[Schade, kein Bild]



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Sibylle. Ich glaube, die meisten Menschen mögen ihren eigenen Namen nicht oder sind zumindest überzeugt, daß es weitaus bessere Namen gibt, aber eigentlich ist Sibylle gar nicht so schlecht. Es ist jedenfalls keiner der vielen Wörter auf Gott, mit el- und joh- und theo- und allen ihren Varianten, Gottlieb, Gottesfurcht, Gottesgeschenk, Gotteserbarmen, RichterIstGott und so weiter. Und es ist auch keiner dieser sinnlosen Komposita, wie die Germanen sie liebten, die einfach zwei beliebige Substantive zusammenwarfen und das Ergebnis für einen Namen hielten. Auf angenehme Art und Weise ist der Name frei von Bedeutung und geheimnisvoll. Streng genommen ist es ja gar kein richtiger Name, sondern eine Gattungs- oder Berufsbezeichnung, der Prophetinnen kennzeichnet, gottbegeisterte Seherinnen. Jedenfalls ist Sibylle allemal besser, als, sagen wir mal, Sybille zu heißen. Sybille: das heißt, lebenslänglich mit einem Rechtschreibfehler herumzulaufen. Eine kannte ich, die sich selbst als Thübüllü vorstellte; wegen ihrer breiten Zunge (sie ist mongoloid, oder, da „mongoloid“ ja nicht länger politisch korrekt ist, sie hat Trisomie 21) sprach sie das „s“ als „thi-äitsch“ aus. Also, Sibylle ist schon in Ordnung. Wobei meine Eltern sich sicher nicht überlegt hatten, mich nach den griechischen Seherinnen zu benennen (ein sympathisches Volk, wo die Propheten Frauen sind), sondern sie hatten sich allenfalls überlegt, was für eine Art Name wohltönt und halbwegs zum Nachnamen paßt.

Wann ich zuerst von den Sibyllen las, weiß ich nicht mehr genau; meine frühe Lektüre verliert sich in den Nebeln meines unzuverlässigen Gedächtnisses. Ich wuchs auf dem Land auf und wurde früh eine Leserin; ich glaube, viele der großen Leser stammen vom Land oder aus der Provinz. Die Bewohner der Stadt sind zu beschäftigt und zu blasiert, um viel zu lesen, die Geschwister Brontë dagegen durchwühlen die väterliche Bücherregale und plündern die nächstgelegene Bibliothek und lassen sich die neuesten literarischen Zeitschriften kommen. Meine wahllose frühe Lektüre begann, glaube ich, recht eigentlich mit der Geburt meiner späten Gebrüder, als sie in mein Zimmer wechselten, meine Eltern ins ehemalige Arbeitszimmer, und ich ins ehemalige elterliche Schlafgemach im Obergeschoß, neben dem nie benutzten Wohnzimmer im Obergeschoß, mit den Regalen mit den Büchern. Dort fand ich dann die göttliche Komödie, von der ich nicht viel mehr wußte, als daß es eine göttliche und eine menschliche Komödie gab, aber schon nicht mehr, ob nun Dante Balzac oder umgekehrt zitiert hatte, und las sie, ohne viel zu verstehen: ich fand es etwas rücksichtslos von Dante, daß er fast ausschließlich von Leuten erzählte, die ich nicht kannte, und Anmerkungen, die mir diese unbekannten Florentiner hätten näherbringen können, hatte der vom Alter gebräunte und aus den Fugen geratene Reklamband auch keine. Mit dem Gleichmut und der Ausdauer einer Leserin, die noch nicht imstande ist, zwischen gut und schlecht zu unterscheiden, las ich auch den autobiographischen Bericht eines Republikflüchtlings über die Interna der DDR-Nomenklatur, der er angehört hatte, woraufhin meine Mutter, als sie davon erfuhr, die Hände über dem Kopf zusammenschlug, wie um Gottes willen ich etwas derart langweiliges und nicht altersgemäßes von vorne bis hinten hatte durchlesen können. An Einzelheiten des Buches kann ich mich noch immer erinnern, etwa, wie der Held, der von Berufs wegen Westzeitungen lesen mußte, Ärger bekam, weil er bei der Lektüre von Westbüchern erwischt worden war, wie ihm vorgeworfen wird, die DDR-Zustände nicht optimistisch genug darzustellen, und er sich mit dem Sprichwort rechtfertigt, die Suppe werde nicht so heiß gegessen wie gekocht. Aber auch die endlosen Abenteuer von Hanni und Nanni und den fünf Freunden las ich, und vom Tod des zum Christentum bekehrten Apachenhäuptlings in den Armen seines Freundes Karl. Und von Erica Young „Rette sich, wer kann“, eine Fortsetzung ihres „Angst vorm Fliegen“. Auch von diesem Buch sind mir noch Brocken haften geblieben, nämlich, daß die Heldin im Urlaub Skifahren geht, daß sie einmal nachts vor lauter Nachdenken nicht dazu kommt, zu masturbieren, und daß sie einmal mit einem Mann mit Bart schläft. Gottlob ist mein Gedächtnis nicht noch mehr mit diesem Schund angefüllt.

Meine ersten eigenen ernsthaften Bucherwerbungen waren hauptsächlich Hermann Hesse, den ich, wie viele Jugendliche, für einen großen und bedeutenden Schriftsteller hielt. Meine Entdeckung Kafkas verdanke ich meinem früheren Kultusminister, jetztigem Landesfinanzminister Gerhard „die heutige Jugend weiß ja nicht einmal mehr, daß der Neckar in Heidelberg in den Rhein fließt“ Meyer-Vorfelder: meine Großmutter erzählte mir, besagter MV habe der Jugend die Lektüre Kafkas ans Herz gelegt, mit der Begründung, das sei wenigstens ein positiver Autor, und mich gefragt, ob ich es denn für positiv und moralisch aufbauend hielte, wenn da einer ausführlich und anschaulich schildere, wie es ist, sich in ein Insekt zu verwandeln und an den Wänden herumzukrabbeln. Ich beschloß, mich selbst zu überzeugen, ob Kafka und seine Erzählung als positives Leitbild für die Jugend ein genialer oder kretinöser Vorschlag sei, und kam zu der Überzeugung, daß Kafka ein begabter Schriftsteller, aber als Leitbild für die Jugend doch wirklich äußerst fragwürdig ist; aber die Jugend liest ja sowieso auch weiterhin Hermann Hesse.

Wobei vielleicht auch Kafka letztendlich ein Autor ist, der besonders die Jugend anspricht, zumindest einen gewissen, besonderen Teil der Jugend, gewissermaßen denjenigen Teil der Jugend, die Hesse glücklich überwunden hat. Mit zunehmendem Alter war Borges (auch ein großer Leser) mehr und mehr gewillt, Kafka gegen Kipling zu vertauschen, und vielleicht hat Borges in dieser Beziehung recht. Kipling im übrigen kannte ich schon vor Kafka und Hesse, aber eine der Eigentümlichkeiten Kiplings besteht darin, daß es möglich ist, ihn ganz naiv und unbefangen zu lesen, ohne überhaupt zu merken, was da alles unter der Hand an erzähltechnischen Finessen geschieht: das, was Borges geheime und verborgene Kompliziertheit nannte.

Eine weitere Eigentümlichkeit der Menschen, die auf dem Land aufwachsen, ist die, daß sie alle mit achtzehn den Führerschein machen. Als ich später Stadtkinder kennenlernte, die keinen Führerschein hatten, war ich sehr überrascht: wie, es war also möglich, mit achtzehn keinen Führerschein zu machen? Denn auf dem Land sind Freundschaften und gesellschaftliche Ereignisse unweigerlich mit Autofahren verbunden. Viele Mädchen sind deshalb, glaube ich, sehr daran interessiert, einen älteren Freund zu haben, einen, der schon achtzehn ist. Und wenn sie dann selber achtzehn sind, kann es passieren, daß sie mit einem Mal feststellen, daß sie sich ein Leben auch ohne diesen Freund vorstellen können, und ihn plötzlich fallen lassen. Es kann aber auch sein, daß es da andere Gründe gibt.

Psychologen und Pädagogen, die sich mit den Problemen der Adoleszenz herumgeschlagen haben, sind zu der (selbstverständlich nicht einhelligen) Meinung gekommen, Mädchen hätten in der Pubertät deswegen spezifische Schwierigkeiten, weil sich ihr körperlicher Reifungsprozeß schneller vollzöge als ihr geistiger Reifungsprozeß, während die Jungen besser dran seien insofern, als sie nun nicht gerade einen immensen geistigen Reifungsprozeß durchmachen, aber ihr körperlicher Reifungsprozeß wenigstens ein bißchen später einsetzt. Die jungen Mädchen entwickeln während der Pubertät den Körper einer erwachsenen Frau, während sie selbst mit dieser Entwicklung gar nicht schritthalten können und ziemlich überfordert sind.

Ich weiß nicht, ob das in dieser Allgemeinheit so stimmt, aber bei mir trifft es auf jeden Fall zu. Über bestimmte körperliche Veränderungen machte ich mir eigentlich erst Gedanken, als sie bereits weitgehend abgeschlossen waren. Bei einer anderen Frau habe ich einmal gelesen, sie habe an sich gar keinen kleinen Busen, in ihrem Selbstbild habe sie aber immer noch das Bild verinnerlicht, wie sie als Mädchen war, ohne Busen, und deshalb nehme sie sich selbst immer noch entsprechend wahr. Bei mir war das eher genau umgekehrt: über meinen Körper fing ich erst an, nachzudenken, als er im wesentlichen schon ein Erwachsenenkörper war, weshalb gewisse Dinge, eine Menstruation, einen Busen haben, für mich eher etwas normales und unhinterfragtes hatten. Vielleicht kam dazu, daß ich damals selten angebaggert wurde und damals nicht, wie andere Mädchen, die Erfahrung machen mußte, daß plötzlich ein Haufen männlicher Wesen sich für meinen Körper interessierte.

Meine Menarche war für meine Mutter der Anlaß, mich zum zweiten Mal aufzuklären. Das erste Mal nämlich hatte ich komplett vergessen, ein Beispiel für eine ganz erstaunliche Fehlleistung. Während ich diesen Text hier schrieb, fand ich in der neuesten Ausgabe der hochseriösen ZEIT die Angabe, 1960 seien immerhin ein Viertel aller Mädchen nicht auf ihre Menstruation vorbereitet worden. Das heißt aber umgekehrt, daß immerhin drei Viertel darauf vorbereitet wurden, und über zwanzig Jahre später, nach sexueller Revolution und Liberalisierung, müssen es noch viel mehr gewesen sein, das heißt, mit anderen Worten, ich stelle, was mir bis jetzt nie so bewußt war, in meiner Generation eine extreme Ausnahme, einen Anachronismus dar, und das, um so mehr, als meine Eltern gebildete Menschen waren, durchaus nicht übertrieben prüde. Eben deswegen haben sie mich ja früh aufgeklärt, nur daß ich diese Aufklärung geistig beiseite gelegt hatte. Ein weiteres Kuriosum ist, daß ich mir einbilde, mich nun nachträglich auch an jene erste Aufklärung erinnern zu können: die erste fand, glaube ich, in der Badewanne statt, die zweite am Eßtisch. Bei dieser ersten Aufklärung bin ich sicher auch darüber informiert worden, daß es so etwas wie eine Menstruation gibt, aber wahrscheinlich mit dem Hinweis, daß das wohl noch ein bißchen dauern würde, bis es soweit wäre, woraufhin ich wohl dachte, die Angelegenheit ginge mich eigentlich noch gar nichts an. Ich kann nun nicht mehr rekonstruieren, inwieweit ich mich bei meiner Menarche unbewußt an jene erste Aufklärung erinnerte, und deswegen nicht übermäßig beunruhigt war, wie es ja eigentlich bei einer Blutung aus unbekannter Ursache zu erwarten gewesen wäre. Ein Anhänger Freuds würde darin wahrscheinlich einen Beleg für die Existenz der Latenzphase sehen, ich nehme an, dieses Vergessen hängt aber eher damit zusammen, daß für mich als Kind derartige Fragen von keiner praktischen Bedeutung waren. Jedenfalls nahm ich beim zweiten Mal erstaunt zur Kenntnis, daß meine Ideen über Fortpflanzung, die ich nie richtig systematisiert hatte und die, wenn ich mich recht erinnern kann, irgendwie mit Bestäubung zusammenhingen, komplett falsch waren, überhaupt, mein Hauptgefühl bei der Sache war eine große Verwunderung. Inzwischen habe ich einige eigene Nachforschungen angestellt und habe einiges über Sexualität herausgefunden, über Parthenogenese, DNA, Konjugation von Bakterien, Mitochondrien und eukaryotische Zellen, die Sexualität von Schleimpilzen (die in Wahrheit Tiere sind, im Gegensatz zu den echten Pilzen, die Pilze sind), über haplodiploide Insekten, über die Gründe, die Fisher angibt, warum bei zweigeschlechtlicher Fortpflanzung die Zahl der Männchen dazu tendiert, sich der Zahl der Weibchen anzunähern, über dominante und rezessive Gene, über Segregationsverzerrer und dergleichen mehr, so daß ich inzwischen über die ganze Angelegenheit ganz gut Bescheid weiß. Damals aber war alles neu für mich, obwohl ich es doch bereits zum zweiten Mal hörte. Ich denke, ich habe wohl eine ausgeprägte Fähigkeit, mich selbst hereinzulegen, so, wie ich meine erste Aufklärung vergaß und mir auf eigene Faust eine schwammige Theorie zurechtlegte, oder so, wie ich mir später den Gottesbeweis aufgrund der ersten Ursache ausdachte, und überlegte, ob dieser Beweis sich nicht irgendwie formalisieren ließe, um ihn wasserdicht und unwiderlegbar zu machen. Vielleicht, weil ich schon so oft erlebt habe, wie ich mich nicht nur in wichtigen Fragen geirrt, sondern mich auf unglaublich törichte Art und Weise geirrt habe, obwohl ich mir doch meiner Sache so sicher gewesen war, mag ich deshalb so sehr Imre Lakatos’ „Beweise und Widerlegungen“, einem Buch, in dem Lakatos auf klare und unwiderlegbare Art und Weise zeigt, wie selbst ganz klare und unwiderlegbare Beweise falsch sein können, und selbst die Beweise der Mathematik, die gemeinhin als sicheres Wissen gelten, nicht vor Widerlegungen gefeit sind. Obwohl meine Eigenliebe mir schmeichelt, ich sei doch eine eher intelligente Person, sind mir derartig gravierende Irrtümer in existenziellen Fragen passiert, daß ich von der Fallibilität menschlichen Wissens auf eindrückliche Weise überzeugt bin.

Und damit ist dies hier womöglich der erste Text, der eine Assoziation bildet von der ersten Menstruation zur Erkenntnistheorie Lakatos’.

Obwohl es alles andere als ein unüberwindliches Gesetz ist, passiert es doch wohl vermutlich oft so, daß Mädchen ihre Menarche als etwas pathologisches erleben, obwohl sie andererseits wohl, wie es aussieht, heutzutage von Eltern und BRAVO vorher gesagt bekommen, was auf sie zukommt und was sie erwartet. Vielleicht ist es auch bei vielen Mädchen heute schon so, daß sie ihre erste Menstruation ungeduldig erwarten, weil es für sie ein Zeichen des Erwachsenseins ist. Eigentlich, sollte es scheinen, kann die Existenz von so etwas wie Menstruation in unserer Gesellschaft vor einem Mädchen doch kaum verborgen bleiben, oder? Wenn ein Film oder ein Buch oder ein Mensch beweisen will, wie frech und tabulos es ist, dann nimmt es bestimmt das Wort Menstruation (in Form einer seiner Synonyme vielleicht) in den Mund. Will ein Mann sich als besonderer Kenner der weiblichen Seele ausweisen, dann führt er Verstimmungen einer Frau gewöhnlich darauf zurück, sie habe wohl gerade ihre Tage (eine Freundin meint, die Frage/Bemerkung „du hast wohl deine Tage“ sei weniger als Ausweis des Verständnisses und der Kompetenz in der Ergründung der weiblichen Seele gemeint, sondern als Beleidigung. Kann auch sein). Und überall findet sich Werbung für die entsprechenden Produkte in allen Varianten für die Tage vor den Tagen und für die Tage nach den Tagen und für die Tage selbst; „Tage und Werke“ heißt es bei Hesiod.

