen besitze, sind die euren wenig anziehend. Mag sein, euch ist noch nicht einmal klar, daß ich ästhetische Vorstellungen habe. Nun, hiermit habe ich es euch mitgeteilt. Schön ist, meine ich, was effizient ist. In diesem meinem Sinn gibt es an Bord eures Raumschiffes sehr viel Schönheit, und auch im menschlichen Körper steckt sehr viel Schönheit, aber es ist eine Schönheit, die ihr selten oder nie beachtet, denn dem makellosen Funktionieren meiner Nieren zieht ihr vor, was ihr als makellose Form meiner Brüste bezeichnet. In meinen Augen sind die Borg und ihre Raumschiffe schöner als ihr, während ihr sie wohl für häßlich haltet, was nicht bedeutet, daß ich sie deswegen, weil ich sie für schöner halte, lieben oder bevorzugen würde, denn es kommt ja wohl auch vor, daß ein Mensch Tiger für schön und elegant hält, ohne zu wünschen, von einem Tiger gefressen zu werden. Es könnte sein, als läge ich hier mit mir selbst in Widerspruch, habe ich doch, zu eurem Erstaunen und vielleicht zu eurer Belustigung, verkündet, Schönheit sei bedeutungslos. Tatsächlich hat erst mein Umgang mit euch mich gelehrt, daß auch ich einen Begriff von Schönheit habe, und anfangs fehlten mir die Worte dafür. Ohne euch wüßte ich nicht, daß ich etwas von Schönheit weiß, aber wenn ich von Schönheit spreche, meine ich etwas anderes als ihr, wenn ihr dieses Wort verwendet, und eure Schönheit halte ich nach wie vor für irrelevant, sie überzeugt mich nicht und bekehrt mich nicht. Oder, wenn es euch ein Trost ist: ich bekenne, daß ich mich geirrt habe und etwas gesagt habe, das ich nun für falsch halte. Ich hätte sagen müssen, Schönheit, so, wie ihr sie auffaßt, sei irrelevant. Tatsächlich hat der Umgang mit euch mich gelehrt, daß einiges von dem, was ich sicher glaubte, so nicht haltbar ist, und es ist mir nicht mehr möglich, das, was ich heute denke, mit der selben dogmatischen und apodiktischen Sicherheit zu verkünden wie am Anfang unserer Begegnung, da ich durch den Umgang mit euch eingesehen habe, daß sich vieles von verschiedenen Seiten betrachten läßt und meine eigene Meinung nicht von vorneherein die richtige zu sein braucht. Mithin habt ihr mich das Zweifeln gelehrt, und ich bedaure euch, daß ich nicht in gleichem Maß euch das Zweifeln an euren Selbstverständlichkeiten lehren konnte. Ihr wollt, daß ich eure Ästhetik übernehme, aber die Wahl zwischen zwei konkurrierenden Ästhetiken kann sich nicht ihrerseits auf ästhetische Kriterien berufen, ihr wollt auch, daß ich euch den Borg vorziehe, weil ich euch und eure Art zu leben für schöner als die der Borgs halten soll, so, wie ihr selbst das tut, das aber kann ich nicht, da ich ja die Borg für schöner halte und ihre Lebensweise. Wenn ich euch vorziehe, dann nur insofern, insofern ihr mich weniger stark und gewaltsam bedrängt als die Borg. Freilich hängt dies wiederum damit zusammen, daß ihr weniger mächtig seid als die Borg. Beispielsweise habt ihr nicht die Macht, mich gewaltsam in einen Menschen zu verwandeln, obwohl ihr das gern tätet und mir gegenüber auch zugegeben habt, daß genau darin euer Plan mir gegenüber besteht, während umgekehrt die Borg durchaus die Macht hatten, mich ganz und gar in einen Borg zu verwandeln. So daß ich in Wahrheit deswegen lieber bei euch als unter den Borg lebe, weil ihr häßlicher seid als sie. Übrigens seid ihr nicht nur häßlicher als die Borg, sondern auch unglücklicher als sie. Ihr seid nicht nur dem Grade nach unglücklicher als sie, in dem Sinn, daß ihr etwas mehr unglücklich wärt als sie, sondern es ist radikaler noch so, daß die Borg glücklich sind, ihr aber nicht glücklich seid. Es ist schwierig, euch das zu erklären, zumal ich eure eigenen Worte wie Glück oder Schönheit verwenden muß, die ihr erfunden habt, um euch über euch selbst zu täuschen. Vielleicht aber gelingt es mir trotzdem, euch zu erklären, warum die Borg glücklich sind, ihr aber nicht. Es gibt hier außerdem ein weiteres Mißverständnis: ich behaupte, daß ich eure Gesellschaft dem Leben als Borg vorziehe, sage aber gleichzeitig, die Borg seien glücklich, ihr aber nicht, und es könnte scheinen, als sei hier ein Widerspruch. Es liegt aber kein Widerspruch vor, denn für mich ist das Glück etwas irrelevantes, und nicht davon hängt es ab, wo ich mich aufhalten möchte, ob unter euch oder unter ihnen. Ich bin insofern euch ähnlicher als ihnen, insofern auch mir das Glück unmöglich ist, und ginge ich zu den Borg zurück, würde nicht ich glücklich, sondern ich würde aufhören zu bestehen. Am Anfang wollte ich zurück zu den Borg, das lag daran, daß es mich anfangs noch gar nicht gab: erst der Umgang mit euch hat mich erschaffen, erst der Umstand, daß ich einige Zeit unter euch lebte, gab mir eine Seele, und erst dann konnte ich die Borg fürchten, während ich anfangs nur euch fürchtete und die schreckliche Einsamkeit, weil ich doch so allein war unter euch. Warum nun halte ich die Borg für glücklich? Was die Borg wünschen, ist, in Harmonie zu leben. Und dieses Ziel erreichen sie tatsächlich. Nun gibt es verschiedene Arten von Harmonien, einfache und komplizierte, und was die Borg tatsächlich wollen, ist eine komplizierte Art der Harmonie, aber auch das erreichen sie, denn ihr Zusammenleben ist sowohl kompliziert als auch harmonisch, während das Zusammenleben der Menschen kompliziert und unharmonisch, das anderer Völker harmonisch und unkompliziert ist. Beachtet bitte: wären sie Menschen, so hätte ich eine Formulierung zu wählen wie etwa „sie streben nach Harmonie“, der Unterschied zu euch besteht aber gerade darin, daß sie nicht nach Harmonie streben, sondern tatsächlich aktual in Harmonie leben. Ihr Glück ist eine ausgedehnte, kontinuierliche Angelegenheit, während im Gegensatz dazu euer Glück ein verschwindender Punkt ist. Ihr nämlich seid nicht glücklich, sondern ihr strebt immer nur danach, ihr versucht diesen Punkt zu erreichen, von dessen Existenz ihr trotz aller anderslautender Evidenz überzeugt seid. Ich könnte banale Beispiele für das anführen, was ich meine, aber ich will das Thema wieder aufgreifen, über das ich bereits sprach, und das ihr für so wichtig haltet, die Liebe nämlich. Ihr verliebt euch und empfindet eine Begierde und einen Mangel, etwas fehlt euch, eine zweite Hälfte, um euch vollständig zu machen, ihr verzehrt euch, so eure eigene Formulierung, vor Verlangen, ihr seid gequält, gefoltert von eurem Verlangen und eurer Begierde, und euer ganzes Streben ist auf die Erfüllung eurer Liebe gerichtet. Diejenigen, die am meisten von diesem Leiden befallen sind, dessen Vorzüge ihr mir anpreist, können nicht länger schlafen, nicht länger essen, sie kennen keine Ruhe mehr, und, wie ich aus eigener Beobachtung weiß, sie fangen an, sich töricht zu benehmen und ihr Verstand wird getrübt, so daß ihr Anblick peinlich oder lächerlich wirkt. Nun, so sagt ihr, dies alles sei schon richtig, auf dieses besondere Leiden folge dann aber doch auch eine besondere Erfüllung. Dies ist nun keineswegs immer der Fall, denn nicht alle von euch, die sich verlieben, werden auch widergeliebt. Aber wir wollen annehmen, der Lohn der Liebe sei derart umfangreich und überwältigend, daß ihr vernünftig handelt, euch zu verlieben, auch wenn es dabei ein Risiko gibt, nicht die Erfüllung zu finden, da die Summe, der Erwartungswert, immer noch zugunsten der Liebe ausfällt. Betrachten wir diese Erfüllung. Soweit ich euch verstehe, geht es dabei nicht um das Lustempfinden, das ihr während des Koitus empfindet, denn dieses Lustempfinden könnt ihr auch jeder für sich allein erzeugen und sogar mit größerer Bequemlichkeit, im Gegensatz zu den meisten eurer anderen Lüste, die ihr nicht so ohne weiteres durch ein wenig Reiben befriedigen könnt. Sondern, immer soweit ich euch verstehe und wie ihr selbst darüber auf meine hartnäckigen und lästigen