Bildung ist der Glücklichen Schmuck und der Unglücklichen Zuflucht.
Demokrit
Der folgende Text soll die Lektüre von Homer natürlich nicht ersetzen, sondern im Gegenteil dazu anregen, Homer zu lesen. Es werden nun die wenigsten Leser des Altgriechischen mächtig sein -und es ist zwar möglich, Altgriechisch zu lernen, aber ehe jemand das tut, wird er oder sie wissen wollen, ob sich die Mühe überhaupt lohnt- und deshalb ergibt sich die Notwendigkeit, auf Übersetzungen zurückzugreifen.
Es empfiehlt sich, mehrere Übersetzungen zu Rate zu ziehen. Nützlich kann es dabei sein, Übersetzungen in verschiedene Sprachen zu konsultieren, etwa eine deutsche und eine englische Homerübersetzung. Im Deutschen hat sich die Übersetzung von Johann Heinrich Voß zu einem Klassiker entwickelt. Es gibt selbstredend neuere Übersetzungen, die philologisch genauer als Voß sind, und die ein moderneres Deutsch sprechen, aber gerade die etwas altertümliche Patina der Voßschen Übersetzung muß kein Schaden sein, schließlich ist der Urtext selbst ja noch viel älter und aus einer noch fremderen und ferneren Welt, und die philologische Genauigkeit ist vielleicht besser im Anmerkungsapparat untergebracht. Ich werde im folgenden aus der Übersetzung von Voß zitieren.
Einen lesenswerten Aufsatz über die englischen Homerübersetzungen hat Borges geschrieben, in „Discusión“, deutsch erschienen in „Kabbala und Tango“ [Fischer 1991].
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Bevor wir uns dem eigentlichen Text von Homer, „Illias“ und „Odyssee“, zuwenden können, ist es vielleicht hilfreich, die Vorgeschichte zu diesen Epen kurz nachzuerzählen, die Homer voraussetzt, die aber heute womöglich nicht jedem bekannt sein dürfte. Um zu wissen, wie es zum Krieg um Troja kam, ist es notwendig, etwas über das Urteil des Paris zu erfahren; das aber ist nur verständlich im Zusammenhang mit der Hochzeit von Peleus und Thetis, und die wiederum hängt eng mit der Familiengeschichte des Zeus zusammen, mit seinem Vater Kronos und seinem Großvater Uranos. Also:
Es war einmal der Himmel, Uranos, und die Erde, Gaia, und die beiden lagen den lieben langen Tag aufeinander und hatten Sex. Das hatte zum einen zur Folge, daß Gaia im Lauf der Zeit viele Kinder gebahr, andererseits aber auch, daß es zwischen Himmel und Erde überhaupt keinen Platz gab, denn der Himmel lag ja immer auf der Erde, und für ihre gemeinsamen Kinder blieb nicht mehr der geringste Raum. Eines dieser Kinder, Kronos, beschloß schließlich, dieser Situation ein Ende zu bereiten, und mit einer sorgfältig geschärften Sichel hieb er seinem Vater die Geschlechtsteile ab. Daraufhin enfloh Uranos schreiend vor Schmerzen nach oben, weshalb seither der Himmel oben ist, weit von der Erde entfernt. Die abgetrennten Geschlechtsteile fielen ins Meer und verursachten dort einen Haufen Schaum, und aus diesem Schaum entstand eine wunderschöne Frau, Aphrodite, die Göttin der Liebe. In einer seiner Hymnen beschreibt Homer, wie Zephir sie nach Kypros, also Zypern, führt, das seither ihre Heimat ist. Der Maler Apelles, einer der berühmtesten Maler der Antike, malte die aus dem Wasser steigende Aphrodite, der Renaissancedichter Poliziano wurde dadurch dazu angeregt, ein Theaterstück über diesen Vorgang zu schreiben (also über eine schöne Frau, die am Strand aus dem Wasser steigt, so eine Art Baywatch), und der Maler Sandro Botticelli wurde dadurch dazu angeregt, das verschollene Bild des Apelles zu rekonstruieren, und dieses Bild, „die Geburt der Venus“ (Venus=Aphrodite), wurde später eines seiner beiden bekanntesten Bilder überhaupt, allerdings erst, nachdem Botticelli ein paar Jahrhunderte als präraffaelitischer Maler von zweifelhaften Verdiensten nahezu völlig vergessen und unbekannt geblieben war: inzwischen ist das etwas anders, und Reproduktionen dieses Gemäldes sind in jedem größeren Kaufhof erhältlich. Aber zurück zu Uranos und Kronos: seinem eigenen Vater die Geschlechtsteile abschneiden ist natürlich kein sehr höfliches Benehmen, milde ausgedrückt, und deshalb wurde dem Kronos prophezeit, so, wie er seinem Vater die Herrschaft über das Universum geraubt hatte, so werde eines Tages eines seiner Kinder ihm die Herrschaft mit Gewalt nehmen.
Darauf war Kronos, wie sich leicht denken läßt, nicht sehr erpicht. Da er andererseits aber auch nicht auf Sex mit seiner Frau Rhea verzichten wollte und Empfängnisverhütung unter Göttern nicht üblich ist, ging er so vor, daß er jedes Kind, das Rhea zur Welt brachte, sofort nach der Geburt auffraß, auf diese Art verhindernd, daß dieses Kind ihm die Herrschaft streitig macht.
Rhea war über dieses Verhalten nicht sehr entzückt. Sie griff ihrerseits zu einer List: nachdem sie den Zeus geboren hatte, wickelte sie einen Stein in Windeln, reichte ihn ihrem Gatten und behauptete, das sei ihr jüngst geborenes Kind. Kronos, der den Unterschied nicht bemerkte, verschluckte den Stein, Zeus aber wurde im Verborgenen großgezogen, bis er alt genug war, seinen Vater mit einem Speer totzustechen und ihm den Bauch aufzuschneiden und seine Geschwister Poseidon, Hades und Hera zu befreien. Dann teilten die drei Brüder das Universum unter sich auf: per Losentscheid bekam Poseidon das Meer als Herrschaftsbereich zugewiesen, Hades die Unterwelt, die seither praktischerweise ebenfalls „Hades“ heißt, und Zeus den Himmel. Die Erde sollte neutrales Territorium sein, die allen drei gemeinsam gehört.
Zeus verliebte sich in seine Schwester Hera, und um sich ihr nähern zu können, verwandelte er sich in einen Kuckuck und flog in ihr Zimmer. Hera gefiel der Kuckuck, sie drückte ihn an ihren Busen, woraufhin Zeus sich wieder in Zeus verwandelte, sie vergewaltigte und heiratete.
Später verliebte er sich in die Weisheit und schlief mit ihr. Es wurde ihm dann aber geweissagt, daß die Weisheit ein Kind zur Welt bringen würde, das ihn beerben würde. Daraufhin besann sich Zeus auf den Trick seines Vaters und fraß die Weisheit auf. Neun Monate später bekam er fürchterliche Schmerzen, und er bat Hephaistos, sein gemeinsamer Sohn mit Hera und der Gott der Schmiedekunst, ihm den Kopf mit einer Axt zu spalten. Dieser tat wie geheißen, und aus dem Kopf von Zeus stieg die Göttin Athene in voller Rüstung. Athene wurde daraufhin die Göttin der Weisheit (denn die alte Weisheit war ja aufgefressen), der Webstühle und der Kriegsführung, letzteres zusammen mit dem Kriegsgott Ares, einem weiteren Sohn von Zeus und Hera.
Dann mußte sich Zeus noch mit einigen aufständischen Vettern herumschlagen, schließlich war seine Herrschaft einigermaßen etabliert und die wichtigsten Götter waren im Amt. Inzwischen hatte ein gewisser Prometheus das Menschengeschlecht erschaffen, und Zeus erkannte rasch, daß auch die Menschen reizende Töchter haben. Da die Nummer mit dem Kuckuck sich so trefflich bewährt hatte, verwandelte er sich nun öfters in alles mögliche, um die Menschenfrauen zu verführen. Einer gewissen Europa erschien er in der Gestalt eines weißen Stieres und entführte sie auf einen unbekannten, namenlosen Kontinent, der bei dieser Gelegenheit „Europa“ getauft wurde (Amerika übrigens wurde, wie sich das gehört, nicht nach einer mythologischen Figur, sondern nach einem erfolgreichen Unternehmer, nämlich Amerigo Vespucci, benannt)(a propos Frauen und Stiere, eine andere interessante Geschichte ist die von Pasiphae, aber die erzähle ich vielleicht ein anderes mal [1]). Einen Hirten namens Ganymed entführte er in Gestalt eines Adlers, denn Zeus war, ehrlich gesagt, auch ein bißchen bi. Einer Dame namens Danae wohnte er in Gestalt eines goldenen Regens bei, was Gustav Klimt auf die Idee brachte, wie er das Bild einer Frau, die gerade einen Orgasmus hat, an der Zensur vorbei in eine Ausstellung schmuggeln könnte: sein Bild zeigt Danae und einige goldene Kleckse.
Jedenfalls, einmal traf er auch eine gewisse Leda und näherte sich ihr in Gestalt eines Schwanes. Neun Monate später gebahr Leda zwei Eier, und aus dem einen Ei schlüpften die Zwillinge Castor und Pollux, die für unsere Geschichte nicht weiter interessant sind, und aus dem anderen Ei schlüpfte Helena. Helena wurde die schönste Frau der Welt, und nach allem, was die griechische Mythologie über Helena berichtet, scheint sie von dem heutigen Schönheitsideal gar nicht einmal so sonderlich entfernt gewesen zu sein, jedenfalls erfahren wir, sie sei blond, schlank und dickbusig gewesen. Verständlicherweise wollten sämtliche griechische Fürsten sie heiraten, allerdings fürchteten sämtliche griechischen Fürsten die Eifersucht aller anderen griechischen Fürsten, und deshalb schlossen sie ein Bündnis: derjenige Glückspilz, der Helena zur Frau bekam, sollte von den anderen nichts zu befürchten haben, im Gegenteil, die anderen sollten sich verpflichten, ihm auch noch beizustehen, falls irgend jemand versuchen sollte, ihm Helena zu rauben. Schließlich heiratete Helena einen gewissen Menelaos, einen ehrbaren, etwas farblosen Helden und Fürsten.
Zurück zu Zeus: dieser trieb sich nicht nur mit Göttinnen und Mädchen und Knaben, sondern auch mit Nymphen herum. Unter anderem hatte er ein Auge auf eine Meeresnymphe namens Thetis geworfen. Er wurde aber gewarnt durch die Prophezeihung, Thetis würde einen Sohn gebähren, der viel stärker und mutiger und berühmter werden würde als der Vater. Diese Prophezeihung ließ Zeus von seinem ursprünglichen Vorhaben, mit Thetis zu schlafen, Abstand nehmen, denn wie wir ja jetzt wissen, kam es in der Zeusschen Familie öfters vor, daß der Vater vom Sohn vom Thron vertrieben wurde. Statt dessen überlegte Zeus, Thetis mit einem möglichst unbedeutenden Wesen zu verheiraten, denn wenn dann der Sohn stärker und mächtiger und berühmter als der Vater wurde, war das nicht weiter tragisch. Am besten, schien ihm, wäre es, Thetis mit einem sterblichen Menschen zu verheiraten, und so befahl er Thetis, den Menschen Peleus zu heiraten, ein achtbarer, aber alles andere als herausragender Held. Thetis hatte an und für sich keine Lust, Peleus zu heiraten, aber gegen den Befehl des Zeus konnte sie wenig ausrichten, und so wurde die Hochzeit vorbereitet. Es ergingen Einladungen an alle bedeutenden Götter, nur die Streitsucht wurde nicht eingeladen, denn wer möchte auf seinem Fest schon gerne die Streitsucht haben? Die Streitsucht aber war beleidigt, daß sie nicht eingeladen worden war, und deshalb ging sie trotzdem auf das Fest und warf einen goldenen Apfel in die Menge. Der goldene Apfel kullerte zu dem Tisch, an dem Hera, Aphrodite und Athene saßen und sich einträchtig über die gelungene Hochzeit unterhielten. Hera hob den Apfel auf und stellte fest, daß etwas darauf geschrieben stand: „der Schönsten“. „Aha“, sagte sie, „dieser Apfel ist offensichtlich für mich, denn die Schönste bin ja offensichtlich ich.“ „Du bist ja wohl nicht mehr ganz gescheit“, sagte Aphrodite, „wo doch jeder weiß, daß ich die Schönste bin. Also ist das mein Apfel.“ „So ein Quatsch“, sagte Athene, „die Schönste bin ja wohl ich, das ist ja wohl klar, und der Apfel deshalb für mich.“ Daraufhin gerieten die drei in einen fürchterlichen Streit, und der Rest des Festes nahm einen unschönen Verlauf.
Thetis und Peleus bekamen übrigens wirklich einen Sohn, den sie Achilles nannten. Bald nach der Geburt ihres Kindes verließ Thetis Peleus, denn sie hatte ihn ja ohnehin nie geliebt. Um ihr Kind aber kümmerte sie sich rührend, sie sorgte sogar dafür, daß es unverwundbar wurde, indem sie es in das Wasser des Ganges hielt (nein stop, der Ganges war es wohl nicht, eher der Styx oder die Lethe oder irgend so ein anderes Gewässer der griechischen Mythologie. Eine andere Variante besagt, daß sie ihn in heiliges Feuer legte). Das mit der Unverwundbarkeit funktionierte auch wunderbar, einmal davon abgesehen, daß da, wo Thetis den kleinen Achilles an der Ferse hielt, um ihn in das Wasser zu tauchen, er weiterhin verwundbar blieb (ein bißchen blöd von ihr, daß sie ihn nicht anschließend noch ein zweites Mal ins Wasser tauchte, ihn diesmal am anderen Fuß festhaltend. Aber Siegfried zum Beispiel war ja auch nicht fähig, sich mit seinem Drachenblutbad komplett unverwundbar zu machen. Das scheint immer irgendwie einen Haken zu haben, das Unverwundbar werden). Es versteht sich, daß Achilles, unverwundbar geworden, ein berühmter Held und Krieger wurde; andere Gaben kamen noch dazu, beispielsweise wurde er der schnellste Läufer. Aber zurück zu den drei zerstrittenen Göttinnen:
Die gingen zu Zeus, damit der entscheiden solle, wer von ihnen die Schönste sei. Zeus jedoch antwortete ihnen: „Ich bin doch nicht blöd, daß ich zwischen euch dreien entscheide und mir dadurch eine gewogen und die anderen beiden zu ewigen Feindinnen mache. Ich habe einen besseren Vorschlag: in der Stadt Troja, die auch Illion genannt wird, lebt ein Hirte namens Alexander, der auch Paris genannt wird. Dieser Hirte ist eigentlich ein Königssohn, ein Sohn von Priamos, dem König von Troja, und seiner Frau Hekabe. Aber es gab da eine Weissagung, Paris werde Anlaß zum Untergang Trojas werden, und so sollte Paris als Kind getötet werden. Und wie das so geht, der Soldat, der losgeschickt wird, das Kind zu töten, bekommt Mitleid mit dem armen Balg und gibt es bei einer Familie von Schafhierten ab, statt es zu töten. Geht zu diesem Prinzen, der nicht weiß, daß er ein Prinz ist, und bittet ihn um ein Urteil.“
Daraufhin taten die drei Göttinnen, wie ihnen Zeus geraten hatte, sie gingen zu Paris, der gerade seine Schafe weidete, stellten sich vor und baten ihn, zu entscheiden, welche von ihnen dreien die Schönste sei und den Apfel bekommen müsse. Hera nahm ihn einen Moment beiseite und erklärte ihm: „wenn du dich für mich entscheidest, dann mache ich dich zu einem bedeutenden Staatsmann und Herrscher über ein großes Reich, und du wirst viele Nachkommen und einen geordneten Haushalt haben.“ Und auch Athene nahm ihn beiseite und sagte: „wenn du dich für mich entscheidest, dann mache ich dich zum klügsten Menschen der Welt, zum größten Philosophen aller Zeiten und als Zugabe auch noch zu einem bedeutenden und erfolgreichen Heerführer.“ Und Aphrodite nahm ihn zur Seite, lächelte ihn an und sagte. „Also, wenn du dich für mich entscheidest, dann bekommst du die schönste Frau der Welt.“ Dann zogen sich alle drei Göttinnen aus, und Paris konnte sie sich in Ruhe betrachten. Zuerst kam es ihm so vor, als sei immer diejenige die Schönste, die er gerade anschaute, aber nach einer Weile schien es ihm doch, als sei Aphrodite noch ein bißchen schöner als die beiden anderen, und als seine Augen so viel Schönheit kaum noch fassen konnte, gab er schließlich ihr den Apfel.
