Ich möchte im folgenden einige Bemerkungen über Kleidung und Mode verlieren. Dazu freilich ist ein gewisser Anlauf nötig. Es könnte der oberflächlichen Leserin erscheinen, das folgende Dutzend an Abschnitten verliere ein wenig das eigentliche Thema aus den Augen. Dem ist mitnichten so: aber wer zur Erkenntnis gelangen will, muß eben manchmal auch längere Wege in Kauf nehmen.
Seit Nietzsche ist die Vorstellung populär, daß wir in der Philosophie seit ein paar tausend Jahren auf einem Holzweg sind. Seit Platon, so meinte er, seien wir vom wahren Pfad der Erkenntnis abgewichen. Heidegger stimmte dem mehr oder weniger zu, allenfalls mit der Einschränkung, daß der grundlegende Irrtum vielleicht schon mit Thales von Milet begann. Auch wenn ich nicht so weit gehen möchte, wie Rousseau, für den schon die Entdeckung der technischen Beherrschbarkeit des Feuers ein massiver Fehlschlag gewesen sein muß, meine ich doch, daß der Irrtum noch viel früher begann und bereits in Echnatons Tagen alt war. Vielleicht, daß der Irrtum durch den wolkenlosen Himmel in Ägypten entstand, obwohl doch ein Blick auf den nächtlichen Himmel jeden Zweifel hätte beseitigen sollen. Vielleicht, weil die Ägypter nur einen einzigen Fluß von wirtschaftlicher Bedeutung kannten, den Nil. Den Babyloniern jedenfalls ist ein gleicher Irrtum nicht unterlaufen: mit Begeisterung (oder ist es Abscheu?) berichtet die Bibel von der „großen Hure Babylon“. Denn in Babylon versammelten sich die Völker der Welt, und alle Sprachen wurden gesprochen, und alle Götter wurden verehrt. Während Echnaton, der einzige Pharaoh am einzigen Nil unter dem einzigen Himmel auf den Einfall kam, nur noch die einzige Sonne als einzigen Gott zu verehren (obwohl er doch Pharaoh des oberen- wie des unteren Nils war).
Es gibt nur eine einzige Wahrheit, sagt Platon (und Aristoteles formalisierte diese Erkenntnis im Satz vom ausgeschlossenen Dritten), denn (und hierin bediente er sich eines Argumentes, das eigentlich Demokrit erfunden hatte) hätte Protagoras recht mit seiner Ansicht, es gäbe ebenso viele Wahrheiten wie Menschen, dann ließe sich daraus ein Widerspruch ableiten, denn nach Protagoras hätte auch der recht, der die Theorie des Protagoras für falsch hält. Gegen Platons Argumentation läßt sich vieles einwenden, auf keinen Fall beweist sie, daß es nur eine Wahrheit gibt, außerdem setzt sie voraus, daß Protagoras behauptet hätte, das, was jemand willkürlich beschließt, für wahr zu halten, sei dadurch schon wahr, obwohl Protagoras nichts dergleichen behauptet.
Platons Argument läßt sich auf die Ebene des Politischen übertragen: wenn der Liberalismus behauptet, alle Ideologien müßten gleichermaßen geduldet werden, dann behauptet er doch auch, auch solche Ideologien müßten geduldet werden, die die Abschaffung des Liberalismus fordern und aktiv betreiben. Auch dieses Argument ist nicht stichhaltig, schließlich steht es uns frei, eine modifizierte Variante des Liberalismus zu vertreten, wonach jede Ideologie vertreten werden darf, die nicht die Abschaffung des Pluralismus fordert, während alle anderen Ideologien gewaltsam unterdrückt werden dürfen und sollen. Und einen Anarchisten (wie Kallikles) kann Platons Argument schon gleich gar nicht beeindrucken.
Trotzdem wagt Platon den weitergehenden Schluß, es gäbe nur ein richtiges Leben, für alle Menschen nur einen einzigen Weg zum Glück. Und wenn es nur eine einzige Tugend gibt, dann auch nur einen einzigen Gott.
„Die Äthiopier behaupten, ihe Götter seien stumpfnasig und schwarz,/ die Thraker, blauäugig und blond.//Wenn aber die Rinder und Pferde und Löwen Hände hätten/ und mit diesen Händen malen könnten und Bildwerke schaffen wie die Menschen,/ so würden die Pferde die Götter abbilden und malen in der Gestalt von Pferden,/ die Rinder in der von Rindern, und sie würden solche Statuen meißeln,/ ihrer eigenen Körpergestalt entsprechend.“, sagt Xenophanes.
