Sie wollten von mir wissen, was mich in dieser neuen Welt am meisten verblüfft hat, wann ich am meisten erstaunt war. Ich denke, das war, als Dr Samiris mich über die sexuellen Gepflogenheiten dieser Epoche aufklärte. Die Vorgeschichte vor diesem Gespräch ist für Sie vermutlich ziemlich langweilig, es ist eben das übliche: mein ganzes Leben lang dachte ich, daß die Leute, die sich einfrieren lassen, ziemliche Spinner sein müssen, die keine Macht der Welt wieder zum Leben erwecken kann, dann wurde ich selbst unheilbar krank, trotzdem dachte ich zuerst, daß das noch lange kein Grund sei, mein Geld für einen solchen Schwindel zu verschwenden. Irgendwann in meinem letzten halben Jahr muß ich es mir dann doch wohl anders überlegt haben, sonst wäre ich ja jetzt nicht hier, aber das Gedächtnis des letzten halben Jahres ist bekanntlich unwiderruflich verloren, so daß ich nicht weiß, was mich umgestimmt hat: vermutlich das übliche, der Gedanke, das ist die einzige noch verbliebene Möglichkeit, das Fehlen irgend einer Person, die mein Geld hätte erben können, Neugier. Jedenfalls wachte ich dann irgendwann wieder auf und begriff nicht so recht, wo ich war und warum, und allmählich, schonend wurde mir alles wieder beigebracht. Die meisten sagen wohl, der Moment des Erwachens sei das erstaunlichste gewesen, aber ehrlich gesagt, an das Erwachen kann ich mich auch kaum noch erinnern, es war irgendwie alles so fremd, daß es nicht im Gedächtnis haften bleiben wollte. Dann wurde mir allmählich beigebracht, wo ich war und was sich alles verändert hatte in den letzten paar Jahrhunderten. Schließlich kam es zu jenem Gespräch, das ich weiter oben erwähnte und das mich verblüffte, als Dr Samiris mir erklärte, ich müsse mich nun entscheiden, ob ich beringt werden wolle. Ich begriff natürlich, wie immer bei diesen Gesprächen, erst einmal kein Wort. Sie erklärte mir dann, daß die meisten Männer sich zu ihrem sechzehnten Lebensjahr, manche auch früher, andere später, einen Ring an ihrem Glied befestigen ließen, und sie erklärte mir, ich müsse das doch kennen, zu der Zeit, als ich eingefroren wurde, sei das doch als sogenanntes piercing in der Öffentlichkeit breit diskutiert worden. Sie zeigte mir dann ein Bild von einem Glied mit einem Ring, der durch die Eichel ging. Ich fragte sie, warum, um Himmels willen, sie denke, ich würde so etwas freiwillig mit mir machen lassen. Sie war noch immer erstaunt und glaubte ernsthaft, das sei zu meiner Zeit bereits ein gängiges Verfahren gewesen. Sie erklärte mir dann, daß es wissenschaftlich nachgewiesen sei, daß eine solche Beringung die Gefahr von Krebs dramatisch reduzierte, aufgrund irgendwelcher Akupunturpunkte, und überhaupt das allgemeine Wohlbefinden steigere, die Potenz auch nicht im geringsten beeinflusse, allenfalls positiv, und ich außerdem vermutlich kaum eine Frau finden würde, die bereit sei, sich von einem unberingten Mann penetrieren zu lassen, da das männliche Sperma die Vaginalflora völlig in Unordnung bringe und nur das Metall des Ringes das einigermaßen wieder ausgleichen könne. Sie nannte mir noch einige andere Gründe, aber ich habe das, ehrlich gesagt, immer ein wenig für Ausreden und Vorwände gehalten. Sie erklärte mir, erst ein beringter Mann gelte als vollwertiger Mann und könne sich auf die Suche nach einer Frau machen, die seine Schlüsselherrin werden solle. Das war nun wieder ein Wort, mit dem ich ebenfalls nichts anfangen konnte. Sie erklärte es mir so: ein beringter, aber noch freier Mann, also ein Jungmann, suche sich eine Frau, die ihm zusage, und bitte sie, daß sie seine Schlüsselherrin werden solle, oder andersherum, er ihr Sklave. Wenn sie einverstanden sei, dann stülpe sie eine Metallröhre über sein Glied, so daß die Eichel mit dem Ring am anderen Ende herausragt, und befestige ein Schloß an dem Ring, den Schlüssel verwahre sie sorgfältig. Wenn die beiden wollten, könnten sie nun öffentlich verkündigen, daß sie beide nun Sklave und Schlüsselherrin seien, was gewöhnlich im Rahmen einer Verlobung geschehe, sie könnten diese Tatsache aber auch beide für sich behalten. Die Frau könne nun dem Mann erlauben, mit ihr zu schlafen, ohne ihre Ehre zu verlieren. Geht doch aber gar nicht, wandte ich ein, solange der Mann diese Röhre mit dem Schloß trägt, können sie ja wohl gar nicht miteinander schlafen. Sie können, erklärte mir Dr Samiris, keine Kinder miteinander zeugen, es ist dem Mann aber ohne weiteres möglich, die Frau zu liebkosen, zu streicheln und sie mit seinen Fingern oder seiner Zunge oder was immer seine Phantasie ihm eingibt, zum Höhepunkt zu bringen. Gut, aber welcher Mann läßt sich schon freiwillig auf