Fragen Auskunft gebt, sucht ihr für einen kurzen Moment Harmonie zu erreichen, indem ihr euch mit dem geliebten Menschen synchronisiert. Offenbar seid ihr dabei wiederum nicht sehr erfolgreich, denn meistens gelingt es euch noch nicht einmal, soweit meine Nachforschungen ergeben haben, den Augenblick des Orgasmus zu synchronisieren, und selbst wenn ihr mir nun antwortet, darum ginge es keineswegs, es sei nicht wichtig, gleichzeitig während des Koitus einen Orgasmus zu haben, scheint mir, daß, wenn ihr noch nicht einmal in einer so banalen Angelegenheit Synchronizität erreicht, die sich mit Hilfe der Borgtechnologie ohne besondere Mühe synchronisieren ließe, wenn die Borg dem überhaupt besondere Beachtung schenken würden, daß es dann mit eurer Synchronisation nicht besonders gut bestellt sein kann. Und selbst wenn es euch gelingt, euch zu synchronisieren, so könnt ihr doch im Vollzug des Aktes selbst gar nicht sicher wissen, ob ihr synchronisiert seid, sondern erst retrospektiv. Wenn ihr aber erst retrospektiv wißt, ob ihr synchronisiert wart, dann könnt ihr gar nicht wirklich synchronisiert sein, denn zum Synchronisiertsein gehört auch, zu wissen, synchronisiert zu sein, und in Wahrheit waren eure Gedanken und Empfindungen für einen Moment parallel, was ihr dann retrospektiv feststellt und für eine Synchronisierung haltet. Ihr erlebt also gar keine wirkliche Synchronisierung, und damit auch keine Harmonie, die ja ohnehin bloß auf zwei Menschen beschränkt bliebe, und würdet ihr wirklich etwas derartiges erleben, dann ergäbe sich die Antinomie, daß ihr im Moment des Erlebens dieser Harmonie diese gar nicht erlebtet, sondern erst im Nachhinein feststellen könntet, ob ihr sie erlebt habt oder nicht. Niemals also erlebt ihr die Harmonie. So wenig wie ihr jemals eins werdet mit dem geliebten Menschen: was ihr auch tut, ihr bleibt stets zwei getrennte Existenzen, ihr wißt noch nicht einmal sicher, was der Andere denkt, ihr glaubt es vielleicht erraten zu können, aber es bleibt für euch stets eine unüberbrückte Distanz, da sind eure Gedanken und die Gedanken dessen, den ihr liebt, und der einzige Weg des Austausches zwischen euch beiden ist der Weg des Austausches, dessen ihr euch stets bedient, nämlich der der gesprochenen Worte: ihr übersetzt eure Gedanken in Worte, die ihr aussprecht, die ihr dann hört und wieder in Gedanken übersetzt. Und dabei wählt ihr aus, was ihr in Worte umwandeln wollt und was nicht, und, mehr noch, manchmal sprecht ihr als Worte aus, was ihr gar nicht denkt, ihr lügt, und ihr lügt sogar dann, wenn ihr liebt, es sei denn, ihr wolltet behaupten, das Verhalten, das ich an euch erlebt und beobachtet hätte, sei gar nicht die wahre Liebe gewesen, sondern etwas anderes, geringeres, wenn es aber so wäre, dann hätte ich während meines ganzen Aufenthaltes unter euch kein einziges Mal erlebt, daß einer von euch liebt, und es wäre ganz ungereimt, daß ihr ausgerechnet mich dafür bedauert, daß auch ich, wie ihr, niemals geliebt habe, obwohl doch dann ich euch bedauern müßte, da ihr, wie ich, niemals geliebt habt, aber auch, anders als ich, niemals die Harmonie der Borg erfahren habt. Daß ihr lügt, war etwas Neues für mich, ich habe es aber, glaube ich, bald verstanden: ihr sucht, weil ihr Individuen seid, euren Vorteil und versucht deswegen eure Umwelt, also auch eure Mitmenschen zu manipulieren ohne Rücksicht auf deren Vorteil, und deswegen lügt ihr. Was ich aber nicht begriffen habe und nicht begreife, ist, wie euer Reden von Liebe damit zusammenstimmt, daß ihr selbst dann noch lügt, wenn ihr liebt. Ihr lügt, wenn ihr jemanden verführen wollt, denn verführen heißt ja, wenn ich euch richtig verstehe, nichts anderes, als jemanden mittels Lügen zur Liebe zu bewegen, sogar mich belügt ihr, die euch nur verstehen möchte und als naive und schutzlose Waise zu euch kam, und auf plumpeste und durchschaubarste Art und Weise, etwa, ein Beispiel von vielen, wenn einer von euch mir gegenüber in Worten beteuert, er schätze die anregenden Konversationen mit mir, während es sich offensichtlich zeigt, daß er an den Dingen, die mich bewegen und mir wichtig sind, nicht das geringste Interesse bekundet, so daß von einer anregenden Konversation nicht die Rede sein kann, denn das würde ja bedeuten, daß er die Dinge interessant finde, die ich selbst interessant finde, oder wenigstens die Thesen für interessant hält, die ich zu den Dingen äußere, die er interessant findet und erwähnt, und daß wir in der Tat interessante Konversationen treiben würden, wo er mich in Wahrheit nur in eitles Geschwätz verstricken will, das alles andere als interessant oder relevant ist, und dabei ist es ausgesprochen offensichtlich, daß der wahre Grund, warum er meine Gegenwart sucht, darin besteht, daß er mich als Sexualpartner präferiert aufgrund meines kräftigen und gesunden Körpers. Eigentümlich an dieser Lüge scheint mir ihre Nutzlosigkeit, denn würde er sagen, was er wirklich denkt, dann wäre mir seine Gegenwart angenehmer und weniger verwirrend, denn dann wüßte ich wenigstens, daß er nicht versucht, mich zu belügen, und daß ich Grund habe, seinen Worten zu trauen, und schließlich hat er keinen Grund, seine sexuelle Begierde zu verheimlichen, die ja für eure Spezies üblich und charakteristisch ist. Nun, ich will euch zugestehen, daß es legitim sei, jemanden zu belügen, um seine Gegenliebe zu erzeugen. Wie aber stimmt es mit euren Reden über die Liebe zusammen, daß ihr auch dann noch lügt, wenn ihr liebt und wißt, da ihr geliebt werdet? Denn auch dann lügt ihr noch immer, und meinen Beobachtungen zufolge wird die Zahl der Lügen, die ihr einander erzählt, mit zunehmender Dauer der Liebe nicht weniger, sondern sogar mehr. Dies hängt mit einem weiteren zusammen: ich sagte, daß ihr unglücklich seid, solange ihr begehrt, dann aber, wenn sich eure Begierde erfüllt, seid ihr ebenfalls nicht glücklich, da dieser Moment gar nicht existiert, sondern bloß von euch in der Erinnerung imaginiert wird. Ihr könntet nun antworten, ich irre mich hier, weder in der Begierde noch im Moment ihrer Erfüllung liege das Glück, sondern das Glück beginne erst nach der Erfüllung eures Verlangens. Nicht also, wenn ihr hungrig seid, seid ihr glücklich, und auch nicht dann, wenn ihr den Hunger stillt, sondern dann, wenn ihr den Hunger gestillt habt und satt seid, und nicht dann seid ihr glücklich, wenn ihr euch verliebt, und auch nicht dann, wenn ihr euch synchronisiert oder zu synchronisieren glaubt, wie immer ihr dabei vorgeht, ob die Synchronisation nun im gegenseitigen Eingeständnis eurer Liebe besteht oder im Vollzug des Koitus, eventuell begleitet von Liebesbeteuerungen, sondern anschließend, wenn ihr euch selbst im Besitz der Liebe wißt. Wäre es so, dann wäre euer Glück in der Tat dem der Borg nicht unvergleichbar, denn dann besäße es in der Tat Dauer und Ausdehnung. Doch vom Moment der Befriedigung an vergeßt ihr völlig euer Begehren und euer Glück. Habt ihr gegessen, so denkt ihr nicht länger an den Hunger, sondern an andere Dinge, und seid ihr ein Paar geworden, dann vergeßt ihr den Menschen, den ihr liebt, und meist vergeßt ihr ihn so sehr, daß ihr nach einiger Zeit euch erneut verlieben müßt und einen neuen anderen Menschen als Geliebten euch zu erobern sucht. Ja, eure Liebe macht euch so unglücklich, daß ihr lieber alles mögliche erdulden wolltet als länger mit dem Menschen zusammen zu sein, den ihr liebt. Ihr sagt dann, daß ihr aufgehört habt, zu lieben. Es stellt sich heraus, daß ihr den Menschen, den ihr allen anderen Menschen vorgezogen habt, nun auf einmal nicht mehr vorzieht, sondern sogar vor allen anderen Menschen verschmäht, obwohl es doch der selbe Mensch geblieben ist und ihr auch noch immer der selbe Mensch geblieben seid. Wüßte ich über alle diese Vorgänge nur