Orlando Furioso

Zu den vergriffenen Büchern zählt im deutschsprachigen Raum zur Zeit auch der „Rasende Roland“ von Ariost. Dies ist um so befremdlicher, als es sich um ein sehr gutes Buch handelt, von dem ich im folgenden ein wenig berichten möchte.



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Karl, genannt Karl der Große, wurde um 742 geboren und starb 814. In dieser Zeit war nicht nur das weströmische Reich vollständig erloschen, es waren auch noch keine neuen Zentralstaaten entstanden. Karl wanderte, unter bescheidensten Verhältnissen, in seinem Reich von Dorf zu Dorf (von Städten läßt sich in dieser Zeit kaum sprechen), er kann nirgends länger bleiben, da sein Hofstaat die entsprechende Siedlung in kürzester Zeit kahl frißt. Hauptsächlich führt er Krieg gegen die Sachsen, deren Länder er nahezu entvölkert, nebenher sorgt er für eine kurze Blüte in Kunst und Wissenschaft, obwohl er selbst wohl nicht lesen kann. Die Legende weiß uns erstaunliches von seiner Kraft und seiner Potenz zu berichten, und sie besteht auch darauf, Karl habe die Sarazenen aus Spanien vertrieben. Er erscheint als ausgesprochen märchenhafte Gestalt, befreundet mit Harun al-Raschid, und in jüngster Zeit ist sogar die These vorgeschlagen worden, es habe ihn überhaupt nie gegeben, eine These, die zumindest zeigt, wie dürftig und widersprüchlich unsere Quellen über Kaiser Karl sind.

Die große Schlacht zwischen Karl dem Großen und den Ungläubigen wurde alsbald das Thema spannender Geschichten und Erfindungen. In diesen Geschichten erhielt Karl einen treuen Gefährten, einen Paladin, den Grafen Hruotland der bretonischen Grenzmarken. Die Legende machte ihn zu einem Neffen des Kaisers (der Sohn von Karls Schwester Bertha), und sie will, daß dieser Hruotland oder Roland 778 im Kampf starb, sie weiß sogar zu berichten, daß es die Erzengel Michael und Gabriel waren, die seine Seele in Empfang nahmen. Der Erzbischof Turpin von Reims, der von 784 bis 794 amtierte, soll eine „Historia Karoli Magni et Rotholandi“ verfaßt haben, die aber wohl zweieinhalb Jahrhunderte später verfaßt wurde und deren Verfasser deshalb als Pseudo-Turpin bekannt ist. Seither haben sich spätere Autoren in ihren Erzählungen auf Turpin berufen, selbst noch im „Alethes von Lindenstein“ von Friedrich de la Motte Fouqué geistert Turpin herum, da sich der wahnsinnig gewordene Schwiegervater des Alethes für einen Paladin Karls des Großen hält. „Pfaffe Konrad“ (wie er sich selbst nennt), schrieb von 1168 bis 1172 ein „Rolandslied“, das uns erhalten geblieben ist und den Reigen der Rolandsgeschichten eröffnet.

In der Renaissance ist dann nicht nur der zeitliche Abstand zu Karl und Roland ein sehr großer geworden, auch die Einstellung zum Mittelalter und zu Rittergeschichten hat sich gewandelt. Es ist nicht länger möglich, diese Geschichten mit dem selben Ernst zu erzählen wie früher. Die Berufungen auf Turpin verbürgen nun nicht mehr die Wahrheit phantastischer Erzählungen, sondern sind augenzwinkernde Konvention. In dieser Zeit entstehen zwei italienische Neubearbeitungen, „Morgante maggiore“ von Luigi Pulcis, erschienen 1483, und „Orlando innamorato“ von Matteo Maria Bojardo, erschienen 1494. Der „Orlando innamorato“, der „verliebte Roland“, unvollendet geblieben, wurde zur unmittelbaren Vorlage für Ariost.



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Karl, der Kaiser der Christenheit, kämpft mit seinen Paladinen gegen die Sarazenen. Unter seinen Helden ist der vorzüglichste sein Neffe Roland, unverwundbar, Rüstungen nur zum Schmuck tragend, und die Kinder des Haimon von Dordogne, insbesondere Rinald, Richardet, Guido und die kriegerische Bradamante. Sein Gegner ist der Sarazenenkönig Agramant, zu den Ungläubigen zählen ferner die Helden Rodomonte, Roger, Ferragu und Gradaß, auch sie Könige oder Fürsten. Weiter lernen wir kennen den Meisterdieb Brunel und die schreckliche Kriegerin Marfisa. Die Geschichte Bojardos beginnt mit dem Eintreffen der blonden Chinesin (in diesen Geschichten sind alle blond, ob Franken, Chinesen, Mohren oder Inder) Angelika am Hofe Karls. Sogleich verlieben sich etliche der christlichen Helden in sie, darunter Roland, Rinald, Astolf, Grifon und Aquilant, im weiteren Verlauf der Erzählung jedoch auch Ferragu, der Tatarenkönig Agrikan und der Zirkassierkönig Sakripant. Die Geschichte endet denn auch, wie Angelika vor zweien dieser Verehrer flieht, vor Rinald und Ferragu, und an dieser Stelle nimmt Ariost im „Orlando furioso“, dem „Rasenden Roland“, den Faden der Erzählung wieder auf: Rinald und Ferragu eilen der fliehenden Schönen nach, wobei sie sich in der Not ein Pferd teilen müssen, was aufs schönste die Ritterlichkeit der Helden und die Fiktionalität der Geschichte beweist: „O Trefflichkeit der Ritter alter Zeiten!/ Als Nebenbuhler, grimmig aufgebracht,/ Verschiednen Glaubens, während noch vom Streiten/ Manch harter Hieb am Leib sich fühlbar macht,/ Ohn’ alle Furcht auf gleichem Rosse reiten/ Sie krummen Pfad entlang durch Waldesnacht!/ Vier Sporen fühlend, kommt gleich einem Pfeile/ Das Pferd hin, wo der Weg geht in zwei Teile.“ [I, 22] Ein weiterer Handlungsfaden, den Ariost von Bojardo übernimmt, ist die Geschichte des Roger. Dieser wurde von einem Adoptivvater, dem Zauberer Atlas, aufgezogen, und es wurde ihm geweissagt, er werde im Frankenland durch Verrat sterben, weshalb Atlas immer wieder mit magischen Mitteln versucht, Roger davon abzuhalten, am Kampf im Frankenland teilzunehmen. In einer gefährlichen Situation steht er ritterlich Bradamante bei, die sich daraufhin in ihn verliebt, und auch er verliebt sich in sie, nachdem sie den Helm abgenommen hat und er erkennt, daß sie ein Mädchen ist.



