Von Marvel Comics gibt es eine Serie, der Figur des Conan, des Barbaren gewidmet. Verwertet wird diese Figur auch in Spielfilmen und Vorabendserien. Zu sehen ist Conan, der Barbar meist in martialischen Posen, ein gewaltiges Schwert in der Hand, er lebt in einer grauen, entrückten Vorzeit, die gleichzeitig Züge eines märchenhaften Mittelalters, eines Hochmittelalters mit befestigten Burgen trägt. Die Handlung der einzelnen Abenteuer zeigt, daß Conan in Wahrheit gar kein Barbar ist, sondern ein feinfühliger, höflicher, zurückhaltender Bursche, der die Schwachen beschützt und niemals grundlos Händel beginnt, ein echtes Vorbild für die Jugend.
Auch die Gesta Romanorum erwähnen, in ihrer sieben mal siebten Geschichte, einen Conan, dieser wahrhaft ein Barbar jenseits aller Kultur, ich weiß nicht, ob er möglicherweise dem Conan der Marvel Comics als Vorlage und Inspirationsquelle diente. Seine Geschichte geht so (deutsch von Rainer Nickel):
Paulus, der Geschichtsschreiber der Langobarden, berichtet, daß Conan, der König der Ungarn, eine Burg in Forum Iulii [Fréjus] mit dem Namen Sondat belagerte. Als die Herzogin Rosimila -sie hatte vier Söhne und zwei Töchter- den außerordentlich schönen König sah, schrieb sie ihm heimlich einen Brief: "Wenn du mich heiratest, werde ich dir die Burg übergeben. Der König versprach ihr, daß er sie heiraten wolle, sie übergab ihm die Burg, und ihre Söhne ergriffen allesamt die Flucht. Conan aber hielt das Versprechen, das er der Herzogin gegeben hatte, und ging am ersten Tag die eheliche Gemeinschaft mit ihr ein, am zweiten Tag lieferte er sie zwölf Ungarn aus, auf daß sie in aller Öffentlichkeit ihren Spott mit ihr trieben, und am dritten Tag ließ er ihren ganzen Körper bis zur Kehle mit einem Pfahl durchbohren und sagte dazu: "Eine solche Frau, die auf Grund der Begierde ihres Fleisches ihre eigene Stadt vernichtet hat, muß einen solchen Gatten haben."
Ob Rosimilia wirklich Conan heiraten wollte, weil sie ihn so schön fand, kann bezweifelt werden; vielleicht wollte sie einfach nur ihr Leben retten, da sie keine Hoffnung hatte, ihre Burg gegen die Ungarn verteidigen zu können. Der Erzähler jedenfalls unterstellt Rosimila das Motiv, das ihm wohl als das schändlichste und verächtlichste erscheint. Der Text endet an dieser Stelle noch nicht, er enthält noch, wie die meisten Texte der Gesta Romanorum, eine Moralisation:
Meine liebsten Freunde, Conan ist der Teufel, der die Burg, d.h. das menschliche Herz, mit Lastern und Begierden belagert. Die Herzogin Rosimila, die Seele natürlich, die vom Teufel verführt wurde, blickt über die Mauern, d.h. hat Lust auf Verbotenes wie ein Mann, der eine Frau ansieht, um sie zu begehren, und das auch mit den übrigen Sinnen. Daher empfindet der unselige Mensch so viel Lust, daß er die Burg, d.h. sein Herz, übergibt, indem er sich der Sünde ausliefert. Deshalb verlassen ihn die vier Söhne, d.h. die vier Kardinaltugenden, und so nimmt der Teufel die Seele in Besitz gemeinsam mit ihren beiden Töchtern, d.h. der bösen Lust und dem schlimmen Verlangen. Später überläßt er sie den zwölf Ungarn, d.h. allen nur denkbaren Sünden, damit sie ihren Spott mit ihr treiben. Dann tötet er sie, indem er sie in die Hölle bringt.
Manche der Geschichten der Gesta Romanorum sind von vorneherein als Allegorien konzipiert, so daß die Auflösung der Geschichte in Form einer Moralisation beinahe überflüssig ist. Bei anderen Geschichten wirkt die Moralisation verblüffend und künstlich. Auch die vorliegende Geschichte war ursprünglich nicht als Allegorie gedacht, sondern der Geschichtsschreiber Paulus wollte notieren, was sich wirklich ereignet hat. Die allegorische Deutung liefert jedoch einen Schlüssel, mit dessen Hilfe sich jedes beliebige Ereignis dechiffrieren läßt. Unsere heutige Zeit verhält sich kaum anders: einem Psychoanalytiker würde es gewiß nicht schwer fallen, sämtliche Geschichten der Gesta Romanorum mit seinen eigenen psychoanalytischen Moralisationen zu versehen.