Wie versprochen, fädelte Aphrodite die Dinge nun so ein, daß Paris die schönste Frau der Welt bekommen sollte. Allerdings heiratete Paris erst einmal eine andere, eine gewisse Oenone, und mit der Zeit befielen ihn arge Zweifel, ob Aphrodite ihr Versprechen halten würde. Doch Aphrodite sorgte erst einmal dafür, daß Paris als Königssohn erkannt wurde und wieder an den trojanischen Hof geholt wurde. Dann wurde er mit einer Strafexpedition beauftragt, die ihn an den Hof von Sparta bringen mußte: dabei ging es um eine Trojanerin, die von den Griechen geraubt worden war, und die Paris zurückholen oder rächen sollte. Sparta nun war aber das Königreich von Menelaos und Helena, und Aphrodite fügte es weiter so, daß Paris gerade zu einer Zeit in Sparta ankam, in der Menelaos abwesend war.
Als Paris Helena das erste Mal sah, glaubte er zuerst, erneut Aphrodite zu begegnen, so schön kam sie ihm vor, und er begriff, daß das die Frau sein müsse, die ihm Aphrodite versprochen hatte. Er wollte sie beschwatzen, daß sie mit ihm nach Troja käme, und an dieser Stelle ist die Überlieferung nicht ganz eindeutig: die eine mögliche Deutung besteht darin, anzunehmen, daß Helena an Paris Gefallen fand und freiwillig mit ihm nach Troja fuhr, die andere Deutung besteht darin, anzunehmen, daß sie von Paris mit Gewalt verschleppt wurde. Euripides, und mit ihm viele andere, deutet Helena als eine Unheilstifterin, die nicht gegen ihren Willen Ursache des trojanischen Krieges, sondern selbst schuldig wird, daß sie freiwillig nach Troja ging. Und zwar, so deutet Euripides in seiner Oper „Die Troerinnen“ an, weil sie von der orientalischen Pracht und dem orientalischen Reichtum Trojas geblendet ist, und auch, weil sie eine Opportunistin ist, die sich stets auf die Seite des Stärkeren und Siegreichen schlägt (vor allem Verse 969-1059). Und Menelaos hat auch, ihm zufolge, zuerst die Absicht, Helena wegen ihres Ehebruchs umbringen zu lassen, und unterläßt es bloß aus Charakterschwäche, als er ihr nach dem Fall Trojas wiederbegegnet - Aristophanes kommentiert die entsprechende Szene: kaum habe Menelaos den Busen der Helena (wieder-)gesehen, habe er sein Schwert weggeworfen [Lysistrate 156f] (vergleiche auch den dritten Akt von Faust II). Wir werden noch sehen, daß Homer in diesem Punkt die Gestalt der Helena anders als Euripides deutet.
Wie dem auch sei, Paris bringt Helena mit nach Troja und heiratete dort die ja eigentlich bereits verheiratete. Menelaos wiederum, als er von seiner Fahrt heimkehrt und den Raub/die Flucht der Helena entdeckt, erinnert die übrigen griechischen Fürsten an ihr Versprechen, ihm beizustehen, sollte Helena entführt werden. Unter der Führung des Bruders des Menelaos, Agamemnon, rüsten die Griechen 1086 Schiffe aus, eine möglicherweise im Laufe der Zeit und der Überlieferung etwas übertriebene Zahl, und fahren nach Troja. Dort erklären sich die Trojaner mit Prinz Paris solidarisch und halten die Nichtrückgabe der geraubten Helena für eine Frage der Ehre. Daraufhin beginnen die Griechen eine zehnjährige Belagerung. Im Laufe dieser zehn Jahre plündern sie einundzwanzig weitere Städte, darunter auch Theben, und erschlagen den dortigen König Eëtion und seine sieben Söhne; um genau zu sein, der König und seine Söhne werden von Achilles erschlagen, der ebenfalls auf Seiten der Griechen kämpft. Die einzige Überlebende der Familie des Eëtion, seine Tochter Andromache, hat einen trojanischen Prinzen geheiratet, Hektor, ein Sohn des Priamos und Bruder des Paris.
Weitere Helden im Heer der Griechen sind Diomedes, Ajas, der andere Ajas, Nestor und Odysseus.
Dies ist also die Situation zu Beginn der Illias: die Griechen unter Führung des Agamemnon mit den Fürsten Menelaos, Achilles, Diomedes, Ajas und Odysseus sowie einigen anderen liegen mit ihren Schiffen seit zehn Jahren vor dem Strand von Troja und belagern die Stadt, um die von Paris geraubte Gattin des Menelaos, Helena, zurückzuerobern. Zur besseren Übersicht folgt eine kleine Liste von Personen. Bei den Göttern steht in Klammern noch der lateinische Name dabei:
Zeus (Jupiter)
Herrscher des Universums
Hera (Juno)
Schwester und Gattin des Zeus, zuständig für Heim und Herd
Poseidon (Neptun)
Bruder des Zeus, Herrscher des Meeres
Hades (Pluto)
Bruder des Zeus, Herrscher der Unterwelt
Aphrodite (Venus)
Schaumgeboren, nach anderer Überlieferung Tochter des Zeus, Göttin der Liebe
Athena (Minerva)
Tochter des Zeus, Göttin der Weisheit, der Webstühle und der Kriegsführung, ewig jungfräulich
Ares (Mars)
Sohn des Zeus und der Hera, Gott des Krieges
Apollon (Apollo)
Sohn des Zeus und der Leto, Gott der E-Musik, des Schöngeistigen und der Futurologie
Artemis (Diana)
Tochter des Zeus und der Leto, Göttin der Jagd, ewig jungfräulich
Hephaistos (Vulkan)
Sohn des Zeus und der Hera, Gott der Schmiede, gehbehindert
Priamos
König von Troja
Hekabe
Frau des Priamos
Hektor
Sohn des Priamos und der Hekabe
Paris
dito
Deïphobos
dito
Kassandra
Tochter des Priamos
Andromache
Prinzessin von Theben, Gattin des Hektor
Agamemnon
griechischer Heerführer, Bruder des Menelaos
Menelaos
griechischer Fürst und gehörnter Ehemann
Achilles
griechischer Fürst und Held, Sohn des Peleus und der Thetis
Odysseus
griechischer Fürst und Held
Patroklos
ein sehr, sehr guter Freund des Achilles. Vielleicht auch mehr
Nestor
Propagandaminister im Heer der Griechen
Diomedes, Ajas (=Ajax), Idomeneus
griechische Fürsten und Helden
Penelope
Gattin des Odysseus
Telemachos
Sohn des Odysseus und der Penelope
Helena
Tochter des Zeus und der Leda, Traumfrau
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Die griechische Lyrik und Epik war ursprünglich gesungen oder zumindest musikalisch begleitet: das Wort „Lyrik“ leitet sich von der Lyra, dem Saiteninstrument, ab. Die Melodie und die gebundene Sprache waren vermutlich nicht nur Ausschmückung, sondern auch mnemotechnische Hilfsmittel: ein Lied, oder ein Text in einem Versmaß läßt sich leichter behalten als reine Prosa. Die Griechen hatten zwar schon sehr früh eine Schrift, die heute Linear B genannt wird, die im sechzehnten vorchristlichen Jahrhundert entstand und sich spätestens 1450 v. Chr. in Griechenland durchsetzte -aber diese Schrift ging zusammen mit der mykenischen Hochkultur unter, um das Jahr 1200 herum, und es folgten vier schriftlose Jahrhunderte, und in dieser Zeit konnten alle Texte nur dann längere Zeit überdauern, wenn sie in irgend eine leicht zu behaltende Form gebracht wurden.
Die archaische griechische Musik unterschied, wie sehr viele andere Musikkulturen auch, zwischen langen und kurzen Noten, wobei die lange Note so lange dauert wie zwei kurze Noten: es war also möglich, auf einem Instrument zwei kurze Noten zu spielen, und in dem gleichen Zeitraum auf einem anderen Instrument eine lange Note. Das gleiche Prinzip wurde auf die Lyrik übertragen, und es wurde zwischen kurzen und langen Silben unterschieden, wobei eine Silbe eben einer gesungenen Note entsprach, und zwei kurze Silben die Dauer einer langen Silbe hatten. Ein griechisches Versmaß bestand nun in einer Konvention, auf welche Art und Weise kurze und lange Noten aufeinanderfolgen. Es hat sich dabei eingebürgert, lange Silben durch einen Strich, kurze Silben durch einen Bogen darzustellen. Wenn etwa immer abwechselnd eine kurze und eine lange Silbe gesprochen werden, wird das Jambus genannt: u-. Beginnt die Folge dagegen mit einer langen Silbe, heißt das ganze Trochäus: -u. Eine lange Silbe, gefolgt von zwei kurzen Silben heißt Daktylus: -uu. Wenn wir eine kurze Silbe als eine Zeiteinheit zählen, dann besteht ein Daktylus aus insgesamt vier Einheiten: eine Silbe, die aus zwei Einheiten zusammengesetzt ist, und zwei Silben, die jeweils aus einer Einheit bestehen. Der Daktylus hat dadurch etwas besonders ausgewogenes und ausbalanciertes und wurde bevorzugt für Epen verwendet. Und zwar war es üblich, Zeilen zu jeweils sechs Daktylen zu schreiben, sogenannte Hexameter. Allerdings bestand eine Besonderheit des Hexameters darin, daß beim letzten Daktylus die letzte kurze Silbe wegfiel, das Ganze also so ausschaute:
-uu-uu-uu-uu-uu-u
Der Sinn des Ganzen war vermutlich folgender: die Musik spielte sechs vollständige Daktylen, der Rezitator oder Sänger dagegen ließ die letzte Silbe weg, dadurch gab es am Ende jeder Zeile eine kurze Note, der keine gesprochene Silbe entsprach, und auf diese Art und Weise wurde für den Hörer das Ende der Zeile markiert, ohne daß der Rhythmus der Musik unterbrochen werden mußte. Es war allerdings als Ausnahme auch möglich, eventuell die letzte kurze Silbe durch eine lange Silbe zu ersetzen, also am Ende nicht mit -u, sondern mit - - zu enden. Außerdem war es möglich, in Ausnahmefällen zwei kurze Silben mitten in der Zeile durch eine lange Silbe zu ersetzen, also - - statt -uu. Zwei lange Silben - - heißen übrigens Spondeus; insbesondere die ersten vier Daktylen konnten durch Spondeen ersetzt werden, den fünften Daktylus zu ersetzen war eher unüblich, vermutlich sollte kurz vor Ende der Zeile das rhythmische Gefühl der Hörer nicht allzu sehr irritiert werden. Ein Hexameter besteht also aus
Vier mal ein Daktylus oder Spondeus, einmal ein Daktylus, einmal ein Trochäus oder Spondeus.
Wurde ein Daktylus durch einen Spondeus ersetzt, dann geschah das wohl entweder dadurch, daß in der musikalischen Begleitung ebenfalls zwei kurze Noten durch eine lange ersetzt wurden, oder daß eine gesungene Silbe von zwei gespielten Noten begleitet wurde, oder daß eine Silbe auf zwei Noten in einem kurzen Melismus gesungen wurde (ein Melismus ist, wenn auf eine Silbe mehrere Noten gesungen werden: Koloraturen beispielsweise, die ewig auf einer einzigen Silbe herumreiten, sind typische Melismen).
Eine Schwierigkeit der Übersetzung von Hexametern in moderne Sprachen ist nun die, daß in den meisten modernen europäischen Sprachen Silben ganz anders klassifiziert werden, nämlich nicht nach ihrer Länge, sondern nach ihrer Betonung. Die griechischen Versmaße wurden zum Beispiel auch in die Theorie deutscher Dichtung übernommen, auch deutschsprachige Gedichte werden als jambisch, daktylisch oder dergleichen klassifiziert, aber die Bedeutung dieser Klassifizierung ist eine ganz andere. In dieser Theorie werden lange Silben durch betonte Silben ersetzt, kurze Silben durch unbetonte. Ein Trochäus, also -u, bedeutet in dieser Theorie eine betonte Silbe, gefolgt von einer unbetonten. Beispiele für einen Trochäus im modernen Sinn wären etwa die Wörter „Ofen“ und „offen“: bei beiden Wörtern liegt die Betonung auf der ersten Silbe, die erste Silbe ist betont, die zweite ist unbetont. Für einen antiken Griechen wäre dagegen nur das Wort „Ofen“ ein Trochäus, mit einer langen und einer kurzen Silbe, das Wort „offen“ dagegen, mit zwei kurzen Silben wäre für ihn ein Pyrrhichius, uu. Gemäß der Entsprechung lange Silbe betont, kurze Silbe unbetont wäre im Deutschen der Pyrrhichius ein Versmaß, in dem zwei unbetonte Silben aufeinander folgen, und ein im Pyrrhichius geschriebenes Gedicht wäre eines, das nur aus unbetonten Silben besteht, und so etwas gibt es im Deutschen nicht: es ist nicht möglich, einen Satz zu formulieren, der nur unbetonte Silben enthält. Dagegen ist es sehr wohl möglich, einen Satz zu formulieren, der lediglich kurze Silben enthält. Deshalb gibt es im Deutschen keine Gedichte im Pyrrhichius, wohl aber im antiken Griechisch.
Wird die Unterscheidung lang/kurz durch die Unterscheidung betont/unbetont ersetzt, dann ist auch nicht mehr einsichtig, warum ein Daktylus durch ein Spondeus ersetzt werden kann. Bezogen auf die Länge, haben beide im Griechischen die selbe Dauer, nämlich die Dauer zweier langer Silben. Im Deutschen dagegen hat ein Daktylus einfach die Dauer dreier Silben, ein Spondeus dagegen die Dauer zweier Silben, und ihre Ersetzbarkeit ist intuitiv ganz und gar nicht klar.
Außerdem sind betont und unbetont keine absoluten Begriffe, im Gegensatz zu langer und kurzer Note. Ein und das selbe einsilbige Wort kann im deutschen je nach Kontext beont oder unbetont sein, je nachdem, wie stark betont die Silben in der Nachbarschaft sind, dagegen kann ein und das selbe einsilbige Wort nie einmal lang, dann wieder kurz sein. Zum Beispiel ist das Wort „und“ in „Wald und Wiesen“ in der Nachbarschaft zweier betonter Silben und fungiert lediglich als Verknüpfung zweier gleichwertiger Elemente einer Liste und ist deshalb eindeutig unbetont, in „Ich empfand Verachtung und Begierde gleichermaßen“ dagegen in der Nachbarschaft zweier unbetonter Silben, und es fungiert zur Verknüpfung zweier gegensätzlicher Begriffe, deshalb ist es hier eher betont als unbetont.
