Der nachfolgende Text ist schon etwas älter; ich habe in wichtigen Punkten inzwischen meine Meinung geändert. An den wichtigsten Stellen habe ich einige Querverweise eingebaut.

Ontologie und Identität

1. Kritik verschiedener ontologischer Konzeptionen
1.1. Materialismus
1.2. Dualismus
1.3. Idealismus
2. Identität
3. Verschiedene Substanzen
3.1 Wahrnehmung
3.2 Begriff
3.3. Gesetz
3.4 Zufall
3.5 Die tetralistische Welt
4. Dialog
Anmerkungen

Niemand ist mein Name; denn Niemand nennen mich alle,
Meine Mutter, mein Vater und alle meine Gesellen.
Homer, Odyssee IX,366f

Ich bin der Meinung, daß es vielleicht vier, jedenfalls drei Substanzen gibt, nämlich Wahrnehmung, Begriff, Gesetz und vielleicht Zufall. Warum werden diese vier Dinge von mir Substanzen genannt? Weil ich denke, daß aus ihnen die Welt besteht, und die Dinge, aus denen die Welt besteht, werden Substanzen genannt. Es ist üblich, andere Dinge Substanzen zu nennen: Materie gilt als eine Substanz, oder Geist, oder beides. Es gibt den Standpunkt, daß es Materie gäbe, und Geist ein Epiphänomen dieser Materie (im folgenden "Materialismus" genannt) genannt, oder daß es nur Geist gäbe ("Idealismus") oder daß es diese beiden Substanzen gäbe ("Dualismus"). Ich denke, daß alle drei Konzeptionen sehr unglücklich sind, und werde versuchen zu erklären warum.

1. Kritik verschiedener ontologischer Konzeptionen


1.1 Materialismus

Der Materialismus in seiner epiphänomenalistischen Spielart, den wir hier betrachten wollen, geht davon aus, daß Geist von selbst sich einfindet, wenn Materie nur kompliziert genug sei, daß also Geist nichts anderes sei als eine spezifische Kompliziertheit der Materie. Das Gehirn ist dieser Ontologie zufolge eine aus Materie bestehende Maschine. Der Geist sei dieser Maschine zugeordnet und entstehe dadurch, daß diese Maschine so kompliziert sei. Es sei theoretisch immer möglich, geistige Zustände auf materielle zurückzuführen, auch wenn dieses Zurückführen vielleicht praktische Schwierigkeiten bereite. Der Geist sei so etwas wie ein Muster, und die Materie das, woraus das Muster gemacht sei. Wenn jemand Kieselsteine so auf dem Boden anordnete, daß sie ein Gesicht bildeten, dann entsprächen die Kieselsteine der Materie, das Gesicht dem Geist. Wichtig für den Geist sei nur das Muster, nicht die konkrete Substanz, aus der es geformt sei. So sei es durchaus auch möglich, Gehirne nicht aus Neuronen, aus Wasserstoff, Sauerstoff und Kohlenstoff, sondern aus Silizium zu bauen, auch wenn es hier vielleicht wieder so sei, daß die praktischen Schwierigkeiten des Projektes so groß seien, daß es sich nicht wirklich durchführen ließe. Theoretisch sei es sogar möglich, ein Gehirn aus Wasserrohren zu bauen oder aus Holzbahnen, auf denen Murmeln rollen, oder aus einem Karteikasten, den ein Mensch nach bestimmten Regeln sortiert, auch wenn es praktisch unmöglich sei, solche Gehirne zu bauen. Immer komme es nur auf das gebildete Muster an, den der Geist sei keine eigene Substanz, sondern eben nur ein Epiphänomen, ein Muster aus der Substanz Materie, und könne daher gar nicht anders, als aufzutauchen, wenn Materie sich eben entsprechend konfiguriere.
Ich kann zwar nicht sehen, daß diese Position irgendwie widersprüchlich wäre, aber sie scheint mir zu reichlich absurden Folgerungen zu führen. Das liegt daran, daß sich in eine einigermaßen große Ansammlung von Objekten jedes beliebige Muster hineinlesen läßt.
Denken wir uns der Einfachheit halber, das Gehirn eines Menschen bestünde aus einer bestimmten Anzahl von Neuronen, die nur zwei Zustände aufweisen würden, erregt oder nicht erregt, und daß das Denken dieses Gehirns aus nichts anderem bestünde als daraus, wie von einem Augenblick zum nächsten das Muster von erregten und nicht erregten Neuronen wechselte. Es versteht sich, daß sich die Sache in ihren Einzelheiten komplizierter Verhält, aber darauf soll es uns nicht ankommen. Der Zustand eines Gehirns ist in dieser Interpretation ein Tupel aus Nullen und Einsen, und das Denken besteht darin, daß das Gehirn von einem Tupel zum nächsten voranschreitet.
Da es ja auf die Trägersubstanz nicht ankommt, können wir uns auch einen beliebigen anderen Träger wählen. Wir könnten uns beispielsweise folgendes Gehirn ausdenken: wir finden von einem Menschlichen Gehirn den Bauplan heraus, wie ein erregtes Neuron auf welche anderen Neuronen einwirkt. Dann bauen wir ein zu diesem Gehirn isomorphes Gehirn, indem wir auf ebensovielen Planeten, wie es Neuronen gibt, Funkstationen verteilen. Eine "erregte" Funkstation schickt an bestimmte andere Funkstationen ein Signal los, ganz analog, wie ein erregtes Neuron bestimmte andere Neuronen beeinflußt. Jede Funkstation könnte, als Symbol dafür, daß sie gerade ein erregtes Neuron darstellt, eine Glühbirne anknipsen, doch dieser zusätzliche Akt ist nicht unbedingt nötig.
Es ist wichtig, sich klarzuwerden darüber, daß dieses System von auf verschiedenen Planeten verteilten Funkstationen tatsächlich isomorph zu einem bestimmten Gehirn ist und deshalb, nach der Voraussetzung des Materialismus, nicht anders kann, als einen Geist zu besitzen. Ein kleiner Unterschied besteht darin, daß unser Gehirn keine Sinneswahrnehmung kennt, aber diesem Umstand läßt sich leicht dadurch abhelfen, daß bestimmte Funkstationen "von außen" Anweisung bekommen, erregt zu sein, ohne daß sie von anderen Funkstationen dazu mit Funksprüchen veranlaßt wurden; diese zusätzlichen Anweisungen sind dann die Sinneswahrnehmungen dieses Gehirns. Im übrigen könnte es, um die Zeitverzögerung durch die Lichtgeschwindigkeit zu berücksichtigen, angezeigt sein, daß alle Funkstationen nur alle Millionen Jahre einmal Funksprüche verschicken und sich dabei daran orientieren, wieviele Funksprüche sie in der vergangenen Millionen Jahre erhalten haben. Unser Gehirn würde dann zwar extrem langsam denken, könnte dies aber natürlich subjektiv gar nicht wahrnehmen: werden die richtigen Signale in das System eingespeist, könnte unser Milchstraßengehirn glauben, ein ganz normaler Mensch zu sein. Um dies etwas klarer zu machen, verwende ich eine Argumentation, die ich in ähnlicher Form bei Arnold Zuboff gefunden habe.[1]: Zuerst betrachten wir ein ganz gewöhnliches Menschenhirn, das allerdings nicht mit normalen Sinnesorganen verbunden ist, sondern mit künstlichen Signalgebern, die ihm genau die Impulse schicken, die es auch von natürlichen Sinnesorganen erhalten würde. Es ist klar, daß der Geist dieses Gehirnes für einen Materialisten sich in nichts von dem Geist eines gewöhnlichen Hirnes unterscheiden kann. Nun teilen wir dieses Gehirn in zwei Hälften und bewahren die eine Hälfte in Kairo, die andere in Bagdad auf. Die Signale, die sich die beiden Gehirnhälften zusenden, werden per Funk zwischen beiden Städten übertragen. Zwar ist hier das Gehirn räumlich sehr ausgedehnt, aber für den Geist macht das keinen Unterschied, er nimmt auch keinen Unterschied wahr. Nun teilen wir das Gehirn nicht mehr nur in zwei Hälften, sondern in ebenso viele Teile, wie es Neuronen besitzt. Ist ein Neuron erregt, teilt es dies durch Funksignale bestimmten anderen Neuronen mit. Auch dieses Gehirn ist noch immer Träger des selben Geistes, auch wenn die Neuronen auf verschiedenen Planeten verteilt sind. Schließlich lassen wir auch noch die Neuronen weg und ersetzen sie durch Glühbirnen: gewiß wird auch dieser letzte Schritt für den Geist keinen Unterschied verursachen. Und damit sind wir bei der oben beschriebenen Situation angelangt.
Was aber wäre nun, wenn die Funkstationen alle kaputt wären und gar keine Funksignale absenden würden, und wenn die Funkstationsvorsteher nach eigenem Gutdünken ihre Glühbirnen an- und ausschalten würden und dabei durch einen ziemlich unwahrscheinlichen Zufall genau die Glühbirnen an- und ausgeschalten würden, die auch an- und ausgeschalten würden, wenn die Funkstationen noch intakt wären und die Funkstationsvorsteher sich streng an ihre Anweisungen halten würden? Zwar ist ein solcher Zufall so gut wie unmöglich, wenn aber doch ein solch unwahrscheinlicher Zufall eintreten sollte, würde sich der dabei entstehende Geist so wenig von einem in der oben beschriebenen Weise entstandenen unterscheiden, wie sich ein Mensch, der dadurch entstand, daß sich zufällig einige in der Luft herumschwirrende Moleküle glücklich trafen, von einem auf mehr konventionelle Art entstandenen Menschen unterscheidet, einmal davon abgesehen, daß das erstere Ereignis so unwahrscheinlich ist, daß es in einem endlichen Universum nie auftreten dürfte.
Da, wie wir sahen, alles mögliche ein Gehirn sein kann, die Neuronen in einem Schädel oder Holzbahnen, auf denen Murmeln rollen, oder über die Milchstraße verteilten Glühbirnen, ist auf der Suche nach Geistern jede Kombination von materiellen Objekten zuzulassen, gleichgültig, wie diese Objekte beschaffen sind und wie sie räumlich zusammenhängen.
Außerdem ist es so, daß unser Körper im Laufe der Zeit die Atome, aus denen er besteht, auswechselt und daß Neuronen im Laufe der Zeit absterben, so daß es nicht sein kann, daß ein Geist immer dieselben Objekte als Träger besitzen muß, es kann sein, daß er in einem Moment diese und in einem anderen jene Objekte als Träger besitzt.
Stellen wir uns vor, auf jeder der kaputten Funkstationen gäbe es nicht nur eine, sondern viele Glühbirnen, von denen manche leuchten und andere nicht. Wenn wir für unseren Geist nun einen bestimmten Zustand verkörpert sehen wollen, können wir auf jedem Planeten eine Glühbirne finden, die sich in dem richtigen Zustand befindet. Wenn wir also auf jedem Planeten aus den dortigen Glühbirnen genau eine auswählen, werden wir für die allermeisten Auswahlen keine Gehirne bekommen, die Träger von Geistern sind, für einige seltene Auswahlen aber doch, und für manche Auswahlen wird sich genau der Geisteszustand ergeben, den wir haben wollen.
Außerdem ist es so, daß wir eine Auswahl von Glühbirnen betrachten können, derart, daß wir mal diese, mal jene Glühbirnen als Teil unseres Gehirns betrachten, und dann ist es so, daß wir für jede Folge von Geisteszuständen, für jede Gedankenreihe eine wechselnde Auswahl von Glühbirnen finden, die genau diese Folge von Geisteszuständen verkörpert, materialisiert. Und es versteht sich, daß es keinen Grund gibt, unbedingt Glühbirnen betrachten zu müssen: Genausogut können wir in einem Glas Wasser die Wassermoleküle betrachten, ob sie in der Form H2O oder in einer der beiden Formen H3O+ und OH- vorliegen, wobei die beiden letzteren den erregten Neuronen entsprechen sollen, und wenn wir eine geeignete Teilmenge aller Wassermoleküle des Glases betrachten, die sich immer wird finden lassen, werden diese Wassermoleküle jeden Geisteszustand verkörpern, den wir nur wünschen. Wir können im interstellaren Raum bestimmte Sektoren herausgreifen und fragen, ob sie mit Molekülen gefüllt sind oder leer sind, und durch geschickte Wahl der Sektoren wird auch dieser interstellare Raum jeden gewünschten Geisteszustand verkörpern.
Das bisher gesagte ist klar genug. Ich will es noch weiter an einem Beispiel klarmachen, aber wer mich hier schon verstanden hat, darf sich das Beispiel ersparen und weiter unten weiterlesen.

