Erfreulicherweise hat Amazon jetzt eine deutsche Dependance gegründet, die hauptsächlich deutschsprachige Bücher vertreibt, so daß ich an dieser Stelle einige deutschsprachige Bücher vorstellen und anpreisen kann; denn englisch über englischsprachige Bücher zu berichten ist für mich unvermeidlich mit einem Verlust an Nuancen und Genauigkeit begleitet.
Es gibt auch die Möglichkeit, mit dem untenstehenden Suchfeld selbst Bücher oder Autoren bei Amazon zu suchen (du tätest mir einen Gefallen, verehrte Leserin, wenn du meine Seite zum Ausgangspunkt deines Besuches bei Amazon nehmen würdest, denn dann und nur dann bekomme ich Prozente dafür):
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Beginnen wir unsere Liste mit einem Jubilar, der in diesem Jahr einen runden Geburtstag feiert: nicht Goethe, sondern Vladimir Nabokov, der hundert Jahre alt geworden wäre.
Sein zweifellos berühmtestes, und nicht unbedingt schlechtestes ist Lolita. Der Name ist inzwischen zu einem stehenden Begriff geworden, der mit dem Buch nicht mehr eben viel gemein hat. Held und Erzähler des Buches ist Humbert Humbert (so sein selbstgewähltes Pseudonym), ein europäischer Emigrant in Amerika, der sich dort mit Literatur beschäftigt und an einem Buch arbeitet; wie Nabokov selbst, im Gegensatz zu Nabokov selbst aber ist er nicht darauf angewiesen, da er reich geerbt hat. Außerdem ist er geschieden, und er trägt die Erinnerung an eine verstorbene Jugendliebe mit sich herum, und eine Neigung zu jungen Mädchen. Nach einer Arktisexpedition und mehreren Aufhalten in Psychiatrien schließlich zieht er als Mieter bei Charlotte Haze ein:
„Wir warfen einen flüchtigen Blick auf einen Mahagonitisch mit einer Fruchtschale in der Mitte, die nichts als einen einzelnen, noch glitzernden Pflaumenkern enthielt. Ich tastete nach dem Kursbuch, das ich in der Tasche hatte, um so schnell wie möglich nach dem nächsten Zug zu sehen. Ich ging noch immer hinter Mrs. Haze her durch das Eßzimmer, als es plötzlich grün um uns her wurde. ‚Die Piazza‘, sang meine Geleiterin, und ohne die geringste Warnung schwoll eine blaue Meereswelle unter meinem Herzen, und auf einer Binsenmatte in einem Sonnenteich kniete halbnackt meine Rivieraliebe, drehte sich auf den Knien zu mir her und sah mich über dunkle Brillengläser forschend an.“
(es tut mir leid, aber es ist ziemlich sinnlos, diese Zitate mit Seitenangaben zu belegen; in meiner Ausgabe ist das Seite 45, aber zum Geburtstag hat Nabokov von Rowohlt eine neue (und sehr viel schöner gebundene) Ausgabe spendiert bekommen.)
Humbert heiratet Haze, wird Witwer und zieht mit seiner Stieftochter Dolores=Lolita=Lola=Lo durch halb Amerika, von Motel zu Motel; die ganze Handlung einschließlich dem abschließenden Mord werde ich hier freilich nicht verraten.
Was das Buch in meinen Augen zu einem solchen Wunderwerk macht, ist die Fähigkeit Nabokovs, mit der es ihm gelingt, die Gedanken und Gefühle eines an sich eher unsympathischen Menschen nachvollziehbar und verständlich zu machen, so sehr, daß wir Mitleid mit Humbert haben können, und gleichzeitig, durch die Zeilen des Erzählers hindurch, immer wieder das Leid und die Not der mißbrauchten Lolita aufscheinen zu lassen, so daß wir auch mit ihr Mitleid haben. Ich erlaube mir, eine längere Kostprobe des Textes hierher zu setzen:
Manchmal . . . Na sag schon, Bert, wie oft genau? Kannst du dich an vier oder fünf oder mehr solcher Vorfälle erinnern? Oder hätte kein menschliches Herz mehr als zwei oder drei überlebt? Manchmal (ich weiß keine Antwort auf deine Frage), wenn Lolita flüchtig ihre Schulaufgaben machte und dabei mit beiden Beinen über der Armlehne des Sessels am Bleistift kaute, gab ich all meine pädagogische Zurückhaltung auf, sah über alle Streitigkeiten hinweg, vergaß meinen ganzen Mannesstolz - und kroch buchstäblich auf den Knien zu deinem Stuhl, meine Lolita! Du warfst nur einen Blick auf mich - das graue, samtige Fragezeichen eines Blicks: ‚Um Himmels willen, nicht schon wieder . . .‘ (ungläubig, gereizt); denn nie hast du zu glauben geruht, daß ich mich auch ohne bestimmte Absichten danach sehnen könnte, mein Gesicht in deinem Schottenrock zu vergraben, meine Liebste! Die Zartheit deiner nackten Arme - wie verlangte ich danach, sie zu umfassen, all deine vier glatten, köstlichen Gliedmaßen, ein hingestrecktes Füllen, und deinen Kopf zwischen meinen unwürdigen Händen zu halten, die Schläfenhaut auf beiden Seiten zu straffen, deine nunmehr chinesischen Augen zu küssen, und . . . ‚Bütte, laß mich in Ruhe‘, sagtest du dann, ‚laß mich doch gefälligst endlich in Ruhe.‘ Und dann stand ich vom Boden auf, und du sahst zu und zucktest mit dem Gesicht, meinen tic nerveux nachäffend. Aber was macht das schon, was macht das schon, ich bin ja nur ein Vieh, macht nichts, nur weiter mit meiner elenden Geschichte.
Der Ich-Erzähler Humbert hält nicht nur Vorträge darüber, wie normal und verbreitet pädophile Beziehungen seien, er schildert auch Lolita als quengeligen und wenig sympathischen Teenager, der mit ihm geflirtet und ihn zu verführen versucht hat, und doch gelingt es ihm nicht, sich selbst zu exkulpieren, „Und ich habe noch andere halb unterdrückte Erinnerungen, die sich jetzt zu gliedlosen Ungeheuern auswachsen und mich peinigen“ heißt es in einem vorvorletzten Abschnitt. In einem vorletzten Bild heißt es: „Ich stand in meiner luftigen Höhe und konnte mich an diesem musikalischen Vibrieren nicht satthören, an diesem einzelnen Rufen, die auf dem Hintergrund verhaltenen Gemurmels aufblitzten, und dann wußte ich...“, aber diesen Satz kann nur jemand würdigen, der das ganze Buch gelesen hat, darum breche ich ihn hier ab. Die beiden allerletzten Sätze des Buches lauten:
„Ich denke an Auerochsen und an Engel, an das Geheimnis zeitbeständiger Pigmente, an prophetische Sonette, an die Zuflucht der Kunst. Und dies ist die einzige Unsterblichkeit, an der du und ich gemeinsam teilhaben dürfen, meine Lolita.“
Einige seltsame und oberflächliche Mißverständnisse gibt es in Bezug auf das Buch. Das albernste Mißverständnis ist, Nabokov verteidige oder propagiere den Kindesmißbrauch. Im Gegenteil lehnt selbst der Ich-Erzähler sein Tun ab, und zwar aus politisch völlig korrekten Gründen, nicht, weil er sich unsittlich verhalten hat, sondern weil er Lolita um ihre Kindheit gebracht habe. Ein anderes sonderbares, bereits in zwei Verfilmungen angedeutetes Mißverständnis ist das, Nabokov habe die Geschichte eines Mannes erzählt, der einer durchtriebenen und heimtückischen Nymphe verfällt, die ihn manipuliert und zugrunde richtet. Zwar legt Lolita Humbert herein, aber durchtrieben ist sie ganz und gar nicht, eher unbedarft, zwar geht Humbert zugrunde, aber gewiß ist das nicht Lolitas Schuld, und zwar erpreßt sie ihn und macht ihm das Leben zur Hölle, er dagegen widerruft bei jeder Gelegenheit seine Versprechungen und macht ihr das Leben zur Hölle, und all dies ist so klar und genau beschrieben, das solche Mißverständnisse kaum anders als durch mangelnde Lektüre erklärt werden können. Am besten, du, liebe Leserin, liest selbst nach.
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Ein anderer Europäer, den es nach Amerika verschlagen hat, ist Pnin:
„ ‚Ich heiße Timofey‘, sagte Pnin, als sie es sich in dem schäbigen alten Lokal an einem Fenstertisch bequem machten. ‚Zweite Silbe gesprochen wie in <Mafia>, Akzent auf letzter Silbe, <ey> wie in <hej>, aber ein bißchen mehr lang. <Timaffej Pawlowitsch Pnin>, was cheißt <Timotheus, Sohn von Paul>. Vatersname hat Akzent auf erste Silbe, und der Rest wird verschluckt - Timaffej Pahltsch. Ich chabbe das lange Zeit mit mir debattiert - wir wollen diese Messer und Gabbeln abwischen - und bin zum Schluß gekommen, du mußt mich einfach nennen Mr. Tim oder noch mehr kurz Tim, wie einige von meinen außerordentlich sympathetischen Kollegen. Das ist - was willst du essen? Kotelett von Kalb? Okay, ich werde auch essen Kotelett von Kalb - das ist natürlich ein Zugeständnis für Amerrika, mein neues Land, das wunderbare Amerrika, das mich manchmal überrascht, aber von mir immer respektiert
Pnin, aus Rußland geflohen, hat in einem College eine Stelle gefunden, wo er mit seinem mangelhaften Englisch und seiner Unbeholfenheit zum Spott seiner Kollegen geworden ist, zu einer Witzfigur. Keine Witzfigur dagegen ist er für Nabokov: der Roman endet damit, wie Cockerell dem Ich-Erzähler die komische Geschichte erzählt, wie der drollige Pnin einmal bei einem Vortrag das falsche Manuskript dabei hatte; der Roman beginnt, wie der Erzähler selbst den selben Vorgang beschreibt, aber eben nicht als die Anekdote aus dem Leben eines schrulligen Trottels, sondern als das Erlebnis eines wirklichen, fühlenden Menschen. Das hindert Pnin nicht daran, komisch zu sein. Aber es ist bei Nabokov eben auch die Geschichte eines sehr liebenswürdigen Eigenbrötlers und sogar, auch wenn Nabokov das nicht breit ausspielt und nur andeutet, eines treuen und tragischen Liebenden.
Darüber hinaus ist es, wie viele Bücher Nabokovs, ein sehr doppelbödiger Roman dadurch, daß der Verfasser selbst im Verfaßten auftaucht. Der Ich-Erzähler, den viele Indizien als mit Nabokov selbst identisch erscheinen lassen, hat im Leben Pnins eine wenig rühmliche Rolle gespielt, und verständlicherweise wehrt sich Pnin gegen dessen Entschluß, ein Buch über Pnin zu verfassen, und beschuldigt den Verfasser, ein Schwindler zu sein, der Pnin gar nicht wirklich kenne. Eine der unauffällig eingestreuten Doppelbödigkeiten am Ende eines Kapitels lautet:
„Vom Weg aus ließ sich nicht erkennen, ob es die junge Poroschin und ihr Galan waren oder Nina Bolotow und der junge Poroschin oder nur ein symbolisches Paar, mit müheloser Kunstfertigkeit auf die letzte Seite von Pnins verklingendem Tag gesetzt.“
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Auch Die Mutprobe handelt von einem Exilrussen, der sich allerdings (wie Nabokov zum Zeitpunkt der Abfassung) in Europa aufhält. Martin Edelweiß, der gerne etwas Bedeutendes tun und erleben möchte:
„Außer den Tatsachen, daß Darwin sein Studium mit achtzehn Jahren unterbrochen hatte, um sich freiwillig zur Armee zu melden, und kürzlich einen Band Kurzgeschichten veröffentlicht hatte, von denen die Kenner schwärmten, erfuhr Martin, daß er Vertreter seines College im Boxen war, daß er seine Kindheit in Madeira und Hawaii verbracht hatte und daß sein Vater ein berühmter Admiral war. Daneben erschienen Martin seine dürftigen Erlebnisse unbedeutend und rührend, und er schämte sich seiner Aufschneiderei. Als Darwin an diesem Abend in sein Zimmer geschlakst kam, fand Martin die Situation einerseits komisch und andererseits peinlich.“
Martin verliebt sich in Sonja, die sich in Darwin verliebt. Das tut der Freundschaft von Martin und Darwin keinen Abbruch, so, wie ja auch Albert und Werther befreundet sein können; oder zumindest an der Oberfläche tut es ihrer Freundschaft keinen Abbruch, von einem Boxkampf einmal abgesehen. Im übrigen ist Martin keineswegs ein zweiter Werther, und auch die Beziehung von Darwin und Sonja entwickelt sich nicht dem klassischen Vorbild gemäß.