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Ludovico Ariosto lebte von 1474 bis 1533, seine Dramen, Stanzen, Satiren und insbesondere sein Epos vom rasenden Roland haben ihn noch zu Lebzeiten berühmt gemacht, und vor nicht allzu langer Zeit war er auch in Deutschland noch berühmt und gefeiert, Goethe und Schiller haben sein Werk in den höchsten Tönen gelobt, die Gebildeten selbstverständlich daraus zitiert. Dante und Boccaccio erleben eine Neuauflage nach der anderen, doch das Werk des Ariost scheint nicht länger zum kulturellen Kanon der Deutschen zu gehören. Schade, denn eigentlich ist Ariost lustiger zu lesen und geistreicher als Dante oder Boccaccio, auch als Goethe oder Schiller. So bleibt der neugierigen Leserin nur der Rat, sich antiquarisch eine ältere Ausgabe zu verschaffen. Ich selbst zitiere im folgenden aus den gesammelten Werken, die 1922 in Berlin in der Übersetzung von Alfons Kissner erschienen sind, nicht, weil ich diese Ausgabe und diese Übersetzung für besonders gelungen und empfehlenswert hielte, sondern weil es eine Ausgabe ist, in deren Besitz mich zu setzen mir geglückt ist.

Aber nicht nur wir heutigen Deutschen, auch ein italienischer Zeitgenosse Ariosts hat die Dichtung Ariosts nicht sonderlich geschätzt, nämlich Kardinal Ippolito d’Este. Das ist um so bedauerlicher, als Ariost lange Zeit im Dienst des Kardinals stand und ihm den Orlando gewidmet hat. Der Orlando enthält dementsprechend viele lobhudelnde Stellen über Hippolyt, die aber nicht viel genützt zu haben scheinen, und mit Fortschreiten des Werkes werden diese Lobhudeleien auch immer ironischer. Das Werk schließt mit den Worten „Pro bono malum“, was wir wohl so deuten dürfen, daß Ariost sich um eine angemessene Würdigung seiner Arbeit geprellt sah.

Wie der Titel „Der Rasende Roland“ andeutet, handelt das Epos vom Grafen Roland, der über die Liebe zur schönen Chinesenprinzessin Angelika wahnsinnig wird. In der Tat erzählt das Epos, wie es zu diesem Wahnsinn kam, und wie er geheilt wurde (ein Spin-off der Raumfahrt, sozusagen). Das aber nur nebenbei und neben tausend anderen Geschichten, die kunstvoll miteinander verflochten sind. Das ganze Epos ist mindestens so kompliziert und unterhaltsamer als eine Daily Soap, und ehe eine Geschichte langweilig werden könnte, springen wir rasch weiter zum nächsten Handlungsfaden. Eine andere Geschichte, die mindestens eben so wichtig ist wie die Geschichte des rasenden Rolands, im Grunde sogar mehr Raum beansprucht, ist die Geschichte von den Ahnen des Hauses Este. Ariost hat einen Stammbaum erfunden, der seinen geizigen Gönner auf die Personen aus dem Orlando furioso zurückführt (ebenso, wie Karl der Große in einem märchenhaften Stammbaum sich als Nachfahre des tapferen Trojaners Hektor erweist), das Haus Este geht nämlich, nach Ariost, auf die Kinder von Roger und Bradamante zurück, und entsprechend wird ihre Geschichte besonders ausführlich erzählt, einschließlich Prophezeiungen und Visionen über das Schicksal ihrer Nachfahren.

Vier der Handlungsfäden sind: die Geschichte Rogers und Bradamantes, die Raserei Rolands, die Flucht Angelikas und der Krieg zwischen Christen und Sarazenen. Weitere Handlungsfäden sind die Geschichten der Helden Gifron und Zerbin.



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Das Ineinander verschiedener Handlungsstränge ist oft sehr kunstvoll, es folgt jedoch keinem von vornherein fest stehenden Plan, vieles bleibt noch immer Improvisation, und an einigen Stellen ist dieser Geist spontaner Erfindung noch immer zu spüren. In XII 92, 1 (zwölfter Gesang, 92ste Strophe, 1ste Zeile) führt Ariost eine häßliche Alte ein, die zunächst nur eine Gefährtin von Räubern ist und als Nebenfigur namenlos bleiben kann. Sie taucht aber im folgenden immer wieder in der Handlung auf, und im XXIsten Gesang stattet Ariost sie, entsprechend dem dramatischen Gewicht, das sie allmählich gewonnen hat, mit einer Vorgeschichte aus. Aber nicht vor XXI 50, 2 erhält diese Alte einen Eigennamen, auf den sich Ariost beziehen kann, was es im folgenden erleichtert, die gräßliche Alte, Gabrina, eindeutig zu referenzieren. Eher war es eben nicht nötig gewesen, der Gestalt, bis dahin eine Randfigur, einen Namen zu geben, nun aber wird ihre Namenslosigkeit allmählich unbequem. Offensichtlich hat Ariost im XIIten Gesang selbst noch nichts von der Bedeutung Gabrinas geahnt, die ihr bis zum XXIsten Gesang zuwachsen würde, denn sonst hätte er sie ja gleich von Anfang an als Gabrina einführen können.

