Im Grunde handelt es sich bei dem folgenden nicht um ein Märchen, sondern, komplizierter, um die Legende oder Saga, das Märchen eines Märchens. Denn ich werde nicht das Märchen der Drachenjägerin selbst erzählen, dazu handelt es sich um ein viel zu verwickeltes und unendliches Epos, sondern einige Worte verlieren, indem ich eine Geschichte über diese Geschichte erzähle.
Die allererste Manifestation der Drachenjägerin tauchte in einer Vorlesung auf (ich glaube, Graphentheorie, bin mir aber nicht mehr ganz sicher, vielleicht war es auch, während jemand in einem Topologieseminar einen schlecht vorbereiteten Vortrag hielt), als eine flüchtige Zeichnung auf dem grauen, linierten Papier, das ich für meine Mitschriften benutzte, erschien. Ich zeichnete das Ganze ins Reine (,veröffentlichte es später im Web, siehe hier,) und begann, mir zu dieser Zeichnung eine Geschichte auszudenken (eine erste Fassung findet sich hier).

„Dragon Hunter“ 29.9.1999 20x30 cm
Die Drachenjägerin, deren Name ich nicht kenne, trägt einen Anzug, den sie aus der Haut eines unverwundbaren Drachen gefertigt hat, und dadurch ist auch sie unverwundbar, vorausgesetzt, sie zieht sich ihre Kapuze über den Kopf und setzt ihre Schutzbrille auf. Die Haut eines unverwundbaren Drachens ist nur von einer Seite aus unzerstörbar: könnte die Haut nicht von der Innenseite aus gedehnt oder sonstwie verändert werden, könnte ein frisch aus dem Ei geschlüpfter Drache nicht weiter wachsen, weil seine Haut beim Wachstum nicht mitwachsen könnte. Die einzige Möglichkeit, einen Unverwundbaren Drachen zu besiegen, besteht darin, ihn von innen anzugreifen, etwa, sich verschlucken zu lassen (was aber bei einem feuerspeienden Drachen nicht eben empfehlenswert ist, da im Inneren eines feuerspeienden Drachens regelmäßig Temperaturen von mehreren tausend Grad herrschen), oder durch eine Attacke, die von den Innenseiten seiner Mundwinkel ausgeht und eine an den Mundwinkeln geschlagene Wunde systematisch vergrößert, am besten in Richtung Hals, um dem Drachen den Kopf abzuschlagen, denn ein Angriff auf den Schädel ist bei den meisten Drachen eine eher hoffnungslose Sache.
Ist ein unverwundbarer Drache erst einmal besiegt, läßt er sich häuten, und das so gewonnene Leder läßt sich durch Schnitte von der Innenseite weiter verarbeiten. Nähte sind etwas mühsam, da die Nadel die Haut immer nur von einer Seite durchstechen kann, aber prinzipiell möglich.
Der Anzug der Drachenjägerin hat noch eine weitere nicht alltägliche Eigenschaft, da er seiner Trägerin die Fähigkeit zu fliegen verleiht. Dies hängt damit zusammen, daß Drachen zum fliegen nicht ihre Flügel benutzen, die für diesen Zweck ohnehin viel zu klein wären und nur zum Navigieren dienen, sondern ihre Haut, die rasch wechselnde magnetische Felder aufbaut, die von den Hirnströmen desjenigen gesteuert werden, der in dieser Haut steckt. Das Fliegen mit einer Drachenhaut verlangt eine gewisse Übung, da die betreffende Person zunächst lernen muß, welche Gedanken mit welchen Hirnströmen korrelieren, die bestimmte Flugbewegungen auslösen, aufgrund der großen physiologischen Ähnlichkeit zwischen Menschen und Drachen (beide gehören zur Sippe der allesfressenden Großrandalierer) bereitet es dann aber nach der Phase der Eingewöhnung kaum noch Mühe.
Neben dem Anzug aus Drachenleder, ihrer Unterwäsche , Schuhen, Handschuhen, einer Schutzbrille und einem Rucksack mit diversen anderen Habseligkeit wie einem Notitzblock oder einer Angelschnur besitzt die Drachenjägerin als einzige weitere persönliche Habseligkeit nur noch ihr Drachenjägerschwert, das äußerlich eine vage Ähnlichkeit vielleicht am ehesten mit einer (einem?) Katana hat. Zusammen mit dem Rucksack trägt sie ihr Schwert auf den Rücken geschnallt und wandert durch die Welt, auf der Suche nach einem Drachen.
Hat sie einen Drachen gefunden und getötet, dann findet sich im Inneren des getöteten Drachens ein Zugang zu anderen, unbekannten Welt. In jeder Welt sucht und tötet die Drachenjägerin einen Drachen und wandert dann in die nächste Welt. Ein kleines Zitat aus der ersten Fassung: "Es gab da etwa eine nächtliche Welt voller Elfen, die auf steinernen Terrassen Gärten angelegt hatte, durch die langsam und bedächtig ein steinerner Drache wanderte, der alles niederwalzte, was sich ihm in den Weg stellte, und der von den Bewohnern dieser Welt als heilig verehrt wurde, in einer Sandwüste gab es Drachen mit giftigem Atem, in einem unwegsamen Gebirge einen gigantischen mechanischen Drachen, in einer anderen Welt wurde ein mittelalterliches Städtchen von einem fliegenden Drachen tyrannisiert, in einem Meer wohnte eine ungeheure Seeschlange, und jeder Drache war das Tor zur nächsten Welt mit dem nächsten Drachen." Ein riesiger Drache wurde von einer technisch fortgeschrittenen raumfahrenden Rasse in einer riesigen Stahlkugel gefangen gehalten, und es kostete die Drachenjägerin einige Mühe, dieses Volk zu überzeugen, die Kugel zu öffnen und den bis dahin unbesiegten Drachen ihren Künsten zu überlassen. Ein hartnäckiger Drache besaß nachwachsende Köpfe. Ein polarer Drache spie Frost statt Feuer. Ein Drache bewohnte eine Höhle voller Schwermut und unheimlicher Stimmen.
Des weiteren lassen sich die Drachen einteilen in sprechende und nichtsprechende, fliegende und nichtfliegende, feuerspeiende und nichtfeuerspeiende, unverwundbare und verwundbare, solche mit hypnothischen Augen und solchen ohne, solchen mit nachwachsenden Gliedmaßen und solchen ohne, in große und kleine, heiße und kalte, gefleckte und schuppige, glatte und rauhe, undsoweiter.
Offensichtlich ist die Geschichte der Drachenjägerin wie die Geschichte von Sigurd, dem Drachentöter, Theoderich oder Odysseus aufgrund ihres sequentiellen Charakters potentiell unendlich, und es läßt sich beliebig Episode an Episode reihen.
Eine dieser Episoden stelle ich mir etwa so vor: Nacht, Gewitter, Blitze, wildromantisches Unwetter. In einer Hütte haben sich die Mitglieder einer (nicht zu zahlreichen) bäuerlichen Familie versammelt. Donnerkrachen/Türklopfen. Ein Mutiger öffnet, und im schwarzen Regen steht eine schwarze schwarzgekleidete Gestalt, die schwarze Kapuze zugezogen, um sich vor dem Regen zu schützen: die Drachenjägerin, die nun eilig in die Hütte und an das Feuer springt. Sie wird nach einem Augenblick des Erschreckens eifrig befragt, kann aber nur in einer unbekannten Sprache antworten.
Sie bleibt einige Zeit auf dem Hof, und an dieser Stelle kann die Geschichte mehrerer Tage ohne Hast, aber auch ohne unnötiges Verweilen rasch in wenigen Einstellungen erzählt werden: die Drachenjägerin hilft bei der Kartoffelernte (denn die Geschichte spielt nicht im europäischen Mittelalter, das keine Kartoffeln kennt), spielt mit den Kindern, mit einem Schreibblock und Stift malt sie verschiedene Gegenstände auf und fragt nach deren Namen, lernt allmählich die Sprache, hilft, das Stroh auf den Pferdewagen zu laden, legt aus einem Beutel aus ihrem Rucksack einen Edelstein auf den Tisch des Hauses und geht davon.