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Während er in Berlin lebte, hat Nabokov auch ein Buch geschrieben, das nicht in Emigrantenkreisen spielt und in dem ein Mann auch nicht ein sehr viel jüngeres Mädchen, sondern statt dessen eine ältere Frau liebt, die verheiratet ist, mit seinem Onkel: König, Dame Bube. Daraus entwickelt sich eine Dreiecksgeschichte, die zeitweilig beinahe zum Krimi wird, aber doch nur beinahe, denn für einen richtigen Krimi benehmen sich die Protagonisten dann doch zu dilettantisch.
Der betrogene und im Weg stehende Ehemann Dreyer, den seine Frau Martha immer mehr für ein unerträgliches Scheusal hält, ist in Wahrheit durchaus liebenswert, nur mit einer exzentrischen Art von Humor begabt, die eine andere Frau vielleicht entzückt hätte, für die Martha aber nicht das geringste Verständnis hat. Dreyer, ahnungslos und unwissend, liebt seine Frau, obwohl auch er sie betrügt, was wiederum sie nicht weiß; eine der komischsten Szenen des Buches besteht darin, daß beide Ehegatten kurz nacheinander Anzeichen der Untreue des anderen entdecken, aber nicht erkennen, weil sie sie völlig fehldeuten. Auch Martha und Franz mißdeuten einander, und verstehen sich nicht, und trotz der Beteuerung ihrer Liebe bleibt ihre Beziehung ebenso oberflächlich wie die Dreyersche Ehe. Daneben gibt es in diesem Buch noch einen verrückten Erfinder, einen sonderbaren Vermieter, und Nabokov selbst taucht auch wieder auf, diesmal zusammen mit seiner Frau.
Hier ein kleiner Ausschnitt aus dem ersten Drittel:
„Mit Hilfe jener raschen Blicke erforschte er sie ganz, folgte ihren Gesten und fühlte sie voraus, erahnte die alltägliche und für ihn doch so einzigartige Bewegung ihrer rasch erhobenen Hand, wenn das Ende eines zierlichen Kamms in ihrem schweren Knoten nicht mehr hielt. Am meisten aber peinigten ihn die Anmut und die Kraft ihres nackten weißen Halses, die reiche, zart gekörnte Textur ihrer Haut und die schicken Blößen, die kurze dünne Röcke eröffneten. Bei jedem neuen Besuch fügte er seiner Sammlung von Verzauberungen etwas hinzu, woran er sich später in seinem einsamen Bett ergötzte, wählte, was seine Phantasie anspornte und dazu brachte, sich selber zu verschwenden. Es kam der Abend, an dem er ein winziges braunes Muttermal an ihrem Arm bemerkte. Es kam der Augenblick, als sie sich von ihrem Sitz vornüberbeugte, um die Ecke eines Teppichs zurückzuschlagen, und er den Ansatz ihrer Brüste wahrnahm und erleichtert war, als die schwarze Seide ihres Mieders sich wieder straffte. Es kam auch jener Abend, als sie sich für einen Tanz zurechtmachte und er mit Betroffenheit bemerkte, daß ihre Achselhöhlen so glatt und weiß waren wie die einer Statue.
Sie fragte ihn nach seiner Kindheit aus, nach seiner Mutter, ein fades Thema, nach seiner Vaterstadt, ein noch faderes. Einmal legte Tom seine Schnauze in Franzens Schoß, gähnte und umfing ihn mit einem unerträglichen Gestank - nach faulendem Hering und Aas. ‚So riecht meine Kindheit‘, murmelte Franz, als er den Kopf des Hundes beiseite stieß. Sie hörte oder verstand nicht und fragte, was er gesagt habe. Doch sein Geständnis wiederholte er nicht. Er erzählte von seiner Schule, von Staub und Langeweile, von den unverdaulichen Kuchen seiner Mutter und vom Metzger nebenan, einem würdigen Herrn in weißer Weste, der eine Zeitlang jeden Tag zum Essen kam und Hammel auf eine widerlich professionelle Weise aß. ‚Wieso widerlich?‘ unterbrach ihn Martha überrascht. ‚O Gott, was für einen Unsinn sabbele ich denn da‘, dachte er und beschrieb mit mechanischer Begeisterung zum hundertsten Male den Fluß, die Bootsfahrten, das Tauchen, das Biertrinken unter der Brücke.
Dann schaltete sie das Radio von Gesang auf Sprechen um, und er lauschte ehrfurchtsvoll einer Spanischlektion, einer Vorlesung über die Vorteile der Gymnastik, den versöhnlichen Tönen Stresemanns und dann - zurück zu irgendeiner bizarren näselnden Musik. Dann erzählte sie ihm in allen Einzelheiten die Handlung eines Films, die Geschichte von Dreyers glücklichen Spekulationen in den Tagen der Inflation, die Quintessenz eines Artikels über die Entfernung von Obstflecken, und während der ganzen Zeit dachte sie: ‚Wie lange wird er wohl noch brauchen, bis er loslegt?‘ - und war zur gleichen Zeit erheitert und sogar ein wenig gerührt, daß er seiner selber so unsicher war und ohne ihre Hilfe womöglich niemals loslegen würde. Schrittweise jedoch gewann Verdruß die Oberhand. Der November wurde an Nichtigkeiten verschwendet, wie Geld an Nichtigkeiten verschwendet wird, wenn man in einer langweiligen Stadt gestrandet ist. Mit undeutlichem Groll erinnerte sie sich, daß ihre Schwester mindestens schon vier oder fünf Liebhaber nacheinander gehabt hatte und Willy Walds junge Frau zwei zur gleichen Zeit.“
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Da ich nun schon einmal eine gewisse Neigung zu Nabokovs frühen Romanen offenbart habe, möchte ich zum Abschluß noch auf Nabokovs allerersten Roman hinweisen, Maschenka. Natürlich spielt die Geschichte in Berlin, natürlich unter Exilrussen, und Nabokov hat es sogar geschafft, die Briefe seiner Jugendliebe in ihr unter zu bringen; Ganin, ein Exilrusse in Berlin, schafft es nicht, seine Beziehung zu Ljudmila, einer Exilrussin in Berlin, zu lösen, die er nicht mehr liebt, und seinem Leben eine Richtung zu geben, statt zwischen Gelegenheitsjobs und Bummeln zu wechseln. Die Geschichte spielt aber auch in Rußland und erzählt von Ganins erster Liebe. Und obwohl es nur ein dünnes Buch ist, dem vielleicht die Komplexität späterer Romane Nabokovs abgeht, gibt es noch eine Reihe weiterer liebevoll beschriebener Nebenfiguren, etwa Anton Sergejewitsch Podtjagin, dem es nicht gelingen will, ein Visum zu bekommen, oder
„Klara, eine vollbusige und sehr behagliche junge Dame, die am liebsten schwarze Seide trug, wußte, daß ihre Freundin Ganin besuchte, und war jedesmal bedrückt und peinlich berührt, wenn Ljudmila ihr von ihrer Liebesaffaire erzählte. Klara vertrat die Ansicht, Gefühle dieser Art müßten zurückhaltender sein und bedürften weder glühender Augen noch schluchzender Geigen. Aber noch unerträglicher wurde es für sie, wenn ihre Freundin die Augen zusammenkniff, Zigarettenrauch durch die Nase blies und anfing, kaum erkaltete, gräßlich genaue Einzelheiten zu beschreiben; danach hatte Klara immer ungeheuerliche und beschämende Träume. Deshalb versuchte sie seit einiger Zeit, Ljudmila tunlichst zu meiden, weil sie Angst hatte, die Freundin werde ihr am Ende jene enormen, aber immer feiertäglichen Empfindungen verderben, die man zartfühlend als ‚Träumereien‘ bezeichnet.“
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Die Kunst ist kein Wettrennen mit einem Schnellsten, Stärksten, Schönsten. Und glücklicherweise muß ich mich nicht entscheiden, welches mein Lieblingsschriftsteller ist, so, wie ein einfältiger Teenager vielleicht von einer Lieblingspopgruppe schwärmt. Müßte ich mich trotzdem entscheiden, dann wäre vielleicht von allen meinen Göttern Homer der Größte, und IlliasOdyssee das Buch der Bücher.
Leider ist die Lektüre Homers nicht völlig voraussetzungslos möglich, jedenfalls die genußvolle Lektüre (und von einer anderen Art der Lektüre wird auf dieser Seite nicht die Rede sein). Denn das homerische Denken, seine Themen und seine Sprache sind uns nicht gerade vertraut und erschließen sich vielleicht nicht immer unmittelbar. Für die, die dergleichen das allererste Mal liest (oder sich der unseligen Zeiten erinnert, als sie in der Schule zu derlei Lektüre gezwungen wurde), mag es scheinen, als werde da in einer altertümlichen und unbeholfenen Sprache voller Wiederholungen mühsam eine blutige Geschichte von Schlachten und Kriegen erzählt, von Heldentaten und Gefallenen, mit einer Moral, die nicht mehr die unsere sein kann.
„Singe den Zorn, o Göttin, des Peleiaden Achilleus,
Ihn, der entbrannt, den Achaiern unnennbaren Jammer erregte
Und viele tapfere Seelen der Heldensöhne zum Aïs
Sendete, aber sie selbst zum Raub darstellte den Hunden
Und dem Gevögel umher. So ward Zeus’ Wille vollendet
Seit dem Tag, als erst durch bitteren Zank sich entzweiten
Atreus’ Sohn, der Herrscher des Volks, und der edle Achilleus.“
So beginnt die Geschichte. Und was soll das heißen? Welche Göttin soll da welchen Zorn singen, und seit wann läßt sich Zorn singen? Nun, die Göttin ist die Muse, die dem Dichter seine Worte eingibt und die er deshalb am Beginn seines Gesanges anrufen muß. Denn nicht er erzählt die Geschichte, sondern die Muse erzählt sie. Und sie erzählt sie nicht, sondern singt sie, denn ursprünglich wurden Illias und Odyssee gesungen. Die ersten sieben Zeilen, der erste Satz der Illias gibt an, wovon der Gesang handeln wird: vom Zorn des Peleiaden Achilleus. Peleiade oder Pelide heißt Achilleus, weil er der Sohn des Peleus ist. Ebenso, nach dem gleichen Schema, wird Agamemnon als Atride oder Atreus Sohn bezeichnet; diese Bezeichnungen hat sich Homer im übrigen nicht als Schikane ausgedacht, um seinen Text möglichst unverständlich zu halten, sondern ergeben sich aus den Notwendigkeiten des Versmaßes. Agamemnon, der Heerführer der Achaier, also der Griechen, und Achilleus, ihr bedeutendster Held, haben sich zerstritten, und wegen ihres Streites mußten viele Griechen sterben. Warum aber haben sie sich gestritten?
„Wer hat jene der Götter empört zu feindlichem Hader?“
Nun, auch das steht in der Illias, und noch vieles mehr. Zu einer ausführlicheren Einleitung siehe meine Einführung zu Homer.
Es stellt sich die Frage, welche der vielen deutschen Ausgaben ich empfehlen soll. Es gibt da die Ausgabe von Reklam von Illias und Odyssee, und die Ausgabe von dtv von Illias und Odyssee. Die Ausgabe von dtv hat den Vorzug, daß sie etwas schöner gebunden ist und außerdem auch noch die homerischen Hymnen enthält (die zwar aller Wahrscheinlichkeit nicht von der selben Person verfaßt wurden wie Illias und Odyssee, aber trotzdem interessant sind), die Ausgabe von Reklam enthält (oder enthielt zumindest früher) die Übersetzung von Johann Heinrich Voß, die nicht unbedingt die modernste Übersetzung ist, aber, meiner Meinung nach, die bisher sprachlich gelungenste (wobei ich nicht alle modernen Übersetzungen kenne).
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An dieser Stelle wollte ich nun eigentlich ein wenig für Rudyard Kipling werben, Kreuzworträtsellösern bekannt als der Verfasser des dreibuchstabigen Romans Kim über die Freundschaft zwischen einem anglo-indischen Waisenkind und einem tibetanischen Lama, allen anderen als der Verfasser des Dschungelbuchs, der einige hervorragende Kurzgeschichten geschrieben hat, in denen sich die verschiedensten Arten von Menschen ebenso finden wie die verschiedensten Arten, eine Kurzgeschichte zu konstruieren und zu erzählen. Leider habe ich die Bücher „Kleine Geschichten aus den Bergen“, die, neben vielem anderen, den erstaunlichen Bericht eines Opiumsüchtigen enthält, oder „Die schönste Geschichte der Welt“, die unter anderem die Geschichte einer aberwitzigen Rache für eine ungerechte Verkehrskontrolle enthält, oder „Geschichten aus Simla“, mit der Geschichte eines unschuldigen Jungen, dem so lange eingeredet wird, er sei böse und unliebenswürdig, bis er es selbst glaubt, nicht bei Amazon gefunden. Vielleicht versucht es die geneigte Leserin in einer Bücherei oder Bibliothek oder einem Antiquariat, oder sie kauft blindlings eine andere der auf dem deutschen Markt befindlichen Kompilationen Kiplingscher Erzählungen (zur Orientierung: die Geschichte des Opiumsüchtigen heißt „Tor der hundert Sorgen“, die der Rache „Das Dorf, das behauptete, die Erde sei flach“, die des Jungen „Bäh, bäh, schwarzes Schaf!“). emails zu diesem Thema sind durchaus willkommen.