Ein anderes Problem ergibt sich aus folgendem: wir dürfen ja in einem Hexameter einen Daktylus durch einen Spondeus ersetzen. Angenommen etwa, wir ersetzen den zweiten Daktylus und erhalten dann:
-uu- - -uu-uu-uu-u
Im Griechischen bedeutet das, daß drei lange Silben unmittelbar aufeinander folgen. Das ist im Griechischen nicht weiter tragisch, aber im Deutschen bedeutet es, das drei betonte Silben unmittelbar aufeinander folgen, und es ist nahezu unmöglich, im Deutschen einen Satz zu formulieren, so daß in ihm drei Silben nacheinander betont ausgesprochen werden, geschweige denn fünf betonte Silben hintereinander (völlig unmöglich ist es nicht, wie die ersten drei Silben von „Potz Blitz, Donner und Doria“ zeigen, aber die entsprechenden Beispiele sind selten und meistens eher künstlich). Die Freiheit, einen Daktylus durch einen Spondeus ersetzen zu dürfen ist im Deutschen also weitgehend nutzlos. In der Regel wird sie deshalb ersetzt durch die Freiheit, einen Daktylus durch einen Trochäus ersetzen zu dürfen, also etwa:
-uu-u-uu-uu-uu-u,
wobei der zweite Daktylus durch einen Trochäus ersetzt wurde. Wird aber diese Ersetzungsregel zugelassen, dann läuft das Versmaß des Hexameters im Deutschen im Grunde nur noch auf die Forderung hinaus, die Zeile solle mit einer betonten Silbe beginnen und irgendwie, egal wie, insgesamt sechs Betonungen unterbringen. Diese läppische Forderung bedarf natürlich keiner besonderen Anstrengung.
Mithin sind ein antiker griechischer Hexameter und ein moderner deutscher Hexameter zwei ziemlich verschiedene Dinge, die außer dem Namen wenig gemeinsam haben. Dementsprechend heikel ist es, das homerische Versmaß im Deutschen oder einer anderen modernen Sprache nachahmen zu wollen.
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Unter dem Namen Homer sind zwei große Epen überliefert, die Illias und die Odyssee, sowie 33 Hymnen auf einzelne Götter; die sechste dieser Hymnen, die die Ankunft der Aphrodite auf Kypros beschreibt, habe ich bereits kurz erwähnt. Schon in der frühen Antike, mit dem Beginn des akademischen Betriebes und der professionell betriebenen Philologie wurde versucht, herauszufinden, was für ein Mensch Homer war und wie er gelebt hat, mit geringem Erfolg. Schon damals wurde die These aufgestellt, Illias und Odyssee seien gar nicht das Werk eines einzigen Verfassers, sondern die Werke zweier verschiedener Verfasser seien unter einem Namen zusammengefaßt worden. Diese Ansicht wurde noch weiter getrieben dahin, daß beide Epen zusammengesetzt seien aus verschiedenen Stücken verschiedener Verfasser. Tatsächlich wissen wir wenig Konkretes über Homer: sieben Städte machen sich die Ehre streitig, seine Geburtsstadt zu sein, und die Legende will, daß er blind gewesen sei, was aber wenig Wahrscheinlichkeit für sich hat. Wir besitzen auch antike Büsten Homers, die freilich nichts weiter sind als Schöpfungen der Phantasie, Versuche, darzustellen, wie er hätte aussehen können.
Ob er nun einer oder mehrere war, kann niemand sagen, zum Glück hat sich im Laufe der Zeit herausgestellt, daß diese Frage so furchtbar wichtig nicht ist. Sicher ist, daß Homer die Handlung von Illias und Odyssee nicht selbst erfunden hat, sondern daß er auf eine lange und reiche Tradition mündlicher Überlieferung zurückgreifen konnte, die bereits alle wesentlichen Motive dieser Handlung kannte.
Die literarische Gattung des Epos, also des Heldengesanges, scheint älter zu sein als die Besiedlung Griechenlands durch Indogermanen um 2200 vor Christus, und der Hexameter scheint sich für diese Gattung früh durchgesetzt zu haben. Es ist anzunehmen, daß schon vor Homer andere die Schlacht um Troja und die Fahrten des Odysseus zu Epen verarbeiteten. Homers Werke sind die einzigen schriftlichen Fixierungen, die wir kennen, ob es auch davor schon Versuche gab, Epen schriftlich zu fixieren, wissen wir nicht.
In gewisser Weise nutzt Homer die Möglichkeiten der schriftlichen Fixierung sehr weitgehend aus: seine beiden Epen sind, auch wenn sie sich nicht mit Mahabharata und Ramayana messen können, sehr lang, und trotzdem kunstvoll aufgebaut und durchkonstruiert: die Illias erzählt nicht einfach die Geschichte des zehnjährigen trojanischen Krieges, sondern, um ein einziges Thema konzentriert, fünfzig Tage daraus; es wird nicht einfach eine alte Geschichte von tapferen Kriegern erzählt, sondern eine bestimmte Handlung mit eng verzahnten Einzelepisoden konzentriert vorangetrieben. Und die Odyssee löst sich von der linearen Erzählung, wichtige Ereignisse werden als Rückblende erzählt, Handlungen laufen parallel ab, von einer schlichten Erzählweise „zuerst geschah das, und dann geschah das, und dann geschah das“ kann keine Rede sein, und viele spätere Epen wirken daneben geradezu altmodisch. Womöglich gab die schriftliche Fixierung auch die Gelegenheit, an einzelnen Versen und Abschnitten auf eine Art und Weise zu feilen, die vorher nicht möglich war.
Andererseits stecken beide Epen noch voller Relikten der mündlichen Erzähltradition. Ein besonders auffallendes Relikt sind die Wiederholungen feststehender Formulierungen. „und sprach die geflügelten Worte“, „der mutige Renner Achilles“, „der herrliche Dulder Odysseus“ sind Phrasen, die immer wieder auftauchen. Vermutlich, weil es ja notwendig war, die Erfordernisse des Hexameters zu beachten, wurde eine einmal gefundene Formulierung, die sich in das Schema des Hexameters einfügen ließ, an anderer Stelle wieder verwendet, und ein Dichter kannte eine Menge von solchen Hexameter-kompatiblen Phrasen, um sie bei Bedarf verwenden zu können. Wenn nämlich ein Mensch viele Formulierungen auswendig kann, die sich in ein hexametrisches Gedicht einfügen lassen, und Formulierungen für jede Standardsituation, dann ist er imstande, ein solches Gedicht sogar aus dem Stand heraus zu improvisieren, und selbst, wenn er es nicht improvisiert, sondern nur auswendig rezitiert, kann er den nötigen Gedächtnisaufwand enorm reduzieren, indem er für gleiche Situationen die gleichen Formulierungen verwendet. Dementsprechend gibt es nicht nur einzelne Partikel wie den mutigen Renner Achilles, die immer wiederkehren, sondern ganze Beschreibungen immer wieder kehrender Standardsituationen, die stets wiederverwendet werden. Der Grad der Wiederholung einzelner Wortkombinationen ist bei Homer unvergleichlich höher als bei späteren Epikern, die nicht mehr von einer mündlichen Tradition herkommen.
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Singe den Zorn, o Göttin, des Peleiaden Achilleus,
Ihn, der entbrannt, den Achaiern unnennbaren Jammer erregte
Und viel tapfere Seelen der Heldensöhne zum Aïs
Sendete, aber sie selbst zum Raub darstellte den Hunden
Und dem Gevögel umher. So ward Zeus’ Wille vollendet
Seit dem Tag, als erst durch bitteren Zank sich entzweiten
Atreus’ Sohn, der Herrscher des Volks, und der edle Achilles.
beginnt die Illias. Die „Göttin“ in der ersten Zeile meint die Muse, die am Beginn der Odyssee direkt genannt wird:
Sage mir, Muse, die Taten des vielgewanderten Mannes,
Welcher so weit geirrt nach der heiligen Troja Zerstörung,
Vieler Menschen Städte gesehn und Sitte gelernt hat
Und auf dem Meere so viel’ unnennbare Leiden erduldet,
Seine Seele zu retten und seiner Freunde Zurückkunft.
Neben der frommen Anrufung der Musen enthalten die Anfangszeilen auch bereits eine kurze Zusammenfassung der folgenden Handlung: die Illias wird den Zorn des Achilles, die Odyssee die Taten des vielgewanderten Odysseus zum Gegenstand haben. Nicht genannt wird der Name des Verfassers. Siebenhundert Jahre später beschloß Vergil, auch die Römer müßten nun ihr eigenes Nationalepos bekommen, und verfaßte ein Werk, die Aeneis, die sich sorgfältig bemühte, Homer nachzuahmen und alles genauso zu machen wie Homer, mit dem vorhersehbaren Ergebnis, daß die Aeneis zwar den homerischen Epen ähnelt, aber eben nicht so sehr, wie die homerischen Epen sich selbst ähnlich sind. Auch Vergil beginnt mit einer Anrufung der Muse, auch Vergil nennt seinen Namen nicht, auch er faßt kurz die folgende Handlung zusammen (die darin besteht, daß ein Überlebender Trojas, Aeneas, nach einigen Abschweifungen nach Italien kommt, wo seine Nachfahren Rom gründen werden):
Singen will ich von Kämpfen und von dem Mann, der zuerst von
Trojas Gestade, vom Schicksal verbannt, zu Laviniums Küste,
Nach Italien kam; über Wasser und Lande verschlug ihn
Göttergewalt, aus unversöhnlichem Grolle der grimmen
Juno; der viel auch im Kriege erlitt, bis die Stadt er gegründet,
Götter nach Latium brachte, woher das Latinergeschlecht ward,
Albas Urväter auch und du, hochragende Roma.
Zeige mir Muse, die Gründe, wodurch verletzt ihre Gottheit
Oder worüber gekränkt ist die Herrin der Götter, so daß sie
Zwang den frömmsten der Helden, soviel der Schläge zu dulden,
Soviel Mühsal zu tragen. - So heiß glühn Götter im Zorne?
[Übersetzt von Ludwig Neuffers/Wilhelm Plankl/Karl Vretska]
Freilich ist die Muse hier auf Zeile 8 gerutscht, in der eigentlichen Einleitung, den ersten sieben Zeilen, singt der Dichter allein aus eigener Kraft, er stellt sein Programm vor und bittet dann die Muse darum, ihm bei dem Werk behilflich zu sein. Zugleich spricht aus den Zeilen auch eine Verwunderung darüber, wie es sein kann, daß ein frommer Mensch wie Aeneas so viele Schicksalschläge erdulden mußte, denn während die Götter bei Homer sich moralisch neutral verhalten, mal gütig, mal opportunistisch und oft sehr menschlich sind (oder unbegreifbar grausam: „denn blindlings wütet der Kriegsgott“ heißt es Odyssee XI, 537), während die Götter in Euripides Oper „Ion“ geradezu unmoralisch und verwerflich handeln (einer auch in anderer Hinsicht bemerkenswerten Oper übrigens: ihr Held ist ein Sklave), sind die Götter in Vergils Vorstellung unbedingt gut, sein Held ist ebenfalls die Frömmigkeit selbst, er handelt stets so, wie die Götter es von ihm verlangen, und deshalb gelingt ihm auch alles im Leben. Sein Gegenspieler ist dementsprechend ein durch und durch unsympathischer Bursche, der sich dem Willen der Götter widersetzt und gerechterweise scheitert.
Homers Helden Achilles und Odysseus sind keine solchen Streber und Klassenbeste wie Aeneas: beide sind Kriegsdienstverweigerer, Achilles versteckt sich zu Beginn des trojanischen Krieges in einem Mädcheninternat, um nicht in den Krieg zu müssen, und den größten Teil der Illias hindurch weigert er sich, an den Kämpfen teilzunehmen. Odysseus geht sogar so weit, sich verrückt zu stellen, um nicht in den Krieg ziehen zu müssen (bemerkenswerterweise ist der dritte berühmte griechische Held, Herakles (=Herkules), bei genauerem Hinsehen eine noch dubiosere Gestalt: in einem Anfall von Wahnsinn tötet er Frau und Kinder, und mit Omphale hat er eine ein Jahr währende S/M-Beziehung, in der sie ihn schlägt, als Frau verkleidet und zu Hausarbeiten zwingt). Der Gegenspieler des Achilles auf Seiten der Trojaner wiederum, Hektor, wird von Homer nicht als Schurke geschildert, sondern als ein mutiger und verantwortungsbewußter Mensch, ein liebevoller Gatte und Vater. Homer hält sich mit Wertungen, wie wir noch sehen werden, zurück, aber er schildert Hektor mit deutlicher Sympathie, und sein Tod ist für den Leser keineswegs befriedigend, im Sinne von „endlich ist der böse Dr No tot, getötet von dem guten Achilles“, sondern eher tragisch; die Uneinsichtigkeit der Trojaner und Griechen, oder, wie Homer vielleicht sagen würde, der Wille der Götter oder das Schicksal machen den Tod des Hektor und des Achilles unvermeidlich, obwohl beiden ein langes Leben zu gönnen gewesen wäre. Ihr früher Tod ist keineswegs gerecht, und noch überraschender muß es anmuten, daß ihm auch keine Belohnung im Jenseits folgt. Der Geist des toten Achilles erklärt dem ins Totenreich hinabgestiegenen Odysseus:
Preise mir jetzt nicht tröstend den Tod, ruhmvoller Odysseus.
Lieber möcht’ ich fürwahr dem unbegüterten Meier,
Der nur kümmerlich lebt, als Tagelöhner das Feld baun,
Als die ganze Schar vermoderter Toten beherrschen
[Odyssee XI, 488ff],
lieber möchte Achilles der geringste Sklave, aber lebendig sein, als König der Unterwelt (wir werden auf diese Rede noch zurückkommen). Das Leben ist ungerecht, und einen Ausgleich nach dem Tod gibt es nicht, Achilles und Odysseus ist ein hartes und tragisches Los auferlegt, aber Homer äußert darüber keine Verwunderung, im Gegensatz zu Vergil, der dann auch dafür sorgt, daß am Ende alles gut ausgeht: Aeneas besiegt seinen Feind und erhält eine reizende Braut.
Die Anrufung der Musen findet sich nicht nur bei Vergil, sie hat noch weitere Folgen. Platon stellt im Ion [Ion 534e] die Theorie auf, der Dichter sei ein Besessener, durch dessen Mund die Götter sprächen, eine Theorie, wie sie sich auch in anderen Kulturen findet. Ein fernes Echo sind vielleicht die Worte „André Breton wird nie mehr schreiben“, aus André Bretons Gedichtband „Clair de terre“ von 1923; zwar hat Breton danach noch viele Bücher veröffentlicht, aber für diese Bücher verstand er sich nicht als Autor, sondern nur als Sprachrohr dessen, was Platon die Götter nannte.