Zu Fuß erreicht sie die Königsresidenz. Sie bietet dem König an, den Drachen zu töten, der seine Untertanen tötet, wenn der König ihr dafür Männer und Ausrüstung zur Verfügung stellt. Ihr Vorschlag stößt auf Vorbehalte: eine Frau von unheimlicher, nie gesehener Hautfarbe und zweifelhafter Herkunft soll vollbringen, was die mutigsten und vornehmsten Ritter des Reiches nicht wagen? Zudem, der Drache wohnt in einer entlegenen, kaum bewohnten und wirtschaftlich unbedeutenden Gegend des Reiches und hat sich seit Jahren ruhig verhalten. In einer Probe muß sie beweisen, daß sie tatsächlich die Heldin ist, für die sie sich ausgibt.
Worin diese Probe besteht, habe ich mir noch nicht genau überlegt, etwa darin, daß sie den vornehmsten Ritter des Hofes im (unblutigen, sportlichen) Zweikampf besiegt. Jedenfalls erhält die Drachenjägerin die erste Gelegenheit, ihre Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Bei alldem gibt sie sich zurückhaltend, aber ihres Wertes bewußt.
Anläßlich der bestandenen Probe gibt der König zu Ehren der neugegründeten Freundschaft zwischen ihm und der Drachenjägerin ein Festmahl. Den Bräuchen der Vornehmen des Landes folgend, soll während des Festes einem jungen Mann der Bauch aufgeschnitten werden, damit der König und sein Ehrengast, die Drachenjägerin, ihre Füße in seinen Eingeweiden kühlen können. Die Drachenjägerin bittet den König, von diesem Brauch für dieses Mal Abstand zu nehmen. Der König weigert sich. Die Drachenjägerin bittet ihn inständig, nur dieses eine Mal, während ihrer Anwesenheit, aus Rücksicht auf ihre Sentimentalität von diesem Brauch Abstand zu nehmen. Der König weigert sich. Die Drachenjägerin erhebt sich von der Tafel, und die Hände der Wachen zucken zu ihren Waffen (wir sehen, die Stimmung der Festtafel wird unangenehmer). Langsam und ruhig erklärt die Drachenjägerin, daß jener junge Mann in ihrer Gegenwart nicht getötet werden wird. Der König antwortet, das werden wir ja sehen, und gibt ein Zeichen, den Mann zu töten. Die Drachenjägerin zieht ihr Schwert, fliegt über den Tisch, erklärt dem König, daß er ein Idiot sei, zerrt den Mann auf eine Dachterrasse, wo sie seine Fesseln löst, inzwischen folgen ihnen die Wachen, die Drachenjägerin nimmt den Mann huckepack und fliegt davon.
An dieser Stelle erscheint es zweckmäßig, sich irgend eine abkürzende Bezeichnung für den jungen Mann, der beinahe aufgeschlitzt worden wäre, auszudenken, sonst muß ich ihn fortwährend als „junger Mann“ durch die Geschichte schleppen. Also nenne ich ihn im folgenden statt dessen „A“.
Die Drachenjägerin bringt A zu einigen seiner Freunde, die beschließen, ihn zu verstecken, denn der König läßt nach ihm und der Drachenjägerin suchen. Die Drachenjägerin ist ein wenig ratlos, was sie nun beginnen soll, da sie sich die Hilfe des Königs verscherzt hat.
„Einen Drachen zu töten ist ein Unterfangen, das sorgfältig geplant werden sollte. Natürlich ist es auch möglich, sich ohne weitere Vorbereitungen mit gezücktem Schwert auf einen noch unbekannten Drachen zu stürzen, aber die Chancen, eine Begegnung mit einem Drachen zu überleben, erhöhen sich doch ganz gewaltig, wenn zuerst die Gewohnheiten und Eigenschaften eines Drachens sorgfältig studiert und dann entsprechend abgestimmte Maßnahmen ergriffen werden. Manche Drachen etwa sind unverwundbar, andere können fliegen, wieder andere speien Feuer, und einige schließlich vereinigen alle diese unangenehmen Eigenschaften. Manche Drachen lassen sich durch giftige oder explosive Köder besiegen, andere ernähren sich von Luft oder Regen oder dem Sonnenlicht oder vom Nachdenken und sind demzufolge nicht auf feste Nahrung angewiesen. Einmal bin ich einem Drachen begegnet, der eine unverwundbare Haut besaß und, da er keine feste Nahrung benötigte, auch keinen Mund besaß, statt dessen hatte er nur ein Gitter, durch das er Feuer spie, und demzufolge schien er unbesiegbar zu sein. Mit Hilfe eines Düsenjägers, in eurer Sprache gibt es kein Wort dafür, mit Hilfe einer fliegenden Kiste näherte ich mich ihm und sprühte eine explosive Gasmischung in seinen Rachen. Allein mit einem Schwert hätte ich ihn unmöglich töten können. Ein anderer Drache hatte die Fähigkeit, so laut zu schreien, daß er dadurch alle Lebewesen im Umkreis von drei Tagesreisen töten konnte, nur durch ausgeklügelte Vorsichtsmaßnahmen konnte ich mich ihm nähern. Wie der Drache eurer Welt beschaffen ist, weiß ich nicht, die Berichte, die ich bis jetzt erhalten habe, sind ausgesprochen unsicher und mehrdeutig. Ich könnte versuchen, mich ihm allein zu nähernund ohne weitere Ausüstung außer dem, was ich mit mir führe, aber lieber wäre es mir schon gewesen, der König hätte mir seine Hilfe zugesagt.“
„Nun, ich weiß nicht, ob ich mit dir tauschen möchte, ich jedenfalls käme erst gar nicht auf die Idee, mit einem Drachen kämpfen zu wollen. Ich finde aber, während deine Schwierigkeiten noch irgendwie lösbar klingen, stecke ich echt in der Klemme: der König wird mich für vogelfrei erklären, und ich werde nirgendwo mehr sicher bleiben können, überall werde ich gejagt werden, und ich werde nie wieder ein friedliches Leben haben.“, antwortet A, und dann bitten A und seine Freunde die Drachenjägerin, ob sie ihnen nicht helfen könnte, den König zu stürzen und eine allgemeine Republik freier und gleicher Bürger zu errichten. Die Drachenjägerin antwortet ihnen, daß sie das für keine gute Idee hält, weil es auf einen langen und blutigen Bürgerkrieg hinausläuft, „in welchem viele ihr Leben lassen werden, viele, die ohne diesen Bürgerkrieg noch viele Jahre zwar bedrückt und armselig, aber doch irgendwie hätten leben können. Und am Leben zu bleiben und die Sonne sehen zu können, ist doch trotz allem von allen Dingen das Höchste, und kein Mensch hat das Recht, dieses geringste und zugleich höchste der den Menschen erreichbaren Güter einem anderen zu rauben. In der Armee und in der Polizei eures Königs dienen viele Männer, die ebenso unschuldig sind, wie ihr es seid, die ihren Beruf gewählt haben, um sich ihr Bort verdienen zu können und nicht Hungers sterben zu müssen oder die gar zu diesem Dienst gepreßt wurden, mit Widerwillen, unter Geschrei ihren Eltern entrissen wurden, und diesen Eltern würde der Tod ihres Kindes das Herz zerreißen, ihren Bräuten wären sie geraubt, ihren Frauen, ihren noch unverständigen Kindern. Leid und Not würdet ihr mit eurem Beschluß über diese Menschen bringen, die ihr nicht kennt und die euch nichts Arges getan haben, und viele Lebensfäden vor der Zeit zerreißen, unzählbar viele Sonnenuntergänge, Küsse, Worte und Mahlzeiten würdet ihr auslöschen, weil ihr die würdet töten müssen, die doch eigentlich geboren wurden, diese Sonnenuntergänge zu schauen, diese Küsse zu küssen, diese Worte zu sprechen, diese