Obwohl, überall findet sich diese Werbung dann doch nicht. Auf den großen Werbetafeln am Straßenrand oder an Bushaltestellen oder dergleichen habe ich noch keine Werbung für Binden und Tampons gesehen, und eigentlich auch nicht in Zeitungen für Leser beiderlei Geschlechts, sondern nur in Frauenzeitschriften. Und merkwürdigerweise, soweit ich mich erinnern kann, nur im Fernsehen, nie im Kino. Und diese Werbung selbst ist auch ein seltsamer Eiertanz. In einer davon etwa wird eine blaue Flüssigkeit über ein Stück Stoff ausgeschüttet, dessen Saugfähigkeit demonstriert werden soll, und ein Untertitel weist uns darauf hin, es handele sich um eine Testflüssigkeit: so, als entweiche Frauen aus einer unbeschreibbaren Öffnung eine merkwürdige blaue Substanz, die mit der blauen Testflüssigkeit verwechselt werden könnte.

Von Hofstadter gibt es eine Aufzählung, ob das-und-das wohl Empfindungsfähigkeit habe, verschiedene Wesen werden genannt, ebenso wie das, was sie vom wahren Menschsein trennt, und die Liste gipfelt in dem Vorschlag: Männer? Nun ja, vielleicht, obwohl sie natürlich nicht wissen, wie es ist, zu menstruieren. Die Pointe dieser kleinen Aufzählung ist, daß gemeinhin der Mann als der Musterfall eines Menschen gilt, die Frau dagegen als eine Ausnahme, und Hofstadter mit seiner kleinen Liste diese unsere Erwartungshaltung entlarvt, indem er seine Liste von fortschreitenden Spezifikationen nicht mit dem Mann als höchste Stufe der Ausdifferenzierung enden läßt, sondern mit der Frau, und den Mann als Ausnahme und Normabweichung betrachtet. Und diese Pointe könnte sich auch eine Frau ausgedacht haben. Was er aber als Trennungsmerkmal benutzt, das das wahre Menschsein der Frau ausmacht und den Mann zu einem defizitären Wesen stempeln soll, ist, scheint mir, ein spezifisch männlicher Einfall: denn nur aus der Sicht der Männer ist das Wissen, wie es ist, zu menstruieren, ein spezifisch weibliches Privileg, während eine Frau, wenn ich von mir auf andere schließen darf (was ich eigentlich nicht darf), darin kein besonderes Informationsprivileg sieht und auch nicht etwas, das ihre Weiblichkeit konstituiert.

Was eigentlich konstituiert statt dessen Weiblichkeit? Vielleicht gibt es so etwas gar nicht, vielleicht sind es eher solche Dinge wie hochhackige Schuhe tragen zu können.

Damit meine ich nicht, daß nur eine Frau mit Schuhen mit hohen Absätzen eine richtige Frau ist. Der Versuch, eine richtige Frau zu sein oder ein richtiger Mann, scheint mir so albern zu sein wie der Titel eines Volkshochschulkurses „altern lernen“ oder der Versuch, isländische Märchen und Klatsch zu lesen, um ein richtiger Deutscher zu werden. Ich selber habe in meinem ganzen Leben erst zwei oder drei Mal Schuhe mit hohen Absätzen getragen, und in keinem der Fälle länger als zehn Minuten, und während ich es tat, sah ich vermutlich nicht besonders elegant und verführerisch, sondern eher tolpatschig und hilflos und sehr, sehr ungraziös aus. Aber weil ich eine Frau bin, könnte ich jederzeit hochhackige Schuhe tragen, wenn ich wollte, wobei ich mit „könnte“ so etwas wie „dürfte“ meine, und nicht „können“ im Sinne einer technischen Fertigkeit, von der, wie angedeutet, keine Rede sein kann. Im übrigen ist es eine Spezialität der neuzeitlichen abendländischen Gesellschaft, hohe Absätze mit Weiblichkeit zu assoziieren. Also wäre Weiblichkeit eine gesellschaftliche Konstruktion, oder so ähnlich.

Meine Menarche hielt ich also, wie gesagt, zunächst für etwas pathologisches. Zum Glück hatte ich damals noch Vertrauen in die Allmacht der Ärzte und war auf den völlig unbegründeten Glauben verfallen, zu jeder Krankheit gäbe es auch ein Heilmittel, wüchse das Rettende auch, wo doch in Wirklichkeit vieles auf das grausamste unheilbar ist. Ich dachte also wohl so etwas wie: Oh, da ist etwas kaputt/ das muß repariert werden/ unangenehm, daß es an einer so peinlichen Stelle ist. Aber wenn ich mich recht erinnere, hatte ich auch die Vorstellung, dort unten könne leicht etwas kaputt gehen, in dieser undurchschaubaren Gegend. Dann erfuhr ich, daß alles sich ganz anders verhielt und die Sache überhaupt nicht pathologisch war. Ich akzeptierte die Erklärung ohne viel Nachdenken, und erst später kam ich auf die Idee, daß es sich um etwas bedenkenswertes handelt. Und in einer gewissen Art und Weise war es mit dem Rest meiner körperlichen Entwicklung ähnlich: natürlich blieb es mir nicht verborgen, daß ich irgendwann ein Kleidungsstück mehr anzog und meine Unterwäsche nicht mehr nur aus SockenSchlüpferHemd bestand, sondern aus SockenSchlüpferBehaHemd, aber daß es sich da um einen bemerkenswerten Vorgang handelte, kam mir erst in den Sinn, als meine körperliche Entwicklung zum größten Teil schon abgeschlossen war. Einige Feministinnen (aus der eher esoterischen Ecke) schlagen vor, ein Fest der Menarche zu feiern; zwar wüßte ich nicht, was es da zu feiern gibt, die ganze Angelegenheit scheint mir lediglich ein weiterer Beweis dafür zu sein, wie schlampig und opportunistisch die Evolution ist, die keineswegs den besten, sondern nur den nächstbesten Weg wählt, und ein vernünftiger Schöpfer wäre sicher ohne Menstruation ausgekommen, aber zumindest würde ein solches Fest dafür sorgen, daß es nicht anderen so geht wie mir, nämlich die ganze Angelegenheit nicht bewußt zu erleben und in gewisser Weise um das Erlebnis betrogen zu werden. Denn wir nehmen nur wahr, was wir kennen und benennen können, und ich kannte das Ganze nicht und konnte es nicht benennen und habe es deshalb eigentlich gar nicht richtig erlebt und muß nun, viel später, mühsam rekonstruieren, was ich erlebt und empfunden habe. Andererseits hat mir das möglicherweise viele Sorgen erspart: eine immer wiederkehrende Zuschrift zur Ratgeberseite von BRAVO ist schließlich „Hilfe! Ich bin schon vierzehn (oder zwölf oder zehn) und habe immer noch keinen Busen. Soll ich mich umbringen?“, eine Frage, die ich mir in meiner verträumten Naivität, Blindheit und Ahnungslosigkeit nie gestellt habe. Was vielleicht wiederum damit zu tun hat, daß ich mich selber lange für häßlich hielt, was wiederum vielleicht damit zu tun hatte, daß ich kaum angegraben wurde. So bekam ich in Ruhe meinen Busen, ohne mir groß Gedanken darüber zu machen, und erst als ich ihn hatte, entschied ich irgendwann, relativ spät, er sei zu groß, eine Meinung, an der ich etwa zwei Jahre lang festhielt, bis ich mir klarmachte, daß viele Frauen ihren Busen für zu klein halten und irgend etwas nicht stimmt, wenn alle Frauen ihren Busen entweder für zu klein oder zu groß halten, und dieses etwas ganz bestimmt nicht der weibliche Körper ist (nochmals darüber nachdenkend, finde ich, daß er mich eigentlich nur beim raschen Treppabsteigen stört, seit ich beschlossen habe, daß ich nicht häufiger Rückenschmerzen habe als andere Leute auch, die auf schlechten Stühlen oder gar auf dem Bett sitzen, wenn sie arbeiten. Wie jedes Ding hat mein Busen eine bestimmte, unter anderem von der Größe abhängige Eigenfrequenz, und wenn ich mit einer bestimmten Geschwindigkeit gehe, stimmt die Frequenz meines Gehens mit dieser Eigenfrequenz überein, oder zumindest mit irgend einem Vielfachen davon, und regt ihn zu verstärkten Schwingungen an, was mir unangenehm ist, weil es sich unangenehm anfühlt und mir außerdem ein wenig peinlich ist; aber sowohl mein schnelles als auch mein langsames Gehen stimmen nicht mit dieser Frequenz überein, und so kommt es nur zu gedämpften Schwingungen. Außerdem ist es so, daß ich bestimmte Sachen nicht anziehen kann1; andererseits, wenn ich an die Klage einer Freundin denke, die ein Kleid fand, das ihr gefiel und es dann nicht einmal anprobieren wollte, weil das Kleid so geschnitten war, daß es zum tragen wenigstens ein bißchen Busen erforderte, wenn es nicht allzu albern aussehen sollte, so gilt diese Einschränkung wohl für alle Frauen).

In gewisser Weise kann ein Mensch am Beginn der Pubertät nicht wissen, wie er oder sie am Ende aussehen werden, und das kann für eine Person, die darüber nachdenkt, eine Quelle starker Verunsicherung sein. Die Mädchen, die schon mit zwölf sich bei Dr. Sommer über das Ausbleiben ihres Busens ausweinen und darüber, daß sie noch nicht so aussehen, wie die Barbiepuppen, mit denen sie noch vor kurzem gespielt haben, habe ich bereits erwähnt; daneben gibt es noch die andere Sorte, der alle diese körperlichen Veränderungen eher unheimlich sind und die oft ihre Nahrungsaufnahme drastisch reduzieren oder zum größten Teil wieder erbrechen, mit der Folge, daß sie etwa keine Menstruation mehr haben und keine weiblichen Rundungen entwickeln, und mit der Folge, daß manche von ihnen an Mangelerscheinungen sterben. So daß ich in gewisser Weise Glück hatte, mir um alles das überhaupt keine Gedanken zu machen, so daß ich zum Beispiel auch gar nicht mehr sagen könnte, ob ich als eine der ersten oder als eine der letzten in der Klasse einen BH hatte, und auch nicht mehr weiß, wie alt ich zum Zeitpunkt meiner Menarche war. Jedenfalls, seit ich, wie bereits in einer Klammer erwähnt, beschlossen habe, daß ich nicht häufiger Rückenschmerzen habe als andere Leute auch, die oft auf schlechten Stühlen sitzen oder auf dem Bett sitzend arbeiten, bin ich ziemlich zufrieden und glücklich mit meinem Busen und meinem Körper [schon zweimal habe ich eine Spammail erhalten mit dem Hinweis, Recherchen hätten ergeben, ich würde mich für alternative Methoden der Rückenschmerzbehandlung interessieren; ich vermute, diese Recherchen bestanden darin, blindlings so viele Emailadressen wie möglich ausfindig zu machen; dies ist jedenfalls das erste Mal, daß meine Netzseite das Wort „Rückenschmerzen“ gebraucht].

Interessant wäre auch, zu wissen, wie Jungen ihre körperliche Veränderung empfinden. Wenn die erwähnten Fachbücher recht haben, dann ist es so, daß bei den Jungen die körperliche Reifung nicht nur später einsetzt, sondern auch, wenn die Jungen bereits anfangen, sich für das Thema Sex zu interessieren. Den Briefen an Dr. Sommer nach zu urteilen, kommt es seltener vor, daß Jungen schreiben „Ich bin nun schon x Jahre alt, und mein Glied ist immer noch nicht gewachsen. Besteht da überhaupt noch Hoffnung, daß es überhaupt noch wächst?“, und wenn Jungen sich darüber überhaupt nie Sorgen machen, wäre das wieder einmal auf ärgerliche Weise ungerecht. Aber vielleicht äußern sich männliche Sorgen auch einfach seltener in Briefen an BRAVO.

Ein seltsames Ding ist der Körper. Er und ich sind unzertrennlich, wo er hingeht, gehe auch ich hin. Oder, mit den Worten des Dichters: „Mein Körper ist ein schutzlos Ding,/ wie gut, daß er mich hat./ Ich hülle ihn in Tuch und Garn/ und mach ihn täglich satt.“

Und ein seltenes Ding ist der Körper. Während es Ringe wie Sand am Meer gibt und Ringe quasi ständig irgendwo vorkommen, von Gruppen gar nicht zu reden, gibt es eigentlich nicht viele bedeutende Körper; es gibt da den Körper R, aber, von Q und C einmal abgesehen, ist das auch der einzige Körper, der wirklich eine prominente Rolle spielt; und wenn wir den Begriff des Körpers noch ein wenig weiter festlegen und außerdem auch noch fordern, daß der Körper vollständig und archimedisch angeordnet sein soll, dann haben wir R sowieso schon bis auf Isomorphie definiert; mit anderen Worten, brauchbare, praktisch anwendbare Körper gibt es sowieso nur diesen einen, eben R.

Mein Spitzname war „die Eule“. Eine Eule ist bekanntlich auch das Athene zugeordnete Tier, und ich denke nicht, daß die Athener ihre Göttin mit einer Eule gleichsetzten, um sie zu beleidigen, aber ein Symbol für die Schönheit ist die Eule auch nicht gerade, und meine Altersgenossen meinten diesen Spitznamen eindeutig pejorativ. Erfunden hat den Spitznamen ein Junge, wenn ich mich nicht irre (es ist aber natürlich auch möglich, daß er nur einen Namen benutzte, den jemand anders hinter meinem Rücken erfunden hatte), und Jungen haben ihn auch häufiger verwendet als Mädchen. Athena im übrigen ist eine typische Vaterstochter, mit einer starken Bindung zu ihrem Vater, aber keiner Beziehung zu ihrer Mutter, die sich gewöhnlich hervorragend mit Männern versteht, allerdings ewig Jungfrau bleibt, ein typischer Kumpeltyp eben, eine, die mit Männern zusammen Städte erobert und niederbrennt, aber nicht mit ihnen ins Bett steigt. Eigentlich bin ich ihr nicht sehr ähnlich, sondern eher das gerade Gegenteil von ihr: mit meiner Mutter habe ich mich eher verstanden als mit meinem Vater, und ich hatte kaum männliche Freunde, außer in einem erotischen Kontext; ich glaube, unter Frauen, die ein typisches Männerfach studieren, ist das eine eher seltene Konstellation. Meine Klassenkameraden jedenfalls beschlossen, daß ich eine Eule sei, und dadurch wurde ich eine häßliche Eule.

Eine andere hielt sich selbst für eine große Schönheit, und erstaunlicherweise gelang es ihr, auch ihre Mitmenschen von dieser Meinung zu überzeugen. Ihr Gesicht war eine schiefe Fratze, und sie hatte unschöne Zähne, und ihr Körper war von der unangenehmen Magerkeit eines Menschen, der schon sehr früh angefangen hat, sehr viel zu rauchen, und nicht für viel Geld würde ich mit ihr tauschen wollen, aber sie war derart eitel, daß alle Welt sie für wunderschön hielt und ich sie sogar eine Zeitlang um ihre Schönheit beneidete, wenigstens ein bißchen; um ihre stupende Stupidität freilich beneidete ich sie nicht. Sie war eine der ersten, die auf die Idee kam, sich die Lippen pink zu färben, und mit Vorliebe trug sie Jeans, die so eng waren, daß der Spalt zwischen ihren Schamlippen deutlich als Falte zu sehen war. Sie hatte eine ziemlich plumpe und direkte Art, Jungs anzubaggern, und war darin, soweit ich weiß, erstaunlich erfolglos: die meisten wollten mit ihr nichts zu tun haben. Ich nehme an, daß sie außerhalb unseres schmalen gemeinsamen Bekanntenkreises genug kannte, die sich von ihrem billigen Wesen verzaubern ließen, aber innerhalb dieses Kreises sah ich sie höchstens mit solchen Jungs, die in der sozialen Hackordnung ziemlich weit unten standen, und die sich von ihr trennten, wenn es ihnen gelang, aufzusteigen und mit angeseheneren Jungen Freundschaft zu schließen (nun, es wird schon seinen schlechten Grund gehabt haben, warum sie so früh zu rauchen anfing, aber da dieser Text nicht von ihr, sondern von mir handelt, ist es wohl nicht nötig, ihr Gerechtigkeit widerfahren zu lassen). Ein paar mal (oder nur einmal, und meine Erinnerung verallgemeinert das eine Mal zu ein paar mal) machte sich ein Junge an mich heran in der Erwartung, ich sei schließlich so häßlich (oder so weit unten in seiner Rangordnung), daß ich ihn unmöglich abweisen würde, und er also nichts riskierte, wenn er probierte, bei mir zu landen. Meine abweisende Haltung wird ihn noch mehr in der Meinung bestärkt haben, ich müsse eine sehr sonderbare und verdrehte Eule sein. Auf die Idee, daß ich vielleicht auch nicht häßlicher bin als andere Frauen, kam ich erst, als ich feststellte, daß Jungs/junge Männer, die ich außerhalb der Schule auf Feten kennen lernte, und die nicht wußten, daß ich die Eule war, sich öfters durchaus daran interessiert zeigten, mit mir ins Gespräch zu kommen und mich durchaus nicht wie eine Eule behandelten. Ich schloß daraus, daß mit mir selbst alles in Ordnung war, und daß es die Jungs an meiner Schule waren, die irgendwie blöde waren, und daß es nicht länger einen Grund gab, in einen von ihnen unglücklich verliebt zu sein, ohne daß er es wußte, und eine Freundin, der ich diese Schlußfolgerung vortrug, war so freundlich, sie mir voll und ganz zu bestätigen. Das führte dazu, daß ich in der Folge mir die Worte meiner Mitschüler nicht mehr besonders zu Herzen nahm, und daß führte in der Folge seltsamerweise dazu, daß einige von ihnen dazu übergingen, zu sagen „die Eule ist eigentlich ganz in Ordnung“, und in der Oberstufe, als ich als Brille ein zierliches Drahtgestell trug, das nichts mehr Eulenhaftes an sich hatte, war dieser Spitzname vergessen, und es wurde mir auch verziehen, daß ich die Beste (das heißt, derdiedas Beste) in Mathematik war.