Klopstock, der wie Vergil der Ansicht war, auch sein Volk brauche endlich ein eigenes Nationalepos, stand bei der Abfassung seines Messias vor dem Problem, daß er als christlicher Dichter kaum die heidnischen Musen anrufen konnte. Tasso hatte in der gleichen Verlegenheit die Jungfrau Maria als Muse beschworen, Klopstock begann
Singe, unsterbliche Seele der sündigen Menschen Erlösung,
Die der Messias auf Erden in seiner Menschheit vollendet,
Und durch die er Adams Geschlechte die Liebe der Gottheit
Mit dem Blute des heiligen Bundes von neuem geschenkt hat.
was ein bißchen merkwürdig ist insofern, als die „unsterbliche Seele“ ja nichts anderes meint, als Kloppstock selbst. Es lohnt sich, die Epenbeginne mit dem Beginn eines anderen großen Gedichts zu vergleichen, daß eben nicht versucht, Homer genau nachzuahmen und alles richtig zu machen und gleichzeitig Homer zu übertreffen, und das von einem unzweifelhaft größeren Dichter als Vergil oder gar Klopstock stammt:
Es war in unsres Lebensweges Mitte,
als ich mich fand in einem dunklen Walde;
denn abgeirrt war ich vom rechten Wege.
[übersetzt von Karl Witte]
die ersten drei Zeilen von Dantes göttlicher Komödie. An diesen drei Zeilen läßt sich sehr viel von dem verdeutlichen, was Dante von Homer unterscheidet (und worin er ihm gleicht). Der da spricht, ist Dante, der Autor des Gedichts, und zugleich die wichtigste handelnde Person. Wir erfahren, daß er zum Zeitpunkt der Handlung des Gedichts 35 Jahre alt ist, denn er ist auf der Mitte seines Lebensweges, und nach mittelalterlicher Vorstellung, abgeleitet von einem Bibelzitat, beträgt das Leben eines Menschen regulär siebzig Jahre. Da wir außerdem wissen, daß Dante 1265 geboren wurde (denn auch das teilt er uns, in einem anderen Werk, selbst mit), wissen wir, daß die Geschichte im Jahr 1300 spielt; später erfahren wir, daß sie am Karfreitag des Jahres 1300 beginnt; alles das wird uns nicht direkt mitgeteilt, aber wir können es erschließen, wenn wir uns die Mühe machen. Wir erfahren, daß der Held des Gedichts, Dante, sich in einem dunklen Wald verirrt hat und vom rechten Weg abgekommen ist. Das ist einerseits wörtlich zu verstehen, andererseits aber ist es auch symbolisch gemeint: Dante ist vom rechten Weg abgekommen, und er hat sich in der dunklen Welt verirrt. Er stellt die eigene Person in den Mittelpunkt seines Gedichts, er versteckt Dinge in den Zeilen, die nur ein sehr sorgfältiger Leser bei mehrmaliger Lektüre entdecken wird, und er siedelt seine Erzählung auf mehreren Ebenen gleichzeitig an, mindestens auf einer wörtlichen und einer allegorischen, eine der frühesten Deutungen unterscheidet vier verschiedene Sinnebenen. Er erfindet eine ganz neue Art von Gedicht, die Terzinen, die ein unendliches Reimen ermöglichen, und er bemüht sich nicht sonderlich, Homer zu gleichen (den er im übrigen offensichtlich nie gelesen hat), und es gelingt ihm, etwas zu schaffen, das in seiner Qualität viel näher an Homer heran kommt, als das übrige epische Zeugs eines Vergil oder Milton oder Klopstock, das beispielsweise die gleiche Gabe besitzt, wie die homerischen Epen in wenigen Zeilen ein ganzes Leben anzudeuten.
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Gehen wir etwas weiter in der Betrachtung der Anfangszeilen:
Singe den Zorn, o Göttin, des Peleiaden Achilleus,
Ihn, der entbrannt, den Achaiern unnennbaren Jammer erregte
Und viel tapfere Seelen der Heldensöhne zum Aïs
Sendete, aber sie selbst zum Raub darstellte den Hunden
Und dem Gevögel umher. So ward Zeus’ Wille vollendet
Seit dem Tag, als erst durch bitteren Zank sich entzweiten
Atreus’ Sohn, der Herrscher des Volks, und der edle Achilles.
Wer hat jene der Götter empört zu feindlichem Hader?
Letos Sohn und des Zeus. Denn der, dem Könige zürnend,
Sandte verderbliche Seuche durchs Heer, und es sanken die Völker;
Drum weil ihm den Chryses beleidiget, seinen Priester,
Atreus’ Sohn. Denn er kam zu den rüstigen Schiffen Achaias,
Freizukaufen die Tochter, und bracht’ unendliche Lösung,
Tragend den Lorbeerschmuck des treffenden Phöbos Apollon
Und den goldenen Stab; und er flehete laut den Achaiern,
Doch den Atreiden vor allen, den zween Feldherren der Völker:
Atreus’ Söhn und ihr andern, ihr hellumschienten Achaier,
Euch verleihn die Götter, olympischer Höhen Bewohner,
Priamos’ Stadt zu vertilgen und wohl nach Hause zu kehren;
Doch mir gebt die Tochter zurück und empfahet die Lösung
Ehrfurchtsvoll vor Zeus’ ferntreffendem Sohn Apollon.
Einige Worterklärungen sind vielleicht hilfreich: Achilles wird in der ersten Zeile Peleiade genannt, weil er der Sohn des Peleus ist. Die Göttin ist, wie gesagt, die Muse. Die Achaier sind die Griechen, Homer benutzt nie das Wort „Griechen“, Aïs ist Hades. Atreus Sohn ist Agamemnon, deswegen werden Agamemnon und Menelaos auch Atreiden genannt; die beiden sind Feldherren der Völker, weil die Griechen/Achaier sich aus verschiedenen Völkern und unabhängigen Fürstentümern zusammensetzten. Der Sohn von Leto und Zeus ist Apollon, der auch den Beinamen Phöbos trägt.
Der Anfang nennt im Musenanruf das Thema des Epos, den Zorn des Achilles, wie sich Achilles und Agamemnon zerstritten. Wie kam es überhaupt zu jenem Streit, wird gefragt, wie war das noch einmal? An jenem Tag, als sich die beiden zerstritten, wütete die Pest im Lager der Griechen. Nach zehn Jahren Leben in einer Notunterkunft, in eilig aufgestellten Zelten nicht weiter erstaunlich (übrigens wissen wir nicht genau, welche Krankheit mit dem gemeint ist, das gewöhnlich mit „Pest“ übersetzt wird; es muß nicht die selbe sein, die wir heute Pest nennen), aber die Sage kennt eine andere, weniger profane Erklärung, Apollon schickte die Seuche über die Griechen, und warum eigentlich? Weil Agamemnon einen Priester des Apollon beleidigt hat, einen gewissen Chryses. Und schon sind wir mitten in der Handlung.
Auf dem Weg nach Troja, und während sie Troja belagerten, haben die Griechen knapp zwei Dutzend weiterer Städte geplündert, entweder, weil sie mit den Trojanern verbündet waren, oder weil sie gerade auf dem Weg lagen. Das übliche Vorgehen bei solchen Plünderungen bestand darin, alle erwachsenen Männer umzubringen und die Frauen zu versklaven, die Kinder wurden meist ebenfalls versklavt, manchmal auch umgebracht. Ein spartanischer Dichter, Tyrtaios, stellte deshalb fest, es sei besser zu sterben als die Heimatstadt verlieren. Der römische Dichter Horaz griff sehr viel später diesen Vers auf und übersetzte ihn auf seine Art ins Lateinische: süß und ehrenvoll sei es, für das Vaterland zu sterben, wobei Horaz von einem expandierenden Imperium sprach, das in keiner Weise existentiell bedroht war. Tyrtaios dagegen war alles andere als ein Kriegshetzer, er war nur, wie die meisten Spartaner, angesichts des unvorstellbar grausamen Schicksals eroberter Städte davon überzeugt, Sparta müsse möglichst wehrhaft und verteidigungsfähig gemacht werden. In späteren Zeiten führte die Haltung zu einem bemerkenswerten Konservativismus in Sparta, so daß sogar neue Tonleitern in Sparta als wehrkraftzersetzend verboten waren, und jede künstlerische oder philosophische Produktion versiegte. Andererseits hatte Sparta kaum ein Interesse an expansiver Außenpolitik, im Gegensatz zum demokratischen Athen; Sparta wurde schließlich in eine Auseinandersetzung mit Athen verwickelt, in der Athen zeitweise besiegt wurde. Die Spartaner begnügten sich, eine Marionettenregierung zu instalieren, bestehend aus mit der Demokratie unzufriedenen athener Aristokraten, den dreißig Tyrannen, die bald gestürzt wurden, vorher aber noch in einer Schreckensherrschaft innerhalb kürzester Zeit einen Großteil der eigenen Bürger umbringen ließ. Mit einer modernen Diktatur, die Kriege führt, um für Ruhe im Inneren zu sorgen, hatte Sparta wenig zu tun; im übrigen geiselte schon Platon, der ansonsten den spartanischen Staat als Vorbild empfahl, die Tyrannen, die Kriege nach Außen führen, um ihre Herrschaft zu sichern.
Die grausame Vorgehensweise, die männliche Bevölkerung einer eroberten Stadt hinzurichten und die weibliche zu versklaven war außerdem keineswegs nur auf Monarchien, Aristokratien und Tyranneien beschränkt: auch das athener Wahlvolk ließ per Volksentscheid einmal eine ganze Stadt ausradieren; möglicherweise regte dieser Vorfall Euripides zu seiner Oper von den „Troerinnen“ an. Übrigens waren in sämtlichen Kriegen der Geschichte die Toten hauptsächlich Zivilisten: da es leichter ist, Zivilisten statt Soldaten umzubringen, eine nicht weiter erstaunliche Statistik.
Jedenfalls, auch das Heer der Griechen unter Agamemnon hatte Städte erobert und geplündert, darunter auch Theben, Andromaches Heimat, und die geraubten Frauen waren verteilt worden. Agamemnon selbst hatte sich die Tochter des Apollonpriesters Chryses zugeteilt, Achilles hatte die Tochter des Brises erhalten (beide Frauen werden nie mit ihrem Namen genannt, was um so merkwürdiger ist, als sehr viel unbedeutendere Nebenpersonen, auch weibliche, durchaus einen Namen haben).
Chryses nun reiste in das Lager der Griechen, und verlangte seine Tochter zurück, den einzigen Trost seines Alters. Im Austausch bot er ein reiches Lösegeld, genug, damit Agamemnon sich von dem Geld ein Dutzend anderer hübscher Sklavinnen kaufen könnte, aber Agamemnon weigerte sich, entgegen dem Rat der anderen Griechen, sich auf den Tausch einzulassen: er schätze die Tochter des Chryses höher als seine Gattin, Klytämnestra, und er wolle mit ihr den Rest seines Lebens verbringen. Darauf geht Chryses, doch er betet zu Apollon, ihm beizustehen, und so bricht die Pest im Lager der Griechen aus.
Nach neun Tagen rufen die Fürsten eine Versammlung zusammen, und Achilles bittet den Seher Kalchas, der Versammlung zu offenbaren, welcher der Götter ihnen aus welchem Grunde zürnt. Vielleicht ahnt Achilles schon, welcher der Götter warum auf wen erzürnt ist, denn er sichert Kalchas seinen Schutz zu, und sollte auch das, was er verkünden würde, für Agamemnon selbst (oder irgend einen anderen der Fürsten) unangenehm sein. Daraufhin offenbart Kalchas, was wir schon wissen, daß es Apollon ist, der den Griechen zürnt, weil Agamemnon dem Chryses die Tochter verweigert. Es ist nicht das erste Mal während des trojanischen Krieges, daß Kalchas Agamemnon etwas Unangenehmes offenbart: Kalchas hatte Agamemnon gezwungen, seine eigene Tochter Iphigenie zu opfern, um Artemis, die Schwester des Apollon, zu versöhnen, und entsprechend beklagt sich Agamemnon über den Spruch des Kalchas, ist aber bereit, sich zu fügen, vorausgesetzt, er erhält als Ersatz ein anderes Ehrengeschenk, schließlich könne es ja nicht angehen, daß er allein unter den Griechen (id est, unter den griechischen Fürsten) ohne Ehrengeschenk bleibe. Achilles widerspricht: die Beute ist nun einmal verteilt, unmöglich kann Agamemnon einem der Fürsten sein Ehrengeschenk wegnehmen, ohne ihn damit zu beleidigen, wenn Troja erst einmal erobert ist, soll Agamemnon reichlich für seinen Verlust entschädigt werden. Zu beachten ist dabei, wie sehr Achilles sich selbst dabei exponiert: er war es, der Kalchas zum Reden aufgefordert hat, er hat Kalchas seinen Schutz selbst gegen Agamemnon angeboten, und nun bestreitet er Agamemnon das Recht, einem der Fürsten sein Ehrengeschenk zu nehmen.
Ihm antwortete drauf der mutige Renner Achilleus:
Atreus’ Sohn, ruhmvoller, du habgierigster aller,
Welches Geschenk verlangst du vom edlen Volk der Achaier?
Nirgends wissen wir doch des Gemeinsamen vieles verwahret,
Sondern so viel wir aus den Städten erbeutet, wurde geteilet;
Auch nicht ziemt es dem Volke, das Einzelne wieder zu sammeln.
Aber entlaß du jetzo dem Gott sie, und wir Achaier
Wollen sie dreifach ersetzen und vierfach, wenn uns einmal Zeus
Gönnen wird, der Troer befestigte Stadt zu verwüsten.
Gegen ihn rief antwortend der Völkerfürst Agamemnon:
Nicht also, wie tapfer du seist, gottgleicher Achilleus,
Sinn’ auf Trug! Nie wirst du mich schlau umgehn noch bereden!
Willst du, indes dir bleibt das Geschenk, daß ich selbst hier
Sitze, des Meinen beraubt? Und gebietest mir, frei sie zu geben?
Wohl denn, wofern mir ein andres verleihn die edlen Achaier,
Meinem Sinn es erlesend, das mir ein voller Ersatz sei!
Aber verleihn sie es nicht, dann komm’ ich selber und nehm’ es,
Deines vielleicht, auch des Ajas Geschenk wohl oder Odysseus’
Führ’ ich hinweg, und zürnen vielleicht wird, welchem ich nahe!
[I, 121-139]
Bemerkenswert die Verbindung der Beiwörter „ruhmvoller“ und „habgierigster aller“ in der zweiten der zitierten Zeile: das erste ist eine konventionelle Floskel, vermutlich, um die Zeile zu füllen, das zweite gibt tatsächlich die Meinung des Achilles wieder. Vergleichbar „wie tapfer du seist, gottgleicher“: das erste gehört in den Kontext der Rede, das zweite ist lediglich das übliche Beiwort zu „Achilleus“.
Agamemnons Zorn verlagert sich von Chryses, Apollon und Kalchas, gegen die er nichts ausrichten kann, zu Achilles: „Und gebietest mir, frei sie zu geben?“; zwar sieht er ein, daß er die Tochter des Chryses zurückgeben muß, aber von Achilles will er sich nichts befehlen lassen, Achilles hat hier gar nichts zu befehlen, er, Agamemnon, ist hier der oberste Befehlshaber. Achilles aber ist nun seinerseits empört: er hat schließlich keinen Streit mit den Trojanern, „Denn nie haben sie mir die Rosse geraubt noch die Rinder,/ Nie auch haben in Phthia, dem scholligen Männergefilde,/ Meine Frucht sie verletzt, indem viel Raum uns sondert,/ Waldbeschattete Berg’ und des Meers weitrauschende Wogen.“ [I, 154-157], mit Helena und dem Bündnis ihrer Freier hat er ebenfalls nichts zu schaffen, zwölf Städte auf dem Seeweg und elf Städte zu Fuß hat er in diesem Krieg für Menelaos und Agamemnon erobert, und jedesmal bekam Agamemnon den größten Anteil an der Beute, während er, Achilles, mit wenigem zufrieden war, warum also sollte er es nötig haben, sich so von Agamemnon behandeln zu lassen? Und damit ist der Eklat perfekt, Agamemnon nun seinerseits erklärt, auf einen wie Achilles könne er verzichten, aber dessen Ehrengeschenk, die Tochter des Brises, werde er ihm nehmen, und Achilles überlegt, ob er Agamemnon auf der Stelle umbringen soll, als Athena unsichtbar hinzutritt und Achilles besänftigt. So bleibt Agamemnon am Leben, doch Achilles schwört bei seinem Zepter, dessen Holz nie wieder Äste und Blätter treiben wird, nicht mehr auf der Seite der Griechen zu kämpfen (seltsamerweise ist dieses Zepter im späteren Verlauf der Geschichte komplett vergessen [2]). Die übrigen Griechen sind bestürzt und versuchen zu vermitteln, aber vergebens.