Am Ende des Buches gehen Ariost die Handlungsfäden aus: der Krieg zwischen Heiden und Christen ist zu Ende, der größte Teil der Schurken besiegt, Rolands Verstand ist wieder herbeigeschafft, und die Hochzeit zwischen Roger und Bradamante könnte alsobald stattfinden. Unglücklicherweise hat sich Ariost verpflichtet gefühlt, die übermenschliche Ritterlichkeit Rogers noch einmal gebührend herauszustreichen, weshalb noch ein Wurmfortsatz folgt, indem nochmals neue Personen, etwa der Prinz des byzantinischen Reiches, eingeführt werden, ein Wurmfortsatz, der meines Erachtens entbehrlich ist.

Ist eine Gestalt erst einmal eingeführt, so kann sie immer wieder verwendet werden. Die handelnden Personen werden gelegentlich auf Wartepositionen verschoben (besonders sclimm trifft es Astolf, der noch von Bojardo in eine Myrthe verwandelt wurde und von Ariost erst im achten Gesang befreit wird, dann aber noch zehn weitere Gesänge untätig im Reich der Zauberin warten muß), aus denen sie dann nach Belieben wieder herbeigerufen werden können. Es ist deshalb in der Ariostischen Welt auch schlechterdings unmöglich, ruhig, zufrieden und undramatisch zu leben. Der einzige Weg, ruhig, zufrieden und undramatisch zu leben, besteht darin, die Handlung zu verlassen. Eben dies tut Angelika. Nachdem ihr die bedeutendsten Fürsten und Helden der Christen und Heiden nachgestellt haben, gewährt sie einem recht unbedeutenden, aber als treu bewährten Krieger namens Medor, der erst einen Gesang zuvor in die Handlung eingeführt wurde, im XIXten Gesang das Kleinod ihres Jungferntums. Im XXIXten Gesang tauchen die beiden noch einmal kurz auf, auf der Flucht, in XLII 38 erfahren wir noch indirekt, daß sie auf dem Weg nach Indien sind, ansonsten sind sie für unsere Geschichte verschollen. Wir dürfen annehmen, daß Medor für seine Treue und Tapferkeit die Belohnung eines stillen und verborgenen Lebens erhielt, von dem aber Ariost uns nichts berichten kann. Die beiden verschwinden aus der Geschichte, sie fliehen weniger aus dem Frankenland (was könnte das denn auch nützen, wenn es überall Ritter und Zauberer gibt?) als aus dem Buch.



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Das übliche Verfahren im Krieg besteht darin, eine Stadt zu erobern, alle Männer zu ermorden und die Frauen zu vergewaltigen und zu verkaufen. Jedenfalls folgen die Kriege der Vorzeit, der Antike, des Mittelalters und der Neuzeit diesem Muster. In den Kriegen der italienischen Städte der Renaissance kommt es zu einem etwas anderen Vorgehen, da hier hauptsächlich Söldner gegen Söldner kämpfen. Ein Söldner mag nun wenig Bedenken haben, einen Zivilisten umzubringen, er wird aber zu vermeiden trachten, andere Söldner umzubringen, denn das ist ein gefährliches Geschäft und kann leicht mit dem eigenen Tod enden. Trafen deshalb zwei Söldnerheere aufeinander, so setzten sich die Anführer zusammen und erwogen, wer wie viele Truppen besaß, wer welchen Geländevorteil hatte, und dergleichen mehr, letztendlich, wer bei einer Schlacht den Sieg davontragen würde. Die Schlacht selbst dann tatsächlich stattfinden zu lassen wurde dadurch überflüssig. Verständlicherweise rät Machiavelli Fürsten und Republiken, sich eher auf Bürgerheere als auf Söldner zu verlassen. Der Krieg ist bei Homer blutiger Ernst, so, wie auch die deutschen Söldner, als sie 1527 in Rom einfielen, den Krieg ernst nahmen und zum üblichen Verfahren griffen. Ariost aber beschreibt ein artifizielles Spiel, die Auseinandersetzungen zwischen fiktiven Rittern, die ihre Ritterehre verteidigen und sich gewöhnlich außerordentlich edelmütig benehmen, und nur selten kommt jemand zu Tode, das wäre ja auch unökonomisch, die Bühne würde sich ja sonst allzu schnell leeren, und neues Personal müßte herbeigeschafft werden. Kämpfen zwei Ritter miteinander, so werden sie durch ein plötzlich dazwischentretendes Ereignis auch wieder getrennt. Cervantes hat später einen noch edleren und noch unglaubwürdigeren Ritter erfunden, der überhaupt nie jemanden tötet und seine Kämpfe nur in der Phantasie austrägt, und auch Wieland äußert wortreich sein Bedauern, wenn er in seinem „Neuen Amadis“ zwei Ritter gegeneinander antreten läßt und einen von beiden sterben lassen muß. Da ja das Umbringen von Menschen eigentlich kein besonders ruhmreiches Geschäft ist, ist es vielleicht kein Zufall, daß die berühmtesten Ritterromane neuerer Zeit solche sind, die die Ritter nicht ernst nehmen und grausige Massaker meiden, also die erwähnten „Orlando furioso“, „Don Quichote“ oder „Der neue Amadis“, im Gegensatz zu Erzählungen früherer Zeiten, also etwa den Mythen von Herakles oder den Sagen von Dietrich von Bern oder anderen berühmten Totschlägern (wer nach einer eher blutigen und realistischeren Geschichte sagenhafter Totschläger sucht, dem seien „Die glücklichen Krieger“ von Halldór Laxness empfohlen).