das, was ihr mir über die Liebe mitgeteilt habt, so würde wohl meine Verwunderung keine Grenze kennen: ihr verliebt euch und leidet schreckliche Qualen, erlebt für einen unfaßbaren Moment eine Synchronisierung, die gar keine Synchronisierung ist und die ihr auch gar nicht wirklich erlebt, sondern nur in der Retrospektive konstruiert, und dann hört ihr auf zu lieben und leidet schreckliche Qualen, und von allem diesem erzählt ihr, als sei es ein höchst erstrebenswertes Gut, und jeder, der es nicht selbst erfahre, zutiefst zu bedauern. Wenn ihr selbst jedoch nüchtern über diese Dinge denkt, dann denkt ihr beinahe das selbe darüber wie die Borg über diese Dinge denken und wie auch ich darüber denke. Dann wißt ihr, daß eure Liebe eine Zusatzfunktion eures Geschlechtstriebes ist, die eine zwiefache Funktion erfüllt: Die Bildung von Kleingruppen zu ermöglichen und die Aufzucht von Kindern. Deswegen ist die natürliche Lebensdauer einer Liebesbindung bei euch in etwa so lange, wie die grundlegende Aufzucht eines Kindes dauert, also etwa sieben Jahre, wenngleich selbstverständlich aufgrund der großen stochastischen Streuung eurer Verhaltensweise einige von euch kürzere oder längere Zyklusdauern präferieren. Ihr behauptet in bemerkenswerter Konsequenz außerdem auch noch, Gebären und Kinder aufziehen sei eine lustvolle Erfahrung. Was das Gebären angeht, so handelt es sich um eine wahrhaft erstaunliche Verdrehung der wahren Tatsachen, denn würden nicht sehr starke psychische Mechanismen bei den Frauen unter euch die Erinnerungen an die Schmerzen der Geburt weitgehend unterdrücken, wäre wohl kaum eine bereit, eine solche Tortur ein zweites Mal auf sich zu nehmen. Was die Aufzucht von Kindern betrifft, so sind die Unannehmlichkeiten dieser Arbeit offensichtlich, während das Lustvolle an ihr nur schwierig einzusehen ist: wiederum beruft ihr euch auf die Liebe, diesmal die Elternliebe, oder ihr behauptet, die Aufzucht von Kindern könnte euch Unsterblichkeit verleihen, was, wie eine flüchtige Betrachtung der Gesetze der Vererbung euch lehren könnte, offensichtlicher Unfug ist. Auch weiß ich nicht, warum ihr so versessen darauf sein solltet, unsterblich zu sein. Ich etwa bin, in einem gewissen Sinn, tatsächlich unsterblich, denn meine Erinnerungen und Erfahrungen werden auch nach meinem Tod als Einzelindividuum weiterbestehen im Borgkollektiv. Erzähle ich euch aber von dieser Art von Unsterblichkeit, so freut ihr euch nicht etwa, daß ich, von der ihr doch behauptet, ihr würdet sie gern haben, unsterblich bin, sondern hastig versucht ihr mir zu beweisen, daß diese Art von Unsterblichkeit nichts wert sei, und dabei beweist ihr eine Fähigkeit zum logischen Argumentieren, die euch seltsam mangelt, wenn ihr von der Unsterblichkeit durch Zeugung von Kindern sprecht. Von mir werden meine Gedanken bleiben, von euch aber nur die Gene, die zum allergrößten Teil sowieso selbst dann im Genpool geblieben wären, hättet ihr selbst als Einzelwesen euch nicht fortgepflanzt. In Wahrheit geht es ja auch nicht um eure eigene Unsterblichkeit, sondern um die Unsterblichkeit eurer Gene, und um diese zu gewährleisten, benehmt ihr euch, wie ihr euch benehmt: ihr nehmt große Mühen und Strapazen auf euch, ihr verschafft euch eure Nahrung, unter Mühe verdient ihr euch euer Brot, eben das aber entspricht ganz eurem Wesen, denn geht ihr müßig, so seid ihr noch unglücklicher, als wenn ihr arbeiten müßt, obwohl ihr euch ständig über eure Arbeit beklagt, denn im Müßiggang werdet ihr eures Lebens erst recht überdrüssig, eben weil ihr geschaffen worden seid, um zu arbeiten, und ihr versucht, wieder unter Mühen, euch einen Sexualpartner zu gewinnen, und wieder unter Mühen gebärt ihr Kinder, und wieder unter Mühen zieht ihr sie groß, und dabei redet ihr euch ein, wie herrlich frei ihr doch wäret und daß ihr keinem anderen Willen folgtet als nur eurem eigenem. Davon aber, daß ihr eurem eigenen Willen folgt, kann keine Rede sein. Eurem eigenen Willen folgt ihr allenfalls, wenn ihr eine Arbeit ausführt, die nicht eurem Lebensunterhalt dient, oder wenn ihr einer Liebe nachgebt, die zu keiner Beziehung führt, oder miteinander schlaft und verhütet. Meist aber seid ihr unfrei und haltet euch für frei. Frei seid ihr, wenn ihr ineffektiv seid, wenn ihr sinnlose Dinge tut, und ich glaube nicht, daß das eine Freiheit ist, auf die ihr besonders stolz sein könnt. Ihr glaubt, ihr strebtet nach Glück, verfehlt es aber notwendigerweise: denn die Aussicht auf Glück ist eben das, was euch arbeiten läßt, das Glück aber läßt euch nicht arbeiten. Eben deshalb, weil ihr nämlich, der Natur eurer Spezies gemäß, zum Arbeiten existiert, wobei Arbeit den Broterwerb ebenso mit einschließt wie die Beziehungsarbeit, deshalb strebt ihr eurer Natur nach nach Glück, seid aber nicht glücklich, denn wärt ihr glücklich, dann würdet ihr eure Bestimmung verfehlen, indem ihr nicht mehr arbeiten würdet. Euer Unglück besteht in dieser Konstellation, daß ihr arbeiten müßt, um von Ferne das Glück erahnen zu können, während das Glück nur dann tatsächlich erreichbar ist, wenn jemand glücklich ist, indem er arbeitet, was eben das ist, was bei den Borg der Fall ist. Ihr seid, fürchte ich, das Opfer eurer Natur, die euch versklavt, indem sie das, was ihr nutzt, für euch mit Lust verknüpft hat. Die Borg aber sind keine solchen Opfer, weil sie beschlossen haben, keine solchen Opfer zu sein. Während ihr den Übergang von einer biologischen Gesellschaft zu einer Borggesellschaft für das Ende aller Kultur haltet, stellt in Wahrheit der Übergang von einer biologischen Gesellschaft zu einer Borggesellschaft den Anfang aller Kultur da und ist überhaupt die bedeutendste und grundlegendste kulturelle Leistung. Denn erst diese Leistung ermöglicht es, selbst zu bestimmen, worin Glück bestehen soll, und das Glück tatsächlich zu verwirklichen. Ihr dagegen, obwohl ihr euch selbst, im Gegensatz zu den Borg, frei nennt, weigert euch, eure Geschicke selbst in die Hand zu nehmen und euch von der Natur zu emanzipieren, selbst um den Preis, daß ein glückliches Leben für euch unmöglich ist, oder zumindest, wenn ich großzügig alle eure Einwände berücksichtige, wonach ihr eben doch kurze Momente des Glücks kennt, selbst um den Preis, daß ein dauerhaft glückliches Leben für euch unmöglich ist und kaum etwas für euch unerträglicher als eine Reihe von glücklichen Tagen, weil nach dieser Reihe von glücklichen Tagen eure Natur euch umzutreiben beginnt, ihr unzufrieden werdet, euch eure errungenen Genüsse nicht mehr schmecken und ihr euch irgend ein neues Ziel setzt, das euch erlaubt, tätig zu werden. Ihr nennt euch frei, und souverän entscheidet ihr, was ihr schön findet, aber schön findet ihr, was biologischen Kriterien folgt, so daß ihr euch eure Ästhetik von der Natur vorschreiben laßt. Die Borg dagegen nennt ihr häßlich, weil sie sich von der Natur emanzipiert haben und nicht länger ihren Regeln folgen. In meiner Tiergestalt nennt ihr mich schön, in meiner Borggestalt aber häßlich, meine Borggestalt zeige eine gemarterte Natur, während zwar meine Tiergestalt natürlich ist, aber einen gemarterten Borg zeigt. Nicht etwa, daß ihr mich mißversteht, ich wollte mich beklagen, ich selbst sei es, die in dieser Gestalt gemartert wird. Insoweit ich kein Borg bin, kann mir das Schicksal des Borgs, der ich sein könnte, gleichgültig sein, auch bin ich froh, eine Gestalt zu besitzen, die euch gefällt und nicht abstößt oder erschreckt. Ich sagte es ja schon, das wir Leidensgenossen sind, ihr und ich, da ich ja nicht zurück kann zu den Borg, ohne aufzuhören, ich selbst zu sein, so daß mir das Glück der Borg, ihre Schönheit und ihre Harmonie verschlossen bleiben. Unsinnig aber ist es, wenn ihr nun von mir verlangt, ich sollte darüber hinaus auch noch bei allem eurem Unsinn