Wie Achilles zur Tochter des Brises steht, darüber gibt es im Text widersprüchliche Angaben. Als Agamemnon und Achilles sich im neunzehnten Gesang endlich versöhnen, sagt Achilles über sie: „Hätte doch an den Schiffen der Artemis Pfeil sie getötet/ Jenes Tags, da ich selbst sie erkor aus der Beute Lyrnessos“ [XIX, 59f]. In seiner großen Rechtfertigungsrede im neunten Gesang aber sagt er:
Dennoch gab er den Helden und Königen Ehrengeschenke,
Die noch jeder verwahrt; nur mir von allen Achaiern
Nahm er’s und hat das reizende Weib, womit er der Wollust
Pflegen mag! Was bewog denn zum Kriegszug gegen die Troer
Argos’ Volk? Was führt’ er hierher die versammelten Streiter,
Atreus’ Sohn? War’s nicht der lockigen Helena wegen?
Lieben allein denn jene die Fraun von den redenden Menschen,
Atreus’ Söhne? Ein jeglicher Mann, der edel und weis’ ist,
Liebt und pflegt die Seine mit Zärtlichkeit, so wie ich jene
Auch von Herzen geliebt, wiewohl mein Speer sie erbeutet.
[IX, 334-343]
Diese Passage scheint kaum eines Kommentars zu bedürfen, so unmittelbar ergreifend spricht sie zu uns, auf einige Dinge will ich aber doch hinweisen. Die Ehen waren bei den Greichen, so wie bei den allermeisten Völkern und Zeiten, keine Liebesheiraten, und das Verhältnis der Ehegatten deshalb naturgemäß ein etwas anderes als heute. Oft besaßen die Blutsverwandten, also insbesondere die leiblichen Eltern und die leiblichen Kinder, eine stärkere emotionale Bedeutung als der Ehegatte (auch der Bruder der Mutter spielt in vielen Kulturen eine wichtige Rolle, mutmaßlich deshalb, weil er auf jeden Fall biologisch verwandt ist, im Gegensatz zu dem sozialen Vater). Aber eben weil es Liebesheiraten im Grunde nicht gab, hatte eine solche arrangierte Ehe nicht zwangsläufig die Bedeutung, die wir heute damit verbinden, in dem Sinne „diese Person wurde mir als Ehegatte aufgezwungen, obwohl ich sie nicht liebe, also verabscheue ich diese Person“. Statt dessen „liebt und pflegt ein jeglicher Mann, der edel und weis’ ist, die Seine mit Zärtlichkeit“, und umgekehrt wurde von einer anständigen Frau das gleiche erwartet, daß sie ihren Mann liebt und pflegt. Deshalb unterlag auch das Verhalten der Helena einer anderen Bewertung: solange sie die Frau des Menelaos war, hatte sie diesen zu lieben, aber indem sie die Frau des Paris wurde, hatte sie auch diesem gegenüber eine emotionale Verpflichtung, das heißt, sie hatte geradezu eine moralische Pflicht, ihn zu lieben, selbst wenn sie seine Fehler und Schwächen klar erkennt. Genau das ist im übrigen das Verhalten, das Homer schildert. Der bereits oben erwähnte Euripides gehört einer viel späteren Zeit an, der diese Bewertung nicht mehr kennt und versteht, und der deshalb von Helena verlangt, sie hätte Paris hassen müssen und die ganze Zeit nur an Flucht denken sollen, oder sie hätte sich selbst töten sollen, um so ihre Ehre wiederherzustellen. Gerade dieses Verhalten aber, das Euripides von Helena verlangt, wäre in Homers Augen eine Verletzung von Helenas Pflichten gegenüber Paris gewesen, das ihre Ehre keineswegs wiederhergestellt, sondern überhaupt erst zerstört hätte.
Achilles nun überträgt die Verpflichtung eines Ehemanns gegenüber seiner Frau auf die Tochter des Brises, die, als Kriegsbeute, nicht seine Ehefrau, sondern eine Sklavin ist, der gegenüber eine vergleichbare Verpflichtung nicht besteht. Er aber erklärt, daß die Tochter des Brises für ihn die selbe Bedeutung besitzt, wie für Menelaos dessen Ehefrau, auch wenn sie de jure nur seine Sklavin ist. Auf formaler Ebene sind Helena und die Tochter des Brises keineswegs vergleichbar, Helena ist die Ehefrau des Menelaos, und Menelaos ist verpflichtet, ihre Entführung zu rächen, er wäre es selbst dann, wenn Helena häßlich, dumm und zänkisch wäre, auf der anderen Seite ist es zwar zweifelhaft, ob Agamemnon tatsächlich das Recht hat, Achilles ein einmal gewährtes Ehrengeschenk wieder zu nehmen, ein sonderlich geschicktes Benehmen ist es sicher nicht, aber als oberster Feldherr der Griechen spricht tatsächlich einiges dafür, daß ihm dieses Recht in der Tat zusteht. Achilles argumentiert nun: was zählt, ist nicht, was die Tochter des Brises de jure ist, als solche wäre sie nur ein Teil der Beute wie andere Trophäen auch, was zählt ist, was die Tochter des Brises für mich ist, und für mich ist sie wie eine Ehefrau, und deshalb kann ich genauso wenig dulden, daß sie mir weggenommen wird, wie Menelaos die Entführung der Helena dulden kann.
Bemerkenswert ist diese Stelle im übrigen nicht nur inhaltlich, sondern auch wegen ihrer sprachlichen Schönheit. Achilles stellt eine Reihe von Fragen, rhethorische zumeist, von denen drei mit einem gewaltigen -u- enden, dem ans Ende des Satzes verlagerten Subjekt, und diese Kaskade von Fragen schließt mit der schlichten Bemerkung über den edlen und weisen Mann, den Achilles mit seiner eigenen Situation vergleicht, und damit seine Situation mit der des Menelaos. Und damit ist klar, daß Achilles unmöglich helfen kann, das dem Menelaos angetane Unrecht zu sühnen, wenn sein vergleichbarer Fall dafür ungesühnt bleiben soll.
Im übrigen erfahren wir auch, was Brises Tochter von der ganzen Sache hält, als die Herolde zu Achilles kommen, um sie abzuholen (die zuerst nicht wagen, ihren Auftrag zu nennen, Achilles muß ihnen erst Mut zusprechen „Ihr nicht seid mir Verschuldete“ [I, 335], ein typischer Zug für Achilles, so, wie er sich schützend vor Kalchas stellt, so sollen auch die Herolde nicht ausbaden müssen, was Agamemnon angerichtet hat, und darin unterscheidet sich Achilles deutlich von Agamemnon), da hat auch sie, von der wir nicht einmal den Namen erfahren, einen kurzen Auftritt, nicht einmal eine Zeile lang: „Ungern ging mit ihnen das Mägdelein“ [I, 348] („Mädchen“ wäre natürlich eine schönere Übersetzun, aber Voß war vermutlich froh, einen Daktylus gefunden zu haben). Einen etwas längeren Auftritt hat sie im neunzehnten Gesang, als Patroklos tot und Agamemnon und Achilles wieder versöhnt sind, und sie dem Achilles zusammen mit sieben weiteren Weibern und vielem anderen Zeug zurückgegeben wird und Agamemnon schwört, sie niemals angerührt zu haben. Sie hält eine der Trauerreden auf Patroklos, und wie bei diesen Trauerreden üblich, sagt sie nur Gutes über den Toten:
Ach mein treuer Patroklos, gefälligster Freund mir im Elend!
Lebend noch verließ ich im Zelte dich, als ich hinwegging,
Und ich Kehrende finde dich tot nun, Völkergebieter,
Hingestreckt! So verfolgt mich Unheil immer auf Unheil!
Meinen Mann, dem der Vater mich gab und die würdige Mutter,
Sah ich dort vor der Stadt zerfleischt von der Schärfe des Erzes,
Auch drei leibliche Brüder, von einer Mutter geboren,
Herzlich geliebt, die mir alle der Tag des Verderbens hinwegriß.
Dennoch wolltest du nicht, da den Mann der schnelle Achilleus
Mir erschlug und verheerte die Stadt des göttlichen Mynes,
Weinen mich sehn; du versprachst mir, des göttergleichen Achilleus
Jugendlich Weib zu werden, der einst in Schiffen gen Phtia
Heim mich brächt’ und feierte den Myrmidonen das Brautmahl.
Ach du starbst, und ohn’ Ende bewein’ ich dich, freundlicher Jüngling.
[XIX 287-300]
Wiederum scheinen die leiblichen Brüder, von einer Mutter geboren, wichtiger als der eigene Ehemann, denn nur die Brüder werden als „herzlich geliebt“ bezeichnet. Seltsam klingt es, daß ihr Trost darin bestehen soll, gerade den zu heiraten, der ihren Mann und vermutlich auch ihre Brüder umbrachte, und viel ist es nicht gerade, was sie zu Ehren des Patroklos anführen kann.
Im übrigen ist es keineswegs so, daß Achilles der Tochter des Brises die Treue hält: während die Tochter des Brises unter der Obhut des Agamemnon steht und Achilles grollt, amüsiert er sich zusammen mit Patroklos und zwei Damen namens Diomede und Iphis:
Aber Achilles schlief im innern Gemach des Gezeltes,
Und ihm ruhte zur Seit’ ein rosenwangiges Mägdlein,
Das er in Lemnos gewann, des Forbas Kind, Diomede.
Auch Patroklos legt’ ihm entgegen sich; aber zur Seit’ ihm
Iphis, hold und geschmückt, die der Peleion’ ihm geschenkt,
Als er Skyros bezwang, die erhabene Stadt des Enyeus.
[IX, 663-668]
Ein heutiger Autor hätte diese Passage vermutlich entweder als zu obszön gestrichen, oder er hätte sie genüßlich und detailliert geschildert. Homer dagegen berichtet das alles, ohne etwas auszulassen oder besonders darauf herumzureiten, mit unnachahmlicher Unschuld.
Warum also ist Achilles so gekränkt, daß er sich nicht nur mit Agamemnon zerstreitet, sondern auch spätere Versöhnungsversuche zurückweist? Ist er in die Tochter des Brises verliebt, so, wie wir heute das Wort „verliebt“ verstehen? Oder ist das eine Konzeption von Liebe, die Achilles und seiner Zeit völlig fremd und unverständlich ist? Oder zeigt sich hier, daß Achilles eine moderne Konzeption von Liebe entwickelt, die seinen Zeitgenossen unverständlich bleibt?
Etwas allgemeiner läuft das auf die Frage hinaus, ob im Grunde alle Menschen aller Zeiten gleich sind und nur verschiedene Gewänder tragen, oder ob die Menschen anderer Zeiten eine von der unseren ganz und gar verschiedene Art zu denken haben, so daß unsere Maßstäbe auf sie nicht anwendbar sind. So allgemein formuliert, werde ich die Frage in dieser bescheidenen Einführung nicht entscheiden können. Wir wollen aber noch einmal einen Blick auf die Rede des Achilles im neunten Gesang werfen. Achilles sagt in ihr merkwürdige Dinge:
Gleich ist des Bleibenden Los und sein, der im Eifer gestritten;
Gleicher Ehre genießt der Feig’ und der tapfere Krieger;
Gleich auch stirbt der Träge dahin und wer vieles getan hat.
Nichts ja frommt es mir selbst, da ich Sorg’ und Kummer erduldet,
Stets die Seele dem Tod’ entgegentragend im Streite.
So wie den nackenden Vöglein im Nest herbringet die Mutter
Einen gefundenen Bissen, wenn ihr auch selber nicht wohl ist,
Also hab’ ich genug unruhiger Nächte durchwachet,
Auch der blutigen Tage genug durchstrebt in der Feldschlacht,
Tapfere Männer bestreitend, um jenen ein Weib zu erobern!
[IX, 318-327]
Die gleiche Ehre soll der Feige und der Tapfere genießen? Ist es nicht so, daß der Tapfere geehrt wird, und der Feige verachtet?
Nicht mit den anderen mitzukämpfen wäre feige, und hätte eine Beschädigung der Ehre zur Folge. Agamemnon hat Achilles beleidigt, und damit seine Ehre beschädigt, so daß er sich weigert, weiter zu kämpfen. Später bietet Agamemnon Achilles an, seine Ehre wiederherzustellen: er soll sein Ehrengeschenk zurückbekommen, und noch weitere Ehrengeschenke dazu, mehr als jeder andere griechische Fürst. Damit wäre seine Ehre wiederhergestellt, und sich nun noch immer zu weigern, zu kämpfen, wäre nun wieder unehrenhaft. Aber Achilles beharrt darauf, er wolle nicht kämpfen und mit den übrigen griechischen Fürsten und Agamemnon nichts mehr zu tun haben. In modernen Begriffen könnten wir sagen, daß Achilles unterscheidet zwischen einer inneren Ehre und einem äußerlichen Anschein der Ehre. Kehrt er in die Gemeinschaft zurück, ist seine Ehre äußerlich wieder hergestellt, aber für sein eigenes Gefühl ist seine Ehre bleibend verletzt. Es handelt sich um etwas ähnliches wie das, was wir in Bezug auf die Tochter des Brises feststellten, der Unterschied zwischen öffentlichem Rang (eine Sklavin bzw. Wiederherstellung der Ehre) und dem eigenen Empfinden (eine wie eine Ehefrau Geliebte bzw. ein Fortbestehen der Kränkung).
Es gibt aber für die Zeitgenossen des Achilles keine Möglichkeit, Ehre anders zu beschreiben als etwas öffentliches, und Achilles (vermutete) Auffassung der Ehre als etwas individuelles zwingt ihn, da ihm die Worte fehlen, scheinbar seltsame Dinge zu reden.
Etwas anderes kommt vielleicht noch dazu, der Unterschied von abstrakten Prinzipien und Listen. Die Griechen zur Zeit Homers benutzten, um eine Sache zu erklären, Listen, und um etwa zu erklären, was Ehre ist, hätten sie vielleicht gesagt, nun, Ehre, das ist zum Beispiel in dieser Situation dieses, in jener Situation ist es jenes, es besteht aus dem und dem und dem und es gibt dafür das und das Beispiel. Achilles besitzt Ehre, wenn er tapfer kämpft und Ehrengeschenke erhält, und wenn sein Wort auf der Ratsversammlung Gewicht hat, und so weiter. Wird im sein Ehrengeschenk genommen, dann fehlt ein Element der Liste, und seine Ehre ist beschädigt. Diese Beschädigung kann geheilt werden, wenn ihm sein Ehrengeschenk zurückgegeben wird, zusammen mit zusätzlichen Ehrengeschenken, denn dann sind wieder alle Attribute von Ehre vorhanden. Für Achilles dagegen ist Ehre eine abstrakte Entität, die als Ganzes beschädigt wurde, und die sich nun auf diese Weise nicht wieder reparieren läßt.