Die Ariostschen Ritter sind stets begierig, jemanden umzubringen, es kommt nur selten dazu. Ebenso gemildert ist die andere Seite des kriegerischen Verhaltens aus Mord und Vergewaltigung: zwar sind die Ritter stets begierig, den Frauen das Kleinod ihres Mädchentums zu rauben, es kommt aber selten dazu, meist kommt etwas anderes dazwischen. Dabei erinnert die Gier der Ritter nach den Frauen an die Denksportaufgabe des Bauern, der mit seinem Kahn einen Sack Getreide, eine Gans und einen Fuchs über den Fluß bringen will und immer nur eines gleichzeitig transportieren kann. Ebenso, wie er den Fuchs nicht allein mit der Gans zurücklassen darf, ebenso darf ein Ritter nicht mit einer Frau allein gelassen werden. Selbst der tugendhafte Held Roger versucht, kaum ist er mit Angelika allein, sie zu vergewaltigen (was aber mißlingt, da Angelika einen Ring besitzt, der sie unsichtbar macht). Sorgfältig setzt Ariost die seltsamsten Zufälle in Gang, um die Tugend seiner Heldinnen zu schützen. Befriedigt lesen wir, wie Isabell es gelingt, sich ihre Jungfräulichkeit zu bewahren, indem sie sich auf eine komplizierte und umständliche Art umbringen läßt. Wenn es aber Rodomont gelingen würde, sie zu vergewaltigen, wäre sie dann weniger tugendhaft? Vielleicht nicht, aber vielleicht würden wir dann ihre Geschichte mit geringerem Vergnügen lesen (immerhin besitzt der „Rasende Roland“ nicht die Künstlichkeit von Heliodors Geschichte von Theagenes und Chariklea, die ausschließlich davon handelt, wie die beiden Liebenden von einer Gefährdung ihrer Keuschheit zur nächsten stolpern), da wir lieber Geschichten vom Sieg der Tugend als vom wirklichen Leben lesen.

Übrigens setzt eine beliebte mittelalterliche Metapher Sex mit Krieg gleich. Auch Ariost kennt diese Metapher, etwa XXV 68.



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Zwei kriegerische Frauen hat Ariost von Bojardo übernommen, Bradamante und Marfisa. Beide werden des öfteren für Männer gehalten, was damit zu tun haben mag, daß beide in Ariosts Phantasie Rüstungen des hohen Mittelalters tragen, die den Zeitgenossen des historischen Kaisers Karl vermutlich unbekannt gewesen sein dürften. Vielleicht steckt darin auch eine mittelalterliche Vorstellung, daß Männer und Frauen sich im Aussehen hauptsächlich durch die Kleidung unterscheiden und in gleicher Kleidung kaum zu unterscheiden wäre, eine Ansicht, die damals kaum durch Gegenbeispiele erschüttert werden konnte. Einmal wird Bradamante sogar noch für einen Mann gehalten, nachdem sie ihren Helm abgenommen hat, weil sie zufällig gerade kurzes Haar trägt (ihr langes Haar war sonst das einzige Merkmal, das es ermöglichte, sie von ihrem Zwillingsbruder Richardet zu unterscheiden), so daß Flordespina sich in sie verliebt. Ihr Zwillingsbruder Richardet erzählt, wie Bradamante und Flordespina gemeinsam zur Jagd gehen und sich danach im Gras ausruhen: „Wie der Entdeckung Sorge nun geschwunden/ Und sie mit ihr allein am stillen Ort,/ Enthüllt sie nach und nach des Busens Wunden,/ Des pfeilgetroffnen, durch Gebärd’ und Wort./ Dem Herzen haben Seufzer sich entwunden,/ Die Wünsche kündend, die sich bergen dort./ Erbleichen und Erglühn davon erzählen,/ Und einen Kuß wagt sie zuletzt zu stehlen.// Nun hatte meine Schwester wohl gesehen,/ Welcher Verblendung jene sich geweiht./ Und konnt’ ihr helfend nicht zu Diensten stehen/ Und war gewaltig in Verlegenheit./ Sie sprach zu sich: ich laß den Wahn vergehen, Den dummen, drin befangen ist die Maid [...]// Geschickt und klug spann sie der Rede Fädchen/ Und sagt’ ihr ganz zuletzt, sie sei ein Mädchen// Und komm’ aus Mohrenland, um zu erraffen/ Ruhm, wie Camilla und Hippolyta,/ Geübt am Meer von Jugend auf in Waffen/ Dort in der Stadt Arzill in Afrika./ Doch all dies wollte Lindrung nicht verschaffen/ Den Gluten des verliebten Mädchens da./ Zu spät kam dieses Mittel eine Weile,/ Denn gar zu tief schon steckten Amors Pfeile.“ [XXV 29 - 32] Dabei müssen wir uns Bradamante durchaus als Muster weiblicher Schönheit vorstellen: im XXXIIsten Gesang erweist sie sich nicht nur als der geschicksteste Krieger, sondern auch als die schönste Dame („Und ihre Schönheit just so überwiege,/ Wie sie an Wert die Krieger all besiege“ [XXXII 98, 7 - 8]). Ihr Verhältnis zu ihren Eltern freilich ist ein wenig angespannt: sie revoltiert nicht offen gegen Schicklichkeit und kindlichen Gehorsam, sucht sich aber doch dem elterlichen Einflußbereich zu entziehen. Sie verlobt sich heimlich, was nach mittelalterlichem Recht gleichbedeutend ist mit der Eheschließung. Und als sie einmal eher zufällig am elterlich Montalban vorbeireitet, erschrickt sie geradezu, versehentlich wieder in die elterliche Machtsphäre geraten zu sein („Und zieht sie nicht davon, vor Leid vergehen/ Und heißer Liebessehnsucht muß sie dann:/ Der Anblick Rogers, ach, ist ihr genommen,/ Und was geplant, wird nicht zustandekommen.“ [XXIII 21, 5 - 8]).

Mehr noch als Bradamante, die Liebende, ist Marfisa in ihrem Handeln von dem Wunsch nach Ruhm getrieben. Eben deswegen bindet sie mit jedem Ritter an, der ihr begegnet. Wie Bradamante gerät sie in eine Situation, in der von ihr als Ritter verlangt wird, sich auch als Mann zu bewähren: im Frauenreich von Alexandrette im XIXten Gesang muß sie, um sich und ihre Gefährten zu retten, nicht nur zehn Krieger besiegen, sondern auch in einer Nacht mit zehn Frauen schlafen, denn so wollen es die grausamen und interessanten Gesetze des Landes. Was anderen Rittern, etwa Guido, gelungen ist, ist ihr natürlich unmöglich: da helfen dann nur noch Gewalt und Zauberei. Allerdings kann auch Marfisa sich einmal, wird sie darum gebeten, im Kleid zeigen, so etwa XXVI 69. Wenn aber Mandrikard sie deswegen nicht als Ritter erkennt, so wird er alsbald eines besseren belehrt. Aus Ruhmsucht und Neugier will sie gegen die Paladine Karls kämpfen. Erst, als sie, in einer höchst dramatischen Szene (XXXVIster Gesang), in der sie unwissentlich beinahe Zwillingsbruder und Schwägerin umbringt, ihre wahre Herkunft erfährt, erhält ihre Kampfeslust ein konkretes Ziel, Rache für den ermordeten Vater, worauf sie die Seite wechselt, sich Karl anschließt und sich taufen läßt.