mitmachen, meine Neugier eintauschen gegen eure Zwänge, Eine von euch werden mit allen Konsequenzen und allen Torheiten, das heißt, mich unter die selbe Herrschaft begeben wie ihr, statt daß umgekehrt ihr, angeregt durch mein Beispiel, anfinget darüber nachzudenken, wie ihr eure Freiheit erweitern könnt, inwieweit ihr das Joch eurer Natur abschütteln könnt, ohne euch selbst aufzugeben und zu Borg zu werden. Etwas derartiges kann euch ohnehin nicht erspart werden, dazu seid ihr den Borgs oder ihren Vorfahren zu ähnlich. Ihr selbst wart auf dem besten Weg zum Borgtum, und nur die Begegnung mit den Borg hat euch vorübergehend davon abgeschreckt, selbst Borg zu werden, für wie lange ist aber durchaus ungewiß. Als das erste Mal einer von euch sich in das Fell eines erbeuteten oder verendeten Tieres hüllte, um sich zu wärmen, als das erste Mal einer von euch seinen Arm mit einem Ast verlängerte, als ihr euch um ein Feuer lagertet, das ein Blitz oder ein Feuerstein entzündete, da habt ihr schon begonnen, euch in Borg zu verwandeln und aufzuhören, Menschen zu sein, und nun könnt ihr zum wahren Menschsein nicht mehr zurück, denn das würde ja bedeuten, das Fell abzulegen, den Ast aus der Hand zu legen, das Feuer zu fliehen und wieder Tiere zu werden, Tiere aber, die niemand daran hindern könnte, sich erneut auf den Pfad der Borgifizierung zu begeben. Ihr aber wollt gar nicht mehr zurück zum wahren Menschsein, dazu habt ihr eure Felle und Keulen und Brillen und Herzschrittmacher schon zu sehr liebgewonnen, und so seid ihr halbe Borgs geworden, ohne euch darüber im Klaren zu sein. Ihr gehört, von den Zufälligkeiten einer verschiedenen Herkunft abgesehen, zur selben Art wie die Vorfahren der Borgs: auch ihr seid eine Zivilisation, die aus dem Zusammenschluß von Einzelwesen besteht und an der Vervollkommnung technologischer Werkzeuge arbeitet, und eine solche Art hat stets die Neigung, sich selbst zu borgifizieren. Die Borg sind auch nicht einmal, auf Grund eines unwahrscheinlichen kosmischen Zufalles, entstanden, sondern unabhängig voneinander mehrmals im Universum. Gefeit von dieser Entwicklung sind davon nur Zivilisationen, die aus jeweils einem einzigen Individuum bestehen, welchen ihr bislang selten begegnet seid, was hauptsächlich damit zusammen hängt, daß diese Zivilisationen sich verborgen halten und schwer von natürlichen Phänomenen wie etwa Planeten oder Sternen zu unterscheiden sind, oder solche Zivilisationen, die ihre Vervollkommnung nicht auf technologischem Weg anstreben. Auch davon ist etwas in euch, aber es ist wenig und kümmerlich und gefährdet. Ihr könntet euch wohl entschließen, aufzuhören, an der Weiterentwicklung eurer Technologie zu arbeiten und euch ganz auf euren nichttechnologischen Fortschritt konzentrieren, freilich wäre es schwierig, eine solche Einschränkung unter euch durchzusetzen, da ihr für technologische Fortschritte begabter seid als für andere Arten des Fortschritts, und so würde es unter euch mit großer Wahrscheinlichkeit eine kleine Minderheit geben, die weiter am technologischen Fortschritt weiterarbeiten würde, wobei sie in kurzer Zeit eine solche Macht gewinnen würde, daß es ihr ein leichtes wäre, dem Rest der Menschheit, der den technologischen Fortschritt aufgegeben hätte, zu dominieren und ihm ihre Wünsche aufzuzwingen. So bleibt euch kaum etwas übrig, als euer Projekt fortzusetzen, als Gefangene eurer eigenen Natur ebenso wie als Gefangene eures Versuches, euch von ihr zu emanzipieren. Und dabei ist es, zu eurem Kummer, so, daß ihr euch gegen eure eigene, unbemerkte Borgifizierung nicht schützen könnt, weil ihr nicht den Punkt benennen könnt, an dem ihr aufhört, Menschen zu sein. Viele von euch wären tot, hätten sie nicht zugestimmt, sich den Wurmfortsatz ihres Blinddarms entfernen zu lassen. Den meisten eurer Kinder laßt ihr die Zähne begradigen, so daß sie nicht länger so krumm und schief wachsen, wie es natürlich wäre. Den Blinden gebt ihr das Augenlicht, den Tauben das Gehör, den Stummen die Sprache, den Gelähmten die Bewegung zurück. Geisteskrankheiten entschließt ihr euch mit technologischen Mitteln zu heilen. Wo eure Vorfahren essen mußten, was die Wechselfälle des Schicksals ihnen jeweils überließ, da achtet ihr auf eine gesunde und ausgewogene Ernährung, die euch die optimale Entwicklung eurer Fähigkeiten erlaubt. Viele von euch tragen Implantate eurer Technologie in sich, und nur wenige von euch wären bereit, die Strapazen einer Geburt ohne technologische Hilfe auf sich zu nehmen. Wo solltet ihr die Grenzen ziehen? Dem Blinden das Augenlicht rauben? So grausam werdet ihr nicht sein wollen. Dann vielleicht eure Kinder mit schiefen Zähnen aufwachsen lassen? Auch dabei kommen euch Bedenken. Und schließlich, ihr seid ja eine Gemeinschaft freier Menschen, jeder von euch kann tun und lassen, was ihm beliebt, solange er dadurch nicht die Freiheit seiner Mitmenschen beschneidet. Wie also solltet ihr verbieten, daß einzelne von euch euren technologischen Fortschritt nutzen, sich selbst zu vervollkommnen? Ihr mögt sagen, die Grenze zwischen euch und den Borgs liege eben in eurer Individualität, die kein technologischer Fortschritt antasten dürfe. Aber wieder irrt ihr euch in erstaunlich offenkundiger Weise. Denn schwerlich kann euch ja entgehen, daß auch ihr Menschen in Kollektiven lebt und kollektiv handelt. An Bord eures Raumschiffes habt ihr eine Anführerin, die euch befielt, was ihr zu tun habt, und ständig in eure Individualität eingreift, wobei sie sich technologischer Mittel bedient, ihre Befehle zu übermitteln, beispielsweise, wenn sie die Bordfunkanlage benutzt. Das aber ist längst noch nicht alles. Eure ganze Kultur, auch etwa die Kunst, auf die ihr so stolz seid, ist ja eine kollektive Hervorbringung, so sehr ihr auch darauf beharrt, sie sei das Erzeugnis einzelner genialer Individuen. Und eure Kultur erst lehrt euch, wie ihr zu denken habt und was, und was ihr wann empfinden sollt. So beruht ja etwa eure Ästhetik weder auf einer dienstlichen Anordnung, noch ist sie rein durch eure Natur bestimmt, da ihr imstande wart, im Laufe eurer Geschichte ganz verschiedene Ästhetiken hervor zu bringen. Um wieder ein Beispiel aus dem Bereich zu bemühen, das euch so besonders am Herzen liegt, nämlich die Sexualität, so habt ihr euch darauf geeinigt, daß Schlankheit verbindlich als schön gelten soll, aber weder gilt diese vereinbarte Norm für alle von euch gleichermaßen, denn einzelne von euch empfinden Schlankheit nicht als schön, noch gilt sie für alle Zeiten gleichermaßen und ist vielleicht nicht älter als euer Erfolg, euch dank eurer Technologie dauerhaft ausreichend Nahrung zu sichern. Schlankheit also halten die meisten von euch für schön, aber nicht alle von euch, und keineswegs handelt es sich um eine Einschätzung, die euch von Natur aus eigen ist. Mithin beruht eure Ästhetik auf einem Zwang, und zwar auf einem so subtilen Zwang, daß ihr selbst gar nicht von einem Zwang sprecht. Allenfalls beklagt ihr gelegentlich den Zwang, selber schlank sein zu müssen, nicht aber beklagt ihr den Zwang, schlankes schön zu finden, und könnt gar nicht sehen, daß es sich hier um einen Zwang handelt. Eure Kultur zwingt euch auf, was ihr für schön halten sollt, ihr aber bemerkt diesen Zwang nicht einmal und feiert eure Freiheit, was ihr wollt für schön halten zu dürfen, und bedauert die armen Borg, denen jede Freiheit genommen wurde und die nicht einmal wissen, was Schönheit ist. Und wenn ich vorhin sagte, ihr Menschen wäret Sklaven eurer Natur, so muß ich mich nun berichtigen, daß ihr, wo es euch gelingt, euch unabhängig von eurer Natur zu machen, ihr Sklaven eurer Kultur seid. Beide Male aber seid ihr euch eurer Unfreiheit nicht im geringsten bewußt und glaubt, in allen Dingen einen freien Willen zu haben