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Der späte Borges schätzte die subtile Erzählkunst Kiplings höher ein als die etwa Kafkas. Borges selbst ist ein berühmter Erzähler, am berühmtesten wohl für seine Bände Fiktionen (der Garten der sich verzweigenden Pfade) und Das Aleph (die Bibliothek von Babel), obwohl die späteren Erzählungen aus dem Band Spiegel und Maske (Das Sandbuch, David Brodies Bericht) vielleicht sogar noch besser sind (aber, wie gesagt, Kunst ist kein Wettlauf), tatsächlich sah er sich selbst aber mindestens ebenso sehr als Lyriker, und meiner Meinung nach zurecht. Eines meiner Lieblingsgedichte von Borges, und eines meiner Lieblingsgedicht überhaupt, findet sich in Die zyklische Nacht, nämlich Del infierno y del cielo, Von Hölle und Himmel. Ich kann es hier nicht ganz zitieren, aber wenigstens einen Ausschnitt daraus:
„Im Spiegel eines Traumes habe ich erahnt
die verheißenen Himmel und Hölle:
Wenn das Gericht aus den letzten Trompeten dröhnt
und der tausendjährige Planet
ausgelöscht wird und jäh enden,
o Zeit! Deine flüchtigen Pyramiden,
werden die Farben und Linien der Vergangenheit
im Dunkel umreißen ein Antlitz
das schlummert, unbeweglich, treu, unveränderlich
(vielleicht das der Geliebten, vielleicht deines),
und die Betrachtung dieses unmittelbaren
Gesichts, unaufhörlich, heil, unverweslich,
wird für die Verworfenen Hölle sein,
für die Erwählten Paradies.
Ebenfalls abgedruckt ist dieses Gedicht in Das Buch von Himmel und Hölle, eine von Borges zusammengestellte Anthologie von Jenseitsvorstellungen. Eine weitere Anthologie, die von Borges zusammengertragen wurde, Einhorn, Sphinx und Salamander, listet verschiedene Fabelwesen in alphabetischer Reihenfolge auf, von denen im Titel bis zu exotischen Wesen wie den Vögeln Ti-tschiang oder Simurgh. Ein anderes meiner Lieblingsgedichte ist Trophäe, aus Mond gegenüber; aber dieses Buch kann ich nicht wirklich guten Gewissens empfehlen, da es allzu vielen Müll aus Borges’ Jugend enthält: Borges selbst hat sich später sehr kritisch zu diesen Werken geäußert.
Im übrigen war Borges nicht nur Erzähler und Dichter, sondern auch ein hervorragender Essayist, und als Ausgangspunkt entsprechender Borgeslektüre empfehle ich Kabbala und Tango. Das enthält zwar einen überflüssigen und langweiligen Aufsatz über Evaristo Carriego, aber den muß die Leserin ja nicht lesen und kann sich statt dessen etwa dem Aufsatz über die Homerübersetzungen zuwenden. Oder aber Die letzte Reise des Odysseus, mit den neun Essays über Dante. Oder Niedertracht und Ewigkeit, mit dem Essay über die Kenningar.
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Nun kommen wir zum Abschnitt „schreibende Frauen“. Ein wunderbares, einziges Buch geschrieben hat Emily Brontë, neben ein paar Gedichten, ehe sie starb, aber dieses eine Buch, Die Sturmhöhe, reicht für die Unsterblichkeit. Die Geschichte der Liebe von Catherine und Heathcliff, die Geschichte eines Hasses, der sich über drei Generationen hinzieht und erst am Ende mit Hilfe der Liebe und der Bücher aus der Welt gebracht werden kann.
Tatsächlich läßt sich Die Sturmhöhe so lesen, daß es darin hauptsächlich um Bücher geht. Denn eigentlich scheinen Heathcliff und Catherine, die in abgeschiedener Einöde zusammen aufwachsen, wie füreinander bestimmt, ihr Einvernehmen unzertrennbar (ganz im Gegensatz zu den wohlerzogenen, sich wegen Nichtigkeiten zankenden Kindern Edgar und Isabella), doch dann kommt es zu einer verhängnisvollen Asymmetrie zwischen beiden:
„Vor allen Dingen war von seiner anfänglichen Erziehung nichts mehr zu merken. Harte körperliche Arbeit von früh bis spät hatte alle seine Wißbegierde und alle Vorliebe für Bücher und für das Lernen ausgelöscht. Das Gefühl der Überlegenheit, das die Güte des alten Mr. Earnshaw ihm als Kind eingeflößt hatte, war dahin. Er kämpfte lange, um sich mit Catherine in ihren Studien auf gleicher Höhe zu halten, und gab es mit heftigem, wenn auch stummen Bedauern auf, doch gab er es endgültig auf.“
Und so heiratet Catherine Edgar, und so nimmt das schwarze Verhängnis seinen Lauf, eine Rache, die mit der Verführung Isabellas, dem Ruin Hindleys, der Nicht-Erziehung Haretons, der Verkuppelung Lintons und Catherine II Züge annimmt wie die Fehde zwischen Atreus und Thyestes, und erst Catherine II und Hareton gelingt es, den Knoten wieder zu lösen:
„Catherine beschäftigte sich damit, ein hübsches Buch sauber in weißes Papier einzuwickeln, und nachdem sie es mit einem Endchen Band verschnürt hatte, adressierte sie das Päckchen an ‚Mr. Hareton Earnshaw‘ und bat mich, als ihre Abgesandte, das Geschenk seinem Empfänger zu übermitteln.
‚Und sage ihm, wenn er es annimmt, dann will ich ihm beibringen, es richtig zu lesen‘, sagte sie, ‚und wenn er es zurückweist, werde ich hinaufgehen und ihn nie, nie wieder
Das letzte Wort aber soll Heathcliff behalten:
„Ich kann nicht auf diesen Fußboden sehen, ohne daß ihre Züge auf diesen Fliesen erscheinen. In jeder Wolke, jedem Baum, in der Luft, die mich nachts umgibt, in jedem Gegenstand, den mein Auge tagsüber wahrnimmt, scheint mir ihr Bild entgegenzustrahlen. Die nichtssagendsten Gesichter von Männern und Frauen, meine eigenen Züge narren mich durch eine Ähnlichkeit mit ihr. Die ganze Welt ist ein schreckliches Mahnmal dafür, daß sie gelebt hat und daß ich sie verlor.“
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Die andere der drei schreibenden Brontë-Schwestern, Charlotte (von Anne wird hier nicht die Rede sein), hat mehr als nur einen Roman geschrieben, davon ist aber leider nur einer wirklich interessant (ihr Erstlingswerk „Der Professor“ etwa ist geradezu unglaublich langweilig, und der Rest ist nicht viel besser). Das Werk, das hiermit mit in den Olymp aufgenommen wird, heißt Jane Eyre, und erzählt, in der Form einer fiktiven Autobiographie, die unglückliche Kindheit, die harte Jugend und das weitere Leben der Titelheldin als die Gouvernante (zur Zeit der Abfassung nicht gerade der typische Heldinnenberuf) bei Herrn Rochester beziehungsweise dessen illegitimen-und-wahrscheinlich-überhaupt-nicht-von-ihm-Kind.
Herr Rochester ist ein ziemlich unhöflicher und schroffer Bursche, und schön ist er auch nicht gerade, während Jane zwar höflicher und sanfter, aber ebenfalls keine Schönheit ist. Außerdem ist Rochester mit einer schönen, vornehmen Dame aus der Nachbarschaft verlobt, also beschließt Jane, die eine sehr vernünftige Frau ist, sich gar nicht erst in ihn zu verlieben. Das ist auch besser so, denn Rochester hat zwar keine Leichen im Keller, aber dafür eine Irre auf dem Dachboden; schließlich und unvermeidlich freunden sich die beiden aber doch an, und wie sich diese beiden auf ganz unterschiedliche Art und Weise einzelgängerischen Wesen anfreunden, das ist sehr schön beschrieben.
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Bei Jane Austen werden wir eher kaum auf Feuersbrünste, Wahnsinnige und blutige Rache treffen: ihre Geschichten nehmen gewöhnlich einen ruhigeren Verlauf: eine Frau kommt ins heiratsfähige Alter, geht auf mehrere Gesellschaften und Bälle und heiratet schließlich den Richtigen. Wie das aber erzählt wird, mit wieviel Ironie und untergründiger Bosheit, ist sehr lesenswert.
Da wäre etwa die Geschichte von Emma Woodhouse, die selbst eigentlich überhaupt nicht heiraten, sich dafür aber als Kupplerin betätigen will, mit mäßigem Erfolg. Zum Glück hat sie einen Freund namens Knightley, der seinem Namen alle Ehre macht und sie ritterlich vor allzu großem Schaden bewahrt. Einmal freilich, als er Emmas Freundin vor einer Düpierung bewahrt, die sie den Folgen von Emmas Ratschlägen zu verdanken gehabt hätte, setzt ihn dies in Emmas Augen in ein falsches Licht, und so kommt es, daß am Ende des langen Buches, wenn endlich beide so weit sind, daß er ihr einen Heiratsantrag machen könnte, sie beide glauben, der jeweils andere sei in jemand anders verliebt.
„ ‚Und du willst nicht wissen, worum ich ihn beneide? Ich sehe, du bist entschlossen, nicht neugierig zu sein. Das ist klug von dir - aber ich kann es mir nicht leisten, klug zu sein, Emma. Ich muß dir erzählen, was du mich nicht fragst, obwohl ich es vielleicht im nächsten Augenblick ungesagt machen möchte.‘
‚Oh, dann sagen Sie es nicht, sagen Sie es nicht!‘ rief sie beschwörend. ‚Nehmen Sie sich etwas mehr Zeit, überlegen Sie, verpflichten Sie sich zu nichts.‘
‚Danke‘, sagte er mit tiefer Enttäuschung in der Stimme - und sagte kein Wort mehr.“
Und so kommt beinahe der Heiratsantrag aufgrund eines Mißverständnisses nicht zustande, aber am Ende geht dann zum Glück doch alles gut. Das Buch ist in einem Stil geschrieben, der geradezu nach Verfilmung drängt, und das ist ja nun auch auf sehr geglückte Weise geschehen.
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Ebenfalls sehr vergnüglich zu lesen ist Stolz und Vorurteil:
„Es ist eine allgemein anerkannte Wahrheit, daß ein Junggeselle im Besitz eines schönen Vermögens nichts dringender braucht als eine Frau.
Zwar sind die Gefühle oder Ansichten eines solchen Mannes bei seinem Zuzug in eine neue Gegend meist unbekannt, aber diese Wahrheit sitzt in den Köpfen der ansässigen Familien so fest, daß er gleich als das rechtmäßige Eigentum der einen oder anderen ihrer Töchter gilt.“
So beginnt der Roman, und schon im ersten, nur drei Seiten umfassenden Kapitel wird zügig die Exposition weiter ausgebaut. Freilich dauert es dann noch ein paar hundert Seiten mehr, ehe endlich auch Lizzy ihren Mann fürs Leben gefunden hat.
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Ich erlaube mir schließlich noch, auf Austens Erstlingswerk Die Abtei Northanger hinzuweisen. Es ist nicht ganz so lang und komplex wie die späteren Bücher, und vielleicht nicht mit der gleichen präzisen Psychologie geschrieben, trotzdem besitzt es in Catherine Morland eine entzückend verträumte Heldin, die ein wenig zu sehr in allen möglichen Schauerromanen gelesen hat, die zur Zeit der Niederschrift gerade Mode waren, schließlich aber doch den richtigen findet.
„Sie hatte ihr siebzehntes Lebensjahr erreicht, ohne einem liebenswerten Jüngling zu begegnen, der ihre Zuneigung hätte erwecken können, ohne selbst Leidenschaft erzeugt, ohne auch nur eine mehr als recht bescheidene und vergängliche Bewunderung hervorgerufen zu haben. Das war wirklich seltsam. Aber im allgemeinen lassen sich auch seltsame Dinge erklären, wenn man sorgfältig nach ihrer Ursache forscht. In der ganzen Umgebung gab es nicht einen Lord - nein, nicht einmal einen Baron. In ihrer ganzen Bekanntschaft keine Familie, die einen Findling aufgezogen hätte, nicht einen einzigen jungen Mann von dunkler Herkunft. Ihr Vater besaß kein Mündel und der Schutzherr der Gemeinde keine Kinder.