Ich will ein anderes Beispiel für den Konflikt zwischen Listen und abstrakten Begriffen anführen. Der Philosoph Platon entwickelte seine Lehre in hohem Maße entlang von abstrakten Begriffen, er wies ihnen sogar einen bevorzugten ontologischen Rang zu, als unvergänglichen platonischen Ideen, und in seiner Akademie wurden für viele Begriffe Definitionen gesucht. Viele seiner Dialoge handeln von der Schwierigkeit, für einen Begriff einen Definition zu finden. Der Held dieser Dialoge, Sokrates, ist ein Typ, der seine Gesprächspartner dauernd fragt „wie definierst du dies, wie definierst du jenes?“, ein Verhalten, wie es auch heute noch des öfteren in vielen Diskussionen zu beobachten ist, und er ist dabei nicht daran interessiert, daß ihm jemand die fragliche Sache erklärt, sondern er möchte eine formale Definition. Dabei trifft er aber dauernd auf Menschen, die noch die alte Vorstellung der Definition als einer Liste besitzen. Wenn er etwa Theaitetos fragt, was denn episteme (=Wissen oder Erkenntnis) sei, antwortet dieser: „Meiner Meinung nach ist Wissen, was man von Theodoros lernen kann, Geometrie und was du eben aufgezählt hast; ferner aber auch sind, wie ich meine, die Schusterei und die übrigen Handwerkskünste, alle und jede einzelne von ihnen, nichts anderes als Wissen.“ [Platon, Theaitetos, 146c-d]. Wenn wir Wissen als eine Liste verschiedener Aggregate auffassen, so, wie es die Griechen vor Platon durchweg taten und wie es auch bei den Gefährten von Achilles üblich war, dann ist das eine ausgezeichnete Erklärung von dem, was Wissen ist. Sokrates aber ist nicht zufrieden, und er antwortet ironisch: „Großzügig und freigiebig, mein Freund, bietest du vieles an, obwohl nur um eines gebeten, und Verschiedenartiges statt Einfachem.“ Denn Sokrates möchte eine abstrakte und formale Definition von Wissen, und in diesem Sinn ist die Antwort des Theaitetos natürlich jämmerlich. Sokrates selbst gibt ein Beispiel, was er sich unter einer guten Definition vorstellt (zu beachten ist: er gibt nicht etwa eine Definition an, was er unter einer guten Definition versteht, sondern er gibt ein Beispiel an, er tut also eben das, was er gerade getadelt hat): Lehm, so sagt er, ist „Erde mit Wasser vermischt“. Bemerkenswerterweise ersetzt diese Definition nicht nur den einen zu erklärenden Begriff „Lehm“ durch drei neue Begriffe, nämlich „Erde“, „Wasser“ und „vermischen“, sie ist darüber hinaus auch noch sachlich falsch, schließlich ergibt Erde und Wasser keineswegs immer Lehm. Theaitetos aber begreift, was Sokrates meint, was auch nicht weiter erstaunlich ist, schließlich ist Theaitetos als Mathematiker an Abstraktionen und Auslassungen gewöhnt (Mathematik bedeutet hauptsächlich, bei einer bestimmten Sache fast alle Eigenschaften zu vergessen und nur noch den Rest zu beachten), während andere Gesprächspartner des Sokrates sich schwerer tun, ihm zu folgen und ihre Definitionen durch Listen durch formale Definitionen zu ersetzen.
Achilles nun gleicht einem frühen Platoniker, nur daß er größere Schwierigkeiten hat, seine Idee verständlich zu machen -um so bewundernswerter im übrigen, daß er es trotzdem versucht und sich selbst treu bleibt. Achilles scheint sagen zu wollen, ich verstehe nicht das unter Ehre, was ihr unter Ehre versteht, ich meine, daß der, der kämpft, und der, der nicht kämpft, beide gleiche Ehre haben können, der Daheimbleibende und der Kriegsfahrende können gleiche Ehre haben, Ehre ist etwas von allen einzelnen Bestandteilen, die eurer Meinung nach die Ehre ausmachen, verschiedenes, Ehre hängt nicht von den einzelnen Aggregaten eurer Liste zusammen. Was Ehre statt dessen ist, kann ich nicht sagen, ich weiß nur, daß meine Ehre mir verbietet, weiter mit euch zu kämpfen.
Noch eine andere Deutung ist möglich (es sind noch viele Deutungen möglich, aber mit der nun folgenden dritten Deutung will ich es bewenden lassen): In seiner großen Rede im neunten Gesang sagt Achilles nämlich auch das folgende:
Nichts sind gegen das Leben die Schätze mir; nichts, was vordem auch
Ilios barg, wie man sagt, die Stadt voll prangender Häuser,
Einst, als blühte der Fried’, eh’ die Macht der Achaier daherkam;
Noch, was die steinerne Schwelle des Treffenden drinnen bewahret,
Phöbos Apollons Schatz, in Pythos’ klippichten Feldern
Beutet man doch im Kriege gemästete Rinder und Schafe
Und gewinnt Dreifüß’ und braungemähnete Rosse;
Aber des Menschen Geist kehrt niemals, weder erbeutet
Noch erlangt, nachdem er des Sterbenden Lippen entflohn ist.
[IX, 401-409]
und Achilles zitiert die Prophezeihung seiner Mutter Thetis, er werde entweder nach Hause zurückkehren, und ohne Nachruhm lange leben, oder vor Troja fallen und ewigen Nachruhm gewinnen, und er scheint entschlossen, das lange Leben dem ewigen Nachruhm vorzuziehen. Es sei hier auch noch einmal an die Begegnung des Odysseus mit dem toten Achilles in der Unterwelt erinnert, die ich oben zitierte, wo Achilles bekennt, lieber der Geringste der Lebenden als der König der Toten sein zu wollen. Was nützt einem Menschen Ruhm und Ehre, scheint Achilles hier zu fragen, wenn er tot ist? Eine für einen der berühmtesten Helden aller Zeiten erstaunliche Aussage, aber es scheint, als ob Schlachtenruhm Achilles ganz gleichgültig ist.
Es gibt ein anderes berühmtes Buch, das Achilles zustimmt. Dort heißt es: „ein lebender Hund ist besser als ein toter Löwe“, was Marcuse (Ludwig, nicht Herbert) den kürzesten Hymnus auf das Leben nannte. Das Buch ist die Bibel, genauer das Buch Kohelet (der manchmal auch Qohelet genannt wird, oder Prediger Salomon, kurz Prediger), die zitierte Stelle ist 9,4b (zitiert nach der Einheitsübersetzung). Kohelet beschäftigt sich mit dem, was das Hiob-Problem genannt werden könnte, und das vor allem die babylonische, aber auch die ägyptische und jüdische Philosophie nicht wenig beschäftigte. Das Problem ist das folgende:
Wir können annehmen, daß es einige gütige Götter gibt, die sich um die Menschen kümmern und für sie sorgen, und die bestimmte Gebote aufgestellt haben. Aufgabe des Menschen ist es nun, diese Gebote zu achten und zu befolgen, und im Gegenzug gewähren ihm die Götter dafür ein glückliches, langes und erfülltes Leben, bis der Mensch schließlich alt und lebenssatt stirbt. Geht es einem Menschen schlecht, so bedeutet das im logischen Umkehrschluß, daß er sich gegen göttliche Gebote versündigt hat. Hat also ein Mensch etwa Aussatz (wobei Aussatz eine Sammelbezeichnung für alle möglichen Krankheiten ist), dann bedeutet das, daß er gegen göttliches Gebot verstoßen haben muß und sein Aussatz Strafe eines Gottes ist. Das Problem des Hiob besteht nun darin, daß ein solcher Gestrafter aufbegehrt und behauptet, zu leiden, obwohl er nicht gegen die göttlichen Gebote verstoßen hat. Der früheste solche babylonische Hiob-Text stammt aus dem dritten vorchristlichen Jahrtausend. Eine übliche Lösung des Hiob-Problems bestand darin, zu sagen, Hiob habe Unrecht, er müsse eben doch irgend etwas verbrochen haben. Die babylonischen Texte, aber auch das biblische Buch Hiob kennen deswegen die Wechselrede zwischen dem Hiob, der auf seiner Unschuld besteht, und seinen Mitmenschen, die auf seiner Schuld bestehen. Eine weitere Lösung besteht darin, zu sagen, daß im Grunde alle Menschen Verbrecher sind und gegen göttliche Gebote verstoßen. Es gibt einen Text, der um 2700 v. Chr. entstanden sein dürfte, in dem der Sprecher sich selbst beschuldigt, gegen alle göttlichen Gebote verstoßen zu haben, und daß es keinen Menschen gäbe, der nicht schwerster Sünden schuldig sei. In gewisser Weise wurde diese Lösung von den Christen (nicht aber von den Juden und den Muslimen) übernommen, die ja behaupten, daß durch die Erbsünde alle Menschen von Geburt an schuldig seien (im Gegensatz zu Ezechiel (=Hesekiel) Kapitel 18, der eine Erbsünde ausdrücklich verwirft). Eine weitere Lösung besteht darin, anzunehmen, daß es nach dem ersten Leben noch ein zweites Leben gibt, in dem die Ungerechtigkeiten des ersten Lebens irgendwie ausgeglichen werden. Diese Theorie wird bei den Juden erstmals in den deuterokanonischen Büchern eingeführt, das siebte Kapitel des zweiten Makkabäerbuches, ein späterer Einschub, ist ein gutes Beispiel, und diese Theorie setzte sich, trotz ihrer eklatanten Unwahrscheinlichkeit und den philosophischen Problemen, die sie mit sich führte, bei den Juden durch und war zu Lebzeiten Jesu weithin akzeptiert, von den Saduzäern abgesehen. Eine weitere Möglichkeit schließlich, das Hiob-Problem zu lösen, besteht darin, die Idee eines gerechten Gottes fallen zu lassen. Wiederum finden sich bereits bei den Babyloniern Texte, die in Frage stellen, ob es überhaupt einen Gott gibt., andere gehen zwar davon aus, daß es einen Gott gibt, er verhält sich aber nicht gerecht. In die Reihe dieser Texte gehört auch das Buch von Kohelet. Dort heißt es: „Freilich kenne ich das Wort: Denen, die Gott fürchten, wird es gut ergehen, weil sie sich vor ihm fürchten; dem, der das Gesetz übertritt, wird es nicht gut gehen, und er wird kein langes Leben haben, gleich dem Schatten, weil er sich nicht vor Gott fürchtet. - Doch es gibt etwas, das auf der Erde getan wurde und Windhauch ist: Es gibt gesetzestreue Menschen, denen es so ergeht, als hätten sie wie Gesetzesbrecher gehandelt; und es gibt Gesetzesbrecher, denen es so ergeht, als hätten sie wie Gesetzestreue gehandelt. Ich schloß daraus, daß auch dies Windhauch ist. Da pries ich die Freude, denn es gibt für den Menschen kein Glück unter der Sonne, es sei denn, er ißt und trinkt und freut sich. Das soll ihn begleiten bei seiner Arbeit während der Lebenstage, die Gott ihm unter der Sonne geschenkt hat.“ [Kohelet, 8, 12b-15]. Klingt das nicht genau wie das, was Achilles sagt? „Gleich ist des Bleibenden Los und sein, der mit Eifer gestritten;/ Gleicher Ehr genießt der Feig’ und der tapfere Krieger;/ Gleich auch stirbt der Träge dahin und wer vieles getan hat.“ Und Kohelet wie Achilles besteiten, daß es einen Ausgleich im Jenseits geben wird: „Die Lebenden erkennen, daß sie sterben werden; die Toten aber erkennen überhaupt nichts mehr. Sie erhalten auch keine Belohnung mehr; denn die Erinnerung an sie ist in Vergessenheit versunken. Liebe, Haß und Eifersucht gegen sie, all dies ist längst erloschen. Auf ewig haben sie keinen Anteil mehr an allem, was unter der Sonne getan wurde.“ [Kohelet 9, 5-6]. „Aber des Menschen Geist kehrt niemals, weder erbeutet/ Noch erlangt, nachdem er des Sterbenden Lippen entflohn ist.“ Und Kohelet faßt das Ergebnis seiner Überlegungen so zusammen:
„Also: Iß freudig dein Brot, und trink vergnügt deinen Wein; denn das, was du tust, hat Gott längst so festgelegt, wie es ihm gefiel. Trag jederzeit frische Kleider, und nie fehle duftendes Öl auf deinem Haupt. Mit einer Frau, die du liebst, genieß das Leben alle Tage deines Lebens voll Windhauch, die er dir unter der Sonne geschenkt hat, alle deine Tage voll Windhauch. Denn das ist dein Anteil am Leben und an dem Besitz, für den du dich unter der Sonne anstrengst. Alles, was deine Hand, solange du Kraft hast, zu tun vorfindet, das tu! Denn es gibt weder Tun noch Rechnen noch Können noch Wissen in der Unterwelt, zu der du unterwegs bist.“
[Kohelet 9, 7-10]
(Luther übersetzt statt „Mit einer Frau“ „Mit deinem Weibe“; die Übersetzung „Weib“ statt „Frau“ mag einen veränderten Sprachgebrauch wiederspiegeln, aber den unbestimmten Artikel in einen bestimmten zu verwandeln stellt eindeutig eine Verfälschung von Kohelets Aussage dar. Kohelet 2, 8b „Ich besorgte mir Sänger und Sängerinnen und die Lust jedes Menschen: einen großen Harem“ lautet in der lutherschen Übersetzung: „ich schaffte mir Sänger und Sängerinnen und die Wonne der Menschen, allerlei Saitenspiel“. Vielleicht überzeugt ja dieses Beispiel den einen oder die andere Protestantin, daß Luthers Übersetzung nicht unbedingt die beste unter allen erhältlichen ist.)
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Wir haben nun erfahren, daß Achilles dem Agamemnon grollt, und haben uns eine romantische, eine sprachphilosophische und eine existentiale Begründung dafür überlegt, warum er sich weigert, zu kämpfen. Wie aber geht es nun weiter? Die Meeresnymphe Thetis besucht ihren Sohn Achilles: „Liebes Kind, was weinst du? Und was betrübt dir die Seele?“ [I, 362], woraufhin Achilles ausführlich erzählt, was vorgefallen ist. Thetis verspricht, Zeus zu bereden, die Trojaner so lange in der Schlacht zu begünstigen, bis sich die Griechen gezwungen sehen, Achilles Genugtuung anzubieten. Wir erinnern uns, Zeus war einmal in Thetis verliebt gewesen, und außerdem hat Thetis Zeus geholfen, als einmal die übrigen Götter einen Aufstand probten, indem sie den Riesen Briareos zu Hilfe rief. Es zeigt sich, daß Thetis Zeus nicht sofort aufsuchen kann, da er sich gerade für zwölf Tage in Äthiopien aufhält (ein Detail, das ein bezeichnendes Licht auf die Allgegenwart des Gottes wirft), nachdem aber Zeus zurückgekehrt ist, sucht Thetis ihn auf, und Zeus verspricht ihr, die Trojaner im Kampf zu begünstigen, bis die Beleidigung des Achilles gesühnt ist. Im achten Gesang sieht sich Zeus gezwungen, ein bis zum zwanzigsten Gesang reichendes Verbot der Einmischung der übrigen Götter zu verhängen, an das diese sich, mit einer kurzen Ausnahme des dreizehnten und vierzehnten Gesanges, auch halten. In dieser Zeit gelingt es den Trojanern, die Griechen hart zu bedrängen und beinahe ihre Schiffe anzuzünden.