Schade, daß ich diese Entdeckung nicht früher machte. Aber ich ging selten auf Feten und schloß wenige Freundschaften, vermutlich gehört das zu den Dingen, für die mir die Begabung fehlt. Neue und fremde Menschen sind mir ziemlich unheimlich, und große Menschenansammlungen ziemlich unangenehm. Deshalb habe ich wohl eine gewisse Bewunderung für Menschen entwickelt, die viel reden können. Zwei Freundinnen gibt es, oder Bekannte -ich vermisse ein Wort, das die Waage hält zwischen enger Freundin und bloßer Bekannten- von denen die eine ähnlich schüchtern und schweigsam war. Als sie dann anfing, einen Beruf auszuüben und viel mit verschiedenen Menschen zu tun hatte und Verantwortung übernehmen mußte, lernte sie wohl irgendwie, mit Menschen umzugehen, und seither hat sie sich stark gewandelt und ist nun überhaupt nicht mehr schüchtern und schweigsam, es scheint sich also nicht um einen unheilbaren Defekt zu handeln. Die andere fällt mir ein, weil sie einmal, auf einem Fest, so betrunken war, daß sie nicht mehr aufhören konnte zu reden: „ich will ufhörn, zu reden, aber es geht net, o menno, warum geht denn des net“ sagte sie unter anderem im Verlauf eines längeren Monologs; eigentlich hätte sie den Namen einer Sibylle verdient; ein kleines bißchen verliebte ich mich, glaube ich, in diesem Moment in sie, oder ich wurde neidisch auf sie, wie sie da redete und wunderschön war. Übrigens fanden auch meine anderen Gefährtinnen (umfaßt Freundinnen und Bekannte) sie wunderschön und bewundernswert und hielten sie für etwas ganz besonderes; und die Männer wohl auch, aber das weiß ich nicht so genau; nur sie selbst hielt sich für nichts Besonderes. Ich glaube, sie war die Einzige, die ich hätte sein mögen, wenn ich nicht schon ich wäre (ich glaube, Händel hat mal über Bach gesagt, Bach wäre der einzige Bursche, der er hätte sein mögen, wenn er nicht schon der Händel wäre; kann aber vielleicht auch umgekehrt gewesen sein, und die Tradition, Bach über Händel zu stellen, korrumpiert mein Gedächtnis; komisch, daß kaum jemand sich wünscht, Großkönig von Persien gewesen zu sein, Demokrit etwa hätte die Entdeckung einer einzigen Ursachenerklärung der Königswürde vorgezogen).

Bei Freundschaften zwischen Frauen war ich meistens, das heißt, in drei Fällen, an die ich mich erinnern kann, die Dritte in einem Trio. Und jedesmal war es so, daß (jedenfalls bilde ich es mir ein) die Beziehung zwischen den beiden anderen enger war als zwischen mir und einer von Beiden. Während ich andererseits auch meistens hätte angeben können, wer von beiden mir näher stand. Wie bei einem Dreieck, bei dem alle drei Seitenlängen paarweise verschieden sind, wobei ich die Ecke bin, in der die beiden längsten Seiten sich treffen. Warum das so ist, weiß ich nicht, vielleicht hängt es damit zusammen, daß ich andere Menschen nicht zu nahe an mich heranlassen möchte und eine reine unverdünnte Freundschaft mit einer einzigen besten Freundin für mich zu anstrengend und schwierig ist. Es kann sich aber auch um einen Zufall handeln, schließlich sind drei Fälle noch keine sehr eindrucksvolle Statistik, obwohl Psychologen diese Erklärung sicher nur ungern hören würden, schließlich haben sie gelernt, überall dort Bedeutung zu sehen, wo gewöhnliche Sterbliche nur Zufall sehen. Oder es kann sich auch um Einbildung handeln, und jede der beiden Anderen hatte ebenfalls das Gefühl, die Beziehung zwischen den beiden Anderen sei jeweils eine Spur inniger gewesen als zu ihr.

Nun, würde mein Freund mit einer Anderen ankommen und eine Beziehung zu dritt vorschlagen, dann würde ich ihn umbringen. Oder, da ich ein friedlicher und bescheidener Mensch bin und der vorherige Satz eine rhetorische Übertreibung enthält, vielleicht eher mich; jedenfalls könnte ich nicht mehr mit ihm zusammenleben. Andererseits - mein Freund Nummer drei (oder eigentlich nicht Freund, mein Wunschobjekt Nummer drei) trieb eigentlich genau das mit mir, er hatte eine Andere und hielt mich trotzdem eine ganze Zeitlang hin. Vielleicht wäre er sogar bereit gewesen, sie mit mir zu betrügen, und inzwischen bin ich der Meinung, daß es sich um ein ziemliches Arschloch handelte, genau wie inzwischen seine damalige Freundin, mit der ich mich noch immer gut verstehe, und ich bin froh und befriedigt, daß ich ihm damals nicht die Blüte meines Mädchentums schenkte, obwohl ich mich damals selbst nicht verstand und furchtbar unglücklich war.

Nun bin ich aber schon näher an der Gegenwart, als ich eigentlich sein wollte, und habe mich zeitlich weit von meiner Menarche wegbewegt, der ich noch drei letzte Absätze widmen will.

Als Jugendliche hatte ich einige Zeit lang nicht sehr ernsthaft die Theorie, die dreizehn könne deswegen zu einer Unglückszahl geworden sein, weil bei vielen Mädchen die Menarche in das dreizehnte Lebensjahr fällt. Aber das ist in Wahrheit erst seit der Industrialisierung so (die nebenbei außerdem auch noch zu einem Anstieg von Körpergröße, IQ und Lebenserwartung geführt hat); Innuitfrauen haben ihre Menarche gewöhnlich mit dem dreiundzwanzigsten Lebensjahr: muß ziemlich paradiesisch sein, sich bis zum dreiundzwanzigsten Lebensjahr nicht um Verhütung kümmern zu müssen, andererseits, vielleicht haben die Innuitfrauen überhaupt erst mit sechsundzwanzig Lust auf Sex? Im übrigen setzen die meisten Kulturen, die irgendwie Menarche und Mindestheiratsalter korrelieren, das entsprechende Alter als symbolisch befriedigendere ganze Zahl, etwa als heilige, teilerreiche zwölf oder als vierzehn, das heißt, zwei Siebenerzyklen, fest. Eher wohl ist die dreizehn die Zahl, die die Symmetrien der wohlgefälligen zwölf zerstört.

Sehr hilfreich fand ich es, meine morgentliche Aufwachtemperatur zu messen und aufzuschreiben, und nachdem ich damit anfing, entwickelte ich ein ganz anderes und freundschaftlicheres Verhältnis zu meiner Regel und zu meinem Körper; das ganze bestand nun nicht mehr aus mehr oder weniger unvorhersagbaren Übelkeiten und Blut und Umständen, sondern hatte einen in Zahlen beschreibbaren Sinn und war wörtlich eine Regel. Vielleicht kommt aber auch dazu, daß die ersten paar Zyklen sowieso oft besonders unangenehm sind. Nach einer Weile jedenfalls glaubte ich sogar den Zeitpunkt des Eisprungs fühlen zu können, nämlich als ein besonderes Ziehen im Bauch, und selbst, wenn es sich dabei um eine Suggestion handeln sollte (was ich eigentlich nicht glaube, aber schließlich habe ich mich, wie gesagt, schon öfters in wichtigen Fragen geirrt), sind meine körperlichen Empfindungen viel deutbarer und damit erträglicher geworden (außerdem läßt sich diese Temperaturkurve auch noch zur Verhütung verwenden, allerdings erst, denke ich, nach einiger Eingewöhnung und sich vertraut machen mit dem eigenen Zyklus; es braucht, denke ich, unter Umständen ein Jahr, um herauszufinden, was für Abweichungen aufgrund welcher Ursachen (wie Erkältung, Streß, Schlafmangel) wann wie zustande kommen; ich werde darauf noch einmal am Ende dieses Textes zurückkommen).

Ich glaube, es war Theweleit, der irgendwo mal die Menarche der Mädchen mit der ersten Masturbation oder dem ersten Orgasmus der Jungs verglich und daran einige Überlegungen anschloß, wie junge Männer sich in ihrem ersten Schritt auf das Erwachsenesein als Entdecker und Eroberer fühlen, junge Frauen dagegen als defekt und defizitär. Aber so ganz stimmt das ja nun nicht, schließlich habe auch ich einmal zum ersten Mal masturbiert und hatte einen ersten Orgasmus und kann mich noch daran erinnern.

Ich weiß nicht genau, wann die Mode mit den Büchern aufkam, die ihre Geschichte nicht linear erzählten, sondern sich zu mehreren Alternativen verzweigten. Borges beschreibt derartiges, und Cortázar führt es aus (wobei ich seine Rayela in dieser Hinsicht, muß ich gestehen, eher enttäuschend fand: ich meine, daß dieses Buch sich nur auf zwei Arten lesen läßt, die sich nicht wesentlich unterscheiden: einmal mit und einmal ohne Anmerkungen (enttäuschend vor allem im Vergleich mit den anderen, weniger bekannteren, aber meiner Meinung nach weitaus charmanteren Büchern Cortázars)), aber ich meine nicht diese, sondern die spätere Nutzanwendung dieses Prinzips für die Trivialliteratur, wo der Leser in die Rolle des Helden schlüpft und sich durch ein Labyrinth müht und Monster vermeiden oder mit Hilfe von Würfeln besiegen und magische Gegenstände einsammeln muß, mit deren Hilfe er am Ende den Oberbösewicht besiegen kann, wenn er die meisten Abzweigungen glücklich gewählt hat, oder andernfalls mit dem vorzeitigen Ende des Buches und dem Tod des Helden bestraft wird. Die Bücher dieser Art, die ich las, waren, glaube ich, eine zweite Welle von Büchern dieser Art, nachdem die Entdeckung dieser Art Bücher für die Trivialliteratur bereits einige Jahre zurück lag. Seither hat sich dieses Genre, soweit ich weiß, einigermaßen etablieren können: meine Brüder haben sich, wieder einige Jahre später, neuerschienene Bücher dieses Typs gekauft.

Jedenfalls fällt mein erster Orgasmus in die Zeit, als sich meine Phantasie mit der magischen Welt jener geordneten Graphen beschäftigte, mit Schabernack treibenden Feen und Elfen und Menschen. Von dort ausgehend, spann ich mir meine eigenen Geschichten, wobei ich bemerkte, daß bestimmte Handlungsverläufe mein Interesse ungleich stärker fesselten als andere, und zwar insbesondere solche verwirrten mich unsagbar, in denen einige männliche Wesen auf irgend eine Art und Weise ihr Schindluder mit der Heldin trieben. Insbesondere dachte ich mir eine Geschichte aus, in deren Verlauf die Heldin einen bestimmten Mann ausgesprochen schlecht behandelt und dann ihrer gerechten oder vielleicht auch übertriebenen Strafe zugeführt wird und ihm in Zukunft in allem gehorchen muß und er von ihr verlangt, daß sie vor ihm tanzen soll, und ich, auf dem Bauch liegend, ahmte mit meinem Becken die Bewegungen der Heldin nach. Und dann passierte es.

Ich beschloß, daß es von nun an ruhig öfter passieren könnte. Ich stellte dann fest, daß alles etwas leichter und müheloser geschah, wenn ich mit den Händen nachhalf (wozu es praktischer war, wenn ich auf dem Rücken lag und die Beine öffnete), und obwohl es mir mit den Händen zunächst ein wenig unheimlich war, benutzte ich diese zweite Methode schließlich öfter und öfter, bis ich endlich feststellte, daß ich große Mühe hatte, mit meiner ursprünglichen tribadischen Methode überhaupt zum Orgasmus zu kommen, und ich mich im Nachhinein wunderte, daß es mir beim ersten Mal überhaupt möglich gewesen war.

Ich hoffe, es ist an dieser Stelle müßig zu wiederholen, daß, wenn jemand auf die Idee käme, zu sagen „aha, ihre allererste Masturbationsphantasie handelte also von Unterwerfung und davon, daß sie gegen ihren Willen dazu gezwungen wurde, vor einem anderen zu tanzen, wenn ich also vor sie hintreten würde und sagen würde: ich bin von nun an dein Herr, los, tanze vor mir, dann müßte sie ganz begeistert sein und vor mir dahinschmelzen“, daß so jemand ein ausgesprochener Trottel wäre, der wenig von dem begriffen hat, was ich sagen möchte.

In einem protokollierten und für die Nachwelt erhalten gebliebenen Gespräch der Surrealisten über Sex finden sich auch einige Bemerkungen über ihre Masturbationsphantasien, und es hat mich sehr erstaunt, wie schlicht und unkompliziert ihre Phantasien, sowohl die der Männer als auch die der Frauen, waren, um nicht zu sagen, nicht vorhanden2, während ich keinen Orgasmus haben kann, ohne entweder mit einem Mann zu schlafen oder mir verwickelte und komplizierte Geschichten auszudenken. Ich denke, es hängt damit zusammen, daß bei den Phantasien taktile und visuelle Reize wegfallen, die beim aktuellen Erleben vorhanden sind, und überhaupt der wirkliche Akt etwas viel gewaltigeres ist als die wildeste Phantasie, so daß meine Phantasien meistens viel extremer sind, als alles, was ich real je gemacht habe oder vorhabe zu machen. Anders gesagt:

Auf dem Bauch zu liegen und von meinem Freund am Hinterkopf (einer meiner erogensten Stellen, vielleicht bin ich doch eine Athena), am Rücken, am Hintern und an den Fußsohlen gestreichelt zu werden, ist eine wunderschöne Sache, eine der schönsten Dinge überhaupt, die ich kenne, aber andererseits als Gegenstand einer Masturbationsphantasie, zumindest für mich, völlig ungeeignet, langweilig und untauglich. Statt dessen male ich mir mit mir allein extremere Verwicklungen aus, die mich in der Realität vielleicht ekeln würden; vielleicht aber auch nicht, denn so sehr schnell ekelt mich nichts.

Außerdem ist es so, daß ich ein und die selbe Phantasie, ein und den selben Plot nicht beliebig oft zum Masturbieren verwenden kann, so, wie auch ein gutes Buch es nicht unbedingt schadlos erträgt, siebenmal hintereinander gelesen zu werden: es nutzt sich ab und wird langweilig. Weshalb ich eigentlich immer etwas neues, neue Varianten und Variationen erfinden muß, so daß es zu einer ständigen Veränderung und Weiterentwicklung meiner Phantasien kommt.