Im Vergleich zu früheren Kriegerinnen, wie Manalipe, Hippolyte, Penthesilea, Camilla, Zenobia, Sigdrifa oder Brynhild, erscheinen Bradamante und Marfisa als ausgesprochen liebenswürdige Gestalten. Zwar, wenn Bradamante auszieht, ihre Nebenbuhlerin umzubringen, handelt es sich um eine Konfliklösungsstrategie, die vielleicht nicht uneingeschränkt gutzuheißen ist, sie bewegt sich freilich mit dieser Totschlagmoral innerhalb der moralischen Sphäre der Ritter, die Ariost in seinem Werk voraussetzt. Davon abgesehen, sind beide durchaus charmante Gestalten, wobei Ariost beide unterschiedlich gestaltet hat: die kriegerische Bradamante, die aber doch auch sich nach ihrer Hochzeit sehnt und Konflikte mit ihren Eltern auszustehen hat, die kriegerische Marfisa, wie Sigurd oder Batman ein Waisenkind, deren höchstes Ziel kriegerischer Ruhm ist und die allein bleibt.



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Ariost setzt die Geschichte Bojardos fort, das Personal seiner Erzählung hat er zum größten Teil ererbt. Ansonsten plündert, zitiert und adaptiert er Geschichten aus verschiedensten Quellen. Es ist ihm deshalb auch der Vorwurf gemacht worden, wenig eigene Phantasie zu besitzen, ja, recht eigentlich eher ein Plagiator als ein Künstler zu sein. Ein Plagiator ist Ariost offensichtlich insofern nicht, insofern er mit einem gebildeten Publikum rechnet, das seine Zitate und Anspielungen erkennen und goutieren kann. Auch ist ihm mit all den übernommenen und entlehnten Geschichten ein stimmiges Ganzes gelungen, das weit unterhaltsamer zu lesen ist, als die meisten seiner Quellen. Es fügen sich freilich nicht alle Entlehnungen gleich gut in seine Geschichte. Wenn Ariost etwa die bekannte Geschichte von Odysseus und dem Riesen Polyphem wiederholt (eine Geschichte, die sich auch bei Sindbad dem Seefahrer findet), wobei der Riese hier zu einem Ork wird, so erscheint seine Neufassung als eine überflüssige Verdopplung der alten Geschichte, die uns nichts Neues beschert und ein wenig wie ein uninspiriertes Füllsel wiederholt. Wenn Ariost die Geschichte von Perseus und Andromeda wiederholt, wobei Roger Angelika vor der Orka rettet, so wirkt seine Fassung weniger geschickt konstruiert als die ursprüngliche Version: Perseus rettet seine zukünftige Ehefrau, Roger eine flüchtige Bekannte, darüber hinaus darf Roger das Ungeheuer noch nicht einmal endgültig erschlagen, weil es in einem späteren Gesang noch einmal gebraucht wird. Andererseits verdient es unsere Bewunderung, wie Ariost aus Astolf ganz nebenbei einen zweiten Dante macht, der nebenbei Himmel und Hölle bereist, wobei die Reise ins Paradies gleichzeitig eine Reise zum Mond ist. Auch die Reise zum Mond hat literarische Vorbilder, etwa Lukian, aber Ariosts Schilderung der Wunder des Mondes ist weit ökonomischer als die verschwenderische und ziellose Beredsamkeit Lukians. Bei Ariost ist der Mond der Ort, an dem sich die Gegenstände sammeln, die auf der Erde verloren gingen. Also findet Astolf hier auch Rolands verloren gegangenen Verstand.

Es gibt viele Geschichten, Anekdoten und Märlein über die Untreue und Unbeständigkeit der Frauen. Ariost seinerseits bemüht sich, in seinem Gesang vom kühnen Paladin Roland, den Frauen zu schmeicheln. Weit eher als Ippolyt sind es die schönen Frauen, den sein Buch gewidmet ist und denen es huldigt. Dennoch, es gelingt ihm nicht, auch nur eine Geschichte über die Untreue der Frauen, die ihm aufgrund seiner Belesenheit begegnet ist, zurückzuhalten. So widmet er einer dieser Geschichten einen ganzen Gesang, beeilt sich aber, den Damen zu versichern, wie sehr er sie schätze und wie sehr all diese Geschichten auf Lügen und unzulässigen Verallgemeinerungen beruhten. Es ist hierin natürlich auch ein ironisches Spiel, es gibt dies Ariost Gelegenheit zu besonders artigen Entschuldigungen, und wenn er den Damen empfiehlt, das folgende Kapitel doch am besten gleich ganz zu überschlagen, so erzielt er damit durchaus eine beabsichtigte komische Wirkung. Es zeigt aber doch auch die Abhängigkeit Ariosts von seinen Quellen. Was die ihm lieferten, kann er zwar umgestalten, Stroh zu Gold spinnen, es bleibt aber doch noch das rohe Ausgangsmaterial erkennbar, und es war ihm wohl nicht möglich, diese Geschichten über die Untreue der Frauen auszulassen. Es mag ihm mit diesen Geschichten gegangen sein wie mit einem guten, aber unpassenden Witz, den nicht zu erzählen nur die Stärksten unter uns vermögen. Möglich freilich auch, daß er diese Geschichten erzählte, um sie kommentierend um so mehr entkräften zu können. Auch hat ja sein Frauenlob, wie alles bei ihm, etwas ironisches, und Geschichten über die Untreue der Frauen schienen ihm wohl weniger von der Wirklichkeit entfernt, als er vorgibt zu glauben. Jedenfalls sehen wir einen Ariost, der sich dafür entschuldigt, daß er die Geschichten erzählt, die er erzählt, und er beruft sich dabei auf seine Quellen, die nun einmal seien, wie sie seien, da er ja nur wiedergebe, was Turpin zu berichten gewußt habe.

