![[Schade, kein Bild]](http://www.janthor.com/neogeo/vier/dnmore/kpvhol2.jpg)
Seinen Spitznamen hatte Pygmalion erhalten, nachdem er "was die Niederländer in der Malerei erreicht haben, müssen wir in der Bildhauerei erreichen" gesagt und einen Zwerg in besten Marmor gehauen hatte, dabei war er selbst keineswegs kleinwüchsig. Entsprechend ungern ging er zu den Versammlungen seiner Zunft, hatte er doch ständig das Gefühl, die anderen dort verspotteten ihn, doch hatte diesmal Praxiteles angekündigt, er werde Pygmalions neuestes Werk kritisieren, und Pygmalion wagte es deshalb nicht, den ehrwürdigen Zunftmeister zu kränken und der Versammlung fernzubleiben. Wie so oft erschien er als letzter. Der dämliche Kallokallokallikakokles, der gerade mal dazu gut war, Metopen mit plumpen Reliefs zu schmücken, deren Feinheiten niemand sehen konnte, weil sie sich hoch über den Köpfen der Betrachter befanden und dementsprechend von Kallokallokallikakokles gar nicht erst ausgeführt wurden, begrüßte ihn in seiner üblichen Art: "Na, da ist ja auch unser Zwerglein. Du kannst es sicher nicht erwarten, von Praxiteles in der Luft zerrissen zu werden." Doch da eröffnete Praxiteles auch schon die Versammlung der ehrwürdigen Bildhauerzunft.
PRAXITELES: Ruhe, Ruhe! Liebe Kollegen, wie ihr vielleicht schon wißt, hat unser Kollege Pygmalion hier eine neue Statue vollendet, und wir beide sind übereingekommen, daß es nützlich sein könnte, Vorzüge und Mängel dieses neuen Werkes in dieser Versammlung zu besprechen, um festzustellen, was davon für andere Meister nützlich sein könnte, was davon eine Verirrung oder Sackgasse darstellt. Pygmalion, du hast für dein Werk das Thema der schamhaften Nackten oder der Venus pudica ausgesucht, ein wohlbekanntes Thema, und es in Marmor in Lebensgröße ausgeführt. Wenn ich dich richtig verstanden habe, dann ging es dir darum, ein weiteres Beisiel für deinen neuen Stil, den du Realismus nennst, zu schaffen: du wolltest zeigen, daß du mit deinem Stil nicht nur imstande bist, Zwerge, Greise und Krüppel darzustellen, sondern eben auch ein klassisches Thema wie die schamhafte Nackte.
PYGMALION: Genau. Vor ein paar Monaten habe ich eine Sklavin gekauft, die mir für diese Statue Modell stand. Ich habe nicht weiter getan, als sie getreulich nachzubilden, ich habe nur versucht, die Staute ihr so ähnlich wie möglich zu machen, ohne von mir aus etwas hinzuzufügen oder wegzulassen oder zu ändern. Ich habe dabei zum Beispiel die Entdeckung gemacht, daß in Wahrheit Stirn und Nasenrücken nicht glatt ineinander übergehen, sondern daß alle Menschen zwischen Stirn und Nasenrücken eine Vertiefung besitzen, und diese Vertiefung habe ich in meinem Werk nachgebildet.
Einige Bildhauer: Schwachsinn! Was soll das!
PRAXITELES: Du hast aber nicht nur den Übergang zwischen Stirn und Nase anders dargestellt, als es bei uns üblich ist, du hast auch das Kinn spitzer dargestellt, als es die Regeln der Harmonie und der gelungenen Proportionen vorschreiben, du hast das Kinn darüber hinaus mit einem deutlichen Grübchen versehen, du hast die Lippen groß und aufgeworfen gemacht.
PYGMALION: Genau, alles das habe ich nämlich an jener Sklavin beobachtet, daß sie auf diese Art und Weise vom Ideal vollkommener Harmonie und Schönheit abwich.
PRAXITELES: Außerdem aber hast du ihr sonderbare Haare gegeben, ein Mittelding zwischen den Haaren eines geschorenen Mannes und den Haaren einer Frau, weder richtig lang noch richtig kurz.