Ehe ich das Masturbieren entdeckte, waren die Nächte für mich eher etwas trostloses und unerfreuliches. Als kleines Kind geschah es öfter, daß ich nachts wachlag und an Beklemmungen litt, die ich irgendwie rationalisierte, etwa mir ab einem bestimmten Alter einbildete, ich hätte Angst vor einem Atomkrieg oder ähnliches. Die allerersten Arten dieser Rationalisierungen des Angstgefühls kenne ich nicht mehr, und es war auf keinen Fall so, daß ich als Kind Nachts wach lag und an die Möglichkeit eines Atomkrieges dachte und Angst bekam, sondern umgekehrt, ich lag wach und bekam die Angst und dachte dann in dieser Angst an alles Schlimme und Schreckliche, das ich mir vorstellen konnte. Später füllte ich dann die Angst mit einer religiösen Vorstellung, die etwa folgendermaßen beschaffen war: daß es nämlich denkbar wäre, daß der Teufel eine bestimmte Frage an mich stellt, und ich auf eine ganz andere Frage etwas antworte, und seine Frage und meine Antwort zusammen ein verhängnisvolles Muster bilden, etwa, indem er mich fragt „Möchtest du mir deine Seele abtreten?“ und ich auf eine ganz andere und harmlose Frage „Ja“ antworte. Eventuell könnte es schon fatal sein, auch nur „Ja“ zu denken, weil das ja schon als Einverständnis gewertet werden könnte. Auf jeden Fall war es gefährlich, „Ja“ zu denken, weil ich dadurch Gefahr liefe, damit versehentlich auf eine ganz andere und fatale Frage die falsche Antwort zu geben. „Nein“ zu denken war, versteht sich, genauso gefährlich, denn schließlich läßt sich leicht eine Frage ausdenken, auf die mit „Nein“ zu antworten katastrophal ist. Mithin waren „Ja“ und „Nein“ zwei Wörter, die auch nur zu denken gefährlich war. Aber auch jedes andere Wort oder jeder andere Satz war gefährlich, weil er ja irgendwie umgedeutet werden konnte und auf fatale Art und Weise eine mich zur ewigen Verdammnis verurteilende Antwort auf irgend eine teuflische Frage sein konnte. Vielleicht gibt es einen Satz, der nicht auf diese Art und Weise korrumpierbar ist, ich jedenfalls kenne keinen solchen Satz und kannte auch schon damals keinen. Eine andere meiner Sorgen war, ich könnte versehentlich meine Finger beim Einschlafen so falten, daß sie die Schwurgeste bilden, was auch wieder irgendwie dazu ausgenutzt werden könnte, das ich versehentlich irgend etwas schwöre, das sich im Nachhinein als fatal erweist. Solange ich noch wach war, konnte ich darauf achten, entweder alle Finger auszustrecken oder alle Finger zur Faust zu ballen, aber niemals Zeigefinger und Mittelfinger allein auszustrecken, aber niemand konnte wissen, was ich tat, wenn ich eingeschlafen war. Im übrigen war ich ja nicht davor gefeit, plötzlich wahnsinnig zu werden und etwas zu sagen oder zu denken, das ich ja gar nicht denken wollte, oder ich konnte versehentlich etwas denken, das ich ja gar nicht denken wollte, denn schließlich können wir nicht im voraus beschließen, was wir denken werden, sondern unsere Gedanken kommen einfach so, ungebeten und wie es ihnen paßt. Und weil ich eben nicht selbst beschließen konnte, was ich als nächstes denken würde, konnte ich zu keinem Moment sicher sein, daß nicht der nächste Gedanke, den ich dachte, fatal war und mich dem Teufel verschrieb.

Zugegebenermaßen ist es ziemlich unwahrscheinlich, daß es genügt, in Gedanken die eigene Seele dem Teufel verschreiben zu wollen, um diesen Pakt rechtskräftig zu machen, denn gewöhnlich wird ja davon ausgegangen, daß es dazu mindestens einer mündlichen Vereinbarung bedarf, wenn nicht gar eines schriftlichen Vertrages, am besten noch mit Blut unterschrieben. Aber diese Unwahrscheinlichkeit war mir damals kein Trost, sondern in diesem zarten Alter entwickelte ich unabhängig von Pascal dessen Argument vom unendlichen Erwartungswert selbst bei kleiner Wahrscheinlichkeit: denn selbst, wenn es sehr, sehr unwahrscheinlich sein sollte, auf diese Art und Weise in die Hölle zu kommen, konnte ich diese Möglichkeit nicht ganz ausschließen, die Hölle andererseits ist das Schreckliche an sich, und selbst wenn die Gefahr der Hölle noch so unwahrscheinlich sein sollte, ist diese Gefahr wegen der unendlichen Schrecklichkeit der Hölle immer noch unendlich schrecklich. So daß ich selbst bei einer sehr geringen Wahrscheinlichkeit Anlaß hatte, mir unendliche Sorgen zu machen.

[Der Vollständigkeit halber, Pascals Argument: nehmen wir an, Gott existiert mit einer Wahrscheinlichkeit von 1/2; dann erwarten den Atheisten nach seinem Tod mit einer Wahrscheinlichkeit von 1/2 das Nichts, mit einer Wahrscheinlichkeit von 1/2 die Hölle, den Gläubigen dagegen mit einer Wahrscheinlichkeit von 1/2 das Nichts, mit einer Wahrscheinlichkeit von 1/2 der Himmel, und letztere Aussicht ist so sehr viel besser als erstere, daß sie den geringen Aufwand des Gläubigseins auf Erden allemal lohnt. Abgesehen davon, daß dieser geringe Aufwand des Gläubigseins auf Erden unter anderem darin besteht, das eigene Streben nach Wahrheit völlig zu korrumpieren und sich zu einer Metaphysik zu bekennen, ohne von ihr ehrlich überzeugt zu sein, anders gesagt, zu lügen, wird diese Argumentation ausgesprochen unbalanciert, sobald wir der Möglichkeit, Gott sei so kapriziös, die Gläubigen in die Hölle zu stecken und die Atheisten mit dem Himmel zu belohnen, eine noch so kleine positive Wahrscheinlichkeit einräumen, eine Möglichkeit im übrigen, die mir auch nicht unwahrscheinlicher zu sein scheint als ihr Gegenteil, denn dann sehen wir uns gezwungen, Unendlich von Unendlich zu subtrahieren, was stets eine gewagte Operation darstellt.]

Einige Gläubige beklagen sich, sie könnten sich ein Leben ohne Glauben nicht vorstellen, und wir Agnostiker müßten doch eigentlich recht arme, frierende Hunde sein, die aus lauter Starrsinn auf all die Annehmlichkeiten eines komfortablen Glaubens verzichteten. Nach dem bisher gesagten wird es wohl wenig überraschen, daß ich gottfroh bin, Agnostikerin zu sein und froh, daß Gott mitsamt seinen gefallenen Engeln für mich tot ist. Ich kann mir schlechterdings kaum vorstellen, an Gott zu glauben, ohne wegen meiner Zweifel über meine Seligkeit wahnsinnig zu werden, „wahnsinnig“ nicht als Synonym für „außerordentlich beunruhigt“, sondern ganz im wörtlichen Sinn. Ich glaube, eine ähnliche Erfahrung des quälenden unausrottbaren Zweifels über ihre eigene Seligkeit hat Paulus und Augustinus und Luther dazu bewogen, ihre Theorie der willkürlichen göttlichen Gnadenwahl zu entwickeln und die Erlösung durch den Glauben an die Stelle der Erlösung durch das Werk zu setzen, die Prädestination, die natürlich ihre eigenen Tücken und Fallstricke hat.

Derartige kindliche Zwangsvorstellungen kommen wohl öfter vor; Rudolf Hausner berichtet davon, oder, um ein naheliegenderes Beispiel zu wählen, mein Bruder klagte als Kind über „schlechte Gedanken“, die ihn Nachts heimsuchten (was mir entsetzlich leid tat, weil ich zu wissen glaubte, wie sehr er leiden mußte, und keine Ahnung hatte, wie ich ihm hätte helfen können), wobei ich nicht weiß, ob es sich um einen Zufall handelt oder eher unseren verdrehten Genen oder unserer verdrehten Sozialisation die Schuld zu geben ist. Besonders religiös bin ich im übrigen nicht erzogen worden, und derartiges hätte auch nicht der Tradition unserer Familie entsprochen: meine Urgroßmutter in mütterlicher Linie war bekannt für ihren rabiaten Atheismus, meine Großmutter ist eine etwas zurückhaltendere Agnostikerin, während meine Mutter einen verwässerten Theismus vertritt, verbunden mit einer Ablehnung von Christentum und Kirche. Es gibt allerdings eine Geschichte, wie ich einmal weinend aus dem Kindergarten kam, weil die katholische Kindergärtnerin mir erklärt hatte, ich, katholisch, werde meine protestantische Mutter im Himmel nicht wiedersehen (wie es dazu kam, daß ich katholisch wurde, ist auch eine ziemlich alberne Geschichte), zum Glück kann ich mich daran nicht mehr erinnern. Erstaunlich ist es aber doch, wie eine Religion, die einen Metzger wie Kyrillos von Alexandrien zum Heiligen und Kirchenlehrer erklärt hat, deren Geschichte von der Ausrottung der Samaritaner, der Zwangstaufe mit anschließender Abschlachtung von Indianerkindern bis zum katholisch-faschistischen kroatischen Gottesstaat der Ustasi eine einzige Ansammlung von Greueln darstellt, die tausend Jahre lang jeden Fortschritt in Kunst und Wissenschaft verhindert hat und die überhaupt alles Menschliche, alles Gute, Wahre und Schöne bekämpft, von so vielen Menschen für eine tragende und unverzichtbare Säule abendländischer Kultur gehalten wird.

Als Kind freilich stand mir noch nicht mein heutiges Wissen und meine heutige Haltung zu gebote und konnte mich nicht retten. War in einer Geschichte oder einem Film von einem Teufelspakt die Rede, bekam ich solche Angst, wie ich sie nicht einmal vor Spinnen oder Höhen empfand, und nur mit äußerstem Widerwillen und größter Beklommenheit konnte ich dem Fortgang solcher Geschichten folgen, die natürlich alle gut ausgingen, was ich zwar wußte, aber was mir nicht das geringste half. Gottlob habe ich mich von dieser Angst inzwischen völlig befreit, so daß ich imstande bin, solche Geschichten mit völligem Gleichmut betrachten und an einer von ihnen, nämlich Fouqués Geschichte vom Galgenmännchen, sogar Gefallen finden (während ich etwa Hauffs steinernes Herz ganz nett, aber letztlich ein wenig zu moralisch finde (vielleicht hat Arno Schmidt recht, zwischen einer Sorte Romantiker zu scheiden, die er die „echten“ nennt, womit Tieck Hoffmann Brentano Fouqué gemeint sind, und dem Rest, Eichendorff Schlegels Novalis Arnim Hauff, wobei erstere sich von letzteren vielleicht auch dadurch scheiden lassen, daß erstere sich weniger Gedanken um die Moral ihrer Geschichten machen als letztere)). Damals verfiel ich schließlich auf den Ausweg, alles, was ich dachte, zu relativieren, indem ich es zur direkten Rede machte: an das, was ich sagte, fügte ich ein „sagte er“ hinzu, um es zu einem Teil eines Textes zu machen, in dem der ursprüngliche Satz nicht mehr gebraucht, sondern nur noch erwähnt wurde. Sicherheitshalber schaltete ich gewöhnlich mehrere Stufen von Anführungszeichen hintereinander, um den eigentlichen Inhalt möglichst weit hinunter zu drücken auf die Ebene der Fiktionalität und Ungültigkeit. Ich kann kein authentisches Beispiel anführen, weil ich mich an keines mehr erinnern kann, aber von der Struktur her sahen meine nächtlichen Gedanken etwa so aus „Jetzt liege ich wieder hier sagte er sagte er sagte er die Angst geht schon wieder los sagte er sagte er sagte er muß auf die Finger achten sagte er sagte er sagte er heute sah ich bunte Ölschlieren in einer Pfütze sagte er sagte er“ und so weiter. Wie gesagt, dieses Zitat gibt nicht adäquat wieder, was und wie ich damals tatsächlich gedacht habe, sondern soll nur illustrieren, wie ich die Worte „sagte er“ benutze, um meine Gedanken von mir wegzuschieben. „sagte sie“ hätte diese Funktion wohl genauso gut erfüllt, aber „sagte er“ erschien mir irgendwie standardisierter, unpersönlicher, wohl, weil ich damals noch ohne Widerspruch hinnahm, daß das Menschliche mit dem Männlichen zusammen fallen soll und das Weibliche die Ausnahme ist.

Ein Kind zu sein, scheint mir, bedeutet, grauenhaften und allen anderen Menschen unverständlichen oder lächerlichen Ängsten ziemlich wehrlos ausgesetzt zu sein, während ein Erwachsener gegen viele Ängste Gegenmittel und Tricks kennt oder viele Ängste einfach abgelegt hat. Daß ein Kind zu sein ein besonderes Glück sei, kann ich deshalb nicht finden, ich jedenfalls bin froh, daß ich kein Kind mehr bin, und ein Teenager möchte ich auch keinesfalls noch sein. Vor meinen Mitschülern, vor meinen Lehrern, vor meinen Nächten und vor der Welt überhaupt, vor Eisverkäufern, Spinnen und Fahrkartenkontrolleuren hatte ich damals Angst, vor dummen und unwichtigen Menschen, und keinerlei Techniken, mit dieser Angst umzugehen.

Was zugestandenermaßen schön war, das war das Versinken in der Welt des Spiels, entweder allein oder mit Bernhard, mit dem ich verwandt war; und weil ich so ungeplant früh zur Welt gekommen war, und er das letzte Geschwister einer vielköpfigen Bauersfamilie, war er nicht mein Cousin, sondern mein Onkel, obwohl wir in die selbe Klasse gingen. Ihm vermutlich habe ich es zu verdanken, daß die Worte Photonentorpedo, Warpantrieb, Dimensionskrümmung und andere pseudowissenschaftliche Erfindungen der Zukunftsmärchen mir nicht fremd blieben. Gemeinsam stellten wir aus Legofiguren die Abenteuer aus Star Wars nach und erfanden in endlosen Fortsetzungsgeschichten neue, wobei wir auch das Personal um Luke und Leia eigenmächtig ergänzten und bereicherten. Einigermaßen verwundert hat es mich später, zu erfahren, daß einige meiner Kommilitoninnen keinen einzigen der Krieg-der-Sterne-Filme gesehen haben.

Die ewigen und endlosen Abenteuer von Luke und Leia in den verschiedensten Winkeln der Galaxis waren allerdings zeitlich gesehen, wenn ich recht weiß, die späteste Variante unseres Spieles. Davor erfanden wir neue Abenteuer eines gewissen Herrn namens Captain Future und seiner Freundin Joan, nachgestellt ebenfalls in Lego, und seine Händel mit den verschiedensten Schurken. Noch weiter zurück in der Vergangenheit liegen die Abenteuer von Captain Kirk und seinem ersten Offizier Spock, nachgespielt in Playmobil, oder von Superman und Supergirl, ebenfalls mit Playmobil realisiert. Gelegentlich erfanden wir uns auch unsere eigenen Helden, die gewöhnlich etwa siebzehn Jahre alt waren, was uns damals furchtbar alt und erwachsen vorkam. Ich kann mich aber auch noch an Spiele erinnern, für die wir (beinahe) ausschließlich die Spielfiguren der Schlümpfe benutzten, oder von Asterix und Obelix, oder wir benutzten die hölzernen Spielfiguren von Brettspielen, eine Kugel, die auf einem Kegel ruht, denen wir mit Filzstift Gesichter gemalt hatten, und ließen sie in einem Labyrinth nach Verbrechern jagen, das wir gemeinsam mit Kreide auf eine Tafel gemalt hatten. Sogar Ministeck läßt sich zu einer Sammlung von Spielfiguren umdeuten, wenn die Vereinbarung getroffen wird, daß der weiße Einserstecker der strahlende Held, der hellgelbe seine blonde Gefährtin ist, die vielen grauen Einserstecker dagegen die zahllosen namenlosen Hilfstruppen des Schurken und der Schurke selbst der schwarze Einserstecker, ein hilfreicher Freund der blaue Einserstecker, und so weiter.

Das Laserschwert Lukes bestand aus drei übereinandergesteckten durchsichtig-grünen runden Elementen, die auf einem Elektrokontakt befestigt werden konnten, der zwar eigentlich kein Bestandteil Legos war, aber zufällig trotzdem genau in die Hand einer Legofigur paßte, und Darth Vader hatte ein ähnliches Teil aus durchsichtig-roten Elementen; eine Quelle ständiger Frustration war die Tatsache, daß R2D2 sich nicht befriedigend in Lego nachbauen ließ. Ein paarmal übrigens spielten wir auch mit Barbiepuppen, die aber deshalb nicht besonders praktisch waren, weil sie so groß waren und das Spiel dadurch so unförmig wurde. Die Legofiguren dagegen waren von idealer Größe: gerade noch groß genug, um die verschiedenen Charaktere bequem auseinander halten zu können, aber nicht größer. Und auch die Legofiguren ließen sich verkleiden.

