Skizzenbuch
Als die Posaune ertönte und die Gräber sich öffneten und die Gebeine sich neu zusammenfügten, beratschlagten sich die Menschen, wie sie das nun nötig gewordene Gericht durchführen sollten, und kamen überein, mit der Anklage den Dichter zu beauftragen, der das berühmte Gedicht über das Leiden geschrieben hatte, das mit den Worten begann
„Den Unschuldigen,
Den Leidenden,
Allen Menschen gewidmet.“
Und der Dichter wandte sich an Gott und begann zu sprechen: „Ich wurde beauftragt, gegen dich die Klage zu führen, und ich denke, es wird von mir erwartet, daß ich nun das wiederhole, was ich einmal in einem meiner Gedichte geschrieben habe, daß ich noch einmal erzähle von dem Leiden aller Kreaturen, von Geburt und Tod, vom Tod, der uns die Geliebten entreißt, von der Einsamkeit, von den Kränkungen und Demütigungen, von den Krankheiten, den Gebrechen und den Seuchen, dem Krieg, von der Frau mit dem verbrannten Gesicht, die niemals einen Mann finden wird, von dem Kind, das seine Eltern liebt und nicht verstehen kann, warum seine Eltern sich wieder und wieder in furchterregende, riesige, schreiende Monster verwandeln und in sich selbst die Schuld sucht, von dem Regenwurm, den die Sonne langsam tötet, von den Wahnsinnigen, die wissen, daß sie wahnsinnig sind, von den Verhörten, von dem Mädchen, das beschnitten wird, von dem Alten, der allein stirbt und niemand hat außer der Zimmerdecke, dem Zaghaften, der verlacht wird, dem Gepfählten, dem nacheinander alle Glieder abgeschnitten werden, von den Reisenden in den Viehwaggons, die verdursten, von all unseren Wünschen und Träumen, die scheitern und allen Qualen und Schmerzen, die wir leiden, von unserer Unfähigkeit, Glück zu ertragen, von der Plötzlichkeit des Schicksals, das uns jederzeit überfallen kann, von der Raupe, in der die Larven einer Wespe heranwachsen, die sie töten werden, von der Trennung, von der Angst, von den Tabletten, dem Fernseher und der Religion, von den Weinenden, von allen Menschen, die leiden, von uns Menschen, doch ich werde davon nicht sprechen und dich nicht anklagen, denn vermutlich bist du ebenso unschuldig wie wir und ermangelst eines freien Willens, vermutlich kannst auch du nicht anders sein, als du eben bist, vermutlich ist es nicht deine Schuld, daß du ein solch scheußliches Monster bist.“
30.10.1996
-Ich habe gehört, du könntest drei Wunder vollbringen?
-das ist wahr, o König.
-ich möchte, daß du mir eines dieser Wunder zeigst.
-diese Wunder sind nicht für jedes Auge bestimmt, sie zu sehen ist gefährlich, und sie verändern den, der sie schaut, o König.
-wenn du mir nicht eines deiner Wunder zeigst, lasse ich dich töten.
Und so zeigte der Mann dem König das erste Wunder: er nahm sich eine Frau, lebte mit ihr viele Jahre glücklich zusammen, baute ein Haus und zeugte Kinder. Der König aber sagte:
-das scheint mir kein besonderes Wunder zu sein, sondern etwas recht alltägliches. Sind alle deine Wunder von dieser Art?
-Nein, o König. Meine Wunder sind alle verschieden, und das zweite Wunder ist unbegreiflicher als das erste, und das dritte Wunder ist unbegreiflicher als die ersten beiden zusammen.
-dann zeige mir dein zweites Wunder.
-das zweite Wunder ist noch gefährlicher als das erste, o König, ich kann es dir nicht zeigen.
-es nützt dir nichts, du mußt es mir so oder so zeigen, oder ich lasse dich töten.
Da zeigte der Mann dem König das zweite Wunder: eine Schlange mit vielen Windungen kroch über den Boden, aber als der König genauer hinsah, bemerkte er, daß es keine Schlange war, sondern dreimal der Buchstabe W: denn dies war das Wunder WasWäreWenn. Und der König sah, wie es wäre, wenn es keine Könige gäbe, wenn es einen Frieden gäbe, wenn Menschen fliegen könnten, wenn die Zeit vorwärts und rückwärts laufen könnte, wenn es mehrere Arten von Zeit zugleich gäbe, wenn ein Ding sich selbst enthalten könnte, wenn dreizehn keine Primzahl wäre, wenn etwas zugleich sein und nichtsein könnte, wenn unaussprechliche Dinge geschehen würden, wenn undenkbare Dinnge geschehen würden, wenn noch andere Dinge geschehen würden.
Der König war verwirrt und bestürzt. Doch als er sich umsah, sah er, daß die Mauern seines Palastes noch standen, und er sagte:
-mir scheint, dein Wunder hat nichts am Lauf der Welt wirklich verändert. Ist auch dein letztes Wunder von der Art, daß es nichts wirklich am Lauf der Welt verändert?
-Nein, o König, mein letztes Wunder verändert die Welt.
-dann zeige mir auch noch dein letztes Wunder.
-mein letztes Wunder kann ich dir nicht zeigen, o König, denn das letzte Wunder wird uns beide verändern und vernichten.
-zeige mir trotzdem dein letztes Wunder. Denn sterben mußt du auf jeden Fall: zeigst du mir dein Wunder nicht, lasse ich dich töten.
Darauf zeigte der Mann dem König sein drittes Wunder. Und das Universum mit dem Mann und dem König verschwand, und ein neues Universum trat an seine Stelle. Das, in dem wir beide, du und ich, leben.
Was wäre, wenn der technische Fortschritt soweit käme, daß es keine Unfälle und deshalb auch keine Todesfälle mehr gäbe? Niemand könnte sich mehr töten, da sofort eine Maschine diesen Tod verhindern würde. Also müßte es eine besondere Einrichtung geben für Menschen, die Selbstmord begehen wollen. Damit sich Menschen aber nicht nur aus Versehen oder aus einer Laune heraus umbringen (was für Launen mögen im Lauf von Jahrtausenden und Jahrmillionen auftreten, und was für unglückliche Verkettungen von Zufällen), müßte diese Einrichtung Sicherheitsmaßnahmen enthalten, psychologische Tests und zahlreiche Sicherheitsabfragen. Eine Sicherheitsabfrage allerdings wäre auf jeden Fall die letzte, danach käme der Tod. Dann aber wäre es denkbar, daß es Menschen gibt, die sich einen Sport daraus machen, das Verfahren zum Selbstmord bis zur letzten Abfrage abzuarbeiten, um dann bei der letzten Abfrage abzuspringen. Als Gegenmaßnahmen wäre denkbar, nach der letzten Abfrage noch eine geheime allerletze Abfrage einzubauen, aber das Gerücht dieser allerletzten geheimen Abfrage würde Menschen dazu bringen, die letzte offizielle Abfrage zu bejahen, nicht, weil sie sterben wollen, sondern weil sie die geheime Abfrage erleben wollen. Oder die Anzahl der letzten Abfragen schwankt, etwa zwischen zehn und zwanzig. Dann könnten Menschen sich gegenseitig übertrumpfen wollen, indem einer sagt „ich habe 13 Abfragen überlebt“ - „das ist ja noch gar nichts, ich habe 17 Abfragen überlebt“.
25.7.1997
Abraham entdeckt den bürgerlichen Humanismus
Abraham sagte zu Sara: „Moral kann nicht weltimmanent begründet werden, sondern bedarf zu ihrer Begründung immer und stets der Transzendenz. Denn wo der Mensch sich nur auf seine eigene menschengemachte Moral verläßt, da verfällt er früher oder später der Unmoral: die weltimmanente Moral, die menschliche Moral, die Moral der Philosophen erträgt keine Belastung, Krisen und Bewährungsproben übersteht sie nicht. Wenn es ernst wird, kann nur eine transzendental fundierte Moral den Menschen vor der Amoral bewahren. Die menschliche Moral ist bequem, sie verlangt dem Menschen nichts ab; genau so ist sie ja vom Menschen geschaffen worden, daß sie bequem ist und ihm nichts abverlangt. Die transzendentale Moral dagegen ist unbequem und manchmal auch unverständlich: denn ihre Quelle ist ja nicht unsere fehlbare Einsicht, sondern die unbegreifbare und unergründliche Transzendenz, die unsere Einsicht übersteigt. Deshalb kann es uns manchmal scheinen, die transzendental geoffenbarte Moral verlange von uns, was amoralisch ist, und verbiete, was eigentlich geboten sei. Aber eben hierin zeigt sich ihre Überlegenheit. Denn es geht eben nicht darum, was wir Menschen in unserer Begrenztheit für moralisch halten, sondern darum, was wahrhaft und in Wirklichkeit moralisch ist. Oft fällt es mir schwer, der transzendental geoffenbarten Moral zu folgen, amoralisch erscheint sie mir manchmal, ich sträube mich, ich wehre mich, ich feilsche, wie ich um die beiden Städte gefeilscht habe, aber eben darin offenbart sich die transzendentale Moral als transzendental, daß sie nicht will, was ich will, sondern will, was sie will und was gut ist.“ „Ist recht, Mann“, antwortete Sara, die sich für moraltheologische Fragen weniger interessierte.
Eines Tages sprach Gott zu Abraham, Abraham solle Gott seinen Sohn Isaac opfern. Isaac war der einzige Sohn Abrahams: einen ältereren Sohn Abrahams, Ismael, den Abraham mit seiner Nebenfrau Hagar gezeugt hatte, hatte Abraham auf Gottes Gebot hin verstoßen.
„Mir erscheint dieses Gebot Gottes als ein großes Verbrechen“, dachte Abraham, während er sich zusammen mit Isaac auf den Weg machte, „aber ich selbst habe gesagt, eben darin zeige sich die transzendente Moral als solche. Mir als sterblichem Menschen scheint es eine Scheußlichkeit, ein unschuldiges Kind, noch dazu mein eigen Fleisch und Blut, meinen geliebten Sohn, der einzige, der mir geblieben ist, hinzuschlachten wie ein Stück Vieh. Aber dies ist eben nur meine menschliche Sicht: die Götter haben schon immer solche Opfer verlangt, jeder von ihnen, und wir müssen begreifen, daß die Meinung unseres albernen Verstandes hier nichts zählt. Moral kann sich eben nicht darauf gründen, was mir gerade paßt und mir gerade recht wäre - würde ich mich hier Gottes Gebot wiedersetzen, ich schlüge einen Weg ein, der nur in Barbarei, Gesetzlosigkeit und Willkür enden kann. Mein Herz will mir in der Brust verbluten, aber meinem Herzen nachgeben würde bedeuten, Recht und Ordnung menschlichem Belieben auszuliefern, und menschliches Belieben ist außerstande, Recht und Ordnung zu schaffen.“
Isaac hatte bemerkt, daß sie Holz gesammelt hatten und auch das Messer nicht fehlte, und doch vermißte er etwas. „Vater, wo ist das Opfertier?“ fragte er. Und Abraham antwortete. „Gott wird schon dafür sorgen“, denn er schämte sich, ihm die Wahrheit zu sagen [in diesem Augenblick hob in Südamerika ein Priester sein Messer, um einem Kriegsgefangenen das Herz bei lebendigem Leib aus der Brust zu schneiden. Persönlich bedauerte der Priester sein Tun. Aber wenn er diesen Gefangenen nicht töten würde, dann würde die Sonne aufhören zu scheinen, und alle Menschen müßten sterben].
Und als sie oben auf dem Berg angekommen waren (nach tagelanger Reise, denn Abraham hatte es nicht eilig), band Abraham seinen Sohn und legte ihn auf den Stapel Holz und Reisig, den die beiden aufgeschichtet hatten. Er traf alle Vorbereitungen und legte das Messer zurecht. Ismael in den Tod zu schicken war leichter gewesen, er hatte es nicht selbst tun müssen, nicht mit eigenen Händen, hatte nicht mit eigenen Augen zusehen müssen. Nun war er schon daran gewöhnt, zu töten, es kam eine neue Schwierigkeit hinzu, weil er selbst das Messer führen mußte, aber es wurde auch leichter: wer einmal getötet hat, hat ein wesentliches Gebot übertreten und Schuld auf sich geladen, und ein zweiter Mord fügt dem nichts neues hinzu. Der zweite Mord vergrößert die Schuld nicht wesentlich, er verwandelt einen Menschen nicht, wie der erste Mord, in einen Mörder, sondern bestätigt nur, was schon ist, er zerbricht nicht die Ordnung, die schon zerbrochen ist, und es fehlt ihm das Unheimliche des Unbekannten und Ungewissen. Also hätte es Abraham leicht fallen können, auch seinen zweiten Sohn zu töten und damit ein vollkommener Mensch zu werden. Aber als Abraham erkannte, daß ein zweiter Mord ihm leichter fallen würde als der erste, weil er nun schon gewohnt war zu morden und gegen das Recht zu verstoßen, erkannte er auch, daß seine Seite das menschliche Recht war. Er hob das Messer nicht (andere sagen, er hätte es bereits erhoben gehabt, und ließ es im letzten Moment wieder sinken) und sagte: „Ich habe beschlossen, von nun an nicht länger dem göttlichen Recht zu folgen, sondern mich um das göttliche Recht nicht länger zu kümmern, denn mein Herz empört sich dagegen, zu tun, was Gott mir gebietet. Mag Gott auch Quelle des transzendentalen Rechts sein, sein Recht, was kümmert es mich? Für mich ist sein Recht Unrecht, was für ihn Tugend ist, ist für mich ein Greuel. Und mit welchem Recht sollte sein Recht meinem Recht überlegen sein? Dich zu töten wäre abscheulich, das weiß ich, und kein Gott kann mich hier umstimmen. Nutzlos ist daher für mich, was er gebietet. Vielleicht irre ich mich, ich bin ja nur ein Mensch, aber wer immer sich aufrichtig bemüht, das Richtige zu erkennen, ist unschuldig in meinen Augen, auch wenn er irrt. Gott aber soll nichts mehr mit mir zu schaffen haben, sein Liebling will ich nicht länger sein, sein bevorzugter Schützling, wenn er dafür von mir verlangt, Unrecht zu tun. Von nun an soll nicht länger Gott mir gebieten, was gut und falsch ist, sondern ich will in Zukunft Gott vorschreiben, was gut und falsch ist. Und niemals wieder von dieser Stunde an für alle Zeiten soll mein Gott ein solches Menschenopfer verlangen.“ Und er band seinen Sohn los, und beide suchten zusammen ein Opfertier.
6.9.1997
Die Schauspielerin Franka Potente wirkte vor kurzem in einem Film namens „Lola rennt“ mit, und infolgedessen begannen uns die Medien eifrig zu informieren, was denn diese Franka Potente für eine sei, daß sie nicht mit dem Hauptdarsteller, sondern mit dem Regisseur ins Bett gegangen sei, was wir Publikum eben so an Klatsch hören wollen, sie durfte in einer Zeitschrift ihren Lieblingsdichter interviewen, und andere Zeitschriften interviewten sie. Bei einem dieser Interviews sollte Potente sagen, ob es sie nicht gestört habe, daß in dem Film ihr Hintern so unvorteilhaft zu sehen sei; denn einen ziemlich langen Teil des Filmes laufen wir ihr auf halber Höhe hinterher, während sie durch die Straßen von Berlin rennt, und sie antwortete dergestalt, es müsse den Kinozuschauern zuzumuten sein, sich einen Hintern normaler Größe anzuschauen.
Dieses Gespräch hinterließ mich in beträchtlicher Verwirrung, denn ehrlich gesagt wäre ich von selber nie auf die Idee gekommen, irgend jemand anders könne auf die Idee kommen, Potente habe einen unvorteilhaften oder gar dicken Hintern. Im Gegenteil dachte ich bis dahin, es handele sich bei ihr um eine Frau, an der kein Gran Fett zuviel sei. Die Frage muß sich also wohl darauf bezogen haben, wie viel Mut es erfordert, in einem Film mitzuspielen, ohne magersüchtig zu sein.
Eine bekannte Klamottenmarke, nennen wir sie einmal etwa Hennes&Mauritz, kündigte an, im Zuge der Zeit eine Werbekampagne zu starten mit nicht magersüchtigen Modells. Ich starrte mir beinahe die Augen aus, aber all die Monate nach dieser Ankündigung konnte ich an den und den anderen üblichen Werbeorten keine H&M-Plakate mit nichtmagersüchtigen Modells entdecken, obwohl ich ansonsten viele H&M-Plakate fand.
Eine seltsame Sache ist das: ein Modell etwa, das einen Körper hat, der gut geeignet ist, auf einem Laufsteg hin- und herzugehen, um Klamotten vorzuführen, ist unter Umständen nicht besonders gut geeignet, um für einen Katalog von Unterwäsche photographiert zu werden. Denn in ersterem Fall gilt es als Ideal, wenn die Frau nicht viel mehr als ein Strich ist, an dem die Klamotten herunterfallen und ungestört hängen können, im zweiten Fall soll etwas da sein, das die Wäsche füllt und nicht allzu elend und verhungert aussieht. Ein merkwürdiges Ideal ist das, das nicht einmal von einer einzigen idealen Frau erfüllt werden kann (selbst wenn sie optimal photographiert und ausgeleuchtet wird), sondern in Wahrheit nur von mehreren: das Ganze ist von vorneherein so angelegt, daß es keine Frau geben kann, die nicht in irgend einer Situation nicht ideal aussehen würde.
Was einer schön findet, ist eine merkwürdige Sache, eine andere die Propaganda für ein bestimmtes vorherrschendes Schönheitsideal. Da gibt es etwa die Filme und Photographien aus den zwanziger Jahren, auf denen die Frauen alle runde Gesichter und kleine, spitze Münder haben. Die Münder, das beruht wohl auf der Art und Weise, wie die Frauen sich damals geschminkt haben, schließlich haben nicht nur Filmschauspielerinnen, sondern auch andere Frauen auf Photographien aus dieser Zeit diese Münder. Die Gesichter dagegen werden das Ergebnis einer spezifischen Selektion sein: nur diejenigen Frauen wurden für abbildungswürdig befunden, die das richtige Gesicht hatten. Und so wirkt es ein wenig, als hätten alle Frauen damals das gleiche Gesicht gehabt, und die Frauen späterer Jahrzehnte alle ein anderes.
Das Ideal ist für eine Zeit und ein Land nicht einheitlich, versteht sich. Es gibt das offizielle Bild, und die Bilder verschiedener Untergruppen: die Frauen, die sich die Haare blond färben, und die Frauen, die sich die Haare rot färben (auf der marktwirtschaftlichen Seite: Frauen, die sich für das Vorführen von Abendkleidern eignen, Frauen, die sich für das Vorführen von Unterwäsche eignen; Frauen mit einem Busen für seriöse Filme oder für Pornos); eine Frauenzeitschrift versucht in einem Artikel, einen bestimmten Typus Frau zu lancieren, und dazu wird detailiert beschrieben, welche Klamotten diese Art Frauen trägt, daß sie fließend französisch spricht, welche Haarfarbe sie hat, daß sie Locken hat, welche Bücher sie liest, welche Umgang sie mit Männern hat, welches Parfüm sie benutzt. Nur in einer Frage erlaubt der Typus eine gewisse Bandbreite: die staunende Leserin erfährt, Busen müsse für diesen Typus nicht sein, störe aber auch nicht — wie großzügig. Unvermeidlich bedeuten die blonden oder die roten Haare etwas und drücken etwas aus, denn die blonden Frauen sind ja, wie wir alle wissen, etwas dumm und oberflächlich, während die rothaarigen an die Widergeburt und an die Rettung der Wale glauben, und Lara Croft hat natürlich dunkle Haare (obwohl Lara Croft vielleicht ein Grenzfall ist und auch blonde Haare haben könnte; aber eine blonde Ellen Ripley ist ziemlich undenkbar, genauso wie eine Ripley, die das Alien in teurer Markenunterwäsche zur Strecke bringt).
In zahlreichen Talkshows, die ich mir zum Glück nicht anschauen muß, da ich keinen Fernseher besitze, werden Dicke interviewt, die stolz darauf sind, dick zu sein, oder Menschen, die dicke Menschen anziehend und erotisch finden. Offensichtlich gelingt es manchen Menschen, sich dem offiziellen Ideal zu entziehen und ein eigenes Ideal zu entwickeln. Vielleicht ist es so, daß in jeder Generation einige Menschen geboren werden, die eine dezidiert eigene Vorstellung davon entwickeln, was schön ist und was nicht, die unabhängig ist vom offiziellen Ideal, die zufällig mit dem offiziellen Ideal übereinstimmen kann, aber nicht muß, und dann gibt es andere, die sich davon beeinflussen lassen, was die Menschen um sie herum für schön halten oder als schön verkünden. Oder vielleicht ist das Schöne auch nur identisch mit dem Durchschnittlichen, vielleicht gilt das als am Schönsten, das möglichst wenig vom Gewöhnlichen abweicht, das symmetrisch und glatt ist. Es gibt noch andere scharfsinnige Theorien, wonach Rubens dicke Frauen malte, weil zu seiner Zeit Wohlbeleibtheit als Ausweis von Wohlstand und ausreichend vorhandenen Lebensmitteln galt, und wonach Amerikaner sich nach großen Brüsten sehnen, weil sie alle mit der Flasche großgezogen wurden, die typischen Psychologenmärchen von Leuten, die nicht mehr weiter wissen. Die Leute, die uns erklären, die Venus von Willendorf sei eine Fruchtbarkeitsgöttin gewesen, die in einem Mutterkult religiöse Verehrung genossen hätte, so, als ob es nicht auch sein könnte, daß es sich bei der Venus von Willendorf um ein Kinderspielzeug handelte oder um eine Karikatur oder ein Stück Pornographie, das seinerzeit heimlich unter dem steinzeitlichen Ladentisch verkauft wurde, oder um etwas ganz anderes, für das uns das Analogon fehlt.
Bleibt als Schluß dieser Betrachtungen die wenig originelle Pointe, daß ein Schönheitsideal eine Form des Terrors ist, der die Menschen leiden macht, ersehnt und unereichbar, ein doppelter Terror, da ja jeder nicht dem Ideal entspricht und außerdem mit Menschen zusammen leben muß, die ebenfalls nicht dem Ideal entsprechen. Wenn wir alle darunter leiden, warum dulden wir es dann überhaupt?
Und nun zu etwas ganz anderem:
Der Film „Monty Python and The Holy Grail“ wurde ins Deutsche übersetzt, unter dem Titel „Die Ritter der Kokosnuß“. Der Film ist nicht unbedingt das beste Python-Werk, überhaupt kenne ich keinen Film von Monty Python, der an die Qualität der Fernsehserie heranreicht, er ist aber unvergleichlich besser als seine Synchronisation. Einer der Sätze des Originals lautet „It is I, Arthur, son of Uther Pendragon, from the castle of Camelot, King of all Britons, defeater of the Saxons, Souvereign of all England.“ Die Übersetzung macht daraus „Ich habe den Sachsen das Angeln beigebracht. Seitdem heißen sie Angelsachsen. Ich bin der König aller Angler. Ich bin der Erfinder des Eukalyptusbonbons am Stiel.“ Warum nun ist die Übersetzung so grauenerregend?
Wenn wir beide Sätze für sich allein betrachten, können wir die Frage stellen, welcher von beiden Sätzen komischer ist. Die Antwort darauf ist leicht: der englische Satz ist überhaupt nicht komisch, jedenfalls könnte er ohne weiteres in einem echten Mantel-und-Degen-Film gesprochen werden, ohne dort als Fremdkörper aufzufallen oder Heiterkeit zu erregen. Allenfalls ein wenig lang und gestelzt wäre er, aber in erträglichem Maß, und noch diesseits der Grenze zur Parodie. Der deutsche Satz, die vier deutschen Sätze dagegen bemühen sich redlich, komisch zu sein. Das mit den Angelsachsen ist zwar ein übler Kalauer, aber es ist ja nicht so, daß die Mitglieder von Monty Python stets davor zurückgeschreckt wären, üble Kalauer zu verwenden, um sie dann freilich meist sogleich als solche zu denunzieren („What a terrible joke“ - „But it’s my only line“). Der letzte der vier Sätze versucht, grotesk zu sein, und auch wenn er nicht an den genialen Wahnsinn des Vorbilds heranreicht, stellt er doch immerhin einen tapferen Versuch dar, den pythonschen Stil zu imitieren. Mithin wäre also der englische Satz des Originals nicht komisch, die Übersetzung aber in Maßen durchaus. Wenn es aber so ist: warum hat denn nicht schon das Original an dieser Stelle einen komischen Satz? Warum spricht König Arthur, der Held des Filmes, einen ellenlangen Satz, der überhaupt nicht komisch ist?
Es zeigt sich, daß das ziemlich oft vorkommt, daß Arthur einen Satz sagt, der, für sich genommen, nicht besonders oder überhaupt nicht komisch ist. Ja, im Großen und Ganzen sagt König Arthur den ganzen Film über überhaupt nichts komisches, und das, obwohl er doch eigentlich die Hauptperson ist und mehr zu sagen hat als alle anderen Rollen. Übrigens sagt auch schon Brian (auch er gespielt von Graham Chapman) in „The Life of Brian“ nicht besonders viele komische Sachen.
Tatsächlich entsteht die Komik durch den Kontrast aus dem Pathos des Königs und dem unpathetischen Benehmens seiner Umwelt. Der König bemüht sich, soweit es an ihm liegt, sich so zu benehmen, wie es etwa einem edlen, heldenhaften König eines Ritterfilmes entspricht, nur, daß er ständig an seiner Umwelt scheitert, die sein ganzes Pathos immer wieder konterkariert. Da gibt es etwa den schwarzen Ritter, der dem König im Wald auflauert und nicht passieren lassen will. Der König besiegt ihn, ist aber so ritterlich, ihm das Leben zu schenken. Der schwarze Ritter aber weigert sich einfach, das Spiel mitzumachen und die Regeln einzuhalten, die zu einer solchen Geschichte gehören, und erklärt sich selbst für nicht besiegt. Also hackt der König ihm beide Arme und ein Bein ab. Der schwarze Ritter hüpft auf einem Bein umher und weigert sich noch immer, sich geschlagen zu geben. Selbst nach dem Verlust seines letzten Beines tut er nicht, was zur ordnungsgemäßen Fortsetzung der Handlung unerläßlich wäre, er gibt sich noch immer nicht geschlagen. Entnervt reitet König Arthur davon, und der Ritter höhnt ihm hinterher. An anderer Stelle möchte der König ein ernsthaftes, würdevolles Gespräch mit zwei seiner Untertanen beginnen, die sofort eine alberne und groteske Zänkerei über die Vorzüge des Sozialismus vom Zaun brechen. Ein Ungeheuer, das der König erschlagen möchte, entpuppt sich als lächerliches Kaninchen, das nichtsdestotrotz unbesiegbar ist. Der zitierte Satz schließlich gehört in das Gespräch zwischen dem König und den Bewohnern einer Burg, die sich nicht nur unhöflich und unwürdig benehmen, sondern sich auch weigern, auf die Pathosformeln des Königs einzugehen und ihn damit ins Leere laufen lassen. Komisch wird die Rede des Königs erst durch die ungezogene Antwort, die sie erhält. So ist ja auch etwa die Rede, die Brian von seinem Fenster aus hält, an und für sich nicht besonders komisch, sondern durchaus bieder und vernünftig. Komisch wird die Rede erst durch die vielstimmig-einstimmige Antwort, die ihr zuteil wird.
Die Denuntiation des Pathos hat natürlich Rückwirkungen: im pythonschen Kontext sind wir geneigt, die Pathosformeln des Königs kritischer zu betrachten, als wir das etwa in einem ernsten Film täten, und nehmen das Hohle, das Groteske dieser Rede eher wahr, so daß in diesem Kontext vielleicht sogar die Rede des Königs selbst komisch wirkt. Ja, es kann sogar sein, daß wir danach die Pathosformeln eines anderen, ernst gemeinten Filmes nun nicht mehr recht ernst nehmen können und an Monty Python erinnert werden, wenn das Pathos nicht wirklich von einem sittlichen Ernst getragen wird, der es als gerechtfertigt erscheinen läßt.
Nicht etwa, daß hier die aufklärerische Wirkung des Filmes übertrieben werden sollte: der Film ist sicher nicht in der Absicht entstanden, seine Zuschauer vor unangemessenem Pathos zu warnen, sondern sie zum Lachen zu bringen. Jedenfalls aber ist es nicht so, daß der Film, wie seine Synchronisation suggerieren könnte, aus einem zufälligen, absichts- und kunstlosen Geblödel bestünde. Komisch ist Monty Python nicht deshalb, weil einige sinnlose oder nichtzusammengehörige Dinge gezeigt würden, sondern die Komik entsteht durch die Verwendung einer techné, einer Kunst, durch die souveräne und unerreichte Beherrschung der entsprechenden handwerklichen Mittel. Deshalb auch ist es ja so, daß es trotz aller Fernsehshows, die komisch zu sein versuchen, niemandem mehr gelungen ist, das Wunder von Monty Python’s Flying Circus zu wiederholen, trotz der scheinbaren Mühelosigkeit und Planlosigkeit, ja, Absichtslosigkeit der einzelnen Folgen. Deshalb auch stellt die Aneinanderreihung von Kalauern, Geblödel und Sinnlosem noch keine angemessene Übersetzung eines pythonschen Filmes dar, solange die Übersetzung nicht die Mechanismen der Komik nachvollzieht.
11.10.1998
Einer der Gründe für die Beliebtheit des Sonetts ist, denke ich, seine Länge, die den Bedürfnissen einer bestimmten Sorte Dichter entgegen kommt: ihre Geschwätzigkeit wird weniger stark gezügelt als etwa in einem Haiku, gleichzeitig gibt es einen äußeren Rahmen, eine Grenze für die eigene Geschwätzigkeit, und es gibt nicht die Notwendigkeit, endlose Epen wie Homer oder Dante mit langem Atem verfassen zu müssen.
Ein anderer Grund liegt, denke ich, in der Möglichkeit, eine Pointe unterzubringen, und diese Möglichkeit ist, denke ich, der Grund für die irreguläre Aufteilung der Zeilen auf die Strophen. Ähnlich wie ein Limerick eine zusätzliche fünfte Zeile mit der Pointe hat, hat ein Sonett drei gewöhnliche Strophen zu vier Zeilen, die vierte Strophe aber, die eigentlich die 4x4-Harmonie vollenden würde, ist auf zwei Zeilen gekürzt, um eine knappere (eben pointierte) Pointe unterbringen zu können. Die Sonette Shakespears etwa sind durchgehend von dieser 4+4+4+2-Bauart.
Sind zwei Zeilen zu kurz für die Pointe, dann läßt sich eine Zeile von der vorletzten Strophe ausborgen, die dann auf drei Zeilen verkürzt wird, wodurch dann das bekannte 4+4+3+3-Schema zustande kommt.
Nicht immer zum Vorteil des Gedichts: manchmal geht das Bemühen um eine Pointe in der letzten Strophe gründlich daneben. Betrachten wir etwa die folgenden Zeilen:
Wir sind doch nunmehr gantz/ ja mehr denn gantz verheeret!
Der frechen Völker Schaar/ die rasende Posaun
Das vom Blutt fette Schwerdt/ die donnernde Carthaun/
Hat aller Schweiß/ und Fleiß/ und Vorrath auffgezehret.
Die Türme stehn in Glutt/ die Kirch ist umgekehret.
Das Rathauß ligt im Grauß/ die Starcken sind zerhaun/
Die Jungfern sind geschänd’t/ und wo wir hin nur schaun
Ist Feuer/ Pest/ und Tod/ der Hertz und Geist durchfähret.
Hir durch die Schantz und Stadt/ rinnt allzeit frisches Blutt.
Dreymal sind schon sechs Jahr/ als unser Ströme Flutt/
Von Leichen fast verstopfft/ sich langsam fort gedrungen.
geschrieben von Andreas Gryphius im Jahr 1636 unter der Überschrift „Thränen des Vaterlandes“.
Es handelt sich, bis hierhin, um ein mustergültiges, vollkommenes Gedicht, ein echtes Juwel. Leider war es Gryphius nicht vergönnt, ein vollkommenes Gedicht zu schreiben, und er fühlte sich genötigt, noch die folgenden Zeilen hinzuzusetzen:
Doch schweig ich noch von dem/ was ärger als der Tod/
Was grimmer denn die Pest/ und Glutt und Hungersnoth/
Das auch der Seelen Schatz/ so vilen abgezwungen.
und damit macht er alles wieder kaputt. Was er eigentlich erreichen will, ist eine Steigerung: was Zeilen1 bis 11 beschreiben, ist schlimm, aber was die Zeilen 12 bis 14 beschreiben, ist noch viel schlimmer. Freilich behauptet er dieses schlimmer-sein nur, er führt es uns nicht wirklich vor. So aber funktionieren unsere Emotionen nicht: unsere Emotionen sind zu abstrakten Rechenleistungen unfähig. Wird uns etwa das Schicksal eines einzigen von den Nazis verfolgten und ermordeten Juden geschildert, so sind wir imstande, Entsetzen, Grauen, Abscheu, Mitleid für das Opfer oder Zorn auf die Täter zu empfinden, die nackte Zahl von sechs Millionen dagegen läßt uns unberührt, zumal die Zahl an sich nichts grauenvolles hat und als reine Zahl nicht spektakulärer als die Staatsverschuldung, die Zahl der Atome im Universum oder die Anzahl der Elemente einer sporadischen einfachen endlichen Gruppe in der Mathematik ist, und wir sind außerstande, die Gefühle, die wir bei der Schilderung eines einzigen Schicksals empfinden, im Geist mit sechs Millionen zu multiplizieren. Weshalb wir gerührt und bewegt nur sind, wenn wir erfahren, daß etwa Felice Schragenheim oder Olga Kafka, Namen, mit denen wir etwas verbinden können, in Konzentrationslagern ermordet wurden, während die Kenntnis der Ermordung der europäischen Juden an sich eine rein intellektualistische bleibt.
Weil unser Geist nicht imstande ist, Emotionen arithmetischen Operationen zu unterwerfen, funktioniert auch Gryphius Gedicht nicht so, wie er das beabsichtigt: wir assozieren den Verlust der ewigen Seeligkeit nicht mit den Grauen der vorangegangenen Zeilen und versehen dieses Grauen mit einem „noch schlimmer“. Die Reaktion, die Gryphius bei seinen christlichen Lesern allenfalls auslöst, ist vielleicht der Gedanke „was bin ich doch für ein schlechter Christ, da mache ich mir Sorgen um Krieg und Pest und Hungersnot, obwohl doch die Sorge um die Seele für mich viel wichtiger sein sollte“. Freilich zeigt diese Reaktion nur, daß in Wahrheit die Sorge um Krieg, Pest und Hungersnot weit vernünftiger und natürlicher ist als die Sorge um irgend eine jenseitige Seeligkeit, und der Mangel in Gryphius Gedicht weist meiner Meinung nach auf einen Mangel im Christentum selbst hin.
Das Gedicht rächt sich, indem die letzten drei Zeilen auch die vorangegangenen elf Zeilen korrumpieren: keineswegs nämlich fühlen wir das Grauen eines unerfreulichen transzendentalen Schicksals, dafür aber wird unser Gefühl für den Schrecken des Diesseits gedämpft. Möglicherweise liegt hierin sogar der eigentliche Sinn des Gedichts: durch den Verweis auf die Transzendenz die Verheerungen des Diesseits nicht mehr gar so schmerzlich empfinden zu müssen. Falls dies wahr sein sollte, dann ginge es Gryphius überhaupt nicht darum, uns irgend etwas über die Ewigkeit mitteilen zu wollen, sondern seine Sorge bestünde einzig und allein darin, einen Gedankengang zu finden, der das Diesseits erträglicher macht: in Wahrheit bewegen sich die Gedanken des Barockdichters beständig im Diesseits, nur eben, daß das Diesseits so unerfreulich ist und deshalb der ständigen Relativierung durch den Verweis auf das Jenseits bedarf. Das Jenseits aber ist an sich für den Barockdichter nicht von besonderem Interesse, außer um das Diesseits zu entwerten, und dementsprechend knapp und kursorisch, eben nur in den letzten drei Zeilen und nicht sehr bildhaft, wird es dann geschildert.
Freilich könnte das Problem auch darin bestehen, daß das Jenseits schwierig zu schildern ist. An Versuchen daran hat es nicht gefehlt: von Dante etwa (und von Dante Gabriel Rossetti, in dem Gedicht vom seligen Fräulein) gibt es den beeindruckenden und ausführlichen Versuch, den Zustand mißglückter Ewigkeit zu beschreiben. Wir könnten nun noch zu Gryphius Gunsten (aber völlig anachronistisch) annehmen, Gryphius habe diese Versuche abgelehnt, weil sich das Jenseitige nicht wirklich mit diesseitigen Metaphern beschreiben läßt und weil uns angesicht der Transzendenz die Sprache im Stich läßt und wir im Reden über Gott und Ewigkeit sprachlos werden. Nun, hätte er sich wirklich für sprachlos gehalten, dann hätte er kein Gedicht schreiben brauchen, im übrigen läßt sich, die nötige Kunstfertigkeit vorausgesetzt, auch die Sprachlosigkeit zum Thema eines Gedichtes machen:
Viele
haben keine Sprache.
Wär ich nicht selbst
satt von Elend, ich
bewegte
die Zunge nicht.
Dieses Gedicht, „Viele haben keine Sprache“, von Ernst Meister 1972 veröffentlicht, zeigt, daß es durchaus möglich ist, die Sprachlosigkeit selbst zum Sprechen zu bringen.
Es mag gegen Ernst Meister und seinen manchmal etwas arg hochtrabend-celanhaft-dunklen Stil manches einzuwenden sein, dieses Gedicht aber halte ich für nahezu vollkommen.
Ich bitte zu beachten, daß Meister zwar keine traditionelle Form für sein Gedicht gewählt hat und sich hier auch nichts reimt, daß diese zweiunddreißig Silben beziehungsweise sechzehn Wörter trotzdem keineswegs wahllos und willkürlich gesetzt sind, daß es sich hier durchaus nicht um Prosa handelt, die verschwenderisch über mehrere Zeilen verstreut wurde (wie das bei modernen Gedichten minderer Qualität oft der Fall ist). Ein deutliches Zeichen dafür ist der Gebrauch von „Wär“ statt dem naheliegenderen „Wäre“. Warum „Wär“ und nicht „Wäre“? Weil dann der das Gedicht beherrschende Trochäus bereits hier, in der dritten Zeile, unterbrochen wäre und nicht erst, wie es Meisters Absicht war, über die Zunge der letzten Zeile stolperte, die sich eben nur mühsam und gegen den Trochäus bewegt. Zu beachten ist auch die geheime Struktur, wonach nach jeder achten Silbe, also nach jedem vierten Wort, ein Satzzeichen folgt, eine Struktur, die durch die Anordnung der Worte in der Zeile wieder verwischt und unterbrochen wird: die vielen Menschen, die „Viele“ enthält, brauchen eine eigene Zeile, außerdem muß dieses Gedicht langsam eröffnet werden, das lange Wort „bewegte“ (der einzige Dreisilber hier), mühsam auszuführen für einen vom Elend satten, braucht ebenfalls eine eigene Zeile, außerdem muß „die Zunge“ in die selbe Zeile wie „nicht“, sonst entsteht für einen Moment lang der unerwünschte Satz „ich bewegte die Zunge“, ehe die nächste Zeile mit dem korrigierenden „nicht“ beginnt.
Ernst Meister befindet sich in der Situation eines Begünstigten: was er erträgt, müssen auch andere erleiden, nur daß ihnen die Möglichkeit fehlt, ihr Erleben in ebenso vollendete Worte wie Ernst Meister, oder überhaupt es in Worte fassen zu können. Meister schafft es, sein eigenes Fühlen zu relativieren, ohne es dadurch zu verkleinern, und ohne in ein albernes Klischee wie etwa „ich grüble hier über meine gepflegte Melancholie, und in dem schwarzafrikanischen Staat xy verhungern kleine Kinder“ zu verfallen, und es gelingt ihm, für einen Moment das Erleben eines dieser anderen, Sprachlosen, aufscheinen zu lassen: wir können nicht wissen, was ein (im metaphorischen Sinn) Sprachloser fühlt, und Meister versucht auch nicht, die Kluft mit einer Imagination zu füllen. Freilich, was ein anderer fühlt, wissen wir auch unter Redenden nicht:
Den Atem ausgetauscht
wirklich.
Jetzt, schönes Nun,
die Luft steht still.
Verlassen nicht
und nicht versäumen.
Was Beteurung war,
Geräusch der Öde.
Ich hab dir
das Meine
umsonst gesagt,
und so rede
ein Jedes
das Seine umsonst.
[Beide, das vorangegangene Gedicht, und dieses, „Den Atem ausgetauscht“, erschienen in dem Band „Sage vom Ganzen den Satz“, 1972 im Luchterhand Verlag]
denn in Wahrheit ist ja auch Meister nicht weit entfernt von der Sprachlosigkeit, einem Sprachlosen nahe verwandt: die Gedichte nur Andeutungen, der Versuch, sich zu verständigen, umsonst, das Bewegen der Zunge mühsam (schön im übrigen, wie hier „umsonst“ steht und nicht „vergeblich“. „vergeblich“ hätte natürlich eine Silbe mehr gehabt als „umsonst“, ich weiß aber nicht, ob das der einzige Grund war, „umsonst“ vorzuziehen. Neben der Vergeblichkeit schwingt noch etwas anderes in dem Satz „Ich hab dir das Meine umsonst gesagt“ mit, etwas von „umsonst“ im Sinne von „kostenlos“: ich habe dir das Meine ohne Vorbedingung, ohne Vorbehalt, ungeschüzt und ohne Erwartung gesagt).
Mithin, fassen wir die Lektion dieses Aufsatzes zusammen, auch das Sprachlose läßt sich aussprechen, freilich braucht es dazu einen unerschrockenen Dichter wie Ernst Meister statt eines Andreas Gryphius, der sich lediglich eines haltlosen metaphysischen Trostes versichern will, um nicht länger am Elend des Lebens leiden zu müssen. Christentum und Sonettform haben ein im Ansatz vielversprechendes Gedicht kaputt gemacht.
20.9.1999
Eigentlich wollte ich einen Text schreiben mit dem Titel „Fünf Sätze der Vorsokratiker“. Bis jetzt ist mir aber nur zu zweien etwas eingefallen.
1. Demokrit
„Ein Leben ohne Festlichkeiten ist ein langer Weg ohne Herbergen.“
Bei der Betrachtung dieses Satzes sind wir in der unangenehmen Lage, daß wir ihn zwar so ungefähr übersetzen können, aber trotzdem nicht wissen, was er eigentlich bedeutet. Das Problem ist, daß Demokrit, wie alle griechischen Philosophen, Wörter der Alltagssprache verwendet, ohne sie unbedingt in ihrer ursprünglichen Bedeutung zu gebrauchen. Das Wort „Elektron“ bezeichnete ursprünglich den Bernstein, aber niemand von uns meint mit „elektrisch“ so etwas wie „bernsteinhaft“, und es wäre ein völliges Mißverständnis, wollte jemand glauben, die Menschen der Neuzeit hingen der abergläubischen oder mythologischen Vorstellung an, in elektrischen Geräten walte die geheimnissvolle Kraft des Bernsteins. Ebenso wenig meint Platon, wenn er von einer Prägeform redet, ein Gerät, das ein Münzpräger oder ein Töpfer verwendet, sondern er meint, wenn er sich dieses Wortes aus der Alltagssprache bedient, einen abstrakten Begriff, eine Idee, ein platonisches Urbild, nach dem die Einzeldinge (oder andere Ideen) geformt sind. Im Falle des Bernsteins nehmen wir das Problem gar nicht wahr, und es kann zu keinen Mißverständnissen kommen, da ohnehin nur noch die wenigstens die ursprüngliche Bedeutung des Wortes „Elektron“ kennen. Im Falle der platonischen Ideen sind unsere Schwierigkeiten bereits größer, und es läßt sich trefflich darüber streiten, was eigentlich genau Platon mit diesem Begriff gemeint haben könnte, aber immerhin steht uns hier ein halbwegs umfangreiches hinterlassenes Werk zur Verfügung, aus dem wir versuchen könnten, zu rekonstruieren, was die intendierte Bedeutung dieses Begriffes ist. Bei Demokrit dagegen stehen uns nur einzelne Fragmente zur Verfügung, und wir kennen nur die Alltagsbedeutung der Worte, die Demokrit verwendet, wir wissen nicht, inwieweit Demokrit die Worte in ihrer Alltagsbedeutung belassen hat, inwieweit er alte Worte für einen neuen Sinn verwendete, und falls, für welchen.
Der kurze Satz Demokrits, im Original nur fünf Wörter lang, ist deshalb zwar übersetzbar, aber kaum noch deutbar. In seiner einfachsten Interpretation läßt er sich so verstehen, daß Demokrit ein Partylöwe war, der Feten echt total irre gut fand und deshalb irgend wann einmal, um dieser Begeisterung Ausdruck zu verleihen, einen Spruch losließ, daß ein Leben ohne Partys doch echt eine öde Sache sei, etwa so, wie wenn ein Fußballfan bekennt, ein Leben ohne Fußball sei für ihn sinnlos, oder Nietzsche, Leben ohne Musik wäre ein Irrtum.
In einer anspruchsvolleren Deutung könnte das Wort „Festlichkeit“ etwas ganz anderes bedeuten: etwa ein Wort für das Außergewöhnliche sein, oder das Erhabene, oder die Ausnahme, oder den Rausch und die Begeisterung, die auf die Anwesenheit der Götter verweist. Um mit Heidegger zu sprechen, das Eigentliche, das als die Ausnahme den alltäglichen Trott des Uneigentlichen durchbricht und dem Leben erst seinen eigentlichen Sinn verleiht. Festlichkeit könnte, in diesem Sinn aufgefaßt, auch der erste Kuß zweier Liebenden oder die Freude über eine philosophische Erkenntnis sein. Festlichkeit wäre alles, was den Menschen in eine Hochstimmung versetzt, was ihn außer sich bringt. In einem anderen Fragment sagt Demokrit:
„Sparsamkeit und Hunger sind gut; zur rechten Zeit ist aber auch Aufwand gut. Das zu verstehen ist Sache des Tüchtigen.“
Demnach würde der Tüchtige sich zwar im allgemeinen an Regeln der Mäßigung halten, aber gelegentlich, zur rechten Zeit, eben auch nicht, und diese rechte Zeit kann nur der Tüchtige erkennen, offenbar wohl, weil der rechte Zeitpunkt dafür sich nicht in eine einfache Regel fassen läßt.
Die meisten griechischen Philosophen, selbst die, die eine Ethik des Hedonismus lehren, treten für Maßhalten und das Glück der Bescheidung ein. Demokrit scheint hier keine Ausnahme zu machen, wenn er Sparsamkeit und Hunger lobt: und doch besteht der eigentliche Sinn des Lebens aus etwas anderem, dem besonderen, außergewöhnlichen. Um nochmals und ein letztes Mal mit Heidegger zu sprechen: die Augenblicke, in denen wir nicht nur „man“ sind. Oder in der Sprechweise der Mythologie: die Momente, in denen wir nicht mehr wir selbst sind, sondern ein Gott von uns Besitz ergreift und uns begeistert.
2. Anaxagoras
„In jedem — ausgenommen im Geist — ist ein Anteil von jedem; es gibt aber auch Dinge, in denen Geist ist.“
Betrachten wir diesen Satz, dann sollten wir uns zunächst einmal hüten, ihn im Sinne eines Dualismus im Sinne etwas Descartes zu lesen. Wenn Anaxagoras vom Geist spricht, so gebraucht er das Wort in einem Sinn, daß der Geist eine von mehreren Substanzen ist, kein anspruchsvoller Verweis auf irgend eine Transzendenz. Entsprechend enttäuscht war Sokrates/Platon von Anaxagoras: Anaxagoras führt den Geist in die Physik ein, macht dann aber nicht so vom Geist gebraucht, wie Platon das erwarten würde. Anaxagoras benötigt lediglich ein Prinzip, mit dessen Hilfe er erklären kann, warum die Mischungsverhältnisse der Stoffe sich ändern, und dieses Prinzip ist der Geist, der die Dinge anordnet, indem er durch sie alle hindurchgeht. Anaxagoras gebraucht das Wort Geist, nous, aber wieder können wir nicht genau wissen, inwieweit Anaxagoras das Wort in einem technischen Sinn gebraucht (dessen technische Definition uns nicht erhalten geblieben ist oder sich erst aus dem Kontext des Gesamtwerkes erschlösse), inwieweit das Wort in seinem alltäglichen und gewöhnlichen Sinn gebraucht wird. Um wieder ein Beispiel der modernen Physik zu zitieren: auch die Energie in der Physik ordnet die Dinge an, indem sie durch sie alle hindurchgeht, auch das Wort „Energie“ hat eine etymologische Vorgeschichte, die es mit allerlei unnützen und irreführenden Bedeutungen belastet.
Nach dieser Vorbemerkung soll es aber nun nicht länger um den Geist, sondern um alles andere gehen. In jedem ist ein Anteil von jedem, behauptet Anaxagoras. Mir scheint dies ein außerordentlich kühner Gedanke, der sich erst mit Hilfe der Mathematik ganz verstehen läßt, im Grunde erst seit den Arbeiten von Cantor oder Hausdorff. Wie kann es denn sein, daß jedes in jedem enthalten ist, ohne daß wir diesen Satz auffassen als ein Beispiel eines pseudomystischen Gefasels für die geistig Armen?
Betrachten wir, in einem ersten Schritt, die reellen Zahlen. Eine Teilmenge der reellen Zahlen sind die rationalen Zahlen: manche reellen Zahlen sind rational, andere irrational. Von beiden gibt es unendlich viele, es ist aber möglich, beide nach der Häufigkeit ihres Vorkommens sinnvoll zu gewichten, etwa, indem wir das Lebesgue-Maß verwenden. Das Lebesgue-Maß ist ein mathematisches Verfahren, die Länge oder die Fläche oder das Volumen auch seltsamer und zerrissener Gebilde zu bestimmen (das Lebesgue-Maß ist dabei nur eines von vielen verschiedenen Verfahren, es ist lediglich ein besonders naheliegendes und häufig gebrauchtes; universell ist es nicht, denn es gibt geometrische Gebilde, deren Lebesgue-Maß nicht bestimmt ist). Wenn wir etwa sämtliche Zahlen zwischen 0 und 1 betrachten, so ist das Lebesgue-Maß dieser kurzen Strecke gerade 1. Betrachten wir nur die irrationalen Zahlen zwischen 0 und 1, so ist ihr Lebesgue-Maß ebenfalls 1, das Lebesgue-Maß der rationalen Zahlen zwischen 0 und 1 ist dagegen 0. Anders gesagt: nur ein verschwindend geringer Teil der Entfernung zwischen 0 und 1 wird von den rationalen Zahlen gefüllt, der bei weitem überwiegende Teil besteht aus irrationalen Zahlen.
Trotzdem haben die rationalen Zahlen noch eine andere, verblüffende Eigenschaft: sie liegen „dicht“ innerhalb der reellen Zahlen: das heißt nichts anderes, als daß sich zwischen zwei beliebigen reellen Zahlen immer noch eine rationale Zahl findet (und damit unendlich viele).
Die Zerlegung der reellen Zahlen zwischen 0 und 1 in rationale und irrationale Zahlen ist aber nur eine von unendlich vielen möglichen Zerlegungen. Wir können uns andere Zerlegungen dieses Intervalls in Mengen A1, A2, ... An denken, wobei zwei verschiedene Mengen Ai und Aj sich nicht schneiden (so, wie rationale und irrationale Zahlen sich nicht schneiden, d.h., keine Zahl gleichzeitig rational und irrational sein kann), andererseits die Vereinigung aller Mengen von A1 bis An das ganze Intervall ergibt (so, wie jede Zahl rational oder irational ist). Wir können uns diese Mengen außerdem so vorstellen, daß jede Menge Ai gerade die Länge, das Lebesgue-Maß mi besitzt, mit m1+m2+...+mn = 1. Eine banale Möglichkeit, eine solche Situation zu realisieren, wäre etwa die Zerlegung des Intervalls [0,1] in die Teilintervalle A1 = [0,m1], A2 = [m1,m1+m2], A3 = [m1+m2,m1+m2+m3]... Es gibt aber auch interessantere Möglichkeiten, eine solche Situation zu realisieren. Unter anderem sind wir imstande, die Mengen Ai so zu wählen, daß jede von ihnen dicht im Intervall [0,1] ist, das heißt, zwischen zwei beliebigen Zahlen aus diesem Intervall liegt immer eine (und damit unendlich viele) Zahlen aus Ai. Analoge Situationen lassen sich statt für die Strecke auch für Flächen oder Volumen realisieren.
Nach diesem kleinen Exkurs können wir vielleicht ein wenig besser verstehen, wie es sein kann, daß nach Anaxagoras jeder Stoff jeden anderen Stoff enthalten kann und auch stets enthält. Nehmen wir an, es gäbe n Substanzen, etwa Fleisch, Brot, Knochen und so weiter. Wir stellen uns weiter vor, uns liegt ein bestimmtes Objekt vor, das in der oben beschriebenen Weise aus durchmischten Teilmengen besteht. Weiter stellen wir uns vor, ein Bestandteil überwiege an Maß alle anderen Bestandteile, es sei etwa das Gesamtmaß des Objektes 1, das Maß der Brot-Teilmenge sei 0,9. In diesem Fall würden wir sagen, daß das Objekt aus Brot besteht. Gleichzeitig aber enthält es auch Fleisch, und egal, wie fein wir das Brot-Objekt in immer kleinere Teile teilen, immer werden wir in diesem Brot Anteile von Fleisch (und von jeder anderen der n Substanzen, aus denen die Welt besteht) finden. Essen wir das Brot, so trennt der Geist, der in unserem Magen wohnt, das Fleisch aus dem Brot heraus und fügt es unserem eigenen Fleisch hinzu, wobei freilich auch unser Fleisch Anteile von Brot enthält.
Die Mischung aus den n verschiedenen Substanzen können wir uns auf zweierlei Art vorstellen: im ersten Fall ist die Mischung homogen, das heißt, wenn wir aus dem Brot ein kleines Stück Brot herausschneiden, dann ist ist der Anteil an Brot in diesem kleineren Teil wieder, wie in dem größeren Teil, 90 %, und das Mischungsverhältnis bleibt bei allen noch so feinen Unterteilungen gleich. Eine solche Mischung können wir nach einem Modewort „selbstähnlich“ oder meinetwegen auch „fraktal“ nennen (sie erinnert an ein Besicovich-Fraktal), Aristoteles nennt solche Mischungen „homoiomerisch“. Die andere Möglichkeit besteht darin, daß der Anteil der einzelnen Substanzen in verschiedenen Teilen des Brot-Objekts schwankt, so daß es passieren kann, daß, wenn wir ein sehr kleines Stück aus dem Brot herausschneiden, dieses kleine Stück zu 90 % aus Fleisch besteht (und ein noch kleineres Stück dieses Stückes zu 90 % aus Knochen, und so weiter). Nach Anaxagoras war der Urzustand der Welt homoiomerisch (obwohl er das erst von Aristoteles eingeführte Wort natürlich nicht verwendet): „Gleichmäßig-zusammen waren die Sachen alle, unendlich sowohl der Zahl als auch der Kleinheit nach.“ Dann begann das Wirken des Geistes, der zu einer Änderung der Mischverhältnisse führte.
In diesem Weltbild kann es keine ausgezeichnete Größenskala geben (außer eventuell der Größe des Ganzen), so daß Anaxagoras konsequenterweise die These vertritt, es gäbe Leben (und auch menschliches Leben) auf allen Größenskalen).
Diese Kosmologie scheint mir außerordentlich erstaunlich und bewundernswert, in gewisser Weise war die Physik des Anaxagoras der entsprechenden Mathematik um zweieinhalb Jahrtausende voraus. Davon abgesehen ist diese Kosmologie, nach allem, was wir wissen, vollkommen falsch, aber mir scheint, es wäre ziemlich albern, diesen Mangel Anaxagoras vorwerfen zu wollen: falsch ist schließlich auch die vielbewunderte Kosmologie Newtons. Wenn wir unbedingt Aussagen des Anaxagoras zur Physik finden wollen, die mit unserer heutigen Physik verträglich sind, sei auf seine Behauptung verwiesen, die Himmelskörper befänden sich nicht an ihrem natürlichen Ort, sondern würden durch dynamische Kräfte auf ihrer Bahn gehalten, und Meteoriten seien Bruchstücke dieser Himmelskörper (was, mit einem Körnchen Salz, beides richtig ist). Jedenfalls ist seine Theorie ein hervorragendes Beispiel, wie durch eine originelle und kühne Theorie die erscheinenden Dinge durch die nichtoffenkundigen Dinge erklärt werden.
„Anblick der nichtoffenkundigen sind die erscheinenden Dinge, wie Anaxagoras sagt, der von Demokrit deswegen gepriesen wird.“ heißt es bei Sextus Empiricus.
19.3.2000
Es war einmal ein Prinz, der auf einer seiner Irrfahrten auf einen märchenhaften Palast stieß. Der Palast wurde von einer schönen Fee bewohnt, die sich in den Prinzen verliebte. Ein Jahr lang lebten der Prinz und die Fee glücklich und sorglos zusammen. Nach Ablauf eines Jahres jedoch sprach die Fee: „Ich muß knapp zwei Wochen lang, um genau zu sein, dreizehn Tage lang, zu meinem Onkel, dem großen Unterwasserfürsten im indischen Ozean, reisen. Bleibe du solange hier, und vergnüge dich mit den Annehmlichkeiten meines Palastes. Der Palast besitzt dreizehn Kammern im Dachgeschoß, das ich bisher vor dir verborgen hielt: die ersten zwölf Kammern magst du nach Herzenslust betreten und dich an den dortigen Schätzen erfreuen, die dreizehnte Kammer aber sollst du nicht betreten, wenn du mich liebst, denn sonst wird ein großes Unglück über uns beide kommen.“ Und daraufhin verabschiedete sich die Fee von dem Prinzen.
Am nächsten Tag betrat der Prinz die erste Kammer und fand darin Schätze, so herrlich, wie er noch nie welche auf Erden gesehen hatte. Den ganzen Tag vergnügte er sich mit den Schätzen der ersten Kammer, und am Abend ging er, ein wenig einsam, aber zufrieden, zu Bett.
Am nächsten Tag betrat er die zweite Kammer, und fand dort noch viel herrlichere Schätze als in der ersten Kammer. So ging es Tag für Tag weiter, jeden Tag betrat der Prinz eine neue Kammer, und jede Kammer erwies sich als noch herrlicher und kostbarer als die vorangegangene.
Am dreizehnten Morgen fühlte der Prinz sich mißmutig und unausgeschlafen. Er sah sich noch einmal die Kammern eins bis zwölf gründlich an, legte einen Katalog der Kammern an, verbrachte den Vormittag damit, die Unterschiede zwischen den einzelnen Kammern zu klassifizieren, und den Nachmittag setzte er sich noch einmal ausführlich mit Kammer sechs auseinander. Schließlich setzte der Prinz sich vor seinen Computer und begann ein bißchen zu spielen.
Der Prinz hatte gerade die babylonische, russische und französische Zivilisation zerstört, den Koloß von Rhodos gebaut und die steam engine erfunden, als die Uhr Mitternacht schlug und die Fee mit ihrem Gefolge in den Palast zurückkehrte. „Da bist du ja endlich wieder“ rief der Prinz, der ihr entgegen eilte. „Nun, war es sehr langweilig ohne mich?“ fragte die Fee. „Ja, es ging, da waren all diese interessanten Kammern, aber es war schon sehr einsam ohne dich.“ sagte der Prinz.
„Und, hast du die dreizehnte Kammer betreten?“ „Nein, obwohl, neugierig war ich schon. Was ist denn eigentlich drin in der dreizehnten Kammer?“ „Ach, bloß die abgeschlagenen Köpfe meiner früheren Liebhaber, die trotz meines Verbotes die dreizehnte Kammer betraten.“ sagte die Fee. Dem Prinzen wurde leicht unbehaglich.
8.5.2000
Werbung für eine Lotterie, die als Abonnement angeboten wird: „Das erste Abo, das reich macht“. Die Perfidie liegt in der Unbestimmtheit der Quantoren des Satzes. In vielen logischen Systemen ist es üblich, Sätze mit freien Variablen als Allsätze über diesen Variablen zu interpretieren: Beispielsweise hat der Satz „Männer sind Schweine“ gemäß dieser Konvention den selben Gehalt wie der Satz „Alle Männer sind Schweine“. Das Beispiel zeigt, daß eine solche Konvention sinnvoll und im Einklang mit der alltäglichen Sprechweise ist. Wenn wir diese Konvention auf den Werbesatz anwenden, ergibt sich „Das erste Abo, das Jeden reich macht.“ Selbst wenn wir diesen Satz aus dem Kontext einschränken zu „Das erste Abo, das jeden Abonennten reich macht.“ ist der Satz offensichtlich falsch: die meisten Abonennten wird dieses Abo ärmer und nicht reicher machen. Richtig ist aber die Ergänzung mit einem Existenzquantor: „Das erste Abo, das Einige reich macht.“, denn tatsächlich gewinnen ja gelegentlich Menschen im Lotto, auch wenn der Erwartungswert negativ ist. Es gibt nun aber in der Alltagssprache keine zwingende Regel, nicht vollständig quantifizierte Sätze mit Allquantoren zu ergänzen. Welche Art von Quantor die richtige ist, muß in der Regel aus dem Kontext erschlossen werden. Wenn wir unser Beispiel erneut betrachten, dann ist es so, daß der Satz nur auf einer ersten Ebene als „Alle Männer sind Schweine“ zu lesen ist. Auf einer zweiten Ebene der Deutung bedeutet er „Einige Männer sind Schweine“, denn meist will die Person, die den Satz äußert, etwas mitteilen in der Art wie „Ich hatte ein Erlebnis, in dem ein Mann oder einige Männer sich als moralisch verworfene Menschen erwiesen haben, und dieses Erlebnis hat auf mich einen so nachhaltigen Eindruck gemacht, daß für einen Moment lang für mich die ganze Kategorie „Männer“ mit einer negativen Assoziation versehen war.“ Daß der Satz „Männer sind Schweine“ nicht vollständig quantifiziert ist, hat also seinen guten Sinn, da die Ambiguität zwischen All- und Existenzquantor gewollt und Teil der Aussage ist (das staunenswerte daran ist, daß ein solcher in einer formalen Sprache kaum darstellbarer Effekt auch von kommunikativ unterdurchschnittlich begabten Sprechern der Alltagssprache ohne weiteres produziert oder rezipiert werden kann). Der Werbesatz kann sich also darauf berufen, daß in der Alltagssprache die korrekte Quantifizierung immer dem Kontxt überlassen ist, und daß selbstverständlich jeder Adressat des Satzes weiß, daß er so zu lesen ist, daß das Abo nur einige, nicht aber alle Abonnenten reich macht. Gleichzeitig aber nutzt er die Neigung der Menschen aus, sich selbst für die Ausnahme zu halten, für den einen, der trotz des negativen Erwartungswertes in einer Lotterie einen Gewinn macht.