Mahlzeiten zu essen, euretwegen würden sie ein Mahl der Raben unbestattet auf den Feldern, die doch geboren wurden, zu leben und sich ihres Lebens zu freuen, so gut sie es vermögen. Und denen, die sich euch anschließen, würdet ihr das selbe Los bereiten, jungen Burschen, die sich mit leuchtenden, gläubigen Augen eurer so gerecht erscheinenden Sache anschließen würden, würdet ihr in Tod und Verderben führen, kaum erst begonnene Leben, noch kaum erkennbare Entwürfe, erste Versprechungen, Jünglinge, die noch nie bei einer Frau lagen, Unverständige, die noch gar nicht wirklich ermessen können, ob eure Sache ihr Leben, die fünfzig oder sechzig Jahre, die sie noch unter der Sonne unter den redenden Menschen verbringen dürften, ob diese eure Sachen ihr junges, kostbares, einzigartiges, einziges Leben wert ist. Und eure Unschuld würdet ihr verlieren, eure Weichheit, eure Rührbarkeit, denn wenn ihr euch auf diese Sache einlaßt, so werdet ihr grausam sein müssen, ihr werdet Entscheidungen treffen müssen, die einem Menschen nicht zustehen, eure Seelen werden sich verhärten. Um Waffen zu erbeuten, werdet ihr kleine, euch zahlenmäßig unterlegene Gruppen von Soldaten des Königs aus dem Hinterhalt überfallen, und Gefangene werdet ihr nicht unterbringen und füttern können, und freilassen werdet ihr sie auch nicht können, weil sie sonst wieder die Truppen des Feindes stärken werden, und so werdet ihr sie töten müssen, bereits entwaffnete, wehrlose Gefangene werdet ihr töten, und um wichtige Informationen zu erhalten, oder solche, die euch wichtig erscheinen, weil es um das Leben eurer Leute gehen wird, weil ihr verzweifelt sein werdet, werdet ihr eure Gefangenen foltern, und ihr werdet euch ausdenken, wie ihr sie möglichst grausam werdet foltern können, und unter euch werden solche zu Ansehen kommen, die am erfindungsreichsten im Ausdenken von Foltermethoden sein werden. Und die regulären Truppen werden euch verfolgen, und wo ihr euch in unwegsames Gelände zurückzieht, in die Wälder oder die Berge oder in Sümpfe, werden sie sich an eure Dörfer halten, euren Vätern und Müttern werden sie die Kehle durchschneiden, eure Frauen und Jungfrauen werden sie vergewaltigen, ihren Stolz brechen und sie mit Bastarden schwängern, die ungeliebt und unerwünscht zur Welt kommen werden, und eure eigenen Kinder werden sie töten, und in euch wird ein Haß aufsteigen, von dem ihr euch nie wieder werdet reinigen können, und dieser Haß wird das einzige sein, was ihr euren überlebenden Kindern werdet vererben können, ihr werdet eine neue Generation heranziehen, die nichts kennen wird als euren Haß, die eure Grausamkeiten für gewöhnlich und alltäglich halten wird und nicht für das, was sie in Wahrheit sein werden, nämlich außerordentlich und monströs. Und sie werden die Felder nicht bestellen, sondern hassen, und sie werden die Bräuche nicht lernen, sondern hassen, sie werden die Stimmen der Götter im Rauschen der Bäume nicht hören, sondern hassen, sie werden nachts nicht ruhig und zufrieden schlafen, sondern hassen, sie werden nicht freundlich, nicht hilfsbereit, nicht naiv, nicht kindlich, nicht unschuldig sein, sondern hassen, und selbst, wenn ihr eines Tages Sieger sein solltet, so werden sie dann trotzdem nicht von einem Tag auf den anderen ihren Haß beiseitelegen, so, wie auch ihr an diesem Tag feststellen werdet, daß ihr euren Haß nicht mehr einfach auf die Seite legen könnt und wieder zu der Unschuld und der Freundlichkeit zurückkehren könnt, die ihr einst besessen habt. Sie aber, eure Kinder, werden auch dann, am Tag eures Sieges, noch immer nichts gelernt haben außer eurem Haß, sie werden nicht wissen, wie sie die Felder bestellen sollen, sie werden eure Bräuche nicht kennen, in ihnen werden die Götter keine Wohnung nehmen können, und ihren eigenen Kindern werden sie nichts vererben können, statt Menschen werden sie Reste, Hüllen von Menschen sein, unfähig, ihr Glück und ihre Freiheit zu genießen, und ihr werdet euren Sieg für niemanden errungen haben. Und daß ihr überhaupt einen Sieg erringen werdet, ist zweifelhaft. Denn nicht nur allein von eurem guten Willen hängt das aber, sondern von vielerlei anderen Dingen, denn was ihr wollt, Freiheit und Gerechtigkeit für Jeden, das erfordert, daß seltene Dinge häufig vorkommen, es braucht dazu freie Menschen, ihr aber werdet eine Generation von Soldaten heranziehen, die lernen werden, zu gehorchen und nicht zu zweifeln, es braucht dazu den raschen und ungehinderten Austausch von Informationen, dazu aber ist euer Land zu groß und eure Informationstechnologie zu primitiv, es braucht dazu gebildete und engagierte Menschen, ihr aber werdet Verzweifelte und Analphabeten erschaffen, es braucht dazu verschiedene Meinungen, verschiedene Religionen, verschiedene Kulte, Buntheit und Vielfalt, ihr aber werdet in euren Feldlagern jede Buntheit verbieten müssen, jede Vielfalt unterdrücken, euch selbst für die Besitzer der einzig wahren Meinung halten, und am Ende werdet ihr euch zerstreiten über den richtigen Weg, und dann wird sich der dümmste und brutalste unter euch, der am wenigsten von Skrupeln und Zweifeln geplagteste, der lauteste und schlechteste von euch wird sich die Macht nehmen und in eurem Namen seine Herrschaft errichten, auf euren Knochen wird er seinen Palast erbauen, euch Kränze flechten und euch verraten und die Menschen werden sagen, er sei schlimmer als der König, den ihr jetzt so hassenswert findet. Oder aber eure Sache wird aufgerieben, ihr findet zu wenige, die sich euch anschließen, das Korn, das ihr den Bauern werdet rauben müssen, um eure Armee zu ernähren, wird die Menschen gegen euch aufbringen, eure Schlupfwinkel werden verraten, zu wenige wollen ihr Leben für eine ungewisse Sache geben, und am Ende werden die letzten von euch einsam in den Wäldern verhungern oder wie die Diebe und Räuber, die sie sein werden, um die Höfe schleichen, oder die letzten von euch werden zur Belustigung des Volkes in einem öffentlichen Prozeß hingerichtet, geköpft, gevierteilt, verbrannt, gefressen, und der König wird beschließen, die Zeit der Mildherzigkeit sei vorbei, und um künftige Aufstände zu verhüten, wird er euer Volk nur um so härter bedrängen. Und wie wollt ihr eure Soldaten daran hindern, denen das Korn zu rauben, die selber Not leiden und ohne dieses Korn hungern müssen, wie wollt ihr eure Soldaten daran hindern, sich die Frauen, die ihnen gefallen, zu rauben und ihnen Gewalt anzutuen, wie wollt ihr sie daran hindern, dem Nachbarn, auf den sie schon seit Jahren einen geheimen Groll hegten, das Leben zu rauben, und wie wollt ihr den Anblick all der Toten, der schreienden Frauen, der Hungernden, den zerschmetterten Köpfen der Kinder, den brennenden Häusern, wie wollt ihr all das ertragen und euren Kampf