Aber wenn nun einmal eine junge Dame zur Heldin vorausbestimmt ist, kann selbst diese Absonderlichkeit von vierzig benachbarten Familien es nicht verhindern.“
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„Du sollst wissen, mein süßer Liebling, daß es in den Elementen Wesen gibt, die fast aussehen wie ihr und sich doch nur selten vor euch blicken lassen. In den Flammen glitzern und spielen die wunderlichen Salamander, in der Erden tief hausen die dürren tückischen Gnome, durch die Wälder streifen die Waldleute, die der Luft angehören, und in den Seen und Strömen und Bächen lebt der Wassergeister ausgebreitetes Geschlecht. In klingenden Kristallgewölben, durch die der Himmel mit Sonn’ und Sternen hereinsieht, wohnt sich’s schön; hohe Korallenbäume mit blau und roten Früchten leuchten in den Gärten; über reinlichen Meeressand wandelt man und über schöne, bunte Muscheln, und was die alte Welt des also Schönen besaß, daß die heutige nicht mehr sich dran zu freuen würdig ist, das überzogen die Fluten mit ihren heimlichen Silberschleiern, und unten prangen nun die edlen Denkmale, hoch und ernst und anmutig betaut vom liebenden Gewässer, das aus ihnen schöne Moosblumen und kränzende Schilfbüschel hervorlockt. Die aber dorten wohnen, sind gar hold und lieblich anzuschauen, meist schöner als die Menschen sind. Manch einem Fischer ward es schon so gut, ein zartes Wasserweib zu belauschen, wie sie über die Fluten hervorstieg und sang. Der erzählte dann von ihrer Schöne weiter, und solche wundersamen Frauen werden von den Menschen Undinen genannt. Du aber siehst jetzt wirklich eine Undine, lieber Freund [...] Wir wären weit besser daran, als ihr andern Menschen; - denn Menschen nennen wir uns auch, wie wir es denn der Bildung und dem Leibe nach sind; - aber es ist ein gar Übles dabei. Wir und unsresgleichen in den andern Elementen, wir zerstieben und vergehen mit Geist und Leib, daß keine Spur von uns zurückbleibt, und wenn ihr andern dermaleinst zu einem reinern Leben erwacht, sind wir geblieben, wo Sand und Funk’ und Wind und Welle blieb. Darum haben wir auch keine Seelen; das Element bewegt uns, gehorcht uns oft, solange wir leben, zerstäubt uns immer, sobald wir sterben, und wir sind lustig, ohne uns irgend zu grämen, wie es die Nachtigallen und Goldfischlein und andere hübsche Kinder der Natur ja gleichfalls sind. Aber alles will höher, als es steht. So wollte mein Vater, der ein mächtiger Wasserfürst im Mittelländischen Meere ist, seine einzige Tochter solle einer Seele teilhaftig werden und müsse sie darüber auch viele Leiden der beseelten Leute bestehen. Eine Seele aber kann unsresgleichen nur durch den innigsten Verein der Liebe mit einem eures Geschlechts gewinnen. Nun bin ich beseelt, dir dank ich die Seele, o du unaussprechlich Geliebter, und dir werd’ ich danken, wenn du mich auch mein ganzes Leben hindurch elend machst. Denn was soll aus mir werden, wenn du mich scheuest und mich verstößest? Durch Trug aber mocht’ ich dich nicht behalten. Und willst du mich verstoßen, so tu es nun, so geh allein ans Ufer zurück. Ich tauche mich in diesen Bach, der mein Oheim ist und hier im Walde sein wunderliches Einsiedlerleben, von den übrigen Freunden entfernet, führt. Er aber ist mächtig und vielen großen Strömen wert und teuer, und wie er mich herführte zu den Fischern, mich leichtes und lachendes Kind, wird er mich auch wieder heimführen zu den Eltern, mich beseelte, liebende, leidende Frau.“
„Während man in den ästhetischen Teezirkeln Berlins über den heruntergekommenen Ritter die Nase rümpfte, fand ich, in einer kleinen Harzstadt, ein wunderschönes Mädchen, welches von Fouqué mit entzückender Begeisterung sprach und errötend gestand, daß sie gern ein Jahr ihres Lebens dafür hingäbe, wenn sie nur einmal den Verfasser der Undine küssen könnte. - Und dieses Mädchen hatte die schönsten Lippen, die ich jemals gesehen.“ (Heinrich Heine, Die romantischen Schule, Drittes Buch)
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Von der Undine einmal abgesehen, wüßte ich von keinem Buch, das Friedrich de la Motte Fouqué verfaßt hätte, das ich empfehlen könnte. Dafür kenne ich zwei Bücher, die eng mit der Fouquéschen Undine zusammen hängen, und die ich dir, liebe Leserin, nahelegen möchte. Als erste dieser beiden Bücher die Undine von Jean Giraudoux, eine Adaption des Märchens für die Bühne. Das Bühnenstück entstand mehr als ein Jahrhundert später, ist aber mit seinen ironischen Brechungen durchaus von romantischem Geist, etwa, wenn Ritter Huldbrand, der hier Hans heißt, und Undine ihr späteres Schicksal als Figuren der Weltliteratur erwähnen:
„U n d i n e : Daß sie lügen, die Menschen, weiß ich nun schon. Daß die Schönen häßlich sind, die Mutigen feige - und weiß, daß ich sie hasse!
H a n s : Aber dich, meine Kleine, werden sie lieben . . .“
Bei Giraudoux gibt es keine Verwandlung des unbeseelten, frechen und launischen Naturgeschöpfs in eine beseelte, züchtige Hausfrau: immer bleibt Undine bei ihm sie selbst, und in ihrer Ehrlichkeit, Unmittelbarkeit und Durchsichtigkeit unvereinbar mit der Welt der Menschen.
Manchmal, leider, versucht Giraudoux, allzu clever zu sein, und dann artet sein Text gelegentlich in hochtrabendes Weisheitsgeschwätz ab (besonders, finde ich, im zweiten Akt, der Kürzungen vertragen hätte); manchmal aber auch gelingt es ihm, der Vorlage einen ganz neuen und eigenen Reiz hinzuzufügen, etwa in der herrlichen sechsten Szene des dritten Aktes.
„Es ist ein wahres Lebewohl. Wenn sich sonst
zwei Liebende im Blick des Todes trennen,
wissen sie schon, daß sie sich wiedersehen,
im künftigen Leben sich finden ohne Ende,
sich ohne Unterlaß zur Seite sind,
ohne Unterlaß einander tief durchdringen -
denn sie werden Schatten im gleichen Land sein.
Sie haben sich getrennt, um sich nie zu trennen.
Aber Undine und ich ziehen die Segel
für immer nach getrennten Küsten auf,
und ihr Ziel ist das Vergessen, meins das Nichts.“
Beide Bücher, die Undine von Fouqué und die von Giraudoux, habe ich zusammen in einer einzigen Nacht gelesen.
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Das andere Buch, das in diesen Zusammenhang gehört, ist Brand’s Haide von Arno Schmidt.
Das kleine Buch spielt in der unmittelbaren Nachkriegszeit (nämlich 1946): der Ich-Erzähler, er heißt zufällig auch Schmidt und ist, wie meist bei Schmidt, ein rechter Schmidt-Klon, ist aus der Kriegsgefangenschaft bei den Briten entlassen und in Blakenhof in eine der damaligen Behelfsunterkünfte, beim Dorflehrer, eingewiesen worden, wo er nun zusammen mit zwei Frauen, Lore und Grete, residiert. Wie Schmidt schreibt auch Schmidt an einer Fouqué-Biographie. Vom Verfassen dieser Biographie, mehr noch vom täglichen Überlebenskampf, gestohlenen Äpfeln, einem Paket der nach Amerika verheirateten Schwester und selbstgebranntem Schnaps, dem Umgang mit den Dorfbewohnern und der Beziehung zu den beiden Mitbewohnerinnen handelt das Buch. Eingestreut sind aber auch einige Verweise unheimlicherer Art: die Geisterwelt, die Fouqué beschrieben hat, hält ihre schützende Hand auch über seinen Biographen. Nicht etwa, daß Brand’s Heide eine Geistergeschichte wäre: auffallend ist eher der große Realismus und die Detailgenauigkeit Schmidts, und die Elementargeister werden sehr unauffällig in Szene gesetzt (es ist möglich, das Buch zu lesen und sie zu übersehen).
Was Schmidts Prosa oft nur schwer erträglich macht, seine Bildungshuberei und intellektuelle Prahlhanselei, findet sich auch in diesem Buch, aber, verglichen mit anderen seiner Bücher, eher milde und verzeihlich. Zwar muß uns Schmidt auch in diesem Buch auf jeder dritten Seite indezent darauf hinweisen, daß er der klügste, belesenste und potenteste Mensch des ganzen Erdkreises ist (von „geheimer und verborgener Kompliziertheit“, die etwa Borges an Kipling lobt, hält er meist eher wenig; in seinen späteren Werken gibt es derartiges eher, dort aber meist in ziemlich alberner, etwa psychoanalytisch inspirierter Form), aber nicht auf jeder zweiten, und so werden wir nicht völlig daran gehindert, Anteil zu nehmen an dem Schicksal seines Helden:
„Grünes Glimmen überm Nadelboden; die Goldhitze umfing uns wie im Traum; es war ja eigentlich meine erste Liebe!
Ein Fremder (wenn er auch schweigend schritt): was wollte der Gringo in unserer lieblichen Zweiöde?! (Zweitönigkeit: oh Wald und Grasluft!)
Ein Baum im Wald: wer ihn mit einem dürren Ast auf 15 Meter trifft, wird glücklich sein: Lore traf ihn; ich traf ihn beim zweiten Mal: so sind wir Beide glücklich! Bon.
Über Krumau donnerte es wichtigtuerisch, und dann fielen so 5 Tropfen (das sanfte Gesetz): wenn ich wegen jeder Gießkanne son Radau machen wollte! (Und mal ganz abgesehen von der His-Master’s-voice-Theorie!).
Sie sah mich Kauernden an: ich sagte flehend: ‚Elfen soll man an dem spielenden Licht aus ihren Augen erkennen!‘; ich hob die Brauen, ich bat in ihr Gesicht: -“
Das Zitat offenbart einige stilistische Besonderheiten des Buches; es ist in kurze, manchmal, wie bei der zitierten Passage, auch sehr kurze Abschnitte unterteilt, die meist relativ übergangslos nebeneinander stehen, und geschrieben in einer mal assoziativen, mal phonetischen Sprache. Auch diese Eigenheiten sind in späteren Büchern sehr viel ausgeprägter, können aber der Anfängerin unter Umständen den unmittelbaren Zugang zu Schmidt erschweren. Schmidt ist nicht unbedingt schwer zu lesen, aber ohne Zweifel gewöhnungsbedürftig: nach meiner persönlichen Erfahrung braucht es etwa ein halbes Dutzend etwas mühsam zu lesender Seiten, danach habe ich mich an diesen Stil gewöhnt und kann ihn flüssig lesen wie jeden anderen Text. Oft haben Texte von Schmidt eine geringere Redundanz als die Texte anderer Autoren: das macht einzelne, aus dem Zusammenhang gerissene Passagen mitunter schwer verständlich, während sie in ihrem Kontext keine besonderen Schwierigkeiten darstellen. Die obige Stelle etwa handelt von zwei Aussiedlern, die, um mehr zu essen zu haben, als was sie für ihre Lebensmittelkarten bekommen, im Wald Pilze sammeln gehen, und sich dabei menschlich näher kommen; und da es sich um eine besonders intensive Szene handelt, ist sie in besonders kleinteilige Bilder zerlegt.
„ ‚Schorsch‘ hieß ihr Lehrersohn. O.A. gewesen. Und ihre Augen stolzten unecht wie aus Gablonz. Oder Pforzheim. Dabei liefen alle Männer in gefärbten Tomyuniformen rum; alle Frauen trugen Hosen. Lächerliches Weib.
‚Schriftsteller -?‘ machte sie neugierig, und ihr ward sichtlich wohler, standesgemäßer. ‚Ja, aber ....‘; kurz: sie zeigte es mir:
Das Loch: hinten, um die Ecke; am Kirchplatz. 2,50 mal 3,00 Meter; aber erst mußte das Gerümpel raus; Spaten, Hacken, Werkzeug, und ich erbot mich, das selbst zu machen (ich brauchte ohnehin Hammer und Zange, Nägel: eigentlich Alles cosa rara, wie?)“
Und mit diesem Zitat aus der Einquartierung Schmidts beim Dorflehrer will ich es bewenden lassen.
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Im Zusammenhang mit Nabokov und Giraudoux hatten wir es bereits mit Selbstreferenzialität und romantischer Ironie zu tun. Nun möchte ich ein echt romantisches Beispiel für die Verwirrung von Erzählebenen anpreisen, nämlich Die verkehrte Welt von Ludwig Tieck. Es handelt sich, formal, um ein Drama, allerdings um ein unaufführbares, und um ein Feuerwerk von sich überschneidenden Erzählebenen: Zuschauer werden zu Schauspielern, Schauspieler zu Zuschauern, die Zuschauer greifen in die Handlung ein, die dargestellten Personen zwingen den Schauspielern ihren Willen auf, es gibt ein Stück im Stück, in dem es wieder ein Stück gibt, in dem ein Stück aufgeführt wird, verschiedene allegorische Gestalten revoltieren, jeden Moment schlägt die Handlung um, und ich weiß nicht, welche Stelle aus dem Drama ich zitieren soll, denn wo ich auch die Seiten aufschlage, überall finde ich herrliche Stellen und den glänzendsten Witz. Also, als Exemplum, liebe Leserin, eine aufs geratewohl aufgeschlagene Stelle:
„WIRT. Von unserm Fremden haben wir doch gar nichts weiter gehört.