Eines der schönsten Dokumente der Philosophie ist meines Erachtens John Stuart Mills Aufsatz über die Freiheit. In noch heute gültiger und überzeugender Art und Weise sind in diesem schmalen Buch die Grundsätze menschlicher Freiheit niedergelegt. Friedrich A. von Hayek freilich behauptet, die Darstellung des Liberalismus sei seit langem nicht mehr auf dem neuesten Stand, und die Bücher der Klassiker vermöchten die heutigen Menschen nicht länger zu überzeugen. Deshalb habe er „Die Verfassung der Freiheit“ geschrieben, als eine auf den neusten Stand gebrachte Verteidigung des Liberalismus. Leider ist aber sein Buch weit weniger überzeugend, als es die Schrift Mills ist. Während Mill die Freiheit jedes einzelnen Menschen gegen die Zudringlichkeiten sowohl des Staates als auch der Gesellschaft verteidigt, ist es Hayek vor allem um die Freiheit der Reichen vor der Zudringlichkeit des Staates zu tun. Die Zudringlichkeiten der Gesellschaft glaubt er ignorieren zu können: „Doch daß das Verhalten innerhalb des privaten Bereichs nicht Gegenstand staatlicher Zwangshandlungen sein soll, heißt nicht notwendig, daß in einer freien Gesellschaft ein solches Verhalten auch vom Druck der allgemeinen Meinung oder der Mißbilligung frei sein soll. Vor hundert Jahren, als in der strengeren moralischen Atmosphäre des viktorianischen Zeitalters zugleich der Zwang des Staates auf ein Minimum beschränkt war, richtete John Stuart Mill seine heftigsten Angriffe gegen solchen „moralischen Zwang“. Damit übertrieb er wohl die Forderung nach Freiheit.“ [Tübingen 1991, S. 176] Freiheit bedeutet für Hayek nicht oder nicht in erster Linie die Freiheit von einer unauflöslichen Ehe oder religiösen Pflichten, nicht die Freiheit, sich die Haare grün zu färben oder sich die Haut mit Metall zu durchbohren oder gesundheitsschädliche Drogen zu nehmen, nicht die Freiheit, mit einem Menschen des eigenen Geschlechts zusammen zu leben: vor allem einmal bedeutet sie die Freiheit der reichen Haushaltsvorstände. Die Reichen dürfen auch gerne einmal neue Lebensformen wie Homosexualität oder exotische Drogen ausprobieren: dies ist sogar der tiefere Sinn der Existenz der Reichen, denn die Reichen stellen, laut Hayek, eine Art Konsumentenavantgarde dar, sie erproben neue Lebensformen, die sich der Rest der Gesellschaft zunächst noch gar nicht leisten kann. Wenn von den Reichen die Rede ist, so geht es im übrigen bei Hayek ausschließlich um reiche Männer. Es könnte scheinen, und die Lektüre des Taylor/Millschen Aufsatzes über die Unterdrückung der Frauen würde diesen Eindruck verstärken, daß der Liberalismus sich für die Gleichberechtigung der Frauen einsetzen müßte, da ja den Grundsätzen des Liberalismus zufolge alle Menschen trotz ihrer Verschiedenheit gleiche Rechte erhalten sollten. Hayek aber spricht nicht nur stets und ohne Not von „Männern“, wo er ebenso gut von „Menschen“ sprechen könnte, wenn er denn Menschen im Sinn hätte, der reiche (männliche) Haushaltsvorstand soll unumschränkt in seinem Haushalt regieren: „Aber da der moderne Mensch in diesem Punkt etwas das Feingefühl verloren hat, sei erwähnt, daß die Anerkennung eines geschützten persönlichen Bereichs in Zeiten der Freiheit normalerweise das Recht auf Zurückgezogenheit und Verschwiegenheit eingeschlossen hat, ferner die Vorstellung, daß „a man’s house is his castle“ und niemand das Recht hat, auch nur Notiz davon zu nehmen, was darin vorgeht“ [a.a.O. S. 171], selbst dann, so dürfen wir annehmen, wenn der Mann seine Frau schlägt und seine Kinder mißbraucht.
Die Reichen, die selbständigen Unternehmer sind im übrigen, nach Hayek, auch die einzigen, die halbwegs einen Überblick über die wirtschaftlichen Zusammenhänge haben, während die einfachen Angestellten als kleine Rädchen eines größeren Betriebes gar nicht kompetent genug sind, wirtschaftliche Fragen zu entscheiden, und das allgemeine Wahlrecht aufgrund der bedauerlichen Mehrheit der Angestellten die beklagenswerte Folge hat, daß politische Fragen oft vom Standpunkt abhängig Beschäftigter entschieden werden, die dazu neigen, die berechtigten Interessen der Reichen zu ignorieren. Abgesehen davon, daß diese reichlich alberne soziologistische These (wie sie sich ähnlich auch bei Marx und seinem Klassenstandpunkt findet) eigentlich auch auf den abhängig beschäftigten Hayek gelten müßte (was Hayek auch selbst bemerkt, was er aber zu ignorieren vorzieht), scheint es der Aufmerksamkeit Hayeks entgangen zu sein, daß die allermeisten Firmen sich nicht mehr im Privatbesitz einzelner reicher Männer befinden. Nahezu alle großen Unternehmen sind Aktiengsellschaften, deren Aktien oftmals im Besitz anderer Aktiengesellschaften sind oder von Banken oder Versicherungen mit den Einlagen ihrer Kunden erworben wurden (So befindet sich etwa eines der einflußreichsten und finanzmächtigsten deutschen Unternehmen, die Allianz, teilweise im Besitz der Münchner Rück, einem der bedeutendsten Rückversicherer weltweit, der sich wiederum teilweise im Besitz der Allianz befindet, &c.). Derartige Konstruktionen ermöglichen es, daß die bedeutendsten Unternehmen sich, zumindest teilweise, in niemandes Besitz befinden (um so schlimmer für Deutschland, wenn es statt von freien Unternehmern von anonymen Aktiengesellschaften beherrscht wird, die von staatlichen Bürokratien kaum zu unterscheiden sind, könnte Hayek antworten; aber wenn die freien Unternehmer sich nicht gegen die großen Aktiengesellschaften durchsetzen können, wem sollen wir da die Schuld geben?). Es ist deshalb auch kein Systembruch, wenn in diesen Unternehmen der Betriebsrat eine gewichtige Rolle spielt, während es nicht ganz verständlich wäre, wenn ein freier Unternehmer sich in seinem eigenen Unternehmen in wesentlichen Fragen von seinem Betriebsrat hinreden lassen sollte. Andere Unternehmen sind in der Form von Genossenschaften oder Vereinen organisiert. Und die berühmten jungen, innovativen Unternehmen, etwa die Unternehmen der neuen Technologien, sind nicht selten von Bastlern gegründet worden, die über nahezu überhaupt kein eigenes Kapital verfügten.
Die Notwendigkeit der Existenz einer Klasse von Reichen wird von Hayek damit begründet, daß diese neue Lebensweisen erproben können, die später auch den Armen zugute kommen. Ein Beispiel, das Hayek anführt, ist die Erfindung und Vervollkommnung des Golfes. Nun sind mir sowohl Golf als auch Fußball beides herzlich gleichgültige Sportarten (wie überhaupt alle kompetitiv betriebenen Sportarten einschließlich Schach); wenn wir uns aber versuchen, zu überlegen, welche der beiden Sportarten mehr zum Glück der Menschheit beigetragen hat, und welche wohl von Reichen erfunden wurde und welche vielleicht von nicht so sehr Reichen, so scheint mir das Hayeksche Beispiel wenig überzeugend (soweit ich weiß, profitieren viele Sportarten weniger von der Existenz einer reichen Klasse als vielmehr von der Existenz von Schulen und Universitäten; solange Universitäten nur von den Kindern der Reichen besucht werden, ist diese Unterscheidung natürlich rabulistisch, aber wie wir wissen, ist es keineswegs zwangsläufig so, daß Universitäten nur von den Kindern von Reichen werden können). Es stimmt, daß die Reichen die Entstehung bedeutender Kunstwerke gefördert haben; bedeutende Kunstwerke sind jedoch nicht nur von einzelnen Reichen, sondern auch von Kollektiven (Klöstern, Kirchengemeinden oder Städten) gefördert worden, und nicht wenige Kunstwerke sind ganz ohne Auftrag entstanden. So ist es zwar wahr, daß die Geburt der Venus oder die Allegorie des Frühlings von den Medicis (genauer: von Lorenzo di Pierfrancesco) bezahlt wurden, die Verleumdung des Apelles dagegen dürfte Botticelli völlig ohne Auftrag geschaffen haben, und es ist durchaus plausibel, daß Botticelli selbst dieses Werk für weitaus bedeutender hielt. Und die Fresken der sixtinischen Kapelle entstanden mit dem Geld einer staatlichen Bürokratie, beziehungsweise mit Geldern aus dem Ablaßhandel. Ich glaube auch nicht, daß die Reichen eine besondere Rolle bein der Entwicklung einer neuen, verbesserten Moral spielen oder spielten. Die Unauflöslichkeit der Ehe dürfte in der Klasse der Reichen immer schon anders aufgefaßt worden sein als in der Klasse der weniger Begüterten, ohne daß dies irgendwelche praktischen Folgen gehabt hätte. In dieser Hinsicht dürften die Ansichten eines Angstellten wie etwa John Stuart Mill oder auch etwa ein Roman einer ehemaligen Hauslehrerin wie „Jane Eyre“ eine wichtigere Rolle gespielt haben.
Die Reichen erproben aber nicht nur neue Lebensformen, so Hayek, und sind für wirtschaftliche Innovationen verantwortlich und haben überhaupt als einzige einen Überblick über das Funktionieren der Wirtschaft, sie sind auch diejenigen, die als erste neue Produkte erproben. Neue Produkte werden zunächst einmal für die Reichen hergestellt, weil sie anfangs für den Massenmarkt zu teuer sind. Erst wenn durch die Produktion der Produkte für die Reichen Rationalisierungsmöglichkeiten entdeckt werden, können die selben Produkte auch den Nicht-Reichen verfügbar gemacht werden. Diesem sonderbaren Argument, wonach die Reichen eine notwendige Konsumentenavantgarde darstellen, widmet Hayek ein ganzes Kapitel [nämlich Kapitel III]; während er aber für das Ausprobieren neuer Lebensformen immerhin noch das Beispiel des Golfspieles anführen kann, fällt ihm zu diesem Argument überhaupt kein Beispiel ein. Mir übrigens auch nicht, und ich halte dieses Argument Hayeks für außerordentlich blödsinnig, und wenn ich mir nicht jedes Argument ad hominem versagen würde (im Gegensatz zu Hayek, für den klar ist, daß jedes Argument für eine Distributionsmanipulation zwischen Arm und Reich keine andere Quelle haben kann als der Neid), so würde ich nun den Verdacht äußern, dieses Argument sei ausschließlich zu apologetischen Zwecken ersonnen worden („bezahlter Schreiberling des Kapitals“ heißt die entsprechende Formulierung auf linker Seite, die Hayeks Vorwurf des Sozialneidpredigertums entspricht). Ich würde statt dessen die folgenden Thesen zur Einführung neuer Produkte aufstellen:
1. Die Kosten für die Einführung neuer Produkte werden oft von der Industrie als Vorleistung erbracht.
2. Das Testen neuer Produkte ist für den Tester oft nicht überdurchschnittlich teuer (und deshalb nur für die Reichen erschwinglich), sondern die neuen Produkte kosten weniger als die alten, sind kostenlos, oder das Testen wird sogar bezahlt.
3. In vielen Fällen erbringt auch der Staat eine finanzielle Vorleistung.
4. Neue, teure Produkte werden oft zunächst in einer kollektivierten Form eingeführt, um die Kosten für den Einzelnen niedrig zu halten.
5. Manche Produkte gehen nach einiger Zeit der kollektiven Nutzung in eine individualisierte Form der Nutzung über, wenn diese entsprechend billig geworden ist, andere werden überhaupt nie individuell genutzt.
Diese Thesen sollen im folgenden kurz erläutert werden. Zunächst einmal zur ersten These, daß die Industrie die Kosten der Einführung neuer Produkte oft als Vorleistung übernimmt. Ich verweise hierzu als Beispiel auf die Einführung der Compact Disk als Tonträger. Es wäre denkbar gewesen, und nach Hayek sogar der normale Weg der Dinge, wenn die CD zunächst als Tonträger für die Reichen eingeführt worden wäre. Tatsächlich kann von Ansätzen in diese Richtung gesprochen werden, da anfangs oft die Rede davon war, die CD stelle vor allem für das Hören klassischer Musik eine Verbesserung dar, und die Hörer klassicher Musik verfügten in der Regel auch über ein höheres Einkommen. Der wesentliche Punkt ist aber, daß sich die Anschaffung eines CD-Spielers erst lohnt, wenn es eine hinreichend große Auswahl an entsprechenden Tonträgern gibt. Eine solche Auswahl werden die Plattenfirmen aber gewöhnlich nur bereitstellen, wenn sie mit einem entsprechenden Massenpublikum rechnen können. Wenn wir die Entwicklung der CD-Preise betrachten, so sind diese nach der Einführung der CD nicht, wie es der Hayekschen Logik entspricht, kontinuierlich gesunken, sondern statt dessen gestiegen. Aus unserer Sicht macht das durchaus Sinn: zunächst einmal mußte dafür sorgt werden, daß genügend Konsumenten einen CD-Spieler erwerben und ihre Plattensammlung auf CD umstellen. Erst, als die CD sich als neuer Standard zu etablieren begann, konnten die CD-Preise angehoben werden. Bemerkenswert ist dabei auch, daß die CD-Technologie nicht von einem einzelnen Unternehmen erfunden und am Markt durchgesetzt wurde, sondern daß es sich um die kollektive Leistung mehrerer Unternehmen handelte. Wir haben hier ein Beispiel für einen Fall, in dem sich Unternehmen zu einem Kartell zusammenschließen, um ihre Produkte billiger anzubieten. Außerdem handelt sich in gewisser Weise auch um ein Beispiel für unsere zweite These: die allerersten Käufer von CDs erhielten die CDs billiger als spätere Konsumenten, da die allerersten Käufer als Testkonsumenten erst gewonnen und deshalb subventioniert werden mußten.
Hayek behauptet, auch in einem sozialistischen Staat müßten neue Produkte getestet werden, und würden sie nicht, wie im Wesetn, von den Reichen getestet, so müßte bürokratisch eine Klasse von Testkonsumenten bestimmt werden, welchen staatlicherseits der Luxus von neuen, teuren Produkten verordnet würde. Eine solche Vorstellung, so soll uns suggeriert werden, ist offensichtlich absurd. Aber auch im Wesetn gibt es eine Klasse von Testkonsumenten, die für ihre Arbeit bezahlt wird. In großen Softwareunternehmen ist der Posten eines Softwaretesters eine bezahlte Vollzeitstelle, neue Fortbewegungsmittel werden von Testpiloten erprobt, und so weiter. Teilnehmer an einer Marktstudie zur Einführung eines neuen Produktes erhalten oft eine Aufwandsentschädigung. Neue Softwareprodukte werden als Betaversion verbilligt oder kostenlos abgegeben. Neue Lebensmittelprodukte werden verbilligt oder kostenlos an Kantinen abgegeben, um ihre Akzeptanz zu testen, und so weiter und so fort. Wer ein neues Produkt ausprobiert, zahlt in der Regel nicht mehr, sondern weniger, gar nichts, oder wird für seine Mühen bezahlt. Die allerersten Benutzer des Internets waren Militärs, Wissenschaftler und später Studenten, die für die Benutzung des Internets überhaupt nichts bezahlten.
Die Erfindung des Internets ist im übrigen auch ein gutes Beispiel für meine dritte These: entstanden ist es bekanntlich zunächst nicht als ein Mittel, um Geld zu verdienen. Es entstand zunächst aus dem Bedürfnis der Militärs, ein dezentrales und dadurch schwerer verwundbares Kommunikationsnetz zu entwickeln, und aus dem Bedürfnis einer internationalen Gruppe von Wissenschaftlern einer völlig anwendungsfremden Grundlagenforschung an Teilchenbeschleunigern, sich rasch über ihre Arbeitsergebnisse auszutauschen. Das Internet entstand mithin durch eine Vorleistung des Staates, durch seine Ausgaben für Militär und Grundlagenforschung. Die Infrastruktur ist im übrigen noch immer staatlich subventioniert. Die Liste der Produkte, die ihre Entstehung staatlich geförderter Militärforschung oder staatlich geförderter Grundlagenforschung verdanken, läßt sich fortsetzen. Die Aufgabenstellung dieser Forschung ist es in der Regel nicht, neue Produkte für den Massenkonsum zu entwickeln, schon gar nicht ist es aber die Aufgabenstellung dieser Forschung, neue Produkte für den Konsum der Reichen zu erfinden.
Wie steht es aber nun zum Beispiel mit einer Erfindung wie dem Fernseher? Sicher konnten sich zunächst nur wenige Konsumenten einen eigenen Fernseher leisten, so daß es hier zunächst scheint, als könnte Hayek in diesem Fall recht haben, daß der Fernseher zunächst für einige wenige Reiche entwickelt wurde, um dann nach und nach immer breiteren Bevölkerungsschichten zugänglich zu werden. In der Tat geschah aber etwas ganz anderes: es ist richtig, daß zunächst nur wenige Menschen sich einen eigenen Fernseher leisten konnten. Wären Fernseher aber nur in den Villen der Reichen aufgestellt worden, wäre der Rest der Bevölkerung nie mit den Vorzügen des neuen Produktes bekannt geworden. Entscheidend war, denke ich, daß viele Gaststätten sich rasch nach der Einführung des Fernsehers einen eigenen Aparat zulegten. Durch den Besuch einer Gaststätte wurden viele potentielle Konsumenten mit dem neuen Produkt vertraut, und durch die Gaststätten gab es einen ersten Markt von Abnehmern. Das neue Produkt wurde also, wie ich in meiner vierten These behaupte, zunächst einmal in kollektivierter Form genutzt, um erst später in eine individualisierte Form überzugehen. Auch hier können wir im übrigen mehrere Stufen unterscheiden: zunächst einmal wurde ein Fernseher für einen einzelnen Haushalt erworben, der dann im Wohnzimmer aufgestellt wurde. Inzwischen ist es nichts ungewöhnliches, wenn jedes einzelne Familienmitglied einen eigenen Fernseher besitzt.
Ein weiteres, weniger naheliegendes Beispiel für den Übergang vom kollektiven in den individuellen Gebrauch stellen die Druckmaschinen dar. Die Erfindung des Buchdrucks in Europa (die bekanntlich von China vorweggenommen wurde) ist zunächst einmal ihrerseits ein Beispiel für Rationalisierungsmaßnahmen, die es erlauben, ein bereits in kollektiver Nutzung eingeführtes Gut durch Massenproduktion der individuellen Nutzung zuzuführen. Zunächst einmal war ein Buch ein teures Produkt, das sich einige wenige Reiche leisten konnten, das aber ansonsten kollektiv genutzt wurde, indem etwa eine Gemeinde kollektiv eine Bibel besaß oder Klöster eine Bibliothek unterhielten. Ich nehme an, als Instrument zur kollektiven Nutzung wurde das Buch ursprünglich auch erfunden, nämlich um die Staatsverwaltung effizienter zu gestalten (also als ein Produkt staatlicher Forschung), später eventuell auch, um ihn für religiöse Kulte zu nutzen (es ist ziemlich offensichtlich, daß das erste bedeutende europäische Buch, die beiden Werke von Homer, entstand, um eine mündliche Aufführung in einem öffentlichen kultischen Rahmen zu fixieren), durch arbeitsteilige Massenproduktion (Abschreibwerkstätten) wurde es verbilligt und individueller Nutzung zugänglich gemacht. Die Erfindung einer Druckmaschine ermöglichte es, das Buch weiter zu verbilligen, so sehr, daß jeder Bürger sich Bücher leisten konnte. Die Druckmaschinen selber aber waren so teuer, daß sie sich kein Einzelner leisten konnte. Nach Hayek hätte dies dazu führen müssen, daß zunächst einmal nur die Reichen sich Druckmaschinen zulegen. Tatsächlich aber geschah etwas ganz anderes: einzelne Unternehmen legten sich Druckmaschinen zu und erlaubten es einzelnen Bürgern, gewöhnlich vermittelt durch Verlage, gegen Entgelt ihrer Unkosten und einer Gewinnspanne sich Bücher drucken zu lassen. In Form von Druckereiunternehmen wurden die teuren Druckmaschinen also zunächst kollektiv genutzt, bis sie in jüngster Zeit so billig wurden, daß sie von jedem Bürger bei Aldi (als Tischdrucker) erworben werden können.
Dies führt uns zu meiner fünften These: die Druckmaschinen blieben lange Zeit so teuer, daß sie bis vor kurzem überhaupt nie für die individuelle Nutzung erschwinglich wurden. Andere, vor langem eingeführte Erfindungen sind bis heute nicht der individuellen Nutzung zugänglich geworden. Beispielsweise wurde die Eisenbahn zwar ständig verbessert und weiterentwickelt, die Nutzung der Eisenbahn wurde aber stets von großen halbstaatlichen oder staatlichen Unternehmen vermittelt (die Privatisierung der Eisenbahn in Großbritannien ist im übrigen ein eindrucksvolles Beispiel dafür, daß Privatisierungen staatlicher Unternehmen keineswegs immer wünschenswert sind und den erwarteten Effekt haben), und es ist im Moment gar nicht abzusehen, daß die Eisenbahn jemals so genutzt werden wird, daß einzelne Bürger ihre eigenen Züge besitzen werden.
Zusammenfassend wage ich daher zu behaupten, daß die Reichen als Konsumenenavantgarde keine bedeutende Rolle spielen. Ob es zum Funktionieren einer Wirtschaft in einem freiheitlichen Staat überhaupt einer Klasse von Reichen notwendig bedarf, weiß ich nicht. Psychologisch scheinen einige Menschen auf die Existenz einer reichen Klasse angewiesen zu sein, obwohl sich das entsprechende Bedürfnis eventuell durch eine machtlose, aber illustre Adelsklasse volkswirtschaftlich günstiger befriedigen läßt (wie die mit diesem Thema befaßten Illustrierten nahelegen). Ansonsten scheint es mir am wichtigsten zu sein, daß es möglichst wenige Arme gibt, da diese als Konsumenten völlig ausfallen. Erfreulicherweise deckt diese Forderung sich mit einem ähnlichen moralischen Empfinden, aber das halte ich für einen Zufall. Am günstigsten für die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes scheint es mir zu sein, wenn es eine möglichst große Mittelklasse gibt, und es scheint mir legitim, wenn der Staat durch seine Steuerpolitik entsprechende Eingriffe vornimmt, wenn er etwa die Hälfte aller Einkommen (seien sie nun Zinserträge, Aktiengewinne, Erbschaften oder Erwerbseinkommen) abschöpft und die so gewonnen Mittel dazu nutzt, Armut zu beseitigen (eine solche proportionale Besteuerung fände vielleicht sogar noch Hayeks Beifall: der größte Greuel ist ihm nämlich die progressive Besteuerung; das aber scheint mir eher ein nebensächliches Problem zu sein). Selbstverständlich kann eine solche Politik dazu führen, daß einzelne Bürger die staatliche Wohlfahrt bequemlich ausnutzen, obwohl sie durchaus in der Lage wären, sich ein eigenes Einkommen zu verschaffen. Dieses Problem ist aber schon seit langem erkannt worden, und ich halte es nicht für unlösbar: wichtig dürfte in diesem Zusammenhang vor allem sein, daß das Einkommen aus Sozialhilfe nicht das potentiell mögliche alternative Einkommen aus eigenem Erwerb übersteigt. Nicht alle eingenommenen Mittel werden ausschließlich für die Beseitigung der Armut benötigt, insbesondere da es nicht notwendig und wohl auch nicht wünschenswert ist, alle Einkommensunterschiede zu beseitigen. Ein Teil der eingenommenen Mittel kann auch für kollektive Leistungen wie etwa die Landesverteidigung genutzt werden, ein anderer für so nützliche Leistungen wie die Förderung der Ausbildung oder der Forschung. Jenen Teil der mäzenatischen Funktion der Reichen, den der Staat durch seine Besteuerung verhindert, wird er durch entsprechende Ausgaben für Kunst und Kultur ersetzen müssen. Auch kann der Staat, wenn seine Bürger dies mit großer Mehrheit wünschen, andere nützliche Dinge, etwa ein allgemein zugängliches hochwertiges Gesundheitssystem, subventionieren.
Ich sagte, ich halte es für einen Zufall, daß bei der Bekämpfung der Armut ökonomisches und moralisches Argument zusammenfallen. Ich halte das moralische Argument aber auch dann für legitim, wenn es dem ökonomischen Argument widerspricht. Stellen wir uns zur Illustration einmal folgendes vor: wir teilen die Bevölkerung einer Gemeinschaft in zwei gleich große Hälften, wobei beide Hälften in ihrer Einkommensverteilung vollkommen identisch sind (beide besitzen genau die gleiche Zahl an sehr Reichen, Reichen, Mittelschichtlern, Armen und sehr Armen). Nun ziehen wir das Einkommen der einen Hälfte ein und benutzen es, um das Einkommen der anderen Hälfte zu verdoppeln, so, daß jeder Einzelne der zweiten Hälfte danach über genau das doppelte Einkommen wie vorher verfügt. Außerdem bekommt jedes Mitglied der zweiten Hälfte genau ein Mitglied der nun mittllos gewordenen ersten Hälfte als Sklaven zugeordnet.
In diesem Fall wird die Zahl der Konsumenten halbiert. Es kann aber sein, daß sich die Zahl der Konsumenten bestimmter Einkommensgruppen sogar noch erhöht, weil sich ja innerhalb der verbleibenden Hälfte an Konsumenten die Konsumkraft verdoppelt. Außerdem hat die verbleibende Hälfte nun viel mehr Zeit für den Konsum, da sie ja einen großen Teil ihrer Arbeit an ihre Sklaven delegieren kann. Für einige Produkte, insbesondere sehr billige Massenprodukte, wäre dieser neue Markt durch den Wegfall der Hälfte der Konsumenten eine Verschlechterung (wenn wir davon absehen, daß die Sklavenhalter einige Produkte kaufen müßten, um ihre Sklaven am Leben zu erhalten, so daß für einige Grundbedürfnisse der Markt gleich bliebe). Für andere, insbesondere für teure Produkte, würde die Situation sich sehr verbessern, da die Zahl der Konsumenten sich eventuell vervielfachen kann. Insgesamt ist natürlich ohne zusätzliche Angaben nicht abzuschätzen, ob eine so umverteilte Gesellschaft stärker oder schwächer prosperieren würde, es wäre jedenfalls vielleicht unwahrscheinlich, aber nicht undenkbar (nach Hayek sogar wahrscheinlich), daß eine solche Gesellschaft stärker prosperieren würde. Trotzdem ist sie abzulehnen, da sie in moralischer Hinsicht abscheulich ist.
Die von mir hypothetisch beschriebene Gesellschaft mag sehr unwahrscheinlich klingen, und es könnte scheinen, als sei es unmöglich, daß eine solche Gesellschaft funktionieren könnte. Aber das ist eine Täuschung, wie wir uns sofort klar machen, wenn wir uns vor Augen führen, daß die von mir hypothetisch beschriebene Gesellschaft mehr oder weniger einer Gesellschaft entspricht, in der die Frauen das rechtlose Eigentum ihrer Männer sind, und daß es solche Gesellschaftsformen historisch tatsächlich gegeben hat und daß sie keineswegs instabil waren, dürfte offensichtlich sein.
Da ich, entgegen der Unterstellung Hayeks, nicht von Neid getrieben werde, stört die Existenz von reichen Menschen, auch von Menschen, die sehr viel reicher sind als ich es bin, mich nicht besonders. Skandalös finde ich aber die Existenz von Menschen, die sehr viel ärmer sind als ich. Hayek argumentiert in diesem Punkt, daß ja selbst die ärmsten Bewohner eines reichen Industrielandes immer noch reicher sind als die durchschnittlichen Bewohner eines Entwicklungslandes (und gewöhnlich auch besser leben als die reichsten Bewohner eines vergangenen Jahrhunderts). Dagegen ist an sich wenig zu sagen, aber die selben Argumente für oder gegen eine Umverteilung des verfügbaren Einkommens innerhalb einer Gesellschaft gelten auch zwischen verschiedener Gesellschaften. Es scheint Hayeks Aufmerksamkeit entgangen zu sein, daß auch zwischen den reichen und den armen Ländern ein Ausgleich stattfindet, in Form von Entwicklungshilfe oder indirekt durch das Abschreiben von gewährten Krediten. Das Haupthindernis für diesen Ausgleich ist im übrigen weniger die Bereitschaft der reichen Länder, einen Teil ihres Wohlstandes zu geben (die durch einen entsprechenden moralischen Apell durchaus zu wecken sein könnte, wie etwa auch die Spendenbereitschaft von Privatpersonen zeigt) als die Tatsache, daß in den entsprechende Ländern oft Cliquen an der Macht sind, die die Wirksamkeit eines solchen Ausgleiches verhindern. Ich glaube aber, daß zum Beispiel Impfkampanien in Entwicklungsländern, die im wesentlichen von westlichen Ländern finanziert werden, kaum ökonomisch begründet werden können, und trotzdem werden sie durchgeführt. Die Tatsache, daß ein Ausgleich zwischen verschiedenen Staaten schwieriger zu regeln und durchzuführen ist als innerhalb eines einzigen geordneten Staatswesen, ist jedenfalls noch kein Argument dafür, daß jede Art der Redistribution von vorneherein sinnlos, undurchführbar oder per se schädlich ist.
Um die Unstatthaftigkeit der Redistribution nachzuweisen, muß Hayek schließlich sogar das Naturrecht bemühen: Eingriffe in das Eigentum des Einzelnen lassen sich ethisch nicht rechtfertigen. Recht erstaunlich eigentlich, daß Hayek, der die Eingriffe religiöser Vorschriften in das Leben des Einzelnen für eine vernachläßigbare Einschränkung, eigentlich kaum der Rede wert hält, eine Abgabe des Reichen an den Staat, der ihm durch seine Gesetze sein Wirken und den Genuß seines Reichtums überhaupt erst ermöglicht, als moralisch nicht zu rechtfertigen und naturrechtlich nicht ableitbar ablehnt. Außerdem ist seine Sorge, daß, wenn der Staat sich erst einmal anfängt, einzumischen (indem er Schulen betreibt oder Menschen vor dem Verhungern rettet oder Lebensmittel kontrolliert), daß er dann kein Halten mehr kennt und schnurstracks in Richtung Wohlfahrtsstaatssozialismus abdriftet.
Für die interessierte Leserin entält das besprochene Werk außerdem auch noch eine der kürzesten und verdrehtesten Darstellungen der Lehren von Lord Keynes (Seite 355). Und eines der schönsten Argumente für staatliche Wohlfahrt: „Die Notwendigkeit solcher Einrichtungen in einer Industriegesellschaft ist unbestritten - sei es auch nur im Interesse jener, die Schutz gegen Verzweiflungsakte der Bedürftigen verlangen.“ [a.a.O., S. 361] (Hayek unterscheidet im übrigen klar zwischen Sicherung des Existenzminimums und Umverteilung des Einkommens - oder zumindest gibt er vor, eine klare Unterscheidung zwischen beidem durchführen zu können).
(fällt mir eigentlich noch irgend etwas Nettes zu Hayek ein? Auch ich finde, die Subventionen für die Landwirtschaft könnten niedriger sein, und der Friedman/Hayeksche Vorschlag [S. 467], Eltern nur das Geld für den Schulbesuch zu bezahlen, ohne selbst Schulen zu betreiben, der im übrigen auch schon bei Mill steht, scheint mir nicht völlig verwerflich. Gelungen scheinen mir seine Bemerkungen über das Problem der Willensfreiheit. Schön ist auch, daß er sein Buch mit dem selben Humboldt-Zitat beschließt, mit dem Mill seinen Aufsatz beginnt (und das in meiner deutschen Mill-Übersetzung fehlt, obwohl es in meiner englischen Ausgabe unleugbar vorhanden ist); wenn auch alles zwischen Anfang und Ende mit Mill übereinstimmen würde, so möchte es ein gutes Buch sein.)
Zur Warnung und Abschreckung der Jugend veröffentlichen wir nun das folgende schauerliche
Tagebuch eines Raumfahrers:
01012473. Habe heute am Neujahrstag auf Aldebaran ein einheimisches Mädchen kennen gelernt, Szt-ehu. Ist sehr interessiert an unseren irdischen Gebräuchen.
02012473. Szt-ehu besonders an Verhältnis Mann/Frau auf der Erde interessiert. Gehe heute abend mit ihr essen.
03012473. Wunderbare Nacht mit Szt-ehu verbracht. Möchte sie heiraten.
04012473. Sie will nichts mehr von mir wissen. Sagt, es sei ihr nur um Sex gegangen, ohne tiefere Gefühle. Von ihren Verwandten erfahre ich, daß sie seit Jahren mit einem Aldebaraner verlobt ist, ohne daß die beiden miteinander geschlafen hätten. Verstehe überhaupt nichts. Diese fremden Kulturen sind ja immer sehr seltsam für uns Menschen.
05012473. Heute hat mich Szt-ehus Vater über die hiesigen Verhältnisse aufgeklärt. Die männlichen Aldebaraner sind hochbegabte Telepathen, allerdings wirken ihre telepathischen Fähigkeiten nur auf kurze Distanz bei intensivem körperlichen Kontakt. Dringt ein Aldebaraner in eine Frau ein, ist er imstande, alle ihre Gedanken, auch die geheimsten und intimsten, zu lesen.
06012473. Die Nachricht, daß wir Erdenmänner jede telepathische Fähigkeit ermangeln, hat sich inzwischen wie ein Lauffeuer herumgesprochen. Mein Hotel wird von aldebaranischen Frauen belagert. Ganz verstehe ich das nicht: wenn sie später einmal einen Aldebaraner heiraten, erfährt dieser ja auf jeden Fall, was seine Frau vor der Eheschließung alles getrieben hat.
07012473. Bin menschlich tief enttäuscht und fühle mich ausgenutzt. Beschließe, noch morgen abzureisen.
14072574. Erwache nach einer Woche, sechs Monaten und hundertundeinem Jahr aus dem künstlichen Tiefschlaf. Werde morgen auf Alderamin landen.
15072574. Die Alderaminer sind schöne, hochgewachsene Wesen. Insbesondere die schlanke Taille der Frauen fällt sofort ins Auge. Auch sehen alle Frauen sehr jung aus. Habe auch schon eine kennen gelernt, eine gewisse N-or-ddal.
16072574. N-or-ddal hat mir ihre tiefe, aufrichtige Zuneigung gestanden. Worauf warten wir dann eigentlich noch?
17072574. Habe heute die grausame Wahrheit über die Fortpflanzungsrituale der Alderaminer erfahren. Wenn ich das Ganze richtig verstanden habe, spielt es sich so ab: Beim Geschlechtsakt zerbricht der Alderaminer die schlanke Taille der Alderaminerin. Diese erhält dadurch zum ersten Mal in ihrem Leben eine nervliche Verbindung zu ihrem Unterleib und beginnt, höchste Lust zu empfinden. Daraufhin begatten sich die beiden auf ähnliche Art und Weise, wie Erdenmenschen. Anschließend, nachdem sie im Geschlechtsakt die höchsten denkbaren Wonnen erfahren haben, sterben die Alderaminerinnen, und neun Monate später schlüpfen aus ihrem Leichnam rund ein Dutzend Junge, die von ihrem Erzeuger liebevoll gepflegt und großgezogen werden können.
18072574. Jetzt verstehe ich auch, warum es auf diesem Planeten kaum alte Frauen gibt. N-or-ddal erklärt, sie könne sich vorstellen, mit mir Kinder zu haben, aber erst wolle sie noch ein paar Jahre am Leben bleiben.
19072574. Eine Katastrophe! Als ich heute N-or-ddal besuchen will, finde ich ein Trauerhaus vor. Vater, Brüder und die unmündigen Schwestern in höchster Bestürzung. Ein Alderaminer, ein gewisser q-Wrty-tt, der schon seit langem in N-or-ddal verliebt war, hat sie, wenn ich es richtig verstanden habe, überfallen und vergewaltigt.
20072574. Habe Brief von q-Wrty-tt erhalten: „Ich wußte, daß N-or-ddal in eine widernatürliche Zuneigung zu dir Erdenkreatur verfallen ist, und habe mich gerächt. Gestern drang ich in ihr Haus ein und zerbrach ihre Taille. Sofort setzte ihr Fortpflanzungsreflex ein, und die selbe Frau, die mich noch eben aus tiefstem Herzen verachtet hatte, flehte mich nun in der würdelosesten Weise an, ich solle sie ficken. Ich habe mir erlaubt, ihrem Wunsch nicht zu entsprechen. Statt unter unnennbaren Wonnen, wie es bei unseren Frauen üblich ist, verschied sie unter den unvorstellbaren Qualen des ungestillten Verlangens. Erwarte dich morgen vor Sonnenaufgang vor den Toren der Stadt. q-Wrty-tt.“
21072774. Heute genau vor zweihundert Jahren habe ich Alderamin in Richtung Algol verlassen, nicht ohne zuvor das Herz q-Wrty-tts mit dem Flabbel, dem traditionellen alderaminschen Schwert, durchbohrt zu haben. Algol macht einen günstigen Eindruck auf mich. Es gibt männliche und weibliche Wesen in jungen und in vorgerückten Jahren, so daß Hoffnung besteht, daß auf diesem Planeten die Fortpflanzungsrituale weniger blutig sind.
22072774. Habe eine Algolerin namens Rrr-st kennen gelernt. Die männlichen Algoler scheinen sehr zurückhaltende Wesen zu sein, ganz im Gegensatz zu den weiblichen Algolern, die sich sehr aufreizend benehmen. Die Ehen scheinen hier üblicherweise lebenslänglich geschlossen zu werden, aber, wenn ich es recht verstanden habe, auf durchaus freiwilliger Basis.
23072774. Habe Rrr-st gefragt, ob wir uns vereinigen sollen. Sie antwortete ein wenig kryptisch, etwa in der Art, ob ich wirklich ein solches Opfer für sie bringen wolle, und sie könne ihr Glück gar nicht fassen, zumal ich nicht verlangt habe, daß wir heiraten, und sie noch kaum kenne. Sie zögerte heute noch ein wenig, scheint aber grundsätzlich bereit zu sein. Morgen abend wollen wir gemeinsam essen gehen.
25072774. Habe den schrecklichsten Tag meines Lebens hinter mir. Dabei fing alles so gut an: nach dem Essen gingen wir in Rrr-sts Wohnung, und dort verlief alles wie üblich. Nachdem ich aber meinen Samen in Rrr-st ergossen hatte, fühlte ich einen stechenden Schmerz und war außerstande, mein Glied aus ihr herauszuziehen. Als ich meine Verwunderung äußerte, begriff Rrr-st, daß ich mit den biologischen Gegebenheiten ihrer Rasse nicht vertraut war, ein Gedanke, der ihr anscheinend bis dahin nicht gekommen war, da sie naiverweise davon ausging, es ginge auf allen Welten ebenso zu wie auf Algol und ich wüßte Bescheid. Sie erklärte mir, daß ihre Scheide mein Glied und meine Hoden ganz verschlingen und abtrennen werde, und daß sie diese Bewegung nicht willentlich beeinflussen könne. Diese Kastration werde die ganze Nacht andauern und werde von den männlichen Algolern als höchste Lust empfunden. Danach verwahre die Algol-Frau das abgetrennte Glied und die abgetrennten Hoden in einer speziellen Falte ihrer Gebährmutter, um damit im Laufe ihres Lebens ihre Eier zu befruchten. Tatsächlich dauerte der Vorgang aufgrund meiner etwas anders gearteten Physiologie nicht nur die ganze Nacht, sondern auch den ganzen nächsten Tag und bereitete mir keineswegs Lust, sondern solche Qualen, daß ich am Ende beinahe froh war, als meine Geschlechtsteile endlich abgetrennt waren. Mit der Raumfahrt ist es wohl nun aus, denn dafür werden ganze Männer benötigt...
21.04.2000
Nochmals zur progressiven Einkommenssteuer (das Thema läßt mich nun doch nicht los). Hayek gesteht zu, daß sowohl die prozentuale als auch die progressive Steuer mathematische Funktionen sind, von denen an sich nicht die eine schlechter als die andere ist, und daß beide durch eine menschliche Willensentscheidung als Konvention gesetzt werden müssen. Wenn er sich also für die eine von beiden stark macht, dann deshalb, weil sie ihm gerechter zu sein scheint. Und gerechter scheint die prozentuale Besteuerung deshalb zu sein, weil sie von allen Bürgern gleiche Lasten abverlangt. Mit der gleichen Begründung läßt sich aber auch eine Besteuerung durch einen Absolutbetrag verteidigen: ist es nicht besser und gerechter, statt von allen Menschen zehn Prozent ihres Einkommens zu verlangen, lieber 1000 Mark zu fordern? Denn eine solche Steuer würde ja wirklich am ehesten bedeuten, von allen das gleiche zu verlangen. Es sieht aber so aus, als ob Hayek zustimmen würde, daß ein und derselbe absolute Betrag für verschiedene Einkommen verschiedenes bedeutet. Um also die prozentuale Besteuerung als moralisch legitim verteidigen zu können, die progressive Besteuerung aber ablehnen zu können, bleibt Hayek nichts anderes übrig, als die Theorie des Grenznutzens (wo sie auf Einkommen angewandt wird) abzulehnen. Dazu verwendet er einen merkwürdigen gedanklichen Kurzschluß. Es mag sich lohnen, die entsprechende Passage zu zitieren: „Aber wenn wir die Implikationen der Behauptung weiter verfolgen, daß der Nutzen des Einkommens, gemessen im Aufwand an Mühe, abnimmt, kommen wir zu merkwürdigen Schlußfolgerungen. Es würde tatsächlich bedeuten, daß, wenn jemandes Einkommen steigt, das zusätzliche Einkommen, das erforderlich wäre, um ihn zum gleichen marginalen Aufwand von Mühe zu veranlassen, steigen würde. Dies könnte uns dazu führen, für eine regressive Besteuerung einzutreten, aber gewiß nicht für eine progressive.“ [S. 392] Was Hayek hier sagen möchte, ist, wenn ich es richtig verstehe, so etwas wie: da dem Reichen sein Reichtum mit zunehmendem Reichtum immer weniger nutzt, da er in der verzweifelten Lage ist, daß der Nutzen seines Reichtums immer weiter abnimmt, müssen wir ihn pfleglich behandeln und dürfen ihm (prozentual) immer weniger von seinem Geld abnehmen, da er immer mehr davon braucht, um den gleichen Nutzen zu erzielen. Diese Argumentation scheint mir vor allem ein Indiz für Hayeks apologetische Absichten zu sein, ansonsten stellt sie die Situation gründlich auf den Kopf. Wenn wir von jedem Bürger als Steuer den gleichen Aufwand an Mühe verlangen, so belegt Hayeks Argument gerade die Notwendigkeit einer progressiven Steuer (Jedenfalls dürften die meisten Menschen zustimmen, daß es bezüglich des eigenen Nutzens kaum einen Unterschied macht, ob jemand 100 Millionen oder 50 Millionen Dollar als Nettoeinkommen zur Verfügung hat, daß es aber sehr wohl einen Unterschied macht, ob jemand 4000 Mark oder nur 2000 Mark als Nettoeinkommen zur Verfügung hat).
Davon abgesehen, gesteht Hayek selbst so viele Voraussetzungen zu, daß es einfach ist zu zeigen, daß diese Voraussetzungen sich nicht widerspruchsfrei mit einer prozentualen Steuer vereinbaren lassen. Offenbar anerkennt auch Hayek, daß der Staat jedem Bürger ein gewisses Existenzminimum entweder überlassen oder zuteilen soll. Angenommen nun, ein Bürger verdient als eigenes Einkommen gerade das Existenzminimum. Zahlt er Steuern, so muß der Staat durch irgend einen Ausgleich, etwa Sozialhilfezahlungen, sicherstellen, daß dieser Bürger am Ende mindestens wieder über das Existenzminimum verfügt. Effektiv gesehen, kann also kein Bürger, der gerade das Existenzminimum oder weniger verdient, Steuern zahlen. Will der Staat nicht ganz auf Steuern verzichten, wird er kaum umhin können, in seinen Steuertabellen einen Knick zu dulden. Mehr noch, verdient ein Bürger gerade das Existenzminimum plus einen zusätzlichen Betrag x, so kann der Staat an Steuern höchstens den Betrag x verlangen.
Tatsächlich sollte der Staat sogar, wie wir bereits erörtert haben, weniger Steuern verlangen. Wenn derjenige Bürger, der überhaupt kein eigenes Einkommen besitzt, von der Gemeinschaft gerade mit dem Existenzminimum ausgestattet wird, dann sollte der Bürger, der aus eigenem Vermögen gerade das Existenzminimum verdient, vom Staat Zuwendungen erhalten, derart, daß er besser gestellt wird als der, der überhaupt nichts verdient (um auch für diese Bürger einen Anreiz zum eigenen Verdienst zu schaffen). Die Besteuerung muß also bis zum Existenzminimum echt negativ sein, um dann langsam zu steigen (und in Prozentzahlen ausgedrückt, nimmt die Besteuerung in der Nähe der Null sogar negativ unendliche Werte an).
Wir sehen also, daß nach Hayeks eigenen Voraussetzungen zumindest im Bereich der unteren Einkommen eine Progression ganz unvermeidlich ist. Auf die höheren Einkommen läßt das Argument sich zugegebenermaßen nicht übertragen: es wäre denkbar, dieBesteuerung zunächst progressiv ansteigen zu lassen, um sie dann ab bestimmten mittleren Einkommen prozentual konstant zu halten (ein mathematisch sehr simples Verfahren wäre etwa das folgende: sei x das Einkommen einer Person, e das Existenzminimum und p ein Steuersatz zwischen 0 und 1; dann hat jede Person
Für völlig verkehrt halte ich auch die Behauptung Hayeks, die die Mehrheit stellende Mittelschicht sorge qua Gesetzgebung gerade dafür, daß die Besteuerung so geregelt wird, daß sie für die Mittelschicht besonders günstig ausfällt. Wenn die Mittelschicht die zahlenmässig bedeutsamste Schicht einer Gemeinschaft darstellt, wird der Gesetzgeber, um das eigene verfügbare Einkommen (und damit auch die eigene Macht) zu maximieren, kaum der Versuchung widerstehen können, die Steuerprogression gerade so zu wählen, daß die Bezieher mittlerer Einkommen besonders stark belastet werden, das heißt so, daß die Progression zwischen geringen und mittleren Einkommen besonders steil ausfällt, während die Progression zwischen mittleren und hohen Einkommen, wie Hayek richtig bemerkt, bei einer zahlenmäßig kleinen Gruppe von Reichen kaum eine bedeutende Rolle spielt und vermutlich teilweise aus optischen Gründen eingeführt wird, um die Einkommensbezieher der Mittelschicht über die (mehr oder weniger unvermeidliche, wie wir gesehen haben) Progression zwischen geringen und mittleren Einkommen zu beruhigen (etwa derart: „ihr seid zwar das Opfer einer steilen Progression, aber tröstet euch, die Reichen sind ebenfalls ein Opfer der Progression“).
Im übrigen sind ja ohne weiteres Krisen des Staates vorstellbar, in denen dieser so unmittelbar in seiner Existenz gefährdet ist (will heißen: Wohlstand oder gar Existenz seiner Bürger sind derart gefährdet), daß allgemein eine Steuerprogression als gerecht und moralisch geboten angesehen wird, in der der Spitzensteuersatz bei 90 % oder darüber liegt. Auch bei einem solchen Steuermodell könnte noch immer gewährleistet sein, daß die Bezieher höherer Einkommen über einen höheren Lebensstandard verfügen als die restlichen Bürger, daß aber andererseits jeder Bürger nach seinem Vermögen zum Erhalt des Staates beiträgt.
Schade, daß die vielen Latzröcke, die es dieses Jahr zu kaufen gibt, fast ausnahmslos aus Plastik und mit diesem albernen Tunnelzug versehen sind.
In seiner Pseudo-Autobiographie „Mein Kampf“, einem Dokument geradezu unglaublich dummdreister Verlogenheit, behauptet Hitler, in seinen Jahren als arbeitsloser Penner in Wien habe er nächtelang das theoretische Schrifttum des Sozialismus gewälzt und natürlich sofort im Geist („im Geiste“, würde er das ausdrücken) widerlegt, ohne daß er einen einzigen Autorennamen, einen einzigen Titel oder ein einziges Argument der von ihm verworfenen Schriftsteller erwähnt (der schlechteste name-dropper aller Zeiten). Meinetwegen können wir diese Unterlassung als einen geschickten propagandistischen Schachzug des großen Vereinfachers abtun, der seine Anhängerschaft nicht mit Details verwirren will. Später dann erzählt er, wie ihm einmal in einem Lokal versehentlich eine sozialdemokratische Zeitung in die Hände gefallen ist, und wie dieses sozialistische Schmierblatt ihm stärker die Augen über die sozialdemokratische Perfidie geöffnet hätte, als alle theoretischen Schriften, die er bis dahin gewälzt habe, es vermocht hätten. Spätestens an dieser Stelle müßte auch der naivsten Leserin klar sein, daß die angebliche Auseinandersetzung Hitlers mit der Theorie des Sozialismus nur in seiner Einbildung statt fand, und daß alles, was Hitler je von den Thesen der Sozialdemokraten erfahren hat, sich auf die zufällige Lektüre von Zeitungen, die er in Wirtshäusern liegen fand, beschränkte.
Ehe Hitler an die Macht kam, galt es unter vielen seiner Gegner als offensichtlich, daß es sich bei Hitler um ein ausgesprochen simples Gemüt handelt. Inzwischen gilt eine derartige Theorie als mehr oder weniger unschicklich: quasi als sei es unanständig, zu vermuten, daß Millionen von Menschen das Opfer eines Deppen, eines provinziellen Schwätzers wurden (und als ausgesprochen peinlich muß es gelten, daß Millionen von Menschen von einem eher einfältigen Geist verführt wurden). Statt dessen gilt Hitler mittlerweile fast allgemein als eine Art Genie des Bösen, als dämonisch kluger und begabter Verbrecher, als hochbegabter Superschurke. Eine wesentliche Rolle scheint mir bei diesem Irrtum die Verwechslung von Macht und Intelligenz, von Einfluß und Begabung zu spielen. Nur die wenigsten von uns, oder vielleicht sogar niemand von uns, ist aus eigener Kraft fähig, Europa in einen Krieg zu stürzen oder einem ganzen Volk vorzuschreiben, sich von nun an gegenseitig mit einem recht albernen Gruß anzureden, während Hitler anscheinend dazu die Macht hatte. Das aber rechtfertigt in keiner Weise die Schlußfolgerung, er müsse, weil er all das vermochte, was wir nicht vermögen, klüger gewesen sein als wir alle.
Aristokles, ein Nachfahre der Könige von Athen und des Gottes Poseidon, hoffte in jungen Jahren auf eine Karriere als Profi-Catcher. Seinen Fans unter dem Namen „Gonzo, der breitstirnige Dickschädel mit der Todesfaust“ oder kurz „Breitstirn“ bekannt, trat er dem athener Wrestlingverband bei und bestand seine ersten Profikämpfe. Später dann wurde er Dramatiker, schrieb eine Reihe von Tragödien und nahm an den athenischen Tragödienwettbewerben teil. Dann wurde er auch dieser Tätigkeit überdrüssig und wurde statt dessen Politikberater, noch später übernahm er einen Posten als Leiter einer angesehenen privaten Hochschule. Der Nachwelt ist er als der bedeutendste Philosoph aller Zeiten bekannt.
An seinem Werdegang läßt sich eventuell exemplarisch der Werdegang der griechischen Philosophie erläutern. Zunächst einmal ist offensichtlich in vielen Sportarten ein kompetitives Element, am deutlichsten natürlich im Ringkampf, wo unmittelbar zwei Sportler gegeneinander antreten. Solche sportlichen Wettkämpfe finden sich bereits in der Illias, und in der Gestalt der olympischen Spiele wurden sie institutionalisiert. Die olympischen Spiele hatten für die Griechen eine solche Bedeutung, daß sie sogar ihre Zeitrechnung an die Ausrichtung der Spiele banden.
Vielleicht war es die Erfahrung der olympischen Spiele und des sportlichen Wettkampfes, die die Griechen auf die an sich zunächst absurd anmutende Idee brachte, etwas ähnliches in ihrer Religion und ihren Kulten zu versuchen. Viele Kulte und Mysterien haben ein theatralisches Element: um den mythologischen Vorgang in die Präsenz zu zwingen, wird er als Schauspiel wiederholt. Der König ist König, weil er sich alljährlich mit der Göttin vereinigt, wobei an Stelle der Göttin eine Menschin, etwa die Priesterin, handelt, die Geschichten von Orest oder Ödipus werden gegenwärtig, indem sie aufgeführt werden. Die Athener nun kamen auf die Idee, an mehreren aufeinander folgenden Tagen mehrere dieser Mythen szenisch zu realisieren, und die Inszenierung verschiedenen Regisseuren zu überlassen; soweit handelt es sich um nichts besonderes, ein arbeitsteiliger Vorgang, wie ihn hohe Festtage, an denen viele verschiedene Rituale durchgeführt werden müssen, mit sich bringen mag. Aber vielleicht angeregt durch das Beispiel der Spiele, beschlossen die Athener, unter den aufführenden Dramatikern einen zu wählen, den sie für den besten hielten, und einem den zweiten Platz zuzuerkennen.
Dadurch bekamen die Mythen eine völlig neue Gestalt: in ihrer Interpretation gab es nicht das Wort einer allwissenden Priesterschaft, keine letztgültige Instanz, sondern mehrere konkurrierende Versuche, einschließlich der Möglichkeit des Irrtums, des Fehlversuches und des Scheiterns. Die Mythen konnten umgedeutet oder radikal neu gestaltet werden. Verschiedene unvereinbare Ansichten konnten nun miteinander verglichen, diskutiert, nebeneinander gestellt werden.
Der nächste Schritt ist erreicht, als Thales von Milet einen neuen Mythos erfindet, der erklären soll, wie die Welt funktioniert. Dieser Mythos ist nur ein Versuch, über dessen Gültigkeit das Publikum, wie bei den Spielen, zu entscheiden hat. Es steht daher seinem Schüler Anaximander frei, diesen Mythos nicht einfach zu übernehmen, sondern durch einen anderen Mythos, oder durch eine andere Theorie über die Welt zu ersetzen, eine Theorie, von der er eher hofft, daß sie den Beifall und die Zustimmung des Publikums finden wird.
Während das Ringen der frühen Philosophn eher dem Ringen der Dramatiker gleicht, die mit kompletten, fertigen Werken gegeneinander antreten, gelang es den späteren Philosophen, jenen, die wir als Sophisten bezeichnen, das Ringen der Philosophen noch enger an das Ringen der Ringer anzulehnen, indem sie nähmlich in direktem Wortgefecht, im Dialog, gegeneinander antraten.
Der Nachteil dieser Dialoge war, daß sie zunächst einmal nicht, wie die Tragödien der Dramatiker oder die Schriften der frühen Philosophen, schriftlich fixiert waren und daher der Vorteil einer kumulativen Diskussion (in der jede Diskussion auf den Ergebnissen und Erkenntnissen der vorangegangenen Dikussion aufbauen kann) verloren ging. Aristokles fand, trotz seiner ausführlich dokumentierten Bedenken gegen die Schriftlichkeit (Phaidros, siebter Brief), einen genialen Ausweg aus diesem Dilemma in der Form schriftlich fixierter Dialoge.
An anderer Stelle schrieb ich, Dialektik sei der Agon der Philosophen, der Doxa in Episteme verwandelt. Dialektik ist der Widerstreit der Ideen mittels Worte, Agon ist der Wettkampf, Philosophen sind an der Wahrheit interessierte, Doxa ist die gewöhnliche, alltägliche Meinung (von der die Dialektik ihren Ausgangspunkt nimmt), und Episteme ist die Erkenntnis. Ich denke, Aristokles hätte sich dieser Definition anschließen können. Es ist also nicht richtig, daß, wie manchmal behauptet wird, Aristokles die streitsüchtige Ungewissheit der Sophisten durch eine Methode einsamer Gewißheit ersetzt und dadurch die junge Disziplin der Philosophie vor dem Untergang gerettet hätte; hätte Aristokles tatsächlich die Methode der sophistischen Dialektik überwunden, hätte er die Philosophie nicht gerettet, sondern vernichtet.
Der Kampfname des Aristokles lautet im übrigen, wie die kluge Leserin sicher schon vermutet hat, auf griechisch „Platon“.
„Aus dem schon wieder anfahrenden Zug springt jemand ab, im letzten Augenblick; ein junges Geschöpf, Frau oder Mädchen, die einzige Reisende, die an dieser Station den Zug verläßt. Sie steht allein auf dem regennassen Bahnsteig, sie ist fremd. [...]
Ihre letzten Worte ersticken in Tränen. Sie geht rasch hinaus ohne umzuschauen, aber im Hinausgehen hört sie den harten Aufprall, mit dem er auf die Knie fällt. Doch selbst dieser furchtbare Laut vermag sie jetzt nicht mehr zurückrufen.“
Anfang und Ende des schlechtesten Buches, das ich jemals gelesen habe: Luise Rinser, Daniela, Frankfurt a. M. 1970
Gewidmet ist dieses Buch übrigens Carl Orff, dem Verfasser eines der schlechtesten Musikstücke, das ich je gehört habe.
Eine andere Frage: wie würde es eigentlich wirken, wenn ein Aufsatz mit den Worten „das berühmte Interview, in dem Augustin Onassis die Worte „nach all den billigen Flittchen als Gespielinnen wollte ich als Ehefrau halt so eine richtig berühmte Nobelfotze“ nicht äußerte“ beginnen würde?
Wo wir gerade bei diesem Thema sind: ein Kriterium, mit dessen Hilfe sich angeblich erkennen läßt, daß Kontaktanzeigen, die die Worte „geile Sklavenfotze sucht strengen Herrn“ enthalten, von sich einen Scherz erlaubenden Männern und nicht von Frauen aufgegeben wurden, besteht darin, daß Frauen solche Worte nicht gebrauchten. Aber warum sollten nur Männer und nicht auch Frauen häßliche Wörter gebrauchen?
In Amerika gibt es ein von Frauen herausgegebendes, Frauen herausgebendes Comicmagazin mit dem schönen, unübersetzbaren Titel „Tits ’n’ Clits“ (unübersetzbar: ich fordere die Leserin auf, eine Übersetzung zu finden, die nicht mehr als zwei Silben enthält, sich reimt und sowohl wörtlich als auch in der zum Ausdruck gebrachten Haltung mit dem Original übereinstimmt); der Akzent liegt zugegebenermaßen anders: während ein Wort wie „Fotze“, scheint mir, eher auf den Gebrauchswert einer Person aus männlicher Sicht abzielt, kreist „Tits ’n’ Clits“ eher um den Bereich genuin weiblicher Erfahrung (weshalb „Tits ’n’ Clits“ ein ausgezeichneter Name für ein Magazin mit von Frauen gezeichneten Comics ist, „Cunt“ dagegen eher einen mehr oder weniger passenden Titel für ein Pornomagazin abgeben würde; amerikanische Schüler liegen vermutlich regelmäßig vor Lachen auf dem Boden, wenn sie das erste Mal von der Existenz eines bedeutenden Philosophen namens Immanuel Kant hören). Eine nicht ganz unbekannte amerikanische Frauenband heißt im übrigen „Hole“. Ein schönes Wort insofern, als es lautlich das - sinngemäß ja ganz entgegengesetzte - „whole“ anklingen läßt.
22.4.2000
Nochmals zu Hayeks Theorie der Reichen als Konsumentenavantgarde (ich komme immer noch nicht darüber hinweg): Die allerersten, die mobile Fernsprecheinrichtungen benutzten, waren, soweit ich weiß, Ingenieure. Die nächsten, die an der Reihe waren, als die Geräte sich entsprechend verbilligt hatten, waren Manager, also ebenfalls Angestellte. Und erst danach wurden Handys so billig, daß sie mittlerweile umsonst sind (bei Abschluß eines Vertrages mit einem Netzbetreibers).
Wer sich als erstes eine neue Technik leistet, darüber entscheidet oft auch das Interesse. So besitzen etwa viele Menschen Photoapparate, um Urlaubsbilder zu knipsen, einige betreiben die Photographie als Hobby, manche davon auf einer halb professionellen Basis mit einer entsprechend teuren Ausrüstung. Wenn wir einmal nur Angehörige der Mittelschicht betrachten, so kann sich von diesen niemand leisten, sich alle möglichen neuen Geräte zuzulegen (im Gegensatz zu den ganz Reichen); aber es kann sich jeder leisten, wenigstens auf einem bestimmten Gebiet, auf dem die eigenen Präferenzen liegen, überdurchschnittlich viel Geld auszugeben. Die einzigen, die dazu nicht imstande sind, sind die Armen, die deshalb als Konsumenten neuer Güter ausfallen (weshalb es ökonomisch sinnvoll sein kann, die Klasse der Armen mittels Geld auszurotten). Wird nun eine neue Technik eingeführt, etwa die digitale Kamera, so wird sich zunächst nicht jeder, sondern nur einige wenige diese neue Technik leisten können. Dies hängt selbstverständlich vom verfügbaren Einkommen ab, aber auch vom Interesse: eine solche digitale Kamera wird sich für den privaten Gebrauch zunächst zulegen, wer die Photographie als mehr oder minder ernstes Hobby betreibt, und von diesen fallen viele aus, die eine eher nostalgische Einstellung zur Photographie haben und Wert darauf legen, ihre Bilder selbst zu entwickeln: diese Gruppe von Konsumenten wird erst auf die neue Technik umstellen, wenn diese wohletabliert ist. Die neue Technik wird also zuerst von jenen erprobt, die über ein mittleres Einkommen verfügen und so begeistert von der neuen Technik sind, daß sie bereit sind, einen großen Teil ihres Einkommens in diese neue Technik zu investieren. Um viel Geld auszugeben, ist es im übrigen nicht notwendig, Produkte einer neuen Technologie zu erwerben: wer reich ist, kann sich statt eines neumodischen CD-Spielers auch einen für Normalsterbliche unerschwinglichen High-End-Plattenspieler leisten, der sicher prestigeträchtiger ist.