Vielleicht erregt es Befremden, daß ich mir eine solche Freiheit erlaube, derart willkürlich Neuronen und ihre Verkörperung zuzuordnen. Es ist aber so, daß eine solche Zuordnung immer irgendwie vorgenommen werden muß, und wenn es beim menschlichen Gehirn auch scheint, als ob eine bestimmte Zuordnung besonders ausgezeichnet wäre, so ist das doch nur eine Täuschung. Tatsächlich gibt es bestimmte Zuordnungen, die sich von anderen unterscheiden, insofern nämlich, als das Denken der Menschen wieder physikalische Auswirkungen hat, was sich von dem Denken anderer Geister nicht unbedingt sagen läßt. Aber abgesehen davon, daß das ja für den Geist gar keinen Unterschied macht, ist es selbst im Fall des Geistes, dessen Verkörperung die Moleküle eines Glases Wasser sind so, daß sein Körper irgendwelche physikalischen Auswirkungen hat und daß es deshalb hoffnungslos ist, danach unterscheiden zu wollen, welcher Geist nun mit seinem Denken auf die Materie einwirkt und welcher nicht, und welcher daher ein "echter" und welcher ein "degenerierter" Geist ist. Ich nehme darüber hinaus an, daß die meisten epiphänomenalistischen Materialisten wohl durchaus der Meinung wären, daß ein Mensch, der durch einen Unfall jede Form der Sinneswahrnehmung verlöre, durchaus nicht notwendig aufhören würde zu denken und einen Geist zu besitzen, so daß es also gar nicht darauf ankäme, ob ein Geist mit seiner Art des Denkens dadurch, daß dieser Art des Denkens bestimmte materielle Prozesse entsprechen, seine Umwelt beeinflußt.

Zusammengefaßt erhalten wir folgendes Bild: es gibt Materie, und es gibt Geister. Einige dieser Geister sind die Epiphänome bestimmter elektrischer und chemischer Vorgänge in der Großhirnrinde, die allermeisten Geister sind es aber nicht, sondern Produkt irgendwelcher anderer Vorgänge, und diese Geister sind so zahlreich und so verschiedenartig, daß diejenigen unter ihnen, die sich zufällig fälschlich für Menschen halten, die sie gar nicht sind, weil sie keine menschlichen Körper besitzen, und die nur einen winzigen Teil jener Geister ausmachen, zahlreicher sind, als die Menschen selbst, so daß es so aussieht, als ob es zwar Menschen gäbe, es aber ausgesprochen unwahrscheinlich wäre, wenn der Verfasser dieser Zeilen oder ihre Leserin ausgerechnet zu jener raren Sorte von Geistern gehören würden. Zwar scheint mir eine solche Theorie nicht unbedingt widersprüchlich, aber mit ihr verglichen scheinen Solipsismus oder andere Formen des Idealismus gerade als Ausgeburten von gesundem Menschenverstand und common sense. (1)

1.2 Dualismus

Im vorangegangenen Abschnitt schien die Schwierigkeit darin zu bestehen, daß, wenn wir den Geist nicht als eine eigene Substanz auffassen, sondern nur als eine bestimmte Art, die Materie zu interpretieren, wir dann die Materie auf so vielfältige Art interpretieren können, daß wir mehr Geister erhalten, als wir das wünschen. Wenn wir nun Geist als eine eigene Substanz aufpassen, vermeiden wir solche Schwierigkeiten, da wir durch die Menge an Substanz Geist, die wir zur Verfügung stellen, die Zahl der Geister kontrollieren können, das heißt, wir können dafür sorgen, daß es nicht mehr Geister als Menschen gibt. Wenn Geist allerdings eine andere Substanz ist als Materie, dann ist durchaus nicht klar, wie Geist imstande sein sollte, auf Materie einzuwirken. Einer Theorie des Philosophen Descartes zufolge sollte die Hypophyse die Schnittstelle zwischen materieller und geistiger Welt sein, freilich hilft uns die Angabe des Ortes, an dem beide Substanzen sich treffen, wenig bei unserem Problem, wie sie denn aufeinander einwirken. Ein mögliches Modell wäre das einer prästabilierten Harmonie: der Körper eines Menschen besitzt ein Gehirn, in dem Rechenprozesse ablaufen, die zu Nervenimpulsen führen, die den menschlichen Körper das tun lassen, was zur gleichen Zeit und unabhängig davon auch der Geist beschlossen hat. Eine solche prästabilierte Harmonie ist zwar denkbar, nur besteht dann für die Materie kein eigentlicher Bedarf mehr, ein solcher Dualismus läßt sich mit Gewinn durch einen Idealismus ersetzen. Ein anderer Ausweg wäre der, daß wir setzen, daß es dem Geist möglich ist, an bestimmten Stellen die Materie zu beeinflussen. (2)
Es ist nun so, daß die Fortschritte der Physik einem solchen Eingreifen des Geistes in den Gang der Materie nicht mehr allzu viel Raum bieten, ein paar Schlupflöcher bleiben dem Geist aber doch. Beispielsweise wäre es vorstellbar, daß der Geist auf bestimmte, aufgrund der heisenbergschen Unschärferelation unvorhersehbare Ereignisse Einfluß nimmt, daß er dafür zuständig ist, bestimmte Quantenereignisse zu steuern, die für die Physik nachweislich unvorhersagbar sind. Es wäre denkbar, daß das Gehirn so gebaut ist, daß in ihm diese Quantenereignisse auf geeignete Weise so verstärkt werden, daß sie makroskopische Auswirkungen haben. Wenn also ein Mensch vor einer Entscheidung stünde, würde dies einen Prozeß neuronaler Aktivität auslösen, der an einer entscheidender Stelle von Quantenprozesse abhinge, deren Ausgang der Geist bestimmte, der damit indirekt die Entscheidung fällt.