Ich werde im folgenden nicht alle weiteren Verwicklungen der Handlung schildern, möge die Leserin, die bis hierhin gefolgt ist, Lust verspüren, das Original selbst aufzuschlagen. Ehe ich mich dem Schluß der Illias zuwende, will ich nur zwei Episoden näher beleuchten, beide aus dem sechsten Gesang.
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„Ich erinnere mich jetzt der merkwürdigen Stelle im sechsten Buch der Ilias, wo Glaukus und Diomed im Gefecht auf einander stoßen und, nachdem sie sich als Gastfreunde erkannt, einander Geschenke geben. Diesem rührenden Gemälde der Pietät, mit der die Gesetze des Gastrechts selbst im Kriege beobachtet wurden, kann eine Schilderung des ritterlichen Edelmuts im Ariost an die Seite gestellt werden, wo zwei Ritter und Nebenbuhler, Ferrau und Rinald, dieser ein Christ, jener ein Sarazene, nach einem heftigen Kampf und mit Wunden bedeckt, Friede machen und, um die flüchtige Angelika einzuholen, das nämliche Pferd besteigen. Beide Beispiele, so verschieden sie im übrigen sein mögen, kommen einander in der Wirkung auf unser Herz beinahe gleich, weil beide den schönen Sieg der Sitten über die Leidenschaft malen und uns durch Naivität der Gesinnung rühren. Aber wie ganz verschieden nehmen sich die Dichter bei Beschreibung dieser ähnlichen Handlung! Ariost, der Bürger einer spätern und von der Einfalt der Sitten abgekommenen Welt, kann bei der Erzählung dieses Vorfalls seine eigene Verwunderung, seine Rührung nicht verbergen. Das Gefühls des Abstandes jener Sitten von denjenigen, die sein Zeitalter charakterisieren, überwältigt ihn. Er verläßt auf einmal das Gemälde des Gegenstandes und erscheint in eigenere Person. Man kennt die schöne Stanze und hat sie immer vorzüglich bewundert:
O Edelmut der alten Rittersitten!
Die Nebenbuhler waren, die entzweit
Im Glauben waren, bittern Schmerz noch litten
Am ganzen Leib vom feindlich wilden Streit,
Frei von Verdacht und in Gemeinschaft ritten
Sie durch des krummen Pfades Dunkelheit.
Das Roß, getrieben von vier Sporen, eilte,
Bis wo der Weg sich in zwei Straßen teilte.
[Der rasende Roland. Erster Gesang, Stanze 22]
Und nun der alte Homer! Kaum erfährt Diomed aus Glaukus, seines Gegners, Erzählung, daß dieser von Väterzeiten her ein Gastfreund seines Geschlechts ist, so steckt er die Lanze in die Erde, redet freundlich mit ihm und macht mit ihm aus, daß sie einander im Gefechte künftig ausweichen wollen. Doch man höre den Homer selbst:
Also bin ich nunmehr dein Gastfreund mitten in Argos,
Du in Lykia mir, wenn jenes Land ich besuche.
Drum mit unseren Lanzen vermeiden wir uns im Getümmel.
Viel ja sind der Troer mir selbst und der rühmlichen Helfer,
Daß ich töte, wen Gott mir gewährt und die Schenkel erreichen;
Viel auch dir der Achaier, daß, welchen du kannst, du erlegst.
Aber die Rüstungen beide vertauschen wir, daß auch die andern
Schaun, wie wir Gäste zu sein aus Väterzeiten uns rühmen.
Also redeten jene, herab von den Wagen sich schwingend,
Faßten sie beide einander die Händ und gelobten sich Freundschaft.
[VI, 224-233]
Schwerlich dürfte ein moderner Dichter (wenigstens schwerlich einer, der es in der moralischen Bedeutung dieses Wortes ist) auch nur bis hierher gewartet haben, um seine Freude an dieser Handlung zu bezeugen. Wir würden es ihm um so leichter verzeihen, da auch unser Herz beim Lesen einen Stillstand macht und sich von dem Objekte gern entfernt, um in sich selbst zu schauen. Aber von allem diesem keine Spur im Homer: als ob er etwas Alltägliches berichtet hätte, ja, als ob er selbst kein Herz im Busen trüge, fährt er in seiner trockenen Wahrhaftigkeit fort;
Doch den Glaukos erregete Zeus, daß er ohne Besinnung
Gegen den Held Diomedes die Rüstungen, goldne mit ehrnen,
Wechselte, hundert Farren wert, neun Farren die andern.
[VI, 234-236]
Dichter von dieser naiven Gattung sind in einem künstlichen Weltalter nicht so recht mehr an ihrer Stelle. Auch sind sie in demselben kaum mehr möglich, wenigstens auf keine andere Weise möglich, als daß sie in ihrem Zeitalter wild laufen und durch ein günstiges Geschick vor dem verstümmelnden Einfluß desselben geborgen werden.“
[Friedrich Schiller, Über naive und sentimentalische Dichtung, zitiert nach Stuttgart 1952, S. 31]
Dieses längere Zitat stammt aus einem Aufsatz Schillers, in dem dieser versucht, alle Dichtung in nur zwei Schubladen zu stopfen, nämlich die naive Dichtung, also etwa Homer, und die sentimentalische Dichtung, also etwa Schiller. Sachlich zu ergänzen wäre vielleicht, daß Glaukos und Diomedes keinen persönlichen Groll gegeneinander hegen und daß es keineswegs ungewöhnlich ist, daß Soldaten verfeindeter Armeen sich gegeneinander rücksichtsvoll benehmen, weniger aus Edelmut, wie ihr Verhalten gegenüber Zivilisten beweist, sondern aus Eigennutz. Insofern ist das Benehmen der beiden Krieger, das Homer schildert, weniger ein Sieg der Sitten, als ein durchaus übliches Verhalten, wie es sich auch noch in den Schützengräben der Kriege des zwanzigsten Jahrhunderts findet. Wichtiger scheint mir der Unterschied in der Erzählhaltung, den Schiller beschreibt. Es hat nämlich seither ein erstaunlicher Wandel in der Literatur stattgefunden, der bewirkt, daß das, was Schiller so sehr befremdete, uns heute ganz gewöhnlich vorkommt, während uns umgekehrt die schillerschen Texte uns leicht merkwürdig vorkommen mit ihrem sentimentalischen Gehabe, gealtert und antiquiirt. Es ist heute nicht mehr unbedingt üblich, daß der Autor selbst sich in seine Geschichte einmengt, daß er uns, wie Ariost, darauf hinweist, was wir von einer bestimmten Stelle zu halten haben, wie wir sie zu deuten haben und welche Gefühle uns gefälligst zu befallen haben. In den nach Schiller verfaßten Texten können wir uns auch keineswegs sicher sein, was denn Meinung und Gefühle des Verfassers sind -was Schiller an Homer, aber auch Shakespear so irritierte- es kann passieren, daß Meinung und Gefühle des Ich-Erzählers oder des Helden und des Verfassers völlig auseinander fallen; ein eher plumpes Beispiel dafür wäre Heinrich Manns „Untertan“, ein unendlich raffiniertes und kunstvolles Nabokovs „Lolita“, oder auch die Erzählungen Rudyard Kiplings, in denen der Erzähler zwar Ansichten äußert, wie sie so ähnlich durchaus auch Kipling äußern könnte, die aber doch nie wirklich Kipling selber sind.
„Naiv“ läßt sich diese Haltung kaum nennen, jedenfalls hat sie bei den genannten Autoren kaum ihren Ursprung darin, daß sie in einem natürlicheren, weniger künstlichen Zeitalter lebten als Schiller, eher handelt es sich um eine weitere Steigerung der Kunstfertigkeit. Im übrigen wäre es wohl einfältig (um nicht zu sagen „naiv“), zu glauben, Homer habe seinen Bericht über die Begegnung von Diomedes und Glaukos nur deshalb nicht mit einem eigenen Ausrufs des Erstaunens über so viel Edelmut unterbrochen, weil er eben nicht erstaunt gewesen sei, weil in seinem goldenen, natürlichen und naiven Zeitalter edelmütige Handlungen so verbreitet und allgemein gewesen wären, daß sie kein Anlaß des Erstaunens sein konnten. Homer ist sich durchaus bewußt, daß die Handlungsweise von Diomedes und Glaukos nicht selbstverständlich und nicht allgemein ist, und er schildert sie als etwas vorbildliches. Hätte an dieser Begebenheit nicht irgend etwas sein Interesse geweckt, dann hätte er sie ebenso weggelassen, wie viele andere einzelne Details der Sage von dem Krieg um Troja, die er weggelassen hat (welcher heutige Autor etwa hätte es sich nehmen lassen, entweder in der Illias oder in einem Einschub der Odyssee von der Amazonenkönigin Penthesilea zu berichten, die nach dem Tod des Hektors auf der Seite der Trojaner kämpft und deren zweischneidige Axt sich bis in die Ikonographie unserer Tage erhalten hat?). Diomedes und Glaukos demonstrieren den Zuhörern Homers (die ursprünglich wohl hauptsächlich Adelige waren), was ritterliches Verhalten ist, und ich denke, Homer erzählt diese Begebenheit auch deswegen, um uns zu rühren, so, wie das auch ein sentimentalischer Dichter täte. Aber er vertraut dabei ganz auf die Kraft seiner Erzählung, und insofern erweist er sich als ein Dichter, der keineswegs naiv, sondern seinerseits sehr raffiniert ist. Wir erfahren von ihm, daß die eine Rüstung mehr als zehnmal so viel wert ist wie die andere, wir erfahren, daß Glaukos die Rüstungen vertauscht, ohne einen Moment darüber nachzudenken, und Homer deutet das Ungewöhnliche und Beachtenswerte dieser Handlung auch noch dadurch an, daß er sie als göttlich inspiriert erklärt. Mithin sind die drei Zeilen 234-236 keineswegs wie etwas Alltägliches berichtet, so, als ob Homer kein Herz im Busen trüge, in trockener Wahrhaftigkeit, sondern diese drei Zeilen sind so konstruiert, daß sie uns anrühren sollen. Zugleich aber gelingt es der homerschen Technik des Anhäufens von Details, die sich der Leser selbst zu einem Bild zusammensetzen muß, das uns dann rührt, eher, seine Gestalten zum Leben zu erwecken, als eher allgemein gehaltene Beschreibungen. Diomedes sind nicht viele Zeilen der Illias gewidmet, und Glaukos noch weniger, aber da es homerische Zeilen sind, sind beide unsterblich nicht in dem Sinn, daß wir noch heute von ihnen lesen können, sondern in dem Sinn, daß sie uns noch immer gegenwärtig sein können.
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Von den fünfzig Söhnen des Priamos lernen wir in der Illias nur einige wenige kennen. Da ist etwa Troilos, der in der ganzen Illias nur ein einziges Mal genannt wird, und dem Shakespear eines seiner grausigsten Dramen gewidmet hat (in dem Achilles Hektor heimtückisch und gar nicht edelmütig umbringt). Üppiger bedacht werden Paris und Hektor. Hektor erweist sich als der große Held der Trojaner. Nachdem ein Zweikampf Paris-Menelaos nicht zum gewünschten Frieden geführt hat, kommt es zu einer Neuauflage: der größte Held der Trojaner, Hektor, gegen den größten verfügbaren Helden der Griechen, Ajas, in dem sowohl Ajas als auch Hektor sich achtbar schlagen, während der Zweikampf Menelaos vs. Paris für letzteren eher blamabel verläuft: Aphrodite muß ihrem Schützling in letzter Minute beistehen und ihn in einem Nebel aus dem Kampfplatz in seinen Palast entführen. Anschließend eilt Aphrodite, auch noch Helena herbeizuschaffen, sich selbst in eine Greisin verwandelnd:
Leis’ ihr feines Gewand voll Nektarduft ihr bewegend,
Redete sie in Gestalt der wollekrämpelden Greisin,
Hochbetagt, die ihr einst in heimischer Burg Lakedämons
Liebliche Wolle gezupft und ihr am meisten geliebt war;
Dieser gleich an Gestalt, begann Aphrodite, die Göttin:
Komm; dich ruft Alexandros, mit mir nach Hause zu kehren.
Sicherheitshalber hat Aphrodite Alexandros-Paris außerdem noch mit besonderem Liebreiz geschmückt:
Jener ruht in der Kammer auf zierlichem Lagergestelle,
Strahlend in Reiz und Feiergewand. Kaum sollst du glauben,
Daß er vom Zweikampf komme; vielmehr er gehe zum Reigen,
Oder er sitz’ ausruhend vom fröhlichen Reigen ein wenig.
Jene sprach’s und erregt’ ihr das wallende Herz im Busen.
Aber Helena erkennt die Göttin trotz ihrer Verwandlung und reagiert ziemlich ungehalten:
Aber sobald sie bemerkte den lieblichen Nacken der Göttin,
Auch den Busen voll Reiz und die anmutstrahlenden Augen,
Tief erstaunte sie jetzt und redete, also beginnend:
Grausame, warum strebst du, mich nochmals schlau zu verleiten?
Soll ich vielleicht noch weiter die wohlbevölkerten Städte
Phrygiens oder der holden Mäonia Städte durchwandern,
Wenn auch dort ein Geliebter dir wohnt der redenden Menschen?
Helena beklagt, daß ihre eigene Meinung offenbar überhaupt nicht zählt, damit Aphrodite ihr dem Paris gegebenes Versprechen erfüllen kann, muß sie selbst Frau eines Unwürdigen sein, ein bloßes Objekt der Göttin. Und sie wird noch deutlicher (das „edler Held“ der nächsten Zeile ist vermutlich wieder nur eine der üblichen rhetorischen Floskeln, während das „Verhaßte“ einer realen Furcht entspringt):
Drum weil jetzt Menelaos den edlen Held Alexandros
Überwand und beschleußt mich heim, die Verhaßte, zu führen,
Darum schleichst du mir jetzo daher voll trüglicher Arglist?
Setze zu jenem dich hin und verlaß der Unsterblichen Wandel;
Und nie kehre dein Fuß zu den seligen Höhn des Olympos,
Sondern teile des Sterblichen Weh und pfleg’ ihn mit Sorgfalt,
Bis er vielleicht zum Weibe dich aufnimmt oder zur Sklavin;
Dorthin geh’ ich nimmer, denn unanständig ja wär’ es,
Ihm sein Bett zu schmücken hinfort. Des würden mich alle
Troerinnen verschmähn; und Gram schon lastet das Herz mir!
Aphrodite antwortet so, wie Götter gewöhnlich antworten: sie ist die Stärkere.
Aber voll Zorn antwortete drauf Aphrodite, die Göttin:
Reize mich nicht, o Törin! Ich könnt’ im Zorne mich wenden
Und so sehr dich hassen, als innig mein Herz dich geliebt!
[III, 385-415]
Daraufhin gehorcht ihr Helena und eilt zu Paris, den sie nichts desto trotz verspottet und ihn an seine früheren Prahlereien erinnert. Worauf Paris antwortet, im Leben gehe es eben mal so und mal so, wie es die Götter beschließen, im übrigen sollten sie sich doch nicht streiten, er sei gerade verliebt ihn sie und voll Verlangen wie noch nie zuvor.
Es ist vielleicht nachvollziehbar, daß Paris im folgenden wenig Lust hat, sich sonderlich oft auf dem Schlachtfeld zu zeigen, lieber verbringt er die Tage und Nächte zusammen mit seiner Frau Helena. Da aber seinetwegen der ganze Krieg stattfindet, kann von denn anderen Trojanern kaum erwartet werden, daß sie das ohne Unmut dulden. So benutzt Hektor eine Gelegenheit, als er sich kurz in Troja aufhält, um seine Mutter anzuweisen, den Tempel der Athena aufzusuchen, dazu, seinen Bruder Paris zu besuchen und ihn aufzufordern, zur Schlacht zurückzukehren.