In ähnlicher Weise wird eine neue Technik der Wärmedämmung oder der Regenwasseraufbereitung nur von denen eingesetzt, die es sich leisten können, ein eigenes Haus zu bauen; innerhalb dieser Gruppe aber werden sich für solche neuen Techniken nicht notwendigerweise die besonders Reichen in besonderem Maß interessieren, sondern die an ökologischen Verfahren besonders Interessierten. Da neben der Aufzucht von Kindern der Bau eines Hauses mit das Teuerste ist, das ein typischer Angehöriger der Mittelschicht sich im Laufe seines Lebens leistet, führt dies bedauerlicherweise dazu, daß solche Techniken sich nur schwer durchsetzen lassen; deshalb werden solche Techniken von anfang an so angelegt, daß sie sich nach Möglichkeit durch Spareffekte armortisieren (also in diesem Sinn kein Luxus, sondern eine versteckte Sparmaßnahme sind) oder doch wenigstens einen Teil ihrer Anschaffungskosten durch Einsparungen selbst erwirtschaften. Es ist in diesem Zusammenhang bemerkenswert (und widerlegt meiner Meinung nach Hayeks These), daß die Industrie instande ist, Compact Discs am Markt durchzusetzen, nicht aber Solaranlagen für den privaten Wohnungsbau.
Sehr geehrter Herr Mill,
ihren Aufsatz über die Unterdrückung der Frauen habe ich mit großem Interesse und Wohlgefallen gelesen. Was sie aber (am Ende des zweiten Teils) über die Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau schreiben, vermag ich nicht nachzuvollziehen. Wir sind uns ja einig, daß Ehescheidungen möglich sein sollten, und zwar ohne katastrophale Folgen für einen der beiden Beteiligten. Hat aber eine Frau zwei Jahrzehnte mit der Aufzucht der Kinder und der Führung des Haushalts verbracht, und kommt es dann zu einer Scheidung (was ja insbesondere dann der Fall sein mag, wenn beide Ehepartner die an sich gewünschte Scheidung bis zum Heranreifen der Kinder zur Selbständigkeit zurückstellen), so ist es nicht gerade wahrscheinlich, daß diese Frau ohne weiteres eine gut bezahlte Stellung finden wird. Es dürfte, zumindest in einer marktwirtschaftlich organisierten Wirtschaft, einer Frau von fünfzig Jahren ohne Berufserfahrung schwer fallen, eine Stellung zu finden, die ebenso gut bezahlt wird, wie die Stellung einer Gleichaltrigen, die die Hälfte ihres Lebens berufstätig verbracht hat.
Ich kann auch nicht recht einsehen, wieso gerade die Frau in besonderem Maß dazu begabt sein sollte, Kinder großzuziehen. Die Erfahrungen, die wir inzwischen seit Ihrem Ableben in jüngster Zeit auf diesem Gebiet machen durften, scheinen mir darauf hinzuweisen, daß es keinen Anlaß gibt anzunehmen, die Fertigkeiten, die zur Erziehung von Kindern notwendig sind, seien etwas geschlechtsspezifisches. Hier handelt es sich meiner Meinung nach um eines jener oft gedankenlos übernommenen Vorurteile, von denen gerade Sie sich oft bewundernswert frei halten konnten, vor denen aber, wie Sie ja selbst in größter Klarheit dargelegt haben, keiner von uns je ganz frei ist.
Eine große Ungerechtigkeit wäre es offensichtlich, von den Frauen zu verlangen, sie sollten gleichermaßen Kinder großziehen und einen Brotberuf ausüben, während von den Männern nur eines von beiden verlangt werden sollte. Ich meine aber, daß die arbeitsteilige Einstellung, die in dieser Frage oft vertreten wird, ganz und gar überflüssig ist, und daß es, einige initiale Mühen vorausgesetzt, wie sie alle Anhänger eines neuen Lebensstiles erdulden müssen, möglich sein sollte, daß beide Partner sich sowohl Beruf als auch Kindeserziehung teilen. Gerade in jüngster Zeit ist ja die Bedeutung einer hochspezialisierten Berufsausübung relativiert worden zugunsten einer Einstellung, die eher die Bereitschaft zu lebenslänglichem Lernen und der Fähigkeit, sich auf Neues einzulassen, betont, da ja durch die Akzeleration unserer Wissensakkumulation unser Spezialistentum rasch entwertet wird. Daß ein Mitarbeiter neben seinem eigentlichen Beruf sich außerdem auch noch Kompetenzen in einem ganz anderen Tätigkeitsfeld erarbeiten muß, kann aus Sicht des Arbeitgebers, der statt eines ausgelernten Spezialisten einen offenen Geist erwartet, nur von Vorteil sein. Umgekehrt meine ich, daß auch die Kindeserziehung von der Berufstätigkeit des Erziehenden profitiert. Wir wollen ja unseren Kindern eine Vorstellung von der Buntheit und Vielfältigkeit unserer Welt geben, und dies scheint mir eher durchführbar von einer Person, die über die Erfahrungen eines ausgeübten Berufes verfügt und angeregt wird durch den Kontakt mit Arbeitskollegen, als durch eine Person, die kaum je den häuslichen Kreis verläßt. Der Umgang mit einem Menschen, der eine Hälfte des Tages mit der Erziehung seiner Kinder verbringt und die andere Hälfte mit einem ganz anderen Tätigkeitsfeld, scheint mir für das Kind gewinnbringender als der Umgang mit einem Menschen, der eine Hälfte des Tages mit der Erziehung seiner Kinder verbringt und die andere Hälfte des Tages ebenfalls mit der Erziehung seiner Kinder verbringt. Für das Kind bietet eine solche geteilte Erziehung darüber hinaus den Vorteil, daß etwaige Mängel und Defizite einer erziehenden Person weniger Schaden anrichten können, da diese Person nicht länger die einzige dem Kind zur Verfügung stehende Bezugsperson darstellt. In diesem Zusammenhang muß darauf hingewiesen werden, daß die Kleinfamilie, wie wir sie heute kennen, ein historisch gesehen sehr junges Phänomen ist und es in früheren Zeiten keineswegs die Regel war, ein Kind ganz einem einzigen Elternteil oder einem einzigen Elternteil und einem einzigen Geschwister zu überlassen. Ich meine im übrigen, es müßte für beide Elternteile eine weitaus befriedigendere Regelung sein, an verschiedenen Tätigkeitsfeldern partizipieren zu können, statt der Monotonie einer einzigen Tätigkeit ausgesetzt zu sein, nicht zu reden davon, daß es für den Stolz und die Selbstachtung eines Menschen von großem Vorteil ist, sein eigenes Geld verdienen zu können. Sie selbst beweisen ja auch, daß die Frauen von keinem Beruf, den sie auszuüben wünschen, ausgeschlossen werden sollen.
PS: Es würde mich freuen, wenn Sie ihre Bemerkungen über den Nationalcharakter der Franzosen, Engländer, Italiener etc. aus ihrem Text streichen könnten. Dergleichen hat sich inzwischen als recht unfruchtbares Geschwätz erwiesen und wirkt auf die heutige Leserin eher peinlich. Darüber hinaus scheinen mir Ihre entsprechenden Bemerkungen auch nicht das zu beweisen, was sie beweisen sollen. Statt zu argumntieren, daß die verschiedensten Temperamente ihre je eigenen Vorzüge haben, wäre es, scheint mir, sinnvoller gewesen, den von Ihnen am Rande erwähnten Ansatz weiter zu verfolgen und festzuhalten, daß zu verschiedenen Zeiten von verschiedenen Denkern die Weiber mal als besonders reizbar, mal als besonders träge, mal als besonders kalt, mal als besonders lüstern beschrieben wurden, womit alle diese Zuschreibungen sich gegenseitig als haltlos überführen. In Wahrheit nämlich sind ja die Unterschiede zwischen den einzelnen Individuen das dominierende, das alle möglichen oder vermuteten Unterschiede zwischen den Durchschnittswerten abstrakter Gruppen bei weitem übertrifft (womit sich auch das Problem der Größe des Gehirns erledigt, die ansonsten auch für die Größe des Geistes anscheinend innerhalb bestimmter Bandbreiten keine erkennbare Rolle zu spielen scheint).
5.5.2000
Bestimmt gibt es viele Männer, die noch nie den After ihrer Ehefrau gesehen haben (und umgekehrt), obwohl es sich vermutlich um eine kleine Minderheit handelt.
6.5.2000
Ich schrieb oben, der sophistische Agon, die Dialektik, verwandele Doxa in Episteme. Das ist richtig, wenn wir unter Doxa die ungeklärten Vorurteile des Alltagsverstandes, der hergebrachten Meinung verstehen, und unter Episteme das bestmögliche Vermutungswissen. In dieser Deutung ist Doxa notwendig, da die Diskussion nicht mit Nichts beginnen kann und selbst die dümmsten Vorurteile besser als völlige geistige Leere sind. Gewöhnlich wird das Wort Episteme aber so aufgefaßt, daß es sicheres Wissen bezeichnet, während wir Doxa als Vermutungswissen auffassen können (oder als Meinung). In diesem (üblichen) Sinn wird lediglich Doxa in Doxa verwandelt.
Es ist eigentümlich, wenn ihm auch meiner Meinung nach nicht allzu viel Gewicht beigemessen werden sollte, daß in dieser Dialektik die entscheidende Rolle das Wort spielt und das Wissen mit einem Vorgang, dem Gespräch, identifiziert wird, die Dialektik Platons dagegen sich vor allem visueller Metaphern bedient: die Platonischen Ideen werden mit dem Intellekt geschaut und nicht gehört. Die drei Gleichnisse der Politeia sind visuelle Gleichnisse, insbesondere in ganz augenfälliger Art und Weise das berühmte Höhlengleichnis. Auch der Phaidros verwendet eine visuelle Metapher, und es ist die Rede von der Ideenschau. Das Visuelle ist ein einseitiger Vorgang: wir sehen, aber wir strahlen selbst keine Bilder aus (wenn wir nicht gerade Fernsehanstaltsdirektoren sind), und die Quelle aller Bilder ist die Sonne, ebenso, wie die Idee des Guten die Quelle aller Erkenntnis ist und der Philosoph die Wahrheit erkennen, aber nicht beeinflussen kann, denn die Wahrheit ist ewig und statisch und unwandelbar. Das Gespräch dagegen besteht gleichermaßen aus Hören wie aus Sprechen, und wohl ist es so, daß die Wahrheit unwandelbar und unveränderlich ist, unsere Einsicht ist es zum Glück nicht. Identifizieren wir unser Wissen mit unserer Einsicht, dann ist unser Wissen dem Wandel unterworfen. Identifizieren wir unser Wissen mit der Wahrheit, dann ist unser einmal gewonnenes Wissen unwandelbar, unfehlbar, keiner Korrektur bedürftig.
In diesen beiden verschiedenen Modellen, dem sophistischen/vorsokratischen/sokratischen und dem platonisch/aristotelischen, kommt es zu grundverschiedenen Konsequenzen, was den Umgang der Menschen untereinander und den Rangunterschied zwischen den Weisen und den Törichten angeht. Wenn unser Wissen die im Streit gewonnene Erkenntnis ist, dann kann und darf ich nur solche Argumente gebrauchen, die mein Gegenüber verstehen kann: nur solche Erkenntnisse haben einen Wert, die mitgeteilt werden können, da nur diese in einem Disput Verwendung finden können. Also, um Wittgenstein berühmten Satz 4.116 zu zitieren, alles, was sich aussprechen läßt, läßt sich klar aussprechen. Wenn mein Wissen dagegen auf der Schau der ewigen Wahrheit beruht, so zerfällt das Menschengeschlecht in die Gruppe der Sehenden und der nicht Sehenden. Im Grunde läßt sich in diesem Modell überhaupt keine Erkenntnis einem anderen Menschen mitteilen: ich kann einen anderen Menschen höchstens durch entsprechende Maßnahmen dazu bringen, es selbst zu sehen, was ich sehe: ich kann ihm helfen, die Gelegenheit zur intellektuellen Schau zu bekommen, aber schauen und sehen muß jeder selbst. Dies entspräche eher Wittgensteins 6.54, es stimmt überein mit Platons Behauptung aus dem siebten Brief, das Zentrale seiner Lehre lasse in Büchern sich nicht darstellen. Bücher können immer nur Worte enthalten, aber sie enthalten nicht den Blick, die Schau, das Gesicht. Die Nichtmitteilbarkeit seiner eigentlichen Lehre ist daher weniger kapriziös, als es zunächst scheinen könnte, sondern eine ziemlich unausweichliche Folge seins Erkenntnismodelles. Es macht daher auch wenig Sinn, wenn heutige Gelehrte sich darüber den Kopf zerbrechen, wie denn die geheime Lehre Platons ausgesehen haben könne und wie diese sich in einem gelehrten Buch der restlichen Fachwelt mitteilen lasse.
Je nachdem, welches Modell wir vertreten, haben wir also eine Menschheit, die aus gleichermaßen Unwissenden besteht, von denen manche klüger, andere dümmer sind, niemand aber Weise ist in dem Maße, daß er auf den Rat und die Belehrung der anderen verzichten könnte und vor Irrümern gefeit wäre, oder aber wir haben zwei Gruppen, die törichte Masse und die Eingeweihten, und die Eingeweihten sind darüber hinaus außerstande, die Törichten durch einfache Worte in ihre Weisheit einzuweihen: es gibt im zweiten Modell keine Möglichkeit, verständliche Argumente einzufordern, sondern entweder ein Mensch sieht die Idee des höchsten Guten, oder er sieht sie nicht.
Es versteht sich, daß ich das erste Modell für bei weitem die Wirklichkeit angemessener beschreibend halte als das zweite; nicht deswegen, weil das erste Modell moralisch annehmbarere Konsequenzen hat und demokratischer ist als das zweite, sondern umgekehrt, ich glaube, daß wir Demokratie, eine, wie Platon richtig erkannt hat, fehlbare, pöbelhafte und wenig effiziente Regierungsform, einzig deshalb nötig haben, weil das erste Erkenntnismodell richtig ist und das zweite falsch.
Es ist nicht weiter erstaunlich, daß moderne totalitäre Systeme das zweite Modell der Erkenntnis für attraktiver halten, weil nur in ihm sich die Existenz einer Klasse von Herrschenden rechtfertigen läßt, die nicht mit Hilfe besserer oder wenigstens überzeugenderer Argumente herrscht wie in einer Demokratie, sondern mit Hilfe einer unüberprüfbaren höheren Einsicht. In diesem Sinn basiert der real existierende Sozialismus auf einem idealistischen Irrtum, der auf Platon zurückgeht, oder auf Heraklit, der die Ephesier kritisierte, weil sie unter sich keine Fähigsten dulden wollten, die unter den Bürgern herausragen und die Heraklit mehr gelten als Unzählige (Diels-Kranz 22 B 49 und 22 B 121; vergleiche auch DK 22 B 24), oder auf den Ägypter Ipuwer, der vor viertausend Jahren beklagte, daß die Gemeinen über die Edlen triumphieren, oder der so alt ist wie der Glaube an Autoritäten, also wohl älter als die Menschheit selbst, während die kapitalistischen Länder diesen Irrtum vermeiden konnten: die Liberalen haben niemals behauptet, der Markt funktioniere, weil die Marktteilnehmer über besondere Weisheit und höhere Einsichten verfügten; der Markt ist nur notwendig, weil es an besonderer Weisheit und höherer Einsicht mangelt (übrigens wollte auch Platon die Ökonomie den Kräften des Marktes überlassen, weil er bei den Marktteilnehmern nicht mit der notwendigen Einsicht und Weisheit rechnete: Handel und Handwerk sollen gemäß Politeia ohne besondere Gesetze, also ohne staatliche Eingriffe bleiben, da Handel und Handwerk ja ohnehin nur Banausen betrifft).
Für gleichermaßen bedenklich halte ich, den Frauen eine besondere Art der Erkenntnisgewinnung zuzuschreiben, die sich von der Art der Männer, Erkenntnis zu gelangen, unterscheiden soll, nämlich eine intuitive Art der Erkenntnis. Die Betonung einer solchen intuitiven Erkenntnis kann, wenn sie ernst genommern werden soll, nur auf einen Autoritätsglauben hinauslaufen, wie er typischerweise eher dem Patriarchat zugeschrieben wird. Denn entweder bezeichnet die intuitive Erkenntnis nur eine Methode, um die eigene Ausgangsmeinung festzulegen, mit der wir die rationale Diskussion beginnen, an deren Ende die kontraintuitive Erkenntnis des Diskurses steht; in diesem Fall ist diese Intuition nicht besonders interessant, es ist die Art von Intuition, die immer schon, von Männern wie Frauen, verwendet wurde. Oder aber wir halten die Berufung auf diese Intuition selbst schon für ein gültiges Argument, dann aber geben wir die intersubjektive und gleichberechtigte Diskussion auf, weil wir dann irgendwie entscheiden müssen, welchen der einander möglicherweise widersprechenden Intuitionen wir Autorität zuschreiben wollen und welchen nicht. Denn daß alle Frauen die selbe intuitive Einsicht haben werden, wird so wenig zu erwarten sein, wie es nicht zu erwarten ist, daß alle platonischen Philosophen die selbe unwandelbare Ideenwelt schauen werden oder jeder marxistische Guru die selben Klasseninteressen erblickt. Mir scheint, wenn es überhaupt geschlechtsspezifische Unterschiede in der Art der Erkenntnisgewinnung gibt (was an sich schon sehr zweifelhaft ist), dann ist es eher so, daß Frauen eher darin geübt sind, Erkenntnisse im Gespräch mit anderen zu gewinnen statt in der isolierten intellektualen Schau, daß der soziale Aspekt der Erkenntnis Frauen geläufiger ist als Männern.
Es wäre auch an sich nichts gegen so harmlose Spielereien wie den Glauben an die heilenden Kräfte von Steinen und dergleichen einzuwenden, wenn derartiges über die entsprechenden psychologischen Mechanismen Menschen hilft, ihr Leben besser zu bewältigen, Krankheiten zu heilen oder notwendige Entscheidungen treffen zu können, würde derartiges nicht dazu führen, daß die Maßstäbe von Diskussionen verdorben werden, daß die Menschen sich daran gewöhnen, Autoritäten zu akzeptieren und hinzunehmen, daß die Welt in geistig Sehende und geistig Blinde zerfällt. Viele von esoterischen Theorien angetane Menschen behaupten Dinge wie „ich glaube fest daran, daß es so etwas wie eine Aura gibt, auch wenn ich selbst leider in meiner spirituellen Entwicklung noch nicht so fortgeschritten bin, daß ich selbst sie wahrnehmen kann“. Eine solche Haltung aber verdirbt die Grundlagen jeden sozialen, intersubjektiven Erkenntnisfortschrittes und ist ein äußerst schlechtes Vorbil für die Jugend. Was sollen wir tun, wenn etwa Rudolf Steiner behauptet, die Aura von Pflanzen sei grün gefärbt, Jan Thor aber behauptet, sie sei orange? Im besten Fall kann ich nach Hause gehen und mir denken, daß Steiner ein Narr ist, die Aura der Pflanzen für grün zu halten, wo doch jeder spirituell Begabte sehen kann, daß sie orange ist; im schlimmsten Fall können wir diese Frage nur entscheiden, indem wir uns die Schädel einschlagen. Oder wir können nachzählen und feststellen, daß Steiner viele Anhänger hat, viele Schulen gegründet und unendlich viele Bücher geschrieben hat, und daß seinem Wort deshalb mehr Autorität zuzuschreiben ist als dem meinem.
Denn die Diskussion, die sich nur auf das Gewicht der intersubjektiv nachvollziehbaren Argumente, nicht aber auf das Gewicht der Autorität stützt, ist ein seltenes und kostbares Gewächs, das nicht sehr oft entstanden ist, vielleicht nur ein einziges Mal.
Entstanden ist es vielleicht, als im babylonischen Dialog zwischen dem Dulder und seinem Freund, der ungefähr dreitausend Jahre alt ist, der Dulder die gängige Theorie in Frage stellt, dem gerechten Menschen ginge es gut, dem ungerechten ginge es schlecht. Der Dulder stellt die umstürzende These auf, es komme vor, daß ein Mensch gerecht ist und trotzdem leidet (die selbe These wird von Ijob aufgestellt, und von Kohelet). Der Freund des Dulders beharrt auf der traditionellen These, und zwischen beiden kommt es zu einem Austausch von Argumenten (wobei leider der allergrößte Teil des Textes unlesbar oder unverständlich ist). Der Freund gibt zu bedenken, mit seiner Klage über die Ungerechtigkeit der Götter verschlimmere der Dulder sein Los, da er die Götter gegen sich aufbringe. Der Dulder wirft die Frage auf, warum er sich an die göttlichen Gebote halten und den Göttern opfern muß, während die Tiere, die den Göttern nicht opfern, ihm ungestraft schaden dürfen. Der Freund antwortet, daß auch die Tiere der göttlichen Strafe unterliegen: „Ja, betrachte den prächtigen Wildesel, weil er die Felder niedertrat, wird ihn der Pfeil treffen.“ Der Dulder argumentiert: „Der älteste Bruder stolziert seines Wegs wie ein Löwe, der zweite darf glücklich sein, wenn er Maultiere treiben darf“, mit anderen Worten, Glück und Unglück eines Menschen hängen nicht unwesentlich von seiner Stellung in der Erbreihenfolge ab, dem Zweitgeborenen nutzt alle Tugendhaftigkeit nichts, selbst wenn er alle Gebote der Götter einhält, wird er dadurch nicht zum Erstgeborenen. Der Freund antwortet, die Gedanken der Götter seien den Menschen unergründlich, ihre Pläne den Menschen unbegreifbar. Der Dulder aber besteht darauf, daß die Pläne der Götter nicht unergründlich, sondern unsinnig sind. „Man preist die Worte des Adels, der zu morden versteht, den Niedrigen drückt man nieder, man stimmt dem Übeltäter zu, dem die Gerechtigkeit ein Greuel ist, den Rechtschaffenden aber, der Gottes Wort achtet, treibt man davon.“ Das ganze Gesellschaftssystem beruht darauf, daß den Adligen ein höherer Rang zuerkannt wird als den Gemeinen, die Adligen aber müssen sich ihr adlig-sein nicht durch gute Taten verdienen, sie werden adlig geboren, und gewöhnlich sind sie um so erfolgreicher, je besser sie zu morden und zu betrügen verstehen [alle Zitate entnommen „Märchen aus Babylon“, nacherzählt von Hand Wuessing, Frankfurt am Main und Leipzig 1994, S. 47-57]. Beide, Dulder und Freund, berufen sich nicht auf eine Autorität, sondern sie zitieren die jedem zugängliche und bekannte Erfahrung, um ihre eigene These zu belegen und die These des Anderen zu unterminieren, das heißt, sie führen eine rationale Diskussion. Und diese rationale Diskussion blieb nicht ohne Folgen: die Theorie des Tat-Ergehen-Zusammenhanges, also die Theorie, daß es den Gerechten gut geht (gesund sind und viel Vieh, viel Frauen und viele Kinder besitzen), wurde widerlegt und aufgegeben und durch neue Theorien ersetzt: die neue, metaphysische Theorie eines jenseitigen Lebens (das die Ungrechtigkeiten des Diesseits ausgleicht) und die Theorie, daß die Götter nicht gerecht sind, wie sie etwa von Kohelet, von den Gnostikern oder den Atheisten vertreten wird.
Die griechische Philosophie beginnt, wenn wir Popper folgen, in dem Moment, als Thales zuläßt, daß sein Schüler Anaximander ihm widerspricht und eine Lehre vorlegt, die offen und bewußt von der Lehre des Meisters abweicht. Dieses Vorgehen war unter den Vorsokratikern keineswegs üblich: Pythagoras gründete eine Sekte, Parmenides beruft sich auf eine göttliche Vision, Empedokles behauptet, selbst ein Gott zu sein, um seiner Theorie Autorität Gewicht zu verleihen. Einige aber beharren darauf, nachvollziehbare Argumente zu verwenden, und Xenophanes spricht klar aus, daß kein Mensch über sicheres Wissen verfügt.
Die Theorie der gleichberechtigten Diskussion wird von Platon in glänzender Weise dargestellt und gleichzeitig durch eine ganz andere Theorie der Schau der göttlichen Weisheit ersetzt, die von ihm gegründete Akademie macht eine wechselvolle Geschichte zwischen Skeptizismus und Mystizismus durch, nach dem Sieg des Christentums und der Auslöschung des heidnischen akademischen Lehrbetriebes führt die Tradition des Austausches von Argumenten in der Scholastik nur noch ein Schattendasein, und erst in jüngster Zeit, der Neuzeit, wurde das erste der beiden von uns betrachteten Erkenntnismodelle wieder ernsthaft diskutiert, und noch heute ist es alles andere als allgemein anerkannt.
Es gibt einen Text, der ungefähr aus der selben Zeit stammt wie der Dialog zwischen dem Dulder und seinem Freund (plusminus ein, zwei Jahrhunderte), aus der vedischen Zeit, das Shatapatha-Brâhmana, an dem sich zeigen läßt, wie die Methode der rationalen, gleichberechtigten, sophistischen Diskussion beinahe in Indien entdeckt und eingeführt worden wäre, sich aber nicht gegen den Glauben an Autorität und den unüberbrückbaren Unterschied zwischen den Eingeweihten und den Profanen durchsetzten konnte [im folgenden zitiert nach: „Upanishaden“, übersetzt von Alfred Hillebrandt, München 1990, S. 45-47]. Der für uns relevante Text (XI, 6, 3), beginnt:
„Janaka, der Videha, brachte ein Opfer mit großen Opferlöhnen dar. Tausend Rinder hielt er zurück und sprach: „Der Beste unter euch, ihr Brahmanen, soll sie heimtreiben.“ “
Wir können ohne weiteres davon ausgehen, daß die Zahl von tausend Rindern eine dichterische Freiheit ist; jedenfalls setzt der Fürst einen Preis für den weisesten Brahmanen aus.
„Yâjnavalkya sprach: „Her mit ihnen“ Sie sprachen: „Bist du denn, Yâjnavalkya, unter uns der größte Brahmane?“ Er sprach: „Verehrung dem größten Brahmanen. Ich wünsche die Rinder.“ “
Zu beachten ist, daß der Preis nicht etwa ausgesetzt wurde für die Lösung eines bestimmten Problems, sondern dafür, an sich der Weiseste zu sein. Yâjnavalkya hat es dementsprechend nicht nötig, zu begründen, warum er sich selbst für den Weisesten hält. Er möchte die Rinder, und basta. Die anderen überlegen, wer die Herausforderung annehmen soll:
„Sie sprachen: „Wer von uns wird diesen fragen?“ Da sprach der kluge Shâkalya: „Ich.“ Den erblickte er und sprach: „Haben dich, Shâkalya, die Brahmanen zur Feuerzange gemacht?“ “
Es kommt nun zu einem Wissensduell zwischen den beiden, dessen Einzelheiten wir überspringen können. Shâkalya fragt, Yâjnavalkya antwortet nach folgendem Muster:
„ „Wer sind die Vasus?“ „Agni und die Erde, Vâyu und der Luftraum, Âditya und der Himmel, Mond und Sterne. Diese beherbergen alles. Weil sie alles beherbergen, darum heißen sieVasus.“ “
Schließlich endet das Gespräch und der Text folgendermaßen:
„ „Wer sind die drei Götter“ „Die drei Welten; in diesen sind alle diese Götter.“ „Wer sind die anderthalb?“ „Der, der hier weht.“ „Wer der eine Gott?“ „Der Atem.“ Er [Yâjnavalkya] sprach: „Du hast mich nach einer Gottheit gefragt, nach der man nicht fragen darf. Du wirst vor dem soundsovielten Tage sterben. Nicht werden deine Gebeine in deine Wohnung gelangen.“ Er [Shâkalya] starb in dieser Weise. Räuber schleppten, ihn verwechselnd, seine Gebeine fort. Darum soll einer nicht durch Reden herausfordern. Und wer so weiß, steht ja am höchsten.“
Das Wissensduell scheint unter den Brahmanen ein beliebter Sport gewesen zu sein: im Brihad-Âranyaka-Upanishad III, 8 [a.a.O. S. 69] wird Yâjnavalkya durch eine gewisse Vâcaknavî Gârgî herausgefordert: „Wohlan, ich will Yâjnavalkya zwei Fragen vorlegen. Wenn er sie mir beantworten kann, wird keiner von euch ihn jemals im Wettstreit besiegen; wenn er sie mir nicht beantwortet, wird sein Haupt zerspringen.“ Der Einsatz in diesen Rededuellen war nicht selten der eigene Kopf, der demjenigen zersprang, der eine Frage nicht beantworten konnte oder eine unzulässige Frage stellte (vergleiche Taittirîya-Brâhmana III, 10, 9). Das erinnert ein wenig an das Wissensduell zwischen Thor und dem Zwerg Alwis (dem Alvíssmál) der älteren Edda, das für letzteren tödlich endet und das Wagner als Vorbild gedient haben mag für das Wissensduell zwischen Wotan und Mime, in dem der Siegespreis ebenfalls der Kopf des jeweils anderen ist.
So, wie das Gespräch zwischen Shâkalya und Yâjnavalkya beginnt, könnte auch Sokrates einen Weisen herausgefordert haben, seine Weisheit zu beweisen und auf Fragen zu antworten. Auch für Sokrates endet dieses Fragen tödlich, da er verbotene Fragen stellt. Doch der Unterschied besteht darin, daß für Platon und uns Nachgeborene Sokrates der Held dieser Dialoge ist, der einen ungerechtfertigten Anspruch auf Weisheit entlarvt, während für die Verfasser der Upanishaden Yâjnavalkya der Held ist, der wahrhaft weise ist und daher kompetent, den Fürsten von Videha zu belehren, viele Rinder zu besitzen und letzte Fragen zu entscheiden, ehe er sich in die Wälder zurückzieht (wobei er zwei Frauen zurückläßt, Maitreyî und Kâtyâyanî; erstere bekommt als Abschiedsgeschenk noch rasch einen Crashkurs in brahmanischer Weisheit). An dieser Stelle wird eine Entscheidung getroffen zugunsten der autoritären Weisheit und der einsamen Schau der Erkenntnis, gegen den Frager, den Dialog und das sokratische Nichtwissen.
Die menschliche Erkenntnis bedarf für ihr Wohlergehen destruktive, zersetzende Kräfte, Volksfeinde, Defätisten, gottlose Menschen, negative Elemente, Ungläubige.
Sokrates selbst beruft sich (im Theaitetos) auf den Beruf seiner Mutter, die Hebamme war, und behauptet von sich selbst, ebenfalls nur eine Hebamme zu sein: anderen bei der Geburt ihrer Ideenkinder zu helfen, ohne selbst Ideen zu haben. Das ist eine sehr schöne und treffende Metapher für seine Tätigkeit, aber sein eigener erlernter Beruf des Steinmetzes hätte gleichfalls zu einer sehr schönen Metapher getaugt, da ja der Steinmetz alles Falsche weghauen muß, um sein Resultat zu erhalten. „Die Epagoge kehrt zum Elenchus zurück.“
7.5.2000
Lehrreich mag eine Betrachtung des Bildes „Die Geburt der Venus“ von William Bouguereau sein. Aus heutiger Sicht handelt es sich um reinsten akademischen Kitsch, eine Orgie der Überflüssigkeit, eine vulgäre Wiederholung bedeutungslos gewordener, veralteter Erfindungen. Seine Zeitgenossen freilich sahen das anders, und Bouguerreau mag sich selbst geschmeichelt haben, mit seinem unsterblichen Meisterwerk alle früheren Versuche zu diesem Sujet übertroffen zu haben. Tatsächlich wirkt daneben Botticellis frisch geborene Venus ein wenig plump, primitiver, weniger detailliert, und ohne Zweifel sehen auch Bouguereaus Wellen photographierten Wellen ähnlicher als Botticellis rührende Versuche, mit einigen Dreiecksschuppen Wellen darstellen zu wollen. Interessant auch, daß es Bouguereau ohne weiteres erlaubt war, öffentlich ein Bild auszustellen und Bewunderung und Anerkennung dafür zu verlangen, auf dem eine Frau sich uns ohne jede Andeutung von Scham in unverhüllter Nacktheit zeigt — wenn wir einmal davon absehen, daß diese Venus recht geschlechtslos zu sein scheint. Bekanntlich durften andere derartiges nicht wagen: Eduard Manet etwa erregte mit seinem Bild „Olympia“ großen öffentlichen Zorn, und das, obwohl Olympia doch züchtig mit ihrer Hand ihren Schoß bedeckt.
Vielleicht, so könnten wir sagen, profitiert „Die Geburt der Venus“ davon, daß sie vierzehn Jahre später ausgestellt wurde als die „Olympia“, und das Publikum mittlerweile an unbekleidete Damen in der Kunst gewöhnt war. Aber das ist selbstverständlich nicht der wahre Grund, warum das eine Bild wohlgefällig aufgenommen wurde, das andere dagegen nicht. In ein und demselben Jahr 1863 etwa stellt Alexandre Cabanel, wie Bouguereau anerkannter und gefeierter Rompreisträger, im Salon seine „Geburt der Venus“ aus, ein Werk, nicht weniger voll von akademischen Schwulst und dekandenter Sinnlichkeit mit einer auf den Wellen schwimmenden nackten, nichts verbergenden, außerordentlich langhaarigen (wenn wir wieder von der einen Stelle absehen) Frau, und stellt Manet im „Salon des Refusés“ (der „Ausstellung der Abgelehnten“) sein „Frühstück im Freien“ vor. Cabanels Bild bildete einen Höhebpunkt des Salons und wurde von Napoleon III aufgekauft, Manets Bild erregte einen großen Skandal und konnte nur knapp vor der Zerstörung gerettet werden. Zu sehen ist auf seinem Bild eine frisch vom Bad kommende, dementsprechend unbekleidete Dame, die auf einem Tuch im Gras sitzt, in keiner besonders aufreizenden Haltung (ganz im Gegensatz zu unseren beiden Aphroditen), und den Betrachter des Bildes freundlich anschaut. Das wahrhaft empörende sind die beiden sie begleitenden bekleideten Herren, die das Bild ganz unverkennbar in Manets Gegenwart verorten. Skandalös an Olympia ist weniger ihre Nacktheit als ihre Nacktheit in Verbindung mit der Tatsache, daß sie ihre zeitgenössischen Schuhe anbehalten hat. Es scheint außerdem, daß die Olympia beigesellte bekleidete Farbige den Zeitgenossen nicht paßte.
Im Salon von 1800 übrigens stellte Marie-Guillemine Benoist das „Bildnis einer Negerin“ aus, ein Bild, auf dem der Oberkörper einer Farbige zu sehen ist, die auf einem Stuhl sitzt, ihre Schultern und ihre rechte Brust entblößt hat und den Betrachter ruhig ansieht oder ein wenig links an ihm vorbeischaut. Soweit ich weiß, hat dieses Werk keinerlei Skandal ausgelöst. Zweifellos befriedigt es eine gewisse voyeuristische Neugier („wie mag wohl eine von diesen schwarzen Frauen aus dem wilden Afrika aussehen?“), aber im Gegensatz zu den Werken von Bouguereau oder Cabanel glaube ich nicht, daß das der Hauptgrund war, dem das Bild seine Entstehung verdankt. Weniger wie eine der unzähligen exotisch-verführerischen Odalisken und Haremsphantasien Jean Auguste Dominique Ingres schaut die Negerin uns an, eher wie eine der würdevollen Persönlichkeiten Jacques Louis Davids.
Die Überlieferung berichtet, Praxiteles sei der erste gewesen, der einen weiblichen Akt, eine viel bewunderte und kopierte (leider oft nicht sehr gut kopierte) Aphrodite, die Aphrodite von Knidos, geschaffen habe. Die Einwohner von Knidos scheinen sehr stolz auf dieses Werk gewesen zu sein, das von ganz Griechenland bewundert wurde. Es scheint, daß der Skandal ausblieb. Selbst als spätere Bildhauer sich auf ihren Kissen räkelnde Hermaphroditen gestalten, scheint der Skandal auszubleiben. Es scheint, Manet hatte das Pech, in ein besonders heuchlerisches Zeitalter verschlagen worden zu sein. Und Bouguereau hatte das Glück, in ganz besonderem Maße die verborgenen Regeln dieser Heuchelei für sich ausnutzen zu können, diese Regeln, die das „türkische Bad“ von Ingres gutheißen, Eugène Delacroixs „Tod des Sardanapel“ dagegen ablehnt.
In einem Aufsatz über das Beurteilen von Kunst erwähnte ich, wie die einst verachtete Kunst der Impressionisten mittlerweile zu höchsten Ehren aufgestiegen ist und sich allgemeinster Beliebtheit erfreut, daß es aber inzwischen zu einer neuen Wendung gekommen sei, da nun auch die Werke der Symbolisten und Präraffaeliten wiederentdeckt würden, die sich einem ganz anderen Programm als die Symbolisten verschrieben hätten. Nun, Bouguereaus Gemälde hat gewiß nichts symbolistisches, wenn wir also Zettelchen mit Ismen auf die Bilder verteilen wollen, so brauchen wir mindestens deren dreie: Impressionismus, Symbolismus und akademische Salonmalerei. So ganz einfach ist es dann aber auch wieder nicht: schließlich gibt es eine unübersehbare Fülle von symbolistischen Gemälden, die sich ganz unverhohlen impressionistischer Techniken bedienen, und einige Symbolisten konnten den Impressionisten auch als Vorbild dienen; auf der anderen Seite sind Bilder wie die des Symbolisten Frederic Lord Leighton nicht allzu weit vom akademischen Kitsch eines Bouguereau entfernt.
Die Dialektik kann Doxa nicht in Episteme verwandeln, aber sie erzeugt den Logos. So, jetzt stimmt es endlich.
8.5.2000
Seit langem ärgert mich die oft und ungern gelesene Behauptung, in dem Film „Pulp Fiction“ sei ein logischer Bruch versteckt, derart, daß eine der handelnden Personen erst erschossen wird, dann aber munter weiter mitspielt, so, als habe der Regisseur späterhin vergessen, daß er diese Person bereits hat umbringen lassen. In Wahrheit verhält die Sache sich ganz anders, und wir wollen sie kurz in schlichten, verständlichen Worten erklären. Der Film besteht aus drei Teilen, 1, 2, 3. 1: John Travolta geht mit der koksenden Frau seines Vorgesetzten essen. 2: Ein Boxer verlegt die Uhr seiner Ahnen. 3: Travolta holt sich den geheimnisvollen Koffer. Die zeitliche Abfolge dieser Stücke sei A, B, C. Dann ist 1=A, 2=C, 3=B. Kapiert? Erst holt Travolta sich den Koffer, dann erschießt er seinen Assistenten, dann zieht er Boxershorts an, dann wird er von Bruce Willies erschossen (ich weiß, ich weiß — Bruce Willies erschießt nicht wirklich jemanden: er spielt nur eine Figur namens Butch und tut so, als ob er jemanden erschießen würde, weil er ein Schauspieler ist). In Teil C wird er erschossen, in Teil B lebt er noch, weil B zeitlich vor C kommt. Oder warum sollte Travolta am Beginn von Teil 2=C in Boxershorts auftauchen? Doch nur deshalb, weil er die gegen Ende von Teil 3=B angezogen hat. Es ist also keineswegs so, daß er erst erschossen wird und dann wieder am Leben ist. Das wäre in der Tat, wie schon Tertullian erkannte, ganz widersinnig. Vielmehr ist er tot und bleibt es auch, nachdem er das warnende Wunder aus Teil 3=B ignoriert hat, das ihn zur Umkehr aufrufen sollte.
Ohne damit prahlen zu wollen: ich jedenfalls habe diesen zeitlichen Ablauf schon beim ersten Sehen des Filmes begriffen, und allzu anspruchsvoll scheint mir der verwendete Zeitsprung nicht zu sein. Was bloß fangen all die Rezensenten, die schon an dieser recht übersichtlichen Struktur scheitern, mit einem Film zum Beispiel von Atom Egoyan an? Hängen sie sich auf? Schreiben sie etwas von einer „verwirrenden Fülle von Rückblenden“ oder einer „nichtlinearen Erzählstruktur“?
9.5.2000
Meine beiden Reclamhefte mit der Voßschen Übersetzung von Illias und Odyssee, die ich noch von einem Onkel geerbt habe, der sie bei seiner Fahrt jenseits des Teiches zurückließ, sind inzwischen braun und brüchig geworden und vertragen nur noch pfleglichste Behandlung. Deshalb, als ich heute sah, daß bei insel als Taschenbuch die Voßsche Übersetzung beider Epen in einem einzigen Band erschienen ist, griff ich ohne langes Überlegen zu. Nichts wurde geändert: selbst die Kapitelüberschriften durften stehenbleiben. Endlich kann ich mein Buch der Bücher wieder überall mit hinnehmen.
11.5.2000
Was ist eigentlich in letzter Zeit mit Nietzsche los, daß in allen Läden seine Werke zu dekorativen Bücherpyramiden geschichtet werden, hat der Mann Geburtstag, oder was? Ach so, hundertster Todestag. Und vor zehn Jahren gab es dann wohl die Sonderbriefmarke "Friedrich Nietzsche. Hundert Jahre geistige Umnachtung".
Selbst die ZEIT hat jetzt in ihrer jüngsten Ausgabe einen Artikel geduldet, der knapp und klar erklärt, warum die Scheußlichkeiten des Christentums nicht Ausnahmen und Verfehlungen einzelner irregeleiteter Anhänger waren, warum das Christentum grundsätzlich und dem Wesen nach verdorben ist. Erstaunlich, wie weit sich solche Erkenntnisse im Lauf von hundert Jahren herumsprechen (und was tat Robert Leicht in dieser Ausgabe vom 11.5.200? Einen flammenden Gegenartikel zur Verherrlichung des Christentums schreiben? Mitnichten. Statt dessen schrieb er einen sehr vernünftigen, seit langem wieder der erste lesbare Artikel aus seiner Feder, in dem er sich für das Verbot von Kampfhunden einsetzt).
Unabhängig von diesem Jubiläum las ich nach langer Zeit wieder die "Geburt der Tragödie". Ich kann nur hoffen, daß meine eigenen Auslassungen über die Griechen nicht ebenso peinlich, apodiktisch und verallgemeinernd klingen (tun sie doch nicht, oder? An dieser Stelle mußt du "neinnein, deine Betrachtungen sind viel differenzierter und einfühlsamer, geschrieben in einer weitaus bescheideneren Sprache" sagen, liebe Leserin). Eine der erstaunlichsten Theorien Nietzsches besagt, das griechische Drama sei als visionäre Schau, als Traum des Chors der Dionysos-Jünger konzipiert. Ich kann mich irren, aber ist es nicht in vielen der erhaltenen Dramen so, daß der Chor erst nach dem Beginn des Schauspiels seinen effektvollen Einzug hat (von Ausnahmen wie den "Schutzflehenden" des Aischylos, in denen der Chor selbst Held des Dramas ist, ganz abgesehen)? Wie aber können die Personen des Traumes vor dem Träumer da sein? Auch erfahren wir, Prometheus oder Ödipus seien als Inkarnationen des leidenden Dionysos zu denken. Wahrscheinlich wird auch in jeder beliebigen anderen Permutation ein Schuh daraus, wenn wir etwa behaupten, Ödipus und Dionysos seien Inkarnationen des leidenden Prometheus, et cetera. Alle derartigen Theorien scheinen mir daran zu kranken, daß sie im Grunde davon ausgehen, daß es nur eine einzige Tragödie gibt, während in Wahrheit jedes Jahr wenigstens neun verschiedene Tragödien aufgeführt wurden. Ein allzu striktes Muster, was in einer Tragödie sich zu ereignen hat, darf es nicht geben, weil es dann unmöglich wird, mehr als eine Tragödie zu erfinden. In Wahrheit ist es so, daß die Dramatiker mit jeder ihrer Tragödien (oder zumindest mit jeder ihrer Tetralogien) etwas anderes sagen wollten. Es hätte ja sonst den Aufwand nicht gelohnt, jedes Jahr eine neue Tetralogie zu schreiben, und auch noch mehreren Dramatikern den Auftrag zu Tetralogien zu erteilen (ein ganz ähnlicher Fehler scheint mir etwa auch, um ein Beispiel unter vielen herauszugreifen, Schillers Versuch über naive und sentimentalische Dichtung zugrunde zu liegen, derzufolge es eigentlich nur ein einziges idyllisches Gedicht, ein einziges elegisches Gedicht und so fort geben kann). Könnte es nicht sein, daß der Chor, statt Abbild der gläubigen Dionysos-Gemeinde zu sein, ursprünglich eine ganz andere Funktion erfüllte, nämlich Sprachrohr des Göttlichen mit den Mitteln der Musik zu sein? Die Stimme des Chores wirkt, durch ihre unisone Bündelung vieler Einzelstimmen, unnatürlich oder überirdisch: die aus vielen Stimmen zusammengesetzte Stimme klingt nicht wie die Stimme, die uns aus dem Alltag vertraut ist. Im Alltag begegnen uns zwar viele Stimmen, die durchaus auch gleichzeitig erklingen können, dann aber, um durcheinander zu reden, nicht, um sich gegenseitig zu potenzieren. Die Stimme des Chores ist also eine Ausnahmestimme, geeignet als Stimme des Gottes oder mindestens der Entrückung (wie das ja im gregorianischen Gesang ebenso wie in profanisierter Form in Beethovens berühmter Neunter unüberhörbar zum Ausdruck kommt). Ich denke deshalb, daß der Chor im religiösen Ritus ursprünglich nicht die Gemeinde repräsentierte, sondern die erfahrene Gewalt des unmenschlichen, also: nicht Ödipus ist gleich Dionysos, Chor gleich Mensch, sondern Ödipus ist gleich Mensch, Chor gleich Dionysos.
Du siehst, liebe Leserin, auch ich habe mich schon wieder hinreißen lassen zu einer albernen abstrakten Verallgemeinerung. Tut mir leid. In Wahrheit steht der Chor für das, was immer der Dramatiker beschließt, daß er stehen soll: wenn Aristophanes beschließt, der Chor solle Wolken oder Frösche repräsentieren, dann besteht der Chor eben aus Wolken oder Fröschen.
13.5.2000
Eine Fernsehshow, in der der Kandidat eine 50%ige Chance auf einen Millionengewinn erhält, wenn er sich den rechten Arm abhackt.
"Eine Titte ist für mich erotisch, die Gemälde davon aber nicht" (Tom Wesselmann). Zumindest, wenn sie von Tom Wesselmann stammen. Oder von Egon Schiele oder Otto Dix.
15.5.2000
Meiner Meinung nach sollten schnelle Stücke schnell gespielt werden und langsame langsam. Viele Interpreten aber spielen alle Stücke so schnell sie können, also zu langsam.
Shostakowitsch Streichquartett Nr. 7, 1. Satz: wird zu langsam gespielt. 2. Satz: wird zu schnell gespielt. 3. Satz: wird zu langsam gespielt.
Fast alle Komponisten bis auf Satie werden zu langsam gespielt, Satie dagegen oft doppelt so schnell als erforderlich.
20.5.2000
Die deutsche Übersetzung von Becketts "More Cicks Than Pricks" lautet "Mehr Prügel als Flügel". Was soll das denn für eine Übersetzung sein? Wie wäre es statt dessen mit folgendem: "Mehr Ein- als Phälle"?
Ein "Königsweg" bezeichnete ursprünglich etwas, das es gar nicht gab: es gibt keinen Königsweg zur Philosophie, wer Philosoph werden will, muß, auch als König, die selbe Schule durchlaufen wie alle anderen auch. Heute aber verspricht uns die Werbung Königswege allüberall: Mit einem zeitlichen Aufwand von nur 30 Minuten will sie uns in Arkana einweihen, deren Studium einst Jahre erforderte, und Sprachen lernen wir von nun an im Schlaf. Die Pointe daran ist, daß uns versprochen wird, wir würden ganz ohne Mühe etwas erlernen, das prestigeträchtig ist, eben weil es kompliziert, schwierig und normalerweise zeitaufwendig zu studieren ist. Freud behauptete, die Traumdeutung sei der Königsweg zur Psychoanalyse. Das zeigt meiner Meinung nach deutlich genug, was von dieser Wissenschaft, die über einen solchen Königsweg verfügt, zu halten ist.
Ein Kassandraruf bezeichnete einst eine treffende, aber mißachtete Warnung: Kassandra hatte die Gabe erhalten, die Zukunft vorherzusehen, verbunden mit dem Fluch, daß niemand ihr glauben würde, und tatsächlich trafen Trojas Fall, Agamemnons und ihre eigene Ermordung wie vorhergesagt ein. Inzwischen aber wird das Wort "Kassandraruf" benutzt, um mißliebige Kritik zu disqualifizieren, nämlich als neidige, unberechtigte, haltlose, mißgünstige, ganz und gar unbegründete Schlechtmacherei. "Das sind doch Kassandrarufe" sagt der Politiker zur Kritik seiner Gegner, dadurch seine vollkommene Unbildung offenbarend.
Wenn wir den physikalischen Terminus "Quantensprung" als Metapher verwenden wollen, stellt sich uns die Frage, welchen Aspekt dieses Begriffes wir für so charakteristisch halten, daß wir ihn zur Grundlage unserer Metapher machen. Daß Energien disret statt kontinuierlich vorkommen, ist eine verblüffende und überraschende Eigenschaft, die vor Planck die wenigsten erwartet haben dürften. Wir können daher das Wort "Quantensprung" als Metapher für etwas verwenden, das ganz anders ist, als es zu sein scheint. Außerdem ist ein Quantensprung etwas sehr kleines, die kleinste überhaupt mögliche Änderung, wir könnten daher das Wort "Quantensprung" auch als Metapher für etwas sehr kleines, unmerkliches, kaum wahrnehmbares, verschwindendes verwenden. Und schließlich ist ein Quantensprung auch noch eine diskrete Zustandsänderung. Wir könnten daher das Wort "Quantensprung" auch als Metapher für einen makroskopischen diskreten Übergang verwenden, obwohl wir dafür eigentlich keine Metapher brauchen, da wir ja über das Wort "Phasenübergang" verfügen (in den Geisteswissenschaften ist es seit Kuhn modisch geworden, alles mögliche und unmögliche als Paradigmenwechsel zu bezeichnen, auch wenn diese Mode wohl schon wieder im Rückzug begriffen ist). Eben in der Bedeutung "Phasenübergang" ist aber leider das Wort "Quantensprung" oft verwendet worden, und da einPhasenübergang oft etwas eindrucksvolles und spektakuläres ist, hat sich bei einigen Zeitgenossen der Eindruck befestigt, ein Quantensprung sei vor allem etwas eindrucksvolles und spektakuläres. Und dementsprechend wird das Wort "Quantensprung" häufig verwendet, um eine Veränderung zu beschreiben, die zwar möglicherweise dramatisch ist, aber keineswegs notwendigerweise diskret. Wenn sich etwa ein Aktienindex oder die Zahl der Arbeitslosen oder das Bruttosozialprodukt ändert, so handelt es sich zwar um Änderungen, die in diskreten Einheiten gemessen werden (da es keine halben Arbeitslosen gibt), aber ihrer Natur nach gibt es zunächst einmal keinen Grund anzunehmen, all diese Dinge könnten nicht ohne weiteres statt durch ein diskretes durch ein kontinuierliches Modell beschrieben werden. Damit aber stimmt an der Metapher überhaupt nichts mehr: die Ursachen der Arbeitslosigkeit mögen andere sein, als sie auf den ersten Blick zu sein scheinen, aber die Arbeitslosenzahl selbst ist, auf den ersten wie auf den letzten Blick, einfach nur sie selbst, so daß von einer kontraintuitiven Wirklichkeit jenseits des bloßen Scheins keine Rede sein kann, eine Verdopplung oder Halbierung der Arbeitslosenzahl ist auch keine unmerkliche, verschwindend kleine Änderung, und schließlich ist eine solche Verdopplung oder Halbierung nur in einem ganz trivialen Sinn ein diskreter Vorgang, solange wir keinen Hinweis darauf haben, daß die Veränderung dieser Zahl durch einen Phasenübergang in der Ökonomie ausgelöst wurde, gibt es keinen Grund, den entsprechenden Mechanismus nicht als etwas sich kontinuierlich änderndes zu beschreiben.
Die mißbräuchliche Verwendung des Wortes "Quantensprung" rührt, denke ich, daher, daß alle Welt sich einer Übertrumpfungssprache bedienen will. Alles muß Hyper- oder Ultra- sein, insbesondere die Preise industrieller Produkte, obwohl doch Infrapreise aus Sicht der Verbraucher eigentlich erfreulicher wären, und wo früher ein Prominenter ein Star war, wenn er andere Prominente an Bekanntheit und Ruhm überragte, so ist heute jeder Narr ein Megastar, und Kleidervorführerinnen heißen Supermodells.
Im Dienste dieser Übertrumpfungssprache haben auch Worte wie "buchstäblich" oder "wortwörtlich" ihre alte Bedeutung eingebüßt. Wenn jemand früher einen Haufen Brotbrocken in seine Suppe geworfen hatte, dann aber die Lust, sie zu essen, verlor, sich aber niemand fand, der sie an seiner Statt aufessen wollte, so war es ehedem möglich, zu sagen, der Betreffende müsse "im wahrsten Sinne des Wortes die Suppe, die er sich eingebrockt hat, selbst auslöffeln". Heute dagegen bedeutet "buchstäblich", "wortwörtlich" oder "im wahrsten Sinne des Wortes" nicht länger "eine Redewendung, die üblicherweise in einem metaphorischen Sinne gebraucht wird, soll ausnahmsweise einmal nicht im metaphorischen Sinn gebraucht werden", sondern inzwischen bedeuten diese Worte "die Metapher trifft in einem besonders starken Maß zu". Heißt es heute von jemandem, er müsse buchstäblich die Suppe selbst auslöffeln, die er sich selbst eingebrockt hat, so ist damit gemeint, daß die durch das Sprichwort ausgedrückte Situation auf diesen Menschen ganz besonders zutrifft, nicht etwa, daß er wirklich eine wirkliche Suppe auslöffeln müßte. Sogar Anführungszeichen werden mittlerweilen nicht mehr, wie ehedem, benutzt, um Zitate zu kennzeichnen oder die Erwähnung eines Wortes von seinem Gebrauch zu unterscheiden, sondern als ein zusätzliches Mittel der Betonung. "Er ist ein "guter" Redner" bedeutete früher: "Er ist ein schlechter Redner", heute dagegen: "Er ist ein wirklich total megamäßig guter Redner". Und dies, obwohl es mit gesperrtem Druck, Kapitälchen, Kursivdruck, Fettdruck, Unterstreichung und andersfarbigem Druck wahrhaftig nicht an mehr oder minder geschmacklosen Möglichkeiten mangelt, Text hervorzuheben, Möglichkeiten, die Homer weder kannte noch brauchte.
14.6.2000
Auf die Nerven gehen mir Leute, die, sobald sie erfahren, daß ich kein Fleisch esse, mir sofort erklären müssen, auch sie würden nur selten/kaum noch/schon seit langem nicht mehr bei jeder Mahlzeit Fleisch essen. Ich bin nicht der internationale Gerichtshof, niemand muß sich vor mir rechtfertigen, wenn er oder sie Fleisch ißt. Genauso nervtötend sind die Menschen, die mir erklären, sie "könnten das nicht" (nämlich ohne Fleisch auskommen), und von mir wissen wollen, wie ich "das" (nämlich ohne Fleisch auskommen) nur aushalten würde. Danke, ohne besondere Schwierigkeiten, und wenn ich nicht gerade mit Fleischessern in Kontakt komme, denke ich nicht besonders oft darüber nach, wie es wäre, Fleisch zu essen. Am schlimmsten aber sind die Ideologen, die mir beweisen wollen, daß ich mich mit meinem Fleischverzicht in einem Irrtum befinde und unrecht handele und von meinem bestimmt ideologisch verbohrten Fleischverachtertum schnellstens lassen sollte. Danke für die Belehrung, falls es euch solchen Kummer macht, daß ich kein Fleisch esse, werde ich selbstverständlich von nun an wieder Fleisch verzehren, denn kein Tier ist mir so wichtig, daß ich dafür riskieren wollte, daß ihr nachts aus Sorge um mich nicht mehr schlafen könnt. Zwar ist das mit einiger Unbequemlichkeit für mich verbunden, weil ich Fleischessen an sich ekelhaft und widerlich finde, aber diese kleine Unannehmlichkeit will ich gerne auf mich nehmen, wenn ich euch damit Leiden ersparen kann.
16.6.2000
Eines der zur Wahl stehenden Themen bei meiner Abiturprüfung im Fach Deutsch war eine Erörterung der These, die modernen Kommunikationsmittel führten zum Untergang der Briefkultur. Die genaue Formulierung des Themas kenne ich nicht mehr, aber selbst, wenn sie das alberne Wort "Briefkultur" nicht enthielt, war sie kaum geistreicher formuliert. Die anwesenden Lehrer erklärten uns, dieses Thema sollte nur von jemandem gewählt werden, der sich ausgezeichnet in den Briefen der Klassiker auskennen würde, mit anderen Worten, sie rieten von der Bearbeitung des Themas ausdrücklich ab, und brav, wie wir waren, folgten die meisten von uns Schülern dem Rat und erörterten irgend ein Gedicht. Das Gedicht habe ich seither glücklich vollkommen vergessen, nur das alberne Thema der untergehenden Briefkultur geisterte mir immer wieder sporadisch durch den Kopf. Das ist nicht allzu überraschend, schließlich habe ich auch jahrelang geträumt, ich müßte noch einmal, für ein vierzehntes Schuljahr, auf die Schule, andernfalls werde mein Abitur ungültig, und erst in jüngster Zeit sind diese Träume von anderen Träumen abgelöst worden, in denen mir irgendwelche Scheine für die Zulassung zur Diplomprüfung fehlen. Um wenigstens die eine fixe Idee vom Aufsatz zur untergehenden Briefkultur loszuwerden, habe ich beschlossen, den Aufsatz endlich, mit langjähriger Verspätung, zu schreiben. Ich hoffe, das Thema ist dann damit erledigt, und ich kann mir weitere geträumte vierzehnte Schuljahre ersparen, und ich muß mir nur noch einen Trick ausdenken, wie ich meinen Geist endlich davon abhalten kann, darüber nachzugrübeln, ob mir noch irgend welche Scheine für die Diplomprüfung fehlen, obwohl ich die Prüfung doch schon abgelegt habe. Den nachfolgenden Text habe ich innerhalb von zweieinhalb Stunden, einschließlich des Korrekturlesens, abgefaßt. Er ist selbstverständlich nicht ganz so ausgefallen, wie ich ihn damals geschrieben hätte: SMS, selbst e-mails waren damals noch kein Thema. Ich habe aber darauf verzichtet, während des Schreibens in anderen Texten nachzulesen oder wörtlich aus anderen Texten zu zitieren.
Der Konservative ist eine recht eigentümliche Gestalt: stets möchte er bewahren, festhalten, vor Veränderungen beschützen, aber der Gegenstand seiner Sorge unterliegt dabei einem ständigen Wandel: stets will er das Gestern vor dem Heute oder gar dem Morgen behüten, doch mit jedem neuen Tag verändert sich das Gestern und wird zum nicht länger schützenswerten Vorgestern. Eben noch klagte der Konservative über die jugendverderbende Unsitte der Lesesucht, gegen die er allerlei pädagogische Maßnahmen fordert: da hat er auch schon seine Meinung geändert und betrauert nun statt dessen eine Jugend, die, so behauptet er, nicht mehr liest, sondern ihre Tage vor dem Fernseher oder dem Computer verbringt. Bedenkenlos verbreitet er die Behauptung, es würden von Jahr zu Jahr weniger Bücher gelesen, und konfrontiert mit der eigentümlichen Beobachtung, daß jedes Jahr mehr und mehr Bücher verkauft werden, so antwortet er mit der albernen Frage, ob denn alle diese gekauften Bücher auch gelesen würden, als ob irgend jemand so närrisch wäre, sich ständig neue Bücher zu kaufen, um sie dann nicht zu lesen. In ähnlicher Weise beklagt der Konservative, die Jugend von heute würde, statt den Meisterwerken der klassischen Musik nur noch Negermusik hören, beziehungsweise, statt ehrlichem, handgemachten, authentischem Rock, nur noch künstliche Popmusik aus Plastik.
Wir wollen die Klage des Konservativen an einem ausgesuchten Beispiel näher beleuchten, indem wir das Schicksal des Briefeschreibens untersuchen.