Wenn wir annehmen, daß es zwei Welten gibt, die Welt der Materie und die Welt des Geistes, und außerdem annehmen, daß die Welt des Geistes mit Hilfe der Quantenprozesse in die Welt der Materie eingreift, dann können wir beide Welten zu einer einzigen Welt zusammenfassen, in der eine einzige Physik gilt. Es ist ja so, daß auch die Substanz der Materie aus verschiedenen Stoffen besteht, beispielsweise aus Elementarteilchen und Botenteilchen, wobei diese Teilchen gemäß physikalischer Gesetze aufeinander einwirken. Es käme dann noch ein weiterer Stoff dazu, der Geist, der bestimmten physikalischen Gesetzen gehorcht und auf eine bestimmte Art und Weise, bestimmten Gesetzen gehorchend, auf andere Stoffe einwirkt. Wir erhalten dann als Ergebnis, daß es eine eigene Substanz Geist gar nicht gibt, und sehen, daß die Position des Dualismus in Wahrheit auf die materialistische Position hinausläuft. Wir sehen also, daß der Geist entweder nicht auf die Materie einwirkt, oder aber selber wieder nur eine Form der Materie ist. Nun könnte es scheinen, als sei dies eben nicht weiter tragisch: was wir erhalten, ist ja nicht unbedingt der epiphänomenalistische Materialismus, sondern vielleicht statt dessen ein streng monistischer Materialismus, wenn wir vom Dualismus ausgehen und die Möglichkeit einer prästabilierten Harmonie zwischen Geist und vom Geist ganz unabhängiger Materie verwerfen, und für einen streng monistischen Materialismus gilt ja nicht die im vorangegangenen Abschnitt entwickelte Widerlegung. Es könnte sein, daß die Materie Geist eben ein ganz besonderer materieller Stoff ist, dessen "Physik" das ist, was wir sonst Psychologie nennen, und daß er mit den übrigen materiellen Stoffen eben derartig in Wechselwirkung tritt, daß er bestimmte Quantenprozesse anderer Stoffe unter bestimmten Umständen beeinflußt, und zwar auf eine Art und Weise, die unvorhersagbar ist, wenn wir die Untersuchung der Welt auf die Untersuchung nichtgeistiger Stoffe beschränken. Nur ist der Geist gewöhnlich etwas anderes als das, was wir materiellen Stoff nennen wollen, weil der Geist ja gerade das sein soll, das macht, das ich mich als ein Ich empfinde und dazu gebracht werde, mich zu fragen, wie es kommt, daß es nicht nur meinen Körper gibt, dessen Gehirn gewisse Rechenoperationen durchführt, sondern dieses Gehirn auch noch eine Innensicht, eben einen Geist hat. Ich werde darauf noch ausführlicher im nächsten Abschnitt zu sprechen kommen, in dem ich den Idealismus kritisiere.

1.3 Idealismus

Zur Kritik dieser Position werde ich ein Argument verwenden, das ich auch früher schon hätte gebrauchen können, das ich zur Kritik von Materialismus und Dualismus noch nicht unbedingt brauchte.
Eine der wenigen selbstevidenten Sätze, vielleicht der einzige selbstevidente Satz überhaupt, scheint der zu sein, daß es mich, der ich über diese Probleme nachdenke, gibt, daß es mich gibt. Ein Solipsist ist nicht bereit, darüber hinaus auch noch andere Sätze anzuerkennen, außer vielleicht den tautologischen Sätzen der Logik, aber wenigstens diesen Satz scheint doch niemand in Frage stellen zu wollen. Seine klassische Formulierung in Form eines Beweises stammt von Descartes und lautet bekanntlich "cogito ergo sum". Es gibt nun aber doch einige Philosophen, die diesem Satz seine Evidenz absprechen wollten, und andere behaupteten, es handele sich aus formalen Gründen um einen sinnlosen, "metaphysischen" Satz. Ich werde dich zu überzeugen versuchen, daß der Satz nicht einfach nur unbewiesen oder daß er sinnlos, sondern daß er geradezu falsch ist. Mit "Satz" meine ich dabei das "sum", die Aussage, daß der, der über diese Fragen nachdenkt, also du, liebe Leserin, existiert, und den ganzen Satz "cogito ergo sum" werde ich als "Descartes Argument" bezeichnen.

In unserer Diskussion wird es im folgenden unter anderem um Wahrnehmungen gehen, und ich werde diese Wahrnehmungen in äußere und innere unterteilen. Die äußeren Wahrnehmungen sind die Sinneswahrnehmungen, wie etwa der Gleichgewichtssinn, Riechen, Schmecken, taktile Empfindungen, Hören und ähnliches. Innere Wahrnehmungen sind Gefühle, Erinnerungen und Gedanken. Um die Position des Idealismus darzustellen, stellen wir uns vor, wir lauschten der Unterhaltung einiger junger Leute, die sich an einem Abend um eine Kerze versammelt haben:

Unsere jungen Leute haben die Position des Idealismus entwickelt, indem sie die äußeren Wahrnehmungen kritisch betrachteten. Sie betrachteten eine äußere Wahrnehmung und fragten sich: steckt hinter dieser äußeren Wahrnehmung ein Gegenstand, der sie verursacht, oder kann es nicht auch sein, daß diese Wahrnehmung existiert, ohne daß es da etwas gibt, das wahrgenommen wird? Was sie dagegen kritisch zu betrachten unterließen, war, wie es denn nun mit den inneren Wahrnehmungen steht. Die gewöhnliche Theorie besagt, daß es eine materielle Kerze gibt, die eine äußere Wahrnehmung, nämlich das Bild einer Kerze -und ihre Wärme und so fort- irgendwie produziert, und der Idealismus verneint die Existenz dieser Kerze. Die gewöhnliche Theorie besagt, daß es ein Ich gibt, und dieses Ich produziert irgendwie die inneren Wahrnehmungen, dieses Ich sorgt irgendwie dafür, daß wir Gefühle, Erinnerungen und Gedanken in unserem Kopf wahrnehmen können. Es ist aber ganz und gar nicht klar, warum es ein solches Ich geben sollte, denn im Gegensatz zu Gefühlen, Erinnerungen und Gedanken, die sich sehr wohl wahrnehmen lassen, wenn auch auf andere Art als die äußeren Wahrnehmungen, im Gegensatz dazu läßt das Ich sich nicht wahrnehmen, es ist nicht zu sehen, bei der Introspektion läßt es sich nicht wahrnehmen. Jemand könnte einwenden, das sei aus dem gleichen Grund so, aus dem ein Mensch nie sein eigenes Gesicht sehen könnte: das Ich sei es eben, das wahrnehme, und deshalb könne es auch nie wahrgenommen werden. Dieses Argument verlangt von uns zu glauben, daß das Ich die inneren Wahrnehmungen erst irgendwie erzeuge, dann irgendwie verbrauche und selbst dabei nicht wahrnehmbar sei. Freilich, wem es Spaß macht, die Existenz eines solchen Ichs anzunehmen, der kann daran nicht gehindert werden, so wenig wie sich beweisen läßt, daß es nicht doch irgendwo im Universum Einhörner gibt. Vernünftig ist so ein Glaube aber nicht.
Was ist nun dieses "Ich" überhaupt? Ich könnte es mir leicht machen, indem ich sage: was ein Ich ist, sollen die erklären, die glauben, daß es eines gibt. Ich will aber meinen Opponenten diese Arbeit abnehmen, und selbst im folgenden zu klären versuchen, welche Vorstellung sich hinter diesem Wort verbirgt.

Wir können uns überlegen, wie es wohl dazu gekommen ist, daß die Menschen glauben, das Ich enthielte etwas, die Definition des Ichs sei nicht leer.