Sicher, aber was soll das beweisen? Warum sollen nicht die Götter der Äthiopier stumpfnasig und schwarz, die der Thraker blauäugig und blond sein? und was ist das für ein sonderbares Argument, nun umgekehrt zu schließen, es gäbe einen Gott, einen einzigen Gott, und dieser habe die Gestalt einer Kugel, da die Kugel die vollkommenste Form sei? Und wie kommt es, daß Xenophanes für seine Theorie eines kugelförmigen Gottes allgemein bewundert wird, etwa auch von Leuten, die (wie zum Beispiel Popper) gar nicht an Gott glauben?
Wenn wir die Götter für physikalische Realitäten halten - aber hier liegt ja schon der erste Irrtum. Der Anthropologe besucht einen Stamm und wohnt einer Regenzauberzeremonie bei, und er schreibt in ein Tagebuch, die dummen Eingeborenen hätten eine Prozedur aufgeführt, von der sie dächten, sie könnte den Regen bewirken. Einiges paßt nicht ins Bild: die Zeremonie wird gerade dann aufgeführt, wenn der Regen bereits gefallen ist, aber das sind Kleinigkeiten. Gott, so erwartet es der Antropologie, weil er es aus seiner eigenen Kultur nicht besser gelernt hat, ist für die Eingeborenen der gütige Vater, der Gebete erhört.
Aber der bereits zitierte Xenophanes beklagt sich: „Homer und Hesiod haben die Götter mit allem belastet,/ was bei Menschen übelgenommen und getadelt wird:/ stehlen und ehebrechen und einander betrügen.“ (und Platon spricht es ihm nach: aus diesem Grund soll Homer aus dem Gedächtnis der Menschen ausgelöscht werden). Und wieder unterläuft Xenophanes ein Mißverständnis: für ihn sind die Götter Homers ein metaphysisches Konstrukt, das er als solches unbefriedigend findet und durch sein eigenes metaphysisches Konstrukt ersetzen möchte. Für Homer dagegen sind die Götter erlebte Realität, Wirklichkeit, keine Metaphysik, und selbstverständlich stehlen und lügen die Götter. Die Götter, sagt Heraklit, kennen keine Gerechtigkeit, keinen Unterschied zwischen Gut und Böse, nur die Menschen machen diesen Unterschied. So ist es: Gerechtigkeit existiert nur, wenn es Menschen gibt, die sich für die Gerechtigkeit einsetzen. Der Sklave Ion kann gerecht sein, weil er ein Mensch ist, der Gott Apoll nicht, sagt Euripides.
Und Euripides glaubt, eine große Neuigkeit entdeckt zu haben, wenn er Menelaos zu Helena sagen läßt, Aphrodite sei nur ein Name für ihre eigene Lüsternheit. Selbstverständlich - aber was beweist das? Das Aphrodite nicht existiert? Wie sonst sollen wir denn die Taten der Menschen erklären? Helena verliebt sich in Paris, aber sie entschließt sich nicht aus freien Stücken, sich in Paris zu verlieben. Meinen Arm hebe ich aus freien Stücken, meistens, manchmal jedoch auch nicht, und die meisten meiner Atemzüge tue ich, ohne darüber nachzudenken. Wer atmet da, hebt meinen Arm, macht, daß ich mich verliebe? Ich weiß, es gibt modernere Erklärungen, die Gene, das Unbewußte, Reflexe, verschiedene Hirnbereiche, nun gut, aber erst einmal müßte doch gezeigt werden, daß diese Erklärung eine andere Erklärung ist als die alte, oder ob es nicht die alte Erklärung ist, nur daß einige Worte ausgetauscht wurden. Ob wir nun von den Genen oder den Instinkten reden oder von Aphrodite und Ares und Athena, jedenfalls sind wir nicht Herr im eigenen Haus, und die uns beseelen, sind nicht einer, sondern mehrere. Es gibt, ich habe es bereits anderswo zitiert (ich wiederhole mich, meine Kenntnisse sind beschränkt), die Geschichte eines Jünglings, der sein ganzes Leben der keuschen Göttin der Jagd widmete. Diese monomanische Beschränktheit ist ihm schlecht bekommen, und die Rache der eifersüchtigen Aphrodite hat ihn das Leben gekostet, er wurde von seinen eigenen Hunden zerfleischt. Es ist nicht ratsam, sich auf nur einen Gott zu verlassen. Besser, ein Pantheon zu errichten und eine Nische freizulassen für alle Götter, die wir vielleicht vergessen haben könnten.