Es gibt in der antiken griechischen zwei grundverschiedene Modelle darüber, wie Erkenntnis zustande kommt. Das erste Modell ist das Modell des sophistischen Streitgesprächs. In diesem Modell stellt einer der beiden Kontzrahenten eine These auf, und der andere Gesprächspartner versucht, sie zu widerlegen. Möglicherweise gab es noch einige einschränkende Bedingungen, etwa die, daß der Verteidiger nur mit "Ja" oder "Nein" antworten durfte, was einige hübsche argumentative Fallen ermöglichte, die uns zum Teil (als "Sophismen") überliefert sind. In diesem Erkenntnismodell jedenfalls entsteht Erkenntnis im Dialog, dadurch, daß eine Einzelmeinung im Gespräch einer kritischen Prüfung unterzogen wird. Besteht sie die Prüfung, so besteht Hoffnung, daß die vorgetragene Meinung nicht ganz und gar haltlos ist und möglicherweise der Wahrheit nahekommt. Von Platon gibt es eine knappe und treffende Charakterisierung dieser Einstellung in seinem Dialog "Gorgias", als er nämlich Sokrates zu Kallikles sagen läßt, wie sehr er, Sokrates, sich freue, ihn, Kallikles, getroffen zu haben, denn wenn sie beide, die doch so unterschiedliche Positionen verträten, sich im Gespräch auf eine Meinung einigen könnten, dann bestünde Hoffnung, daß diese Meinung nicht bloße Meinung wäre, sondern eine Ansicht, die auch künftig Bestand haben kann. Wahrheit ist, dieser Auffassung nach, was in einem oder mehreren Gesprächen untersucht, geprüft und diskutiert wurde und was sich trotz stärkster Anstrengung nicht widerlegen ließ. Von dieser Auffassung ausgehend, entwickelt Platon im Dialog "Phaidros" eine Kritik schriftlicher Philosophie. Philosophie kann nicht wirklich in Schriftform existieren, denn zur Philosophie gehört charakteristischerweise gerade, daß zwei Menschen verschiedener Meinung sich unterhalten und daß der eine auf die Einwände des anderen antworten kann. Neben vielen anderen Nachteilen des Schriftlichen, etwa, daß die Gewohnheit, alles dem Schriftlichen anzuvertrauen, das Gedächtnis verkümmern läßt, oder daß das Schriftliche keine Betonung, keine lebendige Aussprache, keinen Ausdruck des Vortrags kennt, ist es für Platon der Hauptnachteil und der entscheidende Einwand gegen das Schriftliche, daß es auf mögliche Einwände nicht antworten kann. Das Schriftliche vermag nur zu dozieren, blind für alle Gegenargumente, so wie ein Sophist, der statt der dialogischen Kurzrede die prunkvolle Langrede verwendet, und weil es blind bleibt für alle Gegeneinwände, muß es die Wahrheit verfehlen. Dementsprechend sieht Platon seine eigenen Dialoge nur als eine Art Notlösung an, als einen Versuch, für die Nachwelt jene Gespräche aufzuzeichnen, die an sich nur mündlich stattfinden können. Der eigentliche Philosoph ist Sokrates, der nichts schriftlich hinterließ (und der auch keine eigene Meinung vertrat, sondern nur die Meinungen seiner Zeitgenossen kritisch prüfte), Platon nicht mehr als der bescheidene Bewunderer des Sokrates, der zur Belehrung künftiger Generationen einige Dialoge schriftlich fixiert hat, die als Muster für eigene Gespräche dienen können. Wer diese Dialoge liest, kann im günstigsten Fall lernen, wie richtiges Diskutieren zu geschehen hat, und kann dann selbst mit anderen diskutieren und sich so diskutierend der Wahrheit nähern.
Auch das zweite Erkenntnismodell findet sich sonderbarer Weise bei Platon, trotzdem es dem ersten scharf widerspricht. Dem zweiten Modell zufolge bildet die Erkenntnis eine eigene, von der materiellen unabhängige Welt, ja, geht dieser ontologisch sogar voraus. Diese Welt, die Welt der unwandelbaren platonischen Ideen, läßt sich mit Hilfe des Intellekts erfassen, so wie sich mit Hilfe der Augen die diesseitige Welt erfassen läßt. Diese Schau der Ideen ist ein unmittelbares Erfassen der entsprechenden ideellen Wirklichkeit, und weil es ein unmittelbares Erfassen ist, läßt es sich nicht mit Hilfe von Worten beschreiben. Es läßt sich, in gewisser Weise, überhaupt nicht vermitteln: entweder jemand sieht die platonischen Ideen, oder er sieht sie eben nicht. Plotin erklärt, überhaupt nur dreimal in seinem Leben der Schau der platonischen Ideenwelt teilhaftig geworden zu sein. Aufgrund dieser Schwierigkeiten ist es deshalb zwar möglich, jemanden auf die Schau der Ideen vorzubereiten und in darauf hinzulenken, der letzte Schritt muß aber von jedem Einzelnen selbst getan werden. Im sogenannten "siebten Brief" erklärt deshalb Platon, das eigentliche seiner Lehre, ihr Herzstück, habe er niemals schriftlich niedergelegt und werde er auch niemals schriftlich niederlegen, und wenn ein Anderer behaupte, sein Buch enthalte dieses platonische Kernstück, dann zeige diese Behauptung nur, daß dieser Andere überhaupt nicht begriffen habe, worum es ihm, Platon, gehe, denn jeder, der das eigentliche Wesen seiner Lehre erfaßt habe, wisse, daß es eine solche schriftliche Ausarbeitung gar nicht geben könne. Diese Warnung Platons hat die Philologen seither nicht abschrecken können, trotzdem nach der geheimen, mündlichen Lehre Platons zu suchen, aber, wie wir gesehen haben, diese Suche muß vergebens bleiben, denn diese mündliche Lehre ist nicht aufgrund einer bloßen Laune Platons heraus mündlich geblieben, sondern sie kann notwendigerweise nicht schriftlich sein, und auch mündlich ist sie nur in eingeschränktem Maß: es ist möglich, durch das Gespräch auf diese Lehre, die Ideenschau, hinzuführen, aber selbst im mündlichen Gespräch ist sie nicht wirklich zu vermitteln, sie kann immer nur angedeutet werden.
Wir haben demzufolge die Situation zweier ganz verschiedener Erkenntnismodelle, eines kritizistischen und eines intellektualistischen, die beide die Eigentümlichkeit teilen, daß sie sich der Schriftform entziehen (und, nebenbei, beide die Eigentümlichkeit teilen, von Platon gelehrt worden zu sein). Trotzdem hat Platon sich des Mittels des Briefes bedient, um seinen Freunden seine Ansichten darzutun. Freilich hat Platon klargestellt, daß es sich um einen Notbehelf handelt, daß er sie lediglich aus der Ferne, so gut es geht, über den neuesten Stand der Dinge informieren möchte, daß er aber hofft, die Freunde baldmöglichst persönlich zu sehen. Es ist nicht allzu überraschend, daß nichts desto trotz Platons Schüler seinen Brief bewahrten und kopierten und als Quelle der Erkenntnis zu verwenden versuchten, es ist nicht allzu überraschend, wenn wir bedenken, welche Verehrung Platon seitens seiner Schüler genoß. Ja, seine Schüler fanden seinen Brief so attraktiv, daß die bald schon, ebenso, wie sie zusätzliche, apokryphe Dialoge, auch zusätzliche, neue Briefe erfanden, Briefe, die Platon nie geschrieben hatte, die aber auf angenehme Art und Weise die Neugier befriedigten. Es handelte sich hier um eine gebräuchliche Übung: Schriftsteller pflegten damals fiktive Briefe historischer oder sogar auch mythologischer Personen herauszugeben, und im Bestreben, das vorhandene schriftliche und damit tradierbare Material zu vermehren, wurde alles herangezogen, was sich an schriftlichen Hinterlassenschaften von Philosophen heranziehen ließ, und so werden bei Diogenes Laertius ausgiebig nicht nur die belanglosesten Briefe, sondern auch noch die Testamente der verschiedensten Philosophen zitiert.
Nachdem nun so die Tradition etabliert war, die nachgelassenen Briefe von Philosophen für bedeutsame Erkenntnisquellen zu halten (trotz der erstaunlichen Banalität fast aller etwa von Diogenes Laertius wiedergegebenen Briefe), begannen nun ihrerseits Philosophen Briefe zu schreiben, die nicht wirklich individuelle Mitteilungen an Einzelne waren, die als Notbehelf das mündliche Gespräch ersetzen sollten, sondern die sich, wie Bücher, an die Öffentlichkeit wandten und für die Öffentlichkeit bestimmt waren. Wenn etwa Seneca seine Briefe an seinen Bruder schreibt, so wissen wir nicht und haben allen Grund zu bezweifeln, ob diese Briefe bei diesem Bruder auf besonderes Interesse gestoßen sind, ja, nicht einmal, ob er sie überhaupt jemals erhalten hat. Der Adressat dieser Briefe ist ohne Zweifel nicht Senecas Bruder, sondern die ganze interessierte gebildete Öffentlichkeit. Mit diesem Verfahren aber erreicht der Mißbrauch des Briefes eine neue Qualität: eben das, wovor Platon so eindringlich gewarnt hatte, wird jetzt ungeniert praktiziert, es wird nämlich der Brief benutzt als ein Mittel, ungestört dozieren zu können, ohne Widerspruch befürchten zu müssen. Es verkündet der Briefeschreiber seine Ansichten, ohne länger Widerspruch befürchten zu müssen. Wohl mag der Briefeschreiber die inzwischen üblich gewordenen, dem sophistischen Dialog entstammenden Argumente gebrauchen, nötig hat er sie aber im Grunde nicht mehr. Er selbst diskutiert Zweifel und Einwände, wie es ihm gefällt und gut dünkt.
Nun wäre es ja aber gerade beim Briefeschreiben, anders als bei den Büchern, denkbar, wenigstens behelfsmäßig so etwas wie eine Diskussion, einen Austausch von Argumenten in Gang zu setzen, wenn nämlich der Empfänger des Briefes seinerseits mit einem Brief antwortete. In diesem Fall käme doch so etwas, wenn auch langwierig und mühsam, wie eine Diskussion unter gleichberechtigten Gesprächspartner zustande. Die Geschichte des Briefeschreibens kennt dafür freilich nur wenige Beispiele. Bei den erwähnten Briefen des Senecas wäre uns nicht bekannt, daß sein Bruder ihm jemals mit eigenen Briefen geantwortet hätte, und hätte er es getan, wäre wohl niemand verblüffter gewesen als Seneca. Von Paulus kennen wir eine Vielzahl von Briefen an die verschiedensten Gemeinden, Gemeinden übrigens, die er gewöhnlich zuvor persönlich besucht und unterwiesen hatte und die er erneut aufzusuchen und persönlich zu unterweisen hofft, daß diese Gemeinden aber nun ihrerseits an Paulus geschrieben und eine gegenüber Paulus abweichende Meinung gerechtfertigt hätten, davon wissen wir nichts. Im übrigen sind eigentlich alle theologisch relevanten Stellen in diesen Briefen derart ausgeführt, daß sie ohne weiteres auch in einem regelrechten Buch hätten Platz finden könnten, es ist an ihnen nichts spezifisch briefhaftes.
Wir können also zwischen zwei Arten von Briefen unterscheiden: die eine Art von Briefen sind die Briefe, in denen der Verfasser irgendwelche Thesen und Theorien äußert, die ebenso gut auch in einem gewöhnlichen Buch hätten Platz finden können. Wenn wir solche Briefe lesen, vergessen wir meist bald, daß es sich um Briefe handelt, und lesen sie wie andere Bücher auch. Die andere Art von Briefen sind solche Briefe, die sich tatsächlich in konkreten Dingen an einen anderen Menschen wenden, Briefe solcher Art zeichnen sich jedoch meist durch ihre außerordentliche Banalität aus. Die Tatsache, daß derartige Briefe dennoch Beachtung finden, liegt darin begründet, daß diejenigen Menschen, die sich mit der Auswertung dieser Briefe beschäftigen, gewöhnliche Sterbliche sind und mit anderen Menschen die Neigung zu Heldenverehrung und Götzenkult teilen. Der wahre Fan von Jimi Hendrix möchte auch noch die uninspirirteste Aufführung, die sein zum Zeitpunkt der Aufführung verstimmtes und umnebeltes Idol vor einem desinteressierten Publikum gegeben hat und das mit einem billigen Kassettenrekorder mit Gleichlaufschwankungen aufgezeichnet wurde, seiner Sammlung einverleiben, die Protestanten, die sich rühmen, die übertriebene Heiligen- und Madonnenverehrung der Katholiken abgeschafft zu haben, treiben einen vergleichbaren Kult um Luther, dessen banalste Äußerung, die er beim gemeinsamen Essen von sich gegeben hat, sie als Teil der "Tischreden" aufzeichnen mußten, und ebenso wird der fanatische Goetheforscher nicht eher ruhen, als bis er die letzte verschollene Wäschereirechnung Goethes entdeckt hat, wobei Goethes Eitelkeit ihm generös entgegenkommt, indem nämlich Goethe sich auf seine alten Tage mit einem mediokren Geist namens Eckermann umgab, der auch noch den schalsten der geheimrätlichen Gedanken für die Ewigkeit festhielt. Denn der wahre Verehrer schließt, daß, wenn jemand fähig war, ein ausgezeichnetes Gedicht wie, sagen wir, den "Prometheus", zu schreiben, daß dann auch noch die schwächsten Werke dieses Meisters den besten Werken aller anderen Menschen überlegen sein müssen, und statt Ausschau zu halten, ob es nicht vielleicht, neben dem eigenen Liebling, auch noch andere Künstler von Interesse und Wert existieren könnten, glaubt der Verehrer, seinem Drang nachgehen zu müssen, die eigene Sammlung vollständig und komplett zu erhalten. Und so finden sich in den entsprechenden "gesammelten Werken" auch noch Sammlungen von Briefen, am liebsten natürlich von solchen Briefen, die ein Licht auf die außerkünstlerische, die sogenannte menschliche Seite des Meisters zu werfen vermögen, denn der Verehrer interessiert sich im Grunde schon lange nicht mehr für die Bücher, die Goethe geschrieben hat, sondern vielmehr dafür, mit welcher Frau Goethe wann und parallel zur Abfassung welchen Buches ins Bett ging.
Was aber geschieht nun, wenn eine Erfindung wie das Telephon das Briefeschreiben überflüssig macht? Von Kafka wissen wir, daß er nicht wenige Briefe geschrieben hat, und was davon erhalten geblieben ist, ist in voluminösen Bänden versammelt worden. Doch Kafka selbst, erstaunlicherweise, fand das Briefeschreiben keineswegs eine großartige Sache, dem Telephon bei weitem vorzuziehen, im Gegenteil, das Telephon, so fand er, bietet tatsächlich die Möglichkeit, einem fernen Menschen nahe zu sein, während das Briefeschreiben nur den Anschein dieser Möglichkeit bietet. Geschriebene Küsse erreichen niemals ihren Adressaten, statt dessen nähren die Gespenster sich von ihnen und werden durch sie stark (schreibt Kafka in einem Brief), und tatsächlich scheint mir das Briefeschreiben einer der kläglichsten und hoffnungslosesten Methoden, einem Menschen etwas mitzuteilen. Was Platon über das Philosophieren schrieb, gilt auch für alle anderen Mitteilungen, einschließlich den Mitteilungen, die der Liebe wegen gemacht werden: besser, sie persönlich und mündlich zu machen und dem Gegenüber die Möglichkeit zur Gegenrede zu geben. Im übrigen ist es auch die Möglichkeit der Gegenrede, die das Gegenüber nötigt, genau und aufmerksam zuzuhören, eben um zu dieser Gegenrede überhaupt imstande zu sein, während ein Brief sich auch flüchtig und unaufmerksam lesen läßt und nicht imstande ist, Mißverständnisse zu berichtigen. Ich denke, jeder, der schon einmal Briefe geschrieben hat, die mehr als nur ganz banale Dinge enthielt, wird die Erfahrung gemacht haben, wie der Adressat des Briefes wichtige Teile des Briefes nicht oder unaufmerksam gelesen hat oder wie er Dinge mißverstand, von denen der Schreiber geglaubt hatte, sie seien unmißverständlich gewesen.
Was aber wäre gewesen, wenn Kafka sich zur Verständigung mit seinen Freunden und Bekannten und Verlobten ausschließlich des Telephons bedient hätte? In diesem Fall wären uns seine Briefe entgangen, und das scheint uns als ein großer Verlust. Es wäre aber doch zu fragen, ob uns seine Briefe denn eigentlich überhaupt etwas angehen, ob wir überhaupt das Recht haben, uns in seine privaten Angelegenheiten zu drängen. Wer Kafka liest und sich in seinen Texten wiederfindet, läuft, scheint mir, häufig Gefahr, sich einzubilden, er selbst verstünde Kafka am besten und überhaupt nur er selbst verstünde Kafka, er liebe Kafka am meisten, insbesondere, er verstünde und liebe Kafka besserund mehr als Max Brod und selbstverständlich viel besser als Felice Bauer, und daher habe er, als der Einzige, der Kafka wirklich verstehe, auch ein Anrecht darauf, dessen private Briefe zu lesen (das erstaunlichste Beispiel für diese Selbsteinschätzung, das mir bisher begegnet ist, war ein Jüngling, der mir versicherte, er selbst verstehe und kenne Kafka derart intim, daß er mit Bestimmtheit sagen könne, daß es ein Fehler und ein Unrecht sei, daß sein Nachlaß nicht weisungsgemäß verbrannt worden sei, so, als sei Max Brod nicht Recht zu geben, der der Meinung war, daß Kafka als Schriftsteller ebenso eitel war wie alle anderen Schriftsteller und selbstverständlich sein Werk gedruckt sehen wollte). Ich dagegen glaube, daß uns der Verlust der Briefe einen, im Vergleich zu seinem restlichen Werk, geringen Verlust beschert hätte, dafür aber ein weit größeres Maß an Dezenz gegenüber der Privatsphäre aller, auch der berühmten Menschen. Das Werk Homers hört nicht auf, das bedeutendste schriftstellerische Werk des Abendlandes zu sein, bloß, weil wir keine privaten Briefe Homers an seine uneheliche Geliebte besitzen.
Nun ist das Telephon nicht die einzige Neuheit, die der technische Fortschritt uns beschert hat. Wir besitzen mittlerweile eine Vielzahl von Neuerungen, denen gemeinsam ist, daß sie das alte Dilemma, vor dem Platon sich im Phaidros sah, aufzulösen imstande sind. Wir erinnern uns, das Dilemma besteht darin, daß Philosophie nur im direkten Gespräch, im unmittelbaren Austausch von Argument und Widerspruch, existieren kann, daß es aber in dieser Form flüchtig, für die Nachwelt nicht zu erhalten ist. Diese Flüchtigkeit ist inzwischen überwindbar, wir können Diskussionen im Rundfunk oder im Fernsehen übertragen und aufzeichnen und noch Generationen später auf diese aufgezeichneten Diskussionen zurückgreifen. Die mündlichen Lehren des Sokrates, Jesu, Buddha oder des Meisters Kung sind für uns verloren, aber den Streit zwischen Adorno und Popper können wir aufzeichnen und bewahren, ebenso, wie wir die einmalige, unwiderholbare Improvisation eines Jazzmusikers oder die hervorragende Interpretation eines berühmten Solisten aufzeichnen und ein zweites Mal hören können, was ja, nach Strawinsky, überhaupt erst die Voraussetzung für das Verständnis von Musik ist.
Was aber das Briefeschreiben angeht, so wird es abgelöst durch eine Vielzahl verschiedener, differenziert einsetzbarer Verfahren. Es ist weiterhin möglich, einen ganz gewöhnlichen Brief mit Papier und Bleistift zu schreiben, und die Behauptung, eben diese Art des Briefeschreibens würde immer seltener praktiziert, ist durch eine Zunahme des Briefverkehrs kaum zu belegen und so albern wie die Behauptung, es würden keine langen, ausführlichen Briefe mehr geschrieben (die sich weniger leicht durch statistische Beobachtungen entkräften lassen, allenfalls durch sporadische persönliche Beobachtungen; ich selbst jedenfalls habe auch schon einmal einen Brief mit vierhundert Seiten Umfang verschickt, und das war nicht der einzige Brief mit mehr als hundert Seiten in meinem Leben, und ich bin nicht bereit, mich hierin für einen Einzelfall zu halten); für andere Zwecke ist es sinnvoller, ein Telephon zu benutzen. In wieder anderen Fällen mag es statt eines gewöhnlichen Briefes angezeigter sein, eine e-Mail zu schreiben, wobei auch e-Mails gespeichert und für die Nachwelt erhalten bleiben können, falls jemand Wert darauf legt, oder es ist möglich, durch chatten mit einem oder mehreren Gesprächspartner direkt zu kommunizieren, also eine Kommunikationsform zu wählen, die sehr nahe am persönlichen Gespräch ist, sich aber ebenfalls ohne Schwierigkeiten aufzeichnen und für die Nachwelt bewahren läßt, kurze Mitteilungen können über SMS übertragen werden, und der weitere technische Fortschritt wird vermutlich weitere Möglichkeiten der Verständigung enthüllen, von denen jede fein abgestimmt auf einen bestimmten Zweck ist, während es früher nur eine einzige Art der Mitteilung an Abwesende gab, die für alle Zwecke ausreichen mußte.
Es bleibt nun dem Konservativen allenfalls noch übrig, das mangelnde Niveau der mit den neuen Methoden übertragenen Botschaften zu bejammern. Hier freilich dürfte es sich erneut um eine Täuschung handeln, so, als seien früher alle Briefe voller Geist und inspiriertestem Inhalt gewesen. Mag sein, daß e-mails eher Rechtschreibfehler enthalten, als frühere Papierbriefe dies taten; aber auch dies gilt nur, wenn wir lediglich soweit in die Vergangenheit zurückblicken, als eine obrigkeitsstaatlich verordnete, verbindliche Orthographie existiert, während es in den davor liegenden Zeiten das Problem der Orthographie gar nicht gab. Daß aber die Menschen heute dümmer wären als ehedem und weniger kluges und wichtiges zu sagen hätten, kann ich nicht zugeben, im Gegenteil, ich glaube, daß es noch niemals zuvor so viele gebildete Menschen gegeben hat und daß intellektuelle Diskussionen noch nie auf einem so hohen Niveau stattgefunden haben als heute, weil nämlich unsere Ansprüche an derartige Diskussionen, ebenso übrigens wie unsere Ansprüche an die Kunst oder sogar an sportlerische Leistungen, ständig gewachsen sind. Daß deshalb die heutigen Menschen nichts mehr zu sagen hätten oder zu sagen vermöchten, will mir nicht einleuchten. Würde aber Platon, der konservative, gestrige Verteidiger des Vorgestern, heute zurückkehren, wie würde er sich nicht freuen, ein langes, irrtumvolles, beklagenswertes Zeitalter schriftlicher und monologischer Verirrung abgelöst zu sehen durch ein neues Zeitalter, daß die Errungenschaften der Schriftlichkeit zu bewahren imstande ist und trotzdem fähig, zur Unmittelbarkeit einer mündlichen Zeit zurückzukehren. In diesem Sinn mögen sogar die schwer erträglichen Krawalltalkshows, mit denen die privaten Fernsehsender die Pausen zwischen den Werbeblöcken füllen, einen Sinn haben, insofern sie auch die Ungebildeten mit der Kunst der Dialektik in einfachster Form vertraut machen. Die undialektischen Briefe aber, die ja, wie wir sehen, ohnehin nicht ernstlich gefähdet sind, wollen wir nicht über Gebühr beweinen.
18.6.2000
Wie haben es eigentlich die Frauen in früheren Zeiten geschafft, schwanger zu werden, als es bei Hager & Mager noch keine Abteilung mit Umstandsmoden gab?
Ein Tenor, dessen Stimme sich schon etwas gesenkt hatte, wodurch sie natürlich nicht zu einer Baritonstimme, sondern bloß zu einer gealterten Tenorstimme wurde, entschloß sich, Schuberts Winterreise eine Terz höher zu setzen und auf CD einzuspielen. Als Begründung, warum er jetzt erst, obwohl schon vorher von Freunden dazu gedrängt, sich an die Einspielung dieses Liederzyklus’ gewagt habe, ließ er in das Begleitheft drucken: „Zunächst fühlte ich mich wohl noch nicht reif dafür. Ich war der Auffassung, daß man in diesem Zyklus, der jenseits aller Wirklichkeit liegt, nur dann die richtigen „Töne“ finden kann, wenn man schon ein (sic) Blick „hinter das Leben“ getan hat.“ Aha.
Es kann sein, daß mein Gedächtnis mich täuscht, auch ich werde nicht jünger, aber handelt die Winterreise nicht von einem jungen Burschen, verliebt, vielleicht sogar zum ersten Mal verliebt, komponiert von einem Musiker, der bekanntlich auch nicht gerade ein Methusalem geworden ist? Und warum sollten diese Lieder dann von einem Greis gesungen werden? Was ist das überhaupt für ein lächerlicher Mythos, dem Joachim-Ernst Berendt ebenso wie Joachim Kaiser und überhaupt alle musikalischen Tiefschwätzer huldigen, vom Schwanengesang des genialen Musikers, der Töne von besonderer Süße, aber auch Bedeutungsschwere zu singen habe, wenn er schon halb einen Blick in das langweilige und öde Land der Toten getan hat, diese nekrophile Begeisterung für das Spätwerk, besonders aber für das allerletzte, auf dem Totenbett verfaßte Werk, als ob uns irgend ein Werk, geschaffen von einem noch Lebenden, Auskunft geben könnte über das Jenseits, woher diese Begeisterung für eindrucksvolle und geheimnissvolle letzte Worte, die einzigen Worte, die ein gewissenhaft arbeitender Künstler oder Philosoph nicht mehr Gelegenheit hat, zu revidieren und Korrektur zu lesen? Was jedenfalls die Winterreise betrifft, so meine ich, daß ein Mensch entweder mit zwanzig Jahren alles erlebt hat, was es zu diesem Thema aus eigener Anschauung zu erleben gibt, oder aber auch mit achtzig nicht wissen wird, wovon die Rede ist. „Der Reif hat einen weißen Schein/ mir über’s Haar gestreuet;/ da glaubt’ ich schon ein Greis zu sein/ und hab’ mich sehr gefreuet.// Doch bald ist er hinweggetaut,/ hab’ wieder schwarze Haare,/ daß mir’s vor meiner Jugend graut -/ wie weit noch bis zur Bahre!“, an dieser Stelle sollte unser Mann wohl besser singen: „Die Nacht hat einen schwarzen Schein/ mir über’s Haar gestreuet;/ da glaubt’ ich neu ein Bursch’ zu sein/ und hab’ mich sehr gefreuet.// Doch bald ist er hinweggetaut,/ hab’ wieder weiße Haare,/ daß mir’s vor meinem Alter graut -/ wie nah’ ist mir die Bahre!“
Und dann wird dieser Liederzyklus öffentlich aufgeführt, in der städtischen Liederhalle, und die Honoratioren der Stadt, das Abonnentenpublikum, lauter arrivierte und erfolgreiche und ehrenwerte und verheiratete und geschiedene und wiederverheiratete Leute versammeln sich und lauschen dem Greis auf der Bühne, der von den Schmerzen unerfüllter Liebe und drohendem Wahnsinn singt, von Scheitern, Ausbrechen aus der menschlichen Gemeinschaft und irre werden, und alle sind sie sehr gerührt und verkünden, eine so gelungene Aufführung, eine so reife und meisterliche Interpretation hätten sie schon lange nicht mehr gehört, und sie beglückwünschen sich gegenseitig zu ihrem guten Geschmack und dem herrlichen Kunstgenuß, und sie finden sich nach der Aufführung in Grüppchen zusammen, um sich zu bestätigen, wie schön der Sänger das „Was vermeid’ ich denn die Wege,/ wo die andern Wandrer gehn“ gesungen habe.
Das aberwitzigste aber ist, wenn „der Lindenbaum“ vom Trachtengesangsverein als ein deutsches Volkslied aufgeführt wird, so, als kennten wir weder den Verfasser des Textes, Wilhelm Müller, noch den Verfasser der Musik, Franz Schubert, so, als habe ein anonymer Verfasser seine Heimatverbundenheit in klingenden Worten ausdrücken wollen, derart etwa, daß ein Mensch Ruhe und Glück nur in dem Städtchen finden könne, wo der heimatliche Lindenbaum steht, während in Wahrheit das offensichtliche, kaum verhüllte Thema des vollkommen artifiziellen Liedes der Selbstmord ist. Dem selben Volk kommt es ja auch nicht in den Sinn, es könne sich bei dem Lied „Sah ein Knab ein Röslein stehn“ um die Beschreibung einer Vergewaltigung handeln.
25.6.2000
Der Beginn des folgenden Textes erschien mir im Traum, ich erwachte mitten im Traum und begann ihn niederzuschreiben, wobei ich die Geschichte weiterentwickelte, wie mein halb noch träumender Geist sie mir eingab, wobei sie für mich selbst überraschende Wendungen nahm. Für die naiveren unter meinen Lesern und Leserinnen möchte ich anmerken, daß Bob Dylan keineswegs das im Text zitierte Vermächtnis hinterlassen hat und daß überhaupt das folgende eine freie Erfindung ist, die nur selten Rücksicht nimmt auf die reale Geschichte der Rockmusik oder die Gepflogenheiten echter Rockmusiker.
In seiner letzten Verfügung hatte Bob Dylan festgelegt, nur der große Jimi Hendrix dürfe nach seinem Ableben sein Verstärkerkabel im berühmten Twickenham Studio ziehen. Nun war aber der große Jimi bereits mehrere Monate nicht mehr unter den Lebenden, als Bobby das Zeitliche segnete, so daß es leider nicht mehr möglich war, seinem letzten Willen zu willfahren. Also beschloß CBA, denen das Twickenham gehörte, Bobbys Stecker für immer in der Buchse zu lassen und ein goldenes Schild darüber anbringen zu lassen, wobei es vielleicht auch nur aus Messing war, was ich aber nicht glaube, denn damals soll CBA in Geld nur so geschwommen haben, weil sie die Musiker um ihren Lohn betrogen, was ein ziemlicher Skandal ist, finde ich, der aber nie richtig thematisiert wurde, weil alle Welt glaubt, den Rockstars ginge es so großartig und ihnen würde von den Plattenfirmen das Kokain vorne und hinten reingeblasen, und auf der Tafel stand „Das Verstärkerkabel von Bob Dylan“, und alle Welt machte Witze, daß das Twickenham jederzeit darauf vorbereitet sei, falls der Meister wieder einmal vorbeikommen und Lust auf eine kleine Session haben sollte, und jeder, der das Twickenham besuchte, mußte ins Studio B, wo das ominöse Kabel war, und die Gold- oder Messingplatte beschauen und „Uh!“ und „Oh!“ schreien vor Bewunderung und Adoration, bis jedermann der Sache herzlich überdrüssig war und eine neue Generation herangewachsen war, die weder den großen Bob noch den großen Jimi kannte und außerdem CBA das Twickenham komplett umbauen und im Zuge dieses Umbaus das Studio B komplett abreißen wollte, alldieweil es technisch seiner Zeit hoffnungslos hinterher war und irgendwie den Übergang von der analogen Steinzeit zur digitalen Neuzeit nicht so recht geschafft hatte, worin wir ein Sinnbild für irgendwas sehen können, falls wir wollen und unbedingt darauf bestehen. Den Stecker von Bob Dylan hätte natürlich jeder dahergelaufene Depp im Zuge der Umbauarbeiten ziehen können, aber in einem Anfall von Humor oder Nostalgie hatten die Bosse von CBA beschlossen, diese ehrenvolle oder auch pietätlose Aufgabe uns zu übertragen, vielleicht, weil wir alle einmal in einer Band mitgespielt hatten, die sich einst einmal darin versucht hatte, eine Coverversion von Voodoo Child einzuspielen, ein in musikalischer Hinsicht meiner bescheidenen Meinung nach ebenso mißglücktes wie unnötiges Unternehmen, das jedoch zum Glück auch nicht die geringste Beachtung fand und deshalb unsere Namen nicht endgültig zu entehren vermochte. Jedenfalls, um der Sache noch etwas mehr Pfiff zu verleihen, hatten wir beschlossen, zu dieser Aktion mit einer Frisur wie Jimi Hendrix zu erscheinen, zerlumpte, ungepflegte Klamotten, die meinetwegen als Hippiestil durchgehen mochten, trugen wir ohnehin schon. Die Dame am Empfang wollte uns deswegen beinahe nicht einlassen, ich meine, in das Gebäude, alles andere stand sowieso nicht zur Debatte, denn seit mindestens zehn Jahren erschienen Musiker zu Plattenaufnahmen nicht mit Jimi-Hendrix-Frisuren und bekifft, sondern nüchtern und mit Fönfrisuren, die die Herzen kleiner Mädchen höher schlagen ließen. Um der Sache noch etwas mehr Effekt zu verleihen, erschienen wir in Begleitung dreier Damen, also für jeden von uns eine. Die Damen, muß gesagt werden, waren käufliche Damen, denn andere Damen als solche verkehrten schon lange nicht mehr mit uns, außer vielleicht unseren trotz allem noch immer liebevoll um uns besorgten Müttern, die wir aber zu diesem Event nicht hatten mitnehmen wollen, weil sie uns dem Geist dieses Ereignisses nicht angemessen erschienen wären, sie uns auf die Nerven gegangen wären und sie überhaupt sowieso wahrscheinlich keine Zeit gehabt hätten und es außerdem einfach nicht cool ist, zur ultimativen Bob-Dylan-Memorial-Verstärker-Stecker-Ziehung in Begleitung der eigenen Mutter zu erscheinen, selbst wenn diese zu ihrer Zeit ein begeisterter oder gar fanatischer Fan von Hendrix oder gar sein Lieblingsgroupie gewesen sein mag. Zumindest waren jedenfalls die Huren keine thailändischen Zwangsprostituierten, was wir als irgendwie linke oder ganzheitliche Musiker auf das entschiedenste ablehnten, sondern entstammten „Rosaleen’s Haus der unsagbaren Wonnen“, das in Wahrheit nicht ganz so dämlich hieß, aber der wahre Namen will mir nicht mehr einfallen, und waren entsprechend teuer, aber seit wir einen neuen Vorschuß erhalten hatten, spielte Geld für uns die nächsten zwei Wochen keine Rolle mehr, außerdem hatten wir vor, die drei Damen auf unsere Spesenrechnung zu setzen, falls die Herren von CBA so unvorsichtig sein sollten, uns unsere Spesen zu ersetzen. Nun, jedenfalls, nachdem wir den Zerberus in der Eingangshalle überwunden und niedergeschwatzt, beziehungsweise wie Orpheus mit seiner Leier mit unseren süßen und eloquenten Stimmchen bezwungen hatten, machten wir uns auf den Weg und auf die Suche nach dem berühmten und mythischen Studio B. Ich war vor Jahren schon einmal im Twickenham gewesen, konnte mich aber an nichts mehr erinnern, zumal das Twickenham ein riesiger Gebäudekomplex ist und ich mich damals ständig an der Hand und am Gängelband meines Managers befunden hatte, damals, in den goldenen Tagen, als die Menschen sich noch darum rissen, mein Manager sein zu dürfen und ich keinen Schritt allein und unbewacht tun durfte, und infolgedessen hatte ich nicht die leiseste Ahnung, in welcher Himmelsrichtung ich das Studio B vermuten sollte, und meine zwei Kumpane und meine drei Kumpaninnen natürlich noch viel weniger. Eigentlich war es wohl irgendwie so vereinbart gewesen, daß irgend so ein Boß von CBA uns am Eingang erwarten und abholen sollte, aber aus irgend welchen inzwischen kaum noch zu rekonstruierenden Gründen kamen wir zwei Stunden zu früh oder zu spät an, ich glaube, zu früh, obwohl unser Ruf und unser Lebenswandel weit eher die umgekehrte Vermutung nahegelegt hätte, doch war unsere Unbeholfenheit und Schüchternheit noch größer als unsere Faulheit und Trägheit, so daß einer von uns den Zettel verlegte, auf dem die Uhrzeit verzeichnet gewesen wäre, zu der wir uns am Eingangsportal des Twickenham einzufunden gehabt hätten, und mit unserem geringen Witz konstruierten wir als die beste uns mögliche Vermutung über die wahre eine geschätzte Uhrzeit, die viel zu früh war, nämlich auf der vorderen Seite des Tages gelegen, während die CBA-Heinze, die uns und unseren Ruf ja auch kannten, in Wahrheit eine Uhrzeit in der zweiten Hälfte des Tages vereinbart hatten. So standen wir also recht planlos herum und beschlossen, als erstes einmal die nächstgelegene Toilette aufzusuchen, die wir dann auch alsbald fanden, um in unseren Körpern das Maß der darin befindlichen Drogen nicht unter ein kritisches, lebensbedrohliches Level sinken zu lassen. Sid genemigte sich erst einmal eine Nase voll Kokain, der Lieblingsdroge des Doktor Sigmund Freud, während wir beide schlichteren und proletarischeren Gemüter uns eine Tüte drehten, an der zu partizipieren wir auch den drei Damen anboten, was aber nur Betty annehmen wollte, die übrigens für meinen Geschmack von den dreien das hübscheste Gesicht hatte und eine French-Maid-Uniform aus schwarzem und weißem Latex trug, was sie, glaube ich, in ihrem Genre als Assistenz- oder Nebenfigur kennzeichnete, doch das war mir recht gleichgültig, und im Geist hatte ich unsere Beute bereits so verteilt, daß Betty mir zugesprochen war, rein hypothetisch natürlich, denn von Sex oder ähnlichen Gefälligkeiten war in unserer Vereinbarung nicht vorgesehen. Die drei Damen und überhaupt alle Mädchen in Rosaleen’s arbeiteten, soweit ich ahne, irgendwie als Dominas oder so, denn als gewöhnliche Prostituierte wären sie zu teuer und gegenüber den Thailänderinnen nicht konkurrenzfähig, jedenfalls war das Rosaleen’s mehr so ein Nobelschuppen für den gehobenen Anspruch und den dekadent-pervertierten Geschmack, der es etwas teurer und feiner wollte, und die Mädchen arbeiteten wohl auf einer genossenschaftlichen Basis zusammen, und es gab deshalb in Rosaleen’s auch keinen Luden oder so, aber vielleicht täusche ich mich da auch und gebe mich da naiven sozialromantischen Vorstellungen hin, weil ich mich in der Welt von Rosaleen’s einfach nicht auskenne, und kann sein, sie hatten dort Dutzende von Luden, und es gibt überhaupt kein Bordell ohne Zuhälter, der Laden war eigentlich das Etablissement von Sid, der sich dort vor Jahren regelmäßig hatte durchpeitschen lassen, was auf’s neue beweist, daß Sid eben ein Schnösel und ein Snob war, der sich für etwas besseres hielt und Kokain schnupfen mußte wie die reichen Leute oder die Musiker, die es geschafft haben, und sich auspeitschen lassen mußte wie die reichen Leute oder die Musiker, die es verdammt nochmal geschafft haben, während wir immer nur den Schwanz in die Mösen unserer Mädchen steckten, nachdem wir vorher uns und sie mit einem Gummi gegen Aids geschützt haben, denn es ist eine böse und finstere Welt, in der wir leben, und der Sommer der Liebe ist lange vorbei, und vielleicht bin ich deswegen nie ein ganz berühmter und ganz reicher Musiker geworden, weil ich im Grunde meines Herzens keine Lust habe, mich auspeitschen zu lassen, und mir das eher schmerzhaft vorstelle, und mich deswegen gar nicht richtig anstrenge, um so ein richtig reiches und richtig berühmtes Arschloch zu werden, das sich von richtig edlen Nutten den Po versohlen lassen darf, und deswegen habe ich an entscheidender Stelle immer irgend etwas gemacht, das an dieser entscheidenden Stelle das falsche war, wenn es darum ging, möglichst viele Anhänger und Fans zu sammeln und Idioten, die einem jede Scheibe mit musikalischer Rotze aus der Hand frassen, und hatte statt dem richtigen, das Reichtum und Ruhm bedeutete, das falsche getan, das bedeutete, ein ewiger Geheimtip zu sein, von einigen Mitmusikern geschätzt, einsam und ungeliebt, und von den Plattenbossen und den Roadmanagern und den Konzertveranstaltern und den Gitarrenverkäufern und den enttäuschten Fans und den Kritikern und den Schulfreunden und den wechselnden Bandmitgliedern und dem Sparkassenbeamten angewichst zu werden. Porky mußte sich natürlich mit seiner Tüte direkt unter den Rauchmelder stellen, aber ich glaube, in der Toilette sind die Rauchmelder grundsätzlich alle Attrapen, weil ja genug Leute dem Charme des Auf-dem-Klo-Rauchens nicht widerstehen können, und so lösten wir keinen Feueralarm aus und fühlten uns ein bißchen wie die Beatles, die auf dem Klo der Königin Gras geraucht haben, obwohl ja nun das Twickenham wahrhaft nicht mit dem Haus der Queen zu vergleichen ist und im Lauf des Bestehens des Twickenham in seinen Räumen bestimmt schon tonnenweise Drogen konsumiert worden sind, jedenfalls solange, bis CBA den Laden übernahm, und auch jetzt, schätze ich, darf Michael Jackson oder wer auch immer in diesen Hallen treiben, was er will, solange er dabei singt oder wenigstens rhythmisch auf und ab springt und die Platten mit der Magie seiner Persönlichkeit aus den Regalen der Läden in die Einkaufstüten der Kids zaubert. Wie auch immer, gestärkt an Seele und Geist setzten wir unseren Weg in die Ungewißheit fort und irrten, auf der Suche nach Studio B, stundenlang oder doch wenigstens eine halbe Stunde lang durch die langen Gänge des Hauses, wobei wir gelegentlich auf andere Angehörige der Spezies der redenden Menschen, wie Homer die Menschen gemeinhin nennt, trafen, ohne jedoch zu wagen, uns ihnen mit der Bitte um Auskunft zu nahen, inwiefern wir des Glücks der lokalitären Vereinigung mit Studio B teilhaftig werden könnten, insofern wir nämlich von dem Gefühl belastet wurden, unser Aufenthalt im Twickenham könne in irgend einer Art und Weise Züge des Unrechtmäßigen tragen, da wir ja doch eigentlich nur unter dem Vorbehalt die Erlaubnis zum Eintritt erhalten hatten, daß wir uns im Inneren des Twickenham allsogleich fest an die starke und beschützende Hand des CBA-Bosses anlehnten, der dort unserer harren sollte und nicht geharrt hatte, weil wir uns in der Zeit vertan hatten oder aber vielleicht auch, weil die CBA-Bosse es sich inzwischen anders überlegt hatten und auf uns verzichten zu können glaubten oder gar unsere in ihren Augen sicher ganz und gar nichtige Existenz vergessen hatten, wir nun aber anarchisch und unbeaufsichtigt auf eigene Faust diese heiligen Hallen durchstöberten. Wir hatten gerade die dritte Toilette aufgesucht, Sid war zum Wodka übergegangen gemäß der alten Regel aller Drogenmißbrauchender: Bier auf Kokain - das schmeckt fain, Porky kostete von seiner Spezialmischung aus Speed und Valium, ich selber genehmigte mir einen herzhaften Schluck Diesl, die drei Damen begannen sich zu langweilen und wurden deshalb allmählich keifend und zänkisch, der Vorschlag tauchte auf, zu versuchen, wenigstens den Eingang wieder zu finden und diesem Haus lebend zu entrinnen, ein Vorschlag, der, glaube ich, von Porky ausging, von Sid unterstützt wurde, von den Damen sowieso, auch von Betty, über die ich deshalb maßlos enttäuscht war und beinahe in Tränen ausbrechen wollte, der Vorschlag drohte, zusätzliche Mehrheiten zu gewinnen und weitere Kreise unserer Gemeinschaft zu infizieren, ich fühlte mich wie Kolumbus, Indien zum greifen nahe, doch die Mannschaft droht zu meutern, da riß ich beherzt das Heft des Diktators an mich und befahl allen, mir zu folgen, und tatsächlich war das Glück mir hold, nicht etwa insofern, als daß ich tatsächlich das Studio B gefunden hätte, ein solches Glück gleich zu Beginn meiner Regentschaft hätte ich auch gar nicht zu erhoffen gewagt, hold aber doch insofern, als wir auf einen Lageplan des Gebäudes stießen. Sandy, gekleidet übrigens in ein reizendes Korsett, das viel von ihrem wohl an sich nicht allzu üppigen, aber von dem Korsett oder ich meine eigentlich, von der Korsage auf raffinierte oder zumindest, wenn auch plumpe, so doch effektvolle Art und Weise nach oben und zusammengequetschten Busen sehen ließ, erwies sich als praktisch veranlagt und schlug vor, die Tafel mit dem Gebäudeplan einfach mitzunehmen. Einem so einleuchtenden und den Prinzipien des gesunden Menschenverstandes entsprechenden Vorschlag konnten wir nicht anders begegnen, als ihm zu willfahren, obwohl sich bei seiner Ausführung herausstellte, daß der Gebäudeplan nicht, wie ursprünglich gedacht, mehr oder weniger lose und und vage an der Wand befestigt war, sondern eine ziemlich intensive und innige Ehe mit der selben eingegangen war, eine Ehe, von der etliche häßliche, ja, geradezu unschön zu nennende Flecken an der Wand zurückblieben, da, wo unsere rohe Gewalt die Verankerung aus dem Putz gerissen hatte. Zwar betrübt über das Leid, das wir der unschuldigen Wand hatten zufügen müssen, ansonsten aber mit neuem Mut setzten wir unseren Weg fort. Es stellte sich heraus, daß der Gebäudeplan von nur begrenztem Nutzen war, denn der rote Punkt, mit den Worten „Sie befinden sich hier“, der uns anfangs noch so einleuchtend erschienen war, begann mit zunehmender Länge der Wanderung durch das Gebäude immer unsinniger zu werden, und das war auch nur allzu verständlich, denn die Erbauer und Erfinder der Tafel hatten sich die Sache ja offensichtlich so gedacht, daß die Tafel immer nur starr an einem festen Platz ruhen sollte, so daß die Worte „Sie befinden sich hier“ sich immer auf den gleichen Ort beziehen würden, nämlich eben den Ort, an dem wir die Tafel ursprünglich gefunden hatten. Je weiter wir aber uns, die Tafel und mit ihr den roten Punkt von diesem ersten Ort entfernten, um so weniger bezeichnete der rote Punkt tatsächlich den Ort, an dem wir uns befanden, da er, trotz seiner Beschriftung, nicht aufhörte, sich auf jenen Ort der Erstentdeckung zu beziehen. Er hätte, hätte die Bezeichnung ihre Gültigkeit behalten sollen, auf dem Plan in eben dem Maß herumwandern müssen, in dem wir in dem Gebäude herumwanderten, tatsächlich aber war offenkundig, daß der Punkt mit eben der Hartnäckigkeit an seinem alten Platz verharrte, mit der auch die Tafel ursprünglich an der Wand hatte beharren wollten, während wir selbst samt Tafel zügig ausschritten. Die Menschen übrigens, die uns begegneten, schienen uns für Bauarbeiter oder Inneninstallateure oder Dekorateure für ein Musikvideo oder sonst etwas zu halten, jedenfalls nahm niemand Anstoß daran, daß wir den Gebäudeplan der Öffentlichkeit entzogen und für unseren persönlichen Gebrauch reserviert hatten. So irrten wir eine Weile weiter, ich hatte es schon aufgegeben, zwischen unserer aktuellen Position und dem roten Punkt auf der Karte irgend eine sinnvolle Verbindung herstellen zu wollen und wollte soeben meinen Gefährten verkünden, daß ich trotz des Besitzes eines Gebäudeplanes des Twickenhams nun endgültig die Orientierung verloren habe und wir unser Projekt, das Studio B, und mit ihm all unsere Hoffnungen, heute noch ein Event zu erleben, begraben müßten, als wir an einer Tür ankamen, auf der in lesbaren Lettern „Studio B“ geschrieben fand. Wir traten ein und fanden niemand vor, und es herrschte allgemeine Einigkeit, diese glückliche Entdeckung müsse nun erst einmal mit einer weiteren Runde legaler und illegaler Drogen gewürdigt werden. Wir hielten uns damit aber nicht lange auf, sondern suchten neugierig und erwartungsvoll den berühmten Stecker, den wir auch bald in einer dunklen und unprominenten Ecke fanden. Sofort begann der alte Streit, ob das Schild mit Dylans Namen nun aus Gold oder aus Messing sei. Ich fand, daß es ziemlich nach Zahnarzt oder Rechtsanwalt aussah, und auch Sid, der Großkotz, hielt es für Messing, ebenso Sandy und Betty, die anderen aber beharrten darauf, das Schild sei aus purem Gold. Als Porky begriff, daß er beschuldigt wurde, naiv zu sein, weil er simples Messing für pures Gold hielt, wollte er sich auf plumpe und infantile Art und Weise rächen und verkündete, er werde jetzt hiermit feierlich den Stecker des großen Bob Dylan ziehen, und damit zog er den Stecker des Kabels aus der Buchse. Daraufhin fing Sid, dem der Konsum der vielen Drogen, insbesondere des Benzidrins, ein wenig den Geist verwirrt hatte, an, zu schreien und zu toben, da er sich um die Ehre betrogen sah, Herr Dylan den Stecker ziehen zu dürfen, wobei der Hauptinhalt seiner Ergüsse in der Ankündigung bestand, er werde Porky töten. Nun hat Sid sicherlich ein goldenes Herz und ist ein lieber Kerl, so daß ich im Grunde nicht glaube, daß er imstande wäre, einem Idioten wie Porky etwas anzutun, andererseits weiß man bei einem verrückten Drogenabhängigen wie Sid nie so recht, was das Arschloch alles tun wird, insbesondere, wenn es schon eine Ladung Glutamat intus hat und mehr oder weniger unberechenbar ist, so daß ich zwar einerseits hoffte, die Sache würde sich friedlich beilegen lassen, andererseits keinen Pfifferling mehr auf Porkys Leben gegeben hätte. Im allgemeinen gelte ich selbst als recht besonnen, und man sagt mir einen mäßigenden Einfluß auf meine Mitmenschen nach, etwa wenn der Leadgitarrist gerade wieder einmal versucht, den anderen Leadgitarristen auf offener Bühne umzubringen, obwohl andererseits meine Analytikerin meint, ich sei ein egozentrischer Kotzbrocken und typischer mittlerer Bruder, wobei sie einen etwas gewählteren Ausdruck als „egozentrischer Kotzbrocken“ benutzte, der aber vom Psychoanalytischen in die gewöhnliche Sprache zurückübersetzt das selbe bedeutet und ich außerdem der älteste von fünf Brüdern und zwei Schwestern bin, aber auf die Meinung meiner Analytikerin gebe ich sowieso nichts mehr, seit ich durch ihr Geständnis herausgefunden habe, daß sie in ihrer Freizeit die Musik von Tchaikowsky hört, der nicht nur eine schwule Tunte von einem Arschficker war, was mir eigentlich herzlich gleichgültig ist, da ich nicht der Papst bin und in diesem Leben wohl auch nur noch wenig Aussicht habe, jemals Papst zu werden, und ich mich nicht zum Richter über die sexuelle Orientierung anderer Leute mache, aber die schwule Sau hat halt auch noch schwule Tuntenmusik geschrieben, bei deren Anhörung mich meine Eier schmerzhaft zwicken, und wenn es meinetwegen in Ordnung geht, daß irgendwelche arschfickenden Tunten sich kastrierte Tuntenmusik anhören, so meine ich doch, daß es keinen Grund gibt, warum andere Leute sich so etwas anhören sollten, wobei ich an dieser Stelle vielleicht erwähnen sollte, daß mein musikalisches Urteil gefürchtet ist und die Strenge meiner Auswahlkriterien noch die von Theodor Wiesengrund Adorno persönlich übertrifft, denn wer glaubt, statt Tchaikowsky gefielen mir etwa Wagner oder Beethoven oder Bruckner oder andere perverse Krawallmacher, sieht sich getäuscht, tatsächlich ist es nämlich so, daß ich eigentlich überhaupt keine Musik mag, die in der Zeit zwischen Orlando di Lasso oder meinetwegen Monteverdi einerseits und Schönberg andererseits komponiert worden ist, so daß meine Analytikerin in meiner Achtung eigentlich auch dann nicht besonders steigen würde, wenn sie mir gestehen würde, daß sie mit besonderer Liebe und Leidenschaft in ihrer Freizeit der Musik des Oberarsches Wolfgang Gottlieb Mozart lausche, um aber auf den Ausgangspunkt dieses Satzes zurückzukommen, in dem mir angeborenen Streben nach Harmonie und dem Bedürfnis, die Beziehungen meiner Mitmenschen von Liebe und nicht von Haß regiert zu sehen, suchte ich nach einem Weg, wie ich Sid versöhnen und also Porkys Leben verschont werden lassen könne, und verfiel dabei auf folgenden Gedanken: Sid erklärte ich, selbstverständlich würden wir alle der Reihe nach den Stecker des großen Meisters ziehen, und damit er sich nicht verarscht vorkäme, steckte ich den Stecker zurück in die Buchse und erklärte, nun hiermit feierlich meinerseits den Stecker zu ziehen, was ich dann auch tat, dann steckte ich den Stecker wieder zurück und forderte Sid auf, es mir nachzutun, was er dann auch tat, sobald er die Sache begriffen hatte. Nun baten die Damen, ob auch sie der Ehre teilhaftig werden dürften, den Stecker zum Verstärkerkabel des großen Bob Dylan ziehen zu dürfen. Porky streubte sich ein wenig und schützte vor, CBA habe ausdrücklich uns und nur uns mit diesem Ehrenamte belehnt, ich aber wußte besser, wie mit Damen umzugehen ist, und unter viel Gelächter und naheliegenden obszönen Scherzen steckten wir noch dreimal den albernen Stecker in die Buchse und zogen ihn wieder heraus. Inzwischen hatte eine neue Idee sich des kranken Hirnes meines Gefährten Sid bemächtigt, und er schrie und tobte, er werde jetzt eine der Damen ficken oder auch deren alle drei, wobei er die Damen mit umgangssprachlichen Bezeichnungen ihres Berufes belegte. Wie nicht anders zu erwarten, stieß Porky sogleich in das gleiche Horn, und ich mußte ihnen ernsthafte Vorhaltungen machen, daß wir die Damen nicht für Sex bezahlt hätten, daß für eine solche Gunst sicher ein Aufpreis fällig sein würde, und daß wir dann eventuell nicht mehr genug Geld hätten, um wie vereinbart den Tag in Harry Finch’s Inn ausklingen zu lassen. „Scheiß auf Harry Finn’s Abzockerbude“ und „Wir wollen ficken“ waren die Antworten der Undankbaren und Unbesonnenen, und wer weiß, was geschehen wäre, wenn nicht in diesem Moment sich jemand mit einem Schlüssel an der Tür zu schaffen gemacht hätte. Ich kann nicht mehr genau rekonstruieren, wie wir auf die Idee verfielen, jedenfalls begannen wir alle uns eilig unter diversen Mischpulten und ähnlichem zu verstecken, wobei ich noch so viel Besonnenheit besaß, mein Versteck so zu wählen, daß ich neben Betty zu sitzen kam. Die betreffende Person, die sich an der Tür zu schaffen machte, erkannte schließlich, daß die Tür bereits offen gewesen war und jedes Hantieren mit dem Schlüssel folglich die Tür nicht offener machen konnte, als sie es bereits war, und daraufhin traten einige Herren und Damen ein, von denen ich nur ihre Leiblichkeit bis etwa zum Beginn des Bauchansatzes erkennen konnte, von unten gerechnet, da ich bemüht war, mich verborgen zu halten, jedenfalls konnte ich so viel erkennen, daß die Horde mit halbvollen, leeren und auch vollen Sektgläsern bewaffnet war und daß ihre Anführer anscheinend ein dicklicher und ein dünnlicher Herr waren, die ich im folgenden der Einfachheit halber mit Fettarsch und Schmalarsch bezeichnen möchte. Fettarsch, der von allen der Oberhäuptling zu sein schien, wankte in die Ecke, in der sich das ominöse Kabel befand, und entdeckte dort die Früchte unserer Arbeit, worauf er einen heftigen Schrei ausstieß und ähnlich reagierte, wie nur wenige Minuten zuvor Sid, indem er nämlich dem Entstöpsler des Kabels, also uns, Mord und Totschlag androhte, falls er uns zu fassen bekomme, was vorläufig noch nicht der Fall war, da wir uns weiterhin verborgen hielten, auch wenn nach circa zehn Sekunden des Sitzens im Verborgenen meine rechte Hand zu schmerzen begann, mein linker Fuß einschlief, der rechte Fuß aufgrund der unterbrochenen Blutzirkulation abzufaulen begann und meine linke Hand steif wurde und ich im übrigen von der Gegenwart Bettys nicht den geringsten Vorteil hatte, denn um sie ansehen zu können, hätte ich meinen Kopf um mindestens hundertachtzig Grad wenden müssen, eine Kunst, welche ich nicht beherrsche. Schmalarsch redete beschwichtigend auf den völlig enthemmten Fettarsch ein, und schließlich verfiel er wohl auf den selben Trick, auf den bereits ich verfallen war und der ja auch allzu naheliegend war, er stöpselte das Kabel einfach wieder ein und forderte seinen Herrn und Meister auf, nun zur feierlichen Entstöpselung zu schreiten. Diese ging anscheinend erfolgreich vonstatten, irgend jemand legte eine CD auf, wahrscheinlich von Bob Dylan, aber sicher bin ich mir nicht, denn ehrlich gesagt, habe ich mich nie für den Langweiler Bob Dylan interessiert und in meinem ganzen Leben noch keine einzige seiner Platte gehört, außer möglicherweise damals im Twickenham, und ich habe nicht vor, mir jemals eine Platte von ihm anzuhören, und seine Musik ist mir denkbar gleichgültig und unbekannt, und überhaupt kann ich diesen ganzen Liedermacher- und Poetenscheiß und diesen ganzen Quatsch mit akustischer versus elektrischer Gitarre nicht ausstehen, und Bob Dylan und alle seine Fans können mich meinetwegen möbiusförmig am Arsch lecken. Den anwesenden Herrenärschen und Damenärschen wurde Sekt nachgegossen, jemand machte einen Witz, den ich zwar nicht verstand, der aber unter den Unversteckten das herzlicheste Geächter auslöste, ich begann mir vorzustellen, wir müßten hier noch mehrere Stunden in unbequemen Stellungen versteckt verbringen, für welchen Fall ich befürchtete, daß mein Hirn wegen Langeweile und Unterbeschäftigung implodieren würde, danach würden wir womöglich eingesperrt und vergessen und zusammen mit dem Twickenham abgerissen. In diese düstere Kontemplation versunken, bemerkte ich, wie Betty, der wohl offenbar auch vor der drohenden Langeweile grauste, ihre zarte schlanke Hand in meine Hose schob und meinen Schwanz zu wichsen versuchte. Gewöhnlich ist dies eine Form der sexuellen Interaktion, gegen die ich wenig vorzubringen habe, wenn ich auch einen guten altmodischen Genital-zu-Genital-Fick vorziehen mag, in meiner jetzigen Stellung freilich fühlte ich mich so unbequem, daß der rechte Genuß sich nicht einstellen wollte, ja, ich war offenbar außerstande, eine ehr- und vorzeigbare Erektion zustande zu bringen, weshalb ich mir, um die Sache etwas zu vereinfachen und zu erleichtern, die Hose aufknöpfte und meinen Schwanz aus ihr ans Dämmer unseres Verstecks hervorholte. Das Schicksal oder der gnostische Demiurg Jeldabaoth wollten es, daß just in diesem Moment eine der sekttrinkenden Entstöpselungsbewunderungsgästinnen ihre aus einem feschen Minirock ragenden bestrumpfhosten schlanken schönen Beine parkte, just vor meiner Nase. Ich hatte also Bettys Hand an meinem Gemächt und die Beine der schönen Unbekannten vor Augen, lag mit verdrehten Gedärmen unter einem Mischpult, hatte bereits einige Substanzen intus, die gemäß dem Betäubungsmittelgesetz von rechtschaffenden Bürgern gemieden werden sollen, hatte gute Hoffnung, trotz der Unbequemlichkeit der Stellung zu einem angenehmen und erwünschten Ende zu kommen und machte mir bereits Gedanken, wie ich es vermeiden könnte, den Ausfluß meiner Lenden der Lady vor mir auf die bestrumpfhosten Schienbeine oder Kniee zu spritzen, als meinem Mund sich ein Stöhnen der Wollust entrang, woraufhin die Strumpfhosenträgerin mißtrauisch wurde, unter dem Mischpult nachschaute und beim Anblick eines bedröhnten, irrsinnig starrenden, ungepflegten Teilzeitmusikers, der sich sein Geld hauptsächlich mit Heavy Metal verdient und dessen Schwanz deutlich sichtbar nicht ordnungsgemäß in der Hose verwahrt war, in Begleitung eines wilden Mädchens in einer SM-Uniform, entschuldbarerweise zu schreien begann. Es wurde dadurch der Rest der Gesellschaft auf uns aufmerksam, ich knöpfte mir die Hose eilig zu, was mir in meiner Nervosität natürlich besonders unflüssig von der Hand gehen wollte, erhob mich, ging auf den Fettarsch zu und erklärte ihm, ich und meine Kumpels seien die von ihm bestellte Satanistenband, die gekommen sei, Dylans Verstärkerkabel aus der Buchse zu ziehen, wir hätten unsere Aufgabe bereits tadellos erfüllt und harrten nun unserer Belohung in Form von Scharen von Prinzessinnen und halben Königreichen, mindestens aber Geld und Gold. Ob ich meine Einführung in die Gesellschaft in eben diesen wohlgesetzen Worten vornahm oder in anderen, oder ob ich nur wirr und unverständlich lallte, weiß ich nicht mehr, jedenfalls gesellten meine Gefährten sich mir bei. Bei unserem Anblick schien Fettarsch an einen großen Schmerz erinnert worden zu sein, jedenfalls begann er aufs Neue heftig und unbeherrscht zu brüllen. Der Schmalarsch begann daraufhin mit Engelszungen auf ihn einzureden, ihn zu erinnern, eben das sei die Band, die man eben am Portal vergeblich sich bemüht habe abzuholen, weshalb man ja beschlossen habe, ohne Band anzufangen, und nun sei ja alles in bester Ordnung. Seinen Ausführungen konnte ich übrigens entnehmen, daß wir uns, was die eigentliche Entstöpselungszeremonie angeht, bisher in einem Mißverständnis befunden hatten: es war niemals vorgesehen gewesen, daß wir selbst die Entstöpselung vornehmen, wir sollten nur den schmückenden Rahmen für die Entstöpselungszeremonie bilden, deren eigentlicher Held von Anfang an Fettarsch hatte sein sollen, wiewohl er Jimi Hendrix aber auch gar kein bißchen ähnlich sah, doch vielleicht tue ich ihm unrecht, und vielleicht spielt er ja daheim bei seiner Frau und seinen Kindern, wenn er nicht mehr der fettärschige CBA-Boss ist, sondern einfach nur noch ein Privatmensch, die elektrische Gitarre wie ein junger Gott. Sei dem wie es sei, an sich hätte es von da an ein recht netter Nachmittag werden können, wenn Sid nicht in diesem Moment sich erbrochen hätte, und zwar zu einem nicht unbeträchtlichen Teil auf das Hemd von Fettarsch, zum Teil aber auch auf Kleidungsstücke anderer Anwesender, unter anderem etwa auch auf meine Lederhose, was aber nicht weiter tragisch war, insofern die Lederhose sich problemlos abwischen läßt, und Sid zusätzlich diese Übung noch dadurch gekrönt hätte, daß er unmittelbar nach dem Erbrechen oder auch noch mittendrin, wer weiß das schon so genau, kollabiert wäre, und zwar derart, daß seine Verbringung in ein Krankenhaus unumgänglich wurde, wollten wir übrigen uns nicht der unterlassenen Hilfeleistung schuldig machen. Insofern war die Stimmung etwas getrübt, und sie wurde für uns noch etwas getrübter, als Schmalarsch sich entschloß, die fünf, die von uns noch übrig geblieben waren, ebenfalls an die frische Luft zu setzen, mit höflichsten Worten und zwingendsten Ausreden, versteht sich, und der Portiersdame genaue Anweisungen zu geben, uns auf keinen Fall mehr einzulassen, und sollte außerhalb des Twickenham die Welt untergehen. Um unser Unglück zu vervollständigen, brach sich an dieser Stelle Danae, die am wenigstens schöne der drei Huren, den Absatz eines ihrer Schuhe, aber fragt mich nicht, ob am linken oder rechten Schuh, hätte Betty sich einen Absatz gebrochen, hätte ich es mir vielleicht gemerkt, so aber ist es mir nicht mehr erinnerlich. Wir verabschiedeten die Huren und entließen sie nach Hause in ihr Hurenhaus. Ein wenig trauerte ich ihnen nach, da ich nun womöglich Betty nie wiedersehen würde, was wohl eigentlich nicht schade war, da sie wohl nur ein dummes und oberflächliches Flittchen war, aber andererseits die einzige Frau, die innerhalb der letzten drei Tage imstande gewesen war, mein Begehren zu wecken, und vor drei Tagen war mein Begehren auch nur geweckt worden, weil im Fernsehen ein Film mit Winona Ryders Rehaugen kam. Ich fürchtete aber, und ich denke, ich fürchtete zu recht, daß ich nicht den Mut haben würde, Betty im Rosaleen’s aufzusuchen, insbesondere, da ich mir nicht recht sicher war, ob es möglich war, das Rosaleen’s aufzusuchen, ohne sich auspeitschen zu lassen, ein Vergnügen, zu dem ich weniger Lust verspürte als je zuvor, oder ob im Rosaleen’s auch gewöhnlicher Standardsex praktiziert werden konnte. Mit Porky verabredete ich, daß wir uns in etwa einer Stunde bei Harry’s treffen würden, sobald wir uns umgezogen und uns in unsere Freizeitkleidung gehüllt hätten. Einsam und allein schlenderte ich also in Richtung meiner Wohnung, und ich durchquerte gerade einen verlassenen Hinterhof, als mir eine Epiphanie zuteil wurde. Ich weiß nicht, wie viele von euch schon einmal eine Epiphanie erlebt haben, ich persönlich kenne keinen, der vor mir zugegeben hätte, daß er schon einmal unter Epiphanie gelitten hätte, und bei mir war es jedenfalls auch erst die erste, und das ganze Ding ist verdammt schwer zu beschreiben. Am Himmel waren ein paar Wolken rund um den Horizont und die Häuser verteilt, und mittendrin stand strahlend die Sonne der Epiphanie, aus der heraus es zu mir sprach. Das verfluchte Ding war irgendwie in gewisser Weise der christliche Gott meiner Kindheit, also so Vater und Sohn und heiliger Geist, andererseits war es aber auch Buddha und Vishnu und Shiva und Krishna und der heilige Laut Om und alles mögliche andere, und außerdem waren in diesem Vieh auch noch alle Musiker, die mir etwas bedeuteten, also es sprachen gleichzeitig Ella Fitzgerald und Hugh Hopper zu mir, falls das einer versteht, Robert Wyatt und der Bursche, der das Carmina Burana geschrieben hat, ich meine jetzt nicht diesen Quadratarsch Carl Orff, der war Gott sei Dank nicht in der Epiphanie mit drin, sondern den mittelalterlichen Typen, beziehungsweise alle hundertfünfzig oder wieviel Typen, die diese ganzen Lieder geschrieben haben, und Ornette Coleman und John Coltrane waren gleichzeitig da und waren eine einzige Person, was ein bißchen verwirrend war, weil sie ja beide Saxophonspieler waren und dadurch, daß sie nun eine Person waren, so schwer auseinander zu halten waren, falls das für irgend jemanden Sinn gibt, falls nicht, tut es mir leid, besser kann ich es nicht beschreiben, und Ligeti war da gleichzeitig mit einem Aborigine-Musiker, von dem mir der Name nicht mehr einfiel, also, ein Haufen Leute war da versammelt, und diese Leute waren gleichzeitig Gott und die Sonne, und das ganze Gebilde sprach zu mir irgend etwas sehr profundes und eindrucksvolles, so etwa in dem Stil „das ist mein lieber Sohn, an dem ich Gefallen gefunden habe“, nun nicht gerade diese Worte, aber irgend etwas anderes, das ebenso beeindruckend klingt, auch wenn nicht so recht klar ist, was damit gemeint ist, jedenfalls ging aus dem ganzen klar hervor, daß irgendwie alles in Ordnung ist. Später dachte ich ein bißchen darüber nach, als alles vorbei war, und mir schien, daß das nicht so recht stimmen kann, schließlich ist ja auf der Welt keineswegs alles in Ordnung, in Afghanistan müssen die Frauen einen Tschador tragen und in jedem zweiten afrikanischen Land gibt es einen Bürgerkrieg und in Jugoslawien und Kambodscha und Vietnam und wer weiß wo sonst noch liegen Minen herum, und der nächste Präsident der Vereinigten Staaten wird bestimmt wieder so ein beschissener bigotter Republikaner, und überall in der Welt basteln sie an Atombomben, also kann nicht unbedingt die Rede davon sein, daß wirklich alles in Ordnung ist, finde ich, und als ich nach Hause ging und über das Erlebte nachdachte, fand ich, daß es da zwei Möglichkeiten gab, entweder ich war vorhin ein bißchen ausgeschnappt, was nach meinem Drogenkonsum heute nicht so ganz auszuschließen gewesen wäre, oder aber Gott war da irgendwie ein Fehler unterlaufen, er war da irgendwie nicht so ganz auf dem neuesten Stand, wenn er mir erzählte, daß alles in Ordnung sei. Es kam mir ziemlich merkwürdig vor, daß er sich solche Mühe macht mit Pauken und Trompeten, um mir etwas zu verkünden, von dem jeder Depp und jedes Kind weiß, daß es nicht stimmt. Daheim zog ich mich um und ging zu Harry’s, dort hielt ich es aber nur so rund eine halbe Stune lang aus, dann ging mir das ganze Geschwätz dort und die Dudelmusik, die sie da spielen, furchtbar auf die Nerven, dann ging ich wieder nach Hause und dachte unterwegs weiter über die Epiphanie nach, ich weiß noch, daß ich dachte, daß Ligeti eigentlich kein origineller Komponist ist, sondern immer nur bei anderen abkupfert, und daß der Aboriginemusiker irgendwie ein Klischee ist, weil heutzutage alle Welt Aboriginemusik gut findet und unbedingt Didgeridoo spielen lernen will, und was ich von einer Epiphanie halten soll, die sich aus Klischees zusammensetzt, aber dann fiel mir wieder die Sonne ein, die in der Epiphanie gewesen war, und ich wußte nicht recht, was ich davon halten sollte, und ob ich vom vielen Kiffen wirklich schon ganz blöde geworden sei. Daheim stand ich dann vor dem Regal mit den Schallplatten und wußte nicht recht, was ich mir jetzt anhören sollte, weil ich fand, daß keine Musik der Sache würdig sein konnte, die ich erlebt hatte, ich dachte zum Beispiel an Coltranes Love Supreme oder an die h-moll Messe oder an Raja Chatrapati Singh oder den Affengesang auf Bali, ich erwog auch, zur Beruhigung meiner Nerven ein bißchen Satie zu hören, aber das alles schien mir ein ziemlich erbärmlicher menschlicher Scheiß zu sein verglichen mit dem, was ich gesehen und gehört hatte, dann setzte ich mich an mein Klavier und klimperte ein bißchen darauf herum, aber die Epiphanie hatte mich anscheinend weder in einen besseren Menschen noch in einen besseren Musiker verwandelt, denn das ziellose Geklimpere blieb einfach bloß zielloses Geklimpere, und schließlich stand ich wieder auf und verließ das Haus und ging im Park spazieren. Im Park habe ich erneut über alles mögliche nachgedacht, ich kann mich aber an kein Ergebnis mehr erinnern. Ich hatte ein bißchen Angst, daß ich nun nie wieder Musik würde hören können, denn das einzige Musikstück, daß mir der Epiphanie würdig und angemessen erschien, war John Cages stilles Stück, und ich hatte ein wenig Angst, ich würde nie wieder Musik spielen können. Als ich wieder daheim war, rief ich Sandra an und fragte sie, ob sie meine Frau werden wolle, denn ich war in diesem Moment ziemlich verwirrt und hatte nur noch Blödsinn im Kopf. Sandra lehnte mein Angebot ab und hielt alles zunächst für einen Scherz, dann merkte sie, daß ich irgendwie ein wenig der Welt abhanden gekommen und entrückt war, wollte aber das Gespräch nicht fortsetzen, bis ich mich beruhigt hätte. Ich beschloß, blind in meine Plattensammlung zu greifen und mir das Stück anzuhören, daß meine willkürliche Hand wählen würde. Ich hatte Glück, fand ich, heraus kam eine CD mit jugoslawischer Blasmusik, die ich schon lange wieder einmal hatte hören wollen. Ich hörte ein paar Takte der CD, als ich spürte, daß irgend etwas sich ankündigte, dann drückte ich auf den Pausenknopf, und dann kam noch einmal so etwas wie eine kleine oder eine halbe Epiphanie: ich sah ein Musikstück, daß die Form der ersten Epiphanie hatte: da war in der Mitte eine Sonne, drumherum Himmel, einige Wolken, ein Kreis von alten Häusern, hauptsächlich aber bestand das ganze aus Sonne und Wolken. Ich beeilte mich, das Ganze aufzuschreiben, ich brauchte nur Notenpapier und einen Stift, ich denke, ich habe nichts davon am Klavier ausprobiert, wie es klingen würde, was ich sonst immer tue. Das Stück bestand hauptsächlich aus verminderten und übermäßigen Dreiklängen, die verminderten etwas in der Überzahl, in der Regel in der Grundstellung. Einen Moment erwog ich, Vierteltöne zu verwenden, um einen Akkord verwenden zu können, der die Quint in zwei gleich große Teile teilt, entschied mich aber dagegen, denn die Vision war rein in den zwölf Tönen des üblichen Notensystems gewesen. Die Akkorde waren hauptsächlich in Klustern angeordnet, die einen Rhythmus nur andeuteten, im zweiten Teil des Stückes wurde der Rhythmus deutlicher, und es gab sogar etwas wie eine Melodie, das waren die Wolken, die die Sonne des ersten Teils umgaben, und im dritten Teil steuerte alles auf eine mich selbst überraschende Schlußkadenz zu. Gegen Mitternacht war das Stück fertig, das eine Gesamtdauer von vielleicht sechs Minuten haben würde, würde es aufgeführt. Es ließ mich ziemlich ratlos zurück: es war ohne Zweifel das Beste, was ich seit Jahren komponiert hatte, aber es genügte nicht, um eine CD damit zu füllen, meine Mitmusiker würden das Stück, bekämen sie es zu hören, als atonalen Scheiß bezeichnen, in Donaueschingen konnte ich es auch nicht aufführen lassen, denn dort kannte ich niemanden, und niemand kannte dort mich, und niemand würde bereit sein, ein atonales sechsminütiges Klavierwerk eines bislang nur in Heavy-Metal-Kreisen als Außenseiter bekannten Musikers aufzuführen, ich stellte fest, daß ich niemand kannte, von dem ich glaubte, daß ihm das Stück gefallen würde. Ich erwog, mich zu betrinken und den nächsten Tag abzuwarten, dann ging ich lieber mit einem Streichquartett von Wolfgang Rihm zu Bett. Als ich am nächsten Morgen aufwachte, kochte ich mir zuerst ein Ei und toastete ein wenig Brot. Dann begann ich, mir mein eigenes Stück auf dem Klavier vorzuspielen. Zu meiner grenzenlosen Verblüffung und Verwunderung, zu meiner Verärgerung und meinem Verdruß mußte ich feststellen, daß mir das Stück ganz und gar nicht gefiel, ja, daß ich es geradezu Kopfweherzeugend fand, es war geradezu scheußlich und enthielt auch nicht eine einzige in anderem Kontext verwertbare Idee, es war darüber hinaus langweilig und einfallslos, neigte zu Wiederholungen, und war strukturell dürftig, und ich mußte auch feststellen, daß seine komplizierten und subtilen Rhythmen nahezu unspielbar waren und eher holprig und unbeholfen klangen, so, als habe der Aufführende Mühe, immer rechtzeitig die richtigen Tasten zu finden, abgesehen davon, daß ich nun fand, daß die Clusterbildungein ein wenig klischeehaft und nach Avantgardemusik aus den fünfziger Jahren klang. Nachdem ich etwas getrunken und ein Pfeifchen geraucht hatte, gab ich dem Stück noch einmal eine zweite Chance, nun aber klang es in meinen Ohren beinahe noch grauenerregender und pestilenzischer als beim ersten Mal. Ich schwankte, ob ich mich erschießen oder die Laufbahn eines Büroangestellten einschlagen sollte. Um mich ein wenig zu entspannen, hörte ich mir den Anfang eines Livealbums der Exploited an und kotzte dann ein wenig in die Kloschüssel. Herr, Herr, warum hast du mich verlassen, dachte ich. Für einen Moment erwog ich sogar kurz, doch mal im Rosaleen’s vorbeizuschauen und mich dort ordentlich auspeitschen zu lassen. Dann rief Porky an und teilte mir mit, er wolle aus der Band aussteigen, was mir nur recht war, denn in meinen Augen war Porky der einzige Drummer auf der Welt, der noch dümmer und unbegabter als Moe Tucker und Ringo Starr zusammen war. Ich verwarf die Idee mit Rosaleen’s und kehrte zu meinem Bett zurück (Return to the Bedroom, ein Stück von Soft Machine, das Flann O’Brien zitiert). Dort erwartete mich eine dritte Epiphanie, der Herrgott erschien mir inmitten seiner Gloriole und seinen Heerscharen von Engeln und sagte mit lauter und deutlicher Stimme zu mir „Du bist ein Arschloch“. An dieser Stelle kam mir die Idee, daß mir von Seiten Gottes Gewalt geschehe, denn schließlich und endlich hatte ich um diese Epiphanien nicht gebeten, sondern sie wurden mir gewaltsam aufgedrängt, und tatverschärfend kam noch hinzu, daß ich mir vielleicht noch Epiphanien hätte gefallen lassen, die mir in höflichen Worten mitgeteilt hätten, an dem und dem Ort sei ein Goldschatz versteckt und erwarte meiner sehnsüchtig, ich solle ihn mir unter den Nagel reißen und mein restliches Leben frei von finanziellen Sorgen fristen und mich nur noch mit solcher Musik beschäftigen, die mir selbst gefällt, doch die drei Epiphanien, die mir bisher zuteil geworden waren, hatten aus einer offensichtlich irrigen Behauptung, einem äußerst schlechten Musikstück und einer Beleidigung bestanden. Ich beschloß, falls Gott sich ein viertes Mal bei mir blicken lassen sollte, ihm ordentlich meine Meinung zu geigen, aber der Kerl schien etwas zu ahnen, und zumindest innerhalb der nächsten Viertelstunde schien er nicht die Eingeweide zu haben, mich erneut zu behelligen, weshalb ich das Bett, das mir von ihm verleidet worden war, wieder verließ und eine Scheibe von Agnostic Front auflegte, deren Musik ich zwar eher langweilig finde, deren Name aber, wie ich fand, einen hübschen Kontrapunkt zu meiner Situation abgaben.