so etwas ein, meinte ich dann. Die allermeisten, bekam ich zu hören: so lange sie Jungmänner seien, also beringt, aber noch frei, könnten sie zwar nach Herzenslust onanieren, so oft sie wollten, und viele Männer würden diese Freiheit genießen und später im Alter viel davon schwärmen, sie hätten aber keinerlei Gelegenheit, einen nackten Busen zu sehen oder gar zu berühren oder mit einer Frau befreundet zu sein oder nachts bei ihr zu liegen, und die Sehnsucht nach diesen Genüssen bringe die meisten Männer schließlich doch so weit, daß sie sich einer Frau schenkten. Eine Ausnahme stellten lediglich die Schwulen dar, von denen sich einige sogar nicht einmal beringen ließen, und einige ganz wenige, isolierte und allgemein für völlig spinnert gehaltene religiöse Gruppierungen. Aber selbst bei den Schwulen sei es für gewöhnlich so, daß sie sich schließlich doch zu Paaren zusammen fänden, bei denen dann einer beringt sei und sich verschließen lasse, während der andere den Schlüssel hüte. Es sei für Homosexuelle ja auch möglich, zu heiraten, und viele zögen es vor, mit dem eigentlichen Geschlechtsverkehr bis nach der Schließung der Ehe zu warten, genauso wie heterosexuelle Paare. Gewöhnlich zielte die Hoffnung eines Mannes darauf, daß seine Schlüsselherrin ihn heiratete. Sie war dazu allerdings nicht verpflichtet, sie konnte ihn auch wieder freilassen, worauf hin es ihm dann erlaubt war, sich eine andere Schlüsselherrin zu suchen, sie konnte den Schlüssel aber auch vernichten oder ihn einer anderen Frau geben, die damit seine Schlüsselherrin wurde. Heiraten kann eine Frau, so erfuhr ich, immer nur einen Mann, Sklaven darf sie so viele besitzen, wie sie will, allerdings gilt es für einen Mann als unfein, sich einer Frau zu schenken, die bereits einen Sklaven besitzt, es sei denn, er ist wirklich sehr in sie verliebt. Haben ein Mann und eine Frau geheiratet, dann kann die Frau dem Mann erlauben, mit ihr den Geschlechtsakt zu vollziehen, wenn sie das möchte, sie hat aber das Recht, ihn so oft und so lange sie will, zu verschließen, auch für immer. Widersetzt sich ein Mann, etwa, indem er sich die Herausgabe des Schlüssels erzwingt oder sich weigert, sich die Röhre und das Schloß wieder anlegen zu lassen, macht er sich strafbar und wird in der Regel schwer bestraft. Ein Mann kann sich auch von seiner Frau wieder scheiden lassen, doch er wird dann wieder zu ihrem Sklaven und sie zu seiner Schlüsselherrin, es sei denn, sie ist bereit, ihn freizulassen.
Dr Samiris legte großen Wert darauf, zu betonen, das alles freiwillig geschehe: kein Mann werde gezwungen, sich beringen zu lassen, und kein Mann werde gezwungen, sich einer Frau zu schenken. Freilich sei keine anständige Frau bereit, mit einem Mann zu schlafen, der nicht ihr Sklave sei, so daß einem Mann, der mit einer Frau schlafen wolle, gar nichts anderes übrig bleibe, als sich dieser Frau zu schenken. Es dauerte einige Zeit, bis ich begriff, daß mit "miteinander schlafen" nicht notwendig der Geschlechtsakt gemeint war, so wie ich ihn im Kopf hatte, sondern eher ganz wörtlich das miteinander-im-selben-Bett-liegen. In der Literatur und besonders der Dichtung würde dieser Zwiespalt oft thematisiert, zwischen dem Wunsch, sich nicht verschließen zu lassen, und dem Wunsch, einer Frau anzugehören. Die meisten Männer hofften, eine Frau zu treffen, die sie bald heiratete, nachdem sie sich ihr geschenkt hatten, und ihnen oft Sex erlaubten. Als besonders anständig und gutherzig, so erfuhr ich, galten Frauen, die sich selten oder zumindest nicht immer allein befriedigten, sondern sich von ihrem Sklaven oder Mann befriedigen ließen, ihren Sklaven nach einer angemessenen Frist zügig heirateten und ihm dann regelmäßig erlaubten oder doch wenigstens manchmal erlaubten, sie zu begatten. Besonders gefürchtet waren die sogenannten Sammlerinnen, die es darauf anlegten, möglichst viele Männer zu beschwatzen, sich ihnen zu schenken, und die sogenannten Eisköniginnen, die die Schlüssel ihrer Sklaven zerstörten oder zumindest nie benutzten, aber in Wahrheit waren das sehr seltene Erscheinungen. All das, was ich da hörte, schien mir unvereinbar mit dem Gedanken der Gleichberechtigung, aber Dr Samiris meinte, das alles habe mit Gleichberechtigung überhaupt nichts zu tun, niemand werde zu irgend etwas gezwungen, im übrigen habe eine Frau keinerlei Macht über den Mann, dessen Schlüssel sie besaß, einmal abgesehen davon, daß es ihm verboten war, ihre Röhre und ihr Schloß zu zerstören. Ansonsten war er finanziell, juristisch und beruflich von ihr unabhängig, konnte tun und lassen, was er wollte, und war in keiner Weise angehalten, ihr zu gehorchen.