PYGMALION: Das liegt daran, daß die Piraten, die jene Sklavin aus ihrer Heimat geraubt hatten, ihr die Haare abschnitten, um sie zu demütigen. Seither sind die Haare zwar wieder nachgewachsen, haben aber noch nicht die unter Frauen übliche Länge erreicht.
THEODOR: Unverschämtheit! Damit also hast du die Statue als eine Sklavin gekennzeichnet, und damit die Göttin Aphrodite, die die Statue ja darstellen soll, mit einer Sklavin gleichgesetzt.
PYGMALION: Aber wieso denn? Die Venus pudica stellt doch nicht wirklich die Göttin Aphrodite dar, das wäre ja ganz ungereimt, wieso sollte denn die Göttin Aphrodite schamhaft und verlegen sein, Aphrodite schämt sich doch nicht ihrer Nackheit.
KALLOKALLOKALLIKAKOKLES: Sag mal, Zwerglein, die Titten von der Frau, sind die auch so wie beim Original, oder hast du da doch was dazuerfunden? Mann, kannst du mir deine Sklavin da mal ausleihen?
PRAXITELES: Was du da über die Göttin Aphrodite sagst, Pygmalion, da scheinst du mir im Unrecht zu sein. Wir wollen hier als Bildhauer ja wohl doch keinen Xenophantismus oder Platonismus betreiben, wonach die Götter nur bestimmte Seiten der menschlichen Natur verkörpern, andere aber nicht, sondern wir denken, daß alles, was sich bei den Menschen findet, auch seine Entsprechung bei den Göttern hat, weshalb selbst die Diebe ihren eigenen Schutzgott besitzen. Was nun Aphrodite angeht, so verkörpert und versinnbildlicht sie den verführerischen Reiz der Frauen in seiner ganzen Fülle, es gibt keinen Glanz der Frauen, der nicht von ihr herrühren würde. Die Art und Weise, wie Frauen betören und verführen, ist aber ein jeweils anderer und eigener. Deshalb sprechen wir gelegentlich von der Aphrodite im Plural, so, als gäbe es mehrere, um die Schamhafte Aphrodite von der Schönhintrigen Aphrodite abzugrenzen. Ein Mädchen mag einen Mann bezaubern durch ihre Sanftheit und Schüchternheit, durch das jungfräuliche Erröten ihrer Wangen, eine andere einen anderen durch ihre Derbheit und Zügellosigkeit, wissen wir doch, daß ein Achilles verliebt sein konnte in die kriegerischen Züge einer Penthesilea, und ein Herakles ließ sich von einer Omphale gerne befehlen, und wissen wir doch auch aus unseren Diskussionen, daß der eine von uns das Gesicht, ein anderer den Busen, ein dritter die Hände, ein vierter den Hintern, ein fünfter die Füße an einer Frau am meisten schätzt, während ein anderer sich für nichts als für den Nabel interessiert. So ist es also jeweils immer ganz verschiedenes, was den Mann an die Frau bindet, aber jedesmal ist es Aphrodite, die da bindet, der Zauber der unerfahrenen Jungfrau ist ebenso ihr Werk wie der der kundigen Hetäre. So ist es also keineswegs richtig zu sagen, die Göttin Aphrodite könne nicht dargestellt werden als ein schamhaftes Mädchen. Im übrigen möchte ich zu der Statue folgendes sagen: da, wo du den Traditionen folgst, ist es dir sehr gut gelungen, das schamhafte darzustellen. Die Hände, die die Scham und die Brüste halb verdecken und halb nicht verdecken, so, als seien sie unabsichtlich und unwillkürlich erhoben, ja, als schäme sich das Mädchen seiner Scham und wage es nicht, jene Stellen weiter zu betonen, indem es fest die Hände darauf preßt, oder als ärgere sie sich über ihre eigene Schamhaftigkeit, die sie automatisch dazu antreibt, jene Stellen zu bedecken, obwohl sie doch vielleicht gerade unbeobachtet ist, die leichte, kaum merkliche Krümmung des Rückens, die das Anspannen der Muskeln verrät, bereit, sich zu ducken und zusammenzukrümmen, sich kleinzumachen und den eigenen Körper zu verstecken, der dadurch motivierte Kontrapost, das alles ist wohl gelungen. Aber lenkt nicht der Kopf von all dem ab? Stören die sonderbaren abgeschnitten Haare nicht bei jener Betrachtung? Warum wähltest du dir als Modell eine Sklavin mit kurzgeschorenen Haaren, und nicht eines der hiesigen Mädchen?