26+27.6.2000
Versuch, Wagner zu parodieren
labernder Aff’, alberner Larv’,
du trügest mich noch,
wünikliche Main.
Mit steinernem Stuß, stabendem Fuß,
hah! Toyota!
Dem adjektiv Subjekt adjektiv Objekt,
tatätest du gar,
Wunsch-Wicht, du Bram!
Mit leftzenden Lappen, blutig Gericht
dadim dadim trögest du mich.
Du trägest wohl was,
was mir mein minnig Mummel macht
Weia! Au Backe.
Zuviel des adjektivs Salat.
Kurzfassung (einige Jahre vor dem 29.6.2000):
lachende Lust, stabender Stuß
29.6.2000
Die folgende kleine Perversion, die in den „120 Tagen von Sodom“ des Herrn de Sade fehlt, was beweist, daß selbst dieses enzyklopädische Werk unvollständig ist, fiel mir ein, als ich ein Regal voller Stoffkühen betrachtete, wobei ich mich beeilen möchte hinzuzufügen, daß die Besitzerin dieser Stoffkühe in der folgenden Episode nicht auftaucht.
...Sobald wir in ihrer Wohnung waren, zog sie mich an sich, umarmte mich, küßte mich und sprach: „Könntest du mir einen Riesengefallen tun? Ich habe nämlich eine Lieblingsphantasie, in der ich mir vorstelle, ich wäre eine Kuh und würde von einem Stallburschen gefickt, aber leider haben nicht alle Männer Sinn für so etwas. Hättest du Lust auf sowas, oder findest du diese Vorstellung ganz abartig?“ Und da ich damals noch jung und neugierig war, antwortete ich irgend etwas in der Art von „warum nicht?“. Daraufhin ging sie zu ihrem Kleiderschrank und holte die Kostüme, die sie dort lagerte. Zuerst wurde ich umgezogen: über meine normale Kleidung zog ich eine weite blaue Lazuhose an, die mir etwas zu kurz war und deshalb an den Waden etwas lächerlich aussah, dann zog ich aber zusätzlich auch noch riesige schwarze Gummistiefel an und einen Strohhut. Dann sollte ich mich auf das Bett setzen und zuschauen, wie sie sich „in eine Kuh verwandelte“, wie sie sich ausdrückte. Sie zog sich erst ganz vor mir aus, wobei sie sich bemühte, die Sache ein wenig lasziv und für mich reizvoll zu gestalten, wobei ich sehen konnte, daß sie am ganzen Körper, einschließlich der Schambehaarung, rasiert war. Dann zog sie ihr Kuhkostüm an, eine Art schwarz-weiß-gefleckter Strampelanzug, der ihren Kopf, Hände und Füße freiließ und in den außerdem zwei Löcher geschnitten waren, die ihre rundliche Brust und ihre Scham unbedeckt ließen. Aus einer Schachtel mit Schmuckstücken holte sie einen an einer Stelle durchbrochenen großen Ring, den sie sich als Nasenring in die Nasenlöcherklemmte, dann setzte sie sich einen Haarreif mit zwei Kuhhörnern auf, schließlich band sie ein Band mit einer Kuhglocke um ihren Hals. Sie holte noch zwei Kondome aus ihrem Nachttisch und sagte zu mir „bitte benutzen“, was ich ihr ohne weiteres versprechen konnte, da ich ebenfalls keine Lust hatte, wegen einer Zufallsbekanntschaft jahrelangem Siechtum zu verfallen. Sie holte noch einen Blecheimer und begann mir meine Rolle zu erklären: „Du bist jetzt ein Stallbursche, und ich bin deine Kuh Lisa. Ich stehe jetzt gleich angeleint im Stall, und du wirst anfangen, mich zu melken, das heißt, du stellt den Eimer unter meine Brüste und fängst an, so zu tun, als würdest du mich melken. Dabei ist es wichtig, daß du möglichst oft das Wort „Euter“ sagst und meine Brüste immer nur als Euter bezeichnest, also so Sachen sagst wie zum Beispiel „Herrgottsakrament, was hat die Kuh für Rieseneuter“, du darfst dich bloß nicht genieren, total abartige Sachen zu sagen, solange du nur immer von „Kuh“ und „Euter“ sprichst, also ständig die Worte „Kuheuter“ und „Rieseneuter“ sagen. Dann, wenn du fertig bist mit melken, das darf ruhig eine Weile gehen, solange, bis du keine Lust mehr dazu hast, stellst du den Eimer weg und fängst an laut zu überlegen, daß du wahnsinnig spitzt bist, daß dich aber von den Mägden keine ranläßt und daß du jetzt unbedingt deinen Samen verspritzen mußt, und dann ziehst du dir die Tüte über und fickst mich von hinten, und wenn du Lust hast, kannst du dann noch so Sachen sagen wie „Sakrament Lisa, was hast du für eine triefende Kuhfotze“, oder was dir halt gerade einfällt und wozu du Lust hast, während dem Vögeln kannst du aber auch gar nichts sagen oder auch etwas anderes, wenn du willst, auch irgendwas, das nichts mit Kühen zu tun hat, wobei du mir den größten Gefallen tust, wenn du möglichst oft darauf anspielst, daß ich eine Kuh bin. Fühlst du dich der Sache gewachsen? Ansonsten können wir auch ganz normalen Sex haben, wenn du absolut überhaupt keine Lust auf sowas hast.“ Da aber nun ihre Vorbereitungen so weit gediehen waren und ich sie nicht enttäuschen wollte und ich außerdem, wie gesagt, damals noch jung und neugierig war, erklärte ich, ich sei zu allen Schandtaten bereit und würde mich freuen, sie als ihr Stallbursche besteigen zu dürfen. „Eines habe ich noch vergessen“, ergänzte sie, „die Hose mußt du zum ficken natürlich runterlassen, aber wenn es geht und dir nichts ausmacht, dann ziehst du die Hose nicht ganz aus, sondern nur runter, und die Gummistiefel läßt du auch an, wenn es dir nicht zu unbequem ist.“ Daraufhin befestigte sie an ihrem Nasenring eine Art Hundeleine, die sie wiederum, nachdem sie auf die Knie gegangen war, am Bettgestell befestigte, dann ließ sie sich auf alle Viere nieder und streckte mir ihren hübschen, schwarz-weiß gefleckten Hintern und ihren nackten, haarlosen, klaffenden Schoß entgegen. Ich nahm den Eimer in die Hand, ging auf sie zu, kauerte ihr zur Seite hin und sagte: „Nun Lisa, dann wollen wir dich mal wieder melken, dein Euter ist bestimmt schon ganz voll vor lauter Milch. Tatsächlich, mein Gott, hast du heute wieder pralle Euter...“
Bleibt noch nachzutragen, daß wir inzwischen geheiratet und ein Zimmer in unserer Wohnung als Stall eingerichtet haben und sie sich, sobald sie von der Arbeit nachhause kommt, gewöhnlich als erstes als Kuh umzieht und so den ganzen Abend bleibt, auch wenn wir essen oder fernsehen, und ich sie, wenn wir zu zweit sind, stets Lisa nenne. Inzwischen bin ich kein einfacher Stallbursche mehr, sondern habe den Hof geerbt und bin ihr Bauer, und „Bauer“ ist auch der Titel, mit dem sie mich anspricht, wenn wir zu zweit sind. Vorgestern hat sie mich gefragt, ob ich ihr mein Brandzeichen auf einem Schenkel einbrennen möchte, und ganz besonders freut sie sich darauf, wenn sie nach der Geburt unseres ersten Kindes tatsächlich Milch geben wird.
2.7.2000
Der Sand läßt sich ohne Mühe mit dem Fuß nach rechts und links schieben, aber nicht nach unten.
Warum fahren eigentlich alle Verrückten in der selben Straßenbahn wie ich? Bin ich verrückt?
3.7.2000
Fast fünfzehn Jahre nach meinem ersten Derwent-Farbkasten („Artist“) habe ich mir heute meinen zweiten Kasten mit Derwent-Stiften gekauft („Studio“). Ich habe mich so an das Universum der 36 Derwent-Farben des 36er-Kastens gewöhnt, daß ich mich an kein anderes System bequemen mag. Die Farben von Faber-Castell etwa, an sich ebenfalls eine ehrbare Firma, sind mir zu gelb oder zu rot oder ich-weiß-nicht-was. Die Farben aus dem Borrowdale-Tal gibt es seit mehr als 350 Jahren, so daß Hoffnung besteht, daß ich für den Rest meines Lebens mit keinen anderen Farben mehr werde malen müssen.
4.7.2000
Es wäre möglich, daß es eine größere Zahl Frauen gibt, die es manchmal ganz angenehm fänden, sich in der Öffentlichkeit in ein weites Gewand zu hüllen und sich um das eigene Aussehen einmal keine Sorgen machen zu müssen und nicht ständig sich den Blicken der Mitmenschen ausgesetzt zu fühlen. Aber eine angenehme Vorstellung ist das nur unter der Voraussetzung der Freiwilligkeit: dazu gezwungen zu sein, wäre eine schmerzhafte Einschränkung. Wenn aber in einer liberalen Gesellschaft sich jede so kleiden kann, wie sie will, dann kommt es, scheint mir, unvermeidlich zu einer Art Wettrüsten, da wir alle um Aufmerksamkeit und Anerkennung konkurrieren (nicht nur um Aufmerksamkeit von potentiellen Geschlechtspartnern, sondern mindestens ebenso sehr um die Anerkennung von Angehörigen des eigenen Geschlechts). Vor einiger Zeit begannen junge Mädchen, die das Glück oder die Disziplin oder die Jugend hatten, perfekte flache Bäuche zu besitzen, diese in bauchfreier Kleidung vorzuführen, und sie taten das so lange und mit so einschlagendem Erfolg, bis ihre Art der Kleidung mindestens in ihrer Altersgruppe zwingende Mode wurde und andere Mädchen mit weniger perfekt flachen Bäuchen sich genötigt sahen, sich ebenfalls bauchfrei zu präsentieren. Keine Frau ist so vollkommen wie die Inszenierungen der Werbung, nicht einmal die Frauen, die für diese Inszenierungen Modell standen, und die Mode zwingt alle Frauen, die sich ihr unterwerfen, genau den Grad ihrer Verfehlung dieses unerreichbaren Vorbildes an Vollkommenheit zu offenbaren. Oder umgekehrt, eine Frau mag zwar von bewundernswerter Schönheit sein, hat aber vielleicht heute gerade keine Lust, daß ihr Leib wegen dieser Schönheit bewundert wird, weil sie gerade in einer Stimmung ist, daß sie das ganze Menschengeschlecht haßt und niemandem durch ihren Anblick eine Freude bereiten möchte. Vermeiden ließe sich dieser Terror der Schönheit aber nur, soweit ich sehe, wenn wir mit Gewalt die Schönheit überhaupt aus unserer Welt verbannen wollten. Oder aber, wenn wir in einer fernen Utopie dahin gelangen könnten, die Verschiedenheit der Menschen, ihrer Ansichten und auch ihrer täglichen Stimmungen nicht als ärgerliche Verfehlung, sondern als eine Bereicherung und als eine erfreuliche Vielfalt zu betrachten und zum einen ohne den Tadel sozialer Verachtung und Ausgrenzung es zuließen, daß Menschen sich entgegen aller Mode kleiden, ob dies auf einen Tschador oder ein Tank Top hinausläuft, und zum anderen, wenn wir uns weigerten, fürderhin gerade die Frauen für die schönsten zu halten, die am allerdurchschnittlichsten und uninteressantesten aussehen.
12.7.2000
„Die Inszenierung war recht gut, von den Regieeinfällen abgesehen.“ (beliebig oft verwendbar)
Wenn ein Feuilleton mit den Worten „Es ist kein Zufall, daß...“ beginnt, dann ist die Wahrscheinlichkeit, daß es sich bei dem geschilderten Vorgang sehr wohl und trotzdem um einen reinen Zufall handelt, irgendwo in der Größenordnung von (1-10-17). Warum können diese elenden Artikel nicht mit den Worten beginnen „Es ist ein völlig bedeutungsloses Zusammentreffen ohne tieferen Sinn, daß...“? Warum gibt es keine feinfühlige Gottheit, die mit ihrem Blitz dazwischen fährt, wenn so ein Schreiberling Sätze schreibt wie „Es ist kein Zufall, daß gleichzeitig das menschliche Genom entziffert, in Deutschland über die Einführung der Homo-Ehe nachgedacht wird und in China ein Sack Reis umfällt“? Was soll das sein, die symbolische Offenbarung des Weltgeistes?
Der Einfall, „Ein Überlebender aus Warschau“ als dritten Akt des „Moses und Aaron“ aufzuführen, ist menschlich verständlich und künstlerisch unmöglich.
Als diese Frau Diana Spencer oder Diana Windsor oder Diana Wales oder Diana Harrods oder wie auch immer sie hieß, verstarb, hieß es von ihr, sie sei eine außerordentlich schöne Frau gewesen. Mir schien sie immer eine von anfang an ältliche Frau, eine unangenehm aufgetakelte Friseuse, übrigens mit entsetzlicher Frisur, die schief und albern in die Welt starrte. Von ihrem Mann Karl hat meines Wissens niemand gewagt zu behaupten, er sei schön, aber bei Männern scheint das ja wohl auch aus irgend welchen Gründen nicht so wichtig zu sein, zumindest ist diese Ansicht oft zu hören. Außerdem zeichnete und zeichnet sich Herr Charles durch einen reaktionären Architekturgeschmack aus, und er gilt als ein Ökoheiliger, weil die Industrialisierung ihn um seine Moorhuhnjagd fürchten läßt, oder was immer diese vornehmen Herren so jagen, wenn sie, was ja im Übermaß der Fall sein soll, freie Zeit haben. Jüngst hat der konstitutionell gezügelte Gewaltherrscher über Wales öffentlich verkündigen lassen, er werde seine Gespielin, diese Dame, die weniger wie ein Rottweiler als vielmehr wie ein Requisit aus der Nacht der reitenden Leichen aussieht, nun doch nicht heiraten, aus Rücksicht auf seine und ihre Kinder und um das Andenken seiner Verstorbenen nicht zu schänden. Er drückte sich etwas vornehmer aus als ich, aber ich bin ja auch im Gegensatz zu ihm nicht adlich, meine Ausdrucksweise vermag sich nur wenig über das Niveau von: Schwanz in Möse ja, Finger in Ring nein; zu erheben, zumindest wüßte ich nichts davon, daß ich adlich wäre, obwohl wir ja, wie Platon bemerkt hat, alle irgendwie verwandt sind, wenn wir nur ein paar tausend oder millionen Jahre zurückschauen wollen (oh weh, das ist jetzt aber ein arger Schnitzer gewesen: Platon hat nie behauptet, wir seien alle verwandt: er hat nur behauptet, wir alle hätten eine Ahnenreihe, die tausende und millionen Jahre in die Vergangenheit zurück reicht; hoffentlich bemerkt keine Leserin mein Versehen). Die Verstorbene wiederum hat sich dadurch ausgezeichnet, daß sie so etwas wie eine Heilige oder ein guter Mensch war, jedenfalls fand sie Landminen schlecht und ist im gleichen Jahr gestorben wie Mutter Theresa. Wenn wir gerade davon sprechen: was sind das eigentlich für Leute, die diese Landminen entwickeln? Ich meine, diese Dinger schrauben sich ja nicht von selbst zusammen, sondern es müssen sich irgendwann einmal Ingenieure, Mediziner, Physiker und Mathematiker zusammengesetzt haben, um zu überlegen, daß eine Mine, die ihr Opfer schwer verstümmelt, dem Gegner größeren Schaden zufügt als eine, die ihr Opfer tötet, und wie diese Vorgabe am geschicktesten umzusetzen ist. Muß ich mir das etwa so vorstellen, daß da einer vielleicht mit mir zusammen studiert hat, vielleicht einmal sogar neben mir im Hörsaal saß und jetzt in einer Rüstungsfirma arbeitet und abends nach Hause zu seiner Frau kommt und sagt „Schatzi, heute hat das Arbeiten wieder so richtig Spaß gemacht, ich habe endlich herausgefunden, wie viele Zentimeter über dem Boden unsere Mine explodieren muß, damit die Wahrscheinlichkeit, daß das Target blind wird, maximiert wird.“, und sie antwortet ihm „Wie schön, Liebling, daß du so gut vorangekommen bist.“?
20.7.2000
Eitles, unnützes Geschwätz. Wie leicht ist es, Bonmots zu produzieren vom Schlage etwa eines „Sie kleben sich Ein-Herz-für-Kinder-Aufkleber auf ihre Autos, die sie benutzen, um aus Erdöl gewonnenes Benzin in Kohlendioxid zu verwandeln, und empören sich über die Steuern, die ihre gewählte Regierung beschlossen hat.“, und wie wenig Erkenntnis steckt in solcher Empörung. Wie leicht ist es, jemanden, der Minen entwirft oder herstellt, nicht zu verstehen.
Ich erinnere mich, wie ich in einer kalten Winternacht auf einer Styroporplatte stand (um keine erfrorenen Füße zu bekommen) und zusammen mit einigen anderen vor dem US army headquarter wachte und mahnte, gegen den Golfkrieg (von dem sich später herausstellen sollte, daß er, verglichen mit dem Krieg der westlichen Staaten gegen Jugoslawien, geradezu ein Muster an völkerrechtlicher Korrektheit abgab). Ein junger amerikanischer Soldat kam vorbei und wollte mit uns diskutieren und geriet dabei an eine Gruppe von, ich glaube, zwei Mädchen und einem Jungen, die aber wollten gar nicht diskutieren, weil sie ja schon wußten, daß sie recht hatten und der andere unrecht, statt dessen schwankten sie zwischen Beschimpfung und Lächerlichmachung, und in diesem Moment hatte ich das außerordentlich peinliche Gefühl, hier in einen Haufen intoleranter und ahnungsloser Dummschwätzer geraten zu sein, die nur aus einem schieren Zufall heraus eine moralisch legitime Position, und wahrscheinlich auch noch aus den falschen Gründen, vertraten.
Das Gefühl, im Recht zu sein, ist ein sehr angenehmes, das sich so recht aber doch nur entfalten kann, wenn wir in einer vorbehaltlosen Diskussion beweisen, daß wir selbst in einer vorbehaltlosen Diskussion recht behalten. Und noch viel angenehmer ist es, etwas Neues und Unbekanntes zu lernen, und dieses Gefühl kann sich erst recht nur einstellen, wenn wir bereit sind, uns vorbehaltlos und ohne Furcht, etwas zu lernen, in eine Diskussion werfen.
Ich will daher für mein eitles und unnützes Geschwätz mit einer Apologie der Landminen büßen.
Apologie der Landminen
Wir halten den Krieg für ein Übel, und deshalb sollten wir darauf sinnen, wie dieses Übel möglichst eingedämmt werden kann. Der tunlichste Ansatz wäre wohl, eine Weltregierung zu installieren, die Kriege unmöglich machte, oder jedenfalls einen umfassenden Staatenbund zu schaffen, der hinreichend mit Autorität ausgestattet wäre, daß er Kriege verhinderte. Einen solchen Bund aber gibt es zur Zeit nicht, und ihn zu errichten, ist noch ein langer und schwieriger Weg. Bis dahin wird ein Land um so eher Gefahr laufen, das Übel des Krieges zu erleiden, je weniger es sich auf den Krieg vorbereitet. Es wird aber auch um so eher Gefahr laufen, das Übel des Krieges zu erleiden, je weniger schrecklich es den Krieg macht. Die atomaren Waffen mögen als die schrecklichsten Instrumente gelten, die der menschliche Geist je entworfen hat, doch haben sie zugleich überall dort, wo sie beiden Seiten zur Verfügung standen, das Führen von Kriegen unmöglich gemacht. Nach der Efindung der Atomwaffen hat es in Europa Kriege erst wieder gegeben, als es Staaten gab, die keiner der Atommächte mehr verbunden waren und selbst keine Atomwaffen besaßen. Durch die Abschaffung der schrecklichsten Waffen wird das Schreckliche also keineswegs gebannt, sondern überhaupt erst ermöglicht.
Es wird beklagt, Landminen seien Waffen, die mit wenig Aufwand und Kosten herzustellen und zu verbreiten seien, dafür aber einen enormen Schaden anrichteten. Eben dies aber bewirkt in Wahrheit, daß Landminen viel wohltätigere Waffen sind, als eine Waffe, die kostspielig herzustellen wäre und die nur geringen Schaden anrichtete. Denn von einer solchen Waffe würde hemmungslos Gebrauch gemacht, sie stünde aber zugleich nur wenigen Ländern zur Verfügung, nämlich eben den Ländern, die sich diese Waffe leisten können. Landminen aber sind so einfach herzustellen, daß jede Nation über so viele Landminen verfügen kann, wie es ihr gut dünkt.
Damit aber wird es für ein Land ungeheuer erschwert, über ein anderes Land herzufallen, denn dieses andere Land besitzt ja ein wirksames Gegenmittel. Die Wirkung der Minenfelder besteht eben darin, die Bewegung einzuschränken, damit aber auch, den Krieg selbst einzuschränken. Der Überfall eines anderen Landes ist unbedingt mit militärischer Bewegung verbunden, die aber wird durch Minenfelder gerade eingeschränkt. Nur mit Minen kann kein Land überfallen werden, es kann aber nur mit Minen der Einfall in ein Land ungeheuer erschwert werden. Mit geringem Aufwand für den Verteidiger wird der Aufwand für den Angreifer schnell sehr groß: Minen machen die Verteidigung billiger, den Angriff teurer.
Es ist wahr, daß die Opfer der Minen nicht selten Zivilisten sind, und es ist ebenso wahr, daß Landminen schreckliche Waffen sind. Aber all dies ist notwendig, um Angriffe weniger lohnend zu machen. Früher war es möglich, ein fremdes Land zu überfallen und zu annektieren und dadurch den eigenen Boden und die eigene Bevölkerung, damit die eigene Macht zu vergrößern. Wer dagegen heute ein Land annektiert, das sich gegen die Annektion wehrt, etwa auch durch den Einsatz von Minen, der erobert für gewöhnlich ein wüstes und elendes Land, das mehr Verlust als Gewinn beschert. Die Zahl der Territorialkriege zwischen zwei Nationen geht denn auch ständig zurück, wenn auch bedauerlicherweise gleichzeitig die Zahl der Bürgerkriege steigt.
Es ist offensichtlich, daß trotzdem Kriege geführt werden, das Landminen verwendet werden und daß das Schreckliche geschieht. Solange es aber keinen Weltbund gibt, dessen Befugnisse die Souveränität der Staaten bricht, solange ist nicht zu verhindern, daß das Schreckliche gelegentlich geschieht. Wir können jedem Land aufzeigen: wenn du dich in einen Krieg oder einen Bürgerkrieg verwickelst, so hast du nichts zu gewinnen, im Gegenteil, du wirst zu den Ärmsten der Armen gehören und in der Entwicklung hinter den anderen Ländern zurückbleiben. Wie aber die Regierungen oder die Bevölkerung eines Landes sich entscheidet, für den Wohlstand oder das Elend, das kann niemand Außenstehendes bestimmen. Wir können den Preis für Krieg so hoch wie möglich machen, etwa durch die Erfindung von Minen, wir können aber nicht verhindern, daß sich einzelne Nationen finden, die trotzdem bereit sind, den Preis zu zahlen. Es ist auch nicht wahr, daß die entwickelteren Nationen absichtlich die ärmeren Länder in Kriege und Unglück stürzten, um sich an ihrem Unglück zu bereichern, vielmehr ist das Gegenteil richtig. Eben die Länder, die auf Kriege verzichten, profitieren am meisten von westlicher Hilfe, haben Handel mit westlichen Ländern und erlernen westliche Technologien, die ihnen ein Leben im Wohlstand eröffnen, oder glaubt jemand im Ernst, die westlichen Regierungen und ihre Geheimdienste, so viel Unfug sie auch treiben mögen, hätten sich absichtlich verschworen, um Somalia ins Unglück zu stürzen und Thailand zu Wohlstand zu verhelfen?
24.7.2000
If ship one fails, skip to ship two to ship to Sid.
Wenn die Schilder knapp werden, die vor ozonbedingtem Kreislaufkollaps warnen, so sprechen wir von Ozonsmogtodlogonot (gefunden zusammen mit Marc Behrens in einer Analysis II- oder III-Vorlesung).
25.7.2000
Die folgende Geschichte hat keinerlei autobiographischen Bezug, wenn wir von dem überaus banalen Umstand absieht, daß weder ich noch meine Eltern jemals einen Wackeldackel besessen haben und auch in der folgenden Geschichte ein Wackeldackel niemals auch nur mit einer Silbe erwähnt wird.
Ich schwebte in meinem kleinen privaten Spacelab hoch über der Abendmittagssonne und bürstete meine Teekessel mit Zahncreme und hörte Radio mit vermischten Erdnachrichten. Ich tauchte in kristallene Tiefen in einem mehrjährigen Festival. Ich kam wieder zu mir, als die Preise für Melonenzitronen oder Zitronenmelonen auf einem Tiefstand angelangt waren. Dann fügte ich einen Absatz ein.
Ich betrachtete den Berg von getragenen Kleidungsstücken auf meinem Stuhl und schloß, daß es abend oder nacht geworden sein müsse und ich wohl auf dem Rand meines Bettes sitzen müsse oder säße. Unter den getragenen Kleidungsstücken waren die Socken, die ich vor Jahr und Tag selbst gestrickt hatte, aus zweierlei verschiedener melierter Wolle, in Streifen („Ringeln“) angeordnet. Ich verband die Betrachtung dieser Socken mir Reflexionen über die Sterblichkeit: so, wie die Socken aus zweierlei Arten von melierter Wolle gefertigt waren, so war auch ich aus zweierlei Arten von Stoffen gefertigt, nämlich Staub und Lehm, und Staub und Lehm würde ich dereinst wieder werden. Als nächstes betrachtete ich die Hose: es war eine Hose mit Knöpfen statt Reißverschluß, und auch das verband ich mit einer Betrachtung über meine eigene Sterblichkeit, die genaue Assoziation ist mir jedoch entfallen. Dann fiel mir auf, daß Schlüpfer und Büstenhalter die gleiche Farbe besaßen, und das erinnerte mich daran, daß auch mein Geist und mein Körper die gleiche Farbe besaßen, denn der eine war nicht weniger sterblich als der andere.
Ich saß in meinem privaten Spacelab und umrundete einen fetten Planeten und kochte zwei Frühstückseier, eines für mich und eines für den, der den Mut haben würde, sich an meiner Tafel einzufinden. Das Erdradio verkündete Heil und Unheil in bunter Folge, unterbrochen von eingängiger Musik.
Am Vormittag war ich ein Diktator, der die mongolische Steppe bereiste und am Graswachstum mancherlei auszusetzen hatte. Ich köpfte einige Disteln und ließ mich ermattet zu Boden sinken. Mein treuer Sekretär fächelte mir Kühlung zu, mein treuer Gaul weissagte mir die Zukunft. Meine Konkubinen erlustigten sich, indem sie Blumen pflückten und zu Kränzen wanden.
In meinem prvaten Spacelab schlug die Turmuhr Mittag, und ich beschloß, die Gestalt zu wechseln. Ich verwandelte mich in ein Seehundbaby und erlernte allerhand Künststücke mit dem Ball. Nachmittags ging ich unter Menschen, denn das Spacelab enthielt eine eigene kleine Versuchsfußgängerzone.
In der Fußgängerzone war gerade Sommer, und die mir entgegenkommenden Frauen zeigten mir ihre wippenden Brüste, während die Frauen, die in die gleiche Richtung liefen wie ich, nur Zeit hatten, mir ihre Gesäßrundungen, soweit sie unter ihren Hosen und Röcken sichtbar waren, vorzuführen. Dann tagträumte ich ein wenig, ich sei eine Primaballerina geworden. Dann schlief ich ein und träumte, ich sei ein Greis und ein Kind.
Inzwischen hatte das Spacelab die Runde um den fetten Planeten vollendet, und wieder schwebte ich über der Abendmittagsonne. Da kam der Ritter und verlangte sein Frühstücksei. Er zog mich auf das Bett, riß mir die Kleider vom Leib und und stieß mir sein glühendes Verlangen in mein feuchtes tauiges Geschlecht. Erschöpft schliefen wir ein. Ich tauchte in kristallklare Fluten, und wieder war ich jemand anders.
Im Traum fand ich als Forscher auf einem fremden Planeten ein Plüschtier, das Außerirdische als Angriffswaffe konstruiert hatten und das begann, mich zu attakieren, wobei es so tat, als wolle es mit mir spielen. Es besaß die Hartnäckigkeit von Traumobjekten, bis ich es zur weiteren Untersuchung in einen Glasquader steckte. Am nächsten Morgen bedauerte ich, daß der inzwischen verschwundene Ritter seinen Helm nicht abgenommen hatte, so daß ich sein Gesicht nicht wiedererkennen würde. Später stellte ich einige Blumen in eine Vase, die ich während eines Spazierganges gepflückt hatte.
Die Grammatik kroch aus den Büchern und lief aus. Die Grammatik kroch aus den Büchern und lief aus und machte eine Riesensauerei. Sie lief aus und machte eine Riesensauerei, die ich dann wieder wegwischen mußte. Die Pflichten des Haushalts sind mir unbequem und lästig. Ich verbringe oft Wochen in meiner Hängematte. Machmal vergesse ich sogar, Zeitung zu lesen, in dieser Zeit beginnen dann internationale Kriege. Hinter meinem Rücken werden internationale Kriege begonnen, wenn ich einmal nicht achtgebe und die Staatsmänner sich sicher glauben. Als nächstes bin ich dann selbst einer dieser Staatsmänner, gleichzeitig höre ich jedoch nicht auf, eine jener Hausfrauen zu sein, die die ausgelaufene Grammatik aufwischen.
Das Spacelab erreicht die fünfte Tageszeit. Die Hähne werden von den Nachtwachen abgelöst. Die Gänse des Kapitols werden geschlachtet. Die Uhren werden um eine Stunde zurückgestellt. Ich fühle mich wahrhaftig nicht als Dichter. Meine Seele liegt irgendwo zuunterst im Nachttisch. Bernsteinketten sind meist groß und protzig, weil ein großes Stück Bernstein teurer ist als zwei kleine. Ich verlasse das Spacelab durch den Notausgang und erreiche den fetten Planeten, der Erde heißt.
Hier unten auf der Erde sitze ich an meinem Computer und drücke erst die Shift- und die H-Taste, dann die I-Taste, dann die E-Taste, dann die R-Taste, dann die Space-Taste, dann die U-Taste, dann die N-Taste, dann die T-Taste, dann ein zweites Mal die E-Taste, dann ein zweites Mal die N-Taste, dann ein zweites Mal die Space-Taste, dann die A-Taste, dann ein zweites Mal die U-Taste, dann die F-Taste, dann ein drittes Mal die Space-Taste, dann die D-Taste, dann ein drittes Mal die E-Taste, dann ein zweites Mal die R-Taste, dann ein viertes Mal die Space-Taste, dann ein zweites Mal die Shift-Taste, aber diesmal gleichzitig mit der E-Taste, dann ein drittes Mal die R-Taste...
17.8.2000
Soll ich jetzt auch noch eine Meinung zu diesem überflüssigen Streit über die Orthografie haben? Ginge es nach mir, würde die Orthographie ohnehin ersatzlos abgeschafft. Falls Verlage und Zeitschriften ihren Lesern die Lektüre erleichtern möchten, können sie sich meinetwegen in einem Kompromiß auf einen freiwilligen Industriestandard einigen, warum ein solcher Standard an der Schule gelehrt werden sollte, vermag ich nicht recht zu sehen. Und manche Verlage, die sich diesem Standard nicht anschließen wollen, erfinden eben ihre eigene Hausorthographie.
Wenn denn schon eine Orthographie sein muß (von deren Notwendigkeit ich, wie gesagt, keineswegs überzeugt bin), dann kann ich nicht recht einsehen, warum wir ausgerechnet die dämliche alte Orthografie für das Masz aller Dinge halten sollten.
Wenn wir uns fragen, ob die alte Ortogravie hauptsächlich für die Leser oder hauptsächlich für die Schreiber gemacht wurde, ist die Antwort ganz klar: die alte Ortogravieh wurde hauptsächlich zur Bequemlichkeit der Setzer erfunden. Weder ging es darum, daß die Schüler die Regeln besonders einfach erlernen können, noch darum, daß die Leser den Inhalt eines Textes besonders mühelos aufnehmen können, sondern vor allem darum, daß die Setzer besonders mühelos setzen können. Nur so läßt sich ja beispielsweise die groteske Regelung zu den Trippelkonsonanten erklären.
Dazu muß die geneigte Leserin zunächst einmal erfahren, was eine Ligatur ist. Gewöhnlich entspricht eine Bleiletter im Satz einem einzelnen Buchstaben. Es gibt jedoch einige besonders häufig vorkommende Buchstabenpaare, bei denen es aus optisch-ästhetischen Gründen wünschenswert ist, sie etwas enger aneinander zu rücken. Solche Doppelbuchstaben heißen Ligaturen. Eine typische Ligatur ist etwa das „ff“, das in aller Regel etwas dichter zusammen geschrieben wird als ein „f“+„f“. Eine andere typische Ligatur ist „fl“. Nun ergibt sich beim Wort „Schifffahrt“ mit den Ligaturen ein kleines Problem, nämlich: wie soll das „fff“ in Ligaturen aufgelöst werden? Sowohl „ff“+„f“ als auch „f“+„ff“ als auch „f“+„f“+„f“ sieht nämlich bei der Verwendung von Ligaturen scheußlich aus. Die Lösung der Setzer: das dritte „f“ wird gestrichen, und es wird eine einzige „ff“-Ligatur verwendet. Bei „Sauerstoffflasche“ gibt es nun ein umgekehrtes Problem: hier zerfällt nämlich das „fffl“ auf natürliche Art und Weise in die beiden Ligaturen „ff“ und „fl“. Würde hier das dritte „f“ gestrichen, dann ist unklar, ob das „ffl“ als „ff“+„l“ oder als „f“+„fl“ (oder als „f“+„f“+„l“) geschrieben werden soll, was alles sehr unschön aussieht. Deshalb wird „Sauerstoffflasche“ mit drei „f“ geschrieben.
Nun erwähnt die alte Orthography den Begriff „Ligatur“ an keiner Stelle. Statt dessen wird so getan, als würde zur Unterscheidung von Trippel- und Doppelschreibung ein rein syntaktisches Merkmal den Ausschlag geben. Die betreffende Regel lautet daher „Folgt auf ein Trippelkonsonant ein Konsonant, wird der Trippelkonsonant ausgeschrieben, folgt dagegen ein Vokal, wird der Trippelkonsonant zu einem Doppelkonsonant verkürzt“. Und diese Regel ist nun gleich mehrfach schwachsinnig. Zum einen geht sie vollkommen an dem ursprünglichen Problem vorbei. Im Fall von „Schifffahrt“ und „Sauerstoffflasche“ stimmt die Regel mit den satztechnischen Notwendigkeiten überein, diese Übereinstimmung ist aber eine ganz zufällige, und in anderen Fällen hat das (an sich ganz sinnlose) syntaktische Kriterium mit dem ursprünglichen Ligaturenproblem nichts zu tun oder liefert sogar die falsche Lösung (etwa bei einem „fffi“: gemäß Regel ist das dritte f zu streichen, obwohl die „fi“-Ligatur zum satztechnischen Standard gehöhrt, Beispiel: „Kunststofffigur“). Unsinnig ist diese Regelung aber auch, weil stets nur eine winzige Minderheit mit Ligaturen zu tun hatte und das Problem inzwischen sowieso obsolet geworden ist. Mit Ligaturen nicht zu tun haben alle, die von Hand schreiben, logischerweise. Ebenfalls nichts mit Ligaturen zu tun haben alle, die mit einer Schreibmaschine schreiben, denn auch auf einer Schreibmaschine gibt es keine Ligaturen. Ebenfalls nichts damit zu tun haben alle, die ein billiges Textverarbeitungsprogramm benutzen, denn ein billiges Textverarbeitungsprogramm kennt natürlich auch keine Ligaturen. Das Problem betrifft aber auch die nicht, die ein hochwertiges Textverarbeitungsprogramm benutzen, denn in einem hochwertigen Textverarbeitungsprogramm lassen sich beliebig viele Ligaturen definieren, beispielsweise auch eine „fff“-Ligatur, falls ein entsprechender Bedarf besteht. Das Problem betrifft aber auch nicht mehr die Burschen, die von Hand Bleiletter in eine Matrix setzen, diese Burschen sind nämlich mittlerweilen durch den technischen Fortschritt ausgestorben.
Es mag nun den ein oder anderen geben, der behauptet, ein ausgeschriebener Trippelkonosnant sähe häßlich aus. Das ist eine vertretbare Meinung, ich aber behaupte gerade das Gegenteil: ein Trippelkonsonant sieht ausgesprochen niedlich und erfreulich aus, und je mehr von den Dingern wir haben, um so besser.
Warum wurde nach alter Regelung „Wes“-„pe“, aber „We“-„ste“ getrennt? Die Leserin mag es bereits ahnen: weil die Setzer in ihrem Setzkasten eine „st“-Ligatur vorrätig hielten. Durch ein paar Bürokraten eines demokratisch nicht legitimierten Staates, gestützt von einem kommerziellen Unternehmen, dem Duden-Verlag, wurde diese Regelung den Schreibenden aufgezwungen, und das Beherrschen solcher Albernheiten galt als Ausweis von Bildung und als Zugangsvoraussetzung zu gut verdienenden Berufen. Eine demokratisch legitimierte Regierung möchte diesen Schwachsinn durch eine ohne Zweifel natürlichere Trennung (nämlich „Wes“-„te“) ersetzen, und diese Reform wird als obrigkeitsstaatlicher Eingriff denunziert.
Ein Möchtegerndichter namens Kunze beklagt, das Wort „wiedersehen“ würde aus der deutschen Sprache gestrichen, da es nun künftig „wieder sehen“ heißen müsse. Womit Herr Kunze bewiesen hat, daß er kein Dichter ist. Dichtung, Herr Kunze, ist nicht, wie sie wohl meinen, die Druckerschwärze auf dem Papier, die sie den Leuten verkaufen, sondern Dichtung ist das gesprochene Wort, und dem gesprochenen Wort ist die Otokrafi vollkommen gleichgültig (was ja auch der Grund ist, weshalb dieser ganze Streit so vollkommen unwichtig und belanglos ist). Noch einmal für alle geistig Armen, die anscheinend an den einfachsten Unterscheidungen scheitern: Sprache ist das, was mit dem Mund gemacht und mit den Ohren rezipiert wird, und Schrift ist das, was mit der Hand gmacht und mit den Augen rezipiert wird. Schreiben hat etwas mit Schrift zu tun, und Rechtschreibung hat etwas mit Schreiben zu tun. Mit der Sprache hat all das nur sehr mittelbar etwas zu tun: Schrift ist nämlich ein Code, der Sprache der Fixierung zugänglich machen soll, deshalb wird Sprache in Schrift codiert und kann beim Vorlesen wieder in Sprache übersetzt werden. Diese Codierung ist aber beliebig, solange sie halbwegs eindeutig ist. Sie sollte vor allem nach pragmatischen Gesichtspunkten vorgenommen werden, hat aber, wenn sie korrekt vorgenommen wird (wenn nach Codieren und Decodieren wieder die selbe Sprache herauskommt, die hineingesteckt wurde) keinerlei Auswirkungen auf die Sprache selbst. Und deshalb ist die Rechtschreibung ein Thema, daß die Dichter in keiner Weise betrifft. Deshalb können durch Getrenntschreibung der Sprache auch keine Wörter verloren gehen. Die Verwirrung des Herrn Kunze kommt nur dadurch zustande, daß auf der Ebene der Schrift zwischen einfachen Wörtern und zusammengesetzen Wörtern unterschieden wird, aber hier handelt es sich um eine syntaktische Unterscheidung, der auf der Ebene der Sprache und ihren Begriffen nichts entspricht. „Wiedersehen“ ist in jedem Fall ein Begriff mit vier Silben, ob er nun im Schriftbild als ein oder als zwei Worte auftaucht, so daß kein Dichter sich hierüber irgend welche Sorgen zu machen braucht. Im übrigen könnte Herr Kunze sich ja auch darüber erregen, die alte Orthographi habe der deutschen Sprache zwar das schöne Wort „geradebiegen“ belassen, das ebenso schöne Wort „krumm biegen“ dagegen in zwei Hälften zerschlagen.
Gelegentlich wird der neuen Schreibung vorgewiesen, sie verwische (insbesondere bei der Getrenntschreibung, aber auch bei der Großschreibung) semantische Unterschiede. Auch hier wieder gilt: ein guter Text sollte stets so geschrieben sein, daß sein Sinn auch beim lauten lesen klar ist. Ist er so geschrieben, daß sein Sinn sich erst anhand des Schriftbildes enträtseln läßt, dann ist es ein stilistisch schlechter Text, ein Text, der wahrscheinlich besser geschrieben werden kann. Aber ich will zugeben, daß eine geschickte Schreibweise das Erfassen des korrekten Sinnes erleichtern kann. Herr Ulrich Greiner etwa hat im Namen der Zeitschrift DIE ZEIT sich die Freiheit genommen, eine Hausorthographie zu erarbeiten, die weitgehend die neuen Regeln übernimmt, dort aber von ihnen abweicht, wo syntaktische Unterscheidungen helfen können, semantische Unterscheidungen zu erleichtern. Es steht jedem Bürger frei, sich entweder dieser Orthographie anzuschließen, oder aber sich seine eigene Orthographie zu basteln. Die Herren Grass oder Kunze dagegen haben offenbar nicht den Mut, anders zu schreiben, als es ihnen die amtliche Orthographie vorschreibt, und mit ihnen mindestens die Hälfte des deutschen Schriftstellerverbandes, und weil sie allesamt so obrigkeitshörige und duckmäuserische Trottel sind, müssen sie sich jetzt so ereifern, weil sie glauben, ihnen würde etwas weggenommen, wovon sie glauben, sie beherrschten es (was natürlich nicht der Fall ist). Wären sie mutiger, dann würden sie so schreiben, wie es ihnen beliebt, und darauf vertrauen, daß, wenn ihre Texte wirklich etwas taugen, daß dann die Menschen sich trotzdem die Mühe machen werden, diese Texte zu lesen, und vielleicht sogar, daß ihre Texte eine Vorbildfunktion bekommen werden für andere Schreibende, das ihr lebendiges Beispiel das Schreiben der Menschen prägen wird. Statt dessen sind sie so ängstlich, daß sie Resolutionen abgeben, in denen sie energisch fordern, der Staat möge es doch bitteschön unterlassen, jemals irgend welchen aus dem Kaiserreich geerbten Schrott ändern, abschaffen oder verbessern zu wollen (und am Ende glauben diese albernen Gesellen auch noch, schon Göte habe so geschrieben, wie Kaiser Wilhelm wollte).
Wir sollten unterscheiden zwischen solchen Texten, die von vielen gelesen werden, also Bücher und Zeitschriften, und solchen Texten, die nur von wenigen oder einem gelesen werden, also Briefen, Emails oder Aktennotizen. Bei ersteren kann es sich lohnen, eine einheitliche Schreibweise mit Erleichterungen für den Leser einzuführen, also etwa eine durchgängige Großschreibung nach sinnvollen Regeln (wobei die alte Regelung „Angst haben und angst machen“ oder „Auto fahren und radfahren“ in meinen Augen nicht sinnvoll ist und das Lesen nicht erleichtert). Diese Texte werden gewöhnlich von einem Lektor betreut, es reicht also völlig aus, wenn Lektoren in Orthographie ausgebildet werden, Schüler mit einer solchen Spezialkenntnis zu behelligen ist vollkommen sinnlos. Was aber Texte angeht, die nur von wenigen oder nur von einem Menschen gelesen werden, so ist bei diesen Texten vor allem darauf zu achten, daß das Schreiben optimiert wird. Für Emails etwa bietet sich eine konsequente Kleinschreibung an, da eine Email ja auch kleingeschrieben noch ohne weiteres verständlich ist, die Großschreibung aber schlichtweg Zeit kostet (durch das ständige unnötige und fehleranfällige Bedienen der Umschalt-Taste).
Mein Vorschlag lautet daher: die FAZ soll nach den alten Regeln schreiben, damit jeder Leser sofort sieht, was für ein altertümliches Blatt das ist, DIE ZEIT soll nach den Regeln von Ulrich Greiner schreiben, Jan Thor wird diese Webseite gemäß den Original-Jan-Thor-Regeln schreiben (die aus einer Mischung bestehen aus alten Regeln, die ich aus Gewohnheit verwende, neuen Regeln, die ich aus Überzeugung verwende, alten Regeln, die ich falsch verwende, weil ich es nicht besser weiß und nicht besser gelernt habe, und selbstgemachten Regeln, von denen ich glaube, daß sie das Erfassen des Sinnes erleichtern). Durchgängig kleingeschriebene Emails werde ich nicht in den Papierkorb werfen, wenn mir jemand Emails mit Großschreibung schickt, werde ich mich freuen, daß ich der oder dem Betreffenden anscheinend so viel Mühe wert bin. In der Schule schließlich würde ich den Orthographieunterricht ganz abschaffen. Und das einzige, was mir an dieser ganzen Geschichte wirklich Kummer macht, ist, daß Arno Schmidt sie nicht mehr hat erleben dürfen. Sie hätte ihn gewiß nicht wenig amüsiert.
Wenn ich ohnehin gerade dabei bin, den Deutschunterricht zu reformieren: nach der Abschaffung der Orthographie würde ich den Deutschunterricht zerschlagen in einen Teil Literaturkunde und in einen Teil Grammatik (da die Grammatik nicht nur die Schrift, sondern auch die Sprache betrifft, ist sie nicht ganz so verzichtbar wie die Rechtschreibung). Die Grammatik gehört eingebettet in das Fachgebiet der Semantik, die wieder eingebettet ist in das Fach Logik, die wiederum gelehrt werden soll innerhalb des Faches Philosophie.
Das Fach Philsophie wiederum sollte höchstens zur Hälfte aus Philosophiegeschichte bestehen, keinesfalls zur Gänze, wie das derzeit der Fall ist. Ich denke, die Philosophie hat inzwischen genug an positiven Ergebnissen hervorgebracht, daß es möglich ist, ein Teil davon im Unterricht zu lehren. Dazu gehöhrt die bereits erwähnte Logik, dazu gehört Dialektik (also die Kunst, Diskurse zu führen, hat nichts mit Hegel oder Marx oder Adorno zu tun), aber auch Methodologie und Epistemologie. Meine Schüler wüßten, warum all unser Wissen nur Vermutungswissen ist, und sie wüßten auch, warum ein Medikament in einem Doppelblindversuch getestet werden muß.