fortsetzen, ohne eure Herzen zu verhärten, ohne zu versteinern und unempfindlich gegen das Leid zu werden? Euer Leben und eure Seelen, das Leben und die Seelen aller Menschen eurer Nation seid ihr bereit zu opfern für einen ungewissen Ausgang, für eine zweifelhafte Sache, für ein vielleicht, ein trügerisches, für einen alten König oder einen neuen Tyrannen, für einen Wechsel, der keine Veränderung bringt, oder die Invasion eines fremden Staates, der erfreut ist über die leichte Beute eines bürgerkriegsgeschwächten Landes. Ihr wollt Wohltäter eures Landes sein, euch selbst für euer Volk opfern, dann seht zu, ob ihr das nicht am ehesten erreicht, indem ihr von euren Plänen Abstand nehmt, euch in öde Gegenden oder das Reich eines fremden Fürsten zurückzieht und Abschied nehmt von den Menschen dieses Landes. Oder, falls eure Namen noch nicht nicht auf den Verhaftungslisten sind, seht, wie ihr auf andere Art und Weise euren Menschen helfen könnt, wie ihr ihnen nicht durch einen Aufstand, doch durch tätige Arbeit das Los erleichtern könnt, indem ihr den Staat zum besseren wandelt, die Willkür verringert, die Notleidenden versorgt, das Denken über die Dinge des Staates anregt, die Erziehung der Menschen verbessert und dem Land nicht das Schwert, sondern Brot, Belehrung und Reform der Verwaltung bringt.“
Darauf lassen dann auch A und seine Freunde eine ähnlich pathetische Rede vom Stapel, mit der sie die Drachenjägerin überzeugen wollen, sich doch trotzdem ihrer Sache anzunehmen. Sie weisen sie darauf hin, daß all die schrecklichen Folgen, die sie da ausmalt, ja bereits eingetreten sind, „denn jetzt schon ist es doch so, daß unsere Kinder nichts als Haß und Gewalt lernen, jetzt schon werden unsere Angehörigen vergewaltigt, verstümmelt und getötet, herrscht allgemein Hunger, Not und Unrecht, gibt es keine Hoffnung auf Bildung und Besserung. Du selbst warst doch Zeuge, wie dem König ein menschliches Leben für nichts gilt, wie wir als seine Sklaven oder sein Vieh behandelt werden, wie uns alle Würde geraubt wird, und wir können uns selbst nicht mehr achten, wenn wir länger schweigen und uns nicht wehren. Mag sein, daß wir unsere Unschuld verlieren, wenn wir uns entschließen, den Pflug mit dem Schwert zu tauschen und es mit Menschenblut zu färben, doch sind wir denn unschuldig, wenn wir zusehen, wie unsere Mitmenschen getötet oder gemartert werden, sollen wir denn wirklich in ein fremdes Land ziehen, auf irgend eine ferne Insel der Seeligen, die ja doch nur im Traum und nicht wirklich existiert, denn wo immer Menschen hausen, da hausen auch Unglück, Not und Jammer, denn wo immer Menschen hausen, hausen auch Ungerechtigkeit und Bedrückung, sind wir denn unschuldig, wenn wir unsere Geschwister ihrem Schicksal überlassen, nur darauf bedacht, uns zu verkriechen und uns einen abgelegenen Garten behaglich einzurichten? Es ist wahr, wenn du sagst, das Größte und Wichtigste sei es für einen Menschen, wenn er lebe und atme und die Sonne schauen könne. Aber kann denn einer die Sonne schauen, wenn sein Nacken gebeugt ist? Wie viele leben denn nicht, das Gesicht zu Boden gedrückt, und sehen nichts als ihre Not und ihr Unglück? Und ist es da nicht besser, zu sterben, aber aufrecht und stolzen Sinnes? Und ist ein langes Leben in Not und Unfreiheit wirklich besser als ein kurzes, das nach eigenem Wunsch und Willen gelebt wurde? Mag sein, daß die meisten von uns in wenigen Jahren stumm geworden sein werden und ihre Ruhestätte in der gleichgültigen Erde nehmen, doch wenigstens können wir sagen, daß wir Menschen waren, freie Menschen, und selbst für unser Schicksal verantwortlich. Wir werden Fehler begehen, gewiß, schließlich sind wir ja Menschen, keine unsterblichen Götter, mag sein, daß es uns nicht gelingt, den Menschen eine neue Regierung zu bringen, oder daß unsere neue Regierung kaum besser ist als die alte. Doch wird uns durch Untätigkeit gewiß noch weniger irgend etwas gelingen, und kein Fehler, begangen in ehrlichem Bemühen, kann größer sein als der Fehler der Untätigkeit, und scheitern wir auch, so können doch andere aus unseren Fehlern lernen und es dereinst besser machen, denn das ist ja die Art der Menschen, daß sie ihr Handeln ändern können und nicht wie das Vieh sind, das sein Handeln immer auf die gleiche Weise vollzieht. Und wo du Schwierigkeiten und Gefahren für unser Unternehmen siehst, da bitten wir dich, uns zu helfen, jene Schwierigkeiten zu vermeiden. Du scheinst ja vielgereist und erfahren und magst manches wissen darüber, wie eine Armee oder ein Staat geführt werden soll, und wo du uns Wissen voraus hast, bitten wir dich, uns zu belehren. Doch läßt du uns allein, so überläßt du uns ebenso der Unwissenheit wie der Hoffnungslosigkeit, und gebrochen, niedergeworfen, müssen wir unser Leben beschließen.“
Darauf beschwert sich dann wieder die Drachentöterin, sie müßten ihr Schickal schon selbst in die Hand nehmen, sie sei dafür nicht zuständig, und überhaupt müßten sie lernen, wenn sie in Freiheit leben wollten, niemandem blind zu vertrauen und ihren eigenen Kopf zu gebrauchen. Außerdem sei sie eben nur eine Drachenjägerin und wolle nur Drachen töten und keine Menschen, und Menschenblut habe ihr Schwert nur benetzt, wenn sie in Notwehr war und ihr eigenes Leben retten mußte. „Mich aber hast du doch auch aus den Hallen des Königs gerettet, und nicht nur dein eigenes Leben, nun laß dich dein Tun nicht gereuen, sondern vollende dein Werk“ sagt darauf A. So geht das noch eine Weile hin und her, „Der Weise erkennt, wann er handeln muß und wann es besser ist, sich zurückzuziehen, wann ein Umschwung möglich ist und wann es besser ist, die eigenen Kräfte zu verbergen, der Weise ist dadurch mächtig, daß er den Wandel der Zeiten erkennt und nicht versucht, diesem Wandel entgegen zu handeln“ sagt die Drachenjägerin, und A antwortet „doch sind es Menschen, die den Wandel der Zeit bewirken, Menschen, die ihn ändern können, wir selbst sind es, die für unser Leben verantwortlich sind, nicht die Götter sind für unser Leben verantwortlich, nicht unsere Eltern sind für unser Leben verantwortlich, wir selbst sind es, auch sind es nicht die Götter oder die Natur, die zwischen Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit unterscheiden, sondern nur wir Menschen unterscheiden zwischen Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit, und darum können nur wir Menschen bewirken, daß es gerecht zugeht in der Welt, wenn wir uns nämlich entschließen, zu bewirken, daß es Gerecht sein soll in der Welt, und uns dafür bemühen, niemand sonst kann uns diese Arbeit abnehmen, nicht die Götter und nicht das Verrinnen der Zeit allein wird das bewirken, nur unser tätiges Handeln.“, und schließlich bequatschen sie die Drachenjägerin, ihnen zu helfen.