Eine der Folgen dieser für mich erstaunlichen Gesellschaftordnung ist, daß es eine große Einigkeit gibt unter Männern und Frauen, in der Werbung, ob nun im Fernsehen, auf Plakaten oder in Zeitschriften, auf das Abbilden von spärlich gekleideten Frauen in aufreizenden Posen zu verzichten. Zu meiner Zeit waren überall irgendwelche lächelnden verführerischen Frauen zu sehen, die für irgend etwas Werbung machten, aber nun geht die allgemeine Ansicht dahin, es sei den Männern, die verschlossen wurden, nicht zuzumuten, nun auch noch diesen aufreizenden Anblick zu ertragen, ohne daß sie sich durch Selbstbefriedigung Erleichterung verschaffen konnten.
Mein eigenes Zeitalter erscheint den Menschen als eine seltsame, unverständliche Barbarei: daß die Männer nicht in der Lage sind, mit ihren Gefühlen und Trieben verantwortlich umzugehen, und deshalb in diesem Punkt die Leitung der vernünftigeren Frauen brauchen, gilt als offensichtliches Axiom, und wenn ich versuche, dagegen zu argumentieren, werde ich auf die zahlreichen Greuel meines Jahrhunderts verwiesen, die in diesem Jahrhundert ausblieben.
Vielleicht interessiert es Sie noch, kurz zu erfahren, wie ich versucht habe, mit der vorgefundenen Situation umzugehen: zuerst dachte ich, ich würde mich niemals, nie im Leben beringen lassen, und schon gar nicht würde ich es zulassen, daß eine Frau mich verschließt und meine Schlüsselherrin wird. Nun habe ich aber eine Frau kennengelernt, ein freundliches junges Mädchen, in die ich mich verliebt habe. Sie hat mir neulich erklärt, sie könne sich unmöglich länger mit mir treffen, ohne ihren Ruf zu gefährden, wenn ich nicht bereit wäre, sie als meine Schlüsselherrin zu akzeptieren. Ob ich denn glauben würde, sie würde mich nicht wieder freilassen, wenn ich es nicht aushalten würde, verschlossen zu sein, oder wenn wir feststellen würden, nicht zueinander zu passen? Selbstverständlich würde sie mich dann wieder freilassen, ob ich denn Angst hätte, sie würde ihr Wort nicht halten? Es seien doch auch heute nicht mehr die selben Zeiten wie früher, wo Sklave und Schlüsselherrin beinahe automatisch zu Ehemann und Ehefrau wurden und alles andere einen Skandal darstellte, die Zeiten hätten sich doch gewandelt und seien viel lockerer geworden, sie selbst habe zwei Jahre lang eine Beziehung zu einem jungen Mann gehabt, der in dieser Zeit ihr Sklave war, dann aber hätten sie festgestellt, daß sie nicht zueinander paßten, und selbstverständlich habe sie ihn da wieder freigelassen, und später, nachdem er ein Jahr lang seine neue Freiheit ausgiebig genossen hatte, habe er sich einer anderen geschenkt, also habe er doch seine Erfahrungen als ihr Sklave offensichtlich nicht bereut, warum ich also noch zögere, ob es daran liege, daß ich mit einem anderen Ehrenkodex aufgewachsen sei, der es mir verbiete, mich ihr zu schenken? Aber was denn daran ehrenrührig sei, es sei doch für einen Mann das schönste auf der Welt, sich seiner Geliebten zu schenken, ob ich sie denn nicht liebe? Aber dann entschuldigte sie mich wieder, daß die Umstellung mir doch schwer falle und sie dafür Verständnis haben müsse, und ich überhaupt ein schweres Schicksal habe. Sie ist sehr freundlich, überhaupt hat sie viel Geduld mit meinen altmodischen Schrullen.
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Jan Thor
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