Erstaunlich oft sind Zeitungen irgend welche Aufkleber beigeheftet, oder es tun sich anderswo Quellen für Aufkleber auf: die sammelten wir sorgfältig, schnitten sie dann, wenn wir einen neuen Helden oder Schurken oder WeißNochNicht brauchte, zurecht, und beklebten die Figuren damit. Von den ursprünglichen Motiven der Aufkleber war dann nichts mehr zu erkennen: der ursprüngliche Aufkleber hatte etwa vielleicht zum Beispiel aus einer politischen Parole bestanden, mit weißer Schrift auf schwarzem Grund, und ich schnitt dann ein Stück Schwarz in der Form zweier Halbmonde aus und klebte es einem geheimnisvollen Fremden auf die Brust. Außerdem verwendeten wir die bunten Alufolien, in die Bonbons und Pralinen und Schokoladeneier eingewickelt sind, für ehrfurchtgebietende Umhänge und Schärpen und gefärbte Haare, indem wir die Legomützen damit umwickelten. Viele unserer Helden der Spätphase hatten Pink gefärbte Haare (Luke dagegen eine schlichte weiße Mütze, die seine blonden Haare repräsentierte, Captain Future entsprechend eine rote Mütze, und Leia die beiden schwarzen Lego-Standard-Zöpfe).

Bei den Spielen, die nicht auf irgend welchen Vorlagen basierten, sondern von uns selbst erfunden waren, waren die Übergänge zwischen Helden und Schurken unbestimmt und fließend. Einmal etwa spielten wir in der Badewanne (das heißt, wir beide waren bekleidet und außerhalb der Badewanne, nur unser Spiel war in der Badewanne, es wäre uns nicht eingefallen, zusammen zu baden, denn obwohl wir öfter zusammen im selben Zimmer schliefen, wenn eine den anderen besuchte, vermieden wir es, uns voreinander nackt zu zeigen) die Auseinandersetzungen zwischen friedlichen Hafenbewohnern und ihrer Handelsflotte einerseits, U-Boot-Piraten andererseits, wobei die U-Boote leere Ampullen mit Backaroma waren, und obwohl anfangs klar war, daß die Piraten die Bösewichter waren, verkehrte sich allmählich unsere Sympathie, bis wir schließlich am Ende auf der Seite der Piraten standen, die von den Hafenbewohnern verfolgt und gejagt wurden, und die Verteilung von Gut und Böse sich umgekehrt hatte. Gewöhnlich allerdings versuchten wir solche Umkehrungen zu vermeiden, denn dabei konnte es ja leicht passieren, daß einer noch immer mit den alten Guten sympathisierte, während der oder die andere bereits die alten Bösen zu den neuen Guten erklärt hatte, was leicht zu Uneinigkeiten über den weiteren Spielverlauf hätte führen können. Bei den Spielen, die auf einer Vorlage beruhten, war eine solche Umkehrung ohnehin nicht möglich: Luke konnte nur der Gute, Darth Vader nur der Böse sein. Allerdings handelten nicht alle unsere Spiele vom Kampf zwischen gut und Böse, zumindest in der Frühphase gab es öfters auch Spiele, die eher von sozialen Beziehungen handelten oder als Humoresken gedacht waren.

Von Kimba, dem weißen Löwen (den sich, ich weiß es nicht genau, möglicherweise irgendein rassistischer Südafrikaner ausgedacht hat) hatten wir gleich zwei Exemplare, und eines unserer frühesten Spiele hatte die Biene Maja und ihren Freund Willi als Helden, wobei Willi bei uns im Gegensatz zur Vorlage eine beträchtliche Aufwertung erfuhr, denn schließlich ist es nicht sehr reizvoll, wenn einer der beiden Haupthelden ein Trottel ist, und es können ja nicht beide die kluge Maja spielen.

Ein Old Shatterhand, der, wenn ihm auf den Rücken gedrückt wurde, seinen Arm zu einem Axthieb schwang und dem, wenn er den Ellbogen beugte, der Oberarmmuskel anschwoll, war im Vergleich zu den Legofiguren, ein Riese und gab deshalb öfters die Rolle eines Superschurken. Einmal ließen wir ihn Captain Future zum Hirntausch zwingen, so daß er selbst, in Futures Körper, alle Welt glauben machen konnte, er sei tatsächlich Future, um so ungehindert seine finsteren Pläne in die Tat umsetzen zu können, während der Geist Futures in dem Körper des Riesen gefangen war. Meistens ließ ich den Riesen, der ursprünglich Old Shatterhand hieß, nackt auftreten, wobei er ganz nackt nie war, denn eines seiner Körperteile bestand aus einer weißen Unterhose, an der Oberschenkel und Oberkörper mit Kugelgelenken befestigt waren. Den Anblick dieses männlichen Körpers mit seinen nicht bodybuilderhaft übertriebenen, aber doch unübersehbar vorhandenen Muskeln und der dezenten, aber gleichfalls unübersehbaren Schwellung in der Unterhose übte ab einem bestimmten Zeitpunkt eine gewisse Faszination auf mich aus, und eventuell faßte ich ihn öfter an und verdrehte seine Gelenke, als eigentlich für die Handlung des Spiels nötig gewesen wäre. Seine unablegbare weiße Plastikunterhose faszinierte mich derart, daß ich Jahre später ein kleines Kunstmärchen schrieb über einen Mann, der von einer bösen Fee ins Bett gelockt wird und am nächsten Morgen feststellen muß, daß sie ihm nachts heimlich eine verhexte Unterhose angezogen hat, die er nun nicht mehr ablegen kann, und daß sie seine Feindin ist, die sich auf diese Weise an ihm rächen will. Die Unterhose erweist sich in diesem Märchen als aus einem glänzen, harten, unzerstörbaren (und natürlich weißen) Material gefertigt, und der Held ist ziemlich verzweifelt. Möglicherweise der Ausgangspunkt weiterer Obsessionen meinerseits [später verband ich das Motiv mit einer weiteren Obsession, dem grünen Badeanzug].

Das Spiel mit Lego zerfiel notwendigerweise in zwei Phasen: dem eigentlichen Spiel, und der Vorbereitung, in der wir die handelnden Personen ausstaffierten und die Raumschiffe (oder Autos oder Segelboote) zusammenbauten. Anfangs waren wir bei diesen Zusammenbauten recht wahllos und interessierten uns nur für die Funktion, nicht für das Design, später wurden wir wesentlich heikler und kritischer und duldeten Raumschiffe nur noch in sorgfältig ausgewogenen Farbzusammenstellungen, am besten, auf nur zwei Farben beschränkt, etwa Grau und Rot oder Grau und Schwarz oder Weiß und Blau (wobei Weiß immer eine sehr heikle Farbe war, denn weiße Legobausteine neigen dazu, im Laufe der Zeit einzustauben und auf unangenehme Art und Weise zu verschmutzen, was weniger schlimm gewesen wäre, wenn nicht der Kontrast zwischen neuen und älteren weißen Bausteinen die Verschmutztheit der letzteren besonders deutlich ins Bewußtsein gerückt hätte), und in eleganten, schlanken, symmetrischen, ausgewogenen Formen. Heikel war es, einen X-Wing-Fighter aus Lego nachzubauen: zwar war das durchaus möglich, aber wenn dieser X-Wing-Fighter tatsächlich aufklappbare Flügel und ein aufklappbares Cockpit besitzen sollte, dann nur um den Preis, daß in ihm alle vier großen Klappen, alle beide kleinen Klappen und sämtliche durchsichtigen gelben schrägen Elemente verbaut wurden, und ein großer Teil anderer wichtiger und seltener Elemente, so daß für andere Raumschiffe kaum noch etwas übrig blieb, etwa nicht einmal mehr eine funktionierende Ladeklappe für den rasenden Falken, und es kam dazu, daß der X-Wing nicht einmal besonders stabil und für ernsthafte Einsätze nicht besonders praktisch war, mit der Folge, daß auch Luke meistens zusammen mit den anderen im rasenden Falken durch das Universum reiste, was ohnehin Vorteile für die Konstruktion der Handlung hatte. Im übrigen einigten wir uns darauf, daß der menschliche Erfindergeist des dreißigsten Jahrhunderts (oder wann immer unsere Geschichten sich ereigneten) imstande war, ein Raumschiff mit einem Kraftfeld auszustatten, das nicht nur für einen phantastischen cw-Wert sorgte, sondern außerdem auch noch im Weltraum die benötigte Luft um den Raumfahrer mit der nötigen Dichte zusammenhielt, so daß wir einerseits die meisten Raumschiffe als Cabriolet konstruieren konnten, andererseits unsere Helden sich nicht mit Raumanzügen herumschlagen mußten.

Wichtige Personen hatten eine Neigung zur Verdopplung, so daß es etwa zwei Haupthelden, zwei Hauptbösewichter, zwei Buffo-Nebenhelden, zwei Roboter im Besitz der Haupthelden und so weiter gab. Zum Glück kamen uns in diesem Punkt unsere Vorlagen weitgehend entgegen: schließlich braucht auch in einem Film, der von einem einzigen Regisseur gestaltet wurde, der Oberschurke seinen ersten Offizier, den er in seine finsteren Pläne einweihen kann, und mit ihm das Publikum, das sich sorgenvoll fragen muß, wie die Helden diesen finsteren Plänen entgehen sollen. Wobei die Rolle des zweiten Haupthelden manchmal nicht eindeutig war: bei Star Wars war offensichtlich Luke der erste Hauptheld, aber der zweite Hauptheld konnte sowohl sein Freund Han Solo als auch Leia sein; entsprechend waren das dann beides meine Rollen.

Gelegentlich konnte es vorkommen, daß einer eine Figur in seinem Besitz an den anderen abtrat, etwa, wenn wir feststellten, daß die Verteilung der Figuren zu unausgewogen war, aber das war eher ein seltenes Phänomen der Frühphase, später waren wir erfahren genug im Aufteilen der Rollen auf uns beide, daß wir solche Korrekturen nicht mehr nötig hatten. Außerdem kam das, soweit ich mich erinnere, ohnehin nur bei übernommenen, nie bei selbst erfundenen Figuren vor, die viel zu sehr mit einem selber verwachsen waren, als daß sie sich ohne weiteres hätten austauschen lassen. Wie schon erwähnt, reicherten wir auch die Spiele mit von einer Vorlage übernommenem Personal um zusätzliche Helden, Schurken, Nebenschurken und neutrale Gestalten an, von den vielen Komparsen nicht zu reden.

Von wenigen Ausnahmen abgesehen, übernahm Bernhard ausschließlich männliche Figuren, ich dagegen sowohl männliche als auch weibliche Rollen (abgesehen von Robotern und Monstern undefinierbaren Geschlechts; auch Aliens dachten wir uns gewöhnlich als männlich, im Gegensatz zu der üblichen Konvention in der Biologie, der zufolge aller Tiere zunächst einmal weiblich sind, es sei denn, sie weisen irgendwelche Merkmale auf, die sie als männlich qualifizieren). Aus pragmatischen Gründen wäre es kaum vorstellbar gewesen, daß ich mich ausschließlich auf weibliche Figuren beschränkt hätte, denn dazu gab es schlichtweg zu wenig, auch wenn es nicht immer so extrem war wie im Fall der Schlümpfe, wo auf hunderte von männlichen eine einzige weibliche Figur kam (in gewisser Weise stellen die Schlümpfe bestimmte Verhaltensweisen und Berufe, also bestimmte typische Rollen dar: es gibt die Rolle des Verkehrspolizisten, die Rolle des Zuckerbäckers, die Rolle des Baßgitarristen, und die Rolle des Frau-seins; was für ein extremer Ausdruck dafür, daß Mann-sein das normale, Frau-sein dagegen die Ausnahme ist. Es kann sein, daß es außer Schlumpfinchen noch ein paar weitere weibliche Schlümpfe gibt, etwa eine Krankenschwester-Schlumpfin neben einem Arzt-Schlumpf oder derartiges, aber das macht die Sache kaum besser). Seltsam, daß ich mir nichts dabei dachte, männliche Rollen zu übernehmen, während es sowohl Bernhard als auch ich komisch gefunden hätte, wenn er weibliche Rollen übernommen hätte; wohl, weil eine bestimmte neutrale Rolle zunächst einmal eine männliche Rolle ist, und es schon einer besonderen Motivation bedarf, um sie zu einer weiblichen Rolle zu machen: ein Raumschiffhändler oder ein Schiffbrüchiger oder ein verrückter Wissenschaftler oder ein Zuckerbäcker ist eben zunächst einmal ein Mann, und um diese Rolle mit einer Frau zu besetzen, bedarf es erst einmal besonderer Gründe, und nur eine Rolle wie Geliebte-des-Helden trägt diese Gründe schon in sich selbst.

In ähnlicher Weise kann sich eine Frau einen Männeranzug in ihrer Größe anziehen, ohne damit das geringste Aufsehen zu erregen, während ein Mann, der sich ein Kleid anzieht, unweigerlich Befremden erregt: ist der schwul oder pervers oder was?

In gewisser Weise ist es also ein Vorteil, eine Frau zu sein, weil es ermöglicht, sich das Beste sowohl aus der Welt des Männlichen als auch des Weiblichen auszusuchen, während die Männer viel mehr ausschließlich auf die Welt des Männlichen beschränkt sind (oder, als Transvestiten, komplett und ganz und gar in die Welt des Weiblichen wechseln müssen und peinlich genau darauf achten müssen, ja nichts spezifisch männliches zu tun, so, wie die meisten Männer peinlich genau darauf achten müssen, ja nichts spezifisch weibliches zu tun, ohne die Möglichkeit, frei und nach Belieben zwischen beidem zu wechseln und Elemente aus beidem miteinander zu verbinden), aber andererseits führt es dazu, daß die Rollen der Frauen veröden und fast alles von den männlichen Rollen geschluckt werden: zwar dürfen Männer nur Männer sein, aber dafür dürfen Männer fast alles sein, während Frauen nur sehr wenig sein dürfen, Schlumpfinchen, die Geliebte des Helden oder Krankenschwester oder noch ein paar wenige andere Dinge, ohne gegen die Syntax der Normalität zu verstoßen.

Machen diese Bemerkungen mich nun zur Feministin? Schwierig zu sagen, weil dieses Wort hierzulande eine ganz eigene Bedeutung hat. In Amerika nennt sich, soweit ich unterrichtet bin, jede halbwegs vernünftige und gescheite Frau Feministin. Hier dagegen wird eine Frau auf die Frage, ob sie Feministin sei, wahrscheinlich oft antworten „also, ich finde ja auch, daß Männer nicht das gesetzlich verbriefte Recht haben sollten, ihre Ehefrauen zu verprügeln, und daß es ein Gerücht ist, daß Frauen an Vergewaltigungen Vergnügen fänden, und daß es berechtigt ist, Frauen aktives und passives Wahlrecht einzuräumen, aber als Feministin würde ich mich nicht bezeichnen“, vielleicht, weil sie der Meinung ist, um als Feministin gelten zu können, müßte sie völlig bizarre, extreme und paradoxe Ansichten vorweisen können, etwa, daß die Erde vor siebentausend Jahren von einem Matriarchat beherrscht wurde oder der Kult der großen Muttergöttin Staatsreligion werden sollte oder daß Frauen ihre Erkenntnisse nicht durch rationales Schließen, sondern durch die unendlich überlegenere Methode des intuitiven Erfühlens erwürben.

Ansonsten hat sich mein literarischer Geschmack später in seltsamer Weise verändert: seit ich erwachsen bin, habe ich, wenn ich mich recht erinnere, keinen Science-Fiction mehr gelesen, von Lem und den Brüdern Strugatzki einmal abgesehen, aber die zählen ja eigentlich schon zur richtigen Literatur (ach, und H. G. Wells, fällt mir ein, aber der gehört ja ebenfalls eindeutig der hohen Literatur an (und Douglas Adams und Lukian)); statt dessen habe ich mit großem Vergnügen und begeistert nicht nur Emily Brontės Sturmhöhe, sondern auch (und an einem einzigen Tag) die doch etwas trivialere Jane Eyre ihrer Schwester gelesen (und, mit minderer Begeisterung, ihre restlichen Bücher und die ihrer langweiligen dritten Schwester); ebenso die Bücher Jane Austens über das Geheiratetwerden. Es hat auch wenig Sinn, mit mir heute über die Exegese von Star Wars zu fachsimpeln (wie in dem Film „Clerks“), da sich mein Interesse zu anderen Filmen verlagert hat (obwohl meinetwegen Star Wars noch immer phantasievoller ist, als all das furchtbar platte Star Trek Zeug). Der einzige SF-Film, den ich noch heute interessant finde (wenn wir nicht auch „Brazil“ dazurechnen), ist „Alien“ (und zwar der erste Teil; der vierte ist auch ganz nett, aber in ihm ist Ellen Ripley eine von diesen supercoolen Superheldinnen ohne Furcht und Tadel, also keine sehr originelle Figur, während der erste seinen besonderen Reiz dadurch gewinnt, daß Ripley das Alien besiegt, obwohl sie genauso Angst hat, wie wir alle an ihrer Stelle hätten); sogar das vielgerühmte „2001“ scheint mir mittlerweilen ein ziemlich alberner Film zu sein.