ANNE. Es war ein sehr uninteressanter Mensch.
WIRT. Wußte dabei gar nichts einmal von den simpelsten dramatischen Regeln, verwunderte sich über alles. Es ist recht gut, daß er kein Fürst oder dergleichen war, denn da er die ‚Ars poetica‘ nicht studiert hatte, wäre er gewiß aus seinem Charakter gefallen.
ANNE. Habt Ihr nun Euren Charakter auch daher, Vater?
WIRT. Eigentlich wohl nicht, denn die Wirte sind dort nicht so namentlich mit aufgeführt, und ihnen gesagt, wie sie sich betragen sollen; aber ich habe mir aus allen meinen Erfahrungen eine Art von Theorie zusammengesetzt, so daß ich doch nicht leicht irren kann.
ANNE. Wie fangt ihr’s nun an?
WIRT. Das Hauptsächlichste, worauf ich zu sehen habe, ist, daß ich nicht unnatürlich werde. Das ist die Hauptsache, mein Kind, alles andre gibt sich schon eher. Ich muß also allen Schwulst vermeiden, alle poetischen Ausdrücke, ich darf nicht zu verständig sprechen.“
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Da wir gerade über die Überschneidung von Ebenen reden: ein anderes Beispiel dafür ist In Schwimmen-Zwei-Vögel von Flann O’Brien, die Geschichte eines Studenten, der bei seinem Onkel wohnt, spät aufsteht und sich die Geschichte eines Schriftstellers ausgedacht hat, der von seinen eigenen Geschöpfen bedroht wird: wir haben also drei Ebenen, wobei sich Ebene 2 und Ebene 3 auf logisch unzulässige Art und Weise vermischen. Außerdem handelt das Buch vom verrückten König Sweeny, der einen Pfaffen beleidigt hat und sich seither für einen Vogel hält (und einmal auf der Insel mit Namen Swim-Two-Birds übernachtet), vom Sagenhelden Finn Mac Cool, gegen dessen breite Kehrseite fünfzig Pfleglinge Handball spielen könnten, und von einem Teufel namens Pooka MacPhellimey, der sich in einen langwierigen Diskurs mit einem gute Fee verwickeln läßt („einem Fee“, weil sein Geschlecht eher im vagen bleibt). Das Buch hat zwar nur ein einziges Kapitel (nämlich das erste), aber großzügigerweise drei Anfänge und drei Schlüße; wird die Lage durch das Auftreten weiterer Personen wie etwa einem Arbeiterdichter oder mehreren Cowboys allzu unübersichtlich, nimmt uns glücklicherweise der Erzähler bei der Hand und geleitet uns sicher durch sein Labyrinth. Im übrigen spielt das Werk mit den verschiedensten sprachlichen Stilen und Ausdrucksformen, ähnlich wie Joyce die Sprache der Gosse, altertümliche Wendungen, Werbeslang und hochtrabende Vornehmheit mischend. Ein weiteres entzückendes Stilmittel der O’Brienschen Prosa ist es, ein Gespräch über mehrere Themen parallel handeln zu lassen, mit wohlgesetzten Fragen und Antworten:
„Ihr Name, sagte die gute Fee, ist etwas, das Sie mir noch nicht anvertraut haben. Nichts ist so wichtig wie die Beine, wenn man die Känguruhlität einer Frau bestimmen will. Hat Ihre Frau zum Beispiel Fell an den Beinen, Sir?
Mein Name, sagte der Pooka mit Verzeihung heischender Beflissenheit, ist Fergus MacPhellimey, und ich bin Teufel oder Pooka aus Berufung. Willkommen in meinem ärmlichen Haus. Ich kann nicht sagen, ob meine Frau Fell an den Beinen hat, denn ich habe dieselben nie gesehen, noch habe ich vor, die Torheit zu begehen, sie anzusehen.“
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Die restlichen Bücher, die O’Brien geschrieben hat, fallen meiner Meinung nach gegen dieses ein wenig ab, mit Ausnahme seines letzten Buches: Der dritte Polizist. Die Geschichte eines einbeinigen Kneipenwirtes und de Selby-Kommentatoren, auf der Suche nach der Geldkasette eines von ihm Ermordeten, beziehungsweise seiner goldenen Uhr, beziehungsweise einer Schachtel Omnium. Seinen Namen kann ich hier leider nicht anführen, denn den teilt uns der Erzähler nicht mit, er hat ihn nämlich vergessen. Auf seinen Irrungen begegnet er zwei Polizisten, am Ende sogar dem dritten Polizisten, der Atomtheorie in ihrer O’Brienschen Variante, und jeder Menge Fahrrädern. Gewürzt ist das Ganze mit Fußnoten zum Thema de Selby, einem wahrhaft erstaunlichen Gelehrten.
„ ‚Und Sie wären platt, wenn Sie wüßten, wie viele Fahrräder es gibt, die halb menschlich, die halbe Menschen sind, die zur Hälfte dem Menschengeschlecht angehören.‘
Da gibt es anscheinend keine Grenze, bemerkte Joe. In dieser Gegend kann alles gesagt werden, und es wird wahr sein, und man muß es glauben.“
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Damit sind wir zwanglos beim Thema der komischen Bücher angelangt, und ich erlaube mir hinzuweisen auf Zwischenfälle von Daniil Charms.
„Gogol fällt aus den Kulissen auf die Bühne und bleibt liegen.
PUSCHKIN kommt aus den Kulissen, stolpert über Gogol, fällt hin Verdammt! Wohl über Gogol.
GOGOL steht auf So eine Sauerei! Man kann hier nicht ausruhn! Geht, stolpert über Puschkin, fällt hin Ich bin wohl über Puschkin gestolpert!
PUSCHKIN steht auf Man wird nicht in Ruhe gelassen! Geht, stolpert über Gogol, fällt hin Verdammt! Wohl wieder über Gogol!
GOGOL steht auf Immer und überall wird man gestört! Geht, stolpert über Puschkin, fällt hin Da haben wir’s! Wieder über Puschkin!“
Um Charms zu zitieren (wenn auch aus einem ganz anderen Zusammenhang): „Leser, vertief dich in diese Fabel, und du raufst dir das Haar.“ Kleine und kleinste Prosafragmente und Mini-Dramen voller oberiutischem Charme; so hieß die Kunstrichtung, die Charms mit anderen zusammen ins Leben gerufen hat, und die nicht gerade Stalins Wohlgefallen hervorrief: der Legende nach ist Charms im Gefängnis verhungert, weil er dort vergessen wurde.
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Einige sehr komische und charmante Bücher gibt es auch von Wieland. Eines der geglücktesten ist die Verserzählung Der neue Amadis, die Geschichte des Ritters Amadis, der sich nacheinander in sechs verschiedene Schwestern verliebt. Aber Wieland selbst hat, in der ersten Strophe, den Inhalt seines Gedichtes zusammengefaßt:
„Von irrenden Rittern und wandernden Schönen
Sing, komische Muse, in freier irrenden Tönen!
Den Helden sing, der lange die Welt bergauf bergab
Durchzog, das Gegenbild von einer Schönen zu finden,
Die aus dem Reich der Ideen herab
Gestiegen war, sein junges Herz zu entzünden,
Und der, es desto gewisser zu finden,
Von einer zur andern sich unvermerkt allen ergab:
Bis endlich dem stillen Verdienst der wenig scheinbarn
Das Wunder gelang, den Schwärmer in ihren Armen zu binden.“
Im übrigen werden auch die Schicksale der sechs Schwestern ausführlich berichtet, von einer zur anderen springend, wie es Wielands freier irrender Muse gerade beliebt, und dem der übrigen fünf Rittern, von denen jeder am Ende einer eine der übrig gebliebenen Schwestern erhält; alles mit Duellen, verzauberten Schlössern, Fabelwesen, Verfolgungsjagden und Schicksalswirren, wie es sich für einen ordentlichen Ritterroman gehört, und geschrieben in einer wunderbar lebhaften und eleganten Sprache, die zum lauten Vorlesen drängt.
Nicht verschwiegen werden soll fairerweise, daß Wieland sich an ein gebildetes Publikum wendet und ein Mindestmaß an Vertrautheit etwa mit der klassischen Mythologie voraussetzt. Aber auch nur ein Mindestmaß: denn Wieland selbst hat dem Werk einen umfangreichen Kommentarteil beigegeben, der für die Leserin, die Sinn für derartiges hat, ebenso vergnüglich zu lesen ist wie der eigentliche Text (in einer Fußnote etwa grübelt er über den Brustumfang der Helena nach, ein Thema, das ihn besonders zu faszinieren scheint, und versucht mit philologischen Mitteln, nachzuweisen, daß die Aufwendungen, die Helena hatte, als sie Athena einen goldenen Becher stiftete, der nach einer ihrer Brüste geformt war, enorm gewesen sein müssen).
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Von vergleichbarer Qualität, aber leider unvollendet, und, ärger, nicht mehr lieferbar, ist „Idris und Zenide“. Nicht ganz so gut, aber dafür lieferbar, ist der berühmtere Oberon, der sorgfältiger komponiert und durchkonstruiert als „Amadis“ oder „Idris und Zenide“ ist, dafür aber leider eine Moral besitzt, auf Kosten des Esprit. Immerhin, auch der „Oberon“ hat komische Qualitäten und märchenhaften Reiz, und vielleicht nicht alle würden mit mir übereinstimmen, den „Oberon“ für ein geringeres Werk zu halten.
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Es gibt auch Prosawerke von Wieland, auch ernsterer Art. Das vielleicht gelungenste, wenn auch nicht berühmteste, dürfte vielleicht der Aristipp sein, die, nicht unbedingt sehr authentische, Lebensgeschichte des Sokratesschülers und Philosophen Aristippos, der in der Lust das höchste Gut sah und der Überlieferung nach mit der berühmten Hetäre Lais verbunden war. Das Lobpreisen soll an dieser Stelle Arno Schmidt übernehmen: „Bücher wie dieser gigantische Briefroman vom ‚Aristipp‘, die dem Fachmann reinlich das Stahlskelett der Trägerkonstruktion zeigen, und gleichzeitig dem Leser eine Fülle intrikatester ziseliertester Geistigkeiten und schönster Menschlichkeiten geben, eine Bereicherung im wahrsten Sinne der tria corda des Ennius, gehören in allen Literaturen zu den größten Seltenheiten, und sollten von jeder Generation immer wieder studiert werden.“ (Nachrichten von Büchern und Menschen 1,
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Von Apuleius gibt es ein Buch, Der goldene Esel, die Geschichte des Aristomenes aus Ägion, der in einen Esel verwandelt wird und als solcher allerlei Abenteuer zu bestehen hat, ehe er wieder zu seiner menschlichen Gestalt erlöst werden kann. Dabei gibt Apuleius eine Fülle von verschiedenen Stilen zur Probe: ein kunstvoll-ausladender rhetorischer Lobpreis wie etwa
„Im Gegenteil, was kann bezaubernder sein als ein Haar von schöner Farbe und blendendem Glanz, das hell in der Sonne blitzt oder nur einen sanften Widerschein von sich gibt und durch wechselnde Anmut seinen Anblick vervielfältigt; das, jetzt wie Gold schimmernd, sanft zur Farbe des Honigs sich verdüstert, jetzt bei Rabenschwärze mit der Täubchen blauspielenden Hälsen wetteifert oder, gesalbt mit arabischem Wohlgeruch, von künstlicher Hand geteilt und glatt zurückgebunden, wie ein Spiegel des gegenüberstehenden Liebhabers Bild verschönert zurückwirft?“
(&c. &c.) steht neben Stellen wie dieser:
„Wir entledigten uns jeglicher Hülle und überlassen uns also dem Taumel der Wollust.
Schon ermattete ich und glaubte alle Vergnügen erschöpft, als Photis aus eigener Freigebigkeit eine neue Quelle der Lust mir eröffnete und zum Beschluß mich noch durch eine Zugabe nach Knabenart der Freuden Übermaß schmecken ließ“,
es gibt herrliche Schmähungen wie etwa:
„Dem abscheulichen Weib fehlte keine Untugend, kein Laster; alle insgesamt waren in ihrer scheußlichen Seele wie Unrat in einem Pfuhl zusammengeflossen. Sie war boshaft, grausam, mannsüchtig, dem Trunk ergeben, hartnäckig, zänkisch, gierig in schnöder Anmaßung des Gutes anderer Leute, höchst verschwenderisch in schändlicher Verbringung des ihrigen, der Ehrlichkeit gram, der Zucht feind. Dabei verachtete und verspottete sie die Götter samt der wahren Religion. Sie bekannte sich zu einer lästerlichen Lehre von einem Gott, den sie für den alleinigen ausgab, und unter dem Vorwand allerlei zu beachtender, nichtiger Gebräuche hinterging sie die Welt, betrog den Mann, soff vom frühen Morgen an und hurte ohne Unterlaß“,
aber auch eine durchaus ernsthafte und respektvolle Beschreibung der Mysterien des Isiskultes. Und es gibt, eingebettet in die eigentliche Handlung, das berühmte (und nur bei Apuleius belegte) Märchen von Amor und Psyche, das schon für sich allein die Lektüre lohnte.