Besser auch, mehr als nur eine Theorie zur Hand zu haben. Überhaupt, erst wenn wir einen Opponenten haben, können wir ermessen, wie viel unsere Theorien wert sind, weil wir erst dann erfahren, wie gut sie sich im Wettstreit mit anderen bewähren. Erstaunlicherweise war dieser Sachverhalt Platon, eben dem Platon, der an nur eine Tugend und eine Wahrheit glaubte und in seinem Staat die freie Diskussion abschaffen wollte, völlig klar, und entsprechend begeistert begrüßt Sokrates Kallimachos: einer, der anderer Meinung ist, wie vortrefflich. Denn nur, wo sich zwei begegnen, die verschiedener Meinung sind, kann die sophistische Diskussion beginnen, kann es einen Erkenntnisfortschritt geben.
Vielleicht aber ist dieser Umweg notwendig (eine List der Vernunft gewissermaßen, oder ein Zufall, wenn wir bedenken, daß die oberste Göttin über allen anderen Göttern der Zufall ist), denn schließlich und endlich gibt es eine Rückkehr, eine Besinnung auf den Wert der Vielfalt. John Stuart Mill beruft sich auf die Übungen der Sophisten und erklärt „Niemandes Meinung über irgend einen Gegenstand verdient den Namen Wissen, sofern sie nicht entweder durch Zwang von anderer Seite oder aus eigenem Antrieb sich demselben geistigen Prozeß unterzogen hat, wie er bei einer regen geistigen Auseinandersetzung mit Gegnern erforderlich ist. Was so unentbehrlich ist, wenn es fehlt und so schwer zu erschaffen: wie absurd, ja schlimmer noch, ist es, darauf zu verzichten, wenn es sich spontan darbietet! Wenn es Menschen gibt, die eine traditionelle Meinung bestreiten oder das tun wollen mit Billigung des Gesetzes oder der Öffentlichkeit: laßt uns ihnen danken, unseren Geist sich öffnen und lauschen! Freuen wir uns, daß noch jemand da ist, der für uns tut, was wir eigentlich mit viel größerer Mühe selbst tun müßten, sofern uns an der Gewißheit und der Lebenskraft unserer Überzeugungen etwas gelegen ist.“ Und diese Rückkehr zur Vielfalt ist durchaus von anderer Qualität als die einstige Vielfalt, als es noch viele Götter gab. Denn es stand damals keineswegs dem Einzelnen frei, sich seine Götter nach belieben zu erschaffen, und sein Leben nach seinen eigenen Vorstellungen zu leben, sondern nur wenige vorgezeichnete Bahnen standen zur Verfügung, oft genug nur eine einzige. „Daß Menschen nicht unfehlbar, daß ihre Wahrheiten meistens nur Halbwahrheiten sind, daß Einheit der Meinung, wenn sie nicht auf dem vollsten und freiesten Austausch gegensätzlicher Ansichten beruht, gar nicht wünschenswert ist und Meinungsverschiedenheiten also nicht ein Übel, sondern etwas Gutes darstellt, bis die Menschheit fähiger als augenblicklich ist, alle Seiten der Wahrheit zu erkennen, das sind Grundsätze, die nicht nur auf die Handlungsweise der Menschen, sondern ebensosehr auf ihre Meinungen zutreffen. So wie es nützlich ist, daß es Meinungsverschiedenheiten gibt, solange die Menschen unvollkommen sind, so ist es ebenso vorteilhaft, daß man den verschiedenen Charaktereigenschaften Spielraum läßt ohne Schaden für andere, und daß man den Wert verschiedener Lebensarten praktisch ausprobiert, wenn irgend jemand es für richtig hält, sie zu versuchen. Kurz, es ist zu wünschen, daß man in Dingen, die nicht von vorneherein andere mitbetreffen, der Individualität eine Chance gibt.“
Mithin, nicht nur eine Tugend gibt es, oder falls es sie gibt, ist sie jedenfalls unserer Erkenntnis gegenwärtig unerreichbar, und es ist uns zu wünschen, daß es möglichst viele Menschen gibt, die ein Leben jenseits dessen versuchen, was gewöhnlich, hergebracht und schicklich ist. Selbst die sonderbarsten Kulte haben ihre Nützlichkeit und ihren Wert. Wenn wir etwa die evangelikalen Sekten betrachten: zum Erkenntnisfortschritt tragen sie kaum etwas bei, gewöhnlich unterdrücken sie auf ziemlich widerliche Art und Weise ihre Mitglieder und erziehen ihre Kinder zu perfekten Sexualneurotikern, und dennoch: ein Staat mit solchen Minderheiten wird sich sicher weniger leicht gleichschalten, in einer Diktatur jeder abweichenden Meinung berauben lassen als ein Staat, in dem es solche Minderheiten nicht gibt. Desgleichen die auf Aberglaube beruhenden Heilmethoden: zwar sind sie ziemlicher Unfug, und ihr einziger Vorzug besteht darin, meistens einigermaßen unschädlich zu sein, dennoch haben sie ihren Nutzen allein schon darin, daß sie jeden Vertreter der Schulmedizin immer wieder zwingen, sich über grundsätzliche Fragen Gedanken zu machen, über das Verhältnis von Psyche und Soma, über den Verlust an Lebensqualität durch radikale Therapien und dergleichen mehr.