Als nächstes kommen in der Geschichte dann einige Gelegenheiten, große Actionszenen zu zeigen, wie die Drachenjägerin und ihre Genossen Leute um sich scharen, wie sie eine erste Festung erstürmen, wie nämlich die Drachenjägerin mit einer riesigen Flagge der Aufständischen über die Mauer der Festung fliegt und innen das Tor aufstößt, wie sie den Rebellen zeigt, wie Katapulte gebaut werden, wie sie mit diesen Katapulten eine weitere Schlacht gewinnen, wie die Drachenjägerin Salpetersäure herstellt, und dergleichen, in ihrem Zelt von Lager zu Lager durchs ganze Land reisend.
[Das Feldbett in einem kleinen Zelt, das die Drachenjägerin für sich allein benutzt, um sie herum ihre persönliche Habe, die sich kaum vermehrt hat, mit dem Morgengrauen steht sie auf. Gemeinsame Mahlzeiten auf dem Feld aus geraubtem, gejagtem oder geschenktem. Erkundungsgänge. Erkundungsflüge. Beratungen zwischen der Drachenjägerin und anderen Anführern der Rebellen: sie breiten Karten auf dem Boden aus, zeichnen Festungen des Königs und Wege ein. „Diese Festung können wir mit unseren eigenen Leuten halten, in ihr können wir Vorräte aufbaren, hier können wir uns zurückziehen, jene Festung können wir mit unseren wenigen Leuten nicht halten, wir werden sie niederreißen und zerstören müssen.“ Boten, die Nachrichten von anderen Einheiten der Rebellen bringen.]
[Eine Festung ist erobert worden, genug Nahrung für ein Festessen ist erbeutet worden, alle sind ausgelassener Stimmung, Schmaus und Tanz, ein freier Tag wird verkündet. Die Drachenjägerin liegt im Gras und schaut den wenigen Wolken zu, die langsam den Himmel entlangwandern, immer von der gleichen Seite ins Blickfeld kommen, immer auf der gleichen gegenüberliegenden Seite abgehen, alle mit der gleichen Würde und Gravität, und die Zweige der Bäume tasten die unendliche Tiefe des Himmels ab.]
A kommt vorbei und setzt sich ins Gras neben die Drachenjägern, die ihre unvermeidliche Drachenlederhose, sonst aber nur ein Hemd trägt, und auch das Schwert ist heute vergessen und fern. Die beiden beginnen, sich zu unterhalten, und A möchte wissen, woher die Drachenjägerin kommt, warum sie sich auf die Kunst des Drachentötens versteht, und warum ihre Haut so dunkel ist.
„Dort, wo ich geboren wurde, sehen alle Menschen so aus.“ „Aber wo wurdest du denn geboren?“ „In einem fernen Land, weit, weit weg von hier.“ „Aber wie kamst du dann hierher?“ „Oh, das ist wahrhaft eine lange Geschichte.“ Und in einer großen Rückblende beginnt die Drachenjägerin ihre Herkunft zu erläutern.
Einige Hütten, spärliche Vegetation, Wüste. Der Blick gedreht: eine Oase, eine Fülle an Grün, dahinter nochmals Wüste. Der Abend bricht an. Rasch fällt die Temperatur, statt glühend heiß ist es mit einem Mal kühl. Die Männer versammeln sich um ein Feuer und beginnen, Reden zu führen. Mitten in ein Schweigen hinein tritt ein Mann aus den Umrissen der Bäume in ihre Mitte, mit einem Hut, der halb sein Gesicht verdeckt (er hat nur ein Auge, das andere hat er auf einer mystischen Expedition an den Rand der Unendlichkeit als Pfand hinterlegt). Erstaunen, Erschrecken der Dorfbewohner. Der Fremde setzt sich. Er erkundigt sich, oder besser, er stellt sachlich fest, was ein Fremder eigentlich nicht wissen kann (was heißt hier überhaupt: ein Fremder? Nie hat es hier Fremde gegeben, nur unseren Clan und dann noch jenen Clan und jenen Clan und jenen Clan, und diese Clans kannten weitere Clans und so weiter, aber keine einzelnen Wanderer): über den Zustand der Kamele und Känguruhs, über den Drachen, der in der Drachenschlucht wohnt und den keiner der Anwesenden gesehen hat, aber viele kennen noch persönlich den Alten, der als junger Mann den Drachen mit eigenen Augen gesehen hat und der vor sieben Regenzeiten gestorben ist, und jeder weiß, daß der Drache schon seit den Tagen der Ahnen in der Drachenschlucht haust, seit er aus der Mythologie der Ahnen auf die Erde herabgestiegen ist, um die Menschen zu strafen und an ihre Kleinheit zu erinnern, und schließlich stellt der Fremde noch fest, daß heute im Dorf ein Kind zur Welt kam. „Ja, meine Frau hat eine Tochter zur Welt gebracht“ sagt einer der Männer, der Vater der Drachenjägerin, und bereut schon in dem Moment, in dem er den Mund öffnet, seinen Vorwitz, dadurch, daß er gesprochen hat, möglicherweise den fremden Gott auf sich aufmerksam gemacht zu haben. Der aber scheint im Nachdenken versunken zu sein, erst nach einer Weile löst er den Blick von den tanzenden Flammen und blickt wieder in die Runde. Unverständliches verkündet er: aus ihrem Dorf soll dereinst der Drachentöter hervorgehen, der Besieger des Drachens, der in der Drachenschlucht haust, und darüber hinaus aller Drachen überhaupt. „Und für diesen Drachentöter habe ich etwas mitgebracht, das ihr für mich aufbewahren sollt und das der Drachentöter bekommen soll, wenn es an der Zeit ist.“ Und sie sehen, daß der Fremde die ganze Zeit ein Bündel bei sich trug, das sie aber die ganze Zeit nicht gesehen hatten, und der Fremde enthüllt den verborgenen Gegenstand, und der erweist sich als ein Schwert in einer Schwertscheide, schlank und leicht gekrümmt. „Verwahrt dies, bis es an der Zeit ist.“ Und einer nimmt seinen Mut zusammen und fragt: „Und woran werden wir das erkennen, und woher werden wir wissen, wer der Drachentöter ist, dem dieses Schwert gehört?“ Und der Fremde lächelt und sagt:„Wenn es soweit ist, wird der Drachentöter sich sein Eigentum von selbst nehmen, es genügt, daß ihr es so lange aufbewahrt.“ Und er steht auf und tritt zwischen die Bäume und ist verschwunden, und dort lehnt noch immer das unheimliche Geschenk, das Schwert des Drachentöters. So jedenfalls wurde die Geschichte erzählt.
Zuständig für das Schwert wurde der Medizinmanager, der es im Tempel neben den Götterbildern, Idolen, Medizinen und Magiehölzern verwahrte. Das Mädchen aber, das an jenem Tag zur Welt gekommen war, nahm eine seltsame Entwicklung. Sie raufte sich mit den stärksten Buben, sie war begierig darauf, Bogenschießen und das Schleudern des Speeres zu lernen, statt wie ihre Schwester Würmer und Wurzeln zu sammeln, bestand sie darauf, die Jagd zu erlernen, und als sie von den sonderbaren Ereignissen erfuhr, die sich am Tag ihrer Geburt zugetragen hatten, bestand sie darauf, es sei offensichtlich, daß mit dem künftigen Drachentöter nur sie gemeint sein konnte. Denn hatte sich der unbekannte Gott nicht ausdrücklich nach dem neugeborenen Kind erkundigt, und hatte er nicht im nächsten Satz gesagt, aus ihrem Dorf würde einmal der Drachentöter kommen?
Der lauteste der Jungs warf ihr für diese Gotteslästerung einen Stein an den Kopf, und sie beschloß, von nun an ihre Pläne für sich zu behalten und niemanden mehr in ihre Geheimnisse einzuweihen. Dann begannen unglückliche Jahre, sie nahm an den Initiationsriten teil (denen der Mädchen, nicht denen der Jungs), und ihre Freundinnen sprachen alle von Heiraten, eine Familie gründen, ein eigenes Haus beziehen, Kinder in die Welt setzen, aber keiner der jungen Männer wollte sie heiraten, als laste ein Fluch auf ihr, und obwohl niemand darüber sprach, hatte keiner im Dorf ihren Ausspruch vergessen, sie sei es, die zum Drachentöter bestimmt sei. Und sie wollte auch nicht heiraten, Niemand und Niemals, und sie wurde still und wehmütig, wenn sie die anderen jungen Frauen reden hörte.