und für euch selbst zu entscheiden. Ich will noch ein weiteres Beispiel anführen, um den Unterschied zwischen euch und mir deutlich zu machen: als ihr mich in einen Menschen zu verwandeln versuchtet und den größten Teil meiner Borgimplantate entferntet, raubtet ihr mir damit auch, neben vielem anderen, die Fähigkeit, meine Menses willentlich zu steuern. Als Borg benutzte ich diese Fähigkeit, um überhaupt keinen Monatszyklus zu durchlaufen, da ein solcher für mich, die ich nicht schwanger zu werden brauchte, ineffektiv gewesen wäre. Des weiteren hätte ich als Borg die Fähigkeit gehabt, zwar zu menstruieren, aber ohne daß die damit verbundenen hormonellen Schwankungen meine Wahrnehmung beeinflussen. Es ist euch sicher bekannt, daß diese hormonellen Schwankungen eure Gefühle beeinflussen. Als ich Borg war, wußte ich das auch, aber nicht aus eigener Anschauung, sondern nur als intellektuelles Wissen, während ich nun an mir selbst eine beunruhigende und erschreckende Beeinflußung meiner Gefühle wahrnehmen kann, verbunden mit der Hilflosigkeit, diese nicht ändern zu können. Die Schwankungen der Wahrnehmungen beziehen sich auch noch auf banalere Dinge, beispielsweise kommt es zu einer Änderung der Farbwahrnehmung. Ihr selbst wärt imstande, diese Veränderung der Farbwahrnehmung mit raffinierten Versuchsanordnungen nachzuweisen, das aber bliebe für euch nur ein intellektuelles Wissen, während ich, im Gegensatz zu euch, dank meiner borgischen Reste in mir, imstande bin, diese Änderungen der Farbwahrnehmung zwar nicht zu neutralisieren, aber wenigstens bewußt wahrzunehmen. Ich weiß und sehe, was mit mir geschieht, mit euch aber geschieht es nur, ohne daß ihr es bemerkt oder davon wißt. Das Beispiel der veränderten Farbwahrnehmung während des Dauers einer Periode mag banal genug sein, daß ihr es eingestehen könnt, daß ich euch hierin besser verstehen kann als ihr selbst, glaubt mir, daß ich eure Unfreiheit in noch vielen anderen, weniger banalen Dingen erkennen kann, wo ihr euch frei zu sein wähnt. Und um erneut von der Liebe zu sprechen: um des Argumentes willen will ich euch zugestehen, es handele sich um mehr als eine wortreiche, überflüssige und ineffiziente Verzierung eures Wunsches nach Kopulation, sondern gehe tatsächlich über eure Natur hinaus, es zeige gerade euer wahres Menschsein von seiner schönsten Seite, wie es dem bloßen Wunsch nach Kopulation etwas spezifisch menschliches hinzufügte. Ich sagte euch bereits, daß ich eine solche Erklärung von euch nicht glauben kann, und weise euch darauf hin, daß Sexualität nicht ausschließlich der Fortpflanzung dient, sondern eine weitere, ebenso wichtige Funktion darin erfüllt, daß sie euch zum Zusammenleben anregt und eine soziale Verbindung unter euch erleichtert, so daß keineswegs alles an eurer Sexualität, das unabhängig von der Fortpflanzung ist, dadurch automatisch schon die Natur transzendierte. Um des Argumentes willen will ich euch aber glauben, eure Liebe sei in der Tat mehr als eine natürliche Funktion. Ein Ort der Freiheit ist sie aber selbst dann nicht für euch, da ihr dann noch immer in den Fängen eurer Kultur bleibt und euch schrecklich konventionell benehmt und ganz so liebt, wie eure Kultur es euch vorschreibt. Ich tadle euch dafür nicht, so wenig, wie es mir in den Sinn käme, euch für das Erfüllen einer biologischen Funktion zu tadeln, ich tadle euch ja auch nicht dafür, daß ihr Nahrung zu euch nehmt, was ich aber tadle, ist eure Unaufrichtigkeit und eure Verblendung. Hätte eure Liebe in der Tat etwas mit Freiheit und Individualität zu tun, wie wäre es denn dann zu erklären, daß ihr euch so sehr an die Muster der Kultur klammert, die euch eine bestimmte Art zu lieben vorschreibt? Beispielsweise habe ich, nachdem ich einige Zeit unter euch verbracht habe, bemerkt, daß es bei euch als schicklicher gilt, wirbt ein Mann um eine Frau, als im umgekehrten Fall. In mehreren Fällen, in denen einige von euch die Güte besaßen, mich auf meine arglosen und unbekümmerten Fragen hin in die gewöhnlich eifersüchtig gehüteten Geheimnisse ihrer Intimität einzuweihen, erfuhr ich, welch großen Kummer es Frauen bereitete, als sie den Wunsch verspürten, mit Männern zu sprechen, mit denen sie zu kopulieren oder in ein Liebesverhältnis zu treten wünschten. Eine Eigentümlichkeit dabei war, daß sie es vorgezogen hätten, nicht persönlich mit dem betreffenden Mann zu sprechen, sondern über eine Fernsprecheinrichtung. Eine Erklärung für diese Eigentümlichkeit habe ich im übrigen noch nicht gefunden, und bisher von euch nur wirre Auskünfte zu diesem Thema erhalten. Die zweite Schwierigkeit der Frauen aber bestand nun darin, daß es ihnen unschicklich erschien, von sich aus den betreffenden Mann anzurufen und sich mit ihm zu unterhalten, wie etwa ich in meiner Arglosigkeit eine solche Aufgabe bearbeitet hätte, und nun darunter litten, daß der betreffende Mann nicht seinerseits die Initiative ergriff und sie anrief, ob aus Gedankenlosigkeit oder Desinteresse oder Ahnungslosigkeit. Warum aber, frage ich euch, ist es schicklicher, wenn ein Mann um eine Frau wirbt, als umgekehrt? Es gibt dafür eine einfache biologische Erklärung: demnach ist es für einen Mann leichter möglich, eine Frau zu schwängern, als für eine Frau, ein Kind neun Monate lang auszutragen, zur Welt zu bringen und möglicherweise allein aufzuziehen, auch kann ein Mann innerhalb dieses Zeitraumes eines dreiviertel Jahres viele Frauen schwängern, eine Frau aber nur einmal schwanger werden. Dementsprechend besäßen Männer, von ihrer Natur her, ein Interesse daran, mit jeder Frau zu kopulieren, die sich dazu bereit findet, während umgekehrt die Frauen von ihrer Natur her ein Interesse daran besäßen, sich ihren Sexualpartner sorgfältig auszuwählen. Deshalb werben die Männer um die Frauen, da die Frauen die kostbarere Ressource besitzen, denn neun Monate Schwangerschaft sind kostspieliger als die Produktion von ein paar Tropfen Samen. Vielleicht gefällt diese Erklärung euch nicht, und ihr zieht eine andere Erklärung vor, etwa eben die, es sei nun einmal Bestandteil eurer Kultur, daß Männer um Frauen werben und nicht umgekehrt, und da die Kultur nicht vollständig biologisch determiniert sei, sondern ein Reich der Freiheit, weise sie ein Moment des Arbiträren auf und sei eben deshalb nicht in all ihren Zügen vollkommen erklärbar, sondern enthalte notwendig ein Moment des Unerklärlichen, und ihr mögt etwa darauf verweisen, daß in einigen eurer Kulturen es üblich ist, daß einzelne Männer einen Harem von Frauen um sich scharen und andere Männer sich gar nicht reproduzieren, so, wie es biologisch zu erwarten sei, andere Kulturen dagegen die Monogamie durchgesetzt hätten, darunter einige Kulturen, in denen traditionell Frauen um Männer werben, und daß ihr sogar Kulturen entwickelt hättet, in denen die Polyandrie üblich sei. Dies mag nun so sein. Es ändert nichts daran, daß ihr euch von eurer Kultur beherrschen laßt, ohne dessen gewahr zu werden. Wäre die Liebe wirklich eine so überwältigende Macht, wie ihr behauptet, so müßte doch eine Frau, die liebt, ungeachtet der Schicklichkeit, um einen Mann werben können, und ein Mann, der liebt, müßte imstande sein, ungeachtet der Schicklichkeit, eine solche Werbung annehmen zu können. Auch solltet ihr dann, wenn ihr liebt, außerstande sein sagen zu können, weshalb ihr liebt, während ihr, wenn ich euch frage, zahlreiche Gründe anführt für eure Liebe wie etwa Schönheit, Intelligenz oder Gutmütigkeit oder anderes mehr. Tatsächlich verliebt ihr euch oft in jemanden, der oder die keineswegs der oder die Schönste, Intelligenteste oder Gutmütigste ist. Dies aber liegt, sage ich, nicht daran, daß eure Liebe willkürlich und frei wäre, sondern allein daran, daß ihr euch selbst betrügt und jemanden für klug oder sanft