Im Fach Literatur würde die deutschsprachige Literatur nur einen kleinen Raum einnehmen. Ehrlich gesagt, ich würde es sogar für verschmerzbar halten, wenn meinen Schülern im Fach Literatur überhaupt keine deutschsprachige Literatur begegnen würde. Es ist schließlich ein lächerliches Vorurteil, die deutschsprachige Literatur sei ein völlig unverzichtbarer Teil der Weltliteratur, so, als habe die deutschsprachige Literatur irgend etwas aufzuweisen, das mit Gilgamesh, Homer, Mahabharata oder Ramayana auch nur entfernt vergleichbar wäre. Eine vorgeschriebene zu behandelnde Literatur gäbe es ohnehin nicht, aus zwei Gründen: erstens dürften meine Lehrer nur über das dozieren, was sie selbst lieben: denn wie sollte ohne diese Liebe der pädagogische Eros sie begeistern und inspirieren können? Und zweitens würden meine Schüler ohnehin alle lauter verschiedene Bücher lesen. Ich erlaube mir, eines meiner Lieblingszitate von John Cage anzuführen [Interview mit C. H. Waddington 1972, abgedruckt in: „John Cage im Gespräch“, Richard Kostelanetz, Köln 1989, S. 188]:
„Der Grund, warum ich vom College abging, war der, daß ich es absolut schrecklich fand, mit, sagen wir, 200 Teilnehmern in einer Veranstaltung zu sitzen, wobei alle 200 die Aufgabe hatten, dasselbe Buch zu lesen. Meiner Meinung nach war das Verschwendung von Arbeitsenergie. Es würde reichen, wenn einer das Buch lesen und dann irgendwie allen anderen im Gespräch seinen Inhalt vermitteln würde, aber mir diese Tische anzusehen, an denen alle saßen und das gleiche Buch lasen, erfüllte mich mit Entsetzen, also marschierte ich hinaus und ging in die Bibliothek. Ich las Bücher, die mit dem Unterrichtsthema so wenig wie möglich zu tun hatten; und als ich dann in der Prüfung die Fragen zum Thema beantworten mußte, bekam ich eine Eins.“
Aus eigener Erfahrung kann ich bestätigen, daß diese Methode tatsächlich funktioniert (ob sie allerdings auch dann noch funktioniert, wenn der Teil „...und ging in die Bibliothek. Ich las Bücher...“ durch „...und ging ins Schwimmbad. Ich legte mich auf mein Handtuch...“ oder „...und ging nach Hause. Ich schaltete den Fernseher ein...“ ersetzt wird, wage ich nicht zu beurteilen). Ich würde also meine Schüler nach Möglichkeit verschiedene Bücher lesen lassen, und vielleicht, wenn wir Glück haben, können wir gegenseitig voneinander etwas lernen.
Ein Schwätzer (ich meine: Robert Leicht) hat einmal beklagt, heutzutage sei es nicht mehr möglich, einen Gebildeten zu treffen und sich darauf verlassen zu können, daß dieser die selben Bücher gelesen hat wie man selbst. Das ist schon möglich, wenn mein Gegenüber Thomas Mann gelesen hat, es aber versäumt hat, einen Blick in das Mahabharata, das Hung loh mong oder das Shinkokinwakashu zu werfen. Ich weiß aber auch nicht recht, was besonders interessant daran sein soll, wenn mein Gegenüber die selben Bücher gelesen hat wie ich selbst, im Gegenteil, diese Vorstellung kommt mir recht langweilig vor. Schließlich ist Bildung ja kein Geheimbund mit verborgenen Erkennungszeichen, sondern sie soll eine Bereicherung der eigenen Seele darstellen, und da die Zahl der Bücher die zur Verfügung stehende Lebenszeit bei weitem übersteigt, ist es notwendig, eine Auswahl zu treffen, treffen aber alle Menschen die gleiche Auswahl, handelt es sich meiner Meinung nach um ein besonders unglückliches Auswahlverfahren, denn dadurch werden viele Bücher untergehen, die als kulturelles Erbe hätten bewahrt werden können, wenn verschiedene Menschen verschiedene Bücher lesen. Mag also der eine vom Untergang des Hauses Buddenbrock, der andere vom Untergang des Hauses Kia lesen. Die Aufstellung einer Liste „Die zehn deutsche Bücher, die jeder Abiturient gelesen haben muß“ ist in meinen Augen deshalb eine doppelte Todsünde wider den Geist: die eine Todsünde besteht in dem Wort „deutsch“, die andere Todsünde in der Verwendung des bestimmten Artikels in Verbindung mit dem Wort „müssen“. Die Kunst ist kein Wettrennen, in dem einer die Goldmedaille bekommt oder das gelbe Trikot, und einer letzter wird. Vielmehr handelt es sich um ein Abenteuer, in welchem jeder und jede ihre eigenen Erfahrungen machen muß und in dem es keine verbindlichen Standards, keine gesicherten Wege gibt, wo jeder sich auf eigene Gefahr ins Unterholz begibt. Der Tiefpunkt der Infamie aber ist erreicht, wenn es nicht nur eine verbindliche Liste der zehn (deutschen) Topschriftsteller gibt, sondern die Lehrer auch noch angehalten werden, den Schülern anzutrainieren, platt vor Ehrfurcht vor diesen Götzen herumzukriechen. „Für mich existiert ein Werk der Fiktion nur in dem Maße, wie es mir gewährt, was ich rundheraus ästhetisches Vergnügen nennen möchte - ein Gefühl, irgendwie, irgendwo mit anderen Seinszuständen in Berührung zu sein, bei denen Kunst (Neugier, Zärtlichkeit, Güte, Harmonie, Leidenschaft) die Norm ist. Es gibt nicht viele solcher Bücher. Alle übrigen sind entweder journalistisches Gewäsch oder das, was manche „Ideenliteratur“ nennen, die sehr oft auch nur Gewäsch ist, aber abgepackt in riesigen Gipsblocks, die sorgfältig von Generation zu Generation überliefert werden, bis einmal ein Waghals mit einem Hammer daherkommt und Balzac, Gorkij, Mann ordentlich einen versetzt.“ (hat welcher Schriftsteller im Nachwort zu welchem Roman geschrieben?)
Ich will ein letztes Mal auf Thomas Mann einprügeln (wer weiß, wann ich das nächste Mal Gelegenheit haben werde), dann soll es für heute genug sein. „Der Tod in Venedig“ handelt bekanntlich von einem alten Mann, der einen jungen Knaben liebt. Ich fühle mich nicht besonders betroffen oder angesprochen von diesem Thema, schließlich bin ich selbst weder ein alter Mann, der einen jungen Knaben liebt, noch ein junger Knabe, der von einem alten Mann geliebt wird, noch habe ich sonst irgendwie in meinem Leben mit Homosexualität zu tun. Es stünde Thomas Mann frei, mich für sein Thema zu interessieren, aber dazu kann er sich anscheinend nicht entschließen, und so muß ich mich durch das dünne, aber immer noch allzu dicke Buch quälen und hoffen, daß es entweder bald zu Ende ist oder doch noch etwas interessantes geschieht (schließlich trat dann ersteres zuerst ein). Auch die Gesänge des Maldoror handeln von der Liebe zu jungen Knaben (was dem homophoben André Breton irgendwie entgangen zu sein scheint), und noch immer interessiert dieses Thema mich nicht besonders, aber hier wenigstens sind Passagen von so eindringlicher sprachlicher Macht, daß sie nach lauter Lektüre, nach Verehrung und Bewunderung schreien. „Die Dichtkunst muß von allen geschaffen sein. Nicht von einem.“ Meine Schüler sollen Gelegenheit haben, mit gleicher Wahrscheinlichkeit auf Thomas Mann (den einige von ihnen ja vielleicht höher schätzen werden als ich), auf Lautréamont oder auf einen dritten, den ich nicht kenne, zu stoßen. Und sie könnten sich über ihre verschiedenen Erfahrungen unterhalten, und ich könnte etwas Neues lernen.
(
Ehe ich das Thema wechsle: weigere ich mich nur deshalb, einen Kanon, eine Hitparade deutscher Dichter aufzustellen, weil ich zu diesem Thema nichts zu sagen weiß? Keineswegs, hier meine persönliche Top Ten:
1. Walther von der Vogelweide, Under der linden
2. Ludwig Tieck, Verkehrte Welt
3. Friedrich de la Motte Fouqué, Undine
4. Franz Kafka, Der Bau
5. Johann Wolfgang Goethe, Prometheus
6. Oswald von Wolkenstein, Durch Barbarei, Arabia
7. Christoph Martin Wieland, Der neue Amadis
8. E. T. A. Hoffmann, Die Königsbraut
9. Heinrich Heine, Mein Herz, mein Herz ist traurig
10. Gottfried von Straßburg, Tristan
)
Und wenn ich schon den Deutschunterricht reformiert habe, kann ich ja gleich auch noch den Mathematikunterricht umgestalten. Als erstes einmal bekommen die Kinder bei mir das Unärsystem beigebracht: Im Unärsystem wird die Eins durch einen Strich repräsentiert, die Zwei durch Zwei Striche, die Zahl Siebentausenddreiundzwanzig durch siebentausenddreiundzwanzig Striche, und so weiter. Innerhalb dieses Unärsystems würde ich dann den Kindern Addieren, Subtrahieren, Multiplizieren, dividieren, Potenzieren und Logarithmieren beibringen, außerdem würde ich ihnen erklären, was eine Primzahl und was eine Funktion ist. Eventuell würde ich ihnen außerdem auch noch einige einfache Ringe der Form Z/nZ vorführen: denn den Z/12Z beziehungsweise Z/24Z-Ring brauchen die Kleinen ja ohnehin, um die Uhrzeiten zu begreifen, und mit diesen Ringen hätte ich auch einige schöne Beispiele, um zu demonstrieren, daß Z nicht der einzige Ring auf der Welt ist. Zahlkörpererweiterungen würde ich aber wohl in den ersten Schuljahren noch nicht einführen, um die Kleinen nicht zu überfordern. Mit diesem Rüstzeug wären wir dann imstande, irgendwann gegen Ende der Grundschule die Dezimalzahldarstellung einzuführen, nachdem meine Schüler begriffen hätten, was ein Polynom ist.
Die heute übliche Methode ist dagegen grotsk und widersinnig: in ihr wird den Kindern zuerst beigebracht, mit Dezimalzahlen zu rechnen, um ihnen dann irgendwann viel später, wenn es längst zu spät ist, zu erklären, was ein Polynom ist. Auf die Art und Weise wird ein Kind niemals begreifen können, was eine Zahl ist und wie sie funktioniert, und dementsprechend ist die Mathematik heute eine Stätte des Dogmatismus und der Autoritätsgläubigkeit, in der sinnlose, aber strikt zu befolgende, unbegreifliche Rezepte gelehrt werden und alle die bestraft werden, die den Sinn dieser Rezepte nicht zu sehen vermögen.
Mein Vorschlag ist keineswegs radikal: radikal wäre es, den Kindern erst einmal ein paar Jahre lang die Grundlagen von Logik und Mengenlehre beizubringen, ehe wir daran gehen, auch nur die natürlichen Zahlen in Unärdarstellung einzuführen. Derartige Konzepte, auch wenn sie mathematisch stringenter wären, lehne ich ab, da sie die Schüler unnötig mit allzu abstrakten Konzepten belasten, die nur Spezialisten wirklich interessieren. Ihnen aber als erstes die Dezimalzahldarstellung beizubringen, ist absurd, das wäre so, als sollten die Schüler gezwungen werden, einen Aufsatz über die sprachlichen Doppeldeutigkeiten und Wortspiele bei Shakespear schreiben, noch ehe sie eine einzige Vokabel Englisch gelernt hätten. Das Unärsystem würde es erlauben, statt wahrhaft stupider und sinnloser Additionsaufgaben (die sich im Unärsystem von selbst erledigen) von Anfang an inhaltlich interessante Mathematik zu treiben, etwa unmittelbar nach dem Begriff der Division den reichhaltigen Begriff der Primzahl zu diskutieren. Niemand kann im Ernst die Mathematik für eine lebendige und freudige Wissenschaft halten, der erst jahrelang Arithmetik treibt, um danach jahrelang Kurvendiskussionen durchzuführen oder lineare Gleichungssysteme aufzulösen. In Wahrheit aber wurde die Mathematik auch gar nicht erfunden, um Kurvendiskussionen um ihrer selbst willen durchzuführen oder lineare Gleichungssysteme aufzulösen, an deren Lösung niemand wirklich interessiert ist. Sondern Mathematik wurde erfunden, um Probleme zu lösen, teils Probleme anderer Wissenschaften oder des Alltags, teils auch solche Probleme, die sich im Laufe der mathematischen Forschung ergaben. Daß die betroffenen Eltern, die natürlich kein Wort von meinem Unterricht verstehen würden, mich vor Ablauf des ersten Schuljahres steinigen würden, ist mir bekannt.
Am verheerendsten hat das Bachjahr unter den Straßenmusikern zugeschlagen. Darf ich die Gelegenheit nutzen, um der Welt mitzuteilen, daß ich finde, daß Bach gehörig überschätzt wird und daß seine Musik größtenteils aus einer Mischung aus sentimentalem Kitsch und barocken dekorativen Musterhäkeleien besteht, garniert mit irgendwelchen albernen manieristischen Taschenspielertricks? Die Leserin prüfe sich ehrlich und entscheide dann, welches Stück sie besser, anspruchsvoller, schwieriger findet: „Air“ von Johann Sebastian Bach oder „Larks’ Tongues in Aspic - Part IV“ von King Crimson.
Da ich schon einmal dabei bin, berühmte Musiker abzuwatschen, ist jetzt außerdem auch noch Wagner dran. Von Wagner heißt es, jeder würde auf seine Musik mit höchster Begeisterung oder völliger Ablehnung ragieren, aber niemanden ließe er gleichgültig. Es handelt sich um eine übliche Übertreibung: tatsächlich ist nichts leichter, als Wagners Musik völlig gleichgültig und Wagner vollkommen langweilig zu finden. Satie ist mit drei zaghaft gespielten Tönen emotional aufrührender als der ganze blöde Wagner mit seinem Riesenorchester und einer Oper, die vier einschläfernde Tage dauert. Der Wagnersche Antisemitismus ist natürlich abscheulich und dumm, aber leider nichts außergewöhnliches und kann deshalb besondere Emotionen Wagner gegenüber nicht begründen. Der Tristan enthält irgendwo eine nette Melodie, was aber wohl auf fast alle Opern fast aller Komponisten zutrifft. Der Ring enthält eine (1) anrührende Stelle (wenn Sigmund Siglindes Gesellschaft der Ewigkeit vorzieht und damit Brünhilde verblüfft, was freilich von der Paolo-und-Francesca-Episode der göttlichen Komödie entlehnt und ein romantischer Gemeinplatz, aber wenigstens kunstvoll übernommen ist) und zwei (2) komische Stellen (wenn Mime Sigfrid beschwatzen will, das Gift zu trinken, und wenn Sigfrid Brünhilde findet und sich anstellt wie der erste Mensch), was aber, aufs Ganze betrachtet, eine ziemlich magere Ausbeute ist. Im übrigen funktionieren alle diese Opern nach dem Prinzip des fliegenden Holländers: eine Frau opfert sich für einen Mann auf und stirbt den Liebestod, um ihn zu erlösen. Bei der Uraufführung des Holländers wurde dieser groteske Einfall zu Recht sehr verlacht, inzwischen gilt dieser Schwachsinn als große Kunst. Es steht zu befürchtn, daß Wagner hier ernsthaft entscheidende Dinge durcheinander gebracht hat: kaum ein Mann legt Wert darauf, daß eine Frau ihr Leben für ihn hingibt, ihre Keuschheit, ihr Geld, ihre Ehre, ihre Zuneigung oder ihre Geduld genügen in den allermeisten Fällen bereits, um ihn glücklich zu machen.
Bei Männern ist das mit dem Färben der Haare eine einfache Sache: irgendwann verwandeln sich Männer in alte Säcke, die sich schwarze Farbe ins Haar schmieren, um wie lächerliche alte Säcke auszusehen (oder sie sind junge Säcke, färben sich die Haare blond und lassen sich einen dunklen Votzenbart stehen, damit jeder sieht, daß sie sich die Haare färben). Bei den Frauen ist die Sache komplizierter. Alles in allem (wenn wir Punx, Strähnchen und dergleichen vernachlässigen) gibt es zwar nur drei Farben (blond, rot und schwarz; braune Haare färben sich nur solche Frauen, die von Natur aus braune Haare besitzen und lediglich die Farbnuance etwas optimieren oder graue Haare überdecken wollen), die aber in vielen verschiedenen Kontexten vorkommen können (und sogar das Fehlen von Farbe bei älteren Frauen kann etwas bedeuten, nämlich: „Vorsicht! Diese Frau ist sich nicht zu schade, die schwachsinnigen Bücher von Rudolf „Dachschaden“ Steiner zu lesen!“). Wenn eine Zwanzigjährige die Haare blond färbt, bedeutet das, daß sie ihre Abende in Tanzlokalen verbringt, wenn eine Vierzigjährige die Haare blond färbt, heißt das, das ihr Mann sich einen Mercedes und eine blonde Gattin leisten kann, wenn eine Vierzigjährige sich die Haare rot färbt, heißt das, daß sie Vierzig geworden ist und sich jetzt die Haare rot färben muß, wenn eine Zwanzigjährige sich die Haare schwarz färbt, heißt das, daß sie illegale Drogen nimmt, und so weiter. Was ich aber wirklich nicht begreife, sind die Japanerinnen. Denn hierzulande ist es ja so, daß die meisten Haarfarben, die gefärbt werden, auch in Natura vorkommen (wenn wir, wie gesagt, von Grün und Lila einmal absehen wollen). Wenn wir also hierzulande auf eine Blondine treffen, können wir nicht sicher sein (es sei denn, wir kennen die Dame schon länger, oder sie hat wirklich auffallend dunkle Augenbrauen), ob sie sich nun die Haare blond gefärbt hat oder ob sie von Natur aus blonde Haare hat. Wenn wir dagegen auf eine Japanerin mit roten Haaren treffen (und in Heidelberg ist es möglich, täglich einem Dutzend Japanerinnen mit roten Haaren zu begegnen), dann hat die Vermutung, es handele sich hier um die natürliche Farbe der Betreffenden, nicht unbedingt übermäßig viel Wahrscheinlichkeit für sich. Die roten Haare der Japanerinnen müßten also, was den Grad der offensichtlichen Künstlichkeit angeht, eher grünen oder lilanen Haaren entsprechen. Gleichzeitig handelt es sich aber auch wieder um eine Farbe, die durchaus irgendwo auf der Welt als natürliche Haarfarbe vorkommt, wenn auch nicht gerade auf Japan (sondern auf Irland, wenn ich recht unterrichtet bin). Was also bedeuten die roten Haare der Japanerinnen? Etwas in der Art von „ich höre Popmusik aus Amerika, und Shintoismus finde ich ziemlich lächerlich“? Rätselhafter ferner Osten.
19.8.2000
Rotwein und Kaffee sind Dinge, die sich in die Haare schmieren lassen, aber zum Trinken sind sie, wegen der in ihnen enthaltenen Giftstoffe, eher ungeeignet.
Ich habe behauptet, Kunst sei kein Wettrennen, aber selbst gerade eben zweimal jeweils zwei Streiter auf die Rennbahn geschickt: zuerst Thomas Mann gegen Isidore Ducasse, ein Rennen, das ich klar zugunsten von Lautréamont entschied, dann Johann Sebastian Bach gegen King Crimson, ein ungerechter und tendenziöser Vergleich, der Bach als apologetischen Kitschisten entlarven sollte (außerdem habe ich Thomas Mann auch noch mit Tsao Hsüe Kin verglichen, aber das dürften nicht alle Leserinnen bemerkt haben). Alle diese Vergleiche sind aber unsinnig und ungerecht, höchstens insofern ergeben sie einen Sinn, als ich vielleicht Thomas Mann für einen glänzenden und geistreichen Schriftsteller halten würde, wenn ich nie einen anderen gelesen hätte. Trotzdem ist es schwierig, der Versuchung zu widerstehen, jemanden mit jemandem anderen zu vergleichen. In einem anderen (unfertigen) Text habe ich es geschafft, Arno Schmidt mit Julio Cortázar zu vergleichen. Die entsprechende Stelle lautet:
Vor einiger Zeit begegnete mir ein kurzer Verriß von Marcel Reich-Ranicki über Arno Schmidt. Der Aufsatz war recht knapp und machte auf mich den Eindruck, da schreibe jemand über etwas, das er nicht leiden könne, nicht kenne und mit dem er sich nie intensiv auseinandergesetzt habe, und deswegen habe er auch recht wenig zu sagen. Viel später fiel mir ein Interview in die Hände, in dem Marcel Reich-Ranicki seinen Anspruch verteidigte, mehr als nur ein Fernsehliteraturkasper zu sein und ernsthafte Aufsätze über ersnthafte Literatur zu schreiben, und zum Ausweis seiner Ernsthaftigkeit glaubte er erwähnen zu müssen, er habe da sogar einmal etwas über Arno Schmidt geschrieben, und dieser Aufsatz über diesen doch eher undankbaren und unpopulären Gegenstand sei sogar sein längster Aufsatz überhaupt geworden. Nun ja.
Auch ich habe einmal einen langen Aufsatz über Arno Schmidt geschrieben, der nur leider den Nachteil hat, daß er bei einem Computercrash vor langer, langer Zeit die Reise ins Nirwana angetreten hat. Inzwischen habe ich das meiste meiner Argumente wieder vergessen, und Schmidts Bücher sind mir auch nicht mehr besonders geläufig. Bevor sie mir ganz entschwinden, will ich mich bemühen, das wenige, an das ich mich noch erinnere, zu einem kurzen Verriß zusammenzusetzen.
[Es folgen verschiedene Bemerkungen übder das Schmidtsche Werk, die nichts mit Cortázar zu tun haben und die ich dehalb weglasse]
Eine der Schmidtschen Theorien bezieht sich auf etwas, das er selbst „längeres Gedankenspiel“ oder kurz LG genannt hat. Was ein LG ist, ist recht simpel zu begreifen, da vermutlich die meisten der Leserinnen Erfahrungen mit einem LG haben: eine Geschichte, die ich mir ausdenke, eventuell mit mir selbst als Hauptperson, oder doch einer Hauptperson, deren Schicksal im Mittelpunkt steht und mit der eine Identifikation möglich ist, und diese Geschichte wird von mir an mehreren aufeinander folgenden Tagen gelegentlich weiter gesponnen. Von diesen LG’s unterscheidet Schmidt drei Grundtypen: wir können sie Superheld, Rechthaber und Katastrophe nennen. Das Musterbeispiel für den Typ Superheld ist wohl Karl May, dessen ganzes Werk ein einziges großes LG ist, in welchem er selbst als Karl May = Kara ben Nemsi = Old Shatterhand auftritt und reihenweise Bösewichter besiegt. Ein Beispiel für den Typ Rechthaber wäre vielleicht die Stelle im Steppenwolf, in der Hermann Hesse sich mit Mozart herumstreitet und diesen zu belehren versucht (obwohl er sich dann doch nicht traut, sich gegen Mozart gewinnen zu lassen). Ein Beispiel für den Typ Katastrophe wäre vielleicht etwa das Werk Becketts, beispielsweise das Endspiel, indem die vom Autor erlebte menschliche Existenz in verallgemeinerter und übersteigerter Form dargestellt wird (zumindest nehme ich das an). Da Arno Schmidt aber Beckett nicht leiden kann (siehe etwa Zettels Traum, Seite irgendwo, meine Quellenangabe ist mit dem Computercrash zusammen verloren gegangen, und verständlicherweise habe ich keine Lust, nochmals im ganzen Z-Traum nach der entsprechenden Stelle zu suchen, jedenfalls versichere ich hiermit hoch und heilig, daß dort irgendwo steht, warum Schmidt bzw. der Alleswisser, der an Schmidts Stelle agiert, Beckett nicht leiden kann), nennt er als Beispiele für diese Kategorie Poe, Brontë und sich selbst. Poe leuchtet mir vielleicht gerade noch ein, die Schwestern Brontë dagegen schon nicht mehr: wenn die zu Lebzeiten veröffentlichten Werke der Schwestern Brontë LG’s sind, dann, scheint mir, muß jedes literarische Werk als LG qualifiziert werden, schließlich hat jedes literarische Werk, das seine Entstehung nicht völlig mechanischen Verfahren verdankt, erst den Kopf seines Autors passiert, ehe es aufs Blatt kam. Und Schmidts eigenes Werk scheint mir eher in die Kategorie Rechthaber als in die Kategorie Katastrophe zu gehören, etwa, wenn Schmidt sich mit Goethe herumzankt oder noch als letzter Überlebender der Menschheit sich so über einen Artikel im Readers Digest ärgert, daß er einen Brief an den Verfasser schreiben muß (im übrigen stammt dieser Brief aus einer zu Lebzeiten unveröffentlichen Sammlung von fiktiven Briefen, die Schmidt selbst anscheinend so großartig fand, daß er das entsprechende Material nach und nach in anderen Büchern unterbrachte, ob es dort nun paßte oder nicht; außerordentlich deplaziert ist beispielsweise auch der Brief an die Uno, der im Leben eines Fauns wiedergegeben wird: wirkt es schon reichlich eitel, wenn der Schriftsteller Schmidt sich selbst für ein Weltkulturerbe hält, so wirkt es ebenso deplaciert, wenn der Ich-Erzähler der Geschichte ein derartiges Ansinnen stellt, wie die anachronistische Erwähnung des SPIEGELs).
Wie dem auch sei, Schmidt jedenfalls stellt es sich als Aufgabe, einen Text zu verfassen, der beide Seiten eines LG’s enthält: das LG selbst, aber auch die Situation und Bedingung seiner Entstehung. Das Ergebnis dieser Bemühungen ist der Roman „KAFF auch Mare Crisium“. An dieser Stelle macht sich der Verlust meiner Aufzeichnungen besonders ärgerlich bemerkbar, denn gerade zu diesem Text hatte ich einiges aufgeschrieben. So lassen sich durch aufmerksame Lektüre des Textes Vor- und Zunamen sowie Geburtsdaten und andere derartige Angaben sämtlicher handelnder Personen nach und nach eruieren (ein Versteckspiel, wie Schmidt es bei Stifter rügt), aber alles, was mir an Notizen geblieben ist, ist der Hinweis, daß die Handlung des Buches am 28. beziehungsweise 29. Oktober 1959 spielt, von jenen Teilen einmal abgesehen, die auf dem Mond und im Jahre 1980 spielen, also zwei Jahrzehnte in die damalige Zukunft verlegt wurden. Die Handlung „linker Hand“: ein graphischer Lagerbuchhalter (ein Posten, den auch Schmidt eine Zeitlang innehatte), der so heißt wie ein deutscher Schriftsteller zweiten Ranges, über den Schmidt trotzdem keinen Essay geschrieben hat, verbringt zusammen mit seiner Freundin, einer Textilmusterzeichnerin, ein Wochenende bei seiner Tante (die nicht wirklich seine Tante ist, sondern nur so genannt wird, weil die wahren verwandtschaftlichen Verhältnisse so unendlich kompliziert sind, siehe Arno Schmidt, „KAFF auch Mare Crisium“, Frankfurt a. M. 1970 S. 63). Die Handlung „rechter Hand“, das LG, spielt, wie angedeutet, auf dem Mond: ein atomarer Weltkrieg hat die Erde unbewohnbar gemacht, nur noch auf den Mondbasen der Amerikaner und Russen gibt es noch Menschen, und wir nehmen Teil am Schicksal und an den Abenteuern eines amerikanischen Schieferhauers. Da der Held der Erzählung linker Hand Karl heißt, so muß der Held der Erzählung rechter Hand natürlich -nicht Old Shatterhand, aber- Charly heißen.
Karl, der Lagerbuchhalter zu Besuch bei seiner Tante denkt sich also die Geschichte von Charly, dem Mondbewohner aus. Soweit entspricht die Handlung noch Schmidts Theorie des LG. Eigentlich sollten wir erwarten, wir bekämen die Geschichte vom Charly-im-Mond als inneren Monolog (wie er seit Woolf und Joyce ja durchaus etabliert ist) zu hören. Statt dessen aber hat Schmidt sich für eine andere Konstruktion entschieden: Karl denkt sich seine Geschichte nicht etwa für sich selbst aus, sondern er trägt sie, als Improvisation, seiner Freundin Hertha vor. Dadurch aber verändert die Geschichte ihren Charakter, sie kann nicht länger als ein Beispiel für ein LG aufgefaßt werden: beispielsweise ist es ein offensichtliches Merkmal eines LG’s, daß es nicht zensiert werden kann, es sei denn, vom Gewissen des Gedankenspielers. Ich habe den Verdacht, daß Schmidt die Zuhörerin Hertha als ein externalisiertes freudsches Über-Ich vorführen möchte. Wie Schmidt durch seine Untersuchung „Sitara“ hinlänglich klar gemacht hat, ist er Anhänger einer nur leicht vulgarisierten Form der freudschen Psychoanalyse, und dementsprechenden dürfte für ihn ein LG ohne entsprechende Selbstzensur kaum denkbar gewesen sein. Um aber nun diese Selbstzensur den Lesern vorführen zu können, muß die entsprechende psychoanalytische Instanz irgendwie darstellbar gemacht werden. Deshalb schafft Schmidt nicht nur eine Erzählsituation, in der Karl sein LG nicht nur nicht als inneren Monolog entwickelt, sondern in der Karl seine Geschichte in eine bestimmte Richtung entwickeln möchte, von seiner Freundin aber immer wieder daran gehindert wird. Aus dieser Konstellation ergibt sich zwingend, daß Hertha als mehr oder weniger frigide und an Sex uninteressiert geschildert werden muß, da sie ja sonst ihrer Aufgabe als Vertreterin des Über-Ichs nicht nachkommen könnte. Als Motivation für diese sexuell desinteressierte Haltung bekommt Hertha von Schmidt eine Vergangenheit aus traumatischen Erlebnissen zugewiesen (außerdem liegt bei einem Blick auf das Schmidtsche Gesamtwerk der Verdacht nahe, daß Schmidt einen linearen Zusammenhang zwischen Größe der Oberweite und Sprödheit beziehungsweise Lüsternheit postuliert, vergleiche etwa auch die Personenkonstellation im „steinernen Herz“; dementsprechend kann Herthas Sprödheit in Schmidts Weltbild auch mit der geringen Größe ihrer Brust motiviert werden). Das LG wird aber auch in anderer Hinsicht verzerrt: die improvisierte Erzählung etwa verträgt keine Lücken in der Darstellung, sondern soll so vollständig sein, wie eine nicht-improvisierte, sorgfältig ausgearbeitete Erzählung, andererseits soll sie nach Möglichkeit frei sein von Widerholungen. Ein Merkmal des LG’s dürfte aber gerade sein, daß es Lücken enthält, Stellen, die der Gedankenspieler überspringt, weil sie zwar für die Konsistenz der Handlung erforderlich sind, ihn aber langweilen, auszuführen, andererseits aber wird der Gedankenspieler bei ihm besonders interessant erscheinenden Stellen gerne ausführlicher verweilen und entsprechende Stellen mehrmals durchspielen, ja, sogar gegebenenfalls das ganze LG in Variationen mehrmals erleben. Ich bitte die Leserin, die umständliche und mühsame Konstruktion Schmidts etwa mit der kurzen Erzählung „Geschichten, die ich mir erzähle“ von Julio Cortázar zu vergleichen (aus dem Band „Alle lieben Glenda“ aus dem Jahr 1980, auf deutsch erschienen im vierten Band seiner gesammelten Erzählungen, „Ende der Etappe“, Frankfurt a. M. 1998, S. 1157ff). In dieser Erzählung beschreibt Cortázar in schlichten, einfachen Worten, wie ein Mann sich allabendlich vor dem Einschlafen die verschiedensten Arten von LG’s ausdenkt. Ein regelmäßig wiederkehrender Typ von LG, den der Erzähler bevorzugt, ist die Vorstellung, ein Fernfahrer zu sein. Gelegentlich bekommt das LG eine erotische Komponente, indem der Erzähler sich vorstellt, Anhalterinnen mitzunehmen, die er dann mit seinem Charme verführt. Die Erzählung nimmt eine phantastische Wendung, die ich hier weder vorwegnehmen noch thematisieren will; worum es mir geht, ist, wie Cortázar in wenigen Worten nachvollziehbar die Funktionsweise eines LG’s beschreibt, die Wiederholungen und Variationen, die selbstgewählten Regeln, das Element des Unvorhersehbaren in der eigenen Geschichte: auf engstem Raum wird hier die Natur eines LG’s beschrieben, während es Schmidt durch die von ihm gewählte Konstruktion im ganzen Roman nicht gelingt, ein echtes LG zu beschreiben.
Karl Richter ist eben nicht einfach ein graphischer Lagerbuchhalter, der einigen Tagträumen nachhängt, er muß unbedingt auch noch ein begabter Erzähler sein, der eine hochartifizielle Geschichte erzählt (mit einer ganz unnützen Schlußpointe: die Saga der Russen ist dem „Cid“ nachempfunden, hätten Sie’s gewußt?). Es scheint sogar, als betreibe der Ich-Erzähler und Lagerbuchhalter Karl biographische Fouqué-Forschung [so, wie auch Schmidt eine in ihrer Detailwut völlig sinnlose Fouqué-Biographie geschrieben hat]: warum sonst beschwert er sich (S. 218) darüber, daß ein Pfarrer ihm als Atheisten die Benutzung seiner Kirchenbücher verweigerte? Ich will nicht ausschließen, daß gelegentlich Menschen, die hauptberuflich Lagerbuchhalter sind, in Kirchenbüchern stöbern, ich will auch anerkennen, daß der Held der Geschichte erstmals nicht unbesiegbar, stark wie ein Ochse und potent wie ein Stier ist, so, wie das bei den vorangegangenen Texten der Fall zu sein pflegte, mir scheint aber, zur Illustration des Prinzips des LG’s wäre es trotzdem vorteilhafter gewesen, nicht unbedingt einen weiteren allwissenden und unendlich gebildeten Schmidt-Klon als Helden zu wählen. Denn dann verwandelt sich die Beschreibung der Entstehung eines LG’s unter der Hand und unvermeidlich in eine Beschreibung „wie Literatur entsteht“, und derartige reflexive Beschreibungen gibt es ja nun in der abendländischen Literatur mehr als genug, und es kann nicht unbedingt als besonders originelle Leistung gewürdigt werden, wenn Schmidt den vielen Büchern darüber, wie ein Autor ein Buch schreibt, ein weiteres hinzufügt.
28.8.2000
Noch ein Beitrag zum Nietzsche-Jahr: Beim Aufräumen fiel mir der „Traktat über kritische Vernunft“ von Hans Albert in die Hände, und wie immer konnte ich der Versuchung nicht widerstehen, ein wenig darin zu blättern und mich an der herrlich hämischen Polemik zu ergötzen. An der Fußnote Nummer 104 (S. 255 der Ausgabe Tübingen 1991) blieb ich hängen: „Vorher versucht Grabner-Haider im Anschluß an eine Analyse von Chisholm das Münchhausen-Trilemma ad absurdum zu führen. Das geschieht in der Weise, daß die Evidenz für Sätze, die Tatsache des unmittelbaren Bewußtseins zum Ausdruck bringen, als sakrosankt erklärt wird. Ich kann im Moment nicht eruieren, ob Chisholm tatsächlich für diese erkenntnistheoretische Naivität verantwortlich ist; vgl. dazu meine Kritik an Apels Descartes-Analyse in meiner oben erwähnten Schrift „Transzendentale Träumereien“, S. 130 ff. Inzwischen habe ich festgestellt, daß NIETZSCHE eine weit bessere Formulierung der Kritik an solchen unmittelbaren Gewißheiten gegeben hat; vgl. dazu: Jenseits von Gut und Böse, Abschnitt 16, in: FRIEDRICH NIETZSCHE, Werke, II. Band, Darmstadt 1966, S. 579 ff.“ Die Stelle erneuerte ein Kopfjucken, das ich schon bei der ersten Lektüre verspürt hatte: schließlich habe ich „Jenseits von Gut und Böse“ auch einmal gelesen, an eine Widerlegung der unmittelbaren Evidenz für Tatsachen des unmittelbaren Bewußtseins konnte ich mich aber nicht mehr erinnern. Also nahm ich mir den entsprechenden Band zur Hand und begann, Abschnitt 16 zu suchen. Ich stellte fest, daß auch ich anscheinend seinerzeit diesen Abschnitt recht gelungen gefunden haben mußte, es war nämlich eine von nur zwei Stellen, die ich mir in diesem Buch markiert hatte. Der Abschnitt ist aber auch wirklich vorzüglich: „Es gibt immer noch harmlose Selbstbeobachter, welche glauben, daß es „unmittelbare Gewißheiten“ gebe, zum Beispiel „ich denke“, oder, wie es der Aberglaube Schopenhauers war, „ich will“: gleichsam als ob hier das Erkennen rein und nackt seinen Gegenstand zu fassen bekäme, als „Ding an sich“, und weder von seiten des Subjekts noch von seiten des Objekts eine Fälschung stattfände.“ Und so weiter, den Rest des Abschnittes 16 mag die interessierte Leserin selbst nachschlagen. Ich habe den Abschnitt gelesen, war begeistert, legte ein Stück Milka-Schokoladenpapier in die entsprechende Seite, um sie dereinst schnell wieder finden zu können, vergaß sie, und in der Folgezeit begann ich ungefähr alle zwei Jahre von neuem, nach Argumenten zu suchen, die die Evidenz der Existenz eines Ichs erschüttern sollten, und wurde mal bei David Hume, mal bei Paul Churchland, mal auch bei Siddhartha Gautama fündig. Ausgezeichnet ist übrigens auch Abschnitt 15 von „Jenseits von Gut und Böse“: was schon in Lenins „Materialismus und Empiriokritizismus“ mit bewundernswerter Klarheit und Schlichtheit gegen Idealismus, Empiriokritizismus, Positivismus oder Sensualismus aufgeführt wird, steht hier noch knapper und konzentrierter. Bei meiner ersten Lektüre dieser Stelle war ich freilich begreiflicherweise von ihr weniger begeistert, denn die Widerlegung eines Berkeley oder Mach war mir herzlich gleichgültig zu einer Zeit, als ich noch nie etwas von Berkeley oder Mach gehöhrt hatte.
31.8.2000
Wunderbare Welt der Werbung:
„Reihenweise Niedrigpreise
kostet unsre Riesenscheiße“
5.9.2000
Wen ich nicht leiden kann:
Radfahrer: rücksichtslose Arschlöcher, die nicht bremsen können oder wollen (geschweige denn absteigen)
Mitarbeiter der deutschen Telekom Aktiengesellschaft: niedere Lebensformen mit rein vegetativem Nervensystem, wenn überhaupt (sollte ich je beim Bombenlegen erwischt werden, dann sicher nach dem Besuch in einem Telekomladen).
und natürlich: Luise Rinser.
(Bonus Track: Leute, die sich beim Einsteigen in Straßenbahnen vordrängeln, so daß niemand mehr aussteigen kann; von dieser Unsitte sind anscheinend vor allem Rentner betroffen)
Beispiel für einen deregulierten Markt: wenn Frauen aus ärmeren Ländern mit haltlosen Versprechen hierher gelockt und dann zur Prostitution gezwungen werden.
Und wieder ist ein ganzer Tag meines einzigen Lebens unwiederbringlich verloren.
6.9.2000
Content is king, zu deutsch: technisches Unvermögen und mangelndes ästhetisches Gespür genügen nicht, es ist auch notwendig, nichts zu sagen zu haben, um eine Webpage einzurichten.
8.9.2000
Benzin ist zu billig.
Olympia 2000 in Sydney
Ein Mann wie ein Schrank, Karl Krawattnik, ungarischer Weltmeister im Kugelstoßen. Hebt den Dachbalken an, ihr Zimmerleute!
Die öffentliche Meinung über Kohl ist seltsamen Schwankungen unterworfen. Als er Kanzler wurde, nicht aus eigener Kraft, sondern als Kanzler von Genschers Gnaden, versprach er, die unter Schmidt enorm angestiegenen Staatsverschuldung abzubauen und eine geistig-moralische Wende einzuleiten. Heute wären wir froh, wir hätten wieder den selben Schuldenstand wie unter Schmidt, und was die geistig-moralische Wende angeht, so dürfen wir wohl erleichtert sein, daß daraus kaum etwas wurde. Jeder geistig-moralische Fortschritt wurde unter Kohl so gut als möglich verhindert, eine eingetragene Lebensgemeinschaft für Homosexuelle war undenkbar, eine vernünftige Regelung zur Abtreibung nur nach endlosem Gezerre möglich. Aber wenigstens hat Kohl nur einmal versucht, öffentlich gefallene SS-Männer zu ehren. Ansonsten war seine Wirtschaftshörigkeit ausreichend, alle geistig-moralische Eskapaden zu verhindern. So scheint ihm entweder unklar gewesen zu sein, oder er hat absichtlich verschwiegen, daß seine Forderungen nach Mobilität und Flexibilität aller Arbeitnehmer unvereinbar sind mit den traditionellen Familienwerten, die er sonst gern predigte. Sein größter Geniestreich in dieser Hinsicht dürfte die Einführung des Privatfernsehens mitsamt seiner geistig-moralisch erneuernden Kraft gewesen sein. Jedenfalls, nach einer ganzen Reihe von Skandalen und Peinlichkeiten, darunter einem Spendenskandal, der weniger dickhäutige Menschen zum Rücktritt genötigt hätte (Brandt ging aus banaleren Gründen) war seine Regierung völlig abgewirtschaftet, morsch, sturmreif - als ihm wie ein Gottesgeschenk die Einheit in den Schoß fiel. Kohl hat nie für die Einheit gestritten, das taten andere, etwa Willy Brandt, wir verdanken die Einheit den Bürgerrechtlern und den Reformversuchen Gorbatschows (die allerdreisteste Lüge dabei ist die, die Sozialdemokraten wäre die Einheit weniger am Herzen gelegen als den Christdemokraten - als ob es möglich gewesen wäre, die Möglichkeit der Einheit gleichgültiger zu behandeln als Adenauer). In dieser sogenannten historischen Situation tat Kohl, was er immer tat und was das einzige war, worauf er sich wirklich verstand: er griff zu. Möglich, daß genau das in genau dieser Situation das richtige war, und das ein bedächtigerer, sensiblerer, nachdenklicherer, rücksichtsvollerer Mensch in dieser Situation eine schlechtere Wahl gewesen wäre. Aber selbst das ist zweifelhaft, und grotesk ist die Legende, die Möglichkeit zur Einheit habe nur einen kurzen historischen Moment lang bestanden, den der geniale Kohl wahrgenommen hätte. Angenommen, die DDR wäre ihre eigenen Wege gegangen wie Polen oder Tschechien, und heute, ein Jahrzehnt später, würden die Bürger der DDR beschließen, sie wollten sich mit der Bundesrepublik vereinigen: wer sollte sie denn heute daran hindern? Also kann keine Rede davon sein, daß die Chance zur Einheit nur einen kurzen Moment lang bestand. Und Kohl versprach munter, dumm oder dreist, die Einheit werde ihre Kosten selbst tragen, und sein Opponent, der das nicht glauben wollte, wurde als vaterlandsloser Geselle beschimpft und nicht gewählt, obwohl er doch offensichtlich recht hatte. Während aber nun früher alle Welt sich einig war, Kohl für einen Dummkopf, eine Witzfigur zu halten, begannen nun alle, von seiner historischen Größe zu schwärmen, von seinen Verdiensten um die Einheit. Die Leute wollten sich auch nicht mehr erinnern, daß sie Kohl einst für dumm gehalten hatten, nein, für dumm hatte ihn nie jemand gehalten, für provinziell, hieß es nun, habe man ihn am Anfang gehalten, und in der Tat sei er ja Anfangs auch ein wenig provinziell gewesen und habe auch heute manchmal noch provinzielle Züge, die aber seiner historischen Größe keinen Abbruch täten. Aber es ist nicht wahr: damals, in den ersten Jahren seiner Regierung, hat ihn niemand für provinziell gehalten, sondern alle waren sich einig, daß er ein Dummkopf, ein Trottel, eben unsere Birne war. Für mich war das die Zeit, als ich mich zum ersten Mal für Politik zu interessieren begann, und ich wunderte mich nicht wenig, warum die Erwachsenen jemanden zum Kanzler wählten, den sie selbst für dumm und lächerlich hielten. Und ich kann nicht finden, daß die sechzehn Jahre seiner Regierung irgend einen Grund liefern, ihn nicht für töricht und albern zu halten. Die Menschen kriechen platt auf dem Bauch (oder zumindest die Journalisten) vor etwas, was sie für historische Größe halten, und wäre Kohl nicht die dumme Geschichte mit den Spenden dazwischen gekommen, sie kröchen heute noch.
18.9.2000
Der höfliche Robert
Der höfliche Robert schaut zur Tür herein, grinst, deutet eine Verbeugung an, huscht zum Speiseschrank, frißt den Speiseschrank komplett leer, legt ein mit einem Herzchen verziertes Zettelchen hinein „habe den Speiseschrank komplett leergefressen“ und huscht wieder nach draußen.
19.9.2000
Der höfliche Robert.
Der höfliche Robert hört sich das Gekeife zweier streitender Frauen an und schüttelt traurig den Kopf.
Die perfide Angela.
Für ein paar lumpige Prozente verspielt sie die Zukunft der Menschheit.
Der höfliche Robert.
Der höfliche Robert kam eines abends... ich kann es nicht mehr hören, schrie sie, hör endlich auf mit diesen dämlichen Geschichten vom höflichen Robert.
21.9.2000
Fragen an Gautama.
Erhabener, klar hast du die Lehre dargelegt, in nachdrücklichen Worten hast du den edlen achtteiligen Pfad aufgezeigt, in verständlicher Weise hast du uns belehrt, aber trotzdem hätte ich noch einige Fragen an dich zu richten. Genau genommen, sind es vor allem zwei Fragen, die mich beschäftigen. Ich will mit der banaleren beginnen und dann erst die zweite Frage erörtern, die das Herz deiner Lehre berührt, damit uns bei der Diskussion der zweiten Frage nicht die erste Frage stört.
Du verwendest in deinen Reden eine rhetorische Figur, die ich als „vierfache Verneinung“ bezeichnen möchte. Formal ausgedrückt, handelt es sich um Sätze der Art ¬((A)∨(¬A)∨(A∧¬A)∨(¬(A∨¬A))), oder in sprachlicher Form: „A gilt nicht, und non-A gilt nicht, und „A und non-A“ gilt nicht, und „Weder A noch non-A“ gilt nicht“ (oder, in deinen eigenen, von Karl Eugen Neumann übersetzten Worten: „„Auferstehn“, das trifft nicht zu, „Nichtauferstehn“, das trifft nicht zu, „Auferstehn und Nichtauferstehn“, das trifft nicht zu, „Auferstehen so wenig wie Nichtauferstehn“, das trifft nicht zu.“). Nun bin ich aber eigentlich ganz der gegenteiligen Meinung, ich meine nämlich, daß für jede beliebige Aussage A gilt, daß ((A)∨(¬A)∨(A∧¬A)∨(¬(A∨¬A))); genaugenommen, glaube ich sogar, daß schon die Aussage (A∨¬A) gilt. Soweit ich dich verstehe, möchtest du ausdrücken, daß die von dir gefundenen Wahrheiten jenseits von Sprache und Logik liegen, und deshalb verneinst du diese vier möglichen Aussagen und sagst, daß keine von ihnen gelten, während ich sage, daß wenigstens eine von ihnen gilt, ich meine sogar stärker noch, daß genau zwei von ihnen gelten, nämlich die vierte und entweder die erste oder die zweite. Nun ist aber auch deine Aussage wieder eine sprachliche Aussage, von der sich Wahrheit oder Falschheit behaupten läßt, ebenso wie die meine. Es könnte also ein achtmalkluger Superbuddha daherkommen und meinen, wir beide befänden uns im Unrecht, und weder du noch ich hätten recht, und er könnte eine achtfache Verneinung aussprechen der Form ¬(((A)∨(¬A)∨(A∧¬A)∨(¬(A∨¬A)))∨¬((A)∨(¬A)∨(A∧¬A)∨(¬(A∨¬A)))). Ich verstehe also nicht ganz, was du an der zweifachen Verneinung ¬(A∨¬A) auszusetzen hast, während du dich andererseits mit einer vierfachen Verneinung zufrieden gibst und auf die achtfache Verneinung verzichtest. Wir geraten hier natürlich ins Bodenlose; wir können leicht ein Verfahren angeben, daß für ein beliebiges n die 2n-fache Verneinung erzeugt, nennen wir sie N(A, n), und wir können behaupten, es gelte für jede Aussage A die Aussage ∀n∈N:¬N(A, n), um so eine N-fache Verneinung zu erzeugen, und auch von dieser Aussage können wir wieder behaupten, daß weder diese Aussage noch ihre Verneinung gilt.
Nun, aber das ist vielleicht nebensächlich. Hauptsächlich ist, daß du nicht zugibst, daß Sätze der Form (A∨¬A) allein durch ihre Form tautologisch wahr sind. Andersherum: wenn die Verneinung eines Satzes nicht gilt, so muß der Satz selbst deshalb noch nicht gelten, du leugnest also, daß ¬¬A→A gilt. Dies alles steht dir natürlich frei, und du bist ja auch nicht der Einzige (wenn auch womöglich der Erste), der derartiges leugnet. Obzwar die meisten Bewohner des Okzidents seit Aristoteles und seinem Satz vom ausgeschlossenen Dritten anderer Meinung sein dürften als du, so gibt es doch eine ganze Schule von Mathematikern, den Konstruktivisten, die dein Unbehagen am Satz vom ausgeschlossenen Dritten teilen. Freilich, bei all diesen Diskussionen um solche Sätze, die weder gelten noch nicht gelten sollen, sagst du uns nicht, was statt dessen gelten soll. Besteht der Erleuchtete nach dem Tod fort? Besteht er nicht fort? Besteht er sowohl fort als auch nicht fort? Besteht er weder fort noch nicht fort? Keines der vier soll zulässig sein. Was aber ist dann zulässig? Der Erleuchtete ist nach dem Tod, erklärst du uns, jenseits solcher Meinungen, durch Begriffe läßt er sich nicht mehr fassen und fangen, so ganz und gar befreit ist er. Es läßt sich also nicht sagen, was er ist und wie er ist und ob er ist. Auch dies mag so sein oder nicht so sein. Wir können nicht erwarten, daß die Welt uns den Gefallen tut, sich so zu verhalten, daß sie zum Raster unserer Sprache paßt, und es mag wohl Dinge geben, die sich nicht sagen lassen.
Es ist nur eben so, daß du ja begonnen hast, uns zu belehren und uns den edlen achtteiligen Pfad darzulegen. Dies alles soll ja geschehen, damit auch wir die Gelegenheit zur Befreiung haben. Nun ist es so: diese Erkenntnisse jenseits der Sprache sind nur dem Erleuchteten zugänglich, wer, wie ich, noch nicht erleuchtet ist, kann sie, eben weil noch nicht erleuchtet, nicht erfassen. Es kann also nicht sein, daß diese Dinge notwendig sind zur Belehrung, denn dann wäre Belehrung unmöglich. Zur Darlegung der Lehre des Erhabenen taugt nur das, was sich mit Worten mitteilen läßt und was ein Unerleuchteter begreifen kann. Sonst wäre es ja so, daß wir dir blind vertrauen müßten, bestimmte, jahrelang durchgeführte Übungen würden uns zu Erleuchteten machen, die dann, als Erleuchtete imstande wären, deine Lehre zu begreifen und zu prüfen und zu bestätigen. Eben dies aber hast du geleugnet, eben dies hast du bestritten, und eben dadurch unterscheidest du dich von all den anderen Propheten, Wundertätern, Heilanden und Meistern, denn du versuchst uns durch vernünftige Gründe zu überzeugen, während die anderen prophezeihen oder Wunder tun oder an unseren Glauben, an unsere Angst, an unsere Hoffnungen oder unsere Instinkte appellieren oder sich auf göttliche Eingebungen oder Träume oder Orakel stützen oder verlangen, daß wir ihnen aus Ehrfurcht oder Zuneigung vertrauen, während du deine Lehre dargelegt hast, damit wir uns die Sache selbst überlegen und annehmen können, ohne daß es dabei auf dich oder deine Person ankäme, und eben dies schien mir immer besonders sympathisch an dir, daß du von dir selbst so wenig aufhebens machtest und nicht von uns verlangst, dir zu glauben, ehe wir nicht selbst eingesehen hätten, daß die Dinge sich so verhalten, wie du es behauptest, indem wir nämlich selbst über die Dinge nachdenken. Deine Lehre aber, sagst du, ist eine Lehre zum Entkommen, nicht zum Festhalten, ein Floß, zum Entrinnen tauglich, nicht zum bewahren. Dem Erleuchteten, Befreiten nützt sie nichts mehr, nur uns kann sie etwas nützen.
Wenn es also Dinge gibt, die sich sprachlich nicht ausdrücken lassen, dann bedeutet dies, daß es Dinge gibt, die für deine Lehre nicht wichtig sind, die nicht Bestandteil deiner Lehre sind, die keine Rolle für deine Lehre spielen. Wenn etwa Mālunkyāputto von dir wissen will, ob die Welt ewig oder zeitlich ist, und was dergleichen mehr ist (und was auch ich zu gern wissen würde), so antwortest du ihm, daß all dieses Wissen nicht notwendig für die Erlösung, die Beschäftigung mit diesen Fragen aber hinderlich sind für die Erlösung. In diesem Fall ist es auch statthaft, zu sagen, weder sei es notwendig, daß die Welt ewig ist, damit deine Lehre richtig ist, noch sei es notwendig, daß die Welt zeitlich ist, damit deine Lehre richtig ist. In einem solchem Fall mag es angehen, Sätze mehrfach zu verneinen.
Wobei es mich halt schon interessieren täte, wie du dir das denn jetzt eigentlich genau gedacht hast mit der mehrfachen Verneinung, und was denn jetzt wirklich richtig ist.
Du hast immer wieder mit Nachdruck betont, was für ein unerfreulicher Ort die Welt ist. Es mag albern oder banal klingen, aber wäre es denkbar, daß diese Meinung nicht ganz unabhängig ist von der Gegend der Raumzeit, in die du verschlagen wurdest? Ich gebe zu, in deiner Zeit gelebt zu haben war eine unerfreuliche Angelegenheit, wem damals die Zähne verfaulten, der konnte schon durchaus der Meinung sein, das Leben bestünde hauptsächlich aus Leid, Not, Schmerz und Jammer. Inzwischen aber hat die Zahnmedizin erheblich Fortschritte gemacht, es stehen uns auch in großem Umfang schmerzstillende Mittel zur Verfügung, ja, wir können vollständig die natürlichen Zähne durch künstliche ersetzen. Und diese Maßnahmen stellen wir in meiner Gegend der Raumzeit allen Bürgern zur Verfügung, selbst den Armen. Auch haben sich unsere Fortschritte nicht auf die Zahnmedizin beschränkt, auf vielen anderen Gebieten haben wir erstaunliches geleistet. So ist es mir etwa möglich, auf einen ungeheuren Fundus an Literatur aus allen Gegenden der Welt und aus entlegendsten Zeiten zurückzugreifen, ohne Mühe kann ich mir Bücher bestellen, die vor tausend Jahren auf einem fremden Kontinent geschrieben wurden, und schon am nächsten Tag erhalte ich diese Bücher für einen niedrigen Preis.
Manche sagen, Glück und Unglück hielten sich stets einander in etwa die Waage, und wenn es einem Menschen einmal besser gehe, so gewöhne er sich rasch an dieses bessere, so daß er kein Mehr an Glück mehr empfände, und wenn etwa heute einer nur noch acht statt zehn oder zwölf oder vierzehn Stunden am Tag arbeiten müsse und also eigentlich viel besser dran sei als alle seine Vorfahren, so sei er trotzdem unglücklich, weil er acht Stunden Arbeit als gewöhnliche und durchschnittliche Last empfände und nur dann glücklich wäre, wenn er nur sechs Stunden arbeiten müßte, während um ihn herum alle anderen acht Stunden arbeiten müßten, und selbst diese Freude würde sich allmählich für ihn verlieren und sich in etwas alltägliches verwandeln, worüber er sich nicht mehr freuen könne, am schlimmsten dran und am unglücklichsten aber seien die, die sich ihren Traum hätten erfüllen können und gar nicht mehr arbeiten müßten, auch freue sich niemand mehr darüber, nicht an Pocken zu erkranken, da es selbstverständlich geworden ist, nicht an Pocken zu erkranken, und so sei es mit allem, die Menschen würden sich an alles gewöhnen, im guten wie im schlechten, und so sei die Summe von Freude und Leid in allen Jahrtausenden und für Arme und Reiche stets gleich und unabwandelbar.
Ich kann diese Argumentation nicht widerlegen, da ich Freude und Leid nicht wiegen oder messen kann, und so kann ich dir auch nicht beweisen, daß das Leid seit deiner Zeit abgenommen und die Freude zugenommen hat. Für jeden von uns wäre es die Hölle, in deine Zeit versetzt zu werden und dort leben zu müssen, aber vielleicht nur, so läßt sich argumentiren, weil wir es nicht gewohnt wären, während es zweifelhaft wäre , ob es für einen deiner Zeitgenossen paradiesisch gewesen wäre, in unsere verwirrende Zeit versetzt zu werden. Eine Summe von Freude und Leid läßt sich nicht bilden, und deshalb ist es müßig, über eine solche Summe zu spekulieren. Aber jedenfalls zeigen diese Überlegungen, daß das Leben nicht nur aus Leid besteht. Es scheint mir eher zu kleinen Teilen aus Freude und Schmerz, zum größten Teil aus gleichgültigem, alltäglichem zu bestehen, dem weder freude- noch leidvollem. Es gibt all die Dinge, die du so eindrucksvoll schilderst, Leid, Not und Jammer, Schmerz, Folter und Qual, Pein, Verfolgung und Kummer. Es gibt den Tod von geliebten Menschen, qualvolle Krankheiten, Beschämungen, Niederlagen und Verzweiflung. Außerdem gibt es die Farben der Seifenblasen, die Gewißheit, geliebt zu werden, den Klassifikationssatz der einfachen endlichen Gruppen, die Blasmusik der rumänischen Band Fanfare Ciocărlia, frischgebackenes Brot, Sex, die Bäume im Wald, weiße-Schokolade-Eis, die Freude über die Brillianz einer boshaften Satire, Proofs and Refutations, das sechste Kapitel der Illias, die Werbung für West-Zigaretten, Männer und Frauen, das vierte Album von Soft Machine, Sandstrände und das Spielen mit Kindern. Und es gibt andererseits das Zähneputzen, das Straßenbahnfahren auf dem Weg zur Arbeit, Nachrichten im Fernsehen schauen und Lohnsteuererklärungen schreiben. Angesichts so vieler verschiedener Dinge ist es schwer, zu entscheiden, was mehr wiegt, und mir geht es so, daß an manchen Tagen das eine mehr Gewicht hat und an anderen das andere. Es geht mir heute besser als in der Zeit der Adoleszenz, und es nicht auszuschließen, daß es mir im Alter wieder schlechter gehen wird als heute, aber ich habe keine Lust, heute schon darüber nachzudenken (allen Jugendlichen, die erwägen, sich umzubringen, möchte ich raten, dieses Vorhaben erst einmal fünf oder zehn Jahre aufzuschieben und dann noch einmal neu zu überdenken).
Worauf ich hinaus will, ist folgendes: es ist für mich nicht einsichtig, daß das Leben so leidvoll sein sollte, daß es notwendig wäre, diesem Leid auf alle Fälle und unter allen Umständen entkommen zu wollen. Unter bestimmten Umständen scheint es mir, das Leben ließe sich vorläufig erst einmal ertragen.
Nun komme ich zu meiner zweiten Frage. Wenn ich deine Lehre richtig verstehe, so meinst du, daß der Geist eines Menschen etwas zusammengesetztes ist, etwas bedingtes, bedingt entstandenes, und als bedingt entstandenes und zusammengesetztes auch vom allgemeinen Gesetz der Auflösung betroffenes. In diesem zusammengesetzten Geist nun gibt es keinen speziellen Punkt, der seinerseits nicht zusammengesetzt, elementar, unbedingt und unvergänglich wäre und von dem sich sagen ließe, er enthielte das Wesen dieses Geistes. Mit anderen Worten, das Reden von einem Ich und einem Selbst beruht auf einem Irrtum, einem Irrtum, der durch den Durst bedingt ist und die Menschen an der Überwindung des Durstes behindert. Falls es sich so verhält, so finde ich diesen Punkt deiner Lehre durchaus glaubwürdig. David Hume, Ernst Mach, Friedrich Nietzsche und die Churchlands behaupten ähnliches, und bei Lichtenstein finden sich folgende Sätze: „Eine der seltsamsten Wortverbindungen, deren die menschliche Sprache fähig ist, ist wol die: Wenn man nicht geboren wird, so ist man von allen Leiden frei. [...] Wir kennen nur allein die Existenz unserer Empfindungen, Vorstellungen und Gedanken. Es denkt, sollte man sagen, so, wie man sagt: es blitzt. Zu sagen cogito, ist schon zu viel, sobald man es durch Ich denke übersetzt. Das Ich anzunehmen, zu postuliren, ist praktisches Bedürfniß.“ Und du sagst: „„Ich bin’s, der denkt“, muß gänzlich sein entrodet.“ Zwar behaupten die Pulgalavādins (und in ihrer Nachfolge der ganze Mahāyāna-Klüngel), es gäbe neben den Dharmas auch noch unzerstörbare Seelen, doch kann ich nicht glauben, daß diese Lehre orthodox und authentisch ist, wurde doch schon Sāti, der sagte „Also verstehe ich die vom Erhabenen verkündete Lehre, daß nämlich dieses unser Bewußtsein im Kreislauf des Wandelseins beharre, unveränderlich“, von dir belehrt, daß deine Lehre keinesfalls derartig aufzufassen sei, und klar legtest du ihm dar, wie Bewußtsein bedingt ist, wie es entsteht und wieder vergeht.
Wir alle kennen ja die Theorie des Vulgärbuddhismus, die besagt, der Mensch sei mit einer unsterblichen Seele begabt, und wenn sie sterbe, so wandere ihre Seele zum nächsten Körper und werde wiedergeboren, und so fortan in alle Ewigkeit, es sei denn, ein Mensch entschließt sich, jahrelang in unbequemen Stellungen vor sich hin zu stieren, woraufhin ihre Seele nach dem Tod an einen Ort wandert namens Nirwana, wo sie es warm und bequem hat. Gerne wird diese Theorie gestützt mit Hinweisen, durch geeignete Verfahren sei es möglich, sich an frühere Reinkarnationen zu erinnern. Diese vulgärbuddhistische Theorie mag eine gewisse logische Geschlossenheit aufweisen, es handelt sich aber offensichtlich bloß um eine weitere alberne Form der Metaphysik, eine schwindelhafte Heilslehre, eine Zusammenstellung unbegründeter und leichtfertiger Behauptungen, eben um eine der üblichen religiösen und abergläubischen Possen. Mit deiner eigenen Lehre, o Erhabener, kann aber dieser Vulgärbuddhismus unmöglich übereinstimmen, da du ja diese unsterbliche Seele, dieses Hirngespinst jener Metaphysiker, gar nicht kennen willst und es verleugnest. Wenn aber das Bewußtsein bedingt ist, das Ich eine Täuschung, der Geist sterblich, wer wird dann nach dem Tod wiedergeboren? Wenn wir aber nicht wiedergeboren werden, wovor sollten wir uns fürchten, welches Leid sollten wir meiden wollen?