König Conan scheint, soweit wir ihn aus dieser Geschichte kennen, über eine eigene Moral zu verfügen, die sein Handeln rechtfertigt. Er erniedrigt und tötet die Herzogin, weil sie ihre eigene Stadt verraten hat und ein solcher Verrat in den Augen Conans einen schlimmen Frevel darstellt. In vielen Kulturen ist der Verrat geächtet, und besonders heroische Heerführer lehnen es ab, eine Stadt durch Verrat zu gewinnen. Freilich nicht immer: bei Herodot gibt es auch ehrbare Verräter und sogar Doppelagenten, und im alten Testament gibt es eine Frau, die ebenso handelt wie Rosimila, die wegen ihrer Handlungsweise gerühmt wird: sie verrät ihre Stadt und verlangt dafür, geschont zu werden (Jos 2, 1ff). Andererseits ist Rachab auch keine Herzogin, die Verantwortung trägt für ihre Stadt.
So ritterlich, den Verrat der Herzogin abzulehnen, ist Conan nicht, vermutlich hätte sich sein Gefolge über eine solche Ehrsamkeit auch empört, aber jedenfalls muß Verrat bestraft und nicht belohnt werden. Hierin könnte ihm der Verfasser der Gesta Romanorum vielleicht sogar noch zustimmen: bedenklich ist die Art und Weise, wie Conan diese Bestrafung durchführt. Gegen die Pfählung hätte der Verfasser sicher noch nichts einzuwenden; uns erscheint sie grausam, aber etwa die Häutung des bestechlichen Richters (die neunundzwanzigste Geschichte) wird wohlwollend kommentiert. Hätte Conan Rosimila nur pfählen lassen, nicht ausgeschlossen, daß die Moralisation ihn zur Verkörperung des zürnenden Christus oder dergleichen gemacht hätte. Bedenklicher sein Handeln am zweiten Tag. Es gibt für dergleichen christliche Parallelen: eine Jungfrau mußte üblicherweise vom Henker vergewaltigt werden, da sie als Jungfrau nicht hingerichtet werden konnte. Rosimila ist sicher keine Jungfrau mehr, als Mutter von sechs Kindern, aber die Vergewaltigung als Teil einer gerechten und öffentlichen Bestrafung ist für ein solches Rechtsempfinden nicht völlig undenkbar. Es gibt noch andere Parellelen: von Berol gibt es eine Fassung der Geschichte von Tristan und Isolde, weniger bekannt als die von Gottfried von Straßburg, die kurz nach 1190 entstand. In ihr will Marc seine ehebrecherische Frau Isolde hinrichten lassen, aber ein Leprakranker namens Ivein macht König Marc einen anderen Vorschlag: "Seht, hier habe ich hundert Gefährten, überlaßt uns Isolde, sie soll uns allen gemeinsam gehören. Ein schlimmeres Ende nahm noch nie eine Dame. Herr, in uns brennt so große Hitze, daß es unter dem Himmel keine Dame gibt, die den Umgang mit uns auch nur einen Tag ertragen könnte; die Tücher kleben uns am Leib." (Berol, Tristan und Isolde Vers 1141-1232, hrsg. u. üb. von Ulrich Mölk, KTRM (Klassische Texte des romanischen Mittelalters in zweisprachigen Ausgaben) 1, München 1962, S. 60-65). Der König zögert, dann übergibt er Isolde, die darum bittet, eher verbrannt zu werden, den Aussätzigen, die mit ihr davonziehen. Zur Schändung kommt es nicht: Tristan entreißt Isolde den Aussätzigen, es geht noch einmal alles gut, das Schreckliche ist nur angedeutet (in einem anderen Versroman, dem Jaufre von 1225, wird das Schreckliche breit geschildert: ein Lepröser vergewaltigt ein wunderschönes Mädchen, ein anderer schlachtet unschuldige Kinder, um in ihrem Blut zu baden und sich so zu heilen; übrigens gab es die Lepra erst im zwölften Jahrhundert in Europa, eine Errungenschaft der Kreuzzüge; zwei Jahrhunderte später gelingt es, sie mit Hilfe der Aussonderung der Kranken wieder auszurotten). Marc hat das Recht, Isolde so zu bestrafen, aber Marc ist nicht unbedingt eine positive, vorbildliche Figur des Romans. Berol sagt, daß alle, außer König Marc und den Aussätzigen, Mitleid mit Isolde bekommen; freilich sagt er schon vorher, ehe Ivein auftaucht, die Menge sei von Mitleid mit der Schönheit der Königin bewegt.