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Ebenfalls der unterschiedlichsten Stile mächtig ist Lukian. Die beste mir bekannte Sammlung seiner Werke ist Der Lügenfreund. Es enthält etwa die „wahre Geschichte“, eine Reise ungefähr im Stile der Fahrten Sindbads oder eher noch Pantagruels oder gar des Doktor Faustroll, oder die „Luftreise“, die Beschreibung einer Reise zum Mond und den Planeten (und meines Wissens die allerfrüheste erhaltene Beschreibung einer Reise zum Mond überhaupt). Es sind Parodien auf antike, aufschneiderische Reisebeschreibungen, vielleicht auch mittelbar auf die Reisen des Odysseus, auch eine Kritik des naiven Glaubens an allerlei Aberglaube, wie ihn Lukian an seinen Zeitgenossen feststellen mußte; „Der Lügenfreund oder Der Unglaubige“ gibt davon Zeugnis ab - zugleich aber auch sind es Märchen, die mit viel Liebe zu den kuriosen und verblüffenden Details entwickelt wurden.
Lukian ist ein moderner oder gar, verzeih, liebe Leserin, die modische oder vielleicht sogar schon aus der Mode gekommene Vokabel, ein postmoderner Autor. Er blickt, im zweiten nachchristlichen Jahrhundert lebend, auf eine immense literarische Produktion zurück, und wenn er sich entschließt, selbst einige „Göttergespräche“ zu verfassen, so ist das Ergebnis sehr merkwürdig: die alten mythologischen Gestalten treten auf, wie wir sie auch von Homer kennen, aber wie moderne Menschen, auf eine sonderbar gleichzeitig naive und ironische Art und Weise werden diese alten Geschichten noch einmal erzählt, so, als seien es ganz alltägliche Vorgänge, die aber zum allerersten Mal erzählt würden. Das Urteil des Paris klingt dann etwa so:
„MERKUR: Wir gehen also nun geraden Weges nach Phrygien; ich zeige euch den Weg, und ihr folget mir ganz gemächlich. Habt nur guten Mut! Ich kenne den Paris, es ist ein schöner junger Bursche und eine verliebte Seele obendrein; er schickt sich unvergleichlich zum Richter in solchen Sachen. Er wird ganz gewiß keinen falschen Ausspruch tun.
VENUS: Desto besser für mich, wenn unser Richter so gerecht ist, als du sagst. - Ist er noch unverheuratet, oder hat er schon eine Frau?
MERKUR: So ganz unverheuratet ist er wohl nicht, Aphrodite.
VENUS: Was willst du damit sagen?
MERKUR: Soviel ich weiß, hat er eine idäische Dirne bei sich, ein tüchtiges Mädel, wiewohl etwas plump, und - wie sie auf solchen Bergen zu wachsen pflegen. Er scheint eben nicht sehr stark an ihr zu hangen. Aber weswegen tust du diese Frage an mich?
VENUS: Ich fragte nur so, um was zu reden.“
Wieder ganz anders im Ton sind die „Hetärengespräche“ (Hetären waren im antiken Griechenland „Freundinnen“, Kurtisanen); in kurzen Szenen und Dialogen werden typische Situationen und Empfindungen dieser Frauen und ihrer Freier vorgestellt, wie die „Göttergespräche“ in ähnlich subtiler Schlichtheit. Übersetzt hat das alles Wieland, der sich Lukian seelenverwandt fühlte, und zwar auf das vorzüglichste. Bis auf das fünfte Hetärengespräch: das handelt vom Bericht einer Hetäre, die bei zwei Lesben als Kundinnen war, und das war Wieland denn doch zu unanständig. Aber auch dieses Gespräch fehlt nicht, sondern wird in der Übersetzung von Hanns Floerke vollständig nachgetragen.
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Die erste Mondreise findet sich bei Lukian beschrieben, aber das sind ja noch nicht alle Themen, die in Science-Fiction vorkommen, von denen die nächsten Abschnitte handeln. Andere klassische Themen von Science-Fiction wurden von H. G. Wells erfunden, etwa das der Zeitmaschine: ein Mann erfindet eine Zeitmaschine, verschwindet, kehrt, verstört und verwundet, zurück, und berichtet von einer fernen Zukunft, von den schönen, schutzlosen Eloi und den unterirdischen Morlocks, und vom Ende der Erde. Dann bricht er zu einer zweiten Reise auf und wird nie mehr gesehen.
Nicht alles, was Wells sich ausdachte, wirkt heute noch glaubwürdig, versteht sich: die Entwicklung der Eloi und Morlocks beruht auf einer vielleicht allzu naiven Anwendung der Evolutionstheorie auf die Menschen, wie sie seinerzeit beliebt war; das Ende der Erde wird sich sicher nicht so vollziehen, wie von Wells imaginiert; und wenig glaubwürdig wirkt, daß die Erfindung der Zeitmaschine nicht irgendwann in der Zukunft wiederholt werden wird, mit den unübersichtlichen und schwer zu schildernden Konsequenzen, die sich daraus ergeben. Trotzdem ist das Buch noch immer von mehr als nur historischem Interesse. Sehr schön etwa ist, wie der Erzähler eine Theorie nach der anderen aufstellt über die Natur der Wesen, denen er begegnet ist, und wie sich diese Theorien nacheinander als falsch herausstellen. Und es gelingt ihm, noch heute, Suspense zu erzeugen, obwohl wir doch wissen, daß der Erzähler wohlbehalten zurückgekehrt ist. Und wenn auch die Erlebnisse, die Wells berichtet, unwahrscheinlich sein mögen, die psychologische Reaktion darauf ist es nicht.
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Das dritte berühmte Thema, neben der Reise zu anderen Planeten und der Reise durch die Zeit, stammt ebenfalls von Wells, nämlich Der Krieg der Welten: die Marsbewohner planen, ihren erkaltenden und verödenden Planeten zu verlassen und die Erde zu kolonisieren. Sie schicken ein Vorauskomando, dessen Aufgabe es ist, die Erde von ihren derzeitigen Bewohnern - uns - zu säubern, und mit ihrer überlegenen Technik: Todesstrahlen, Battle-Mechs und dergleichen, machen sie sich äußerst rabiat an die Arbeit. Um das schauerliche der Geschichte noch zu steigern, läßt Wells die Marsbewohner sich von Menschenblut ernähren, so daß die Marsbewohner nicht alle Menschen töten, sondern einige einfangen, einsperren und mästen. Diese Unwahrscheinlichkeit hat Wells den Tadel Lems eingetragen, der meinte, hier tue der Autor des Bösen zu viel.
Seither ist die Geschichte ungezählte Male wiederholt worden, in ungezählten Büchern, in denen ganze intergalaktische Imperien nichts besser zu tun haben, als ausgerechnet die Erde zu überfallen, in Verfilmungen, angefangen von einer schauerlichen fünfziger-Jahre-Verfilmung des Kriegs der Welten, in denen der Held, der gutaussehende Wissenschaftler, zusammen mit der Heldin, dem unbedarften Mädchen, in einem Gotteshaus vor den Attacken der Außerirdischen Schutz suchen, Vorgänge und Personen, von denen die Vorlage glücklicherweise nichts weiß, bis zu Roland Emmerichs Effekteorgie, die noch nicht einmal darin originell ist, wie sie die Angreifer scheitern läßt, denn ein Virus spielt schon bei Wells eine entscheidende Rolle. Und dann gibt es da noch das berühmte Hörspiel Orson Welles, das eine Panik unter den Zuhörern auslöste, die glaubten, die Marsmenschen seien tatsächlich gelandet, und Plan 9 from Outer Space, dem schlechtesten Film aller Zeiten, es gibt die Aliens, die die Erde erobern und sich vom Blut der Menschen ernähren wollen, und die Vogonen, die die Erde zerstören, weil sie einer Hyperraumumgehungsstraße im Weg steht, es gibt Varianten, die die Vorzeichen von gut und böse einfach umkehren und aus den Marsbewohnern Erlöser machen, die gekommen sind, die Menschheit nicht zu vernichten, sondern vor dem Untergang zu retten, und so weiter und so weiter und so weiter. Nun, das Buch von Wells ist das Original, das all dies ausgelöst hat. Es fängt so an:
„Niemand hätte in den letzten Jahren des XIX. Jahrhunderts geglaubt, daß unser menschliches Tun und Lassen beobachtet werden könnte; daß andere Intelligenzen, größer als die menschlichen und doch ebenso sterblich, uns bei unserem Tagwerk fast ebenso eindringlich belauschen und erforschen könnten, wie ein Mann mit seinem Mikroskop jene vergänglichen Lebewesen erforscht, die in einem Wassertropfen ihr Wesen treiben und sich darin vermehren. Mit unendlichem Behagen schlendert die Menschheit mit ihren kleinen Sorgen kreuz und quer auf dem Erdball umher, in gelassenem Vertrauen auf ihre Herrschaft über die Materie. Es ist möglich, daß die Infusorien unter der Lupe dasselbe tun. Niemand dachte daran, daß älteren Weltkörpern Gefahren für die Menschheit entspringen könnten.“
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Zu Wells’ Epigonen gehören auch die Brüder Arkadi und Boris Strugatzki, freilich solche, die Rechenschaft ablegen über ihre Quellen und mit dem Titel ihrer Zweiten Invasion der Marsianer [vergriffen] deutlich genug auf Wells anspielen. Diesmal versuchen es die Marsbewohner mit Zuckerbrot statt Peitsche, sie sind auch nicht länger am Blut der Menschen interessiert, sondern nur an ihrem Magensaft, den sie sich auf völlig harmlose Art mit dem Einverständnis der betroffenen Menschen beschaffen: diesmal wird die menschliche Zivilisation nicht rabiat und gewalttätig, sondern sanft und freundlich vernichtet. Erzählt wird die ganze Geschichte aus der Perspektive eines uninteressierten Biedermannes, der sich herzlich wenig für alles Außerirdische interessiert.
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Den selben Trick benutzen die Strugatzkis auch in einer bedeutenderen Arbeit, dem Picknick am Wegesrand. Hier sind die Außerirdischen weder rabiat noch freundlich, sie haben der Stadt Harmont einen Besuch abgestattet, so wird vermutet, und dabei einige Stadtteile in eine Zone verwandelt, in der seltsame Dinge geschehen und seltsame außerirdische Gegenstände verstreut sind. Dann aber sind sie mutmaßlich wieder gegangen, ohne Kontakt mit den Menschen aufzunehmen, jedenfalls deutet nichts darauf hin, daß sie sich noch immer auf der Erde aufhalten. Die Zone, die ohnehin unbewohnbar geworden ist, wird zum Sperrgebiet erklärt und soll von Wissenschaftlern erforscht werden. In der Zone treiben sich aber auch Schatzgräber, Stalker, herum, die auf eigene Faust versuchen, Gegenstände aus der Zone zu schmuggeln und auf dem schwarzen Markt zu verkaufen. Und aus der Perspektive eben eines solchen Schatzgräbers wird die Geschichte erzählt, eines Mannes, dem die Außerirdischen und ihre Motive herzlich gleichgültig sind, der seine Familie ernähren will, seine Frau und seine mißgebildete Tochter.
„ ‚Ich unterhielt mich ein bißchen mit ihm, sehr vorsichtig, versteht sich, kehrte den Dummen heraus. Ihn interessierten nur bestimmte Gegenstände aus der Zone, welche, die durchaus ernstzunehmen sind. Was es da an Akkumulatoren, Geprickel, schwarzen Spritzern und ähnlichem Flitter gibt, läßt ihn kalt. Worum es ihm aber wirklich geht, hat er nur vage angedeutet.‘
‚Um was also?‘ fragte ich.
‚Die Hexensülze, wenn ich ihn recht verstanden habe‘, erwiderte Dick und sah mich eigentümlich an dabei.
‚Ach, schau mal an, die Hexensülze braucht er! Benötigt er nicht zufällig auch noch die Todeslampe?‘
‚Genau das hab‘ ich ihn gefragt.‘
‚Ja und?‘
‚Stell dir vor, auch die braucht
Andrej Tarkowski hat das Buch unter dem Titel „Stalker“ verfilmt. Davon abgeleitet, wurden die Mannschaften, die eingesetzt wurden, den Reaktor von Tschernobyl einzubetonieren, im Russischen „Stalker“ genannt.
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Eine Milliarde Jahre vor dem Weltuntergang [vergriffen] schließlich läßt die Außerirdischen noch mehr in den Hintergrund treten: seltsame Dinge geschehen, doch es ist unklar, ob eine fremde Macht dahinter steht, die die Entwicklung der Wissenschaft auf der Erde bremsen will, oder nicht vielleicht ein Naturgesetz selbst, das der Erforschung der Natur Grenzen setzt. Jedenfalls findet sich eine Gruppe von befreundeten Wissenschaftler in der Lage, daß sie ihre Forschungen nicht weiter betreiben können, ohne Gefahr zu laufen, von Wundern attackiert zu werden. Mein Lieblingsdialog der Erzählung ist, wegen der völligen Asynchronität der Gedankengänge, der folgende (zwischen einem Astronomen und seiner Frau):
„ ‚Was ist das?‘ fragte ich, völlig verdattert, während ich abwechselnd auf Irka und den BH blickte.