Wir schulden, sagt Mill, den Spinnern Dank, die Hare-Krishna-Jünger, die uns drittklassige Übersetzungen der Bhagavat-Gita andrehen wollen, verstockte Altkommunisten verdienen unsere Hochachtung, weil sie gegen alle Widerstände und gegen alle Verachtung es nicht aufgeben, zur notwendigen Vielfalt der Meinungen beizutragen.
Oder auch die Menschen, die sich Ringe durch alle möglichen Körperöffnungen stechen lassen: mir persönlich gefällt das zwar nicht, aber mir muß es ja auch nicht gefallen, und ich möchte so etwas an meinem eigenen Körper nicht haben, ich muß es ja aber auch nicht. Doch wer weiß schon, ob es nicht der Anblick eines gepiercten Menschen ist, der einen anderen Menschen dazu veranlaßt, zu erkennen, daß über ein und das selbe Thema verschiedene Meinungen möglich sind, und ein paar Jahre später eine originelle Theorie zur Quantendynamik aufstellt, die mit dem Althergebrachten auf fruchtbare Art und Weise bricht. So daß es Leute sind wie die, die schauderhafte Orte wie etwa Tatoo-und-Piercing-Studios aufsuchen und für uns ihre Gesundheit riskieren, die für den moralischen und epistemologischen Fortschritt der Menschheit verantwortlich sind.
Bedauerlich, daß wohlgekleidete, gut verdienende Manager ind Hemd und Schlips sich so selten klar machen, daß es schlecht gekleidete, verachtete, langhaarige, ungewaschene Verwirrte sind, die die Grundlage unseres Wohlstandes bilden, denn unser Wohlstand besteht ja gerade aus unserer Liberalität und deren Früchten, dem Reichtum der Fülle, der Vielfalt der Ideen, die ohne unzeitgemäße oder unpassende Menschen nicht zu haben ist.
Es gibt einen gewissen Wettlauf zwischen den klamottenherstellenden Firmen und den jungen Leuten darum, daß ein kleiner, wertvoller Teil der jungen sich von anderen Menschen unterscheiden möchte und daher das Neue erfindet, während die Industrie versucht, dieses Neue zum Massenprodukt zu machen, nicht etwa, weil die betreffenden Häuser sich Echnaton oder Platon verpflichtet fühlen würden, aber deshalb, weil das wahrhaft Individuelle sich nicht industriell herstellen läßt. Die Industrie versucht daher, das Neue zu stehlen, und schickt deshalb ihre Industriespione, die Trendscouts, ins Lager des Feindes, der Jugend, um in den Besitz des Neuen zu gelangen. Daran ist jedoch nichts Bedauerliches: eben diesesVerhalten der Industrie zwingt die Jugend zu immer neuen Höchstleistungen, um der Industrie zu entkommen, etwa zu dem verwegenen Versuch, die Mode zu besiegen durch betont unmodische Kleidung, etwa das Tragen zwanzig Jahre alter Jogginganzügen, was die Industrie zur Erfindung brandneuer, zwanzig Jahre alt aussehender Aufzüge veranlaßte. Im übrigen kann es sein, daß wir uns, ohne es zu wissen, in einer Übergangsperiode befinden: daß es nur eine kurze, einige Jahrhunderte dauernde Phase ist, in der Kleidungsstücke industriell und massenhaft gefertigt werden, daß es irgendwann einmal, für jeden erschwinglich, Maschinen geben wird, die Kleidungsstücke nach unseren persönlichen Entwürfen fertigen werden, oder daß wir unsere Entwürfe an entsprechende Anbieter schicken, die uns dann postwendend die fertigen Kleidungsstücke zurückschicken, daß künftig nicht mehr Kleidungsstücke und Entwürfe gemeinsam verkauft werden, sondern es Datenträger mit Kleidungsentwürfe geben wird, die wir erwerben und aus denen wir das passende wählen, um es dann herstellen zu lassen, modifiziert nach unseren Bedürfnissen und maßgeschneidert, oder Software, die uns verspricht, mit ihrer Hilfe werde das Entwerfen von Kleidungsstücken zum Kinderspiel, und vielleicht wird es irgend wann einmal nur noch Einzelstücke geben.