Im übrigen ist später auch der Orlando Furioso zum Steinbruch für spätere Autoren geworden. Die Geschichte des Amadis hat (worauf Wieland anläßlich der Abfassung seines „Neuen Amadis“ aufmerksam machte) Stellen aus dem Orlando wörtlich übernommen, darunter etwa die Strophen I 42 und 43 (die wiederum von Catull angeregt wurden). Wir haben also hier den Fall, daß eine ernst gemeinte Rittergeschichte eine Parodie der Rittergeschichten plagiiert.



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Im indischen Epos Mahābhārata verspielt Yudhisthira, der Älteste der Pāndavas, sein Königreich, obwohl er weiß, daß sein Gegenspieler, Shakuni, ein Betrüger ist (der auch nach mehrmaliger Aufforderung nicht bereit ist, zu beteuern, ehrlich zu spielen), und warum? Weil er gelobt hat, niemals einer Herausforderung auszuweichen. Arjuna teilt die schöne Draupadi mit seinen Brüdern, und warum? Weil seine Mutter gesagt hat, er solle alles, was er habe, mit seinen Brüdern teilen, und er seiner Mutter gehorchen will. Das ganze Epos ist voller Beispiele unglaublicher Besessenheit von Ehre. Aber obwohl vielleicht das Mahābhārata das extremste Beispiel von Ehrenhaftigkeit sein mag, stehen die Ritter der Ritterromane ihm kaum nach. Don Quixote fordert von den Händlern, sie sollten Dulzinea von Toboso zur schönsten Dame der Welt erklären, ohne sie gesehen zu haben, denn „wenn ich sie euch zeigte, was hättet ihr dann getan, eine so bekannte Wahrheit zu gestehen? Es ist vonnöten, da ihr es ohne zu sehen glaubt, gesteht, behauptet, beschwört und dafür kämpft; wo nicht, so beginnt der Streit, ungezogenes und stolzes Volk.“ Die Ritter des Ariost sind weniger eifrig darin, für den Ruhm ihrer Damen zu streiten, zumeist ist es ihnen eher darum zu tun, sich in den Besitz dieser Damen zu setzen, wobei sie Gewalt durchaus nicht verschmähen: in der Geschichte der ehrbesessenen Ritter kommt es des öfteren beinahe zu Vergewaltigungen, die immer wieder nur durch einen Deus ex Machina in Gestalt einer plötzlich auftauchenden dritten Person abgewendet werden können. Es fühlen sich freilich die besiegten Ritter verpflichtet, sich dem Urteil des Besiegten Ritters zu unterwerfen. Marfisa läßt aus Gutmütigkeit die gräßliche Gabrina auf ihrem Pferd reiten. Sie begegnet Pinabel und seiner Frau, die sie und die Alte verspotten. In ihrer Ehre getroffen, sticht Marfisa Pinabel vom Pferd und zwingt seine Dame, ihre kostbaren Kleider Gabrina zu überlassen. Für diesen Schmach schwört Pinabel Rache (wobei uns interessanterweise bereits indirekt von seinen Vorbereitungen zur Rache erzählt wird, ehe uns von seiner Begegnung mit Marfisa erzählt wird: Ariosts Erzählzeit ist nicht linear, sondern springt vor und zurück), und daraus ergeben sich im Folgenden dann weitere Verwicklungen. Als nächstes begegnet Marfisa Zerbin, der sich beim Anblick der geschmückten und geputzten Gabrina das Lachen nicht verbeißen kann. Da Marfisa unter ihrem Helm nicht als Mädchen kenntlich ist, hält Zerbin Gabrina für die Herzensdame Marfisas und spottet entsprechend. Erneut in ihrer Ehre getroffen, fordert Marfisa Zerbin zum Kampf, der zunächst ablehnt, da er dabei ja nichts gewinnen zu können glaubt: siegt er, was soll ihm dann Gabrina? Daraufhin schlägt Marfisa vor: sollte Zerbin im Kampf unterliegen, so ist Zerbin verpflichtet, Gabrina mit sich zu nehmen. Bereits eine Strophe später sinkt Zerbin ohnmächtig ins Gras und ist im folgenden durch seine Ritterehre verpflichtet, Gabrina mit sich herumzuschleppen und zu verteidigen. Das tut er denn auch, selbst gegen Hermon von Holland, der Gabrina kennt und Zerbin ihre Geschichte entdeckt. Später wird Zerbin Gabrina an den schurkischen Odrich los. Der aber ist kein edler Ritter, der sich an sein Wort gebunden hält, und erhängt Gabrina. Für diese unritterliche Wortbrüchigkeit (das Unedle besteht nicht in dem Mord, der wegen Gabrinas Verbrechen als gerecht betrachtet wird, sondern im Wortbruch) wird Odrich von Almon getötet. Und damit endet Gabrinas Geschichte. Pinabel übrigens setzt seine Rache dadurch in Gang, daß er die Ehre von vier Rittern benutzt, die er sich durch einen heimtückisch erzwungenen Eid verpflichtet.

Ein weiterer Punkt der Ehre ist, im Kampf auf unfairen Vorteil zu verzichten. Roland etwa wirft ein anachronistisches Gewehr ins Meer (IX 89 - 91), Roger einen Schild, den er auf umständlichen Wegen von seinem Adoptivvater erhalten hat und dessen Anblick Ohnmacht verursacht, in einen Brunnen (XXII 90 - 92), beide, um nicht in ihrem Ruhm geschmälert zu werden. Zweimal muß Roger darüber hinaus einen Kampf kämpfen, den zu gewinnen er nicht wünschen kann, einmal im Entscheidungskampf Christen gegen Heiden, einmal im Turnier um Bradamante, als Prinz von Byzanz verkleidet, so daß er in tragische, zugleich aber auch ziemlich artifizielle Konflikte gestürzt wird zwischen sich widersprechenden Forderungen der Ehre.