Die Strafe, die Conan am zweiten Tag über Rosimila verhängt, ist also eine bedenkliche Sache: sie ist für einen christlichen König nicht außerhalb der Sphäre des denkbaren, aber es ist doch eher eine Strafe, die ein vorbildlicher christlicher König nicht verhängen sollte. Und schließlich ist da noch das Verhalten Conans am ersten Tag: er selbst geht mit der Herzogin die eheliche Gemeinschaft ein. Er hält damit sein Versprechen, aber gleichzeitig ist sein Verhalten, aus der Sicht des Verfassers der Gesta, schändlich. Um seinen eigenen Ruf scheint sich Conan nicht zu bekümmern. Wir haben den Verdacht, daß Conan nicht nur darauf bedacht ist, einerseits sein gegebenes Wort zu halten, andererseits an der Verräterin ein Exempel zu statuieren, sondern daß er seinen sadistischen Spaß mit ihr treibt. Der Verfasser unterstreicht den Eindruck, daß Conan tut, was ihm gefällt: was in drei aufeinander folgenden Tagen geschieht, erzählt er in einem einzigen, nicht besonders langen Satz. Verglichen etwa mit der umständlichen Art und Weise, wie in der hundertdreiundachtzigsten Geschichte die Anektode von Alexander dem Großen und Diogenes in seiner Tonne erzählt wird, die die Pointe fast vollständig ruiniert, ist dieser Satz erstaunlich lakonisch. Außerdem haben wir eine Reihe von uns, eine Steigerung. Daß die Herzogin gepfählt wird, wird kaum Zufall sein, schließlich gibt es genügend andere Todesarten, die als besonders schimpflich gelten, etwa hängen oder verbrennen. Das Pfählen weist Conan als besonders grausamen und als heidnischen König aus (ähnlich wie später den berühmteren Vlad Dracul), aber gleichzeitig ist es eine Hinrichtung mit sexueller Konnotation, was dem Verfasser, auch ohne psychoanalytische Kenntnisse, sicher nicht entgangen sein dürfte: wenn Conan sagt, eine solche Frau verdiene einen solchen Gatten, dann meint er damit nicht, einen solch grausamen Gatten wie Conan, sondern mit dem Gatten ist der Pfahl gemeint. Was Conan damit meint, ist: was Rosimila wollte, war Sex, und den hat sie in immer größeren Dosen bekommen, bis zu ihrem Tod. Die Moralisation verschenkt in dieser Hinsicht eine Pointe -auf die Todesart geht sie überhaupt nicht ein- denn Lust ohne soziale Kontrolle und Hemmung, das veranschaulicht Conan, begnügt sich nicht mit den anfänglichen Ausschweifungen, sondern will immer mehr und mehr und wächst ins Uferlose, bis sie zwangsläufig zum Untergang führt. Conan hätte vielleicht de Sade zugestimmt, daß die Ausschweifung der ständigen Steigerung bedarf, aber bestritten, daß eine solche Steigerung möglich ist. Zumindest für Rosimila ist eine weitere Steigerung nicht denkbar, schließlich ist sie ja tot. Wenn wir freilich annehmen wollen, daß Conans Handlung nicht oder nicht allein moralisch begründet ist, sondern er außerdem seine sadistische Lust befreidigt, dann endet für Conan die Steigerung mit der Vernichtung des Objekts seiner sadistischen Agression; immerhin wäre denkbar, daß Rosimila in der Zukunft durch andere Frauen ersetzt werden könnte. Die These der unbegrenzten Steigerbarkeit der Ausschweifung freilich ist schwer zu verteidigen, und selbst de Sade, der sie seinen Protagonisten gelegentlich in den Mund legt, hat sie wahrscheinlich nicht selbst vertreten. Die Geschichte erzählt uns nicht, was aus Conan wird, ob er noch einmal heiratet und Erben zeugt. Für die Moralisation ist das auch überflüssig, die Psychologie des Teufels scheint die mittelalterlichen Schriftsteller kaum zu interessieren, im Gegensatz zu den späteren Romantikern, so daß der Teufel mal der Büttel Gottes ist, der im göttlichen Auftrag die Oberaufsicht über die Hölle führt, mal grundlos und uneigennützig Unruhe stiftet gegen Gottes Wille, und sich dann wieder als zwangsneurotischer Sammler erweist, der so viele Seelen wie möglich zusammenraffen möchte.
So viel zu Conan.
7.8.1998 Jan Thor