PYGMALION: Ach, das habe ich auch zuerst gedacht, und viele Mädchen boten sich mir an und hätten es als Ehre betrachtet, von mir gemeißelt zu werden. Aber sie alle waren nicht wirklich schamhaft. Sie kokettierten zwar mit der Schamhaftigkeit, und kichernd gaben sie sich selbst die schamhaften Posen, die sie von den Statuen der Alten abgeschaut haben, aber im Herzen schamhaft waren sie nicht. Jene Sklavin aber, die in ihrem Heimatdorf Alexandra hieß, der die Piraten den Namen Paignia gaben, um sie zu verspotten, und die ich Physia nenne, mußte ich nur bitten, sich auszuziehen, und schon verfiel sie von selbst in die Pose der Venus pudica, meinem forschenden Blick ausweichend, unwillkürlich den Rücken krümmend, und ohne daß ich es ihr hätte erklären müssen, spiegelten ihre Hände den Konflikt ihres Herzens wieder, einerseits ihre Scham und ihre Brüste vor mir verbergen zu wollen, aus Schamhaftigkeit, es andererseits nicht zu wagen, da ich doch ihr geboten hatte, sich auszuziehen, und sie nicht mein Mißfallen erregen wollte.
PRAXITELES: Nun, so ist doch klar, was du hättest tun müssen: eben jene Pose der Schamhaftigkeit mit deiner Kunst einfangen, aber alles daran transformieren und transzendieren, was zufällig und akzidentell daran ist: die großen Lippen, das Grübchen, die kurzen Haare, und so fort, um schließlich bei dem Bild der vollendeten Schamhaftigkeit, der schamhaften Aphrodite selbst, anzugelangen.
PHILANTHROPOPO: Ich verstehe gar nicht, warum wir hier so eine ewig lange Diskussion veranstalten. Es geht doch schließlich bloß um eine Frau.
PYGMALION: Eben das, was du mir vorschlägst, Praxiteles, scheint mir bedenklich. Angenommen etwa, ich ließe die kurzen Haare weg, die euren Unmut erregen, und ersetze sie durch die übliche Frisur einer hiesigen Frau heutiger Zeit. Ich habe aber schon gesagt, daß ich unter den hiesigen Frauen heutiger Zeit keine gefunden habe, die die Schamhaftigkeit hätte verkörpern können. Daß jene Sklavin, Physia, die schamhafte Aphrodite darstellen kann, das hängt eben damit zusammen, daß sie eine Fremde ist, aus einer anderen, altmodischeren Gegend, vielleicht auch damit, daß sie von Piraten entführt und mißhandelt wurde, das alles muß vorhanden sein, damit sie schamhaft sein kann, und darum scheue ich mich, die kurzen Haare durch lange und kunstvoll geflochtene Locken zu ersetzen. Und die großen Lippen und das Grübchen: wer sagt euch denn, daß das nicht zu ihrer Schamhaftigkeit mit dazugehört? Eine Frau, deren Körper in jeder Hinsicht den Proportionen der Schönheitslehre entspräche, eine Helena, können wir sicher sein, daß sie ebenso schamhaft wäre? Als Paris Menelaos besuchte, so erzählt eine Sage, habe Helena einen Moment der Unaufmerksamkeit ihres Gatten genutzt, um ihre Brüste vor Paris zu entblößen, denn sie wußte ja, daß sie vollkommen schön und mit keinem Makel behaftet ist. Selbst die jungfräuliche Göttin Athene enthüllte sich vor Paris, um schamlos mit ihrer vollkommenen Schönheit zu prahlen. Meine Physia aber weiß keineswegs, daß sie vollkommen schön ist, sie hält sich für mit Mängeln behaftet und ist es in euren Augen wohl auch, und auch daher rührt ein Teil ihrer Scham: nicht möchte sie ihren Körper zur Schau stellen, weil sie fürchtet, seine Unvollkommenheit könne Anlaß zum Spott geben. Kallokallokallikakokles fragte vorhin, ich weiß nicht, ob im Ernst, ob denn Physia ebenso wie die Statue solche Brüste hätte. Nach eurem Kanon ist es üblich, die Brüste etwas kleiner, aber nicht ganz klein zu meißeln. Physia aber hat nicht die Brüste, die ihr meißeln würdet, sondern die, die sie hat und die auch ich mit meiner Staute wiederzugeben versucht habe. Vielleicht sind auch ihre Brüste etwas, das mit ihrer Scham zu tun hat, vielleicht schämt sie sich ihrer Größe und wünscht sie zu verbergen, vielleicht fürchtet sie auch hier, wegen ihres Körpers verspottet zu werden, weil er nicht ganz euren idealen Maßen entspricht. So daß ich weder ihre große Nase noch ihre großen Lippen noch ihren großen Busen ändern kann, ohne das Bild ihrer Schamhaftigkeit, ihres anrührenden Versuchs, ihren Körper zu verstecken, zu zerstören.