Und schließlich setzte sie sich ein Datum, ab wann sie zur Drachentöterin werden wollte. Der Stammesvorsitzende, ein auf Ausgleich bedachter Mensch, hatte sich erboten, sie zur Zweitfrau zu nehmen, um zu verhindern, daß sie unverheiratet blieb. Was stört es schon, dachte er, daß etwas Sonderbares um sie ist, als Stammesvorsitzender habe ich ja das Recht auf mehrere Frauen, und so habe ich dann ja immer noch meine erste Frau, die ich liebe und die mich liebt und an der nichts Sonderbares ist, und selbst wenn jene etwas sonderbar sein sollte, so ist sie doch trotzdem jung und schön, und wenn sie nicht mehr jung und schön ist, so ist ihr vielleicht auch das Sonderbare vergangen. Das Mädchen aber wollte nicht heiraten, und so erkundigte sie sich unauffällig, zwischen anderen Fragen versteckt, welchen Weg sie zur Drachenschlucht nehmen müßte, legte sich unauffällig einen Reiseproviant an, nähte unauffällig Reisekleider, ging in den Tempel, nahm sich das Schwert und wurde ein Drachenjäger.

„Die Drachenjägerin nimmt ihr Schwert an sich“ 30.9.1999 20x30 cm
Fortsetzung des Feldzuges der Rebellen.
Auf ihren Wanderungen kreuz und quer durch das Land erkundigt sich die Drachenjägerin auch immer wieder nach dem Drachen, doch es stellt sich heraus, daß der Drache nur sehr unregelmäßig und nach langen Abständen auftaucht, in ganz verschiedenen Teilen des Landes, und daß er seit des Ausbruchs des Bürgerkrieges überhaupt nicht mehr gesichtet wurde.
Die Drachenjägerin bringt die Aufständischen dazu, sich selbst eine provisorische Regierung zu geben, der sie selbst nicht angehört. Die Aufständischen bilden den sogenannten „Rat“, der die oberste Heeresleitung bestellt; die Drachenjägerin wird Generalin im Dienst dieses Heeres. Außerdem setzt der Rat verschiedene Ausschüsse ein, etwa zum Beispiel den Ausschuß zur Untersuchung unmoralischer Umtriebe, der eingesetzt wurde, um Soldaten im Heer der Aufständischen zu bestrafen, die Frauen vergewaltigen oder Konfiskationen zur persönlichen Bereicherung ausnutzen.
Es gelingt den Rebellen, in kurzer Zeit ein großes Areal zu erobern, dann aber kommt ihr Vormarsch zum erliegen, der Winter bricht herein, und die Generäle des Königs finden Zeit, ihre Truppen zum Gegenschlag zu sammeln. Ein Dorf, dessen Einwohner gezwungen wurden, eine Truppe des königlichen Heeres zu verbergen, wird von den Rebellen dem Erdboden gleichgemacht. Die Drachenjägerin hält eine Rede vor dem Rat, in der sie dieses Ereignis verurteilt, es findet eine Diskussion über die Verhältnismäßigkeit der Maßnahme statt, schließlich beschließt der Rat, den Forderungen der Drachenjägerin soweit entgegen zu kommen, daß der Ausschuß zur Untersuchung unmoralischer Umtriebe künftig die Machtbefugnisse erhalten soll, solche Exzesse zu verhindern.
[Die Versammlung findet um den Ratsfelsen herum statt, wer das Wort hat, stellt sich unterhalb der Felsenspitze auf, einem großen Findling.]
„Warum siehst du denn immer noch so mürrisch und finster drein, schließlich hat der Rat dir doch am Ende recht gegeben“ sagt, am Abend nach der Versammlung, A zur Drachenjägerin. „Scham und Bestürzung habe ich vermißt“, antwortet die Drachenjägerin, „daß einer aufsteht und bekennt, daß wir Unrecht getan haben, das nämlich hat keiner von uns getan, aufzustehen und Zeugnis abzulegen und so den Zorn der Getöteten zu besänftigen. Aber vielleicht ist es dafür auch noch zu früh, vielleicht fehlen uns noch die Worte dafür, und vielleicht wird erst ein Dichter sie finden, wenn er ein Epos über irgend etwas ganz anderes schreiben wird.“
Im Frühjahr dann kommt es zu einem weiteren Zusammenstoß zwischen der Drachenjägerin und dem Rat, als nämlich einige Frauen die später so genannte „Petition der hundert Frauen“ vorlegen, in denen sie verlangen, es solle ein Ende des Krieges sein, und es sollten Verwandlungen mit dem König über einen Waffenstillstand aufgenommen werden. Die Drachenjägerin verlangt vor dem Rat, es müsse eine Abstimmung stattfinden im ganzen befreiten Teil des Landes darüber, ob der Krieg fortgesetzt werden sollte, „und zwar sollten alle Menschen berechtigt sein, darüber abzustimmen, Männer wie Frauen, da ja Männer wie Frauen davon betroffen sind und die Götter beiden die Gabe der Rede und der Einsicht verliehen haben.“, worauf die Delegierten des Rates es ablehnen, Frauen und Zivilisten über diese Frage abstimmen zu lassen, „weil wir es sind, die in diesem Krieg unser Leben riskieren, und deshalb es allein uns ansteht, zu entscheiden, ob wir zu diesem Opfer weiterhin bereit sind.“ Die Drachenjägerin antwortet mit einer zornigen Rede „daß in allen Kriegen die Krieger am seltensten unter den Gefallenen waren, denn meist töten Krieger solche, die keine Krieger sind, es ist ja auch leichter, Frauen oder Greise zu töten, als kräftige Männer, und nicht die Krieger sind es, die am meisten unter dem Krieg leiden, haben sie doch von allen Menschen im Land noch am ehesten Nahrung und Auskommen“, und sie droht, die Rebellen zu verlassen, sollten Frauen von der Abstimmung ausgeschlossen werden. Der (ausschließlich aus Männern bestehende) Rat beschließt mit Mehrheit, daß bei allen Abstimmungen, an denen das ganze Volk beteiligt werden soll, Frauen kein Stimmrecht erhalten sollen. Daraufhin verläßt die Drachenjägerin die Versammlung.
Sie zieht sich auf einen einsamen Berg zurück, auf den ihr A folgt, und beide haben eine längere Disputation. A äußert die Vermutung, der Krieg könne beendet werden, wenn der König ermordet werde. Die Drachenjägerin willigt ein, den König zu töten, und unterbreitet dem Rat einen entsprechenden Vorschlag, der angenommen wird. Die Drachenjägerin plant, mit einem Rucksack, gefüllt mit einem Wasservorrat, in mehreren Nachtflügen bis zur Residenz des Königs vorzudringen, sich unterwegs tagsüber in Wäldern versteckend, während dieser Zeit zu fasten, Nachts über das Dach des Palastes einzudringen, dem König den Kopf abzuschlagen und das abgeschlagene Haupt des Königs zum Rat der Rebellen zu bringen.
Am Abend vor ihrem Abflug zu ihrer Mission legt die Drachenjägerin noch einmal ihre moralischen Bedenken gegen die Ermordung eines Menschen dar, und A versucht sie zu trösten, er umarmt sie, und sie halten sich eine Weile umschlungen, als er sie endlich wieder loslassen will, klammert sie sich noch stärker an ihn, beide streicheln sich eine Weile zaghaft, ehe sie es wagen, sich zu küssen, und ein wenig später läßt die Kamera die beiden allein.