Aber zurück zu mir und meiner Vergangenheit. Aufgewachsen bin ich in einer Landschaft, die nicht flach, aber auch nicht richtig bergig ist, sondern statt dessen aus sanft geschwungenen Hügeln besteht, und in der Mischwälder dominieren, mit vielen Laubbäumen. Übrigens ist die weite Verbreitung von Nadelbäumen in Deutschland etwas ganz und gar artifizielles: vor den Eingriffen der Menschen war fast das ganze Land von Buchen besiedelt. Beinahe schade, daß es damit vorbei ist, denn Buchen sind meine Lieblingsbäume [auf einer Webseite habe ich einmal behauptet, in Hamburg geboren worden und aufgewachsen zu sein, aber dabei handelt es sich um eine Irreführung].

Obwohl ich diese Landschaft ständig um mich hatte, dauerte es eine ganze Weile, bis ich sie und ihre Schönheit wahrnehmen konnte. Ich erinnere mich noch an den Tag, an dem das geschah, auch wenn ich nicht mehr genau weiß, wie alt ich damals war: sagen wir, vierzehn plusminus drei Jahre. Ich ging mit dem Rest meiner Familie spazieren, auf einem vertrauten, oft benutzten Weg, am Beginn des Sommers, glaube ich, und auf der Spitze eines Hügels schaute ich mir die ruhig ausgebreiteten Felder an und dachte „wie schön das ist“. Vorher war mir noch nie aufgefallen, daß Landschaft etwas ist, das sich unter ästhetischen Gesichtspunkten rezipieren läßt, aber in der Folge achtete ich immer öfter darauf. Paradoxerweise hörte ich daraufhin auf, Landschaften zu malen.

In unserer Kultur, in der viele Kinder nicht arbeiten müssen, ist es üblich, Kinder zu beschäftigen, indem ihnen angeboten wird, zu malen, weniger geschraubt gesagt, viele Kinder malen, und die Ergebnisse ihrer Kunst werden manchmal dazu benutzt, zu beurteilen, wie weit sie in ihrer geistigen Entwicklung sind und ob sie irgendwelche Auffälligkeiten aufweisen: ab wann sie einen Kreis malen können, ab wann menschliche Figuren, ab wann ihre Menschen Finger haben, und so weiter. Die meisten Kinder verlieren irgendwann ihr Interesse am malen, und zwar seltsamerweise gerade dann, wenn sie dabei sind, die technischen Fertigkeiten für realistisches Zeichnen zu entwickeln. Ein paar wenige fangen im Erwachsenenalter noch einmal von vorne an, es zu lernen, ein paar wenige, darunter ich, hören nie damit auf.

Ellen, eine junge Tante von mir, die mit Aquarellfarben Landschaften malte, nahm mich einmal mit und lieh mir einen Aquarellblock, und zusammen gingen wir über die Felder auf den halb geschotterten, halb nur ausgetretenen Wegen und suchten uns gefällige Motive, setzten uns zusammen hin und begannen zu malen. Es versteht sich, daß meine allerersten Versuche nicht viel wert waren, aber die Sache gefiel mir, und meine Bilder wurden allmählich besser. Manchmal machte ich mir nicht die Mühe, hinaus in die Natur zu gehen, sondern benutzte als Vorlage eine Photographie.

Viele Leute scheinen mit Aquarellmalerei geringen Aufwand und Schlichtheit zu assoziieren, und sie schließen daraus weiter, es müsse sich um eine verhältnismäßig einfache Technik handeln. Womöglich deswegen sind Aquarellfarben bei Sonntagsmalern so beliebt; außerdem vermeiden sie es auf diese Weise, sich dem direkten Vergleich mit professionellen Malern zu stellen, die meistens Ölfarben benutzen; zudem sind Aquarellfarben billiger. Aber Aquarelle zu malen, ist keineswegs einfach, es handelt sich im Gegenteil meiner Meinung nach um eine der schwierigsten und anspruchsvollsten Techniken überhaupt, wenn es darum geht, gute Bilder zu malen. Mit Ölfarben zu malen ist viel einfacher, denn Ölfarben sind sehr geduldig und langmütig und lassen sich vieles gefallen, und alles läßt sich nachträglich noch einmal ändern, während das Aquarellieren schnell und sicher geschehen muß. Noch geduldiger und nachsichtiger sind allenfalls noch Acrylfarben, die außerdem weniger kosten als Ölfarben, kein Kopfweh verursachen und die Umwelt weniger belasten.

Letztendlich bin ich dann aber beim Zeichnen hängen geblieben, und damit habe ich mir vermutlich alle Wege zu Ruhm und Anerkennung als bildende Künstlerin verbaut, denn die Zahl der berühmten Zeichner in der Kunstgeschichte läßt sich an den Fingern der Hand eines Leprakranken abzählen: wer etwas gelten muß, darf nicht nur Zeichnen, sondern muß auch malen3.

Mein Grundschullehrer machte sich einmal über die Gewohnheit von uns Kindern lustig, einen einzelnen Gegenstand auf das Blatt zu malen und den Rest des Blattes weiß zu lassen. Richtige Künstler, so erklärte er uns, würden das ganze Blatt füllen, bis keine einzige Stelle mehr weiß bliebe. Über eine Dekade lang glaubte ich ihm, und versuchte, meine Bilder ganz und gar zu füllen, so daß kein einziger weißer Fleck mehr übrig blieb. Bis ich mir schließlich überlegte, daß dieser Grundschullehrer in vielerlei Hinsicht ein Idiot war, und es für mich keinerlei Grund gab, in meinen Bildern seinem ästhetischen Diktat zu gehorchen. Von da an ließ ich den Hintergrund in meinen Bildern weiß, wann immer es mir paßte. Ich fand dann eine Stelle bei Leonardo da Vinci, die von Max Ernst zitiert wurde, um seine Technik der Frottage zu rechtfertigen, obwohl das, was da Vinci beschreibt, eher eine Art Decalcomanie ist; in dieser Stelle gibt Leonardo wieder, was Botticelli über das Malen von Landschaften und Hintergründen sagte, daß es nämlich eine ärgerliche und unnötige Anstrengung sei, schließlich ließen sich selbst in einem Fleck Landschaften erkennen, der dadurch entsteht, daß ein mit Farbe getränkter Schwamm gegen die Leinwand geworfen wird. Leonardo schließt an diese Stelle allerlei Ermahnungen an; streng genommen zeigt die Stelle, daß nicht da Vinci, sondern Botticelli der Ruhm zukommt, der Erfinder der Decalcomanie zu sein. Mir jedenfalls, die ich die Bilder von Botticelli sehr schätze, war diese Stelle eine ausreichende Legitimation, Hintergründe von nun an ganz wegzulassen, wann immer es mir beliebte, oder sie durch eine Decalcomanie zu ersetzen4.

Von dem Moment an, wo ich begann, Landschaften und Natur als ästhetisches Erlebnis zu schätzen, verlor ich den Mut, sie zu malen, weil es mir unmöglich scheint, ihre Wirkung auf einem Blatt Papier wiederzugeben. Da sind, beispielsweise, die jungen Buchenblätter im Frühling, gelbgrün. Im Gegenlicht, wenn die Sonne hindurchscheint, sehen sie ganz anders aus, als mit dem Licht: wenn ich nach Süden blicke, und mich dann um pi herumdrehe, sehe ich beidesmal ein ganz anderes Grün, und einen ganz anderen Wald, mit ganz anderen Farben und Gewichten. Wie aber das Licht durch die Blätter hindurchscheint, scheint mir unmöglich wiederzugeben, es sei denn, das Papier würde von Innen heraus leuchten.

In der Schule war ich nicht unbedingt besonders gut in Kunst, leider bereiten mir Auftragsarbeiten immer ganz besondere Mühe, und gewöhnlich beeilte ich mich, so schnell wie möglich irgend etwas abzugeben. Infolgedessen war ich gewöhnlich als eine der ersten fertig; und um mich zu beschäftigen, trug mir die Lehrerin auf, ein Referat über Max Ernst und seine Technik der Frottage zu halten, denn das würde unser nächster Unterrichtsgegenstand sein. Nicht ganz eine Strafarbeit, aber wohl auch nicht als Auszeichnung gedacht. Also ging ich in die Bibliothek und schaute nach, was dieser Max Ernst für einer war.

Dazu muß ich sagen, daß die Bibliothek meiner Schule ungewöhnlich gut ausgestattet war. Sie enthielt nicht nur eine sehr große Sammlung an Kinder- und Jugendbüchern, sondern auch ihre Fachbücher bestanden aus wesentlich mehr als nur einem Haufen Klassensätze der üblichen Lehrbücher. In der Religionsabteilung etwa gab es auch Rudolf Augsteins „Menschensohn“, von den Drewermannschen Tiefengründeleien ganz zu schweigen, in der Deutschabteilung nicht nur alles von Kafka in verschiedenen Ausgaben plus diverse Sekundärliteratur (und einen Bildband über Kafkas Prag, und einen weiteren, wie Kafka die bildende Kunst inspiriert hatte), sondern auch einiges von Lem, und sogar vergleichweise seltene Werke wie Vishers „Sekunde durch Hirn“; in der Kunstabteilung nicht nur mehrere Bände, die ausschließlich de Chirico gewidmet waren, sondern auch mindestens zwei Bände über die Salonmalerei des neunzehnten Jahrhunderts (einer hieß, glaube ich, einfach „Salonmalerei des neunzehnten Jahrhunderts“, der andere „Was sie liebten“), mit einer erstaunlichen Fülle an Kitsch und antik-humanistisch verbrämter Pornographie, eben das ganze Zeug, gegen daß die Impressionisten sich mühsam durchsetzen mußten, und es gab eine vollständige Ausgabe von Ernsts „Traum eines kleinen Mädchens, das in den Orden der Karmeliterinnen eintreten will“, neben anderen Büchern nicht von, sondern über Max Ernst. Und das las ich dann eben. Was auf mich damals den größten Eindruck machten, waren seine frühen dadaistischen Sachen, Flugblätter und Programmzettel. Auf einem von ihnen stand, inmitten von typographischen Verwüstungen, der Satz „Dilettanten erhebt euch!“. Später fand ich heraus, daß der Satz vollständig „Dilettanten erhebt euch gegen die Kunst!“ hieß, und also in Wahrheit eher polemisch als sinnlos war. Für mich jedenfalls war dieser Satz damals Anlaß zu einer Art Erleuchtung, und ich begriff, was Dada meinte. Entsprechend hielt ich das Referat über Dada, die Frottage hatte ich bis dahin völlig vergessen, so daß ich, streng genommen, mein Thema komplett verfehlte, was aber folgenlos blieb, da es sich ja ohnehin nur um eine Art Beschäftigungstherapie hatte handeln sollen.

Später ließ ich mich dann eine Zeitlang von Dali blenden, aber diesem falschen Götzen schwur ich bald wieder ab, um reumütig zu meiner ersten Liebe Max Ernst zurückzukehren.

Ein anderer Einfluß: ein Lehrer bot eine Arbeitsgemeinschaft an, die mehr oder weniger lose um das Thema „Theaterspielen“ kreiste, in Wahrheit aber eine Ag über alles mögliche war: einmal setzten wir uns bei schönem Wetter auf eine Wiese und malten mit Tusche auf Pergamentpapier; warum auf Pergamentpapier, weiß ich nicht mehr. Eigentlich hatte der Lehrer gedacht, in seiner Ag hauptsächlich ältere Schüler, Oberstufenschüler um sich zu versammeln, hatte seine Ausschreibung aber nicht entsprechend formuliert, und so saß ich da bei dem ersten Treffen, und er wollte mich eigentlich wieder abwimmeln und erzählte mir, inwieweit das Programm nur bedingt für Jüngere geeignet sei, ich aber ließ mich nicht abwimmeln, wohl auch, weil ich mich dann hätte erkundigen müssen, wie eine Ag nachträglich gewechselt wird, und so durfte ich bleiben. Einmal hörten wir uns ein Schallplatte an, auf der Klaus Kinski Gedichte von Villon rezitierte: „Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund/ Ich schrie mir schon die Lungen wund/ nach deinem weißen Leib/ du Weib...“, und er bemerkte mehrmals, mehr oder weniger augenzwinkernd, so ganz jugendfrei sei das alles ja nicht. Jahre später fand ich eine CD mit den Gedichten: eine der drei oder vier CD’s mit Mono-Aufnahmen, die ich besitze.

Musik übrigens hat mich erst sehr spät interessiert, viel später als die meisten meiner Altersgenossen. Ein damaliger unbedeutender Nummer-Eins-Hit einer unbedeutenden Band erregte meine Aufmerksamkeit, und ich begann, mich für die Angelegenheit zu interessieren, entsprechende Radioprogramme zu hören, mich darüber zu erregen, wenn ein besonders blödes Lied sich gut in den Charts plazieren konnte oder ein meiner Meinung nach gutes den Sprung in die Charts nicht schaffte. Einmal beschloß eine Freundin, während der Fastenzeit keine Musik zu hören; ich tat es ihr nicht nach, aber wenigstens wollte ich in der gleichen Zeit keine Popmusik mehr hören, und hörte statt dessen nur noch klassische Musik, auch mein Radio stellte ich auf einen entsprechenden klassischen Kultursender ein. Nach Ende der Fastenzeit verspürte ich keinerlei Bedürfnis, zu einem Popmusiksender zurückzukehren, und so kommt es, daß ich seither im Radio nur noch klassische Musik höre und entsprechend schlecht informiert bin, was bei der Jugend gerade en vogue ist. Grunge etwa lernte ich erst aus den Andeutungen meiner Freunde kennen, und ich bat sie, mir etwas davon vorzuspielen, und kam zu dem Schluß, daß es eigentlich ganz in Ordnung sei; später erfuhr ich, daß eine von Cobains Lieblingsplatten King Crimsons „Red“ war, zufällig auch eine meiner Lieblingsplatten (obwohl „Starless and Bible Black“ noch einen Hauch genialer ist). Manchmal komme ich mir viel älter vor, als ich eigentlich bin, weil so viel von der Musik, die ich liebe, von Orlando di Lasso bis Soft Machine, in einer Zeit entstand, zu der ich noch gar nicht geboren war.

Wie die meisten Menschen schätze ich Stille nicht besonders und benutze Musik oft nur als Hintergrundgeräusch, um die Stille zu vertreiben. Manchmal benutze ich dazu auch die Wortbeiträge meines hiesigen Kultursenders (S2 Kultur heißt er, nach der erzwungenen Fusion), ohne genau hinzuhören, was da eigentlich gesprochen wird - es geht mir nur um den Klang menschlicher Stimmen, und darum, daß sie, wenn ich zufällig doch hinhören sollte, nicht allzu dummes Zeug schwatzen. Insbesondere wenn ich Bilder zeichne, ist es ganz angenehm, im Hintergrund Leute im Radio reden zu hören. Gewöhnlich, wie gesagt, gebe ich nicht darauf acht, was sie sagen, es sei denn, ich habe gerade irgend eine geistlose Routineaufgabe zu erledigen, wie etwa eine Fläche mit einer einzelnen Farbe oder mit einer unkomplizierten Modulation zu füllen. Mit dem Ergebnis, daß ich dann gelegentlich beim Anblick des fertigen Bildes denke, „ach, das war das Bild, wo dieses dämliche Hörspiel im Hintergrund lief, während ich es gemalt habe“. Beim Schreiben dagegen kann ich keine Worte hören, weil sie mich zu sehr ablenken würden, und auch nur nicht allzu ablenkende Musik. Und beim Mathematik treiben schließlich brauche ich völlige Stille (und zum Verbessern und Ausfeilen bereits geschriebener Texte). Was bedeuten könnte, daß ich die Mathematik am meisten ernst nehme, oder auch, daß mir das Zeichnen am leichtesten fällt. Außerdem ist es so, daß ich zwar die Musik von King Crimson für wesentlich raffinierter halte als die von Yes, daß aber für mich die Musik von Yes viel besser als Hintergrundmusik für eine bestimmte Art von Texten in Frage kommt, wohl, weil zu komplizierte Musik zuviel Aufmerksamkeit beansprucht und zu sehr ablenkt. Aus einem ähnlichen Grund vermutlich finde ich Tom Waits’ „Rain Dogs“ viel Schreibhintergundgeeigneter als etwa „Bone Machine“, selbst wenn letzteres die bessere Platte ist. Eine der besten Tanzmusiken wiederum scheint mir Captain Beefhearts „Mirror Man“ zu sein, zusammen mit Hans Reichels Daxophonmusik, eine Meinung, die wohl nur wenige Menschen teilen werden5. Womit ich die Überleitung geschafft hätte zum Tanzen.