PRAXITELES: Aber ist es nicht unmöglich, ein vollkommenes Abbild zu erschaffen? Du hast, wie wir alle, deine nackte Statue gegen etwas gestellt, das sie stützt, ein Stück Stoff, aus Marmor gemeißelt, in deinem Fall. Wir alle wissen, daß etwas derartiges, ein Stück Stoff, ein Säulenstumpf, ein Bienenkorb oder ein Baumstumpf, irgend etwas derartiges stets nötig ist, da die Fußknöchel eines Menschen zu schlank sind, das Gewicht eines Körpers aus Marmor zu tragen, und daher eine zusätzlich Stütze benötigen. In der Natur aber ist doch nicht immer neben einem nackten Körper ein Baumstumpf oder ein anderes Hilfsmittel, die Stütze ist ein Trick, nicht etwas, das das Modell korrekt wiedergibt. Auch ist es doch unmöglich, jedes einzelne Haar aus Marmor zu meißeln, jede einzelne Pore, sondern wir müssen uns damit begnügen, eine Möglichkeit zu finden, den menschlichen Körper im Marmor anzudeuten, einzelne Locken statt einzelne Haare meißeln, eine glatte Haut, da, wo in Wahrheit unzählige Poren zu finden sind. Deine Physia, hat sie nicht vielleicht zufällig auch Haare an den Beinen, und könnte es nicht sein, daß auch diese Haare an den Beinen dazu beitragen, daß sie sich schämt, sich nackt zu zeigen? Dein Werk aber ist nie und nimmer imstande, diese Haare an den Beinen zu zeigen, sondern glatt und poliert und vollkommen schimmern die Beine deiner Statue. Mir scheint, dein Ziel ist es, Dädalos nachzueifern und eine Statue zu schaffen, bei der die Leute erwarten, daß sie jeden Moment aufstehen und weggehen, und vielleicht wirst du als nächstes beginnen, wie unsere Vorfahren deine Bildwerke mit Farbe anzumalen, um sie noch lebendiger erscheinen zu lassen. Aber dein Tun ist vergeblich, und ganz umsonst: denn was wäre gewonnen, wenn es dir gelänge, deine Sklavin Physia so vollkommen nachzuahmen, daß niemand mehr die Statue und das lebendige Mädchen auseinander halten könnte? Statt einer Dienerin und einem Kunstwerk hättest du dann zwei Dienerinnen, von denen freilich die eine sich im Haushalt nützlich macht, während die andere nur den lieben langen Tag faul herumsteht. Wenn es darum ginge, daß du vor deinem geistigen Auge deine Traumfrau sehen würdest, dein Ideal von einer Frau, und du würdest diese Traumfrau in ihrer Vollkommenheit nirgendwo unter den lebenden Frauen finden, dann wäre es verständlich, daß du versuchen würdest, deine Vision deiner idealen Frau so realistisch und detailgenau wie nur möglich als Statue nachzubilden, es wäre dann sogar verständlich, wenn du so geschmacklos wärest, sie mir Farbe anzustreichen, um sie noch lebensähnlicher zu machen, und es wäre verständlich, wenn du rufen würdest "Aphrodite, heilige Aphrodite, erhöre mein Flehen und erwecke meine Statue, die Statue des Pygmalion zum Leben", damit du dich endlich mit ihr begatten könntest. Aber das ist ja nicht der Fall, und niemand hindert dich, mit dem realen Vorbild deiner Statue, deiner Sklavin Physia, zu treiben, was immer dir beliebt. So, und nun zum nächsten Tagesordnungspunkt. Die Stadtverwaltung hat beschlossen...