Abflug: Drachentöterin mit Schwert und Rucksack, durch den gesternten Himmel, über die schwarzen Wälder und Felder und stummen Flüsse. Tags zwischen den Sträuchern, aus einer Quelle trinkend, schlafen. Nachts wieder weiter, mit niemandem sprechend, sich an den Sternbildern dieser Welt orientierend, die sie inzwischen auswendig gelernt hat, schließlich der erleuchtete Palast des Königs, eine Ausweichresidenz, tief in der von den Rebellen noch nicht eroberten Zone.
[Die leere Flasche mit frischem Wasser füllen, die Notdurft verrichten, eine moosbewachsene Stelle suchen, einen Mantel wie eine Decke über sich legen.]
Sanft auf Händen und Füßen auf dem Dach landen, zwischen den Wachen hindurchschlüpfen, einen Gang entlang mit Wandgemälden und gekacheltem Boden, an den Dienern vorbei ins Schlafzimmer des Königs, wie Hanuman im Palast Ravanas.
Der König liegt allerdings nicht friedlich im Bett, sondern sitzt an seinem Schreibtisch und arbeitet, mit dem Rücken zur Tür. Die Drachenjägerin schleicht sich zu ihm heran, zieht ihr Schwert und bleibt hinter ihm stehen.
Der König dreht sich um.
„Nun, aus welcher Hölle bist du diesmal gestiegen, mein Verfolger, mein Dämon, mein Unglück? Bist du endlich gekommen, um mich entgültig zu vernichten?“ - „Ich bedaure, daß du wach bist, ich hätte dich lieber im Schlaf getötet, ohne dir in die Augen schauen zu müssen. Hast du noch etwas zu sagen?“ Der König überlegt einen Moment und schreit dann „zu Hilfe, zu Hilfe“, und die Drachenjägerin schlägt ihm den Kopf ab (woraufhin das ganze teure Mobiliar, die Tapeten und die Bettwäsche mit Blut bespritzt werden), packt den abgetrennten Kopf, öffnet das Fenster und fliegt davon.
Und fliegt wieder heim.
Zu A und den übrigen Aufständischen.
„Hilf mir, A, sag mir, daß richtig war, was ich tat, halte mich, liebe mich, sprich mich meiner Schulden frei, wärme mich, bedecke mich, hülle mich ein, wiege mich in den Schlaf, mach mich vergessen. Von den Sternen fiel ich, unschuldig, edel, nun bin ich befleckt und erdenschwer.“
[A wimmelt die übrigen Rebellen ab, die die Drachenjägerin sehen und feiern wollen, hüllt sie in eine Decke und kocht ihr Tee.]
Der Rat läßt den Kopf des Königs öffentlich zur Schau stellen und von jedem, der Lust hat, bespucken und beschimpfen, bis eines Nachts die Drachenjägerin den Kopf von seinem Pfahl entführt und vergräbt. Der Bürgerkrieg geht indess weiter, die Nachfolge des Königs tritt dessen unmündiger Sohn an, an dessen Statt ein General regiert, nennen wir ihn der Einfachheit halber General G, der schon bisher das Heer des Königs befehligte und der nach dem Tod des Königs keineswegs gewillt ist, in der Niederschlagung des Aufstandes nachzulassen. Während des Frühjahres kommt es zu einer Reihe von Niederlagen auf Seiten der Rebellen. Schließlich erhebt der Ausschuß zur Untersuchung unmoralischer Umtriebe Anklage gegen die Drachenjägerin, die beschuldigt wird, mit der Ermordung des Königs in Wahrheit nicht die Rebellen unterstützt zu haben, sondern eine geheime Agentin des Generals G zu sein, der auf infame Art und Weise versuche, die Herrschaft an sich zu reißen, und daß sie schon immer, in Dienst und Sold des Generals G stehend, versucht habe, die heilige Sache der Aufständischen zu hintertreiben, indem sie etwa versucht habe, Moral und Kampfkraft, Entschlossenheit und Entscheidungsfähigkeit der Rebellen zu untergraben, indem sie für das völlig widersinnige und unnatürliche Abstimmungsrecht der Frauen eingetreten sei. Ihre Fähigkeit zu fliegen verdanke sie außerdem zweifellos einem Bund mit dem Teufel, und auf solche Mitstreiterinnen könnten die Aufständischen, deren reine und gerechte Sache nicht die geringste Befleckung, nicht den Hauch eines Verdachts der Befleckung vertrüge, nicht gebrauchen. Es käme noch ihre dunkle Hautfarbe hinzu, die ohnehin jedem klar denkenden zeige, wes Geistes Kind sie sei, und außerdem lägen dem Ausschuß neunundneunzig weitere unumstößliche Beweise ihrer Schuld vor, die er zu gegebener Zeit präsentieren oder produzieren werde. Kurzum, ihre Verurteilung zum Tode war bereits beschlossene Sache. Im übrigen hatte der Ausschuß schon seit einiger Zeit eine merkwürdige Neigung gezeigt, allerlei Rebellen zum Tode zu verurteilen, insbesondere solche, die sich von Anfang an am Aufstand beteiligt hatten, und hier wiederum insbesondere solche, die irgend welche militärischen Erfolge vorweisen konnten. Es kam noch hinzu, daß der Ausschuß seinen ursprünglichen Auftrag, Vergewaltigungen zu verhindern oder zu bestrafen, im Laufe der Zeit immer exzessiver ausgelegt hatte und mitlerweilen geneigt war, jegliche Art von Beischlaf für ein todeswürdiges Verbrechen zu halten und auch in jeder anderen Hinsicht den Lebenswandel eines jeden Mitgliedes des Aufstandes gängeln zu wollen, und auf die Drachenjägerin hatte der Ausschuß schon seit einiger Zeit ein argwöhnisches Auge geworfen, da diese begonnen hatte, sich abfällig über die Arbeit des Ausschusses zu äußern. Unter allen diesen Umständen scheint es nun der Drachenjägerin geboten, so rasch wie möglich aus dem Heer der Aufständischen zu fliehen, und sie eilt zu As Zelt, und es kommt zwischen beiden zu einem ausführlichen Wortwechsel.