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Um der geneigten Leserin das Maul auf Ariost recht wässrig zu machen, zitiere ich zum Abschluß im folgenden als Probestück und Appetithappen ein längeres Stück aus dem XXIIsten Gesang, nämlich die Strophen (oder Stanzen, wie wir Fachleute sagen) 15 bis 37. Die Situation ist diese: der Zauberer Atlas hat ein Zauberschloß gebaut, voller Sinnestäuschungen, in das die Ritter durch verschiedene Erscheinungen gelockt werden und wo sie aneinander vorbeiirren, ohne einander zu erkennen. Mit diesem Zauberschloß soll Roger gefangen werden, was auch gelungen ist, aber nicht nur Roger, auch Bradamante und ein Großteil der uns bekannten Ritter irrt durch das Schloß. Nun ist auch Astolf in das Trugschloß geraten, auf der Suche nach seinem Pferd Rabikan, das er (durch eine Sinnestäuschung) entführt glaubte. Astolf ist in den Besitz eines wunderbaren Horns gelangt, dessen Klang alle Feinde verscheucht und seinen Träger recht einsam machen kann. Zum Verständnis sei noch angemerkt, daß Logistilla eine Fee ist, der Astolf einige Gesänge zuvor begegnet ist. „Galafrons Kind“ ist die schöne Prinzessin Angelika, die sich Roger entzog, indem sie sich unsichtbar machte. Das Flügelpferd gehört Atlas, war aber eine Zeitlang in Rogers Besitz.

Auftritt Astolfs, der sein Pferd im Spukschloß sucht.

Er läuft umher und sucht an allen Ecken,

Durch Gänge, Zimmer, bis zum Dach hinauf,

Jedoch kein Lohn wird aller Müh’ des Recken,

Den argen Räuber treibt er nirgends auf.

Er forscht umsonst, wo Rabikan mag stecken,

Der jedes andre Tier besiegt im Lauf,

Und gänzlich ohne Frucht bleibt sein Beginnen,

Ob auf und ab er suche, draußen, drinnen.

Verwirrt und müde, sich zu drehn im Kreise,

Merkt er, daß dieser Ort verzaubert war,

Und jenes Büchleins, das ihm für die Reise

In Indien Logistilla reichte dar,

Weil’s gegen Zauber nützlich sich erweise,

Dacht’ er, und des Registers nahm er wahr:

Da fand er bald heraus, auf welchem Blatte

Man gegen solchen Spuk ein Mittel hatte.

Vom Zauberhaus war viel an jener Stelle

Des Buchs die Rede, und man gab auch an,

Auf welche Weise er den Magier prelle

Und der Gefangnen Bande löse dann:

Ein Geist sei eingeschlossen in der Schwelle,

Der all den Trug und Zauberspuk ersann;

Hebt man den Stein, die Gruft ihm zu erschließen,

So wird durch ihn das Haus in Rauch zerfließen.

Ein Werk so ruhmeswürdig zu vollenden,

Ist eifrig unser Paladin erpicht:

Er bückt sich, prüft dann sorglich mit den Händen,

Wie schwer wohl sein mag jenes Steins Gewicht.

Als Atlas sieht, es naht, den Trug zu enden,

Ein Armepaar, das leicht den Zauber bricht,

Schaut er besorgt dem, was geschieht, entgegen

Und sucht mit neuem Spuke sich zu regen.

Den andern ließ er Astolf jetzt erscheinen,

Durch Geister, in Gestalten mannigfalt:

Er war ein Ries’, ein Bäuerlein den einen,

Während er jenen als ihr Todfeind galt;

Und allesamt just den zu sehen meinen,

Von dem sich Atlas borgte die Gestalt:

Den Dieb, durch den bald dies, bald das verschwunden,

Den wähnen sie im Paladin gefunden.

Roger, Gradaß, Irold und Bradamante,

Prasild und Brandimart in voller Hast

Auf Astolf jeder, ihn zu töten, rannte,

Von blinder Wut und Irrtum jäh erfaßt;

Doch der jetzund zu seinem Horn sich wandte,

Vor dem der kühnste Mut gar rasch erblaßt.

Half er sich nicht durch seines Hornes Klänge,

Tot läge schon der Herzog im Gedränge.

Allein nun er das Horn geführt zum Munde

Und schallen läßt den grauenvollen Ton,

Wie Tauben vor dem Schuß, so in der Runde

Die edlen Ritter stäuben all davon.

Der Hexenmeister ist zur selben Stunde

Entsetzt aus seinem Höhlenloch geflohn:

Bleich und verstört, fort eilt er weite Strecken,

Bis nicht mehr hörbar ist das Horn der Schrecken.

Der Wächter flieht und sie, die er in Haft hat,

Es flieht zum Stall hinaus der Pferde Hauf,

Weil jetzt kein Strick mehr, sie zu halten, Kraft hat,

Und folgen ihrem Herrn in vollem Lauf.

Selbst Katz’ und Maulwurf aus dem Haus geschafft hat

Der Ton, der immer dröhnt: Nur drauf! Nur drauf!

Und Rabikan wär’ auch davongegangen,

Ward aber von dem Herrn am Tor gefangen.

Als Atlas und die andern laufen gingen,

Hob Astolf von der Schwelle jenen Stein

Und fand ein Bild mit sonst noch andren Dingen,

Die zu beschreiben nicht wird nötig sein.

Vernichtung all dem Zauberwerk zu bringen,

Schlug er, was er gefunden, kurz und klein,

So wie’s in seinem Buch war angegeben,

Und sah das Schloß in Rauch und Dunst entschweben.

Er fand, von goldner Kette festgehalten,

Den Renner, der einst Roger ward beschert

Von jenem Mohrenzauberer, dem alten;

Hin zu Alcine trug ihn dieses Pferd,

Und Logistilla ließ den Zaum gestalten:

Nach Frankreich ist er dann zurückgekehrt,

Nachdem von Indien bis zum Land der Britten

Er schier die halbe Erdenwelt durchritten.