‚Ein Büstenhalter‘, sagte Irka mit entstellter Stimme, kehrte mir den Rücken zu und entschwand in der Küche.“
Leider gibt es einen kleinen Schönheitsfehler in dieser Geschichte, der ehrlicherweise nicht verschwiegen werden soll: es wird nirgends erklärt, warum die Außerirdischen oder das Naturgesetz, wer auch immer, nicht einfach sämtliche Protagonisten der Geschichte an einem plötzlichen Herzinfarkt sterben lassen. Die wahre Erklärung ist natürlich, daß damit dann die Geschichte schon auf der ersten Seite zu Ende wäre, aber diese Erklärung kann innerhalb der Erzählung selbst nicht gegeben werden. Innerhalb der Erzählung wird zwar eine Erklärung gegeben, aber nur von einer Person zu einer anderen, nicht uns, den Lesern, und obwohl der Erzähler durchaus Kritik an der Erklärung übt, ist das doch nicht das selbe, als wenn wir selbst Kritik an der Erklärung üben könnten, nachdem sie uns mitgeteilt wurde, was aber eben nicht geschieht, und den Verdacht erweckt, daß es eine solche interne Erklärung gar nicht gibt. Ist die Leserin bereit, diese Voraussetzung der Erzählung zu akzeptieren, bleibt ein hochinteressantes Gedankenexperiment.
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Eine weitere Geschichte, die, wie „Picknick am Wegesrand“, einen verzauberten Bereich kennt, ist Die Schnecke am Hang [vergriffen, das liegt an der perversen Verlagspolitik des Hauses Suhrkamp; da die Bücher der Strugatzkis immer wieder periodisch von Suhrkamp wiederaufgelegt werden, besteht allerdings Hoffnung, daß ihre Bücher in absehbarer Zeit wieder lieferbar sein werden]. In ihr gibt es einen Wald, bewohnt von verstörten Dorfbewohnern in verstreuten Dörfern einerseits, einem aggressiv expandierenden parthenogenetischen Matriachat andererseits. Und es gibt die Welt außerhalb des Waldes, mit einer Verwaltung zur Erforschung des Waldes. In den Wald ist ein Pilot namens Kandid geraten, der sich bemüht, ihm zu entkommen, ohne Erfolg, behindert durch eine das Denken lähmende omnipräsente Feuchtigkeit. In die Verwaltung des Waldes wiederum hat es einen Wissenschaftler namens Pfeffer verschlagen, der gerne den Wald besuchen möchte, die Erlaubnis dazu aber nicht erhält.
„Kandid erwachte. Sein erster Gedanke war: übermorgen gehe ich fort von hier. Im gleichen Augenblick begann Nava sich in der anderen Ecke in ihrem Bett zu bewegen. Sie fragte:
‚Kannst du nicht mehr schlafen?‘
‚Nein‘, antwortete er.
‚Dann laß uns miteinander sprechen‘, schlug sie vor. ‚Seit gestern abend haben wir uns nämlich nicht unterhalten.
„Die Schnecke am Hang“ ist nicht unbedingt das, was die Leserin sich vermutlich unter Sci-Fi vorstellt. Es handelt sich um eine phantastische Erzählung, und am Ende werden keineswegs alle Rätsel aufgelöst. Nichtsdestotrotz ist es ein Werk von großer imaginativer Kraft und erlaubt vielfältige Bezüge zur conditio humana, ohne in die Plattheit einer Allegorie zu verfallen.
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Ebenfalls keine gewöhnliche Sci-Fi ist Das lahme Schicksal. Es ist die Geschichte des Moskauer Schriftstellers Felix Sorokin, der einen Roman schreibt, „Die häßlichen Schwäne“, an dem all sein Herzblut hängt, und von dem er weiß, daß er ihn zu seinen Lebzeiten unter dem gegenwärtigen Regime nicht wird veröffentlichen können. Dieser Binnenroman nun ist, über die einzelnen Kapitel verteilt, vollständig abgedruckt (tatsächlich wurde er von den Strugatzkis auch separat veröffentlicht), und handelt von einer Stadt, in der es seit Jahren ständig regnet und in der die Betroffenen einer seltenen Hautkrankheit, von denen es heißt, sie würden ohne Bücher verhungern, einen undurchschaubaren Einfluß auf die unnatürlich hohe Anzahl der Wunderkinder der Stadt hat. Das eigentlich interessante nun ist meiner Meinung nach der Rahmenroman, denn zwischen den ausgesprochen alltäglichen Erlebnissen des Felix Sorokin wie dem Besuch im Schriftstellerclub oder das Wiedersehen mit der Lebensgefährtin oder die Sorge um die erwachsene Tochter mischen sich, versteckt, Hinweise auf eine andere Geschichte, Andeutungen auf Magisches, wie es eigentlich nur in seinen Büchern vorkommen könnte; Hinweise, wie er das Wasser des Lebens finden könnte, oder wie er den frühen Tod seiner Jugendliebe ungeschehen machen könnte. Das einzige aber, was ihn wirklich interessiert (naja, nicht das einzige, aber solche Zusammenfassungen müssen halt leider etwas summarisch verfahren), ist das Schicksal seines Buches.
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Das letzte Buch der Strugatzkis, das ich hier vorstelle, ist die Troika. Das Buch spielt in einer Kolonie zur Erforschung unerklärlicher Erscheinungen, geleitet von einer Troika aus vier erfahrenen, bornierten, verdienten und völlig vernagelten Beamten, die über das Schicksal solcher Erscheinungen wie einem lebenden Pterodaktylus, einer Black Box, einem flüssigen Außerirdischen, einem Yeti, einem verwunschenen Hügel und dergleichen zu entscheiden haben. Und es gibt in dem Buch die vier Wissenschaftler und diplomierten Zauberer Alex, Edik, Roman und Vitjka, die eben diese Dinge liebend gerne erforschen würden, von der Troika aber daran gehindert werden. Das folgende Zitat referiert ein Gespräch zwischen Spiridon, einem sprechenden Kraken, und Quasselstrippe, einer sprechenden Wanze:
„Da wechselten sie das Thema und kamen zur Liebe. Spiridon schwärmte von der platonischen, die Quasselstrippe dagegen von der sinnlichen Liebe. Spiridon verdrehte seufzend die Augen und sang mit abscheulicher Stimme Balladen von der korallenroten Blüte seiner Zärtlichkeit, die im stürmischen Ozean dem Gegenstand seiner Liebe entgegentreibt, den er, der unglücklich Verliebte, noch nie gesehen hat und auch nie zu sehen bekommen wird. Er stöhnte und zitierte Block:
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Nun kommen wir zum letzten Verfasser von Zukunftsgeschichten, der hier vorgestellt und gelobt werden soll, nämlich Stanislaw Lem. Zu meiner großen Freude konnte ich feststellen, daß Lems eigene Bewertung, welche seiner Bücher etwas taugen und welche von eher mäßigem Interesse sind, mit meinem eigenen Urteil weitgehend übereinstimmt. Da hätten wir als erstes einmal eines seiner frühen Werke, nämlich Solaris.
Wie die Strugatzkis in ihrem „Picknick am Wegesrand“ geht es auch hier um eine Begegnung mit einem oder mehreren Außerirdischen, ohne daß ein Kontakt zustande kommt, und ohne daß das Geheimnis der Natur des oder der Anderen gelüftet werden kann. Der Außerirdische nämlich besteht aus einem einen ganzen Planeten umfassenden Ozean, und obwohl einige Indizien darauf hinweisen, daß es sich um ein intelligentes Lebewesen handelt, ist es doch nicht möglich, sich irgendwie mit ihm zu verständigen.
Wenn auch das Wesen des Außerirdischen im Dunkeln bleibt, so wird doch erschöpfend die Reaktion der Menschen geschildert, von den Veränderungen der Trivialkultur, die der Nicht-Kontakt auslöst, bis hin zu den verschiedensten wissenschaftlichen Theorien, einschließlich des modischen Wandels, dem diese Theorien im Laufe der Zeit erliegen. Aber nicht darin besteht die Handlung des Buches. Auf einer vereinsamten Forschungsstation, die über dem Ozean schwebt, bewohnt von drei Wissenschaftlern, kommt ein vierter an. Er stellt fest, daß der Ozean nun doch begonnen hat, auf seine eigene Weise Kontakt mit den Menschen aufzunehmen, allerdings auf eine für die Menschen peinliche und peinigende Weise. Außerdem ist es eine der wenigen Male im Werk Lems, daß er eine Art Liebesgeschichte erzählt, und es gelingt ihm so gut, daß es fast bedauerlich ist, daß er das nicht öfters getan hat.
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Das andere Mal, wo es Lem gelingt, eine Liebesgeschichte zu erzählen, ist „Die Maske“. Lem selbst allerdings hat als Thema der Erzählung den Gegensatz von Determinismus und freiem Willen angegeben, und eigentlich trifft es das auch noch besser. Abgedruckt ist die Geschichte in Die Ratte im Labyrinth. Die übrigen Geschichten dieser Sammlung sind für meinen Geschmack von geringerem Interesse, aber vielleicht gibt es ja Leserinnen, die anderer Meinung sind und gerade in den von mir verschmähten Geschichten höchste literarische Genüsse finden.
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„Eines Tages baute Trurl eine Maschine, die alles produzieren konnte, was mit dem Buchstaben n begann. Als sie fertig war, testete er sie, indem er ihr befahl, Nähgarn, Nadelstreifen und Négligés herzustellen, was sie auch tat; sodann ließ er sie das ganze auf Nangkingseide nähen und an eine nasse Nargileh, gefüllt mit Novocain, Nelken und Nieswurz nageln. Sie erledigte den Auftrag bis aufs I-Tüpfelchen. Da er noch nicht völlig von ihren Fähigkeiten überzeugt war, mußte sie der Reihe nach Nimbusse, Nasenlöcher, Neutronen, Nudeln, Nabelschnüre, Nymphen und Natrium herstellen.“
Dies ist der Beginn der Erzählung „Wie die Welt noch einmal davonkam“, der ersten Erzählung aus der Sammlung Kyberiade, über die beiden Roboter-Konstrukteure Trurl und Klapauzius. Roboter-Konstrukteure sind sie, weil sie Roboter konstruieren, und weil sie konstruierende Roboter sind.
„ ‚Wir möchten‘, antwortete Symchrophonicus und drehte sich dabei leicht bald in die eine, bald in die andere Richtung, ‚wir möchten, daß die erste lehrreiche, jedoch heitere, die zweite witzige und spritzige und die dritte tiefgründige und erschütternde Geschichten
Auch Lem beginnt mit einfachen, heiteren Geschichten, wie der Geschichte von der Maschine, die alles produzieren kann, was mit n beginnt, und unter der Hand schmuggelt er immer mehr lehrreiches und tiefgründiges ein, bis zur letzten Geschichte, „Experimenta Felicitologica“, in der Trurl versucht, das allgemeine Glück zu konstruieren, aber immer wieder scheitert, und das Gespräch zwischen Trurl und seinem verstorbenen Lehrer schließlich bildet Abschluß und Höhepunkt des Buches.
Erzählt ist das alles im Tonfall des Märchens, Trurl und Klapauzius unternehmen Reisen, auf denen sie Räubern und Königen begegnen, es gibt aber auch, in einer Mischung aus Märchentonfall und Wissenschaftsslang, eine Parodie der Quantenmechanik, die folgendermaßen beginnt:
„Trurl und Klapauzius waren Schüler des großen Kerebron Emtadrat, der siebenundvierzig Jahre in der Neantischen Hochschule die allgemeine Drachentheorie gelehrt hatte. Bekanntlich gibt es keine Drachen. Einem simplen Verstand mag diese primitive Feststellung vielleicht genügen, nicht aber der Wissenschaft, denn die Neantische Hochschule befaßt sich überhaupt nicht mit dem, was existiert; die Banalität der Existenz ist bereits zu lange erwiesen, als daß man auch nur ein Wort darüber verlieren sollte.“
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Noch ein letztes Buch von Lem, Also sprach GOLEM. Ist schon die „Kyberiade“ ein in einem ungewöhnlichen Stil erzähltes Buch, so der „GOLEM“ noch mehr: die Handlung besteht in nichts weiterem, als daß ein Computer Vorträge hält über verschiedene allgemeine abstrakte Themen. Zwei dieser Vorträge, der erste und der letzte, hat Lem ausgearbeitet und wiedergegeben, dem Vortrag über die Menschen und dem Vortrag GOLEMs über sich selbst. Wer in Büchern Entspannung und seichte Unterhaltung sucht, wird den völligen Mangel an Laserkanonen, Raumschiffen, intergalaktischen Imperien und dergleichen schmerzlich bemerken und vermutlich nicht zu Ende lesen. Nichtsdestotrotz ist es ein hochinteressantes Buch. Neben vielem anderen enthält es eine Theorie, auf die Lem unabhängig von Dawkins gestoßen ist, die, kurz gefaßt, aussagt, daß nicht die Gene Werkzeuge der Lebewesen sind, die der Fortpflanzung dienen, sondern gerade umgekehrt.