Es scheint also, als hätten wir gezeigt, daß es keinen Grund gibt, die Existenz eines Ichs anzunehmen, und daß ich auch erklären kann, warum die meisten Menschen auf die Idee kamen, es gäbe ein Ich. Das ist natürlich kein zwingender Beweis dafür, daß es nicht doch ein Ich gibt. Genauso ist ja die Tatsache, daß kein Mensch einen plausiblen Grund anzugeben vermag, warum wir die Existenz eines Gottes annehmen sollten, und darüber hinaus wohlbekannt ist, welche Gründe dazu führen, daß Menschen die Existenz eines Gottes annehmen, noch kein zwingender Beweis für die Nichtexistenz Gottes, aber es ist doch Grund genug, in einem Modell der Welt Gott nicht einzuführen, zu versuchen, ohne diese Hypothese auszukommen. Es ist zwar immer noch möglich, die Existenz eines Ichs anzunehmen, aber nicht mehr vernünftig. Und damit wäre dann auch der Idealismus erledigt.
Es wäre aber auch noch möglich, sich auf folgenden Standpunkt zu stellen: Das Ich sei kein einzelner Teil des Geistes, sondern dessen Gesamtstruktur. Insofern gäbe es zwar tatsächlich kein Ich, so, wie ich es definiert habe, das aber läge eben daran, daß meine Definition des Ichs nicht zweckmäßig sei, daß es nämlich so sei, daß das Ich auf einer ganz anderen Ebene der Abstraktion läge als einzelne Teile des Geistes wie Gefühle, Erinnerungen und Gedanken. Das Ich eines Menschen sei es eben, das dafür verantwortlich sei, daß ein bestimmter Mensch bestimmte Gefühle eher habe als andere.
Tatsächlich ist es so, daß nicht bei jedem Menschen jede innere Wahrnehmung gleichwahrscheinlich ist. Das ist ja schon deswegen der Fall, weil verschiedene Menschen verschiedene Erinnerungen haben, es gibt aber natürlich auch Gedanken, die sich bei einem Menschen eher einstellen als bei einem anderen. Ich werde diese Disponiertheit "Persönlichkeitsstruktur" nennen und gebe gerne zu, daß es tatsächlich für jeden Menschen genau eine solche Persönlichkeitsstruktur gibt. Und ich werde versuchen, das Problem der Identität in einem weiteren Abschnitt zu beleuchten.

2. Identität

Unter den Weiterbildungsveranstaltungen, die Jahr für Jahr in dem Land, in dem ich wohne, angeboten werden, fand sich auch einmal eine, die sich "Altern lernen" benannte, und als ich davon hörte, begann ich mich zu wundern: hatte ich doch bislang geglaubt, das Altern sei ein Prozeß, der ganz von selbst und ohne menschliches Zutun ablaufe und von dem es also nicht nötig sei, ihn zu erlernen: ich beispielsweise altere auch ohne das Altern erlernt zu haben. Ich erinnerte mich dann aber, bereits von ähnlichen Angeboten gehört zu haben, etwa von Kursen, deren Ziel es war, ihre Teilnehmer zu Männern zu machen, wobei das sonderbare war, daß diese Kurse nicht etwa von Frauen besucht wurden, die gerne Männer geworden wären, sondern statt dessen von Menschen, die bereits Männer waren und es gewiß auch ohne Kurs geblieben wären. Nach dem, was ich über diese Kurse gehört habe, scheint das "Erlernen, ein Mann zu sein" recht strapaziös zu sein, was mich um so mehr wundert, als ich ganz ohne irgendwelche Kurse und sonder Mühe mein Geschlecht erhalten habe. In ähnlicher Weise gab es in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts eine Bewegung deutscher Staatsbürger, die unter anderem begannen, norwegische und isländische Folklore zu studieren, zu keinem anderen Zweck als daß die Teilnehmer der Bewegung würden, was sie doch ohnehin schon waren, nämlich deutsche Staatsbürger, und die Angelegenheit wäre ausgesprochen komisch, wären damals nicht auch im Rahmen dieser Bemühungen so viele Menschen zu Tode gekommen.
Es scheint, ungeachtet der Tatsache, daß die Menschen sich gewöhnlich darin einig sind, daß ohnehin schon jeder Mensch eine Identität hat, so zu sein, daß viele Menschen sich nichts sehnlicher wünschen, als eine Identität zu besitzen, und wenn sie schon keine eigene Identität ihr eigen nennen können, muß es wenigstens eine geschlechtliche Identität oder eine nationale Identität oder sonst irgend eine Aushilfsidentität sein. Merkwürdig genug, daß ausgerechnet der, der behauptet, ausgerechnet darauf stolz zu sein, daß er ein deutscher Staatsbürger ist, nichtsdestotrotz von denen, die keine deutschen Staatsbürger sind, einmal abgesehen, niemanden mehr zu hassen scheint, als alle deutschen Staatsbürger, die klüger sind als er und ihm also einen Grund böten, auf seine Staatsbürgerschaft stolz zu sein. Der Besitz einer Identität scheint auch sonst zu allerlei merkwürdigen Verhaltensweisen zu nötigen: angeblich beispielsweise gehört es zur männlichen Identität, nicht zu weinen, obwohl Weinen die Zeugungsfähigkeit sicher nicht verringert.
Diejenigen, die sich nicht mit einer Aushilfsidentität begnügen wollen, machen sich auf die Suche nach ihrer Identität, der Identitätssuche.