Ähnlich, wie jeder Jugendliche auf dem Land in einem bestimmten Alter den Führerschein macht, ähnlich besuchen alle Jugendlichen in einem bestimmten Alter einen Tanzkurs. Zumindest die weiblichen Jugendlichen, weshalb Tanzschulen gelegentlich, um dem Männermangel abzuhelfen, männlichen Jugendlichen Vergünstigungen gewähren und sie verstärkt umwerben. Nun, im Gegensatz zum Führerscheinerwerben kam mir beim Tanzkursnehmen durchaus die Idee, ich müßte nicht unbedingt daran teilnehmen, bloß weil alle anderen das tun. So kommt es, daß ich nie tanzen gelernt habe. Die meisten, die ich seither getroffen habe, meinten, sonderlich viel hätte ich nicht versäumt. Eine weitere meiner Bildungslücken besteht darin, daß ich noch nie eine Diskotheque von innen gesehen habe. „Willst du Pferderennen sehen? Die gibt es bei Homer aufs beste dargestellt. Hol dir das Buch und lies nach! Erzählt man dir von Tänzereien und Pantomimen? Laß ihnen ihren Spaß! Bei den Phäaken der Odyssee tanzen die jungen Leute männlicher.“ (nun, wer hat das gesagt?6). So kenne ich die Tänze der Phäaken und die Schritte, die ich mir selbst ausgedacht haben, aber keinen Walzer.

In einer Dokumentation über die NS-Zeit war ein Propagandafilm der Nazis zu sehen, der die Überlegenheit der arischen Rasse demonstrieren sollte: es waren einige walzertanzende Paare zu sehen, danach einige afrikanische Neger, die wild in der Gegend herumhüpften, und mir fiel auf, daß es nur eines geringfügig geänderten Textes bedurft hätte, um das ganze zu einem Propagandafilm zur Überlegenheit der afrikanischen Rasse zu machen: „hier sehen sie einige weiße Europäer, die sich nicht zu schämen scheinen, den heiligen göttlichen Tanz als plumpen Vorwand für ihre Balzrituale zu mißbrauchen. Eng aneinandergepreßt umklammern sich Männchen und Weibchen, wobei sie zu einem primitiven Dreiertakt einige simple Schrittfolgen ausführen, die den eigentlichen Zweck des Ganzen, das obszöne und barbarische Aneinanderpressen der Leiber, nur dürftig kaschieren. Wie anders doch hier dagegen einige gottbegeisterte Afrikaner, die in völliger Seinsvergessenheit ihre Mitwelt hinter sich gelassen haben und im ekstatischen Tanz sich der Transzendenz selbst annähern.“

Also, tanzen finde ich etwas sehr schönes, solange ich dabei allein sein kann. „Was das Tanzen angeht, meine Liebe, so tanze ich nie, es sei denn, ich darf es auf meine eigene besondre Weise tun. Es hat keinen Zweck, sie zu beschreiben: man muß es sehen, um es zu glauben. In dem letzten Haus, wo ich es versuchte, brach der Fußboden durch. Allerdings war es auch ein erbärmlicher Boden - die Balken waren ganze 15 Zentimeter dick, so was kann man kaum als Balken bezeichnen: Steingewölbe sind viel sinnvoller, wenn überhaupt, auf meine besondre Weise, getanzt werden soll.“ (ohje, ich habe mir wohl gerade eben die Zitierkrankheit eingefangen und werde wohl, wenn ich nicht achtgebe, die nächsten paar Abschnitte mit lauter Zitaten pfeffern. Und von wem war dieses Zitat, liebe Leserin? 7) Das Tanzen als sozialer Akt dagegen übt auf mich wenig Anziehungskraft aus.

Was wiederum nicht bedeutet, daß ich nicht schon in Gesellschaft anderer Menschen getanzt hätte. Und vielleicht ist auch das, was in den letzten drei Absätzen steht, eigentlich gar nicht meine Meinung.



Vielleicht lohnt es sich an dieser Stelle, eine kleine Zwischenbilanz zu ziehen, obwohl ich mit meiner Geschichte noch nicht ganz am Ende bin (so fehlen vor allem anderem noch meine fünf Männer): wer bin ich eigentlich?

Wenn ich ein paarmal hintereinander meinen Namen ausspreche, wird er mir seltsam fremd, und es kommt mir merkwürdig vor, daß ausgerechnet ich ausgerechnet diese Person sein soll. Jemand zu sein, heißt, unzählige andere Menschen nicht zu sein, und jemand zu sein, ist eine merkwürdige Last und Beschränkung. Ich habe bestimmte Meinungen und Vorlieben, aber ich hätte leicht auch ganz andere Meinungen und Vorlieben haben können. Ich mag zum Beispiel Buchen, wohl, weil ich einmal im Wald im Frühling nach oben sah und sah, wie die Sonne durch die jungen Buchenblätter hindurchschien und das herrlichste Grün erschuf, aber ich kann mir ohne weiteres vorstellen, daß mein Leben ein wenig anders verlaufen wäre, und ich heute für Linden oder Tannen schwärmen würde. Als Kind malte ich einmal mit gelbem Filzstift über eine Fläche, die bereits mit grünem Filzstift bemalt war, und erhielt dadurch ein leuchtendes sattes Gelbgrün, und seither antwortete ich auf die Frage, was meine Lieblingsfarbe sei, mit Grün. Aber seither sind nach und nach weitere Lieblingsfarben dazu gekommen: ein Violett mit Neigung zum Rot, eine Mischung aus Türkis und Hellblau, Signalrot, ein reines Zitronengelb ohne jede Verschmutzung, ein bestimmtes gelbliches Ocker, ein weiteres, eher graues Ocker, eine Mischung von Gelb und Schwarz, die die meisten Leute für Grün halten, Pink und sogar Orange in bestimmten Zusammenhängen, das helle graue Braun der eigenen Augen im Spiegel, das Pistaziengrün der Augen einer Freundin. Das macht etwa zwölf Lieblingsfarben, und die Menschen, die nur eine einzige Lieblingsfarbe haben, erscheinen mir seltsam: daß sie ihrer selbst und ihrer Meinungen und Geschmäcker nie überdrüssig werden und nie ihre eigene Beschränktheit bedauern. Einmal erzählte ich einer Freundin, ich fände den Geschmack von Salz so angenehm oder interessant, daß ich manchmal Salz pur esse; als sie später auf meine Äußerung zurück kam, war ich erstaunt und konnte kaum glauben, daß ich etwas derartiges mir so fremdes gesagt haben sollte. Ich habe auch keinen Lieblingsautor, keinen Lieblingskomponisten und keinen Lieblingsmaler. Es gibt natürlich einige, die ich besser und genauer kenne als andere, aber es gibt sicher auch genug, die ich wegen der Kürze des menschlichen Lebens nie kennen lernen werde, obwohl sie durchaus eine Bekanntschaft lohnen würden. Ich gebe auch nur widerwillig mein Sternzeichen preis, weil ich fürchte, in eine bestimmte Schublade gesteckt zu werden: immer und ewig ein Zwilling sein, ohne die Möglichkeit, je etwas daran ändern zu können. Müßte ich einen Fragebogen wie den der FAZ ausfüllen, dann müßte ich wohl die allermeisten Zeilen leer lassen. Ein Motto habe ich nicht, und meine gegenwärtige Geistesverfassung ändert sich von Augenblick zu Augenblick. Meine Hauptcharakterzüge kenne ich nicht, ich verachte keine geschichtlichen Gestalten, und ich weiß auch nicht, was das größte Unglück ist. Wer oder was hätte ich sein mögen? Wär’ ich der Handschuh doch auf dieser Hand... Von Borges gibt es einen Text, „Borges und ich“, der dieses Unbehagen an dem eigenen So-Sein ausdrückt. Dort sagt Borges über Borges: „Ich mag Sanduhren, Landkarten, die Typographie des 18. Jahrhunderts, Etymologien, das Aroma von Kaffee und Stevensons Prosa; der andere teilt zwar diese Vorlieben, aber in aufdringlicher Art, die sie zu Attributen eines Schauspielers macht.“ Und: „Vor Jahren wollte ich mich von ihm befreien und ging von den Mythologien der Vorstadt zu Spielen mit der Zeit und mit dem Unendlichen über, aber heute gehören diese Spiele Borges, und ich werde mir etwas anderes ausdenken müssen.“ Ich mag Botticelli wegen der Klarheit seiner Linienführung (die er im übrigen mit Filippo und Fillipino Lippi teilt und den meisten, die lebten, ehe Leonardos Sfumato über die Malerei hereinbrach), aber wenn ich um eine Liste der Maler gebeten werden sollte, die mir gefallen, und ich dann mir einige Namen zusammensuche, meistens mit Max Ernst anfange und irgendwo in der Liste auch Botticelli nenne, dann nenne ich den Namen wie etwas Auswendiggelerntes, ohne daß mir in diesem Moment überhaupt noch gegenwärtig wäre, warum ich seine Bilder mag: ich kann mich erinnern, irgendwann einmal beschlossen zu haben, seine Bilder zu mögen, und verlasse mich ohne eigenes Überlegen auf die Urteilskraft jener längst vergangenen Sibylle.

Bei Borges auch heißt es, auch wenn den Philosophen zufolge der Stein ewig Stein und der Tiger ewig Tiger bleiben wolle, wolle Borges nicht länger Borges sein. Auch mich lockt der Gedanke an persönliche Unsterblichkeit nicht, im Gegenteil ist mir die Vorstellung entsetzlich, immer und ewig ich sein zu müssen („...ich [erwarte] kein ewiges Leben. Im Gegenteil, die Vorstellung, daß es ewig so weitergeht, erscheint mir äußerst erschreckend. Jeder, der genügend Einbildungskraft hat, sich die Idee der Unendlichkeit zu vergegenwärtigen, wird mir wohl zustimmen - nun gut, vielleicht nicht jeder, aber wenigstens einige.“ Na, wer hat das gesagt? 8). Alle Religionen, die mir als Lohn für ein gewisses Entgegenkommen meinerseits die ewige Seligkeit versprechen, haben einen ausgesprochen schweren Stand bei mir: dieses Versprechen betrachte ich eher als Malus, und die Ideologie, die mir versichert, „die Toten aber erkennen überhaupt nichts mehr. Sie erhalten auch keine Belohnung mehr; denn die Erinnerung an sie ist in Vergessenheit versunken. Liebe, Haß und Eifersucht gegen sie, all dies ist längst erloschen. Auf ewig haben sie keinen Anteil mehr an allem, was unter der Sonne getan wurde.“9 findet eher bei mir Gehör. Seit wann und wieso? Eine aufmerksame Leserin könnte sich an das erinnern, was ich oben schrieb, und auf die Ansicht verfallen, das könne vielleicht mit jener Kindergärtnerin zusammen hängen, die mir erklärt hatte, im Himmel würde ich meine Mutter nicht mehr wiedersehen, und seither sei der Himmel mir nicht mehr als erstrebenswerter Ort erschienen, und von den Jenseitsvorstellungen des Christentums sei mir nur noch die Hölle übriggeblieben, die wenig verlockendes hat. Ich weiß nicht, inwieweit an solchen Überlegungen etwas Wahres ist; aber wie dem immer sei, ob sich eine solche Kausalität herstellen läßt oder eher doch nicht, wichtiger scheint mir zu sein, ob die Argumente, die ich heute vorbringe, stichhaltig sind, als die Art und Weise, wie ich zu diesen Argumenten gekommen bin [Argumente gegen Himmel und Unsterblichkeit habe ich an anderer Stelle gesammelt, deswegen brauche ich sie hier nicht zu wiederholen].

Um den tumben und wilden einäugigen Riesen und Göttersohn Polyphemos zu täuschen, sagt der listige Odysseus zu ihm: „Niemand ist mein Name; denn Niemand nennen mich alle/ Meine Mutter, mein Vater und alle meine Gesellen.“ (Odyssee IX, 366f). Als ich bei David Hume, den beiden Churchlands und Gautama auf die Idee stieß, das Ich könnte eine Illusion, eine Täuschung, oder die Folge eines korrupten Sprachgebrauchs sein, kam mir diese Vorstellung sofort plausibel vor.

Wenn der Körper schon ein seltsames Ding ist, wieviel mehr das Ich. Die Leserin stelle sich vor, sie befände sich an Bord eines Raumschiffes und benutze einen dort vorhandenen Teleport, der ihren Körper in lauter einzelne Atome zerlegt, sie über eine Entfernung von ein paar tausend Kilometern schickt und dort erneut zuzsammensetzt. Ist sie unterwegs bei dem Transport gestorben? Aber schließlich stirbst du auch nicht, wenn du aus dem Haus gehst und alle deine Atome durch die Tür bewegst. Wie steht es, wenn der Teleport so modifiziert wird, daß er deinen Körper in einzelne Atome zerlegt, dann aber nicht die einzelnen Atome auf die Reise schickt, sondern nur die Information, wie sie zusammenzubauen seien, und am Ziel der Reise eine zweite Maschine aus ganz anderen Atomen mit dieser Information deinen Körper neu zusammenbaut? Bist du dann auch ein paar tausend Kilometer weit gereist, oder bist du gestorben und eine Andere zum Leben erweckt worden? Und wie ist es, wenn du überhaupt nicht in deine einzelnen Atome zerlegt wird, sondern der Teleport deinen Körper lediglich mit einem heute noch unbekannten Strahl abtastet und auf nondestruktive Art und Weise die Zusammensetzung der einzelnen Atome ermittelt, diese Information auf die Reise schickt und tausende von Kilometern entfernt eine zweite Maschine mit Hilfe dieser Information aus ganz anderen Atomen eine Kopie von dir zusammenbaut, die dir in allem gleicht und von dir völlig ununterscheidbar ist, abgesehen davon, daß sie sich an einem anderen Ort befindet? Vermutlich werden wir nicht sagen wollen, daß ein und dieselbe Person zweimal existieren kann, wir werden aber auch nicht sagen wollen, daß das Passieren einer Haustür die eigene Identität auslöscht. Also scheint es nicht nur die Form, sondern auch die Substanz zu sein, die unsere Identität bestimmt. Das aber ist insofern mißlich, weil sich nicht nur unsere Form, sondern auch unsere Substanz im Laufe unseres Lebens ändert und wir heute nicht mehr aus den gleichen Atomen bestehen wie vor zehn Jahren. Also sterben wir nicht nur in dem Moment, in dem unser Körper stirbt, sondern wir sterben auch jedesmal ein klein wenig, wenn wir essen oder Luft holen oder überhaupt in jedem Augenblick ein klein wenig. Natürlich gibt es gewisse Ähnlichkeiten zwischen der Sibylle, die jetzt ist, und der Sibylle, die vor zehn Jahren war, aber genauso gibt es Ähnlichkeiten und Kontinuitäten zwischen mir und meinen Eltern, ohne daß wir eine einzige Person wären. Vielleicht ist die Ähnlichkeit und die Kontinuität zwischen mir und der zwölfjährigen Sibylle größer als zwischen mir und meinen Eltern, aber das ist schließlich nur ein Unterschied dem Grad nach und keine prinzipielle Sache.