Am höchsten zu bewerten ist daher, scheint mir, wer nicht trägt, was alle tragen, sondern der, der trägt, was niemand sonst trägt. Dadurch ergibt sich nun aber eine Unbestimmtheit: es läßt sich nicht konkret, gewißermaßen operational, bestimmen, worin gute, geschmackvolle Kleidung besteht. Denn sicher wollen wir ja nicht behaupten müssen, geschmackvolle Kleidung könne zugleich unmoralische Kleidung sein, Kleidung aber, die das Prinzip der Individualität schädigt, können wir nach dem oben gesagten moralisch nicht billigen. Könnten wir aber nun ein festes Regelwerk vorgeben, worin genau die gute und elegante Kleidung bestünde, dann könnten wir dieses Regelwerk benutzen, um jeden Menschen dementsprechend zu bekleiden, so bekleidete Menschen aber würden gerade nicht ganz verschiedene Regeln und Verfahren der Bekleidung ausprobieren, unser Regelwerk wäre also, nach unseren eigenen Maßstäben, höchst verwerflich, ebenso scheußlich wie der geschmacklose Einfall der Maoisten, alle Menschen in den gleichen häßlichen blauen Kittel zu stecken.
Einmal etwa ist mir, beim Einkaufen im Supermarkt, eine Frau aufgefallen mit einer graugrünen Lederjacke, einem geringelten Strickrock, bunten Strümpfen, derben Schuhen und roten Locken. Sie sah, finde ich, bewundernswert und wunderschön aus. Aber es wäre natürlich unsinnig, zu erklären, Schönheit bestünde darin, eine graugrüne Lederjacke zu tragen. Sicher sehen die allermeisten Menschen in einer graugrünen Lederjacke außerordentlich scheußlich aus, und würden alle Menschen in graugrünen Lederjacken herumlaufen, dann sähe auch jene bezaubernde, entzückende Frau nicht länger bezaubernd und entzückend, sondern langweilig und blöde aus.
Ein Kleid mit großen bunten Blumen, der Horror, in einem bestimmten Kontext aber ist vielleicht gerade so ein Kleid das passende und richtige. Keine feste Regel läßt sich ein für allemal bestimmen (in einem Reiseführer über Hamburg las ich, daß die Hamburger den Anblick von braunen Schuhen, kombiniert mit blauen Anzügen, verabscheuten, eine für mich damals ganz neue Information. Es gab dafür sogar einen Merkreim: „braun und blau/ trägt die Sau“. So komisch ich das damals fand, trotzdem bezweifle ich inzwischen den Wert jenes Rates: wenn jemand Baun und Blau so zu kombinieren vermöchte, das daraus etwas Entzückendes und Begeisterndes entstünde, wäre das nicht Großartig, und sollten wir nicht daher die Menschen ermutigen, daß einige von ihnen unabläßig versuchen sollten, ob sich Braun und Blau nicht vielleicht doch kombinieren lassen), und alles, was ich sagen kann, ist, was mir gefällt (Ocker, Samt, Leder, Schwarz, Knöpfe statt Reißverschluß, eine weiß-lila geringelte Hose, ein Body von Calida, ein Hemd von Bruno Banani, selbstgestrickte Socken, eine Jeans von Replay, Schuhe von Think, ein schillernder Schal, der auch nach dem dritten Waschen nicht aufgehört hat, schrecklich zu färben, die Gewänder der Rennaisance oder Balis) und was nicht (Rosa zum Beispiel, Hosen, wie sie Sportler oder Flughafenmitarbeiter oder Crackdealer oder Nahkampfsoldaten tragen, Kariertes), aber wer bin ich schon, und was weiß ich denn schon, daß ich meine Meinung für besonders wichtig halten dürfte?
Ein Spiel ohne Schiedsrichter und ohne Sieger.
4.1.2000