Er ließ ihn dort, an einen Baum gebunden,

Am Tag - ich weiß nicht, ob Ihr Euch entsinnt -,

Da, nackt, vor Rogers Blick war fortgeschwunden,

Ihm zum Verdruß, von Galafron das Kind.

Das Flügelpferd hat dann den Weg gefunden,

Derweilen Roger staunt, zum Herrn geschwind

Und ist bei ihm die ganze Zeit geblieben,

Bis jetzt des Zaubers Kraft ward ausgetrieben.

Erwünschtres konnte wahrlich nicht geschehen,

Als unserm Herzog ward jetzund beschert,

Denn um zu schaun, was noch verblieb zu sehen,

Von Meer und Ländern, wie sein Herz begehrt,

Und durch die Welt in kurzer Zeit zu gehen,

Kommt höchst gelegen dieses Flügelpferd.

Er weiß gar wohl, es kann ihn trefflich tragen,

Weil er’s erprobte schon in frühern Tagen.

Damals in Indien war’s, als von Melissen,

Der gütigen und weisen Zauberin,

Er ward der Hand der Schändlichen entrissen,

Die ihn gebannt hielt in der Myrte drin.

Wohl gab er acht und sah, wie mit gewissen

Griffen sie zwang des Hengstes trotz’gen Sinn,

Und ihn zu lenken ganz nach seinem Willen,

Erlernte Roger dort bei Logistillen.

Entschlossen, auf dem Hengst davonzureiten,

Legt’ er den eignen Sattel auf das Tier,

Und einen Zaum verstand er zu bereiten

Aus dem und jenem, bis es paßte schier;

Denn als die Pferde flohn nach allen Seiten,

Blieben von ihnen viele Zügel hier.

Sofort würd’ er das Tier gen Himmel lenken,

Doch Rabikans muß er mit Sorge denken.

Und wohl war, ihn zu lieben, Grund vorhanden:

Beim Lanzenritt, da war kein Roß wie er;

Von Indien weit in fernsten Morgenlanden

Trug er ihn nach dem Frankenreiche her.

Er sann - bis beßre Pläne nicht sich fanden,

Als daß er einem Freund zu schenken wär’;

Man durft’ ihn doch nicht auf der Straße lassen,

Wo ihn der erste beste konnte fassen.

Lang lugt er aus, ob er nicht sähe schreiten,

Sei’s Jäger oder Bauer, durch den Wald,

Der irgendwo ihn könne hingeleiten,

Wo Rabikan find’ einen Aufenthalt.

Er steht und blickt umher nach allen Seiten

Den ganzen Tag; schon naht der Morgen bald.

Da meint er bei dem früh’sten Dämmergrauen

Im Dickicht einen Rittersmann zu schauen.

Nun kann ich jetzt noch nicht von Weitrem singen,

Will erst nach Roger sehn und Bradamant.

Als nicht das Schreckenshorn mehr hörte klingen

Das schöne Paar und schon sich weit befand,

Da mußte Roger zum Bewußtsein dringen,

Was ihm bisher verbarg des Atlas Hand:

Die Möglichkeiten, kennen sich zu lernen,

Wußt’ ihnen jener immer zu entfernen.

Er schaut sie an, in seligem Entzücken;

Aus ihren Blicken helles Staunen sprüht,

Daß ihm von jenes Alten Zauberstücken

Verdunkelt wurden Augen wie Gemüt.

Er muß ans Herz die schöne Holde drücken,

Darob sie höher als die Rose glüht.

Das Glück vergönnt ihm, von den zarten Lippen

Der Liebe süßen Blütenhauch zu nippen.

Das Herzen und das Küssen will nicht enden,

Wie halten sie so innig sich umfaßt!

Welch frohe Seufzer - sie zum Himmel senden!

Die hohe Wonne sprengt den Busen fast.

Sie klagen nur, daß in den Zauberwänden

Sie ziellos irrten in beklommner Hast,

Blind für einander, wie behexte Toren,

Und daß so mancher Glückstag ging verloren.

Gewillt ist Bradamant, ihm zu bescheren

Die Freuden alle, die ein Mägdelein

Dem Liebsten wohl vergönnen mag in Ehren,

Um ihn von jeder Trauer zu befrein,

Und sagt, woll’ er das Höchste nicht entbehren

Nicht spröd und hart sie machen obendrein,

Mög’ er um sie bei Haimon werben gehen;

Doch vorher wolle sie getauft ihn sehen.

Und er, nicht nur als Christ für sie zu leben

Wär’ er in seiner Liebesglut bereit,

So wie es einst sein Vater war, daneben

Das ganze Haus einmal in frührer Zeit,

Nein, freudig würd’ er auch sein Leben geben

Und hätt’ es augenblicklich ihr geweiht:

,,Für dich“, sprach er, ,,nicht nur ins Wasserbecken

Würd’ ich den Kopf, nein, auch ins Feuer stecken.“

Zur Taufe, und - die Gattin zu erringen,

Macht er sich auf den Weg mit Bradamant.

Sie eilt, nach Vallombrosa ihn zu bringen

(Ein schönes Kloster wurde so genannt,

So reich wie fromm, gastfrei vor allen Dingen,

Drin Aufnahm’ allzeit jeder Wandrer fand).

Da sehn sie, als sie aus dem Walde gehen,

Ein Mädchen tiefbetrübt am Walde stehen.

Als Roger - mild und gütig alle Zeiten,

Gegen ein Weib noch mehr als einen Mann -

Die holde Tränenflut sah lieblich gleiten,

Wie sie vom zarten Antlitz niederrann,

Erführ’ er gern, was ihr solch Weh bereiten

Wohl könne; und sogleich kam er heran

Mit freundlich art’gem Gruß, um sie zu fragen,

Was Schmerzliches sich habe zugetragen.

Tja, falls auch du das gerne wissen möchtest: durchstöbere die Antiquariate, besuche die Bibliotheken, schreibe den Verlegern sarkastische Briefe, lerne italienisch.






25.8.2001
Jan Thor
www.janthor.com
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