Worin die Identität eines Menschen bestehen soll, das ist eine merkwürdige Sache: ich hörte schon die Ansicht äußern, zur Identität eines behinderten Menschen gehöre seine Behinderung, und werde ihm diese genommen, so verlöre der Betreffende auch seine Identität und werde ein Anderer. Analog dürfte es wohl so sein, daß jemand, der Zahnschmerzen leidet, durch die Beseitigung der Zahnschmerzen seine Identität als unter Zahnschmerz Leidender verliert und also ein Anderer wird.
Wenn ich mich erinnere, welche Taten Jan Thor vor einigen Jahren beging und welche Ansichten es damals hegte, kann ich kaum anders als zugeben, daß dieses Jan Thor ein Anderes ist als das, das ich heute bin, und zum Glück bin ich nicht es geblieben. Wenn es aber so ist, daß ich und es ein und derselbe sind, dann ist mir nicht klar, wieviel an einem Menschen sich ändern darf, ohne daß die betreffende Person eine andere wird und ihre ursprüngliche Identität verliert. Es scheint wohl allgemein angenommen zu werden, daß es einer Identität nicht schadet, wenn sie ihre Zahnschmerzen verliert, daß also die Zahnschmerzen keinen wesentlichen Teil der Identität ausmachen. Dagegen scheint keine Einigkeit darüber zu herrschen, inwieweit eine bleibende Behinderung Teil einer Identität ist. Die meisten Menschen würden wohl sagen, daß eine Behinderung nicht Teil einer Identität ist und ein Mensch seine Behinderung verlieren kann, ohne ein Anderer zu werden, während andere, wie oben erwähnt, der Meinung sind, daß eine Behinderung durchaus Teil einer Identität ist und nicht beseitigt werden kann, ohne die Identität eines Menschen durch eine andere zu ersetzen. Die Bemühungen einiger Menschen zielen darauf ab, aus haßerfüllten, bösen Menschen freundliche, liebenswürdige zu machen, und es ist wohl so, daß sie ihre Tätigkeit nicht so auffassen, daß sie versuchen, die Identität dieser Menschen zu zerstören, und doch scheint es irgendwie klar zu sein, daß, wenn es uns möglich wäre, Hitler mittels irgend einer Apparatur in Buddha zu verwandeln (oder wen auch immer die Leserin für einen besonders schlechten und einen besonders guten Menschen hält), daß dann dieser Apparat Hitler nicht ändern, sondern vernichten würde. Ebenso sind Lehrer oder andere Erzieher auch nicht der Meinung, sie würden die Identität eines Menschen zerstören, wenn sie dieser Person zu größerer Klugheit oder zu größerer Bildung verhelfen. Es ist im Gegenteil so, daß immer wieder die Formulierung anzutreffen ist, eben dies, einen Menschen klüger oder gebildeter zu machen sei ein Weg, ihm zu seiner Identität zu verhelfen, oder ihm bei der Ausbildung seiner Identität zu helfen.
Es könnte nun also so scheinen, daß es sich so verhält, daß in jedem Menschen eine Identität steckt, daß diese Identität aber erst ausgebildet werden muß. Wir könnten etwa so sagen, daß jeder Mensch zu jedem Zeitpunkt ein Bündel von Eigenschaften besitzt, sagen wir, seinen "Zustand", daß er aber gleichzeitig von Geburt an ein "Selbst" besitzt, und daß es nun ein Ziel für jeden Menschen ist, seinen Zustand so zu verändern und entwickeln, daß sein Zustand sich dem Selbst annähert.[4]. Diese Theorie wirft zwei Fragen auf, zum einen die Frage, warum ein Mensch seinen Zustand dem Selbst annähern sollte, und zum anderen, welchen Grund wir haben, die Existenz eines solchen Selbst anzunehmen.
Wenn das Selbst von Anfang an vorhanden ist, kann es nicht durch nachgeburtliche Umwelteinflüsse entstanden sein, es sei denn, wir meinen, das Selbst sei in der Zeit entstanden, in der ein Mensch noch nicht in der Lage ist, seinen Zustand aktiv dem Selbst anzunähern, und das das Selbst dann ausgebildet ist, wenn der Mensch beginnt, selbst seinen Zustand zu ändern (oder wir nehmen an, daß das Selbst sich immer wieder ändert und der Mensch mit seinem sich ändernden Zustand dem Selbst immer hinterherrennt; aber wenn wir ein solches Modell annehmen, dann ist dieses Selbst kein geeigneter Kandidat mehr für die Identität, dann kann das Selbst nicht die gesuchte Identität sein). Da mir nichts darüber bekannt ist, daß es im Menschenleben eine Phase gibt, in der ein Mensch nicht in der Lage ist, teilweise auf seinen Zustand einzuwirken, gehe ich davon aus, daß das Selbst schon von Geburt an vorhanden ist. Aufgrund meiner mangelnden Phantasie fallen mir dann nur zwei Möglichkeiten ein: das Selbst besteht aus angeborenen Eigenschaften, oder das Selbst ist eine transzendentale Seele.
Das Problem einer transzendentalen Seele wurde bereits im Abschnitt über den Dualismus diskutiert, es ist aber auch eine nichtdualistische Auffassung einer Seele möglich: daß es eben neben den Genen und neben den Bedingungen des Mutterleibes noch eine weitere physikalische Entität (etwa "die Götter") gibt, die die Eigenschaften, also den Zustand des Neugeborenen bestimmen. Das ist aber auch nicht weiter wichtig, weil wir einfach sowohl genetische als auch von Göttern den Menschen in die Wiege gelegte Eigenschaften als "angeborene Eigenschaften" zusammenfassen können. Im übrigen ist es so, daß mir nicht bekannt ist, daß es neben den genetischen bedingten noch andere angeborene Eigenschaften gibt.
Wenn nun also das Selbst etwas angeborenes ist, das bei allen Zustandsänderungen, bei allen Entwicklungen eines Menschen gleich bleibt, und wenn das Selbst das ausmacht, was der Begriff "Identität" beschreiben möchte, dann stellt sich die Frage, ob etwa alle angeborenen Eigenschaften zum Selbst gehören, das heißt, ob einfach die Menge der angeborenen Eigenschaften die Identität eines Menschen ist. Es läßt sich bei einem Menschen mit angeborener Diabetes die kontrafaktische Frage stellen, was aus diesem Menschen geworden wäre, hätte er keine Diabetes. Solche kontrafaktischen Fragen sind nicht gänzlich sinnlos: manche kontrafaktischen Fragen lassen sich durchaus beantworten. Wenn wir etwa eine ein Kilogramm schwere Kugel von einem hundert Meter hohen Turm herunterfallen lassen und messen, wie lange die Kugel braucht, bis sie auf dem Boden auftrifft, dann können wir zwar niemals wissen, wie lange die Kugel gebraucht hätte, wenn sie zwei Kilogramm schwer gewesen wäre, aber indem wir einfach noch einmal eine zweite Kugel, die zwei Kilogramm schwer ist, den Turm herunterwerfen, erhalten wir doch einen ganz brauchbaren Hinweis darauf, was gewesen wäre, wäre die erste Kugel auch schon zwei Kilogramm schwer gewesen (und wenn wir uns an die Experimente des Galilei Galileo erinnern, können wir uns sogar das Herunterwerfen der zweiten Kugel sparen und einfach so sagen, daß die erste Kugel, wäre sie doppelt so schwer gewesen, trotzdem genauso lang gebraucht hätte, wie sie auch so gebraucht hat.[5]). Es ist genauso auch möglich, etwas darüber zu sagen, wie ein Mensch, der an angeborener Diabetes leidet, sich entwickelt hätte, hätte er keine angeborene Diabetes gehabt. Es ist wohl nicht allzu kühn zu behaupten, daß Diabetes zu haben auch Auswirkungen auf den Charakter hat, so wie generell körperliche Eigenschaften geistige Eigenschaften beeinflussen. Unklar ist im einzelnen, in welche Richtung dieser Einfluß geht, und ich nehme an, daß dies mit von den übrigen Eigenschaften abhängt: ein und dieselbe Krankheit, die einen bestimmten Menschen verbittert macht, könnte bei einem anderen dazu führen, aufmerksamer auf die Sorgen seiner Mitmenschen zu achten, und so weiter. Im gewöhnlichen Gebrauch des Wortes "Identität" kommt es zwar vor, ist aber nicht üblich, eine angeborene Krankheit wie angeborene Diabetes zur Identität zu rechnen. Genauso ließe sich fragen, wie wäre dieser Mensch geworden, wenn er nicht so schwächlich, wie wäre jener Mensch geworden, wenn er nicht so schön wäre. Es scheint so zu sein, daß von den angeborenen Eigenschaften nur die geistigen, nicht die körperlichen zur Identität zählen. Es gibt auch angeborene Krankheiten oder Behinderungen, die direkt geistige Krankheiten oder Behinderungen sind, wie erbliche Depressivität oder Trisomie 21. Sicher ist es bei diesen Krankheiten und Behinderungen möglich, sich auf den Standpunkt zu stellen, das seien alles körperliche Krankheiten beziehungsweise Behinderungen, die sich aber in ihren Auswirkungen in auffälligster Weise im Geistigen bemerkbar machen. So ist es bei einer angeborenen Depressivität etwa so, daß sich der chemische Haushalt des Gehirns in krankhafter Weise verschiebt, und unter Umständen ist es dann auch möglich, durch Medikamente die Auswirkungen dieser Krankheit zu lindern. Und so gilt vielleicht für alle diese Krankheiten, daß sie alle nicht direkt auf den Geist einwirken, sondern auf den Geist über den Körper einwirken, so daß eine angeborene Depressivität oder Trisomie 21 nicht unbedingt Teil einer Identität ist. Bei beiden liegt es ja nahe, zu fragen, wie der betreffende Mensch sich ohne diese Krankheit beziehungsweise diese Behinderung entwickelt hätte, und bei beidem ist es möglich, sich auf den Standpunkt zu stellen, das beides des Menschen eher daran hindere, "seine Persönlichkeit zu entfalten", die geistige Behinderung, in dem sie den Menschen direkt in seiner geistigen Entwicklung behindert, die Krankheit, indem sie ihm das Leben verleidet und das Einrichten eines glücklichen Lebens erschwert. Andererseits gibt es auch philosophische Systeme, die davon ausgehen, daß ein gewisses Maß an Melancholie nötig ist, um sich für bestimmte Fragestellungen überhaupt zu interessieren, daß also bestimmte Themen der Philosophie überhaupt nur von jenen erfaßt werden können, die einmal in ihrem Leben unglücklich waren.[6]. Wiederum andererseits ist es auch möglich, sich auf den Standpunkt zu stellen, daß ein mongoloider Mensch, soweit sich das von außen beurteilen läßt, nicht unglücklicher als andere Menschen ist und vielleicht eigene Maßstäbe für ihn gelten, was ein geglücktes Leben ist, und daß es ihm nicht schwerer fällt als anderen Menschen, dieses nach seinen Maßstäben geglückte Leben zu leben, und daß dann die Behinderung für ihn durchaus entscheidend ist, was für ihn das geglückte Leben ist, und das mithin die Behinderung für diesen Menschen entscheidend dafür ist, was sein Selbst ist, so daß es so aussieht, als ob das, was so scheint, als hindere es einen Menschen an seiner Selbstfindung, diese nicht hindert oder sogar fördert.
Es erscheint hier etwas merkwürdig, wie das Angeborene so von ganz anderem Charakter als das Erworbene sein soll, so daß wir uns mit der Frage beschäftigen müssen, ob etwa eine angeborene Behinderung zum Selbst gehört, während eine nach der Geburt erworbene Behinderung offensichtlich nicht zum selbst gehört. Demnach hätte ein mongoloider Mensch ein entsprechendes mongoloides Selbst und wäre durchaus in der Lage, sich selbst zu verwirklichen, ein Mensch dagegen, der mit zwei Jahren aufgrund eines Unfalls geistig behindert wurde, hätte eigentlich das Selbst eines Nichtbehinderten und hätte deshalb womöglich Schwierigkeiten, sich selbst zu verwirklichen, während ein Mensch, der geistig behindert ist, weil er während der Geburt zu wenig Sauerstoff bekam oder weil seine Mutter eine starke Alkoholikerin war und während der Schwangerschaft trank ein Fall wäre, der irgendwie dazwischen liegt und sich halb selbstverwirklichen kann. Eine solche Einteilung scheint merkwürdig.
Vielleicht ist es nun so, daß es Menschen gibt, deren angeborene Eigenschaften so sind, daß sie sich überhaupt nie selbst verwirklichen können, vielleicht ist es aber auch so, daß so etwas wie geistige Behinderungen oder ähnliches gar keinen Einfluß, weder positiv noch negativ, darauf haben, ob ein Mensch sich selbst verwirklichen kann. Oder vielleicht ist es auch so, daß unsere Theorie von Zuständen, die dem angeborenen Selbst angeglichen werden sollen, falsch ist.
Die untersuchte Theorie, daß jeder Mensch ein Selbst hat, das er verwirklichen soll, ist im Moment noch so unbestimmt, daß sie sich auf triviale Weise so erweitern läßt, daß sie wahr ist: Wenn wir etwa annehmen, das Selbst des Menschen sei seine Bestimmung, dereinst einmal zu sterben, dann ist es so, daß diese Bestimmung jeder Mensch unveränderlich von Geburt an mit sich trägt und es auch keinen Menschen gibt, dem es unmöglich wäre, dieses Ziel zu erreichen, so daß die Selbstfindung mit dem Sterben identisch wäre. Dies ist gewöhnlich nicht gemeint, wenn von Selbstfindung die Rede ist, aber meine bisherige Definition schließt eine solche Interpretation nicht aus, und in einer solchen Interpretation verhielten Mensch, Selbst und die sukzessiven Zustände sich tatsächlich so, wie weiter oben verlangt. Ein bißchen merkwürdig wäre es freilich, einen Zustand, in dem der Geist aller Menschen völlig gleich, nämlich nicht mehr vorhanden ist, in dem sich also alle Menschen nicht mehr individuell unterscheiden, ausgerechnet "Identität eines bestimmten Menschen" zu nennen. Wenn es nun aber darum geht, eine Interpretation von Selbst zu finden, so daß Selbst, Mensch und Zustände sich so verhalten, wie oben gefordert und dabei das Selbst auch noch von solcher Art ist, wie die Selbstverwirklicher voraussetzen, dann muß ich gestehen, daß meine Phantasie versagt und mir nichts einfällt.