In diesem Moment erwachte die Göttin Aphrodite auf dem hohen Olymp aus ihrem Mittagsschlummer. Hatte da nicht eben einer nach ihr gerufen? Ihr war so, als hätte da einer gerufen "Aphrodite, heilige Aphrodite, erhöre mein Flehen und erwecke meine Statue, die Statue des Pygmalion zum Leben". Rasch warf sie einen Blick in das Atelier des Pygmalion: Tatsächlich, da stand eine Statue, Motiv "Venus pudica". Eine außerordentliche Schönheit ist diese Statue ja nicht, dachte Aphrodite, es gibt viele Mädchen aus Fleisch und Blut, die mindestens genauso hübsch sind, etwa diese neue Sklavin des Pygmalion, die steht, finde ich, dieser Statue eigentlich in nichts nach, ich wundere mich, warum er sich nicht mit der zufrieden gibt. Naja, wo die Liebe eben hinfällt, Männer und ihr Frauengeschmack sind sowieso ziemlich unbegreiflich, dann will ich halt mal diese Bitte erhören und diese Statue zum Leben erwecken. Mag er damit glücklich werden. Und mit einer graziösen Bewegung ihrer Hand erweckte Aphrodite die Statue zum Leben.
Auf seinem Heimweg dachte Pygmalion noch einmal über den Verlauf der Sitzung nach. Ich hätte Praxiteles nicht das letzte Wort lassen sollen, dachte er, schließlich habe ich recht, und er ist nur ein alter Reaktionär. Ich hätte ihm sagen sollen, daß es mir eben darum geht, zu zeigen, wie sich Aphrodite auch in einem Mädchen offenbaren kann, das nicht in jeder Hinsicht vollkommen und perfekt ist, mit meiner Statue wollte ich die Leute auf die Schönheit der ganz gewöhnlichen Menschen aufmerksam machen, daurch, daß ich das Alltägliche abbilde, mache ich das Alltägliche zu etwas Kunstwürdigem, mache den Leuten überhaupt bewußt, was für ein Wunder in dem liegt, mit dem sie ständig Umgang haben, und das sie längst nicht mehr für wunderbar halten. Ein unscheinbares, gewöhnliches Mädchen kann von gleicher Bedeutung und ebenso wichtig sein wie Aphrodite selbst, in jeder Frau offenbart sich Aphrodite, in jedem Ding das Göttliche. Ha, da hätte ich Praxiteles mit seinem eigenen Argument schlagen können. Ich hätte sagen sollen... Dann öffnete er die Tür und sah mich.
Ich erwachte: mein Leben war ein schwerer, dunkler Traum gewesen, tief in der Erde vergraben, lichtlos und niederdrückend. Ich öffnete die Augen und fand eine fremde Welt voller unverständlicher Dinge. Alles hatte noch keinen Namen und keine Grenzen; zunächst verstand ich nicht einmal den Unterschied zwischen mir und dem, was nicht ich war. Ich wandte den schweren Hals und sah, wie die Welt sich wandelte und drehte. In meiner Welt schwamm ein Mann, der die Augen aufriß und aufschrie. Ich bewegte vorsichtig meine Füße zum ersten Mal und verlagerte mein Gewicht von einem Bein auf das andere. Ich ließ die erhobenen Hände sinken. Aus einer unbekannten Quelle kam die Sprache über mich, und um den Mann in dem Türrahmen zu beruhigen, sagte ich "hallo". Darauf fiel er in Ohnmacht.