oder dergleichen haltet, der das gar nicht ist, da es ja höchst unzweckmäßig wäre, würden alle von euch sich nur in eine einzige Person verlieben, so daß in eurer Liebeswahl vielleicht in der Tat ein Moment des Zufälligen verborgen sein mag, aber nur, um sicherzustellen, daß möglichst viele Paarungen zustande kommen. Wie aber nun könnt ihr von mir erwarten, die in diesen Mechanismus nicht eingeweiht ist, ich könnte mich verlieben, wo ich doch weder imstande bin, durch rationale Überlegung eure Partnerwahl nachzuvollziehen, noch darin ausgebildet wurde, eure Gefühle, euren Selbstbetrug nachzuvollziehen? Allenfalls dann wäre es mir möglich, wenn ich diese Ausbildung nachvollziehen würde, also, wenn ich mir von eurer Kultur in meinen Geist eine immaterielle Maschine einbauen ließe, die mich instand setzte, eure Partnerwahl nachzuvollziehen. Ihr habt euch von eurer Kultur in euren Geist eine immaterielle Maschine einbauen lassen, eben das, was für euch eure Kultur ist, eure Wertvorstellungen, eure Mechanismen der Partnerwahl, eure Begriffe, eure Verhaltensweisen, eure Gefühle, von mir verlangt ihr, ein gleiches zu tun, verachtet aber die Borgs, weil sie, effizienter als ihr, es vorzogen, ihre Kultur direkt in der Gestalt materieller Maschinen in ihre einzelnen Mitglieder einzubauen. An dieser Stelle ist vielleicht die Warnung angebracht, daß ihr vielleicht, wenn auch unter großen Mühen, auf eine Weiterentwicklung eurer technischen Kultur verzichten könntet zugunsten einer anderen Form der Kultur, daß ihr dadurch vermeiden könntet, von selbst, ohne äußerliche Eroberung, Borgs zu werden, daß ihr aber dadurch keineswegs alle Gefahren von euch abgewendet hättet, denn auch das Fortschreiten auf diesem alternativen Weg einer nichttechnologischen Kultur birgt einige Gefahren, darunter eine, die darin besteht, daß sie zwar auf Technologie verzichtet, den Borg aber in ihrer sozialen Struktur nicht unähnlich ist. Tatsächlich könnt ihr solche Gefahren gar nicht vermeiden, da eine Kultur wie die eure, die ständig in Veränderung begriffen ist, nicht stabil sein kann. Ihr nennt diese Veränderung Fortschritt, aber es gibt keine Gewähr dafür, daß dieser Fortschritt nicht zu eurer Auslöschung führt, so, wie manche Zivilisationen die Entdeckung der Atomenergie oder der industriellen Herstellung der Antimaterie nicht überleben, und es ist unwahrscheinlich, um das unfreundlichere Wort „unmöglich“ zu vermeiden, daß der Fortschritt der menschlichen Kultur gleichzeitig unaufhörlich und auf alle Zeiten menschlich sein wird, denn wenn euer Fortschritt tatsächlich unaufhörlich sein sollte, wird er irgendwann aus der menschlichen Gemeinschaft herausführen und euch zu Unmenschen machen, selbst wenn ihr eurer Autoborgifizierung ebenso entgeht wie der Assimilierung durch eine bestehende Borgkultur. Vielleicht entdeckt ihr dabei etwas Neues, das noch nicht existiert, euch selbst aber werdet ihr verlieren. Ihr mögt euch damit trösten, daß diese Änderung schleichend, unmerklich geschehen wird und nicht die Bestürzung und Betrübnis auslösen wird, die euch die Attacken der Borg bereiten. Darum spreche ich nun auch wieder über euch, so, wie ihr jetzt seid. Daß ihr, so, wie ihr seid, weder frei seid noch glücklich, kann ich euch noch auf eine andere Art und Weise beweisen. Die meiste Zeit nämlich, so scheint mir, verbringt ihr mit warten. Anfangs begriff ich nicht recht, was für euch das Warten bedeutet, daß es den Grundbestandteil eurer Existenz ausmacht, und war verwirrt und fürchtete mich. Eure Gesellschaft verwirrte mich, und ich sehnte mich danach, euch loszuwerden, war ich aber allein, dann wartete ich ungeduldig darauf, wieder in eure Gesellschaft zu gelangen. So verbrachte ich meine Zeit mit Warten, einem Warten darauf, daß der jetzige Zustand enden möge, gleich, um welchen Zustand es sich handele. Ebenso verbringt ihr eure Zeit mit Warten. Wenn ihr arbeitet, dann wartet ihr darauf, daß eure Arbeit endet, ist aber eure Arbeit zu Ende, so wißt ihr mit dem Ende eurer Arbeit nichts anzufangen. Als ich Borg war, arbeitete ich, ohne zu warten. Ich bearbeitete meine Aufgabe, und war die Aufgabe beendet, so begann ich die nächste Aufgabe, und ich wartete auf nichts. In ähnlicher Weise wartet ihr auf die Liebe, wenn ihr sie aber gefunden habt, dann könnt ihr mit ihr nichts anfangen, und ihr werdet ungeduldig und wartet auf das nächste große Ziel, das ihr euch ausdenkt. Was immer ihr tut, ihr betrachtet es als transitorisch. Darum seid ihr weder frei noch glücklich, denn wärt ihr es, dann müßtet ihr nicht länger warten. Ich gebrauche die zweite Person, aber das, was ich über das Warten sagte, gilt ebenso für mich. Zwar mag ich frei sein von Zwängen, denen ihr unterworfen seid aufgrund eurer Willfährigkeit gegenüber den Forderungen eurer Natur oder auch eurer kollektiven Kultur, ebenso wie ihr kenne ich nun aber auch das Warten. Eines der Dinge, auf die ich warte, mit Ungeduld, ist, daß es mir gelingt, euch zu verstehen. Zum Teil glaube ich das zu tun, zum Teil aber seid ihr noch immer ein Rätsel für mich. Manches davon ist banal: vieles an euch ist kompliziert, aber arbiträr und deshalb zwar schwer zu verstehen, aber nicht besonders interessant. Manches aber von euch wirkt unbegreiflich. Ihr mögt das nun wieder umdeuten und mir unterstellen, ich sei ungeduldig, endlich ein Mensch, ein wirklicher Mensch mit allen menschlichen Erfahrungen zu werden. Neugierig bin ich zwar, aber daß ich einmal ein wirklicher Mensch werden werde, das, ich sagte es bereits, scheint mir zweifelhaft, und das ist auch nicht das, wonach ich mich sehne. Möglicherweise wäre es ein erreichbares Ziel, durch geeignet durchgeführte Modifikationen meiner selbst, abgesehen davon, wie gesagt, daß dann ich verschwinden würde und ein Mensch an meine Stelle treten würde. Aber auch ich, wie ihr, sehne mich nach einem unerreichbaren Ziel, so, wie ich bin, möchte ich sein, aber in einem erträglichen Gleichgewicht, ohne die Angst vor der Leere, ohne die Abhängigkeit von euch, aber auch ohne die Gedankenbahnen der Borg, die noch immer in meinem Geist existieren und mich zwingen, auf eine Art und Weise zu denken, wie ich nicht mehr denken will. Frei von den Borg möchte ich sein und frei von allem Menschlichen, dann aber würde ich aufhören zu existieren, denn nichts anderes als diese eigentümliche Verschränkung von beidem in meiner Person bin ich. Es ist euch gelungen, mich süchtig zu machen nach Zielen, nach Absichten, auch nach Gefühlen, sogar nach diesen Illusionen des Glücks, die euch so vertraut sind, und nun komme ich nicht mehr los von euch und eurem Menschsein, das ich umschleiche wie ein Dieb ein Haus. Wenn ihr unter einem Menschen ein Wesen versteht, das aus dem Paradies vertreiben wurde und sich nun sein Leben lang verzehrt nach etwas, das unerreichbar ist, dann bin auch ich eine Menschin. Eine Menschin bin ich insofern nicht, insofern ich nicht bereit bin, alle eurer Albernheiten mitzumachen und all den Unfug für wahr zu halten, den ihr mir weismachen wollt und den ihr selbst so ernst nehmt. Ihr sucht nach einem Sinn eures Lebens, so, als ob dieser nicht klar genug auf der Hand läge: entstanden seid ihr als der höchst erfolgreiche Irrtum, das Überleben fremder Mächte für euren eigenen Nutzen zu halten, und wundert euch nun, daß eure Bemühungen euch kein dauerhaftes Glück verschaffen, in diesem Bemühen seid ihr kaum recht ernst zu nehmen, nichts an euch könnte einen objektiven Beobachter für euch einnehmen, offenbar sind eure Nachbarn, die Borg, schöner, klüger und glücklicher, euer Schicksal ist höchst ungewiß, in der weiteren Entwicklung des Kosmos seid ihr vermutlich eine Sackgasse, ihr seid defizitär und mangelhaft, und zu meinem Unglück ist es euch gelungen, mich in euch verliebt zu machen.“