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Sehr viel elaborierter und detaillierter wird diese Theorie von Dawkins in Das egoistische Gen vorgestellt, zusammen mit einer Fülle von biologischen Beispielen, die schon für sich allein genommen das Buch zu einer lohnenden Lektüre machen, und das erfreulicherweise, obwohl es, soweit ich sehe, ein wichtiges Buch innerhalb der biologischen Fachdiskussion darstellt, trotzdem so geschrieben ist, daß es für Laien ohne weiteres verständlich ist; ein solcher Glücksfall ist ja weder selbstverständlich noch häufig. Sehr gut, aber leider zur Zeit vergriffen, ist „Der blinde Uhrmacher“. Dieses Buch enthält zwar keine neue Theorie, dafür aber eine der besten und überzeugendsten Darstellung einer alten Theorie, nämlich der Evolutionstheorie von Darwin, in Form der sogenannten modernen Synthese mit der Mendelschen Genetik, geschrieben in allgemeinverständlicher Sprache.
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Da wir nun einmal schon bei nicht-belletristischen Büchern sind: Eines meiner Lieblingsbücher ist Die Logik der Forschung von Popper. Leider ist dieses Buch, im Gegensatz zu den Büchern Dawkins, ganz und gar nicht allgemeinverständlich geschrieben. Als er es schrieb, wollte Popper seine Freunde vom Wiener Kreis beeindrucken, und deshalb wimmelt es in diesem Buch von mathematischen Formeln und pseudomathematischen Ausdrucksweisen, die nicht alle unbedingt strikt nötig gewesen wären, um Poppers Standpunkt klarzustellen. Es gibt eine allgemeinverständliche Darstellung seiner Theorie, die allerdings nicht alle Details der „Logik der Forschung“ enthält, dafür aber auch neues Material bringt, nämlich die Objektive Erkenntnis.
Poppers berühmtestes Buch, das gelegentlich auch als sein Hauptwerk bezeichnet wird (obwohl das doch eher die „Logik der Forschung“ ist) ist wohl Die offene Gesellschaft und ihre Feinde I: Der Zauber Platons und Die offene Gesellschaft und ihre Feinde II: Falsche Propheten. Da Popper in diesem Buch Marx kritisiert und außerdem mit Thatcher befreundet war und einmal mit Adorno aneinandergeriet, hat er in bestimmten Kreisen den Ruf eines Erzreaktionärs: vielleicht kann die Lektüre dieses Buches dazu beitragen, diesen (völlig falschen) Eindruck ein wenig zu modifizieren.
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Von Danilo Kiš (wir kehren zur Belletristik zurück) gibt es einen Erzählband, Enzyklopädie der Toten, mit einer Geschichte, „Simon der Wundertäter“. Simon der Magier oder Wundertäter ist eine im Neuen Testament belegte Gestalt, Kiš deutet ihn als einen Gnostiker. In einem Seemannsbordell hat er die gefallene Weltseele Sophia gefunden und freigekauft, und mit ihr zieht er über die Dörfer, bis er eines Tages dem ebenfalls umherziehenden Petrus begegnet, der ihn herausfordert, ein Wunder zu tun.
„ ‚Ich weiß genau, wie weit meine Kräfte reichen‘, sagt Simon, ‚und ich weiß, daß ich den siebenten Himmel nicht werde erreichen können. Aber sechs Himmel werde ich begehen. Bis zum siebenten reicht allein der Gedanke, denn dort ist alles nur eitel Licht und die Seligkeit selbst. Und die Seligkeit wird keinem sterblichen Menschen
...
„Sophia aber sagt: ‚Nimm diesen Schal. Dort oben ist es so kalt wie auf dem Grunde eines Brunnens.‘ Und sie legt ihm den Schal um den Hals.
‚Die Vorbereitungen dauern zu lange‘, sagt Petrus.
‚Er wartet auf den Sonnenuntergang, um sich unter dem Gewande der Nacht zu verbergen‘, fügt einer der Schüler des Petrus hinzu.
‚Auf Wiedersehen‘, sagt dann Simon und küßt seine Sophia auf die Stirn.
‚Adieu‘, sagt einer der Schüler des Petrus. ‚Und paß auf, erkälte dich
Die Geschichte wird zweimal erzählt. Oberflächlich unterscheiden sich beide Versionen, wesentliches aber bleibt.
Berühmt ist auch die Titelgeschichte des Bandes. Sehr lesenswert ist daneben der Essay „Das Buch der Könige und Narren“.
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Danilo Kiš hat nicht nur Erzählungen, sondern auch etliche Romane geschrieben. Einer von ihnen, Sanduhr, handelt von Kiš’ Vater, Eduard Kiš. Beide waren Jugoslawen oder Serben oder Juden oder wie diese seltsamen Wörter heißen. E. S., wie er in dem Buch heißt, ist ein wehrloser Mensch, der sich vor Hunden fürchtet, den eigenen Verwandten, den Deutschen, und in einer wirren und bösartigen Welt seiner Familie nicht helfen kann. 1944 ist er in Ausschwitz umgebracht worden, das steht aber nur auf dem Umschlag, das Buch spielt 1942. Es endet mit einem in voller Länge abgedruckten Brief des Vaters (unter der Überschrift „Brief oder Inhaltsverzeichnis), und dieser Brief endet mit einem aus einem einzigen Satz bestehenden Postscriptum, den ich hier nicht zitieren werde. Ich würde mich aber freuen, wenn eine Leserin sich entschließen würde, das Buch zu erwerben und vom Anfang an bis zu diesem Satz zu lesen.
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Etwas heiterer geht es in dem kurzen Roman Die Dachkammer zu. In einzelnen disparaten Kapiteln wird die Geschichte von Orpheus und Igor Bock-Allwissend erzählt, Bewohnern der Dachkammer, wenn sie nicht gerade ein Lokal auf einer einsamen Insel eröffnen, und Eurydike, der Freundin des Orpheus.
Es ist kaum zu übersehen, daß es sich um ein Erstlingswerk handelt: Kiš springt von Thema zu Thema, prahlt mit seiner Bildung, gibt bedeutungsschwangere und manchmal prätentiöse Sätze von sich, so, wie sich das für ein Erstlingswerk gehört. Trotzdem mag ich dieses Buch, und ich verdanke ihm die Komposition zweier Wörter, die ich keineswegs direkt von Novalis übernehmen und abgewandelt, sondern direkt von Kiš und nicht abgewandelt habe:
„Hier fällt so oft Regen, plätschert der Mondschein.
Eurydike, umarme mich!
Auch du bist nicht immer dieselbe, du, die du in Gestalt der Euridyke aus Worten, aus Schatten, aus Schleiern zum Vorschein kommst. In den Vorstädten ergießt sich deine Stimme freigebig und leise über die Fenster, wie das Zwielicht, blau. Im Mondschein wird sie wohltönend wie eine Harfe, wie . . .
Und in der Dachkammer, gegen Abend, wenn deine Brüste nackt sind, wird deine Stimme Liebkosung, Wunder, lila Blume.“
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Von Sinowjew gibt es ein Buch , Gähnende Höhen. Das Buch spielt in Ibansk:
„Ibansk ist ein unbewohnter Ort, den es in Wirklichkeit nicht gibt. Sollte es ihn aber zufällig doch geben, wäre er reine Erfindung. Und wenn er irgendwo denkbar wäre, dann ganz gewiß nicht bei uns in Ibansk.“
Protagonisten des Buches sind der Künstler (ein systemkonformer Maler), der Schmierer (ein wirklicher Künstler), der Denker (ein Karrierist), der Schwätzer (ein Soziologe), der Herr-und-Gebieter (ein Politiker) und über hundert weiteren Personen, die sich auf über tausend Seiten den sozialen Gesetzen gemäß benehmen.
„Die Maßnahme wurde vom Institut zur Prophylaxe gegen üble Absichten erdacht, unter Aufsicht des Laboratoriums für Gehirnwäsche unter Beteiligung des Direktivjournals durchgeführt und von einer Masseninitiative aufgegriffen. Die Maßnahme wurde vom Chef, den Stellvertretern, den Vertretern der Stellvertretern und allen anderen gebilligt, einige wenige ausgenommen, deren Meinung falsch war. Ziel der Maßnahme war es, diejenigen ausfindig zu machen, die mit der Durchführung der Maßnahme nicht einverstanden waren, und Maßnahmen zu ergreifen.“
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Von Carroll gibt es ein Buch, Die Jagd nach dem Schnark, eine Agonie in acht Krämpfen: zur Mannschaft, die das Schnark jagt, gehören ein Bankier, ein Billiard-Marqueur, ein Makler, ein Advokat, ein Bursche, ein Hutmacher, ein Biber, ein Büttel, ein Metzger und ein Bäcker (Banker, Billiard-marker, Broker, Barrister, Boots, maker of Bonnets, Beaver, Bellman, Butcher und Baker: die Ausgabe ist zweisprachig). Die Reise freilich steht unter einem Unstern, und es gelingt dem Team auch nach acht Krämpfen nicht, ein Schnark zu erlegen, das sich am Ende auch noch als Buuhdschamm entpuppt (was immer auch das sein mag).
„Falls - und dergleichen liegt durchaus im Bereich des Möglichen - dem Verfasser dieses zwar kurzen doch lehrreichen Gedichts je der Vorwurf gemacht werden sollte, er schriebe Unsinn, so bezöge sich dieser, davon bin ich überzeugt, auf den Vers:
‚Und das Bugspriet verstrickte ins Ruder sich
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Von Swift schließlich gibt es ein Buch Gullivers Reisen. Aber nun habe ich schon so viel Autoren aufgezählt, nun sollen sie sich gefälligst gegenseitig loben.
„Und erblickt im ersten Buch von vieren: das Genie, von den Termiten gequält! Die ihn wanzenhaft um- und überwimmeln: zwischen seinen gutmütig gespreizten Beinen können sie ihre Aufmärsche veranstalten; und schauen nach oben, und feixen über seinen zerrissenen Hosenboden. Dabei: wenn der ihre halbe Stadt brennt, kann er sie noch mühelos auspissen! Aber fesseln möchten sie ihn, gelt ja? ; blenden, und dann verhungern lassen! [...] Zweites Buch: da erlebt er, im Riesenlande, das Grauen vorm Organischen, den Wahnsinn der Biologie: groß sind die Hautporen wie Tassenköpfe; rittlings=angeklammert sitzt er auf der eichenborkigen Brustknospe lästrygonischer Gönnerinnen - der Geruch bringt ihn fast um! [...] Drittens in Laputa und Balnibari: ‚unten‘ front und plappert gedankenlos das Volk; während darüber die ‚Oberschicht‘ schwebt. Wenn man unten nicht aufs Wort folgt, wird oben die fliegende Insel dergestalt dirigiert, daß die Sonne nicht mehr herabscheint. [...] Die Wissenschaftler werden mit dem bißchen Gesicht auf alle möglichen Weltfremdheiten zugekehrt; dürfen an Wortmaschinen syntaktische Kunststücke herausdrehen, oder auch Scheiße destillieren. [...] Letztes Buch: der finale Ekel vor aller Menschengestalt, inklusive Swift: jeder ehrliche Gaul ist anständiger!“
[Arno Schmidt, Nachrichten von Büchern und Menschen 1, Frankfurt a.M. 1971, S.88f]
„Im Schlußabschnitt sagt er: ‚Mich ärgert nicht das Schauspiel eines Advokaten, eines Rattenfängers, eines Obersten, eines Dümmlings, eines Lords, eines Spielers, eines Politikers, eines Halunken.‘ In dieser schönen Aufzählung werden gewisse Wörter von den nebenstehenden angesteckt.“
[Borges, Niedertracht und Ewigkeit S. 210]
In der von mir empfohlenen Übersetzung heißt es noch schöner:
„Ich bin nicht im geringsten aufgebracht beim Anblick eines Juristen, eines Taschendiebs, eines Obersten, eines Narren, eines Lords, eines Spielers, eines Politikers, eines Hurenjägers, eines Arztes, eines Spitzels, eines Anstifters zum Meineid, eines Anwalts, eines Verräters oder dergleichen.“
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Zum Schluß noch, ohne Bewertung, der Hinweis auf einige Bücher, die für einen typischen Besucher meiner Seite interessant sein könnten:
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Gini Graham Scott, Dominanz und Demut
--Das SM-Handbuch
Thomas A. Wetzstein, Linda Steinmetz, Christa Reis, Sadomasochismus. Szenen und Rituale
Patti Davis, Bondage. Liebe mich, feßle mich
Sina-Aline Geißler, Lust an der Unterwerfung
D. A. F. Marquis de Sade, Justine oder Die Leiden der Tugend
Pauline Réage, Geschichte der O
Leopold von Sacher-Masoch, Venus im Pelz
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Das wär’s fürs erste.
Freund es ist auch genug. Jm fall du mehr wilt lesen/
So geh und werde selbst die Schrift und selbst das Wesen.