Dort hinein ging Hektor, der göttliche, und in der Rechten
Trug er den Speer, elf Ellen an Läng’, und vorn an dem Schafte
Blinkte die eherne Schärf’, umlegt mit goldenem Ringe.
Und nun Paris:
Ihn im Gemach dort fand er, die stattlichen Waffen durchforschend,
Panzer und Schild, und glättend das Horn des krummen Geschosses.
Aber Helena saß, die Argeierin, unter den Weibern
Emsig, den Mägden umher anmutige Werke gebietend.
Verständlicherweise wird Hektor bei diesem Anblick ungehalten:
Hektor schalt ihn erblickend und rief die beschämenden Worte:
Sträflicher, nicht geziemt’ es, so unmutsvoll zu ereifern!
Siehe, das Volk verschwindet, um die Stadt und türmende Mauer
Kämpfend, und deinethalben ist Feldgeschrei und Getümmel
Rings entbrannt um die Feste! Du zanktest ja selbst mit dem andern,
Welchen du wo saumselig ersähst zur traurigen Feldschlacht.
Auf denn, ehe die Stadt in feindlicher Flamme verlodre!
Es versteht sich, daß Hektor durch den Kontrast mit seinem Bruder als noch strahlenderer Held erscheint: Paris ist hier der dunkle Hintergrund, vor dem Hektors Licht um so heller leuchtet. Wir werden so für Hektor eingenommen, und wenn es am Ende zum Kampf zwischen Achilles und Hektor kommt, dann werden wir keineswegs das Gefühl haben, daß hier das Gute gegen das Böse kämpft, sondern zwei kämpfen miteinander, die ein böses Schicksal verstrickt hat. Wir werden außerdem darauf vorbereitet, nach dem Tod des Hektors sowohl Achilles als auch Priamos zu verstehen, davon wird später die Rede sein. Die griechischen Hörer nahmen natürlich die Partei der Griechen, aber durch den Kontrast zwischen dem hier so jämmerlich wirkenden Paris und Hektor zwingt Homer seine Hörer, sich in die Lage des Hektor zu versetzen, und um so mehr sind wir gerührt, wenn wir im Anschluß von der Begegnung zwischen Hektor und Andromache lesen. Nun aber, wie antwortet Paris? Er versucht Hektor den Wind aus den Segeln zu nehmen, indem er ihm zustimmt. Außerdem war er doch wirklich beinahe ganz kurz davor, jetzt wirklich aufzubrechen:
Ihm antwortete drauf der göttliche Held Alexandros:
Hektor, dieweil du mit Recht mich tadelst, nicht mit Unrecht,
Darum sag’ ich dir an, doch du vernimm es und höre:
Gar nicht wider die Troer so unmutsvoll und ereifert
Saß ich hier im Gemach, zum Grame nur wollt’ ich mich wenden.
Doch nun hat mich die Gattin mit freundlichen Worten beredet,
Auszugehn in die Schlacht, auch scheinet es also mir selber
Besser hinfort zu sein, denn es wechselt der Sieg um die Männer.
Aber verzeuch, bis ich jetzo in Kriegsgerät mich gehüllet,
Oder geh, so folg’ ich und hoffe dich bald zu erreichen.
Jener sprach’s, ihm erwiderte nichts der gewaltige Hektor.
Helena ist das Verhalten ihres zweiten Gatten peinlich. Sie selbst ist sich nur allzu bewußt, daß die Trojaner sie hassen, und nun benimmt sich auch noch Paris auf eine Art und Weise, die ihm die Verachtung seiner Landsleute eintragen muß, vielleicht auch ist sie beschämt durch den Anblick des abgekämpften Hektors („mit Blut und Kriegsstaube besudelt“ beschreibt Hektor sich selbst einige Zeilen weiter oben), der nicht durch ihre Schuld, aber ihretwegen sein Leben riskiert.
Aber Helena sprach mit hold liebkosenden Worten:
O mein Schwager, des schnöden, des unheilstiftenden Weibes!
Hätte doch jenes Tags, da zuerst mich die Mutter geboren,
Ungestüm ein Orkan mich entführt auf ein ödes Gebirg’ hin
Oder hinab in die Wogen des weitaufrauschenden Meeres,
Daß mich die Woge verschläng’, eh’ solche Taten geschahen!
Aber nachdem dies Übel im Rat der Götter verhängt ward,
Wär’ ich wenigstens doch des besseren Mannes Gemahlin,
Welcher empfände die Schmach und die kränkenden Reden der Menschen!
Dem ist jetzo kein Herz voll Männlichkeit, noch wird hinfort ihm
Solches verliehn, und ich meine, genießen werd’ er die Früchte!
Aber o komm doch herein und setze dich hier auf den Sessel,
Schwager, dieweil dir am meisten die Arbeit liegt an der Seele,
Um mich schändliches Weib und die Freveltat Alexandros’,
Welchen ein trauriges Los Zeus sendete, daß wir hinfort auch
Bleiben umher ein Gesang der kommenden Menschengeschlechter!
In der Odyssee gibt es eine weitere, längere Anspielung auf das Epos, aber schon hier hat Homer eine kleine Selbstbezüglichkeit versteckt: Helena prophezeiht, daß künftige Generationen den Kampf um Troja besingen werden, und sie fürchtet, daß sie und Paris in diesen Gesängen nicht gut wegkommen werden, und was die Dichter von Stesichoros bis Giraudoux angeht, hat sie auch recht behalten.
Ihr antwortete drauf der helmumflatterte Hektor:
Heiße mich, Helena, nicht so freundlich sitzen, ich darf nicht;
Denn schon dringt mir das Herz mit Heftigkeit, daß ich den Troern
Helfe, die sehnsuchtsvoll nach mir Abwesendem umschaun.
Aber du muntre diesen nur auf, auch treib’ er sich selber,
Daß er noch in den Mauern der Stadt mich wieder erreiche.
Denn ich will in mein Haus zuvor eingehn, um zu schauen
Mein Gesind’ und das liebende Weib und das stammelnde Söhnlein.
Denn wer weiß, ob ich wieder zurück zu den Meinigen kehre
Oder jetzt durch der Danaer Hand mich die Götter bezwingen.
Also nur, weil er ohnehin auf Paris warten will, erlaubt sich Hektor, sein eigenes Haus aufzusuchen. Es folgt nun ein längeres Zitat ohne meine Unterbrechungen.
Dieses gesagt, enteilte der helmumflatterte Hektor.
Bald erreicht’ er darauf die wohlgebauete Wohnung.
Doch nicht fand er die schöne Andromache dort in den Kammern,
Sondern zugleich mit dem Kind und der Dienerin, schönen Gewandes,
Stand sie annoch auf dem Turm und jammerte, seufzend und weinend.
Als nun Hektor daheim nicht fand die untadlige Gattin,
Trat er zur Schwelle hinan und rief den Mägden des Hauses:
Auf wohlan, ihr Mägde, verkündiget schnell mir die Wahrheit:
Wohin ging die schöne Andromache aus dem Palaste?
Ob sie zu Schwestern des Manns, ob zu stattlichen Frauen der Schwäger
Oder zum Haus Athenens sie eilete, wo auch die andern
Lockigen Troerinnen die schreckliche Göttin versöhnen?
Ihm antwortete drauf die emsige Schaffnerin also:
Hektor, weil du gebeutst, die Wahrheit dir zu verkünden:
Nicht zu den Schwestern des Manns, noch zu stattlichen Frauen der Schwäger
Oder zum Haus Athenens enteilte sie, wo auch die andern
Lockigen Troerinnen die schreckliche Göttin versöhnen,
Sondern den Turm erstieg sie von Ilios, weil sie gehöret,
Daß der Achaier Macht siegreich die Troer bestürme.
Eben geht sie hinaus mit eilendem Schritte zur Mauer,
Einer Rasenden gleich, und die Wärterin trägt ihr das Kind nach.
Also sprach zu Hektor die Schaffnerin, schnell aus der Wohnung
Eilt’ er den Weg zurück durch die wohlbebauten Gassen.
Als er das skäische Tor, die gewaltige Feste durchwandelnd,
Jetzo erreicht, wo hinaus sein Weg ihn führt’ ins Gefilde,
Kam die reiche Gemahlin Andromache eilenden Laufes
Gegen ihn her, des Eëtions blühende Tochter
(Denn Eëtion wohnt’ am waldigen Hange des Plakos,
In der plakischen Thebe, Kilikiens Männer beherrschend,
Und er vermählte die Tochter dem erzumschimmerten Hektor)-
Diese begegnet’ ihm jetzt; die Dienerin aber, ihr folgend,
Trug an der Brust das zarte, noch ganz unmündige Knäblein,
Hektors einzigen Sohn, dem schimmernden Sterne vergleichbar.
Hektor nannte den Sohn Skamandrios, aber die andern
Nannten Astyanax ihn, denn allein schirmt’ Ilios Hektor.
Siehe, mit Lächeln blickte der Vater still auf das Knäblein;
Aber neben ihn trat Andromache, Tränen vergießend,
Drückt’ ihm freundlich die Hand und redete, also beginnend:
Trautester Mann, dich tötet dein Mut noch! Und du erbarmst dich
Nicht des stammelnden Kindes noch mein, des elenden Weibes.
Ach, bald Witwe von dir! Denn dich töten gewiß die Achaier,
Alle daher dir stürmend! Allein mir wäre das beste,
Deiner beraubt, in die Erde hinabzusinken, denn weiter
Ist kein Trost mir übrig, wenn du dein Schicksal vollendest,
Sondern Weh! Und ich habe nicht Vater mehr noch Mutter!
Meinen Vater erschlug ja der göttliche Streiter Achilleus
Und verheerte die Stadt, von kilikischen Männern bevölkert,
Thebe mit ragendem Tor; den Eëtion selber erschlug er,
Doch nicht nahm er die Waffen, denn graunvoll war der Gedank’ ihm,
Sondern verbrannte den Held mit dem künstlichen Waffengeschmeide,
Häufte darauf ihm ein Mal, und rings mit Ulmen umpflaten’s
Bergbewohnende Nymphen, des Ägiserschütterers Töchter.
Sieben waren der Brüder mir dort in unserer Wohnung;
Diese wandelten all’ am selbigen Tage zum Aïs,
Denn sie all’ erlegte der mutige Renner Achilleus
Bei weißwolligen Schafen und schwerhinwandelnden Rindern.
Meine Mutter, die Fürstin am waldigen Hange des Plakos,
Führet’ er zwar hierher mit anderer Beute des Krieges,
Doch befreit’ er sie wieder und nahm unendliche Lösung;
Aber sie starb durch Artemis’ Pfeil im Palaste des Vaters.
Hektor, siehe du bist mir Vater jetzo und Mutter
Und mein Bruder allein, o du mein blühender Gatte!
Aber erbarme dich nun und bleib’ allhier auf dem Turme!
Mache nicht zur Waise das Kind und zur Witwe die Gattin!
Stelle das Heer dorthin bei dem Feigenbaume, denn dort ist
Leichter die Stadt zu ersteigen und frei die Mauer zum Angriff.
Kühn um die Ajas beid’ und den hohen Idomeneus strebend,
Auch um des Atreus Söhn’ und den starken Held Diomedes,
Ob nun jenen vielleicht ein kundiger Seher geweissagt
Oder auch selbst ihr Herz aus eigener Regung sie antreibt.
Ihr antwortete drauf der helmumflatterte Hektor:
Mich auch härmt das alles, o Trauteste, aber ich scheue
Trojas Männer zu sehr und die saumnachschleppenden Weiber,
Wenn ich hier, wie ein Feiger, entfernt das Treffen vermeide.
Auch verbeut es mein Herz, denn ich lernete, tapferen Mutes
Immer zu sein und voran mit Trojas Helden zu kämpfen,
Schirmend zugleich des Vaters erhabenen Ruhm und den meinen.
Zwar das erkenn’ ich gewiß in des Herzens Geist und Empfindung:
Einst wird kommen der Tag, da die heilige Ilios hinsinkt,
Priamos selbst und das Volk des lanzenkundigen Königs.
Doch nicht kümmert mich so der Troer künftiges Elend,
Nicht der Hekabe selbst, noch Priamos’ auch, des Beherrschers,
Noch der Brüder umher, die dann, so viel und so tapfer,
All’ in den Staub hinsinken, von den feindlichen Händen getötet,
Als wie dein’s, wenn ein Mann der erzumschirmten Achaier
Weg die Weinende führt, der Freiheit Tag dir entreißend;
Wenn du in Argos webst für die Herrscherin oder auch mühsam
Wasser trägst aus dem Quell Hypereia oder Messeïs,
Sehr unwilligen Muts, doch hart belastet der Zwang dich!
Künftig sagt dann einer, die Tränenvergießende schauend:
Hektors Weib war diese, des tapfersten Helden im Volke
Rossebezähmender Troer, da Ilios’ Stadt sie umkämpften!
Also spricht man hinfort, und neu erwacht dir der Kummer,
Solchen Mann zu vermissen, der retten dich könnt’ aus der Knechtschaft!
Aber es decke mich Toten der aufgeworfene Hügel,
Eh’ ich deines Geschreies vernehm’ und deiner Entführung!
Also der Held, und hin nach dem Knäblein streckt’ er die Arme.
Aber zurück an den Busen der schöngegürteten Amme
Schmiegt sich schreiend das Kind, erschreckt von dem liebenden Vater,
Scheuend des Erzes Glanz und die flatternde Mähne des Busches,
Welchen es fürchterlich sah von des Helmes Spitze herabwehn.
Lächelnd schaute der Vater das Kind und die zärtliche Mutter.
Schleunig nahm vom Haupte den Helm der strahlende Hektor,
Legete dann auf die Erde den schimmernden; aber er selber
Küßte sein liebes Kind und wiegt’ es sanft in den Armen.
Dann erhob er die Stimme zu Zeus und den anderen Göttern:
Zeus und ihr anderen Götter, o laßt doch dieses mein Knäblein
Werden dereinst wie ich selbst, vorstrebend im Volk der Troer,
Auch so stark an Gewalt und Ilios mächtig beherrschen!
Und man sage hinfort: der ragt noch weit vor dem Vater,
Wann er vom Streit heimkehrt, mit der blutigen Beute beladen
Eines erschlagenen Feinds! Dann freue sich herzlich die Mutter!
Jener sprach’s und reicht’ in die Arme der liebenden Gattin
Seinen Sohn, und sie drückt’ ihn an ihren duftenden Busen,
Lächelnd mit Tränen im Blick; und ihr Mann voll inniger Wehmut
Streichelte sie mit der Hand und redete, also beginnend:
Armes Weib, micht mußt du zu sehr mir trauern im Herzen!
Keiner wird gegen Geschick hinab mich senden zum Aïs,
Doch dem Verhängnis entrann wohl nie der Sterblichen einer,
Edel oder geringe, nachdem er einmal gezeugt ward.
Doch, zum Gemach hingehend, besorge du deine Geschäfte,
Spindel und Webstuhl, und gebeut den dienenden Weibern,
Fleißig am Werke zu sein. Der Krieg gebühret den Männern
Allen und mir am meisten, die Ilios’ Feste bewohnen.
Als er dieses gesagt, da erhob der strahlende Hektor
Seinen umflatterten Helm, und es ging die liebende Gattin
Heim, oft rückwärts gewandt und häufige Tränen vergießend.
Bald erreic