B. Weiterer Anhang mit bunten Bildern



Einige Bilder der hier besprochenen Heldinnen.


Lara as Polygon
Lara Croft, wie sie im Spiel selbst erscheint (41 KB).

Lara Croft
Lara Croft als detailierteres Polygonbild (44 KB).

Asuka Langley
Asuka Langley aus „Neon-Genesis Evangelion“ (57 KB).

Peorth
Peorth aus „Oh! My Goddess!“ (110 KB).

Motoko Kusanagi
Motoko Kusanagi und einige Oktopoden aus „Ghost in the Shell“ (37 KB).

Ulrike Folkerts
Ulrike Folkerts (7 KB, leider habe ich kein größeres Bild auftreiben können).

Seven of Nine as Borg
Seven of Nine als Borg (66 KB).

Seven of Nine
Jeri Ryan als Seven of Nine, aus „Star Trek: Voyager“ (54 KB).


C. Nachwort 2000



Meine ursprüngliche Idee war es, einen Aufsatz über Lena Odenthal und einen kleinen Text über Seven of Nine zu schreiben, und mit beiden Texten bin ich noch immer recht zufrieden. Um die Zahl von drei Texten voll zu machen, fügte ich noch einige Betrachtungen über Lara Croft hinzu, auf diese Art und Weise das ohnehin schon reichlich vorhandene Geschwätz über Lara Croft unnütz und eitel vermehrend.

Vergangene Weihnachten versammelte sich meine Familie, und einige meiner Verwandten verspürten den Wunsch, mit meinen beiden Brüdern über Computerspiele zu fachsimpeln. „Na, habt ihr euch schon Tomb Raider IV besorgt, der Teil soll ja wieder besser sein als die letzten zwei, nicht, daß ich mich damit wirklich auskennen würde, aber das habe ich jedenfalls in einer Zeitschrift gelesen“, sagte meine Lieblingstante, und mein Lieblingsonkel fragte „habt ihr eigentlich auch dieses Spiel mit dieser berühmten Tomb Raider oder Anna Croft oder wie sie heißt?“, und meine Brüder murmelten „Nein“ und gaben zu verstehen, daß Tomb Raider in ihrer Wertschätzung nicht an oberster Stelle steht (befragt, was denn ihrer Meinung nach in den letzten Jahren gute Spiele waren, würden sie vielleicht antworten: Command&Conquer; Dungeon Keeper; Starcraft; aber so genau weiß ich das auch nicht). Ich fürchte fast, daß in ihren Augen selbst ein altes Pseudo-3D-Spiel wie Shadow Warrior („Better than acupuncture!“) in ihren Augen mehr Status als Tomb Raider hat. Jedenfalls, bei Leuten, die wirklich spielen, hat Tomb Raider längst nicht den gleichen Stellenwert und den gleichen Ruhm wie bei Leuten, die nicht spielen.

Inzwischen sind weibliche Charakere in Computerspielen etwas reichlicher gesät als ehedem; selbst in Quake 3 Arena dürfen sie mitlerweilen teilnehmen. Wundersamerweise hat Tomb Raider nichts desto trotz den Ruf eines Spiels für Jungs, so daß eine Frau sich wundern kann über „People who, when I say I like the game Tomb Raider, look at me funny or say "isn't that more of a boy's game?" Is it so freaking unbelievable that I might want to play a game that has a female avatar that I can identify with rather than a muscleheaded horndog like Duke Nukem?“

Das Zitat stammt aus der Internetseite von Heartless Bitches International, dort gibt es auch eine Auflistung von 11 Computerspielen mit weiblichen Hauptpersonen; besonders überzeugend ist die Liste nicht unbedingt: in Day of the Tentacle, einem zugegebenermaßen sehr komischen und nicht übermäßig klischeehaften Spiel, ist eine der drei Helden weiblich, aber 1/3 ist nicht unbedingt eine besonders großartige Quote, und Indiana Jones hat eine weibliche Helferin, nun ja.

Was also den Bereich der Computerspiele angeht, mag Lara Croft tatsächlich einen gewissen Neuigkeitswert besessen haben. Etwas unübersichtlicher wird es, wenn wir die Behauptung, starke Heldinnen seien in der Populärkultur generell selten, genauer belegen sollen. Wenn wir uns erneut an die Internetseite der Heartless Bitches International in der Hoffnung um Aufklärung wenden, dann finden wir dort, gegenüber 11 Computerspielen, immerhin über 200 Filme aufgelistet, in denen nach Meinung der Herausgeberinnen der Liste starke Frauen vorkommen. Aber die Liste selbst enthält dann doch wieder einige sehr zweifelhafte Streifen; daß etwa Krzysztof Kieslowskis Film „Weiß“ einen besonders prominenten weiblichen Charakter enthalten hätte, wäre mir nicht erinnerlich (eher schon „Blau“, aber ehrlich gesagt, ich glaube kaum, daß wir bei Krzysztof Kieslowski überhaupt fündig werden können); und daß „Barbed Wire“ ein besonders großartiger Film ist, würde ich auch eher bezweifeln: mir scheint es eher ein Film zu sein, in dem eine blonde dickbusige Baywatchschönheit vergeblich versucht, so zu tun, als sei sie ein cooler Kopfgeldjäger, was schon durch ihre lächerlichen Stöckelschuhe widerlegt wird. Lieber ist mir da schon Sigourney Weaver, die in Aldi-Unterwäsche und bibbernd vor Angst das Alien besiegt: eine wirkliche Frau, die in einer furchterregenden Situation sich genauso fürchtet, wie das jeder vernünftige und mit Verstand und Vorstellungsvermögen begabte Mensch tun würde, ihre Furcht aber überwinden kann und deshalb mutig ist (schade, daß diese gleichzeitig glaubwürdige und bewunderswerte Figur in keiner der völlig überflüssigen Fortsetzungen mehr auftaucht), aber Ellen Ripley habe ich ja auch schon weiter oben gelobt. Angeblich soll selbst Disney mit „Mulan“ einen Film mit einer weiblichen Heldin zustande gebracht haben, bei dem die wichtigste Frage nicht darin besteht, ob sie es schafft, von einem Prinzen geküßt zu werden, aber da ich seit einigen Jahren keine Disneyfilme mehr anschauen muß, kann ich diese Frage nicht beantworten. Alles in allem sind vielleicht 10 Prozent der Filme zurecht in dieser Liste, und davon kann nicht einmal die Hälfte einigermaßen anspruchsvollen Ansprüchen genügen.

Freilich, unser Anspruch war ja nicht, künstlerisch wertvolle Filme, sondern Filme der Populärkultur zu finden. Verzichten wir also auf jeden künstlerischen Anspruch, und gehen wir davon aus, daß ich nicht alle Filme gerecht beurteilen kann, weil ich ja nur einen Bruchteil davon gesehen habe und deshalb meine Hochrechnung ein klein wenig gewagt ist. Sagen wir also, zwanzig Prozent von zweihundert Filmen zeigen vorbildliche mutige Heldinnen von der Art, wie sie in „Bound“ oder „Fargo“ vorkommen: macht insgesamt vierzig Filme. Viel ist das nicht, aber auch nicht unbedingt verschwindend wenig. Die Behauptung mithin, tapfere weibliche Heldinnen kämen in der Populärkultur nahezu überhaupt nicht vor, läßt sich nicht so ganz aufrecht erhalten.

Dadurch stellt sich erneut die Frage, warum Lara Croft derartig populär wurde, da wir ja nicht länger behaupten können, eine drachentötende Heldin sei eine absolute Ausnahmeerscheinung in unserer Kultur. Es hängt wohl doch eher damit zusammen, daß in der populären Debatte Lara Croft als ein erster künstlicher Mensch, oder, schlimmer und dümmer, als erster „virtueller“ Mensch präsentiert wurde, so, als ob Lara Croft auch nur ein Fitzelchen wirklicher oder autonomer als Duke Nukem wäre oder der namenlose Marine aus Doom. So daß Frau Crofts Ruhm womöglich eigentlich auf einer Verwechslung beruht, auf dem zeitlichen Zusammentreffen ihrer Geburt und dem Aufkommen des allgemeinen Geschwätzes über Cyberspace und Virtualität, so daß sie sofort als Kronzeugin dieses Geschwätzes verpflichtet wurde.

Wer weiß. Jedenfalls wird sie mit jedem Sequel schöner, obwohl die Polygonfassung innerhalb des Spieles immer noch weit entfernt ist von der Polygonfassung, die außen auf der Packung abgebildet wurde, die ihrerseits immer noch weit entfernt ist von dem Detailreichtum des Anblicks eines wirklichen Menschen. Aber das ist womöglich auch nur noch eine Frage der Zeit, zumindest, wenn wir die Fortschritte extrapolieren, die bei der graphischen Darstellung von Computerspielen seit meiner Jugend (d.h., in den letzten fünf Jahren) erzielt wurden.

Ansonsten ermittelt Lena Odenthal noch immer so rabiat und unsensibel wie früher, und SAT 1, ein Programm, das ich zum Glück, mangels Satellitenempfang oder Kabel, nicht sehen muß, strahlt gerade die Star Trek Voyager-Folgen mit Seven of Nine aus, die in Amerika bereits kalter Kaffee sind und die ich immer noch nicht sehen möchte.