Jeder Mensch hat einen Geist, verschiedene Menschen haben verschiedene Geister, was eben daran liegt, das verschiedene Menschen verschiedene Persönlichkeitsstrukturen haben, jeder Menschengeist durchläuft verschiedene Zustände, wobei die späteren Zustände mit den früheren Zuständen zusammenhängen, und kein Menschengeist ist bei der Geburt des Menschen eine tabula rasa, sondern jeder Menschengeist hat schon von Anfang an eine angeborene Persönlichkeit, die sich im Laufe der Zeit weiter verändert. Diese Persönlichkeit kann sich im Lauf der Zeit so sehr verändern, daß ein Mensch M1 zum Zeitpunkt t1 stärker einem anderen Menschen M2 ähnelt, als sich M1 zum Zeitpunkt t1 dem selben M1 zu einem späteren Zeitpunkt t2 ähnelt. Da dies so ist, sahen wir uns außerstande, zu erklären, was die Identität eines Menschen ist, und uns befielen Zweifel, ob es so etwas wie eine Identität überhaupt gibt. Wegen der Stetigkeit des Überganges von M1 zu M2 läßt sich immer M1 mit M2 verbinden und identifizieren, und es gibt deshalb auch einen sinnvollen Gebrauch des Wortes "Identität": so gibt es etwa die Identitätspapiere, die eine durchaus sinnvolle und erklärbare Verbindung herstellen zwischen mir und dem Jan Thor, der vor fünf Jahren lebte: erklärt wird diese Verbindung durch die Kontinuität, die zwischen uns beiden besteht. Abgeleitet von dieser sinnvollen Verwendung dieses Wortes gibt es auch unsinnige Verwendungen, so gibt es den Irrglauben, in jedem Menschen stecke eine verborgene Entität namens Identität, und mit dieser Identität müsse unter Umständen irgend etwas getan werden, sie müsse zum Beispiel verwirklicht werden. In ähnlicher Weise, und mit diesem Irrglauben zusammenhängend gibt es den Irrtum, es gäbe neben den sonstigen Eigenschaften und Merkmalen des Geistes auch noch etwas zusätzliches innerhalb des menschlichen Geistes namens "ich", und dieses Ich sei etwas ganz besonderes und wichtiges und dieses Ich sei das Subjekt der Handlung, wenn Denken stattfindet, so daß sich Sätze wie etwa "ich denke" bilden lassen. Es ist darüber hinaus möglich, daß es bestimmte Eigenschaften des menschlichen Geistes gibt, die von Geburt an konstant bleiben und sich unmöglich ändern lassen, und sicher wird es bei vielen Menschen viele Eigenschaften geben, die sich zwar ändern ließen, die aber zufällig nie geändert werden. Es ließe sich denken, daß die Identität des Menschen aus den notwendig unabänderlichen Eigenschaften seines Geistes besteht, es läßt sich aber kaum sagen, welche Eigenschaften des Menschengeistes notwendig unabänderliche sind, wenn wir einmal von ganz trivialen Eigenschaften absehen, die allen Menschen gemeinsam sind (wie etwa, das ein Menschengeist immer 1 Menschengeist sein muß; vielleicht ist eine weitere Eigenschaft meines Geistes, die ihm schon immer zu eigen war und notwendig immer zu eigen bleiben muß, daß er nicht Gedanken lesen oder durch Telekinese Löffel verbiegen kann, aber dieser Punkt ist schon nicht mehr ganz sicher: auch wenn ich nicht damit rechne, kann ich doch auch nicht ganz ausschließen, daß es nicht doch möglich ist, einen Apparat zum Lesen von Gedanken zu bauen, und wenn ein solcher Apparat auch nur prinzipiell möglich ist, selbst wenn er zufällig nie gebaut wird, dann ist es keine notwendig konstante Eigenschaft meines Geistes, daß er nicht die Gedanken anderer lesen kann). Vielleicht gibt es Eigenschaften, die nicht trivial sind und die nur manche Menschen besitzen und andere nicht und die die, die sie einmal besitzen, unmöglich wieder loswerden können. Am 21.6.1975 geboren worden zu sein ist eine Eigenschaft, die ich nicht mit allen Menschen teile und die ich, einmal erworben, nicht mehr loswerden kann und die ich seit meiner Geburt mit mir herum schleppe, und deshalb ist es nicht allzu überraschend, daß eben diese Eigenschaft auf meinem Personalausweis (meiner "identity card") verzeichnet ist, aber am 21.6.1975 geboren worden zu sein ist ja keine Identität im anspruchsvollen Sinn des Wortes.

Abschließend möchte ich bemerken, daß es mir schwerfällt, zu begreifen, warum denn alle Menschen auf Ich und Identität so viel Wert zu legen scheinen. Und ich möchte diesen Absatz mit dem Zitat eines Menschen schließen, der darüber anscheinend ähnlich dachte wie ich:
"Dem anderen, Borges, passiert immer alles. Ich schlendere durch Buenos Aires und bleibe stehen, vielleicht schon unwillkürlich, um einen Bogengang und die Gittertür zu betrachten; von Borges erhalte ich Nachrichten durch die Post und lese seinen Namen in einem Professorenkolleg oder in einem biographischen Lexikon. Ich mag Sanduhren, Landkarten, die Typographie des 18. Jahrhunderts, Etymologien, das Aroma von Kaffee und Stevensons Prosa; der andere teilt zwar diese Vorlieben, aber in aufdringlicher Art, die sie zu Attributen eines Schauspielers macht. [...] Ich muß in Borges bleiben, nicht in mir (falls ich überhaupt jemand bin), aber ich erkenne mich in seinen Büchern weniger wieder als in vielen anderen oder im beflissenen Gezupf einer Gitarre. Vor Jahren wollte ich mich von ihm befreien und ging von den Mythologien der Vorstadt zu Spielen mit der Zeit und mit dem Unendlichen über, aber heute gehören diese Spiele Borges, und ich werde mir etwas anderes ausdenken müssen.".[7]

3. Verschiedene Substanzen

Die von mir vorgeschlagenen Substanzen Wahrnehmung, Begriff, Gesetz und Zufall sind vielleicht nicht die einzigen Substanzen, die es gibt, und vielleicht gibt es neben ihnen noch sehr viel mehr Substanzen. Es sind jedenfalls die Substanzen, von denen ich Kenntnis erhalten habe. Im folgenden will ich etwas über diese Substanzen sagen.