Wenn wir nicht an die Wiedergeburt glauben, wenn wir überzeugt sind, mit dem Tod ende alles, was uns betrifft, so verliert die Befreiung vom Leid viel von ihrer Dringlichkeit. Kein Schmerz auf dieser Welt dauert länger als hundert Jahre. Wie aber verhält es sich nun? Werde ich nach dem Tod sein, oder werde ich nicht sein? Und wenn ich jetzt schon nicht bin, wie werde ich nach meinem Tod sein können? Wenn du sagst, ich werde nach meinem Tod sein, so widersprichst du dir selbst und verkündest eine gewöhnliche Metaphysik. Sagst du, ich werde nicht sein, warum sollte ich mich um Erlösung bemühen? Es wäre denkbar zu sagen, gerade darin bestehe die Erlösung, die eigene Nichtexistenz zu begreifen und eben dadurch, daß es keinen Grund gibt, sich Sorgen zu machen, und sein gewöhnliches Leben weiter zu leben, ohne es länger ernst zu nehmen. Mir scheint, einige Schulen des Chan sagen ähnliches. Das aber würde unterstellen, daß auch ich bereits erleuchtet wäre, und wenn ich auch nicht weiß, ob ich existiere, so weiß ich doch gewiß, daß ich nicht erleuchtet bin. Ich bin nicht erleuchtet, ich bin nicht erlöst, ich bin nicht befreit, und ich weiß auch nicht, warum ich mich darum bemühen sollte. Denn was immer ich auch bin, ich werde mich jedenfalls nicht überleben, und mit meinem Tod endet Unglück und Leid, wenn ich sterbe, sterbe ich, und vorher lebe ich, so gut ich es eben vermag. Wie also soll ich deine Lehre auffassen, wenn sie nicht als eine Methode gedacht sein soll, einer unbegrenzten Reihe von beschwerlichen Wiedergeburten zu entgehen? Denen, die dir folgen und sich in der Entsagung üben, verkündest du als Lohn „wer auch immer, ihr Mönche, diese vier Pfeiler der Einsicht sieben Monate also behaupten kann, dem mag eins von beiden zur Reife gedeihen: Gewißheit bei Lebzeiten oder, ist ein Rest hangen da, Nichtwiederkehr“, von Pukkusāti sagst du, er sei emporgestiegen, um zu erlöschen und nicht mehr zurückzukehren. Es scheint also, du wärest durchaus der Meinung, der Nichterleuchtete könne der Wiederkehr nicht entgehen. Wie aber soll das denn möglich sein, wenn es keine unsterbliche Seele gibt und das Bewußtsein zusammengesetzt und bedingt und der Auflösung unterworfen ist? Willst du etwa sagen, das Bewußtsein überlebe die Auflösung des Leibes und werde erst nach Auflösung des Durstes aufgelöst? Aber ist dies denn weniger eine metaphysische Verirrung als die Annahme einer unsterblichen Seele? Und ist es denn nicht in Wahrheit vielmehr so, daß das Bewußtsein dem Wandel schon zu Lebzeiten unterworfen ist? Bin ich denn die selbe Person, die ich vor zehn oder zwanzig Jahren war, haben wir denn nicht die Beispiele von Menschen, die wahnsinnig wurden oder die durch Hirnverletzungen Persönlichkeitsveränderungen erfahren mußten? Der selbe Durst bringt verschiedene Persönlichkeiten hervor, die dem Wandel und der Auflösung unterliegen und die vergehen, ganz ohne Meditation und Asketentum. Wenn aber der Durst weiterbesteht, was kümmert das mich? Ich lebe meine siebzig Jahre, und den Generationen, die nach mir folgen und die der Durst ins Leben ruft, mögen selbst entscheiden, ob sie ihre eigenen siebzig Jahre annehmen wollen oder nicht. Und würden wir uns alle gegenseitig umbringen, so daß kein Lebewesen mehr im Universum übrig bliebe, müßte dann die Wiederkehr nicht auf jeden Fall enden, so daß keine Rede davon sein kann, daß als unwandelbare Ursache des Daseins stets der Durst existiert? Warum sollte ich mich sieben Monate lang um etwas bemühen, das mir ohnehin schon gewiß ist? Wie aber kann es mir gewiß sein, wenn ich doch nicht erleuchtet bin? Was also sagst du?
„Werdet ihr nun, ihr Mönche, also erkennend, also verstehend, in die Zukunft hinein forschen: „Werden wir in den zukünftigen Zeiten sein - werden wir in den zukünftigen Zeiten nicht sein - was werden wir wohl in den zukünftigen Zeiten sein - wie werden wir wohl in den zukünftigen Zeiten sein - was werden wir wohl in den zukünftigen Zeiten sein - was werden wir wohl die zukünftigen Zeiten hindurch geworden sein -“?“
„Gewiß nicht, o Herr!“
„Werdet ihr nun, ihr Mönche, also erkennend, also verstehend, euch jetzt über die Gegenwart bald diese bald jene Frage stellen: „Bin ich - bin ich nicht - was bin ich - wie bin ich - woher ist wohl dieses mein Wesen gekommen, wohin wird es gehen -“?“
„Gewiß nicht, o Herr!“
„Werdet ihr nun, ihr Mönche, also erkennend, also verstehend, vielleicht sagen: „Dem Meister zollen wir Verehrung, aus Verehrung vor dem Meister reden wir also“?“
„Gewiß nicht, o Herr!“
Diese Antwort aber kann ich nicht gelten lassen. Ich habe dich auf eine Stelle in deiner Lehre hingewiesen, die mir ungereimt scheint, und du verweist mich darauf, diese Stelle sei unwichtig und könne deshalb ignoriert, vielleicht gar mit einer doppelten oder vierfachen Verneinung erledigt werden. Das aber ist nicht wahr. Es geht um die Frage, ob es wirklich notwendig ist, wie du sagst, das Anhangen aufzulösen, um das Werden aufzulösen. Ich meine, das Werden löst sich auch dann auf, wenn das Anhangen nicht aufgelöst wird, zumindest, was mich betrifft. Mag sein, daß etwas wird: ständig werden neue Menschen geboren. Aber diese Menschen sind nicht ich. Also wird jemand, aber nicht ich werde. Also wird jemand geboren werden, aber nicht ich werde geboren werden. Also wird jemand ein weiteres Mal alt und stirbt, aber nicht ich werde ein weiteres Mal alt werden und sterben, wenn ich alt geworden und gestorben sein werde. Also wird jemand Schmerz und Jammer, Leiden, Trübsal und Verzweiflung wiederfahren, aber nicht mehr mir. Und soweit ich sehe, ist die einzige Möglichkeit, wie ich es künftigen Wesen ersparen kann, Werden, Geburt, Alter und Tod, Schmerz, Jammer, Leiden, Trübsal und Verzweiflung zu erfahren, die, Kontrarezeptiva zu verwenden und an der Entwicklung von Massenvernichtungswaffen mitzuarbeiten.
Ich bitte dringend um Beantwortung meiner Fragen. Ansonsten sehe ich mich genötigt, nicht nur deinem Verein nicht beizutreten, wozu ich wohl ohnehin zu bequem und lüstern wäre, sondern auch, ihn für eine Versammlung trübsinniger Dummköpfe zu halten.
Nachbemerkung: Selbstverständlich ist mir bekannt, daß niemandem bekannt ist, was denn eigentlich genau die Lehre des Herrn Gautama war, worin sie bestand, was dieser Mensch, der nichts schriftliches hinterließ, mündlich gesagt hat. All dies weiß ich so wenig wie sonst jemand, und wenn ich mich oben an Gautama wende, so wende ich mich an eine unwahrscheinliche Rekonstruktion späterer Schriften. Aber zum Glück könnte im Falle des Buddha kaum etwas gleichgültiger sein. Wir haben schließlich nicht die Frage zu entscheiden, ob wir es hier mit der Lehre von Gottes eigenem Sohn oder der Lehre eines durchgeknallten Sektenfanatikers zu tun haben; sondern wir haben die Frage zu entscheiden, ob die vorgetragene Lehre selbst, an sich, für sich, einleuchtend, überzeugend, und vielleicht sogar wahr ist. Die Lehre, daß es kein Selbst, kein Ich, keine Seele gibt, mag nun beim Buddha oder bloß bei Vasubandhu stehen, das ist aber ganz gleichgültig, wichtig ist, ob diese Lehre wahr ist. Die Lehre von der Falschheit der Gegensätze (die doppelte Verneinung, das eingeschlossene Dritte, der Satz ¬(A∨¬A)) mag von Buddha oder von Nāgārjuna oder Dinnāga erläutert werden, entscheiden ist, ob sie mir einleuchtet. Und nun meine ich eben, daß zwischen der Annahme der Wiedergeburt und der Annahme der Nichtexistenz des Ichs ein Widerspruch besteht, der durch den Verweis auf eine exzentrische Logik nicht ohne weiteres aus der Welt geschafft werden kann. Wer nun diesen Widerspruch auflöst, ist mir gleichgültig, sie mag ein Arhat sein oder auch nicht. Bis dahin aber werde ich fortfahren, den Buddhismus für einen Irrtum zu halten.
26.9.2000
Der Buddhismus wird sofort unsinnig, wenn wir als Bedingung des Geistes nicht mehr das Werden oder das Anhangen oder den Durst setzen, sondern den Körper.
Daß es sich um ziemlichen Käse handelt, ist schon daran zu erkennen, daß er im Westen von so Wirrköpfen wie Wagner, Karl Jaspers oder (wen oder was es alles gibt) der theosophischen Ulknudel Helena Petrovna Blavatsky rezipiert wurde.
28.9.2000
Ich weiß nicht, ob du es gemerkt hast, liebe Leserin, aber als ich dem Buddha Śākyamuni vorgeschwärmt habe, wie herrlich weit unsere Zeit es doch auch auf kulturellem Gebiet gebracht habe, da habe ich ein wenig aus Eitelkeit geprahlt, denn als ich behauptete, daß ich mir für wenig Geld die großartigsten Bücher aus allen Zeiten und Ländern zusenden lassen könnte, da habe ich es versäumt zuzugeben, daß ich zwar das Mahābhārata und das Ramayana gelesen habe, aber in gekürzten und verstümmelten Übersetzungen, die sich zum Original vermutlich verhalten wie Gustav Schwab zu Homer.
30.9.2000
Männer, die im Alter von fünfzig Jahren unbedingt noch einmal ein Kind in die Welt setzen müssen, weil sie jetzt endlich erkannt haben, wie wichtig ihnen die immateriellen Dinge im Leben und Liebe und Zärtlichkeit sind und sie sich jetzt so richtig intensiv um ihren Nachwuchs kümmern und sich richtig viel Zeit dafür nehmen wollen, das alles mit einer neuen Frau, die zwanzig, besser natürlich noch dreißig Jahre jünger ist als sie selbst, da sie ja so alt sind, wie sie sich fühlen und sie sich noch jung und vital und voller Energie fühlen und einen neuen Aufbruch wagen wollen, sollten erschossen werden.
Aber vielleicht bin ich ungerecht und polemisch. Schließlich kenne ich selbst einen Mann, der sich nach langen, zermürbenden Ehejahren endlich zur Scheidung entschließen konnte, nun eine andere Frau kennen gelernt hat, die um einiges jünger ist als er, was ihm ständigen Kummer bereitet, weil er glaubt, zu alt für sie zu sein, und die unbedingt Kinder von ihm möchte, worin er nach langen Bedenken eingewilligt hat, und von diesem Menschen wünsche ich durchaus nicht, daß er erschossen wird.
In den meisten von uns steckt wohl ein kleiner Ubu roi, der auf seinem Thron zappelt und „Tötet! Enthirnet!“ schreit, sobald ihm etwas begegnet, was ihm nicht paßt.
Idee für einen Popsong: zwei Strophen Gesang, dann ein instrumentaler Teil, dann noch einmal eine Strophe Gesang. Am besten im Vier/Viertel-Takt. Wie? Gibt’s schon? Na gut.
3.10.2000
Schwedischen Wissenschaftlern ist es gelungen, Brustimplantate statt aus Silikon oder Kochsalzlösungen aus Zucker herzustellen. Von den praktischen Vorteilen abgesehen, scheint mir das vor allem ein poetischer und psychologischer Fortschritt zu sein. Einen Hauch genialer wären allenfalls noch Brüste aus Honig.
5.10.2000
„Nein, nein, Maria Petrowna“, sagte ich mit einem festen Beben in der Stimme, „die . . . wird nie untergehen.“
7.10.2000
Grammatik: „Wem oder Was?“
An sich halte ich die Sommerzeit sowieso für Blödsinn. Wenn sie nun aber einmal sein muß, wäre es dann nicht besser, um ihre Auswirkungen auf Fahrplan und Biorhythmus zu minimieren, die Umstellung über zwei Monate zu verteilen, wobei jeden Tag zwischen zwei und drei Uhr morgens die Uhr um eine Minute verstellt würde?
12.11.2000
mürrisches Gedicht
Ich will keine Preisausschreiben und keine Reisen gewinnen
ich will nicht ins Fernsehen und keine ewige Jugend
und Chacheperreseneb hat recht.
Nicht Karma regiert die Welt, und
Ananke ist nur ein beschönigendes Wort für Tyche,
eine blinde Göttin der Finsternis
Gewiß sind Geburt, Elend, Leid, Jammer und Tod
die achte Zeile fehlt, hätte aber, wäre sie anwesend gewesen, das Leben mit einem Geschoß verglichen, das unbelehrbar seine abschüssige und energische Bahn bis zum elenden Ende verfolgt
Mein Leben besitzt nicht einmal die Schönheit einer guten Zahl.
13.11.2000
Ich habe einen Beleg gefunden für meine Vermutung, daß die Lehre des Buddha nicht ohne metaphysische Verrenkungen auskommt:
„Wenn nämlich das Bewußtsein eines Verstorbenen nicht in einen Mutterschoß hinabstiege, würde dann in diesem Mutterschoß Name und Körper entstehen?“
[Dīghanikāya (Pāli Text Society London), 15, 21, II]
Wenn wir annehmen, daß es keine unsterbliche Seele gibt, aber andererseits annehmen, daß das Karma über den leiblichen Tod hinaus wirkt, so wird diese Schwierigkeit dadurch gelöst, daß von der Fortdauer von etwas namens Bewußtsein gesprochen wird. Es wird eine Verbindung zwischen einem Verstorbenen und einem Embryo hergestellt. Das aber ist eben Aberglaube, selbst dann, wenn der neugeborene Mensch nicht mit dem verstorbenen identifiziert wird. Ein Embryo entsteht, wenn zwei lebende Menschen sich vereinen. Die Frage, die der Erhabene verneint, ist also zu bejahen: in einem Schoß entstehen Name und Körper durch die Befruchtung einer Eizelle ganz ohne das Bewußtsein eines Verstorbenen. Ich glaube, daß es möglich wäre, Menschen zu zeugen, selbst dann, wenn seit Jahren oder Jahrzehnten niemand mehr verstorben wäre.
Warum glaube ich das? Kann ich es beweisen? Ich kann es so wenig beweisen, wie ich irgend etwas beweisen kann. Aber die buddhistische Embriogenese ist überflüssig, die Entstehung von Kindern läßt sich anders erklären, sie läßt sich erklären durch eine Theorie, die auch die Staaten haplodiploider Insekten oder die Fortpflanzung der Feigenbäume erklärt, die genetische Theorie adaptiver Selektion.
14.11.2000
Die kleinen Würmer wühlen sich ins saftige Fleisch des Lebens, werden zu Menschen und fragen sich schließlich: „was soll das Alles?“
Eine letzte Bemerkung zum Buddhismus, dann soll es damit erst einmal wieder genug sein: der Unterschied zwischen Hīnayāna und Mahāyāna scheint mir dem Unterschied zwischen Linux und Windows zu gleichen. Der Anhänger des Mahāyāna oder der Benutzer von Windows weiß, daß sie selbst bloß ein unwissender Idiot ist und ohne die Hilfe des Bodhisattvas Bill verloren ist. Der Anhänger des Hīnayāna oder der Benutzer von Linux dagegen weiß, daß sie, will sie zur Erlösung oder einem funktionierenden Betriebssystem gelangen, selbst arbeiten und basteln und Dinge ausprobieren muß und niemand anders ihr diese Arbeit abnehmen kann. Es ist zwar intellektuell unbefriedigend, aber psychologisch unvermeidlich, daß der Windows/Mahāyāna-Typ den Linux/Hīnayāna-Typ verdrängt. Und dementsprechend bemühen sich ja auch neuere Fassungen von Linux auf würdeloseste Art und Weise, genauso auszusehen wie Windows (das seinerseits natürlich auch nur die Kopie der Apple-Oberfläche ist). Es könnte überraschen, daß das Christentum gleich von Anfang an in einer Mahāyāna-Version gestartet ist (die auch den Dümmsten nicht vom Heil ausschließen mag), würden wir die jüdische Vorgeschichte des Christentums vergessen.
18.11.2000
Kennst du das auch? Manchmal, beim Schreiben am Computer, kommt eine große Öde und Langeweile über dich, und du fängst an, eines dieser nutzlosen und langweiligen kleinen Spiele zu spielen, die ein böser Geist (oder warst du es selbst) über das Desktop gestreut hat. Von Steffen Gerlach gibt es ein kostenloses Programm namens XO, auch bekannt als Goban oder Fünf Gewinnt: wer als erstes fünf benachbarte Felder in einer horizontalen, vertikalen oder diagonalen Reihe besetzt hat, hat gewonnen, Mensch oder Computer. Das Spiel geht über zehn Runden, und gerade eben habe ich alle zehn Runden hintereinander gewonnen. Es wäre nicht sehr viel schwieriger, auch zwanzig oder hundert Runden hintereinander zu gewinnen, weil ich inzwischen einen Verzweigungsbaum auswendig im Kopf habe, der sämtliche möglichen Reaktionen des Computers und eine zum Sieg führende Antwort darauf enthält (ein besonders stupider Ast dieses Baumes führt bereits nach sieben Zügen zum Sieg). Nur würde ich es eigentlich vorziehen, mein Kopf würde etwas weniger graues enthalten als ausgerechnet diesen Verzweigungsbaum. Und während so mein Leben verrinnt, sind in meinem Kopf und wahrscheinlich in aller Menschen Köpfe bunte Worte und Bilder eingesperrt, die mit ihren Trägern unenthüllt zu Staub werden. Eurydice etwa springt wild in meinem Kopf auf und ab, weil ich ihre Geschichte immer noch nicht erzählt habe.
21.11.2000
An den Haltstellen hängt Werbung für Müllmänner und Claudia Schiffer.
Nach einer psychologischen Deutung hat, wer sich B wünscht, eigentlich A gewünscht, den Wunsch aber verdrängt und sublimiert und durch den sozial annehmbareren Wunsch B ersetzt. Aber wer Jahre und Jahrzehnte über B und über alle Aspekte von B nachgegrübelt und jedes Detail von B lieben gelernt hat, wird schließlich mit A kaum noch glücklich werden können, sondern nur noch mit B.
Die Künstler, die ich am meisten bewundere, haben sich nicht damit aufgehalten, ihre Persönlichkeiten auszudrücken, sondern haben großartige Kunstwerke geschaffen. Die Idee, sich allzu sehr für Künstler und ihr Leben und ihre Persönlichkeit zu interessieren, halte ich für einen modernen Irrtum. Dahinter mag die irrige Vorstellung stecken, ein bedeutender Künstler sei ein bedeutender Künstler, weil er so eine bedeutende, überdurchschnittliche Persönlichkeit besitze, die er mit Hilfe seiner Werke ausdrücke. Hauptsächlich aber handelt es sich um eine ganz gewöhnliche Neigung zum Klatsch, die selbe Neigung, die uns dazu bringt, uns für das Privatleben von Filmsternchen und Adeligen zu interessieren, also von Menschen, von denen alles andere als offensichtlich ist, daß sie irgendwie besonders bemerkenswerte Persönlichkeiten besäßen. Sogar die Verehrung für bedeutende Wissenschaftler zeigt diesen Hang zur Klatschsucht. Stellen wir uns einmal vor, Galois sei nicht im Duell gefallen, sondern sei siebzig Jahre alt geworden und habe fünfzig Jahre lang zweitklassige und unerhebliche Beiträge zur Mathematik veröffentlicht. Würde das im Ernst die Bedeutung von Galois für die Mathematik schmälern oder seine Beiträge zur Gruppentheorie oder zur Algebra wertlos machen? Es scheint aber kaum möglich zu sein, Galois zu erwähnen, ohne zugleich seinen schwerromantischen und unklaren Lebenslauf hervorzukramen.
Von dem Verfasser von Illias und Odyssee wissen wir nicht einmal, ob es sich um ein und die selbe Person handelt. Um die Frage wurde erbittert und nutzlos gestritten, als ob ihre Beantwortung uns irgend einen Gewinn verschaffen könnte. Wir haben die Illias, und wir haben die Odyssee. Beide unterscheiden sich, aber nicht so sehr, daß es ausgeschlossen erscheint, daß ein einziger Mensch bei beiden die Endredaktion besorgt haben könnte. Und wenn wir wüßten, daß Homer doch, wie es die Legende will, blind war oder definitiv wüßten, daß er nicht blind war, was würde das an seinen Büchern ändern? Auch der Meister des Tucheraltars hat es zu einiger Berühmtheit gebracht, auch wenn wir seinen Namen nicht kennen und nichts über seine Lebensumstände und von seinem zweifellos dramatischen und hollywoodkompatiblen Ringen mit der Kunst. Von anderen Künstlern wissen wir mehr, und oft ist dieses Wissen imstande, uns den Blick auf das Werk zu verstellen, und eigentlich wissen wir auch nichts von ihnen, wir haben bloß äußerlichen Klatsch von ihnen gehört. Um wild mit einem weiteren Beispiel um mich zu werfen: von John Cage gibt es einige Musikstücke aus den vierziger Jahren, die Perilous Night, Four Walls oder die Sonatas & Interludes For Prepared Piano, die eine Stimmung von Einsamkeit und Unglück evozieren. Nun, was können wir zusammentragen, um diese Stücke zu erklären? Es war damals Krieg oder die Auswirkungen des Krieges, und viele Menschen waren unglücklich. Aber das ist als Erklärung ziemlich unsinnig, denn wahrscheinlich waren in diesen Jahren auch viele Menschen glücklich, und wer gerade in diesen Jahren die Liebe seines Lebens fand, fühlte sich vielleicht als der glücklichste Mensch der Welt, und solche Aussagen über die Zeitumstände sind bloß statistischer Unfug. Von Cage wissen wir noch etwas mehr, daß er sich damals von seiner Frau getrennt hat und seine berufliche Zukunft in einem unsicheren Licht erscheinen mußte. Das macht es plausibel, warum er damals Musikstücke von so unheiterer Stimmung schrieb. Aber unheiterer Stimmung sind im übrigen auch andere Menschen gelegentlich, ohne daß sie Stücke von solcher (inzwischen weithin anerkannter) Qualität schreiben. Wir können auch zu eindrucksvolleren intellektualistischen Mitteln greifen und die Psychoanalyse bemühen. Ein beliebter Vulgärpsychologischer Trick ist es beispielsweise, einen Menschen als homosexuell zu entlarven, so, als ob durch die mehr oder weniger willkürliche Behauptung, beispielsweise Kafka oder Nietzsche seien homosexuell gewesen, auch nur das Geringste an ihrem Werk erklärt worden wäre. Die Liebe zwischen John Cage und Merce Cunningham ist nun aber alles andere als ein Geheimnis gewesen, so daß der verblüffende Gestus der Enthüllung der verborgenen, nur erfahrenen Psychogurus dechiffrierbaren Homosexualität hier eher ins Leere läuft. Und wieder wird für die Stücke selbst nichts erklärt, denn die Stücke handeln von Einsamkeit, ohne ein bestimmtes Geschlecht oder eine bestimmte Orientierung festzulegen oder vorauszusetzen, und es wäre ziemlich albern, von einem Stück wie Four Walls zu behaupten, es handele sich um Schwulenmusik. Wer, statt auf die Musik selbst zu hören, darauf beharrte, die Musik über das Leben zu erklären, würde große Gefahr laufen, das Wesentliche dieser Stücke zu verfehlen und etwa für den Ausdruck des Lebensgefühls einer bestimmten Minderheit zu halten, was in Wahrheit eine Erfahrung aller Menschen ist. Im übrigen hat John Cage selbst gesagt, was er von Psychoanalyse oder allen Arten von Kult um Persönlichkeit hält. Er selbst hat die Stücke, die wir erwähnten, später eben deshalb verworfen, weil sie ihm noch zu persönlich schienen, zu sehr mit der eigenen Persönlichkeit beschäftigt, und mit großem Einfallsreichtum hat er neue Stücke geschrieben, die frei von persönlichen Absichten, von Intentionalität oder den Beschränktheiten eines individuellen Geschmacks sein sollten. Insofern hat Cage sich auch ganz konsequent auf den Buddhismus berufen (den er im übrigen erst entdeckte, als seine eigene Konzeption nichtintentionaler Musik bereits entwickelt war), denn auch der Buddhismus leugnet ja, wie wir weiter oben zu sehen Gelegenheit hatten, ein individuelles Selbst.
Daß heute im Gegensatz zu früheren Zeiten das Plagiat als ein großes Verbrechen gilt, scheint mir zweierlei Gründe zu haben. Zum einen wird das Plagiat als ein ökonomisches Vergehen begriffen, daß das Einkommen des ursprünglichen Erfinders schmälert. Der andere Grund aber ist in rein metaphysischer: es ist die Vorstellung, ein Künstler bringe sein Werk mit Hilfe seines Lebens, seiner Person und seiner Leiden hervor, und der Plagiator eigne sich widerrechtlich dieses Werk an, obwohl er selbst doch gar nicht das Leben, die Person und das Leiden besitzt, die nötig sind, um dieses Werk legitimerweise hervorzubringen. Ein echtes Kunstwerk ist dieser Vorstellung zufolge so sehr mit dem Herzblut eines Künstlers geschaffen, daß es ein untrennbarer Teil dieses Menschen ist, daß es geradezu eine Körperverletzung oder ein Seelenraub ist, ihm Einfälle aus seinem Werk zu stehlen: wer einen Menschen plagiiert, raubt ihm demzufolge seine wertvolle Persönlichkeit. Nur wenige Künstler früherer Zeiten hätten dieses Argument begriffen.
Auch heute gibt es noch einige, die das Plagiat für legitim halten, aber meist mit der falschen Begründung. Die falsche Begründung sieht so aus, daß unterstellt wird, es gebe mindere Künstler mit unbedeutenderen Persönlichkeiten, die vielleicht den einen oder anderen Einfall hervor bringen können, nicht aber das eine überragende Kunstwerk. Und dann gibt es da die großen überragenden Persönlichkeiten, die die großen Kunstwerke schaffen und die sich ohne weiteres die Einfälle der kleineren Geister einverleiben können und dürfen und müssen, weil sie mit ihrer übermächtigen Persönlichkeit ohnehin diese Einfälle sich anverwandeln und in etwas ganz eigenes verwandeln. Diese Theorie ist nicht weniger metaphysischer Unsinn als die Theorie, die das Plagiat als Persönlichkeitsraub verbietet, nur daß sie noch zusätzlich mit der Arroganz selbsternannter Übermenschen daherkommt. In Wahrheit, so meine ich, gibt es überhaupt keine Persönlichkeiten, nur Werke, und deshalb ist das Plagiat eine rein juristische und keine ästhetische Kategorie.
Ein verwandter Unsinn ist das Reden von persönlichem Stil, von Handschrift und dergleichen. Dergleichen gibt es natürlich in dem Sinn, daß zwei Bilder des gleichen Malers Merkmale aufweisen, die es ermöglichen, sie dem gleichen Maler zuzuschreiben. Aber Unfug ist die Bedeutung, die dieser banalen Tatsache zugeschrieben werden. Der Fan, der Bewunderer glaubt, wenn Jimi Hendix ein gutes Musikstück aufgenommen oder Goethe ein gutes Buch geschrieben hat, dann müsse jedes Musikstück von Hendrix oder jedes Buch von Goethe von höchster Qualität sein, auch noch der uninspirierteste Mist, wie er sich in der schweinsledernen Gesamtausgabe findet, während doch in Wahrheit jedes einzelne Werk für sich selbst beweisen muß, ob es für uns einen Wert besitzt oder nicht. Und die Künstler, die an die persönliche Handschrift und an den eignen Stil glauben, bemühen sich, ein Markenzeichen zu entwickeln, was auch ökonomisch klug ist, denn je wiedererkennbarer ihre Werke sind, um so besser lassen sie sich verkaufen. So lassen sie sich einen speziellen Blauton patentieren, mit dem sie dann alle ihre Werke gestalten, oder malen alle ihre Bilder auf dem Kopf. Wie unklug verhält sich dagegen ein Max Ernst (oder ein Picasso oder, auf einem ganz anderen Gebiet, ein Friedrich Karl Waechter), der immer wieder vermieden hat, einen persönlichen Stil, eine unverwechselbare Handschrift oder gar ein Markenzeichen zu entwickeln und zu sagen „Ein Maler mag wissen, was er nicht will. Doch wehe!, wenn er wissen will, was er will! Ein Maler ist verloren, wenn er sich findet. Daß es ihm geglückt ist, sich nicht zu finden, betrachtet Max Ernst als sein ,einziges‘ Verdienst.“
Eine ähnliche Neudeutung wie im Falle des Plagiats gibt es im Fall der Fälschung: es ist nicht üblich zu fragen, ob ein bestimmtes Werk uns gefällt oder nicht, sondern wir wollen wissen, ob ein bestimmtes Werk von Rembrandt oder bloß aus seiner Werkstatt, ob ein bestimmtes Bild von van Gogh oder einem zeitgenössischen Fälscher ist. Wir halten uns sogar mit der Frage auf, ob der siebte Brief von Platon echt ist oder nicht, während die wichtigste Frage statt der Frage nach Original oder Fälschung die Frage wäre, an welchen Stellen Platon (oder wer auch immer) Recht oder Unrecht hat. Edelfeinschmecker lehnen sogar den Gebrauch von Natriumglutamat ab, weil das künstlich und unecht und ein Geschmacksverstärker ist, so, als ob das beliebte und altehrwürdige Natriumchlorid etwas anderes als ein Geschmacksverstärker wäre. Frühere Zeiten waren weniger heikel, was das Künstliche, Unechte, Gefälschte angeht: kein Herrscher der Renaissance, des alten Japans oder Chinas oder des Rokoko, weder die Erbauer von Versailles noch von Schwetzingen wären auf die Idee gekommen, eine Landschaft müsse, um zu gefallen, unberührt und urtümlich sein, allenfalls war es denkbar, innerhalb des von Menschenhand geschaffenen Parks einzelne Winkel zu schaffen, die so aussahen, als seien sie unberührt und urtümlich. Wir aber wollen das Echte, das Authentische, den Strand, auf dem noch kein Abdruck eines menschlichen Fußes zu sehen ist, das Bild, das der wirkliche und echte van Gogh, der wirklich und echt in einer wirklichen Irrenanstalt war, eigenhändig gemalt hat, wir wollen den Altar sehen, den wirklich der Meister des Tucheraltars gemalt hat und nicht etwa irgend ein anderer. Denn wir glauben, im wahren Kunstwerk würde sich das wahre Leben ausdrücken, während im gefälschten nachgemachten Kunstwerk sich nur ein gefälschtes, künstliches Leben ausdrücken kann.
In der Berliner Gemäldegalerie der Staatlichen Museen Preußischer Kulturbesitz wird ein Bild aufbewahrt, das zu meinen Lieblingsbildern gehört und das aus der Werkstatt Botticellis stammt, vermutlich aber nicht von Botticelli selbst. Zu sehen ist eine nackte Dame, die verblüffend der Venus aus der „Geburt der Venus“ gleicht, vor einem schlichten schwarzen Hintergrund. Was mir daran gefällt, ist der Verzicht auf mythologischen Zierat, auf den allegorischen Pomp, der die Geburt der Venus verunstaltet. In gewisser Weise würde ich dieses anonyme Bild der Geburt der Venus vorziehen, wenn es nicht glücklicherweise so wäre, daß ich gar keinen Grund habe, mich zwischen beiden Bildern irgendwie entscheiden zu müssen. In einigen Details weicht die Venus vor schwarzem Grund von der Venus aus der Geburt der Venus ab, etwa dadurch, daß sie zwei zusätzliche Zöpfe hat. Von Röntgenuntersuchungen wissen wir, daß auch die Venus aus der Geburt der Venus im ursprünglichen Entwurf diese Zöpfe hatte, die Botticelli dann aber während der Ausführung des Bildes verwarf und übermalte. Da wir wissen, daß Farbe und Leinwand der Venus auf schwarzem Grund alt sind, älter jedenfalls als die Röntgentechnologie, da aber nur Botticelli und seine Gehilfen von den Zöpfen des ursprünglichen Entwurfs ohne Zuhilfenahme von Röntgenaufnahmen wissen konnten, wissen wir, daß dieses Bild entweder von Botticelli oder einem seiner Gehilfen stammen muß. Es ist auch einfach genug, sich vorzustellen, wie dieses Bild entstanden ist. Vor der Anfertigung eines Gemäldes war es üblich, eine Zeichnung auf Papier anzufertigen, die dann auf die Leinwand übertragen wurde. Im Fall der Geburt der Venus gab es keinen Grund, von diesem Verfahren abzuweichen. Die Zeichnung wurde im Maßstab 1 zu 1 angefertigt, da sie mittels technischer Hilfsmittel mehr oder weniger mechanisch (durch Durchpausen) auf die Leinwand übertragen wurde. Ein Meister konnte sich deshalb darauf beschränken, Zeichnungen anzufertigen und die Herstellung der Gemälde seinen Gehilfen überlassen (und gerade Botticelli, der zu seiner eigenen Erbauung Dantes Göttliche Komödie mit Zeichnungen illustriert hatte, wurde vor allem gerühmt für seine Zeichnungen und Entwürfe). Nach der Vollendung der Geburt der Venus war die ursprüngliche Zeichnung auf Papier noch immer im Besitz der Werkstatt Botticellis. Ein Gehilfe Botticellis konnte also seine Fähigkeiten üben, indem er diese Zeichnung Botticellis auf eine Leinwand übertrug und ausmalte. Vermutlich geschah das, als die Geburt der Venus fertig gestellt, aber noch nicht ausgeliefert worden war, denn die Farben und die Schattierungen beider Bilder stimmen sehr gut überein, während es andere Bilder aus der Werkstatt Botticellis gibt, bei denen die Linienführung ganz botticelliartig, die Farbgebung aber ganz unbotticelliartig ist. Es ist auch nicht völlig auszuschließen, daß Botticelli selbst diese Kopie angefertigt hat, eventuell, weil er selbst seine Venus so gelungen fand, daß er eine Kopie davon, als Referenz, als Andenken oder zum eigenen ästhetischen Vergnügen behalten wollen. Wahrscheinlicher ist aber doch, daß es sich um das Werk eines Gehilfen handelt. Meine Pointe dieser Geschichte ist nun, daß es meiner Meinung nach darauf überhaupt nicht ankommt, daß es dem Bild gleichgültig sein kann, ob es nun dem Pinsel des Meisters oder eines Gehilfen entstammt, ob es ein echter Botticelli ist oder nicht. Es ist meiner Auffassung nach sogar nicht einmal besonders wichtig, daß dieses Bild eigentlich nur das Abfallprodukt der Herstellung eines anderen Bildes ist, wenn mir selbst dieses Bild als gelungener erscheint als das Bild, dessen Abfallprodukt es ist. Denn, die Leserin ist vielleicht schon überdrüssig, es zu hören, angesichts eines Werkes sollten wir nicht nach anderen Werken oder den Menschen, die es hergestellt haben, fragen, sondern nach dem Inhalt des Werkes selbst.
Auch meine eignen bescheidenen Veröffentlichungen im Internet, wiewohl kaum mit den erwähnten Meisterwerken im Rang vergleichbar, erleiden ein vergleichbares Schicksal. Die beiden wichtigsten Fragen, die viele Besucher meiner Seiten zu bewegen scheinen, sind die folgenden: zum einen, ob ich denn nun ein Bub namens Jan oder ein Mädel namens Sibylle bin, zum anderen, ob ich gewisse Geräte, die ich an anderer Stelle erwähne, selbst benutze und wenn ja, welche Marken und Fabrikate ich bevorzuge. Diese Neugier in Bezug auf meine Person erstaunt mich nicht, und ich kann auch nicht sagen, daß sie mir über die Maßen lästig wäre, ich selbst wäre wohl von einer solchen Neugier nicht frei, und wer unbehelligt von solchen Fragen bleiben wollte, dürfte nichts veröffentlichen oder zumindest nicht zusammen mit einer gültigen email-Adresse (letzteres ist sowieso bedenklich: weil meine email-Adresse auf jeder meiner Seiten steht, ist sie in jeder nur denkbaren Adressenliste gelandet, und täglich bekomme ich Post von Menschen, die sich weder für mein Werk noch für meine Person interessieren und mir statt dessen erzählen wollen, wie ich mein Gewicht reduzieren, durch den Erwerb von Bergwerksaktien, die Teilnahme an Pyramidensystemen oder durch Telearbeit reich werden oder Bilder gerade eben achtzehn gewordener blutjunger hemmungsloser nymphomanischer Nymphen erwerben kann; Danke, Danke, ich will mein Gewicht nicht reduzieren, ich will nicht reich werden, und an Kinderpornographie bin ich auch nicht interessiert). Dergleichen Interesse an meinem Leben ist nicht an sich verwerflich, ich wüßte aber nicht, warum ich mit Fremden Privates bereden sollte, wenn ich doch auch anderes zu erzählen habe, und auch nicht, warum ich anderen die Arbeit erleichtern sollte, mich in Schubladen einzuordnen („ein Mann, und schreibt über das Seelenleben einer Frau, wie erstaunlich! Aber wenn man genau hinschaut, sieht man doch an manchen Einzelheiten, daß er nicht weiß, wovon er spricht“//„eine Frau, und kann programmieren, wie erstaunlich! Aber wenn man genau hinschaut, sieht man bei ihr doch manche Stellen mit schlechtem Code, wie sie ein Mann mit seiner angeborenen Fähigkeit zum Programmieren niemals schreiben würde“), die mir zu eng sind, Unbequemlichkeiten des bedauerlichen Umstandes, mit einer Persönlichkeit belastet zu sein, jemand zu sein und nicht niemand: „Spinoza meint, daß alle Dinge in ihrem Sein beharren wollen; der Stein will ewig Stein sein und der Tiger Tiger. Ich muß in Borges bleiben, nicht in mir (falls ich überhaupt jemand bin), aber ich erkenne mich in seinen Büchern weniger wieder als in vielen anderen oder im beflissenen Gezupf einer Gitarre.“
Viele Menschen wollen berühmt werden, so, als könnten sie so dem Tod entgehen. Und da sie gelernt haben, daß Leben und Werk eine untrennbare Einheit bilden, sind sie bereit, nicht nur ihr Werk, sondern auch ihr Leben zu veröffentlichen, ja, sie sind auch gerne bereit, auf den mühsamen und umständlichen Werk-Teil ganz zu verzichten und lediglich mit ihrem Leben berühmt zu werden, das sie filmen lassen oder in öffentlichen Diskussionen erläutern. Und während es früher ein mühseliges Geschäft war, das Kaufverhalten von Konsumenten personenbezogen zu erforschen, sind heute die Kunden gerne bereit, diese Information selbst zur Verfügung zu stellen, eventuell gegen das vage Versprechen eines marginalen Rabatts, wenn sie sich für ihre Einkäufe einer Kundenkarte bedienen. Scham und Intimität sind unhaltbare Kategorien, wenn regelmäßig Intimstes zur Herleitung öffentlicher Handlungen verwendet wird. Ob Freuds Leonardo-Biographie die direkte Ursache des Daily Talk ist, weiß ich nicht, vermutlich hätten sich die täglichen Talkshows in einer liberalen Gesellschaft auch ohne Freuds Leonardo-Biographie entwickelt. Es ist aber zumindest heuchlerisch, sich über die schamlosen Auswüchse der Populärkultur zu erregen, wenn die Hochkultur nicht weniger alle Scham verloren hat. Das alles ist nun keine große Katastrophe: zum einen werde ich nicht gezwungen, die Ergüsse in den vom Privatfernsehen entwickelten Formaten anzuschauen (ja, ich bin technisch dazu mangels der entsprechenden Geräte gar nicht in der Lage), zum anderen bin ich selbst ja auch gar nicht frei von Neugier und wüßte natürlich auch gern, was denn dieser Leonardo für ein Mensch war und ob er eine Freundin hatte und so weiter. Selbst von der Frage, ob Jenny nun von Alex schwanger ist oder nicht, kann ich nicht behaupten, sie würde mich überhaupt nicht interessieren (obwohl es spannenderes gibt). Aber das bedeutet nicht, ich selbst müßt meinerseits der Neugier anderer Menschen besonders weit entgegen kommen. Ich möchte nicht unsterblich sein, ich möchte nicht berühmt sein, und ich möchte auch nicht mein Leben öffentlich machen.
Ich lege keinen Wert darauf, immer und für alle Zeiten unwandelbar ich zu sein. Eine Persönlichkeit zu sein scheint mir weniger eine bedeutende Leistung als eine erhebliche Einschränkung zu sein, und immer ich zu sein, würde bedeuten, für immer meine Unvollkommenheiten und Beschränkungen zu verewigen. Die Frage, wer und was ich bin, verstehe ich als eine Frage nach meinen Fehlern und Beschränkungen. Soweit diese mir bekannt sind, arbeite ich an ihnen, ich gedenke aber jedenfalls nicht, sie ohne Not öffentlich zu machen (denn hier gilt im wesentlichen das, was im Zimtbonbon-Kapitel des Sibylle-Textes steht (Gerade der Sibylle-Text scheint im übrigen etwas an sich zu haben, das seine Leser dazu bringt, ein reflektiertes Kunstwerk mit einer naiven Beichte zu verwechseln, und Fremde, die mich nicht kennen, neigen dazu, anzunehmen, ich sei mit der Heldin dieses Textes mehr oder weniger identisch. Drolligerweise vertreten diejenigen meiner Verwandten, die einen Internetanschluß besitzen, mit ebenso wenig Recht die gleiche Theorie)). Und das, was mir eventuell an gutem gelingen mag, gehört sowieso nicht mehr mir, sondern allen, und verdankt sich jedenfalls der Vermittlung von vielen. Um ein zweites Mal Borges zu zitieren (der wußte, daß er nicht der erste war, der diesen Gedanken hatte): „Dieser oder jener geglückte Vers darf uns nicht eingebildet machen, denn er ist eine Gabe Des Zufalls oder Des Geistes; nur die Mängel sind unser.“
30.11.2000
rumpelndes Gedicht
bin ich auch (rumpel)
bin ich doch (rumpel)
4.12.2000
trauriges Gedicht
. . .
10.12.2000
Machiavelli über Dr. Helmut Kohl:
Das Verdienst des Horatiers war sehr groß, denn er hatte durch seine Tapferkeit die Curatier besiegt. Sein Verbrechen war grauenhaft, denn er hatte seine Schwester getötet. Diese Mordtat empörte die Römer so, daß sie ihn trotz seines großen, noch in frischer Erinnerung stehenden Verdienstes vor Gericht zogen, um über sein Leben zu beschließen. Oberflächlich betrachtet, könnte dies als Beispiel von Undankbarkeit des Volkes erscheinen. Bei reiflicher Überlegung jedoch und bei näherer Untersuchung, wie die Einrichtungen von Republiken sein sollen, wird man das Volk eher dafür tadeln, daß es ihn freisprach, als dafür, daß es ihn verurteilen wollte, denn keine wohlgeordnete Republik kann die Vergehen ihrer Bürger durch ihre Verdienste ausgleichen. Vielmehr setzt sie Belohnungen für gute und Strafen für schlechte Taten fest, und wenn sie einen für etwas Gutes belohnt hat, so züchtigt sie ihn danach, wenn er etwas Schlechtes getan hat, ohne die geringste Rücksicht auf seine Verdienste.
Werden diese Einrichtungen genau beobachtet, so hält sich ein Staat lange Zeit frei, andernfalls wird er bald zugrunde gehen. Denn gesellt sich bei einem Bürger, der irgend etwas Großes für den Staat geleistet hat, zu dem Ansehen, das er dadurch erwirbt, noch Verwegenheit und das Vertrauen auf Straflosigkeit, wenn er etwas Böses vollbringt, so wird er bald so übermütig werden, daß jede bürgerliche Ordnung sich auflösen muß. Will man aber, daß die Strafe für böse Taten gefürchtet wird, so ist es notwendig, auch Belohnungen für die guten zu erteilen, wie es Rom tat. Wenn eine Republik auch arm ist und wenig geben kann, so darf sie doch nicht versäumen, dies wenige zu geben, denn die kleinste Belohnung für eine noch so große Tat empfindet der Empfänger als ehrenvoll und bedeutend. Jedermann kennt die Geschichte des Horatius Cocles und des Mucius Scaevola. Der eine hielt die Feinde bei einer Brücke so lange auf, bis sie abgebrochen war, der andre verbrannte sich die Hand, weil er den Etruskerkönig Porsenna ermorden wollte und sich an einem Falschen vergriff. Beide erhielten für ihre hervorragenden Taten vom Staate zwei Morgen Land. Bekannt ist auch die Geschichte des Manlius Capitolinus. Für die Befreiung des Kapitols von den Galliern, die es belagerten, erhielt er von den mit ihm Belagerten ein kleines Maß Mehl. Bei den Umständen, in denen sich Rom damals befand, war diese Belohnung groß. Als er aber später aus Neid oder natürlicher Bosheit einen Aufruhr in Rom erregte und das Volk zu gewinnen suchte, wurde er ohne die geringste Rücksicht auf seine Verdienste kopfüber von demselben Kapitol hinabgestürzt, das er mit so großem Ruhm gerettet hatte. (Discorsi, 24. Kapitel, 1531)
Ich habe, beim Schreiben von Texten am Computer und dem markieren einzelner Wörter mit der Maus, ein Spiel wiederentdeckt, das so geht: gegeben ist eine Zeichenkette s2, und gesucht wird nun eine Zeichenkette s1, so daß s2 eine Teilzeichenkette von s1 ist. Bei mehreren Lösungen ist die kürzeste vorzuziehen. Das paradigmatische Beispiel dieses Spiels stammt von Hofstadter: gesucht wird eine Lösung für „sthm“. Eine mögliche Lösung, vermutlich die optimale, ist „asthma“. Weitere Fälle sind:
elevant
dements
rrita
triebss
hrpl
choan
ngsa
terna
ispi
tandar
öti
uschl
obl
tgen
lagi
bry
16.12.2000
Als Frau Schmidt wieder und wieder beteuerte, sie würde mir den Bohrstift, den sie kaputt gemacht hatte, ersetzen, muß sie schon genau gewußt haben, daß das leere Versprechen waren, denn sonst hätte sie sich ja wohl, statt immer wieder zu erklären, wie leid ihr das täte und das sie mir selbstverständlich neue Bohrer kaufen würde, aufgeschrieben, was denn das eigentlich für ein Bohrer war (ein 2.5 HSS Twist Drill, den ich sowieso nie benutze, weil ich endweder Stein mit Steinbohrern oder Holz mit Holzbohrern bohre), den sie das kaputt gemacht hatte. Ich hoffe, sie liest das hier.
In der Erörterung der Schmincke wird meist der Aspekt der Täuschung erörtert, derart, daß eine Frau als schöner erscheinen möchte, als sie wirklich ist, um so ihre Mitmenschen zu betrügen. Falls wir aber die ehedem so beliebten Physiognomiedeutungskünste verwerfen (und das müssen wir wohl, denn es klingt nicht sehr plausibel, anzunehmen, daß es viele Gene gäbe, die gleichzeitig auf das Verhalten und das Gesicht wirken, und aufgrund der Kombinierbarkeit der Gene bricht damit jeder angeborene Zusammenhang zwischen Gesicht und Verhalten zusammen, und es bleibt allenfalls noch übrig, daß schöne Menschen statistisch etwas klüger sind, weil es mehr Spaß macht, ihnen etwas zu erklären, als unschöne), dann ist ein Gesicht im Naturzustand nichtssagend und bedeutungslos, und erst die Schmincke macht daraus eine Aussage, die Rückschlüsse über das Wesen der Geschminckten erlaubt. Deshalb ist in Wahrheit die Schmincke keine Täuschung, sondern der Versuch, die Maske des zufälligen und nichtssagenden ungeschminckten Gesichts abzulegen und das wahre Gesicht zu offenbaren.
Es ist natürlich unfair, Kohl ein Zitat aus einem Werk wie den Discorsi des Machiavelli um die Ohren zu hauen, denn in einem wilden Steinbruch wie den Werken eines Machiavelli oder schlimmer noch eines Nietzsches (oder, auf anderem Niveau, auch in dieser wirren Sammlung) finden sich leicht Belege für alles und gegen alles, und ein Zitat läßt sich mit einem anderen Zitat widerlegen. Im 58sten Kapitel der Discorsi nimmt Machiavelli nicht nur die Gewaltenteilung vorweg, sondern die ganze Poppersche Abhandlung in der „offenen Gesellschaft“, warum es weniger darauf ankommt, wer herrscht, sondern darauf, ob diese Herrschaft durch Gesetze und Institutionen gebändigt ist, &c. Diese offensichtliche Genialität hindert Machiavelli nicht daran, zwei Kapitel früher den allergrößten und naivsten Blödsinn zu schreiben.
Ich weiß, ich soll Herrn Machiavelli aus seiner Zeit heraus verstehen, und die glaubte eben an Zeichen und Wunder und Prophezeihungen, aber was ist das für ein langweiliges Spiel, das alle früheren Schriftsteller in unzurechnungsfähige Idioten verwandelt, mit deren Schrullen wir Nachsicht üben müssen und mit denen ein lebendiges Gespräch unmöglich geworden ist. Mir scheint, wir sollten die Menschen der Vergangenheit nicht als interessante Insekten betrachten, deren Leben wir gegebenfalls verfilmen können, deren Werk uns aber nichts mehr wirklich angeht, weil es ja zeitbedingt und daher nicht mehr ernst zu nehmen ist, sondern sie so behandeln, als hätten sie gerade eben gesprochen.
Die Menschen der Illias oder der Geschichte des Prinzen Genji haben seltsame Begriffe von Ehre oder von Ehe, und dementsprechend reden und handeln sie recht seltsam, aber es sind die gleichen Menschen, wie sie heute auch leben, und nur deshalb sind wir überhaupt imstande, mit Achilles oder Murasaki Mitleid zu haben. Ein Text, von dem es heißt, wir würden ihn herrlich finden, wenn wir so empfinden würden, wie die Menschen vor tausend oder vor zweitausend Jahren empfunden haben, kann uns gleichgültig sein. Und deshalb gibt es für das 56ste Kapitel der Discorsi auch keinen Bonus. Und deshalb handelt es sich bei den Discorsi um ein buntes Gemenge, das keine Autorität beanspruchen kann, weil die Qualität der einzelnen Teile offensichtlich allzu unterschiedlich sind (abgesehen davon, daß wir Autoritäten auch dann nicht vertrauen sollten, wenn sie weniger leicht als fehlbar zu durchschauen sind). Und deshalb ist die Pointe des von mir zitierten 24sten Kapitels auch eigentlich nicht, daß Machiavelli es ist, der das schreibt, was ich zitiere, sondern was er schreibt.
22.12.2000
Martin meint, ich solle unbedingt die Autobiographie von Marilyn Manson lesen, und bei meiner Polemik gegen Hayek hätte ich vergessen, daß die Reichen überproportional von den Leistungen des Staates profitieren, so daß es gerechtfertigt ist, wenn sie überproportional viel Steuern zahlen.
Die Biographie von Marilyn Manson The Long Hard Road Out Of Hell ist unbestreitbar teilweise ziemlich komisch, wenngleich ich es etwas bedenklich finde, daß er auf offener Straße wildfremde Leute anpöbelt. Außerdem ist dieser ganze Satanismus ziemlich langweilig. Die Negation bleibt qua Negation stets dem Negierten verhaftet, und während die Philosophie eines Russell oder eines Demokrit sehr gut ohne Christentum auskommt, ist der Satanismus ohne sein Gegenbild, das Christentum, kaum denkbar. Eben weil ich mit dem Christentum so wenig wie möglich zu tun haben möchte, wirkt der Satanismus mit seinen dem Christentum entlehnten Ritualen auf mich eher abstoßend. Jedenfalls ist mir klar geworden, daß, würde Dante den ersten Teil der göttlichen Komödie heute in Amerika veröffentlichen, er sofort als Satanist von Pat Robertson entlarvt, gebrandtmarkt und mißverstanden würde. Im übrigen ist in einer Welt, in der Sexualität als Böse gilt, Heuchelei ziemlich unvermeidbar, und mit der Heuchelei wohl auch eine radikale Opposition, die sich der Begriffe des Bösen und Lästerlichen bedient, das heißt, jeder Pat Robertson erschafft sich seinen eigenen Marilyn Manson (gegen den er dann eifern darf). Denn die Heuchelei, die sich notwendig aus einer unerfüllbaren Ethik ergibt (die es unmöglich macht, gerecht zu sein), läuft auf einen Codex hinaus, daß alle sich einig sind, anders zu reden als zu handeln, und daß niemand mehr an die Moral glaubt, die öffentlich gepredigt wird, so daß die Negation dieser Moral unwiderleglich wird. Wir wissen, daß die Moralprediger Dinge tun, die sie öffentlich verurteilen. Wie also könnte da dann noch etwas verboten sein? Wenn die Religionslehrerin heimlich Liebesromane liest, wie ließe sich da erklären, was daran böse sein sollte, sich wie Marilyn Manson aufzuführen?
Eine der komischsten Aspekte dabei ist es, daß es als so unendlich schandbar gilt, wenn ein Mann Frauenunterwäsche trägt. Die allermeisten Frauen tragen Frauenunterwäsche, ohne daß irgend jemand etwas dabei findet. Ich glaube nicht, daß die Apostel Feinripp mit Eingriff trugen.
Nur schade, daß die Musik von Marilyn Manson so ein langweiliges Geschrubb ist (siehe auch, für echte Studien in Demologie, John Zorns Naked City mit Leng Tch’e oder Diamanda Galas’ The Litanies of Satan).
Was aber Hayek angeht, so muß ich ihn in dem angesprochenen Punkt ausnahmsweise verteidigen. Es ist natürlich wahr, daß die Reichen in einem geordneten Staat mehr Glücksgüter genießen können als die Armen, so daß sie in gewisser Weise mehr von der Existenz eines geordneten Staates profitieren als die Armen, es ist aber kaum vorstellbar, wie es anders sein könnte, wenn nicht der Staat sehr radikal die Glücksmittel zugunsten der Ärmeren umverteilte, und gäbe es keinen Staat, so würden die Reichen ihn sofort erschaffen. Bei einer durch Maut finanzierten Autobahn finden wir es gerecht, daß jeder Fahrer eines PKW gleich viel für die gleiche Strecke bezahlen soll, weil sie alle etwa die gleichen Kosten verursachen und die Autobahn in etwa gleich abnutzen, obwohl natürlich der Vorteil der Autobahn für den Fahrer eines schnellen Autos größer ist als für den Fahrer eines langsamen Autos (der genausogut auch Landstraße fahren könnte). Ebenso verlangen wir von einem gebildeten Menschen nicht mehr Geld für ein Buch als von einem Ungebildeten, auch wenn vielleicht der Gebildete aus dem Buch größeren Gewinn und Genuß zu ziehen vermag als der Ungebildete. Es soll auch nicht die Aufgabe des Staates sein, die Reichen dafür zu bestrafen, daß sie die ihnen gebotenen Möglichkeiten eher nutzen können als die Armen. Worum es geht, ist, ob der Staat Einrichtungen unterhält, die in besonderem Maß den Reichen zugute kommen, weil die Armen gar keine Gelegenheit haben, diese Einrichtungen zu nutzen. Wer nicht Auto fährt, muß keine Maut bezahlen, wohl aber Steuern, von denen in Deutschland die Autobahnen unterhalten werden, es muß also auch der mit seinen Steuern die Autobahnen unterhalten, der sich aufgrund seiner Armut gar kein Auto leisten kann. Es zahlen freilich auch die Reichen für die Subventionierung öffentlicher Verkehrsmittel, die sie selbst gar nicht nutzen (allerdings möglicherweise die von ihnen abhängig Beschäftigten, so daß sich an ihrem Lohn etwas einsparen läßt, und spätestens hier werden die Dinge ein wenig unübersichtlich, denn wenn ein Arbeitgeber davon profitiert, daß seine Angestellten öffentliche Verkehrsmittel zu subventionierten Preisen nutzen können, so profitieren doch auch die Angestellten und die Träger der Arbeitslosenversicherung davon, daß der Arbeitgeber überhaupt jemand eingestellt hat). Es scheint offensichtlich, daß die Reichen weit mehr von der Existenz einer Polizei profitieren, die das Eigentum der Bürger schützt, als die Armen. Es scheint aber nur so, denn gerade die Armen sind überproportional Opfer von Verbrechen, profitieren also in Wahrheit in besonders hohem Maß von der Existenz einer Polizei. Ja, in aller Regel neigen die Reichen dazu, neben öffentlichen Strukturen parallel private Strukturen zu etablieren, indem sie etwa nicht nur ihre Häuser und Autos mit Alarmanlagen sichern, die sicherstellen, daß eher diejenigen Opfer von Verbrechen werden, die sich diesen Schutz nicht leisten können, sondern auch private Wachdienste organisieren und sich, wenn die Gesellschaft dies zuläßt (wie das etwa in Amerika, nicht aber in Deutschland der Fall ist), in eigenen Siedlungen mit einer eigenen Polizei, die nicht aus Steuermitteln finanziert wird, zu leben, so daß der Reiche den Teil seiner Steuern, der dem Unterhalt der öffentlichen, regulären Polizei dient, weitgehend verschwendet. In ähnlicher Weise entstehen neben den öffentlichen Schulen private Schulen, so daß der Reiche zwar Steuern für den Unterhalt öffentlicher Schulen zahlt, seine eigenen Kinder aber auf private Schulen schickt, für die er ein zweites Mal bezahlen muß. Wenn hierzulande weder private Schulen noch private Sicherheitsdienste eine ähnliche Rolle spielen wie in anderen, kapitalisistischeren Ländern, so ist das kein Zugeständnis an die Reichen, denen erspart werden soll, für bestimmte Leistungen des Staates zahlen zu müssen, die sie gar nicht in Anspruch nehmen werden, sondern es handelt sich eher um die Folge eines Bestrebens, möglichst allen Menschen gleiche Chancen zu gewähren und allen Menschen mit einem gleichen Ausbildungsniveau und einer gleichen persönliche Sicherheit zu versorgen. Der Reiche wird also mithin gezwungen (etwa auch durch den Druck gesellschaftlicher Traditionen), Leistungen in Anspruch zu nehmen, die er freiwillig gar nicht in Anspruch nehmen würde, sondern durch private Äquivalente substituieren würde.
Selbstverständlich nimmt der Reiche, sofern er Unternehmer ist, überdurchschnittlich Leistungen des Staates in Anspruch, beispielsweise nutzt er Autobahnen, wenn er einen Fuhrpark mit Lastkraftwagen unterhält, auf eine Art und Weise, wie sie Angestellten gar nicht möglich ist. Aber abgesehen davon, daß ein solches Engagement von seiten des Unternehmers ja durchaus gesellschaftlich erwünscht ist, ist dies etwas, was nichts mit der Einkommenssteuer zu tun hat und über die Gewerbesteuer oder die Mehrwertsteuer abgegolten werden sollte (oder in diesem speziellen Fall über die Kraftfahrzeugsteuer).
Im übrigen genügt es ja, wenn wir uns anschauen, wofür eigentlich der Staat am meisten Geld ausgibt. Ich kann nicht unbedingt finden, daß diese Bilanz unbedingt für die These spricht, der Staat würde vornehmlich Leistungen finanzieren, von denen die Reichen in besonderem Maße profitieren. Größtenteils sind die staatlichen Leistungen solche, die der Unterstützung der sozial schwachen dienen sollen, oder es sind solche Leistungen, wie etwa die Landesverteidigung, die zweckmäßigerweise zentral organisiert werden und von denen kaum zu entscheiden ist, ob sie bestimmten Menschen eher zugute kommen als anderen. Und erhalten die Reichen doch Förderung durch den Staat, so zumeist in ihrer Rolle als Arbeitgebern.
Es scheint mir auch ganz verfehlt, die progressive Einkommenssteuer als beweisbar gerecht darstellen zu wollen. In der Konstruktion eines Staates geht es, denke ich, nicht darum, den einen einzigen vollkommen gerechten Staat zu erschaffen, sondern einen Staat, der funktionsfähig ist und seine Bürger vor Schaden bewahrt, soweit dies möglich ist, ohne in ihre Freiheit übermäßig einzugreifen. Um aber einen solchen Staat zu schaffen, sind ganz verschiedene Ansätze möglich, und auch ganz verschiedene Steuersysteme, und keines von ihnen kann beanspruchen, a priori gerecht zu sein.
28.12.2000
Das folgende Stück könnte in der gebildeten Leserin eventuell Erinnerungen an den Text „Hypnos“ von H. P. Lovecraft (aus „Dagon and other Macabre Tales“) wecken. Aber abgesehen davon, daß die Pointe und die Ausführung eine andere ist, scheint mir, daß, wenn selbst ein Borges sich nicht zu schade war, einen Text im Lovecraft-Stil zu schreiben, es minderen Schreibern erst recht erlaubt sein sollte, Motive von Lovecraft zu plündern.