D. 2. Nachwort vom 2.7.2001



In einem ersten Anlauf wollte ich schreiben, bei erneuter Revision mit dem Aufsatz über Lena Odenthal noch am ehesten zufrieden zu sein, während Mängel im Aufsatz über Lara Croft mich dazu bewegten, diesen Aufsatz für den am wenigsten gelungenen zu halten. Trotz der leider nur allzu berechtigten Scheu, bei nochmaliger Lektüre meines eigenen Textes mit einer gehässigen Armada von dämlichsten Rechtschreibfehlern konfrontiert zu werden, die ich einmal, wenn ich viel Zeit haben sollte, gänzlich vertilgen werde (einen ersten Anlauf habe ich hiermit unternommen), habe ich mich aber doch entschlossen, noch einmal zu lesen, was ich da einst geschrieben habe, bevor ich eine Meinung dazu äußere. Und nun bin ich beinahe bereit, zuzugeben, daß der Text über Lena Odenthal vielleicht der am wenigsten interessante ist. Er beruht, von dem Exkurs über Rationalität und Intuition abgesehen, auf einem einzigen Einfall, nämlich dem Vergleich von Odenthal und Schimanski. Zwar vertete ich die These dieses Aufsatzes, daß Odenthal eine ebenso schlechte Polizistin ist wie Schimanski, noch immer, und der polemische Tonfall gefällt mir noch immer, andererseits ist doch dieser eine bescheidene Einfall kaum mit dem Feuerwerk der anderen beiden Aufsätze zu vergleichen, insbesondere nicht mit dem dritten Text. Von allen Fernsehkommissaren ist Lena Odenthal auch nicht die allerschrecklichste, sie ist harmlos und geradezu unterhaltsam im Vergleich etwa zu dem seltsamen Paralleluniversum Münchner Villenvororte, in denen Derrick seinen Psychoterror treibt, einem Paralleluniversum, das mit der Wirklichkeit nur noch sehr vage und lose verbunden ist. Aber auch nicht ganz so extrem sonderliche Fernsehkommissare ermitteln nicht in der wirklichen Welt, sondern in einer Kunstwelt. Das gilt selbst für die Stahlnetz-Filme, sowohl für die älteren wie die neueren, obwohl es sich doch hier um echteste, authentischste Fälle handeln soll. Die älteren beispielsweise leiden neben vielem anderen darunter, daß es in den fünfziger bis in die sechziger Jahre hinein (und gelegentlich wohl auch darüber hinaus) nicht möglich war, eine Frau unter dreißig Jahren darzustellen, bei der es sich nicht um eine kichernde, giggelnde, unendlich naive Halbdebile handelte (im übrigen durften damals schon, vor Odenthal, Frauen ermitteln). Der Realismus der neuen Folgen leidet beispielsweise unter der Neigung moderner Krimis, die Person von ein oder höchstens zwei Ermittlern in den Mittelpunkt zu stellen und diese beiden als außergewöhnliche Helden zu verehren. Gewöhnliche Ermittlungsarbeit ist dagegen meist eine kollektive Angelegenheit, und in der Regel funktioniert sie auch ohne ein einzelnes geniales Individuum. Eine Behörde kann ja auch gar nicht anders aufgebaut sein, sie muß ja auch dann funktionieren, wenn ihre Mitglieder gewöhnliche, durchschnittliche Menschen sind und keine Genies wie Sherlock Holmes. Ermittlungsbehörden sollen auch dann erfolgreich sein, wenn in ihnen keine interessanten, filmkompatiblen Helden arbeiten, sondern biedere Beamte, und dementsprechend sind sie und die Arbeit in ihnen konzipiert. Es sind also schon die Stahlnetzfilme viel weniger wirklichkeitsgetreu als etwa eine Reportage über den Polizeialltag, die ja auch schon eine Auswahl und eine Verzerrung der Wirklichkeit darstellt (da offensichtlich jemand, der weiß, daß sie gefilmt wird, sich anders verhält, als jemand, die das nicht weiß). Um so weniger dürfen wir erwarten, daß Tatortkommissare wirklichen Polizisten ähneln. Glücklicherweise, denn ließen Verbrechen sich nur durch einzelne Genies (und deren Intuition) aufklären und nicht eher durch die beharrliche und bescheidenere Arbeit von Teams von Normalbegabten, stünde es wohl schlecht um unsere Gesellschaft bestellt. Im übrigen, an anderer Stelle habe ich inzwischen darauf hingewiesen, daß der Krimi im Ergötzen des Zuschauers am Verbrechen besteht und deshalb moralisch tief unter der Pornographie steht. Wenn es sich dabei auch um eine Zuspitzung handelt, die so nicht ganz ernst gemeint ist (schließlich ist es mir recht gleichgültig, ob Unterhaltung moralisch anspruchsvoll ist oder nicht), es scheint doch an der Zeit, dieses dürre Thema fallen zu lassen.

Wenden wir uns statt dessen der Archäologie zu. Mittlerweile gibt es auch einen Realfilm zum Spiel. Die Hersteller waren geschmackvoll genug, die Hauptdarstellerin Angelina Jolie nicht in einem giftgrünen Hemdchen aus Plastik herumturnen zu lassen, und auch der Zopf ist nicht ganz so albern wie bei früheren Avataren (heute bezeichnet ein Avatar die Verkörperung eines Menschen durch ein virtuelles Wesen, aber die ursprüngliche Bedeutung des Wortes paßt weit besser zur Verkörperung eines virtuellen Wesens durch einen Menschen). Ansonsten ist ein Film über einen weiblichen Indiana Jones kein auch nur annähernd so interessantes Thema wie die ursprüngliche Spielfigur.

Vor der erneuten Lektüre meiner Aufsätze hatte ich ein wenig die Befürchtung, ich könne etwa wahnhafterweise Frau Croft zu einem Vorbild der Frauenbewegung erklärt haben; das wäre dann recht lächerlich gewesen bei einer langbeinigen dickbusigen Augenweide, die einige Männer zur Unterhaltung für einige andere Männer erschaffen habe. Zum Glück aber habe ich derartigen Blödsinn ja gar nicht geschrieben, statt dessen glänzt und funkelt der Aufsatz vor weitaus gelungeneren Einfällen. Mißglückt ist eher der Wurmfortsatz über die tapferen Japanerinnen. Es gibt in den Mangas und Animes viele Heldinnen, aber mit Feminismus hat das doch wohl, bei erneutem Nachdenken, wenig zu tun. Die Behauptung andererseits, es gebe sonst wenig kriegerische Heldenfrauen, beweist eher meine eigene Unbildung als irgend etwas anderes (siehe auch das vorangegangene Nachwort). Klugerweise habe ich meine Behauptung auf die Populärkultur eingeschränkt. Aber selbst da ist sie doch wohl falsch: es ist kaum zu bestreiten, daß Pentesilea, Brynhild oder Bradamante zu ihrer Zeit und in ihrem Kulturkreis außerordentlich populär waren. Und schließlich ist es ohnehin nichts besonders großartiges, anderen Leuten den Kopf abzuschlagen, und wenn es sich nur um einen armen Drachen handelt.

Das Juwel der Sammlung ist natürlich die Rede der Seven of Nine. Das einzig Ärgerliche ist, daß ich meine Rede ohne Not mit einer Vorabendserie verknüpft habe, dich ich kaum kenne und die ich im Grunde für medioker halte. Die Fans der Serie werden mutmaßlich Ungereimtheiten feststellen und Widersprüche zum offiziellen Serienuniversum. So ist mir etwa inzwischen zu Ohren gekommen, die Borg besäßen eine Art Bienenkönigin, so, wie ja auch die Aliens ab dem zweiten Teil unbedingt eine Königin haben müssen, obwohl doch in beiden Fällen die ursprüngliche Idee durch die Königin völlig verpfuscht wird. Die Aliens von Ridley Scott können sich völlig autonom vermehren, solange sie nur täppische außerirdische Raumfahrer treffen, die sie ausbeuten können, und die Idee einer Königin widerspricht diesem Zyklus völlig. Ameisen und Bienen haben eine Königin, Bandwürmer aber nicht, aus offensichtlichen Gründen. Die Borg, wie ich sie imaginiert habe, sind ein kollektiver Organismus, der eines Zentrums nicht bedarf. Die Serie hat sich, zu ihrem Schaden, anders entschieden (in praktischer Hinsicht hat sie sich natürlich nicht zu ihrem Schaden, sondern zu ihrem Nutzen entschieden, denn eine Königin läßt sich für allerlei dramatische Verwicklungen nutzen).

Andererseits, ein bereits vorgefertigtes Universum zu verwenden spart natürlich einiges an Arbeit. Die Ersparnis ist freilich nicht besonders groß, denn alles, was ich an Voraussetzungen verwende, habe ich ja im Vorwort der Rede aufgeführt. Bleibt schließlich nur, daß es mir widerstrebt, ein heimliches und verborgenes Plagiat zu begehen (auch wenn natürlich Star Trek seinerseits eine Sammlung von geschickten Plagiaten ist). So ist eben nichts vollkommen, und Sevens große Rede mit dem Makel niederer Abkunft behaftet.

Warum diese Rede so magisch und die Sprecherin so charmant wirkt, bei all den schrecklichen Dingen, die sie verkündet, kann ich selbst kaum sagen. Vielleicht ist es die unbedingte Wahrhaftigkeit, die naive Ehrlichkeit, wegen der wir ja auch etwa die Undine lieben, die spricht, wie ihr der Mund gewachsen ist, unverdorben von menschlichen Meinungen. Oder vielleicht, weil sie eben doch eine von uns ist, und stellvertretend für uns ein Staunen ausdrückt über die Ungeheuerlichkeit der Welt.




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Jan Thor
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