D:„Schlimmer hat sich das alles für mich entwickelt, als ich es einst vorausgesehen habe, obwohl ich doch damals schon der Hoffnung nur kleinsten Raum ließ.“ A:„Meine Schuld ist all das nicht, du weißt es, du hast sie erzogen, du hast sie aufgefordert, sich selbst einen Rat zu geben, von dir unkontrolliert, und laß an mir nicht deine Verbitterung aus über den Ausschuß, dessen Ansichten ich, wie du weißt, nicht teile, die mir ebenso zuwider sind wie dir.“ D:„Aber hast du ein Wort zu meiner Verteidigung gesagt?“ A:„Um ebenso verurtelt zu werden wie du?“ D:„Und was rätst du mir nun, soll ich geduldig das Urteil des Ausschuß erwarten?“ A:„Fliehe, so rasch du kannst.“ D:„Und du wirst bleiben? Mich nie mehr wiederswehen? Mich vergessen? Schweigen, wenn die Anderen mich verlästern? In ihr Lästern einstimmen?“ A:„Soll ich hier unsere Sache im Stich lassen?“ D:„Wenn eine Sache dir wichtiger ist als ein Mensch.“ A:„Wenn es um die Sache vieler, ja aller Menschen geht.“ D:„Dann leb wohl. Ich habe dich geliebt.“ A:„Liebst du mich nicht mehr?“ D:„Ich weiß nicht; ich finde, du führst dich gerade ziemlich Scheiße auf. Siehst du nicht, daß ich dich brauche? Hältst du im Ernst irgend so einen abstrakten Scheißdreck für wichtiger als mich? Hast du mich geliebt?“ A:„Ich liebe dich.“ D:„Dann komm mit, bitte komm mit mir. O Himmel, warum habe ich es auf einmal nötig, so zu betteln und mich so zu erniedrigen vor einem hundsgewöhnlichen Sterblichen? Du hast mich doch in diese ganze Scheiße mit hineingezogen, mich dazu gebracht, mit euch auf diesem Horrortrip durchs Land zu irren und Menschen aufzuschlitzen und ganz zu vergessen, daß ich eigentlich etwas ganz anderes tun sollte, nämlich Drachen zu töten, und dann hast du mich auch noch dazu gebracht, mich zu verlieben, und/und/und als ich bei dir auf dem Bett lag, dachte ich, wir gehören zusammen, oder ich habe gar nichts gedacht, und damals war alles richtig und gut, für einen Moment war alles richtig und gut, und jetzt ist nichts mehr richtig und gut, und ich bin doch eigentlich eine Drachenjägerin, und jetzt stehe ich hier und heule, und du kannst mich noch nicht einmal richtig ansehen, und es macht mich so wütend, daß du mich mit deinem Lächeln in diesen schweren Erdenkreis gelockt hast. Ich will nicht mehr eine von euch sein, ich will dich nicht mehr lieben müssen, und ich will nicht mehr schwanger sein.“ A:„Du bist schwanger? Du kannst Kinder kriegen? Von wem bist du schwanger?“ D:„Von dir natürlich, du Idiot, auf dieser ganzen Welt habe ich nur mit dir geschlafen.“ A:„Aber du wirst das Kind doch behalten, oder?“ D:„Was geht dich das denn an? Du willst ja sowieso nicht mit mir mitkommen. Also geht dich das auch gar nichts an.“ A:„Schließlich ist es ja mein Kind.“ D:„Ach, auf einmal ist es dein Kind. Was hast du denn für dieses Kind getan, außer dich fünf Minuten niederzulegen und deinen Spaß zu haben? Mußt du es vielleicht neun Monate austragen? Hast du vielleicht nächtelang wachgelegen seinetwegen? Bis grade eben hast du doch nicht mal gewußt, daß es existiert, und mein Schicksal war dir völlig egal.“ A:„Bitte vergib, daß ich mir Sorgen mache um unser Kind.“ D:„Oh, keine Angst, ich werde dich nicht länger behelligen, ich kann es schon auch allein großziehen.“ A:„Mein Verhalten hat dich gekränkt. Bitte, um deines eigenen Glücks willen, lasse diese Gekränktheit dich nicht bewegen, dein Herz so zu verschließen, daß du es bereuen könntest.“ D:„Heißt das nun, du kommst mit?“ A:„Gib mir nur so viel Zeit, wie es braucht, ein Schwert zu gürten, einen Mantel umzulegen und ein Pferd zu satteln.“
Und dann reiten beide in die Abendsonne, in ein fernes, friedliches Land, wo sie einen kleinen Bauernhof gründen.
Aber damit ist die Geschichte noch nicht zu Ende.
Zuerst einmal muß die Drachenjägerin das Kind zur Welt bringen. Eine alte, erfahrene Hebamme wird hinzugezogen, die die Drachenjägerin mit den Worten „Das mache ich lieber alleine“ vom Hof wirft und die sie dann, eine halbe Stunde später, schreiend und weinend, die Hand ihres Freundes haltend, wieder rufen läßt. Dann liegt das Kind in ihren Armen, ein kleiner, hilfloser Wurm, der aufgehört hat zu schreien, und auch sie ist still geworden und müde und glücklich.
Und die drei, Mutter, Vater und Kind, leben eine Zeitlang in Ruhe und Frieden auf dem Hof. Gelegentlich erfahren sie Nachrichten von jenseits der Grenze, daß der Krieg zwischen dem Ausschuß und dem General noch immer anhält. Nach zwei Jahren entwöhnt die Drachenjägerin das Kind von der Brust. Die Empfängnis eines weiteren Kindes hat sie vermieden.
[Wir sehen die Drachenjägerin, wie sie in einem Gemüsebeet ihrem Kind die Namen der Früchte erklärt, sie kauert auf dem geharkten Boden und hält das Kind mit einer Hand, das noch unsicher auf den Beinen ist. Am Spalier ranken Tomaten, an einem anderen Bohnen. Im Hintergrund ragt das Haus auf.]
[A hält das Kind auf dem Arm und spielt mit ihm: lacht es an, zieht Grimassen, gibt alberne Laute von sich.]
Gerüchte dringen über die Grenze, der Drache ist wieder gesichtet worden. Der Drache ist wieder gesichtet worden, und er verwüstet die Felder. Der Drache ist wieder gesichtet worden und verwüstet die Felder und tötet Menschen. Der Drache ist wieder gesichtet worden, er verwüstet und tötet, und die Menschen fliehen vor ihm.
Eine Zeitlang versucht A, diese Nachrichten vor der Drachenjägerin zu verbergen, aber bald ist die Vergeblichkeit dieser Bemühungen offenkundig. Sie vermeiden das Thema.
Und eines Morgens schnürt die Drachenjägerin ihr Bündel, hängt sich ihr Schwert um und zieht los.
Sie wandert durch den Morgen, sie wandert einige Tage, dem Drachen entgegen, durch entvölkerte Gegenden, an leerstehenden Häusern vorbei, an Häusern schließlich, die die typischen Zeichen der Verwüstung durch einen Drachen zeigen.
Und dann begegnen sich die beiden, Drachenjägerin und Drache.
Im folgenden kommt es dann wieder zu einer großen Actionszene, wenn Drache und Drachenjägerin einander bekämpfen. Der Drache schließt seine mächtigen Kiefer dort, wo eben noch die Drachenjägerin war, doch die hat sich zur Seite gedreht und ist längst wieder woanders, und wieder sperrt er das Maul auf, und sie schlägt mit dem Schwert auf ihn ein und entgeht nur knapp seinem Biß, und noch einmal und noch einmal, und der Drache ist verwundet und schreit, daß die Bäume zittern, und flieht und wird von der Drachenjägerin verfolgt und attackiert, und wendet und beißt und schnappt, und das Ganze wird zu einem reichlich blutigen und unappetitlichen Vorgang, bis schließlich der Drache erlegt ist und aus einem Inneren das strahlende Dimensionsloch gepurzelt kommt.
[Der sterbende Drache heult noch einmal zum Himmel, leidend, gekränkt, dann schlägt sie ihm den Kopf ab.]
A ist mit mit ihrem gemeinsamen Kind der Drachenjägerin nachgereist, und beide wissen, daß sie nun voneinander Abschied nehmen müssen.
„Meine Existenz ist sonderbar und vielleicht sinnlos. Ich weiß nicht, warum und wozu ich auserwählt wurde, Drachen zu töten, und warum es überhaupt Drachen gibt, und in jeder Welt gerade einen davon. Kann sein, daß ich irgendwann einmal an ein Ende meiner Reise gelangen und Einsicht gewinnen werde, und daß ich dann einen Weg finden werde, zu dir zurück zu kehren, oder daß sich sonstwie unsere Wege wieder kreuzen werden, wahrscheinlich kann ich diese Möglichkeit freilich nicht nennen, und ebenso wahrscheinlich ist, daß unsere Wege sich hier für immer trennen. Erziehe unser Kind gut, zu einem mutigen und wahrheitsliebenden, neugierigen und einzigartigen Menschen, sorge für es und laß es frei, wenn es groß genug geworden ist, und vielleicht, vielleicht werden die Götter mir eines Tages erlauben, mein Kind und dich, Geliebter, wiederzusehen. Leb wohl, ich liebe dich, ich muß gehen, ich liebe dich, ich liebe dich.“
[Sie umarmen sich eine Ewigkeit. Sie küßt ihr Kind.]
Und sie springt in das Dimensionsloch und ist in einer anderen Welt, bevölkert von einem anderen Drachen.
So ungefähr oder so ähnlich.

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