3.1. Wahrnehmung

Ich habe bereits weiter oben zwischen äußerer und innerer Wahrnehmung unterschieden. Diese Unterscheidung geschah allerdings eher der Bequemlichkeit halber und folgte den üblichen Konventionen, ohne daß ich sagen könnte, daß dieser Unterscheidung wirklich ein qualitativer Unterschied innerhalb der Arten der Wahrnehmung entspricht. Zu den äußeren Wahrnehmungen gehören nach traditioneller Unterscheidung die Sinneswahrnehmungen des visuellen und akustischen Sinnes, die taktiele Wahrnehmung, die vier Geschmackswahrnehmungen, die Geruchswahrnehmung und der Gleichgewichtssinn (und darüber hinaus gibt es vielleicht noch andere Sinneswahrnehmungen, die in der traditionellen Aufzählung vergessen wurden, so, wie etwa der Gleichgewichtssinn meist vergessen wird). Zu den inneren Wahrnehmungen gehört das Denken, das Fühlen von Emotionen und die Erinnerung. Allerdings habe ich bedenken, diese traditionelle Einteilung unbesehen zu übernehmen: die traditionelle Auffassung geht davon aus, daß auf ein Ich permanent von allen sechs Sinnen Wahrnehmungen übermittelt werden, und daß das Ich darauf mit der Bildung von inneren Wahrnehmungen reagiert. So stellt sich die traditionelle Auffassung etwa vor, das Auge nähme in seinem Blickfeld ein gerastertes Bild wahr und übermittle dieses gerasterte Bild dann an das Gehirn, wo das Ich es dann zu betrachten geruht; tatsächlich aber wird nur ein kleiner Teil der visuellen Information an das Gehirn weitergeleitet. Ich bezweifle (natürlich nicht als Erster) daß es bei irgend einem Menschen so ist, daß in seinem Geist ein vollständiges Bild von dem vorliegt, was er sieht. Sondern das Bild wirkt nur so, als sei es vollständig, weil es bei Bedarf jederzeit ergänzt werden kann. Die Leserin prüfe etwa, indem sie für einen Moment mit Lesen innehält und sich umsieht, wie viele Einzelheiten ihrer Umgebung sie gleichzeitig wahrnimmt. War sie stark in die Lektüre vertieft, wird sie bis jetzt möglicherweise außer dem Inhalt des Textes gar nichts wahrgenommen haben, und wenn sie ihre Aufmerksamkeit bewußt dem visuellen Aspekt ihrer Umgebung zuwendet, wird sie wohl kaum viel mehr als eine einzige Sache gleichzeitig wahrnehmen können. Bei der Lektüre wiederum wird es ihr vermutlich die meiste Zeit über völlig entgehen, daß das, was sie liest, aus einzelnen Buchstaben besteht, und sie wird die Einzelbuchstaben überhaupt nicht wahrnehmen. Es ist also nicht so, daß die visuelle Wahrnehmung in einem "links oben ein helles Blau, ein bißchen weiter rechts noch einmal das selbe Blau, ein bißchen weiter rechts noch einmal das selbe Blau, ein bißchen weiter rechts ein etwas dunkleres Blau" bestünde, in einem reinen, unstrukturierten Einströmen von Informationen. Und wenn ein Philosoph so tut, als könne er alles, was er bisher im Leben gelernt hat, vergessen und beginnen, vorraussetzungsfrei zu denken, und zu diesem Zweck sagt, er sehe mitnichten vor sich einen Tisch, sondern ein hellbraunes Trapez, so gibt er sich einer Täuschung hin, denn in Wahrheit sieht er ja mitnichten ein hellbraunes Trapez, sondern die Oberfläche seines Tisches, einmal davon abgesehen, daß auch ein Trapez schon eine Abstraktion ist und ein Mensch, der wirklich gar nichts wüßte, auch kein Trapez sehen könnte.
Es sind also die visuellen Wahrnehmungen keineswegs so etwas ähnliches wie Bilder, sondern ganz anders aufgebaut als Bilder, indem sie nämlich einerseits nicht so vollständig sind wie Bilder, andererseits zusätzliche Informationen enthalten, die Bilder an sich nicht enthalten. Darüber hinaus ist nicht auszuschließen, daß die traditionell getrennten Wahrnehmungsarten gemeinsam an Wahrnehmungen beteiligt sind, es könnte zum Beispiel eine Wahrnehmung geben, die teils aus Visuellem, teils aus Emotionalem besteht.

3.2. Begriff

(3)

Vorbemerkung: Das in diesem Abschnitt entwickelte Argument bedient sich in starkem Maß der Mathematik und verwendet mathematische Beispiele. Es kann geschehen, daß der geneigten Leserin einzelne Wörter dabei unbekannt sind ("Dodekaeder", "sporadische einfache endliche Gruppe"). Allzu fachspeziefische Ausführungen habe ich versucht, in die Fußnoten zu verbannen, und ansonsten ist es für das Verständnis des Arguments nicht notwendig, alle Fachwörter zu kennen. Ich versuche, mein Argument mit Beispielen zu illustrieren, aber diese Beispiele sind fakultativ, und meist genügt es, zu verstehen, daß es für einen bestimmten Sachverhalt ein bestimmtes Beispiel gibt, ohne die Beschaffenheit des Beispiels genau zu kennen. Im Fall des Dodekaeders beispielsweise genügt es völlig zu wissen, daß es sich um ein geometrisches Objekt handelt, obwohl es natürlich auch nicht schadet, zu wissen, um welches geometrische Objekt es sich handelt. Ende der Vorbemerkung.
Bezüglich der Begriff gibt es, soweit ich weiß, zwei Theorien, die eine von beiden, die von fast allen Menschen vertreten wird, besagt, daß Begriffe von Menschen erfundene Werkzeuge sind, denen in der Realität nichts entspricht, die andere, deren prominentester Vertreter Platon ist, daß die Begriffe selbständige, vom Menschen unabhängige Gebilde sind.[8]. Da ich die Begriffe zu den Substanzen rechne, vertrete ich die letztere Position.

Die Begriffe folgen einer anderen Physik als die materiellen Gegenstände. Beispielsweise enthält der Begriff des platonischen Dreiecks drei Strecken, aber es gibt nur eine einzige platonische Strecke: die einzige platonische Strecke kann im platonischen Dreieck dreimal vorkommen. Ebenso ließe sich sagen, daß die Tische einander gleichen, weil sie alle dem Begriff Tisch zugeordnet sind, und daß sich die Tische und der Begriff Tisch gleichen, daß aber für diese Ähnlichkeit nicht, wie Aristoteles meinte, ein dritter Tisch verantwortlich gemacht werden muß, sondern der eine platonische Tisch auch die Ähnlichkeit zwischen Tischen und platonischem Tisch bewerkstelligt.
Wäre die platonische Position von der Existenz der Begriffe falsch, dann wäre eigentlich zu erwarten, daß die konventionelle Mathematik, die implizit platonisch ist, nicht widerspruchsfrei ist. Tatsächlich aber ist bisher in der konventionellen kein Widerspruch gefunden worden, obwohl die konventionelle Mathematik stärker als die konstruktivistische ist. Also liegt ein empirischer Beweis zugunsten der platonischen Position vor: die konventionelle Mathematik hat einen größeren Gehalt als die konstruktivistische, und der Gehaltsüberschuß besteht eben gerade im Platonismus, und die konventionelle Mathematik ist korrobiert, folglich ist der Platonismus korrobiert.[13]. Folglich scheint es vom empirischen Befund her geboten, die Begriffe zu den Dingen zu zählen, aus denen die Welt besteht, also ist Begriff nach Wahrnehmung die zweite ontologische Substanz.