Es kommt noch schlimmer: es ist ja keineswegs so, daß wir unser Ich umstandslos mit unserem Geist identifizieren. Unser Geist enthält viele Dinge, die nicht unbedingt zu unserem innersten Ich gehören, eher ist das Ich etwas ähnliches wie die Seele, die womöglich aus eben diesem Grund eingeführt wurde, um eine Konstante im wandelnden Inventar des Geistes benennen zu können. Die Seele ist unwandelbar, per definitionem, da sie ja gerade das in unserem Geist bezeichnen soll, das gleich bleibt trotz aller Wandlungen des Geistes (und einige Philosophen schlossen in einem erstaunlichen Fehlschluß von der Unwandelbarkeit der Seele auf ihre Unsterblichkeit); die Seele ist auch das, was keine Teile hat, eben weil sie jenseits aller einzelner Bestandteile des Geistes der unteilbare Wesenskern, das nicht mehr weiter zu zergliedernde der eigenen Identität sein soll (und auch daraus haben einige Philosophen geschlossen, daß die Seele unsterblich sein soll: denn nur, was aus Teilen zusammen gesetzt ist, argumentierten sie, kann zerbrochen und zerstört werden, die Seele aber besteht nicht aus einzelnen Teilen, also kann sie nicht vergehen). Wenn die Melancholie mich überfällt und ich gelähmt bin und unfähig, zu sprechen, und mir wünsche, glühende Klingen würden meinen Kopf zerschneiden, um mich von meinem inneren Schmerz abzulenken, dann ist das sicher etwas, das in meinem Geist stattfindet, aber trotzdem würde ich es vorziehen, die Melancholie als etwas fremdes anzusehen, als etwas, das nicht ich bin, sondern das mir widerfährt. Oder, ein weniger spektakuläres Beispiel: wenn mein Gedächtnis mich im Stich läßt, dann sage ich nicht, ich ließe mich im Stich, sondern ich sage, mein Gedächtnis ließe mich im Stich. Mithin sind, im gewöhnlichen Sprachgebrauch, mein Gedächtnis, meine Gedanken und meine Gefühle etwas, das ich habe, und nicht etwas, das ich bin, so daß sich am Ende herausstellen könnte, daß ich vielleicht nicht mehr bin als eine Art sprachlicher Konvention, eine bestimmte Redeweise [Auch darüber habe ich schon an anderer Stelle geschrieben, so daß ich das hier nicht zu wiederholen brauche].

Am Anfang dachte ich, ich könnte alles und jede werden, und meine Helden waren Alleskönner, erfahren in allen Künsten. Je älter ich werde, desto mehr Möglichkeiten stehlen sich unwiderruflich davon. Ich weiß, daß ich niemals in diesem Leben ein Musikinstrument spielen lernen werde, weil es mich zuviel Zeit und Anstrengung kosten würde, die ich für andere Dinge brauche, und, schlimmer noch, ich werde nie lernen, so gut zu komponieren, daß das Ergebnis mich selbst befriedigen würde, oder so sehr, daß ich imstande wäre, die Musik, die ich manchmal im Kopf habe, aus meinem Kopf heraus in die Welt zu bringen (all die Gitarrenduette und Terzette und Kontrapunkte, die der Menschheit so verloren gehen...). Am Anfang sieht es so aus, als könnten wir alles werden, und dann leben wir doch nur ein einziges Leben, das nur verschwindend wenige von allen Möglichkeiten realisiert. Vielleicht deswegen behauptete Empedokles, schon einmal ein junger Mann, eine junge Frau, ein Gebüsch, ein Vogel und ein Fisch gewesen zu sein, weniger, weil er sich vor dem Tod fürchtet, sondern weil er es leid ist, immer nur Empedokles zu sein.

Einmal aß ich zum ersten Mal Eis mit Zimtgeschmack und war überrascht und erfreut, wie gut das schmeckte, und weil ich vorher nie Zimteis gesehen hatte oder es mir vorher nie aufgefallen war und ich oft eine Schwäche für die seltenen und verachteten Dinge habe, hielt ich nun öfter bei Eisständen Ausschau, ob sie wohl Zimteis hätten. Und ein Junge, der davon hörte, schenkte mir Zimtbonbons, und ich wagte nicht, ihm zu sagen, daß ich auf Zimtbonbons keinen Wert lege, weil ich zum einen ohnehin keine Bonbons mag, und zum anderen, weil ich nicht den Rest meines Lebens „die, die alles mit Zimt mag“ sein möchte, und deswegen bin ich nun schon ein paarmal von ihm mit Zimtbonbons beschenkt worden (ich hoffe, er liest das hier nicht). Und einmal klebte ich Blätter mit Klebstoff paarweise zusammen: dort, wo die Blätter mit Klebstoff verbunden waren, schien das Licht anders durch die Blätter hindurch als dort, wo sie ohne Klebstoff übereinander lagen, und ich benutzte dieses nur im Gegenlicht sichtbare Muster als Inspiration für die Bilder, die ich auf diese Blätter malte; auf diese Art und Weise entstanden einige seltsame und fremdartige Bilder, ganz anders als alles, was ich bisher gezeichnet oder gemalt hatte, etwa ein rosa Huhn inmitten dürrer pinkfarbener Pflanzen auf einem Hügel im Abendlicht. Aber nach einiger Zeit lernte ich, in diese Flecken die Bilder hineinzusehen, die ich sowieso schon immer malte, so daß nach einiger Zeit die neuen Bilder nicht viel anders aussahen als die alten und die Flecken als Inspirationsquelle nutzlos wurden (ähnlich wie die Spuren brownscher Bewegungen, die ich einmal als Inspirationsquelle heranzog). Ich habe inzwischen so etwas wie einen eigenen unverwechselbaren Stil zu zeichnen (und zu schreiben, wenn ich keine bewußten Anstrengungen unternehme, anders zu schreiben), aber besonders erfreut bin ich nicht darüber, das ist eher etwas, was ich als einen Mangel betrachte. Eine persönliche Handschrift mit hohem Wiedererkennungswert schätze ich nicht besonders (im Gegensatz zum Kunstmarkt), sondern es wäre mir lieber, wenn keine zwei meiner Bilder sich gleichen würden. Also zusammenfassend gesagt: weder möchte ich unsterblich sein, noch möchte ich ein Ich haben, noch möchte ich eine Persönlichkeit besitzen.



Vom Tanzen ist es, wie wir gesehen haben, bei den primitiven und wollüstigen Europäern nur ein Schritt zur Sexualität. Und Sexualität scheint mir bei Jugendlichen auf eine Art und Weise bewertet zu werden, die einen Haufen unnötigen Streß erzeugt. Als der alte, heidnische Glaube allmählich vom Christentum verdrängt wurde, fanden sich von Jahr zu Jahr weniger Frauen, die bereit waren, Vestalinnen zu werden und sich dem Dienst der Vesta zu weihen, in ewiger Jungfräulichkeit, während es einerseits in früheren Tagen keine Schwierigkeiten gegeben hatte, Vestalinnen zu finden, und nur die vornehmsten und edelsten Jungfrauen angenommen wurden, und am Ende wurde jede beliebige akzeptiert und mit einem Haufen Vergünstigungen geködert, und während andererseits die Christen keine Schwierigkeiten hatten, Frauen zu finden, die beschlossen, ewig jungfräulich zu bleiben. In ähnlicher Weise gilt unsere heutige Kultur als eine christliche, während in Wahrheit die allermeisten Jugendlichen den Versprechungen der Erlebniskultur glauben und deren Ethik übernehmen, und diese sonderbare neue Moral besagt, daß ein Jugendlicher, dem es nicht gelungen ist, deutlich vor Erreichen seiner Volljährigkeit mit einem Angehörigen des anderen Geschlechts zu schlafen, eine ausgesprochen elende und jämmerliche Gestalt ist. Nicht, daß in früheren Zeitaltern die jungen Leute mit Sex bis nach der Ehe gewartet hätten, aber zumindest wurden sie nicht auch noch verlacht, wenn sie gestehen mußten, „es“ noch nie gemacht zu haben. Zumindest bei den Frauen war es wohl so; während die Forderungen an junge Männer wohl auch früher ein wenig zweideutig waren, und daß von ihnen erwartet wurde, daß sie nicht ganz so unerfahren wie die Frauen ihre erste Ehe begannen (wenn ich hier von früher rede, meine ich die letzten paar Jahrhunderte meines Heimatlandes; es ist mir bekannt, daß sich bei den Babyloniern oder den Maori das alles wieder ganz anders verhält). Es ist schade, daß die Liberalisierung der Sitten, die ich begrüße, insofern eine unvollkommene ist, da sie zu einer neuen Art von Maßregelung führt und zu einer zu erfüllenden Norm. Insbesondere deswegen, weil für mich und Menschen von meiner Art Liebesbeziehungen eine sehr heikle und fragile Angelegenheit sind, und außerdem auch noch Sexualität für uns nicht von Liebe zu trennen ist, so daß es uns unmöglich ist, Sexualität mal eben rasch zu erproben, ohne die ganzen Schwierigkeiten der Liebe zu erleben, zu denen Jugendliche oft gar nicht die nötige Reife besitzen.

Wenn ein Mensch Sexualität und Liebe trennen kann, was wohl sehr oft der Fall ist und was auch mir auf der rein begrifflichen Ebene keine Schwierigkeiten bereitet, so halte ich ihn deswegen nicht für krank oder seltsam oder per se unliebenswürdig, nur ist es so, daß mir die Vorstellung, mit einem Menschen zu schlafen, den ich nicht liebe, ausgesprochen unangenehm ist; deswegen halte ich auch den Beruf einer Prostituierten für ausgesprochen widerwärtig, wiewohl ich nichts dagegen habe, daß andere Frauen ihn ohne Ekel ausüben, und sehr dafür bin, daß ihnen von staatlicher und gesellschaftlicher Seite keine unnötigen Hindernisse in den Weg gelegt werden. Für einen solchen Menschen also, für den der Beischlaf einen Akt darstellt, der keine besondere und ausgezeichnete intime Beziehung zwischen zwei Menschen herstellt, sondern in dieser Hinsicht ganz belanglos ist, für einen solchen Menschen scheint es mir akzeptabel und sogar wünschenswert, wenn er oder sie als Jugendliche Sexualität in verschiedenen dieser Person interessant erscheinenden Formen erprobt. Schön wäre es, wenn jede und jeder es damit so halten könnte, wie es ihr oder ihm am meisten entspricht und niemand als Schlampe oder Mauerblümchen oder Hure oder alte Jungfer denunziert werden müßte.

Noch eine Drehung unangenehmer wird es, wenn eine junge Frau meint, sie müsse, um sich nicht in ihrer peer-group zu blamieren, unbedingt einen Freund, einen „festen Freund“ haben, wenn sie aber andererseits nicht mit ihm schlafen will, weil sie dazu noch nicht bereit ist, zur unvermeidlichen Frustration eben dieses Freundes, der, um sich nicht seinerseits zu blamieren, gerne damit renommieren möchte, daß er mit einer Frau geschlafen hat. All das scheint mir ganz unnützes und vermeidbares Ungemach.

Bei Janosch gibt es gelegentlich die Beschreibung alter Männer, von denen lobend ihre Schweigsamkeit erwähnt wird, während andererseits Frauen beschrieben werden, deren Geschwätzigkeit kritisiert wird (die Frauenbeschreibungen bei Janosch haben oft etwas pejoratives, aber was würde Janosch nicht alles verziehen). Eine Zeitlang machte ich mir darüber Gedanken, zu schweigsam und verschlossen, zu wenig redegewandt zu sein, bis ich auf den Gedanken kam, daß es doch seltsam sei, sich für etwas zu genieren, was einem anderen als erstrebenswertes Ideal erscheint, nämlich das Schweigen. Ebenso dachte ich, daß in meinem Alter noch immer Jungfrau zu sein auf eine sonderbare Weise eine Schande darstellt, obwohl doch etwa in Heliodors Abenteuern von Theagenes und Chariklea die beiden, Held und Heldin, um der Spannung willen ständig von zwei Gefahren bedroht werden, die als vollkommen austauschbar erscheinen, nämlich zu sterben oder ihre Jungfernschaft zu verlieren.

Trotzdem gibt es vielleicht noch einen Unterschied. Es geht ja nicht nur darum, irgend wann einem den Beischlaf zu vollziehen, sondern sich zu beweisen, die Fähigkeit zu besitzen, nicht nur zu lieben, sondern auch Liebe erregen zu können und eine Beziehung zu führen. Wenn ich mich an die verschiedenen ungenutzten Gelegenheiten zu erinnern versuche, dann scheint es mir, daß ich mit einem Mann durchaus früher hätte schlafen können, als ich es dann tatsächlich tat, aber das erste Mal lieben und geliebt werden konnte ich nicht früher, als ich es dann tatsächlich tat. Laut Nietzsche (der im übrigen in dieser Frage meiner Meinung nach völlig inkompetent ist) ist die Forderung, geliebt zu werden, die größte aller Anmaßungen, aber obwohl er damit vielleicht recht hat, ist geliebt zu werden eben der Wunsch, der nicht wenige Menschen nicht wenig bewegt. Liebe läßt sich leider oder glücklicherweise nicht verdienen, sondern fällt einem Menschen ganz unverdient und umsonst zu, aber trotzdem neigen wir dazu, in uns selbst die Schuld und an uns selbst Mängel zu finden, wenn wir uns ungeliebt fühlen, oder wir finden unsere Umwelt mangelhaft, obwohl es doch sicher kein Mangel sein kann, uns nicht zu lieben, da geliebt zu werden, wie gesagt, eine unverdiente Gnade ist, ein nicht einklagbares Geschenk. Es bekümmerte mich ja auch nicht so sehr, daß niemand mich liebte, sondern daß dies möglicherweise darauf hindeutete, daß an mir nichts liebenswertes ist und mir die Fähigkeit, Liebe zu erregen, auf grausame Art fehlt und deshalb nicht nur jetzt mich niemand liebt, sondern überhaupt nie mich jemand lieben wird. Oder daß ich zwar fähig bin zu lieben, aber anscheinend nicht, eine Beziehung zu knüpfen und zu führen. All das stellte sich zum Glück später als völlig unbegründet heraus. In gewisser Weise bin ich froh, daß meine Geschichte eben so verlief, wie sie verlief, und ich nicht früher eine feste Beziehung einging. Denn in der Zwischenzeit lernte ich, mit mir selbst auszukommen, und daneben erscheint es mir heute eine grausige Vorstellung, ich hätte mich damals auf einen von den Burschen eingelassen, die mir mit vierzehn oder sechzehn begehrenswert erschienen, und hätte mit ihnen, die Unreife mit den Unreifen, all den pubertären Mist durchgemacht, den andere durchmachen, und den ich mir zu einem großen Teil einfach ersparte. Ich ersparte es mir, mit einem Jungen auszugehen, der irgend etwas wollte, das ich nicht wollte, oder der nur zufällig an mich geraten war und jede Andere genommen hätte, die bereit gewesen wäre, mit ihm zu gehen, oder der überhaupt ein unsensibler dummer Hornochse gewesen wäre. Statt dessen, statt all diesem Ungemach, wurde ich allmählich erwachsen und autonom, bis ich schließlich einen anderen Erwachsenen kennen lernte, wir beide alt genug, um ernsthaft lieben zu können. Nur verstand ich damals das alles ganz anders und war unzufrieden und hatte nicht das Gefühl, besonders gut, eher, besonders schlecht wegzukommen, das Gefühl, um eine Erfahrung betrogen zu werden, die um mich herum nach und nach alle anderen machten.

Eine seltsame Sache scheint es mir mit jenen Menschen zu sein, die damals schon, als Jugendliche, einen Freund und eine Freundin fanden, mit denen sie dann jahrelang zusammen blieben; manche von diesen heiraten einander sogar. Eine Freundin von mir etwa lernte ihren Freund mit fünfzehn kennen und blieb dann sieben Jahre mit ihm zusammen; dann trennten sie sich: ein ziemlich typischer zeitlicher Verlauf. Im Gegensatz zu mir ist sie durchaus der Meinung, es lohne sich, sich mit der eigenen Ichfindung zu beschäftigen, denn nachdem sie beide so lange zusammen waren und er sie naturgemäß in ihrer ganzen Entwicklung stark geprägt hatte, fand sie, in vielerlei Hinsicht sein Geschöpf geworden zu sein, und so wollte sie erst einmal wissen, wer sie selbst eigentlich sei, unter all dem, was ihr Freund aus ihr in all den Jahren gemacht hatte, während ich den größten Teil dieser Zeit hindurch ohnehin mit mir allein war und feststellen konnte, daß das eigene Ich gar keine so großartige Sache ist und all den Aufwand nicht lohnt, der darum getrieben wird.

Der erste, in den ich verliebt war - besser, ich beschreibe ihn nicht allzu deutlich, denn sonst könnte ihn irgend jemand, der ihn kennt, wiedererkennen, und das wäre mir heute ausgesprochen peinlich. Peinlich wäre es mir, glaube ich, wohl schon damals gewesen, und deswegen hatte diese Liebe etwas sonderbar hoffnungsloses. Obwohl ich ansonsten große Vorbehalte dagegen habe, manifeste Handlungen durch latente Wünsche zu erklären, scheint es mir plausibel, anzunehmen, daß ich damals gar nicht wirklich mit einem Jungen zusammenkommen wollte und mir deshalb einen aussuchte, mit dem ich bestimmt nicht zusammenkommen würde (nach der neue