In meinen steinernen Armen erwachte er wieder; er schien mir seltsam vertraut, als hätten sich sein Schicksal und meines schon vor meinem Erwachen gekreuzt. "Aber warum bist du denn zu Leben erwacht?" fragten er. "Ich weiß nicht", sagte ich, und wußte erst in diesem Moment, daß ich es nicht wußte. Er schien sich zu beruhigen; er schien sich damit abzufinden, daß sein Leben aus den Fugen geraten war, und er setze sich auf. "Was fange ich jetzt nur mit dir an" sagte er. Er schien mir sehr schön zu sein mit seinem klugen Gesicht und seinen starken Händen. "Schön bist du" sagte ich. "Irgendwie muß Aphrodite den Wunsch erhört haben, den Praxiteles ausgesprochen hat" sagte er, aber ich verstand ihn nicht, da ich weder Aphrodite noch Praxiteles kannte. "Oh hätte ich das gewußt! Dann hätte ich eine Frau modellieren können, ganz, wie ich sie mir wünsche." Aber das Wunder läßt sich seiner Natur nach nicht wiederholen, Zeus kommt nur einmal als Goldregen, das zweite Mal kommt er als unnützer Schwan, und Aphrodite erweckt nur eine einzige Statue zum Leben, und die Fee gewährt nur einmal drei Wünsche. "Niemand hätte mich hindern können, die Beine noch länger zu machen, die Hüften eindrucksvoller, die Taille schlanker und den Busen noch üppiger." rief er, aber zum Glück verstand ich ihn nicht und wußte nicht, daß er von mir sprach, und war nicht gekränkt, "ach, hätte ich das gewußt! Und Locken, um den dich jede andere beneidet hätte." Dann stand er auf und suchte ein Kleid für mich, um meine Blöße zu verhüllen, und ich fragte ihn, in was für eine Welt ich geraten sei, und er führte mich durch sein Haus und über die Straße und erklärte mir einiges.
Abends saßen wir gemeinsam zu Tisch mit einer Frau, die meinem Spiegelbild glich -sehen etwa alle Frauen so aus?- und die mich verstohlen und ängstlich betrachtete. Es zeigte sich, daß ich zwar die Lippen öfnnen konnte, daß dahinter aber keine Mundhöhle lag und ich also nichts essen konnte. Zum Glück verspürte ich weder Hunger noch Durst. Vieles verstand ich noch nicht: etwa, warum die beiden Menschen verschiedene Arten von Speisen verzehrten, wenn doch eine einzige Art genügt hätte, sie zu nähren, oder warum ich mich in dieses Kleid verpacken mußte, obwohl ich doch nicht frohr und vielleicht gar nicht frieren konnte. In Pygmalions Schlafgemach legte ich es wieder ab. "Und doch bist du vollkommener als sie" sagte er, ohne daß ich wußte, wen er meinte, "deine Haut ist glatter und makellos, und du wirst ewig jung bleiben, während sie in ein paar Jahren verblüht sein wird". Ich legte mich in sein Bett und fühlte, daß dies meine Bestimmung und der Sinn meines Daseins war. Mit heißen Küssen bedeckte er meine Haut aus Marmor, und zum ersten Mal fühlte ich in meinem Innern eine Glut aufsteigen, ein wildes Verlangen, von ihm in Besitz genommen zu werden. Als seine Hände meine Brüste berührten (nicht zum ersten Mal, aber von den früheren Malen wußte ich nichts) glaubte ich zu vergehen vor Lust, und ich stöhnte auf. Dann glitt seine Hand zwischen meine Beine und verweilten dort, und ich öffnete für einen Moment die Augen und sah, daß er verwundert und besorgt aussah. "Oh bitte, ich sterbe, vollende, was du begonnen hast" sagte ich; ich war unerfahren in den Werken der Liebe und wußte nicht, was als nächstes geschehen sollte, doch daß noch etwas geschehen mußte und das eigentliche noch bevorstand, war mir gewiß. Zwischen meinen Beinen brannte etwas, das nach Erfüllung schrie. "Es ist nicht möglich" sagte er und erklärte mir, warum: als er meinen Körper aus Stein gehauen hatte, hatte er es versäumt, an dieser Steele die weibliche Anatomie naturgetreu nachzubilden, so daß es bei mir dort weder eine Vagina noch einen Anus gab, sondern nur glatten, polierten Marmor.