3.3. Gesetz

Die Wahrnehmungen und die Begriffe gehorchen Gesetzen. Seltsamerweise werden die Naturgesetze bei einer Aufzählung der Substanzen gewöhnlich immer vergessen, es wird auch gerne so getan, als sei es eben eine Selbstverständlichkeit, daß es Naturgesetze und eben genau diese und nicht andere Naturgesetze gäbe, und als sei daran überhaupt nichts verwunderliches. So hat einer der bekanntesten katholischen Philosophen es fertig gebracht, zu behaupten, zwar könne Gott keine Naturgesetze verändern (abgesehen davon, daß er sie auch nicht erschaffen habe), doch in dieser Einschränkung dürfe kein Mangel der göttlichen Allmacht erblickt werden, so, als seien die Gesetze durchaus triviale Objekte, von denen überhaupt nur zu sprechen sich nicht lohne.
Es gibt hier allerdings wieder, wie bei den Begriffen, die Position, den Gesetzen eine von den Menschen unabhängige Existenz abzusprechen, in dem Sinn, daß nicht etwa die Gesetze tatsächlich in der Natur wären auch dann, wenn sie nicht von Menschen entdeckt werden, sondern erst der Blick der Menschen auf die Natur die Gesetze erzeugt, daß es sich wie bei den Begriffen um verbale Konstruktionen der Menschen handelt, denen in der Realität nichts entspricht. Ich glaube, diese Ansicht ist nur schwer mit der Erfahrung in Einklang zu bringen, daß die von den Menschen entdeckten Gesetze gewöhnlich kontraintuitiv waren, also sich so verhalten, als seien sie von den Menschen unabhängig (jedenfalls gilt das für die nichttrivialen Gesetze. Natürlich lassen sich viele triviale Gesetze formulieren, die, weil sie trivial sind, auch intuitiv einleuchten. Aber überall dort, wo Menschen sich mit Bereichen beschäftigen, die ihre Alltagserfahrung transzendieren, also beispielsweise nahezu überall in den Naturwissenschaften, stoßen sie vor allem auf nichtintuitive Gesetze.[14]).

3.4. Zufall

Ich weiß nicht, ob die Welt sich deterministisch verhält oder indeterministisch. Ich denke aber, daß, wenn die Welt indeterministisch ist, daß dann der Zufall eine eigene Substanz ist. Ich würde es vorziehen, von einer deterministischen Welt auszugehen, da mir diese vierte Substanz ausgesprochen suspekt ist. Leider scheinen viele Physiker davon auszugehen, daß sie bewiesen haben, daß die Welt indeterministisch ist. Ich kann diese Auffassung nicht ganz teilen, denn soweit ich weiß, gibt es auch in der modernen Physik noch immer auch deterministische Konzeptionen.

Diese deterministischen Physiken sind allerdings derart, daß sie allesamt notwendigerweise die Existenz von prinzipiell unbeobachtbaren Entitäten postulieren.[18]. Diese deterministischen Theorien scheinen also darauf hinzuweisen, daß es doch eine Substanz Materie geben könnte. Es sieht so aus, als ließe sich der Zufall als vierter Substanz nur dann eliminieren, wenn wir bereit wären, statt dessen die Existenz einer von der menschlichen Wahrnehmung unabhängigen Materie zu akzeptieren (oder die heutige Physik aufzugeben, aber da dürfte sich die Physik als stärker als die Philosophie erweisen.). Denn wenn es keine Materie gibt, die bestimmte, mit den Quanten in Zusammenhang stehende Wahrnehmungen zwingt, so und nicht anders auszufallen, dann bleibt nur der Zufall übrig, der sie dazu bringen könnte, so und nicht anders auszufallen. Dabei verwende ich das Wort "Materie" in einem sehr weiten Sinn: als "Materie" in diesem Sinn würde auch eine besondere Form von Wellenfunktion oder sogar ein (streng deterministischer) Gott oder irgend etwas noch Ausgefallneres taugen.
Ich möchte noch erläutern, welches Unbehagen ich in Zusammenhang mit dem Zufall verspüre. Nehmen wir zunächst einen Beipiel, das mit dem Zufall, so, wie ich ihn verstehe, gar nichts zu tun hat, aber ein Beispiel ist, das zu einer Sorte von Fällen gehört, anhand derer das Wort "Zufall" ursprünglich entwickelt wurde. Nehmen wir an, ich würfe eine Münze in die Luft. Wenn sie wieder herunterfällt, wird sie entweder mit dem Wappen oder der Zahl nach oben liegen bleiben. Es ist üblich, zu sagen, es sei Zufall, welches von beiden eintreten würde, und beides habe die gleiche Wahrscheinlichkeit. In Wahrheit ist es bloß so, daß ich über den Flug der Münze, über die Anfangsbedingungen dieses Fluges einfach zu wenig weiß, denn wüßte ich mehr, so könnte ich exakt berechnen, welche der beiden Seiten oben zu liegen kommen würde, und dann hätte eines der beiden Ereignisse die Wahrscheinlichkeit Eins und das andere die Wahrscheinlichkeit Null, und es wäre nicht mehr sinnvoll, zu sagen, die Münze würde "zufällig" mit Wappen beziehungsweise Zahl nach oben zu liegen kommen, sondern "notwendigerweise". Daß ich das Ergebnis des Münzfluges zufällig nenne, liegt bloß daran, daß ich über den Münzflug nicht genug weiß.
Ganz anders steht es nun mit einem zufälligen Quantenereignis. Nehmen wir als Beispiel ein Atom Radon 220. Dieses Atom hat eine Halbwertszeit von 55 Sekunden, das heißt, die Wahrscheinlichkeit, daß es nach 55 Sekunden zerfallen sein wird, ist eben so groß wie die Wahrscheinlichkeit, daß es nicht zerfallen sein wird. Es gibt keine Möglichkeit, vorherzusagen, welches von Beidem geschehen wird, und nach den Erkenntnissen der Quantenmechanik kann es auch prinzipiell keine geben. Nach orthodoxer ist es nun nicht so, daß das Radonatom irgendwelche verborgenen Variablen gehorcht, daß es irgend einen unsichtbaren inneren Mechanismus hat, so daß schon von Anfang an fest steht, was von beidem, Zerfall oder Nichtzerfall, eintreten wird. Sondern es ist so, daß es Zufall ist, was von beidem geschieht. Nun würde ich gerne wissen, was dies bedeuten soll, was ich unter dieser Äußerung verstehen soll, daß es Zufall sei, ob das Radonatom in den nächsten 55 Sekunden zerfällt oder nicht. Bei der Münze verstehe ich, was mit diesen Worten gemeint ist, aber beim Radon weiß ich nicht, wer dieser Zufall ist, der da dem Radonatom sagt, ob es zerfallen soll oder nicht, und wo dieser Zufall eigentlich herkommt und woher er weiß, was er dem Radonatom sagen soll. Es könnte so sein, daß im Inneren eines Radonatoms eine kleine Miniaturwelt wäre, in der Zwerge Münzen werfen, und je nach Ergebnis des Münzwurfes würde das Radonatom zerfallen oder nicht, aber wenn es so wäre, dann wäre dieser Münzwurf der Zwerge selbst wieder deterministisch oder indeterministisch. Oder es könnte sein, daß es eine riesige Tabelle mit Zahlen gibt, und für jedes Atom gibt es eine Zahl, die angibt, nach welcher Zeit es zerfallen soll, und es ist so, daß diese Tabelle von Zahlen nicht mit irgend einer mathematischen Formel erzeugt wurde, daß es sich also um eine Tabelle von echten Zufallszahlen handeln würde. Dann würde diese Tabelle nicht unter das fallen, was ich "Begriff" nenne, wie es etwa eine Liste aller Primzahlen oder aller algebraischer Zahlen oder aller reellen Zahlen täte.[19]; sie wäre etwas prinzipiell anderes als die drei weiter oben besprochenen Substanzen. Eine Tafel von Zahlen, die nicht mit einer mathematischen Formel erzeugt wurde, wäre die vierte Substanz, der Zufall. (3)

3.5. Die Tetralistische Welt

Aus dem Gesagten ergibt sich, daß es vier Substanzen gibt, nämlich Wahrnehmung, Begriff, Gesetz und als vierte Substanz entweder den Zufall oder die Materie. Wie die vierte Substanz mit den ersten drei Substanzen zusammenhängt, kann ich nicht sagen, ich weiß nicht, wie die vierte Substanz mit den ersten drei Substanzen interagiert.
Darüber hinaus ist es vielleicht möglich, Begriff und Gesetz auf eine gemeinsame Basis zu stellen, in etwa der folgenden Art: die Wahrnehmungen folgen in der Zeit aufeinander, und statt die Zeit als etwas Verfließendes zu betrachten, können wir die Zeit auch in ihrer Gesamtheit betrachten (so, wie wir einen Film nicht nur als eine Folge einzelner vergänglicher Bilder betrachten können, sondern auch als eine sich nicht verändernde Rolle Zelluloid). Dann ist es so, daß die Begriffe bestimmte Wahrnehmungen miteinander verbinden können (so ist dieses rote Ding mit jenem roten Ding verbunden, weil beide Anteil am Rot haben), und auch Gesetze können Wahrnehmungen verbinden (etwa das Aufeinanderfolgen von Helligkeit und Wärme an einem Tag mit dem Aufeinanderfolgen von Helligkeit und Wärme an einem anderen Tag). Die Art, wie die Begriffe die Wahrnehmungen im Wahrnehmungs-Zeit-Kontinuum verbinden, und die Art, wie die Gesetze das tun, ähnelt sich, und ich schließe nicht aus, daß beides vielleicht im Grunde das selbe ist.