Ich will versuchen, aufzuschreiben, was ich noch weiß, obwohl ich nicht glaube, daß meine Aufzeichnungen irgend jemandem von besonderem Nutzen sein werden. Unsere ersten Aufzeichnungen waren sehr viel klarer, als alles, was ich jetzt noch werde schreiben können, aber diese ersten Aufzeichnungen haben wir, glaube ich, verbrannt oder einem Reißwolf übergeben, vielleicht existieren sie auch noch irgendwo. An einem Computer kann ich leider nicht schreiben, denn sobald ich vor dem Bildschirm sitze, beginnen grüne und pinkfarbene Streifen über das Glas zu laufen, und das ertrage ich nicht, außerdem tut sich ein riesiger Tunnel auf, der mich zu verschlingen tut. Der Bleistift ist schon besser, obwohl ich ihn nach jedem Satz oder nach jedem Wort neu spitzen muß, weil mir scheint, daß er stumpf geworden ist. Ich bin noch nicht so verrückt, daß ich nicht wüßte, daß es nicht sein kann, daß ein frisch gespitzter Bleistift nicht nach einem Wort schon wieder stumpf sein kann. Es liegt aber alles an meinem Gedächtnis. Ich sollte vielleicht damit beginnen, daß ich sage, daß ich mir verschiedene Dinge nicht mehr merken kann. Und mit dem Bleistift ist es so, daß ich einfach nicht weiß, wie lange es her ist, seit ich ihn das letzte Mal gespitzt habe. Es kann auch umgekehrt sein, daß ich den Bleistift einfach überhaupt nie spitze, weil ich Angst habe, ich könnte ihn gerade eben schon gespitzt haben, und daß er deswegen so stumpf ist. Ich glaube, ich habe mich absolut unverständlich ausgedrückt, aber noch geht es ja nur um einen Bleistift, und im Moment treibe ich einfach nur ein bißchen Konversation und versuche, Mitleid zu wecken. Nun, der Anfang wäre wohl gründlich verpfuscht. Jedenfalls scheine ich imstande zu sein, diesen Bogen hier irgendwie zu füllen. Ich weiß nicht, ob ich bereits auf mein eigentliches Thema zu sprechen gekommen bin. Ich bin Traumforscher, oder war es jedenfalls, denn im Moment träume ich nicht, ich hoffe es zumindest. Wir beide hatten uns auch ein Fremdwort ausgedacht für die Tätigkeit, die wir ausübten. Ich komme im Moment nicht darauf, wie das Wort hieß, ich bitte, mich zu entschuldigen. Insbesondere weiß ich auch nicht, wie mein Freund hieß oder wie ich heiße. Neulich allerdings ist es mir eingefallen, als ich im Supermarkt einkaufen war, mit ungewöhnlicher Klarsichtigkeit wußte ich wieder, wie ich heiße, mir ist sogar der Name meiner Eltern wieder eingefallen, ich weiß allerdings nicht mehr, wie viele Tage dieser Vorfall her ist. Namen, Daten, Fakten ist es, was an dieser Stelle meiner Erzählung sicher gut täte. Also, am soundsovielten des Jahres soundso, aber ich weiß es nicht mehr. Im Grunde ist das einzige, was mein Gedächtnis mit echter Präsenz erfüllt, Er oder Es, auch dafür habe ich keinen Namen, aber es braucht auch keinen. Im übrigen muß es wohl an sich ein vergleichbar harmloses Wesen der sechsten Ebene gewesen sein, eine sehr abgeschwächte Inkarnation. Der Gedanke, daß wir in einer Expedition sogar bis hinunter auf die siebente Ebene kamen, erfüllt mich heute mit Schaudern. Wir waren große Glückspilze, ganz unvergleichlich vom Schicksal begünstigte Esel, als wir hinunterstiegen und auf der Eingangsebene niemand vorfanden. Damals ärgerten wir uns, daß wir die weiterführenden Gänge nicht fanden. Ich glaube, ich habe später am Tag nachgerechnet, warum wir die Gänge nicht hatten finden können, und wir hatten beschlossen, auf einer späteren Expedition auch diese Gänge ausfindig zu machen und eventuell sogar den Abstieg bis Ebene Acht zu entdecken. Nicht einmal eine Woche später hatten wir dann Ihn gefunden, oder Er uns, oder Es uns. Ich nehme an, diese Äußerungen sind im Moment noch völlig unverständlich, aber vielleicht ist es so, daß irgendwelche wirren Äußerungen von mir, die ich am Ende mache, zusammen mit irgendwelchen wirren Äußerungen am Anfang und anderen wirren Äußerungen in der Mitte ein entschlüsselbares Ganzes ergeben. Das werde ich schwerlich herausfinden können, denn selbst gesetzt den Fall, ich würde das hier, nachdem ich es geschrieben habe, jemals wieder durchlesen, so wäre doch nicht anzunehmen, daß ich am Ende der Lektüre noch wüßte, was an ihrem Anfang stand. Das klingt vermutlich so, als sei ich verrückt oder ziemlich beschränkt, aber die schlichte Wahrheit ist einfach nur die, daß ich an furchtbarem Schlafmangel leide. Früher haben die Leute gedacht, wenn ein Mensch mehrere Tage nicht schläft, daß er dann stirbt. Das aber ist nachweislich ein Irrtum, es ist durchaus möglich, beliebig lange nicht zu schlafen, es hat dies nur einige ziemlich unerfreuliche Nebenwirkungen, beispielsweise die grauenhaften Gedächtnisstörungen, die ich wohl schon erwähnt habe. Also, es ist nicht so, daß ich damals Ihm begegnet wäre und darüber den Verstand verloren hätte, sondern ich habe seither bloß nicht mehr geschlafen und bin deshalb nicht ganz auf der geistigen Höhe, auf der ich mich früher zu bewegen pflegte. Es sieht so aus, als hätte ich die Geschichte gründlich von hinten angefangen, denn im Moment erzähle ich anscheinend vor allem, wie es mir heute geht und was ich heute so mache, obwohl das ja wohl der am wenigsten interessante Teil meiner Erzählung ist. Höchstens irgendwelche Ärzte mag es interessieren, daß es möglich ist, Monatelang ohne Schlaf auszukommen, von einigen halben Stunden des halbbewußten Dämmerns in den Morgenstunden abgesehen. Dabei komme ich weitgehend ohne technische Hilfsmittel aus, von einigen harmlosen Medikamenten abgesehen, die möglicherweise meine Leber ruinieren würden, vorausgesetzt, ich würde alt genug, daß derartige Nebenwirkungen Zeit hätten, sich zu manifestieren, was ich für unwahrscheinlich halte, ha ha. Sieht so aus, als hätte ich die Fähigkeit noch nicht verlernt, einen Satz aus mehreren durch Kommatas getrennten Teilsätzen zusammenzubasteln, einige Reste meines einstmals so glänzenden Geistes scheinen also ja wohl noch vorhanden zu sein. Fehlt bloß noch, daß ich die Fähigkeit hätte, mit meiner Geschichte zu beginnen. Ich war nämlich einst einmal ein Schlafforscher. Dazu muß ich allerdings einige Vorbemerkungen machen. Oh, ich meine natürlich nicht Schlafforscher, sondern Traumforscher. Meine These, oder unsere These war, oder ist es noch immer, daß die meisten Menschen mehr Zeit träumend als wach verbringen. Als sorgloser Student habe ich einmal folgendes beobachtet (jetzt kommt mein Standardbeispiel, das müßte eigentlich klappen, ich habe es schließlich oft genug erzählt): ich wache morgens auf, schaue auf den Wecker, schlafe kurz wieder ein, träume, wache wieder auf, schaue erneut auf den Wecker und stelle fest, daß nur einige Minuten vergangen sind, viel weniger Zeit, als ich eigentlich gedacht hätte. Das ist jetzt ein Beispiel. Ich meine, ich erzähle von meiner Vergangenheit, denn jetzt träume ich ja nicht mehr, da ich nicht schlafe, ich habe nur gelegentlich Halluzinationen. Also, das Beispiel geht so: ich träume, und dann stelle ich fest, indem ich auf den Wecker schaue, daß ich viel weniger lange geschlafn habe, als ich eigentlich dachte. Und jetzt kommt die Erklärung. Es ist nämlich so: wenn wir wach sind, dann müssen wir kognitiv wahnsinnig viel Arbeit leisten. Wir haben nicht unmittelbar Wahrnehmungserlebnisse, sondern wir haben von unseren Sinnesorganen Rohdaten, die wir erst in Wahrnehmungserlebnisse verwandeln müssen, und das ist eine kognitive Leistung. Mit anderen Worten gesagt: unsere Gehirnmaschinerie muß die ganze Zeit auf Hochtouren laufen, um aus der sinnlichen Wahrnehmung, wie sie die Augen und die Ohren anschleppen, Erlebnisse für den Geist zu machen. Und dementsprechend langsam tröpfeln die Erlebnisse in den Geist. Beim Träumen dagegen fällt diese ganze umständliche Arbeit weg, das heißt, unser Geist kann sofort seine Erlebnisse haben, ohne daß die erst umständlich aus den unmittelbaren Wahrnehmungen herausdestilliert werden müßten. Deshalb funktioniert das Ganze im Traum viel schneller. Und deshalb paßt im Traum in ein und die selbe physikalische Zeit viel mehr Erlebniszeit, als im Wachen. Ich meine jetzt nicht, daß jemand in einer halben Stunde träumt, er würde ein ganzes Jahr älter, das ist ja banal, und wer so etwas träumt, erlebt ja nicht wirklich ein ganzes Jahr, sondern bloß der Begriff von einem ganzen Jahr spukt ihm im Kopf herum, sondern ich meine, daß eine halbe Stunde voll Träume viel mehr Erlebnis enthalten kann als eine halbe Stunde Wachsein. Denn das Träumen ist ein voller, reicher Strom von Erlebnissen, während im Wachsein die Erlebnisse der Wirklichkeit zäh und langsam entrissen werden müssen. Deshalb ist eine halbe Stunde Traum subjektiv viel länger als eine halbe Stunde Wachsein. Und deswegen ist es so: wir sind, also die gewöhnlichen Leute, länger wach als schlafend, und wenn wir schlafen, träumen wir auch nicht die ganze Zeit über, zumindest gibt es Experimente, die das nahelegen, ich weiß, wovo ich spreche, ich war einmal auf diesem Gebiet ein Experte, trotzdem ist es so, daß die Traumzeit so viel länger ist als die Wachzeit (nämlich etwa um den Faktor zehn), daß wir den größeren Teil unseres Lebens nicht wach, sondern träumend verbringen, zumindest diejenigen unter uns, die sich Nacht für Nacht schlafen legen und friedlich die Augen schließen. Leider weiß ich jetzt überhaupt nicht mehr, was diese schlaue Erkenntnis mit dem Rest der Geschichte zu tun hat, ich weiß aber noch, daß da irgend eine zweite Erkenntnis noch an der ersten dranhing. Und sie fällt mir sogar wieder ein. Es ist nämlich so, daß es da noch ein Problem gibt, das durch meine Theorie erklärt wird, es ist nämlich so, wenn wir wach sind, dann kommen die Erlebnisse ja nur so tropfenweise, und deswegen haben wir alle Zeit der Welt, uns mit diesen Erlebnissen auseinander zu setzen und sie zu reflektieren und geistesgegenwärtig zu reagieren. Im Traum dagegegn reagieren wir überhaupt nicht geistesgegenwärtig, sondern wir benehmen uns oft wie geistesgestörte Trottel, oft vergessen wir sogar, uns über die absonderlichsten Sachen zu wundern, über die wir uns im Wachen ganz bestimmt wundern würden, aber im Traum tun wir das nicht, und zwar deswegen, weil wir gar nicht dazu kommen, weil alles viel zu schnell geht und wir gar nicht die entsprechenden geistigen Kapazitäten frei haben, uns mit so etwas zu beschäftigen wie etwa sich zu wundern oder geistesgegenwärtig sein oder Dinge zu reflektieren oder nachzudenken, welche Handlungsalternativen es in einer bestimmten Situation gibt. Wir sehen also, meine Theorie der beschleunigten Traumwelt erklärt, warum wir uns oft in unseren Träumen so idiotisch aufführen, wir führen uns nämlich einfach auf wie Leute, denen keine Zeit zum Nachdenken gelassen wird. Deswegen ist es auch so wichtig, alle wichtigen Schritte vor dem Träumen im Wachzustand auswendig zu lernen, so daß sie dann im Traum wie am Schnürchen und ohne Nachdenken funktionieren. Es muß alles zu einem automatischen Reflex werden, und das ist außerordentlich schwierig, weil Reflexe normalerweise somatisch gestützt werden, und das fällt im Traum weitgehend weg, obwohl natürlich auch der Träumende beispielsweise Muskelkontraktionen haben kann. Deswegen haben wir auch fast ein Jahr gebraucht, bis es uns gelang, von Ebene Null auf Ebene Eins hinabzusteigen. Und auch dann war es am Anfang eher ein zufälliger Glückstreffer, der sich nicht beliebig reproduzieren ließ. Natürlich konnten wir nicht zusammen hinuntersteigen, oder was heißt hier natürlich, ich vergesse, daß ich zu Leuten rede, die meine Theorie über die Traumwelt nicht kennen können, solange ich sie noch nicht verraten habe, und deshalb weiß auch bislang noch niemand außer mir, daß der erste Konvergenzpunkt, an dem Träumende sich treffen können, auf Ebene Drei liegt. Das ist ohnehin schon außerordentlich früh, theoretische Berechnungen hatten mich nämlich zu der Annahme geführt, der allererste Konvergenzpunkt läge erst auf Ebene zweitausendzweihundert oder später. Inzwischen glaube ich, daß es möglich ist, wenn sich zwei Träumer an einem Konvergenzpunkt getroffen haben, daß sie dann mindestens bis zu Ebene zwei wieder gemeinsam aufsteigen können. Es kann sogar sein, daß wir das auch tatsächlich gemacht haben und ich mich im Moment einfach nicht mehr daran erinnern kann. An dieser Stelle wäre es sicher hilfreich, wenn ich so etwas wie eine Definition dieser Ebenen liefern könnte, von denen ich hier andauernd rede, ich hab damals sogar mehrere solcher Definitionen aufgstellt, leider aber kann ich mich an keine einzige davon mehr erinnern. Jedenfalls, falls das eine Beruhigung für sensible Gemüter darstellt, es ist nahezu unmöglich, über die Ebene Null, die dem gewöhnlichen Träumen entspricht, hinauszukommen, und höchstwahrscheinlich ist es völlig ausgeschlossen, daß irgend ein Mensch im Traum aus Versehen, unabsichtlich, die Ebene Null verläßt. Wenn also jemand heute abend einschläft, so ist er oder sie völlig davor gefeit, aus Versehen einem der Geschöpfe beziehungsweisen einer Inkarnationen eines der Geschöpfe zu begegnen, außer natürlich, die betreffende Person hat unsere Texte gelesen, in welchem Fall ich keine Haftung übernehmen kann oder will. Weshalb es vielleicht das Beste für alle Leser wäre, die Lektüre an dieser Stelle abzubrechen. Wobei ich die Beschreibung der Übungen vernichtet habe, oder mein Freund und ich gemeinsam haben alle unsere Aufzeichnungen unmittelbar nach jenem Vorfall vernichtet. Ich glaube, mein Freund ist dann vor ein Auto gelaufen und überfahren worden, weil er so übernächtigt war nach den Wochen ohne Schlaf. Ganz sicher bin ich mir allerdings nicht, es kann auch sein, ich bilde mir das nur ein, weil ich selbst wahnsinnige Angst habe, überfahren zu werden, und das Haus so selten wie möglich verlassen. Ich will noch nicht einmal gänzlich ausschließen, daß er noch am Leben ist oder daß wir vielleicht noch gestern uns getroffen haben, ich glaube aber doch mich erinnern zu können, daß er ums Leben gekommen ist. Denkbar wäre auch, daß er sich umgebracht hat, obwohl ich das andererseits wiederum nicht glaube, irgendiwe ist die Vorstellung scheußlich, vielleicht, weil der Tod solche Ähnlichkeit mit dem Schlaf hat. Ich weiß, ich werde dem Tod nicht dauerhaft entgehen können, irgendwann ist es vorbei, und wohl eher früher als später, aber trotzdem möchte ich unsinnigerweise diesen Moment so lange wie möglich hinauszögern. Im übrigen bin ich mehr oder weniger Materialist und glaube, daß mit dem Tod alles aus ist. Mein Freund (oder auch irgend jemand anders) hat einmal die Theorie aufgestellt, daß auch die Toten in die Traumwelt geraten, aber das scheint mir doch eher unwahrscheinlich. Aus dem Ebenenkrümmungskoeffizienten ergibt es sich jedenfalls nicht, und wir sollten ja auch nicht vergessen, daß der Träumende in der Traumwelt kein autonomes Wesen ist, das unabhängig von seinem physischen Körper geworden wäre. Wenn jemand mich weckt oder ein Wecker klingelt, dann wache ich selbst dann noch auf, wenn ich mich auf Ebene siebentausend befunden habe, nur, daß es sein kann, daß dieser plötzliche Übergang schwere psychische Schäden hinterläßt. Wir haben es nie ausprobiert, deswegen können wir dazu nicht viel sagen. Ich glaube, damals, als wir Ihm begegnet sind, hätten wir vielleicht gewünscht, wir könnten auf der Stelle aufwachen, aber davon konnte natürlich auf Ebene sechs keine Rede sein, das heißt, hätte uns zufällig genau in diesem Moment jemand geweckt, so wäre uns vielleicht ein Teil dessen erspart geblieben, was wir damals erlebt haben, aber aus eigener Kraft waren wir dazu außerstande, solange wir uns nicht wieder auf Ebene Null befanden. Zu solchen Überlegungen war aber damals gar keine Zeit, schließlich befanden wir uns in der Traumwelt, und dort ist keine Zeit für solche Überlegungen, denn in der Traumwelt unterliegt alles einer ungeheuerlichen, wiewohl unmerklichen Beschleunigung. Das einzige, was wir tun konnten, war, unser antrainiertes Verhalten anzuwenden, wenngleich es sich zeigte, daß wir für eine Begegnung mit einer Inkarnation der Geschöpfe weit schlechter gerüstet waren, als wir in unseren pessimistischsten Schätzungen angenommen hatten. Im Grunde war das, was wir taten, ein ungeheuerlicher Leichtsinn, wir hätten uns mit der Entdeckung der Ebene Eins begnügen sollen, das allein hätte ja genügt, unsere Namen unsterblich zu machen, nur daß uns damals die Ebene Eins wenig spektakulär erschien im Vergleich zu den Entdeckungen, die wir uns von den tieferen Ebenen erwarteten.
Zweitens. Ich glaube, in dem, was ich gestern geschrieben habe, hat sich ein sachlicher Fehler eingeschlichen, ich weiß leider bloß nicht mehr so genau, wo. Es tut mir leid, das alles klingt wahrscheinlich ziemlich repetitiv und langweilig, ich gebe mir Mühe. Heute morgen, zwischen vier und sechs Uhr, wenn ich zwar nicht schlafe, aber dafür reglos auf dem Bett liege und auf die Decke starre und mich nicht rühre und meine Gedanken noch etwas zähfließender sind, hat mich die ganze Zeit der Gedanke an diesen sachlichen Fehler beschäftigt. Eines Tages werden andere unsere Experimente wiederholen und die Traumwelt, das wahre Angesicht der Traumwelt entdecken, und es ist zwar sehr unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich, daß dann mein armes Manuskript entdeckt werden wird, und dann möchte ich nicht als Idiot dastehen, der alles falsch verstanden hat. Leider habe ich inzwischen völlig vergessen, worin denn der sachliche Fehler bestehen soll, von dessen Existenz ich heute früh so quälend überzeugt war. Womöglich ging es um das Verhältnis von zweiter und dritter oder von erster und zweiter Ebene. Ich glaube nämlich, daß wahrscheinlich die zweite Ebene eine echte, zusammenhängende Ebene ist, während die erste Ebene nicht allgemein ist, sondern individuell, so, wie die nullte Ebene, weshalb sich verschiedene Menschen gewöhnlich nicht im Traum begegnen können, sondern sich bloß einbilden, sie würden sich begegnen, ohne daß ihre Träume wirklich parallel wären. Das ist dann zwar kein Beweis, aber ein Indiz für die weitergehende These, daß es möglich ist, daß zwei oder mehr Träumer von einem Konvergenzpunkt aus gemeinsam bis zur zweiten Ebene emporsteigen, daß es aber nicht möglich ist, gemeinsam bis zur ersten Ebene aufzusteigen. Die erste Ebene ist gar keine Ebene, sondern so eine Art Stockwerk, wovon jeder Mensch sein eigenes hat, und niemand kann in das erste oder das nullte Stockwerk eines anderen Menschen eindringen, sondern erst die zweite Ebene ist untereinander verbunden und jedem zugänglich. Aber das ist wie gesagt kein Beweis. Man könnte jetzt einige metaphysische Spekulationen daran knüpfen, daß es möglich sein könnte, nicht nur bis zur nullten Ebene eines anderen Menschen oder eines anderen Wesens vorzustoßen, sondern sogar bis zu seiner minus ersten Ebene, also bis zur Wirklichkeit. Auf diese Art und Weise wäre es möglich, daß Wesen aus anderen Universen in unserem Universum auftauchen könnten, indem sie nämlich die nullte Ebene eines Träumers als Ausstiegspunkt benutzen. Und umgekehrt könnte auch ein Mensch eventuell in ein anderes Universum reisen, wobei natürlich schwer zu sagen wäre, wie sich subjektiv feststellen ließe, was nun die Wirklichkeit eines Paralleluniversums ist und was lediglich eine weitere Traumebene ist. Eventuell wäre es auch möglich, sich über die Traumwelt im Raum zu bewegen, also etwa in Amerika einzuschlafen und über den Körpr eines australischen Träumers in Australien wieder aufzuwachen, oder durch die Zeit zu reisen und im alten Ägypten zu erwachen. Aber das sind wilde Spekulationen unter der Annahme, die Ebenen seien beliebig durchlässig. In Wahrheit, wie gesagt, glaube ich, daß die erste Ebene bereits eine undurchdringliche Schranke darstellt und daß niemand in ein Stockwerk der ersten Ebene eindringen kann, es sei denn, es ist sein eigenes. Ansonsten wären die Konsequenzen bereits sonderbar genug, denn bereits die erste Ebene ist ein außerordentlich erstaunliches Phänomen, gemessen an dem, was wir bisher vom Universum zu wissen glaubten. Es ist nämlich möglich, von der ersten Ebene aus den eigenen Geist zu manipulieren und umzugestalten, und ehrlich gesagt, die Vorstellung, jemand anders könnte in meinen eigenen privaten Bereich der ersten Ebene eindringen und dort nach Belieben herumpfuschen, ist schon ziemlich grauenerregend, sie kann schon fast mit dem Grauen der Vorstellung, wieder einzuschlafen, konkurrieren. Gleichzeitig ist es leider so, daß die Vorgänge und Dinge der ersten Ebene schwer zu beschreiben sind, es gibt dafür in unserer Sprache nicht die geeigneten Worte, und eigentlich läßt sich das alles nur durch die eigene Anschauung begreifen. Als es mir das erste Mal gelang, bis zur ersten Ebene hinabzusteigen, nahm ich so etwas wahr wie so eine Art Keller, mit einer komplizieten Apparatur, die die ganze Kellerdecke entlanglief und gleichzeitig auch den ganzen Boden des Kellers in Anspruch nahm, und zwischen Kellerdecke und Kellerboden verliefen unzählig viele Fäden, und diese ganzen Fäden waren irgendwie auch aus Schleim oder aus Gallerte, oder aus einer zähen Abart von flüssigem Wachs, und auch die Apparate an Boden und Decke waren gleichzeitig meachnisch und metallisch und andererseits aus Schleim oder Gallerte, und die Fäden und die Teile der Apparat bewegten sich hin und her, wie ein mechanischer Webstuhl. Mein Freund hatte übrigens einen ganz anderen ersten Eindruck von der ersten Ebene, für ihn war das Ganze wie so eine Abflugstafel an einem Flughafen mit den einzelnen Laufbuchstaben, die ständig durchliefen und sich veränderten, und gleichzeitig war diese Abflugstafel oder Anzeigetafel durchsichtig, wie aus Glas oder durchsichtigem Kunststoff, und das mechanische Innere der Tafel war zu erkennen. Nach unserer Erfahrung weisen erst die Gegenstände der fünften und sechsten Ebene eine gewisse Konstanz auf, das heißt, zwei verschiedene Beobachter nehmen sie auf die gleiche Art und Weise wahr. Ich nehme an, diese Konstanz setzt sich auf den tieferen Ebenen fort, aber darüber kann ich nichts mehr aus eigener Erfahrung sagen. Wir sind nur einmal bis zur siebten Ebene vorgedrungen, und da kamen wir nicht über den Einstiegspunkt hinaus, der einfach ein vollkommen weißer Raum ohne Ecken und Kanten war, also kein besonders interessanter Anblick. Eine andere mögliche Frage wäre die, wie es um uns selbst stand, ob wir selbst einen intersubjektiv identischen Anblick boten, und wenn ja, ab welcher Ebene, aber um diese Frage entscheiden zu können, hätten wir zu dritt sein müssen. Als wir uns auf der dritten Ebene am Konvergenzpunkt oder an einem der Konvergenzpunkte das erste Mal trafen, soll ich angeblich wie eine geflügelte Fee ausgesehen haben, während mein Freund wie ein apfelgrüner Kubus aussah mit einem aufgemalten irrsinnigen Grinsen. Aber wir selbst konnten uns nie selbst sehen, wir konnten nur den anderen sehen. Infolgedessen war es auch sehr schwer, das eigene Aussehen zu beeinflussen, obwohl es im Prinzip möglich war. Ich glaube, wir beide sahen bei keiner unserer Expeditionen gleich aus. Aber jetzt habe ich, glaube ich, endgültig den roten Faden verloren, weil ich von nebensächlichen Dingen erzähle. Nun gut, dann erzähle ich eben so weiter, wie es mir in den Sinn kommt. Also: eine der Schwierigkeiten unserer Forschung besteht oder bestand in folgdendem: normalerweise, im Wachen, verfügt ein Mensch über verschiedene Gedächtnisarten. Irgendwelche Erlebnisse wandern erst einmal ins Kurzzzeitgedächtnis, und dann muß einiges an Aktivität ausgeführt werden, ehe die Erlebnisse ins Langzeitgedächtnis wandern. Also, Erlebnisse wandern nicht einfach von selbst ins Langzeitgedächtnis oder auch nur in ein mittelfristiges Gedächtnis, sondern es erfordert eine geistige Anstrengung, um irgend etwas dahin zu befördern. Im Traum nun steht diese geistige Anstrengung nicht zur Verfügung, wahrscheinlich schlicht deshalb, weil gar keine geistigen Kapazitäten dafür frei sind und alles in der Traumwelt viel zu schnell geht. Und deshalb bleibt vom Traum nur das zurück, was im Kurzzeitgedächtnis bleibt. Stellen wir uns vor, ein Mensch träumt zehn physikalische Minuten lang. Dann hat er einen Traum von etwa hundert Minuten Dauer, also in etwa einen kurzen Spielfilm ohne Werbung. Davon kann er sich aber natürlich nicht alles merken, sondern nur das, was ihm im Gedächtnis zurückbleibt, und das ist naturgemäß nicht allzu viel. Sagen wir, ihm bleiben etwa die letzten zehn Minuten seines Traumes im Gedächtnis haften. Die restlichen neunzig Minuten sind unwiderbringlich verloren, nicht mehr erinnerbar, normalerweise. Ironischerweise erinnert sich der Mensch während eines physikalisch zehnminütigen Traumes auch nur an zehn Minuten, obwohl er in Wahrheit hundert Minuten im Traum erlebt hat. Zum Glück ist dieses Gesetz nicht ohne Ausnahmen, und insbesondere durch entsprechendes Training läßt sich die Gedächtnisleistung enorm verbessern, allerdings wohl nicht beliebig über alle Grenzen hinaus. Es ist deshalb möglich, sich in dem hundertminütigen Traum auch Bruchstücke aus den ersten neunzig Minuten zu merken, eventuell sogar ganze Sequenzen. Letztendlich aber geht unweigerlich das Allermeiste wieder verloren, und zwar nicht etwa mit dem Aufwachen, sondern lange schon vor dem Aufwachen. Und wie leicht einzusehen ist, konnten wir auf unseren Expeditionen keine Kameras und keine Notizblöcke mitnehmen, so sehr sie uns auch oft zustatten gekommen wären. Nach einem Traum begannen wir sofort, so detailliert wie möglich aufzuschreiben, an was wir uns noch erinnern konnten, dann erst begannen wir unsere Erlebnisse zu vergleichen und zu analysieren. Ziemlich oft konnte es dabei vorkommen, daß einem von uns noch etwas von seinem Traum einfiel, das er bis dahin vergessen hatte, etwa auch, wenn ein Detail aus dem Traum des anderen ihn daran erinnerte, und dann begann er das Gespräch abrupt zu beenden und an seinen Notizen weiterzuschreiben. Der andere begriff dann fast immer sofort, was los war, und verstummte ebenfalls, denn die Analyse und den Austausch konnten wir auch später noch fortsetzen, aber ein verlorenes Erinnerungsfragment des Traumes war unwiderbringlich verloren und kostbarer als alles andere. So, und jetzt noch ganz kurz etwas zur ersten Ebene, und dann muß ich auch wieder Schluß machen für heute, meine Kräfte lassen rapide nach. Auf der ersten Ebene befindet sich die ganze Maschinerie des Geistes, während die nullte Ebene so eine Art von einer Ansammlung von Konditionalkonstruktionen enthält. Das heißt, auf der nullten Ebene werden verschiedene mögliche Erlebnisse durchgespielt, in mehr oder weniger zufälliger Ordnung. Ob das Ganze irgend einen Nutzen hat, weiß ich nicht, ob es so eine Art nächtliches Gehirntraining darstellt oder sonst etwas. Innerhalb der nullten Ebene vollzieht der gewöhnliche Träumende eine Art unwillkürlicher brownscher Bewegung, die ihn mehr oder weniger auf der Stelle treten läßt. Aber vielleicht erst einmal zur ersten Ebene etwas, etwas wirklich interessantes, hoffe ich. Auf der ersten Ebene befindet sich die Maschinerie des Geistes, und sie läßt sich von dem Träumenden, der bis zur ersten Ebene hinabsteigt, manipulieren. Eine der ersten Manipulationen, die ich probeweise durchführte, bestand darin, daß ich meine Wahrnehmung so modifizierte, daß ich auf dem Kopf aller Menschen eine Narrenkappe sah. Als ich dann erwachte, stellte ich fest, daß tatsächlich alle Menschen an diesem Tag eine Narrenkappe trugen. Ich wußte natürlich, daß diese Wahrnehmung nur eingebildet war und nur in meinem Geist existierte, aber deshalb war die Täuschung nicht weniger vollkommen. Es war mir an diesem Tag nicht möglich, irgend einen Menschen anzusehen, ohne eine Narrenkappe auf seinem Kopf zu sehen, und diese Narrenkappe sah vollkommen real und wirklich aus. Wir gingen zusammen die Straße entlang, und mein Freund, auf dessen Haupt ich ebenfalls eine Narrenkappe sah, sagte zu mir: dieser hier trägt einen Hut, und dieser hier trägt eine Mütze, und dieser hier ist barhäuptig. Es wäre interessant gewesen, psychologische Tests durchzuführen, ob ich an diesem Tag wenigstens unbewußt imstande gewesen wäre, die Hutträger von den Mützenträgern oder den Barhäuptigen zu unterscheiden, aber um solche Tests sinnvoll durchführen zu können, hätten wir ein größeres Team sein müssen. Mindestens, meine ich, hätten wir zu dritt sein müssen. Ich jedenfalls fand diese Erfahrung teils amüsant, teils natürlich auch beängstigend, und den ganzen Tag über hatte ich Angst, ich könnte in der nächsten Nacht daran scheitern, wieder bis zur ersten Ebene vorzudringen oder daran, die Veränderung in meinem Geist rückgängig zu machen, ich hatte abends dann schließlich sogar solche Angst, daß ich Mühe hatte, einzuschlafen. Ein Schlafmittel hätte übrigens überhaupt nicht geholfen, das wäre im Gegenteil der sicherste Weg gewesen, eine Nacht mit traumlosem oder zumindest mit nicht steuerbarem Schlaf zu verbringen. Es ging aber jedenfalls alles gut, ich machte die Veränderung in meinem Geist rückgängig, und am nächsten Tag sah ich die Welt wieder so, wie wir sie üblicherweise sehen. Das radikalste Experiment, das wir in dieser Hinsicht anstellten, war folgendes: aus einem Stapel mit acht Namen zog mein Freund eine Karte mit dem Namen einer jungen Frau aus seinem Bekanntenkreis, und in der nächsten Nacht veränderte er seinen Geist so, daß er in diese Frau verliebt wurde. Um ein aussagekräftiges Ergebnis zu bekommen, hatten wir vereinbart, daß er genau einen Monat in diesem Zustand verharren sollte. Am Ende dieser Frist schien er es ausgesprochen zu bedauern, sich von dem angenehmen Zustand der Verliebtheit trennen zu müssen, er hat dann aber doch die Verliebtheit rückgängig gemacht, denn wir beide hatten viel zu viel Angst, wir könnten durch unsere Manipulationen dauerhaft unsere Geister beschädigen, und deshalb waren wir sorgsam darauf bedacht, jede Veränderung zu dokumentieren und wieder rückgängig zu machen. Es gibt allerdings auch Veränderungen, die, hätten wir sie an uns vorgenommen, nicht mehr rückgängig zu machen gewesen wären. Hätte sich zum Beispiel einer von uns beiden in einen Kretin verwandelt, so wäre er nicht länger in der Lage gewesen, bis zur ersten Ebene vorzudringen und die Veränderung wieder rückgängig zu machen. Genauso, wenn einer von uns beiden sich einen Widerwillen gegen das Träumen oder gegen das Vordringen in die erste Ebene eingepflanzt hätte. Um aber in einem Satz die Geschichte der Romanze meines Freundes zu Ende zu erzählen: er hat diese Frau in diesem besagten Monat zwar öfter getroffen, es ist daraus aber nichts geworden, entweder, weil die beiden nicht zusammen paßten, weshalb er sich normalerweise auch nicht in sie verliebt hätte, oder aber, weil er nur oberflächlich an einer bestimmten Stellschraube seines Geistes gedreht hatte, die ein Gefühl der Verliebtheit auslöste, eine echte Verliebtheit oder Liebe aber einen radikaleren Eingriff in seinen Geist erfordert hätte. Oder aber vielleicht auch, weil sie einfach nichts von ihm wissen wollte und er ihr gleichgültig war und blieb.
Drittens. Eine längere Pause in meinen Aufzeichnungen, es ist mir nicht mehr erinnerlich, was genau ich schon erzählt habe und was nicht. Ich gehe davon aus, daß ich angedeutet habe, daß ich mich mit der Erforschung von Träumen beschäftigt habe, und zwar nicht der gewöhnlichen Träume der nullten Ebene, die relativ banal und unsinnig sind, sondern der weiteren Traumebenen. Ich fürchte, seit meinen letzten Notizen ist mein Verfall weiter fortgeschritten. Es ist interessant oder amüsant oder lächerlich, mit welcher Zähigkeit ich mich an mein Leben klammere. Es wäre ja sicher nichts einfacher, als mich auf irgend eine Art und Weise zu Tode kommen zu lassen, immerhin schwebe ich ja ohnehin schon in Lebensgefahr, sobald ich auf die Straße gehe, da es für mich schwierig geworden ist, Straße und Bürgersteig zu unterscheiden und auch mein Gesichtsfeld stark eingeschränkt ist, ich schätze, ich habe wohl noch ein Gesichtsfeld von zehn bis zwanzig Grad, was rechts und links davon passiert, sehe ich zwar, nehme es aber nicht mehr wahr. Und an Ampeln fällt es mir schwer, zu entscheiden, ob es nun gerade Grün oder Rot ist, abgesehen davon, daß ich mir nicht mehr ganz sicher bin, was von beidem denn nun Gehen und was Stehen bedeutet. Das ist als Phänomen erstaunlich, finde ich, weil es sich ja an sich um ein Wissen handelt, das jedem Menschen von Kindheit an eingebleut wird und von dem eigentlich anzunehmen wäre, es wäre unmöglich zu vergessen. Ich ernähre mich jedenfalls hauptsächlich von den Erzeugnissen einer Bäckerei, die im selben Häuserblock untergebracht ist wie meine eigene Wohnung, so daß die Notwendigkeit, die Straße zu überqueren, entfällt. Wie ein Blinder oder ein Betrunkener taste ich mit einer Hand an den Häuserfassaden entlang, um so zu vermeiden, aus Versehen auf die Straße zu kommen, so lange, bis ich vor der Bäckerei stehe, und dann wiederhole ich dieses Verfahren so lange, bis ich wieder vor meiner Haustüre stehe. Gewöhnlich gehe ich dabei im Uhrzeigersinn vor, glaube ich, was, wenn meine Erinnerung mir keinen Streich spielt, auf dem Hinweg kürzer als auf dem Rückweg ist. Vielleicht wäre es doch nicht so einfach, mich umzubringen, denn dazu müßte ich erst einmal eine geeignete Stelle finden, und um diese geeignete Stelle zu finden, müßte ich wohl mehrere Straßen überqueren, und das würde womöglich so enden, daß ich überfahren und schwer verletzt, aber nicht umgebracht werde. Und im Krankenhaus wird dann womöglich diagnostiziert, daß ich geistig verwirrt bin, und werde in einer Anstalt untergebracht, wo mir meine Medikamente weggenommen werden, mit dem Ergebnis, daß ich dann einschlafe. Der Versuch, mich umzubringen, könnte also wohl durchaus auch kontraproduktiv sein, und statt dem großen Bruder erwische ich bloß den gefürchteten kleinen Bruder. Manchmal muß ich allerdings doch Straßen überqueren, beispielsweise, um zur Bank zu gehen. Ich habe genug Bargeld abgehoben, um damit mich monatelang ernähren zu können, zumal ich kaum noch etwas brauche und mich von Leitungswasser und Brot ernähre, wenn ich versuche, zu überschlagen, wieviel im Monat ich für Lebensmittel ausgebe, so handelt es sich wahrscheinlich um einen Betrag in der Größenordnung von nicht viel mehr als hundert Mark, jedenfalls weniger als zweihundert Mark. Als wir noch träumen wollten, haben wir tagsüber extra Sport getrieben, weil wir dann besser einschlafen konnten und die Traumphase störungsfreier erreichten, obwohl ich mir eigentlich nicht viel aus Sport mache, war ich damals recht gut trainiert, ich hatte fast so etwas wie Muskeln bekommen, während ich jetzt eine ausgemergelte Knochengestalt bin und meine Lunge anfängt zu pfeifen, sobald ich vom Bett aufstehe. Bargeld habe ich also genug, aber es ist mir schon mehrmals passiert, zumindest bilde ich mir ein, es sei mir schon mehrmals passiert, daß ich vergessen habe, wo ich es versteckt habe. Ich habe das Geld nicht eigentlich versteckt, es genügt nur, wenn ich vom Bäcker zurückkomme und den Geldbeutel in der Küche liegen lasse, damit ich tagelang im Wohnzimmer suche und in Verzweiflung gerate, weil das Geld verschwunden ist, und Planungen beginne, wie ich zur Bank gelangen könnte. Mindestens einmal ist mir das jedenfalls passiert, vielleicht auch öfter, vielleicht sind die übrigen Erinnerungen auch nur Spiegelungen des ersten Vorfalls. Außerdem brauche ich natürlich Medikamente, wobei ich versuche, vorsichtig vorzugehen und nicht allzu oft die selbe Apotheke aufzuzusuchen, um keinen Verdacht zu erregen. Aber auch das ist nicht einfach, ich habe versucht, Buch zu führen, wann ich welche Medikamente in welcher Apotheke besorgt habe, aber dazu müßte ich mir merken können, in welcher Apotheke ich gerade gewesen bin und ich müßte wissen, welchen Tag wir heute gerade haben, und das Ganze scheitert bereits daran, daß ich den Zettel mit meinen Aufzeichnungen verlege. Auch diese Aufzeichnungen hier wollte ich bereits mehrmals fortsetzen, kam aber nicht dazu, weil ich entweder meine Papiere nicht mehr fand oder mein Schreibzeug. Letztendlich ist diese Wohnung zu groß für mein Gedächtnis geworden. Sehr rücksichtslos wäre es wahrscheinlich, vom Dach des Hauses zu springen, und ich bin mir nicht ganz sicher, ob es hoch genug ist und ob es ohne Schlüssel möglich ist, aufs Dach zu gelangen. Jeder Mensch müht sich verzweifelt, noch ein Stückchen länger die Sonne zu sehen und auf seiner Haut zu fühlen und sich ein Stück Brot in den Mund zu schieben. Der Umgang mit anderen Menschen ist mir seit längerem fremd, und von kulturellen Genüssen bin ich ausgeschlossen, sobald ich Musik höre, werde ich vollkommen unruhig und ertrage sie nicht, und lesen kann ich nicht mehr, mir wird augenblicklich schwindelig, weshalb auch nicht daran zu denken ist, ich könnte diesen Text hier korrekturlesen. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich heute schon irgend etwas relevantes zur Traumforschung geschrieben habe. Ich habe das Gefühl, als hätte ich die ganze Zeit nur über unwichtige Dinge gejammert. Muß abbrechen.
Weitere Aufzeichnungen. Ich versuche mich zu konzentrieren. Ich habe das Gefühl, eine weitere Verschlechterung ist eingetreten, allerdings kann es sich um eine Täuschung handeln, womöglich glaube ich die ganze Zeit, mein Zustand verschlechtert sich permanent, obwohl er in Wahrheit stationär bleibt. Eine Erinnerung: ich finde den Abstiegspunkt zur zweiten Ebene, im hintersten Winkel der ersten Ebene. Ich gleite hinunter zur zweiten Ebene. Mehrere Gänge öffnen sich, denn auf der zweiten Ebene sind die Zugangspunkte noch nicht versteckt. Ich betrete einen dieser Gänge und stehe inmitten einer unendlichen Ebene, eine Art Wüste aus grauem Sand, allerdings von schneidender Kälte. Ich denke, daß das entweder eine Traumtäuschung ist oder ich den Zugang zur zweiten Ebene gefunden habe, und daß noch nie ein Mensch gesehen hat, was ich hier sehe, und daß ich wohl seit Jahrtausenden der erste Mensch bin, der diese Ebene betritt. Gegenstände sind nicht zu sehen, aber das ist auf der zweiten Ebene auch nicht zu erwarten. Irgendwo muß es einen Zugang zur dritten Ebene geben, auf der sich die Konstitutionsobjekte befinden müssen, aber der Zugang kann natürlich unendlich verborgen sein. Noch eine Erinnerung: ich finde den Konvergenzpunkt. Ich wandere über die zweite Ebene, ich weiß, daß mein Freund am Konvergenzpunkt auf mich wartet, aber ich finde den Abstieg zur dritten Ebene nicht mehr. Die Topographie der zweiten Ebene hat sich verändert. Ich gerate in Panik und suche den Aufstieg zur ersten Ebene, den ich plötzlich auch nicht mehr finde. Es dauert lange, bis wir das Rätsel der Landkartenverschiebungen lösen. Danach wird es zu einer banalen Übung, uns am Konvergenzpunkt zu treffen. Versuch, die Konstitutionsobjekte zu verändern. Es wäre denkbar, daß es auf einer relativ tiefen Ebene Objekte gibt, die das Verhalten der Physik der wachen Welt steuern, also zum Beispiel ein Objekt, das die Größe der Gravitationskonstante des physikalischen Universums, also der minus ersten Ebene festlegt. Wer auf dieses Objekt zugreifen könnte, könnte die Physik der Welt verändern, und dadurch natürlich auch seinen eigenen physikalischen Körper. Eventuell könnte es sogar möglich sein, den eigenen physikalischen Körper abzuschaffen. Wem das gelänge, der würde unsterblich werden und wäre dann nur noch ein reines Traumwesen. Mit Menschen könnte so jemand dann allerdings nur noch insoweit kommunizieren, insoweit andere Menschen sich in die Traumwelt begegnen. Die Existenz solcher Objekte ist aber natürlich reine Spekulation, es gibt keinen Grund, anzunehmen, daß so etwas wirklich existiert. Falls es so wäre, dann wären die Geschöpfe der tiefen Ebenen oder ihre Inkarnationen wahrhaft so etwas wie Götter, die unsere Welt umgestalten könnten. Aber vielleicht ist das eine Hypothese, die allzu sehr nach überkommenen Vorstellungen gestrickt ist. Letztendlich haben wir ja auch gar keinen Beweis, daß die Geschöpfe oder ihre Inkarnationen überhaupt auf irgend welche Objekte zugreifen oder überhaupt imstande sind, auf Objekte zuzugreifen. Denkbar wäre es, daß eine Inkarnation der sechsten Ebene die Konstitutionsobjekte der sechsten Ebene gar nicht wahrnimmt und nur wir Menschen sie sehen können.
Weitere Aufzeichnungen. Ich hoffe, ich habe nicht zu viel Geld von meinem Konto abgehoben, denn je nachdem reicht mein Geld kürzer oder länger für die Miete. Was so wie eine nüchterne Feststellung klingt, hat mich die ganzen letzten Tage nicht mehr losgelassen. Irgendwann wird unweigerlich mein Geld alle sein und ich werde die Miete nicht mehr bezahlen können, ich hatte aber eigentlich gedacht, daß ich diesen Moment nicht mehr erleben würde. Es ist sinnlos, sich einzureden, ich könnte, wenn ich länger am Leben bleibe, irgend etwas aufschreiben, was der mich überlebenden Menschheit irgendwie nützlich sein könnte. Ich muß unbedingt etwas über die Geschöpfe aufschreiben.
Weitere Aufzeichnungen: wir haben die Existenz der Geschöpfe benutzt, um die Existenz der verschiedenen Ebenen zu beweisen. Wenn es eine Inkarnation eines Geschöpfs auf der n-ten Ebene gibt, dann muß es auch eine n-te Ebene geben. Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, die Existenz des ersten Geschöpfes, die wir bewiesen, war die jenes Wesens, die wir den Schleuser genannt haben. Wir konnten zeigen, daß es eine Inkarnation des Schleusers auf dreihundertzwölf verschiedenen Ebenen geben mußte, wobei es uns gelang, die zwanzigste dieser Ebenen mit der zweiundfünzigsten Ebene der Inkarnationen des Flüsterers zu identifizieren, der selbst über sechshundert Inkarnationen besitzen muß. Ich weiß auch noch, daß es ein Donnerstag Nachmittag war und die Sonne schien, als es mir gelang, zu zeigen, daß der Schleuser selbst in Wahrheit die Inkarnation eines anderen Geschöpfes war, das wir den Fleischer nannten. Durch diese Identität konnten wir den Schleuser auf einer absoluten Skala verankern und ermitteln, daß seine niedrigste oder höchste Inkarnation, je nachdem, wie herum wir das zählen, halt seine schwächste Inkarnation, in einer absoluten Skala auf der hundertundsiebzehnten Ebene vorkam. Damit war aber noch immer nicht klar, daß dies alles irgend etwas mit den menschlichen Träumen zu tun haben könnte, und wo die gewöhnlichen menschlichen Träume auf dieser Skala anzuordnen waren. Wir fanden heraus, daß es auf der ersten Ebene potenziell unendlich viele Geschöpfe geben konnte, die ihre eigenen Inkarnationen waren, sich aber nicht bewegten. Unser eigentlicher Durchbruch bestand darin, daß wir erkannten, daß diese Wesen der ersten Ebene gerade die Menschen waren, beziehungsweise der Teil des menschlichen Geistes, der als eine Art Konstitutionsobjekt aufgefaßt werden kann. Das ist jetzt wohl leider etwas unklar. Rein technisch läßt sich der menschliche Geist oder Geist von jedem Tier, das träumt, aufteilen in einen flottierenden Teil, das ist der Teil, den mein Freund und ich auf die verschiedenen Ebenen bewegten und der sich bei anderen Menschen entweder, im wachen Zustand oder im Tiefschlaf, in der minus ersten oder eben im gewöhnlichen Traum in der nullten Ebene aufhält, und einem unbeweglichen Teil, der technisch als ein Geschöpf aufzufassen ist, und der in der ersten Ebene residiert beziehungsweise diese erste Ebene konstituiert. Damit war noch nicht bewiesen, daß es für den flottierenden Teil möglich ist, zwischen den verschiedenen Ebenen zu wechseln, wenn es aber einen Durchgang zwischen minus erster und nullter Ebene gab, dann war es nicht ausgeschlossen, daß es Verbindungspunkte auch zwischen den anderen Ebenen gab, zumal ja auch die erste Ebene irgendwie mit der minus ersten Ebene zusammen hängen mußte, da der menschliche Geist ja wohl irgend etwas mit dem menschlichen Gehirn zu tun hat, das als solches erst einmal ein physikalisches Objekt ist und damit zur minus ersten Ebene gehört. Außerdem wußten wir damals schon, daß es Korrespondenzpunkte geben mußte, denn der Schleuser mußte einen dieser Korrespondenzpunkte besetzt halten, sonst hätte er nicht mit einer Inkarnation des Fleischers identisch sein können. Wenn es aber Korrespondenzpunkte gab, dann mußte es wohl auch Übergangspunkte zwischen den Ebenen geben. Es kann natürlich sein, daß es Ebenen gibt, in denen die Übergangspunkte für Menschen nicht mehr wahrnehmbar sind, und die erste solche Ebene würde dann die äußerste Grenze darstellen, bis zu der ein Mensch gelangen kann. Aber das ist nur eine Möglichkeit, es kann auch sein, daß es keine solche Grenze gibt, außerdem könnte es möglich sein, den menschlichen Geist so umzuformen, daß er auch diese Übergangspunkte wahrnehmen kann. Es scheint so, obwohl wir das natürlich nie durch eigene Anschauung überprüfen konnten, daß es mindestens ein Geschöpf gibt, das wir den Wanderer genannt haben, dessen Inkarnationen wie die Menschen frei flottieren können, mindestens zwischen der hundertsten und der siebentausendsten Ebene, falls es so viele Ebenen gibt, und dann müßten zumindest die Inkarnationen des Wanderers die Fähigkeit haben, die entsprechenden Übergangspunkte wahrzunehmen, es sei denn, sie haben ein angeborenes Wissen, wo die Übergangspunkte liegen. Die Existenz des Wanderers ist freilich spekulativ. Wir wissen auch nicht, wem wir auf der sechsten Ebene begegnet sind.
Weiteres. Ich kann nicht ausschließen, daß die Halluzinationen, unter denen ich leide, weniger auf den Schlafmangel als auf Hunger und Unterernährung oder einseitige Mangelernährung zurückzuführen sind. Ich fühle mich aber außerstande, mehr zu essen, als ich esse. Ich habe nur unendlichen Durst, obwohl das Schlucken mir Schmerzen bereitet. Es kann sein, daß ich auch Fieber habe.
Weiteres. Es wird nicht mehr richtig hell tagsüber. Möglicherweise hängt dies mit einer klimatischen Veränderung zusammen, hervorgerufen durch ein Wesen, das wir durch unsere Expeditionen aufgestöbert haben, oder auch unabhängig von unseren Expeditionen durch die Umweltverschmutzung. Auch die Lichter in meiner Wohnung funktionieren nicht mehr richtig. Eine der Glühbirnen ist definitiv kaputt. Die Geschöpfe haben eine Tendenz, einander anzuziehen. Wir vermuten, daß sie deshalb ihre Waffen entwickelt haben, weil sie sonst jedesmal kollabieren würden, wenn zwei von ihnen sich begegnen würden.
Weiteres. Ich habe Angst vor einem Hungerkoma. Ich erinnere mich nicht mehr, ob Menschen im Koma träumen. Es ist aber wichtig.
Weitere Aufzeichnungen. Ich habe meine Medikamente umgestellt. Es ist mir gelungen, kurze Passagen in meinen Fachbüchern zu lesen. Es geht um die Frage, ob Menschen im Koma träumen. Bisher ist es mir nicht gelungen, mir über diesen Punkt Klarheit zu verschaffen. Ich habe in der Küche weiteres Brot gefunden, allerdings hat es bereits zu schimmeln begonnen. Ich muß die Geschöpfe genauer beschreiben. Ich glaube, in der Nachbarwohnung haben sich Polizisten und Ärzte einquartiert, die mich überwachen. Unter Umständen werde ich demnächst verhaftet und in eine Anstalt eingewiesen. Ich müßte mir eine Maßnahme ausdenken, mit deren Hilfe es mir möglich wäre, mein Leben rasch zu beenden, falls das nötig werden sollte. Mein Leben ist etwas umständlicher geworden dadurch, daß jemand das Klopapier aus meiner Toilette gestohlen hat. Ich bin mir nicht sicher, aber es kann sein, daß ich phasenweise kurz einschlafe und dann sofort wieder aufwache. Das hängt vermutlich mit meinen geänderten Medikamenten zusammen. Mir bleibt aber nichts anderes übrig, als meine Medikamente zu ändern, weil ich mich soweit konzentrieren können muß, daß ich herausfinden kann, was mit einem Menschen während des Komas passiert. Außerdem muß ich einen Plan machen für einen raschen Selbstmord, falls das nötig ist. Ich habe die Glühbirne untersucht, die nicht mehr leuchtet. Ich glaube, der Wolframfaden ist durchgeglüht. Ich muß Experimente anstellen, indem ich systematisch die Glühbirnen der verschiedenen Lampen permutiere. So kann ich herausfinden, welche Lampen kaputt sind und welche Glühbirnen. Ein Problem dabei ist, an die Deckenlampen heranzukommen. In meinem geschwächten Zustand ist es mir nicht möglich, auf einen Stuhl zu steigen. Auf Ebene zwei habe ich fstgestellt, das ich fliegen kann, aber inzwischen scheine ich diese Fähigkeit wieder verloren zu haben. Letztendlich kann das sogar von Vorteil sein, denn wenn ich immer noch fliegen könnte, dann könnte es schwierig werden, mich umzubringen, indem ich mich von einer großen Höhe hinabstürze. Zur Untersuchung der Glühbirnen ist das aber hinderlich.
Weiter. Blitze.
Nächste Aufzeichnungen. Diese Aufzeichnungen sind lächerlich. Ich sehe nämlich gerade, wie ich das letzte Mal aufgeschrieben habe, daß Blitze zu sehen sind. Das ist aber nicht wichtig, obwohl die Blitze draußen noch immer anhalten. Es kann aber auch sein, dieser Gedanke kommt mir eben, daß jemand anders diese Aufzeichnung gemacht hat, um mich zu entmutigen. Möglicherweise sind auch ein Teil meiner Medikamente durch Placebos oder durch andere Medikamente ersetzt worden. Ich nehme an, ich werde so oder so nicht mehr lange zu leben haben, da ich den Wasserhahn über der Spüle nicht mehr erreichen kann. Ich erwäge, auf allen vieren die Wohnung zu verlassen und auf der Treppe bis zum Dach zu gelangen. Ich würde das Nachts machen müssen, wenn sonst niemand unterwegs ist, da es aber inzwischen draußen immer stockfinster ist, kann ich nicht herausfinden, wann Nacht ist. Ich werde diese Aufzeichnungen demnächst beenden müssen, weil das Papier sich dem Ende zuneigt und ich nicht weiß, wo weiteres Papier zu finden ist. Es kommt außerdem dazu, daß ich bezweifle, daß ich in meinem gegenwärtigen Zustand imstande bin, alle Treppen bis zum Dach zu überwinden. Es kommt noch dazu, daß auf dem Dach sicher irgend eine Art von Geländer oder Brüstung sein wird, die zu überwinden im Moment ganz ausgeschlossen sein dürfte. Die Inkarnationen. Ich muß unbedingt einen Weg finden, Selbstmord zu begehen, ehe ich ins Koma verfalle. Da diese Aufzeichnungen offenbar von Fremden manipuliert werden, stellt sich die Frage, ob es nicht vorzuziehen wäre, die Aufzeichnungen zu vernichten. Wir haben uns natürlich überlegt, was passieren würde, wenn wir einmal auf eines der Geschöpfe treffen sollten. Aufgrund der Anziehungskraft der Geschöpfe war uns klar, daß die Gefahr bestand, daß die Geschöpfe uns verschlingen würden, bis wir in den Bereich ihrer Waffen kämen, und daß wir dann so lange ihren Waffen ausgesetzt blieben, bis unser physikalischer Körper gestorben wäre, etwa durch Verdursten, was mehrere Tage dauern könnte. Ohne jemals eines der Geschöpfe gesehen zu haben, war uns klar, daß wir dieses Schicksal unter allen Umständen vermeiden mußten, denn was auch immer diese Waffen sein mochten, etwas angenehmes waren sie gewiß nicht. Also trainierten wir gewissenhaft den Rückwärts-Aufwärts-Rückzugspunkt-Reflex, um uns, sollte uns eine Inkarnation begegnen, sofort zurückziehen zu können. Es war natürlich ganz unklar, ob diese Bewegung ausreichen würde, der Anziehungskraft eines Geschöpfes zu entgehen. Es ist auch ganz ausgeschlossen, daß wir entkommen wären, wären wir auf der siebten Ebene einer Inkarnation begegnet. Und auf der sechsten Ebene sind wir, glaube ich, nur entkommen, weil wir zu zweit waren und die Aufmerksamkeit von Ihm, die seine Anziehungskraft verstärkt, dadurch geteilt war. Wir wären Ihm aber sicher trotzdem verfallen, wären wir ihm nicht direkt bei einem Aufstiegspunkt begegnet. Und auf der fünften Ebene heulte noch immer diese Stimme durch unser Bewußtsein oder durch die Traumwelt, die uns befahl, zurückzukehren. Folge dem Reflex, es ist keine Zeit in der Traumwelt, nachzudenken, tu, was du trainiert hast, Aufstieg zur vierten Ebene, und die Stimme heulte noch immer mit gleicher Stärke weiter, nächster Reflex, dritte Ebene, noch immer ist die Stimme zu hören, Entkopplung, er verschwindet, ich zweifle, ob er nicht zu Ihm zurückkehrt, ich will selbst zu Ihm zurückkehren, Verbindungspunkt zur zweiten Ebene, grauer Sand, noch immer ist da diese Stimme, ich breite meine Schwingen aus, Aufstieg zur ersten Ebene, alle Fäden laufen wild durcheinander, in der Mitte des Raumes hat sich ein Strudel gebildet, noch immer ist da diese Stimme, Aufstieg zur nullten Ebene, Nichts Nichts Nichts als diese Stimme, die meinen ganzen Traum ausfüllt, ich erwache, ich liege auf meinem Bett, stehe mitten im Zimmer, rüttle ihn wach, er schreit. Er ist bis zur ersten Ebene gelangt, und dort stand in riesigen Lettern auf der großen Abflugtafel seines Geistes KEHRE UM, UM NIE WIEDER ZU ERWACHEN, und daraufhin ist er umgekehrt, zurück zur zweiten, zur dritten Ebene, er suchte den Abstiegspunkt, fand ihn, war auf der vierten Ebene, er stieg auf die fünfte Ebene hinab, er suchte den Abstiegspunkt, fand ihn, da hörte er mein Geschrei und wurde wach.
Abschied. Testament. Es heißt, kurz vor dem Tod überkomme Sterbenskranke noch einmal ein Moment der Klarheit. Ob das bei mir der Fall ist, weiß ich nicht, ich habe jedoch das Gefühl, wieder kräftiger zu sein, und ich könnte mir sogar vorstellen, aufrecht zu stehen und zu gehen. Eventuell werde ich die Treppe doch nicht auf allen vieren kriechen müssen. Außerdem ist mir wieder eingefallen, daß es in unserem Haus einen Fahrstuhl gibt. Das hat doch fast schon etwas Komisches, nicht wahr? Ich fürchte, mich muß diese Aufzeichnungen unvollendet abbrechen. Es tut mir leid, daß ich nicht genauer die Knotenformel angeben konnte, die die Existenz der Geschöpfe und ihrer Inkarnationen angibt, oder eigentlich erinnere ich mich nicht, die Formel überhaupt bisher erwähnt zu haben. Es hat aber wohl wenig Sinn, noch mehr zu diesem Thema zu schreiben, da ich einen vollständigen oder auch nur sinnvollen Bericht nicht mehr geben kann. Ich will nur noch der Ordnung halber etwas niederschreiben, was zwar wissenschaftlich irrelevant ist, vielleicht aber einige Bedeutung für die Angehörigen meines Freundes oder für die Staatsanwaltschaft hat. Ich erinnere mich nun nämlich wieder, daß mein Freund nicht mehr am Leben ist, und wie er gestorben ist. Nach der Begegnung mit Ihm verbrachten wir einen recht einsilbigen Tag, wir diskutierten kurz, ob es uns möglich sei, Ihn zu identifizieren, verwarfen diese Möglichkeit, besprachen, was weiter zu tun sein, daß wir auf keinen Fall wieder einschlafen durften, daß wir die Schlaflosigkeit wahrscheinlich nicht lange überleben würden, daß wir aber die Pflicht hätten, unsere Erfahrungen aufzuzeichnen, als Warnung für unsere Nachfolger. Abends ließ ich ihn einen Moment allein, und als ich in das Zimmer zurückkehrte, in dem unsere beiden Schreibtische und unsere beiden Liegen standen, fand ich ihn, wie er auf seiner Liege lag, die Augen weit aufgerissen und hin und her zuckend, aus seinem Mund kam ein halbersticktes Röcheln. Es war offensichtlich, daß er nicht bei Bewußtsein war, und es konnte auch kein Zweifel bestehen, wo sein Geist nun weilte. Der Befehl, der ihm erteilt worden war, war offensichtlich stärker als sein bewußter Wille gewesen, und so war er wieder eingeschlafen. Ich versuchte ihn zu wecken, aber das erwies sich als unmöglich, was auch immer ich versuchte. Und so habe ich ihn getötet. Ich weiß, daß ich für diese Tat auf jeden Fall entschuldigt bin. Denn wer mir nicht glaubt, wird mich für wahnsinnig halten, und dann habe ich diese Tat im Zustand der Unzurechnungsfähigkeit begangen. Wer aber an die Wahrhaftigkeit dieser Aufzeichnungen glaubt, wird verstehen, daß etwas anderes mir nicht zu tun blieb, und daß er an meiner Stelle mir den selben Dienst erwiesen hätte.
29.12.2000
Sparsam und klein auf DIN A4-Blätter gedruckt, ergibt diese kleine Sammlung etwa hundert Blätter. Morgen beginnt ein neues Jahrtausend. Scheiß Dezimalsystem.
31.12.2000
Fortsetzung: Skizzen 2001