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Nächster Eintrag: „Die zwei Fakultäten“ 2009-07-08AdamBeim jüngsten Nachdenken über verschiedene Themen habe ich festgestellt, dass ich bei verschiedenen Gelegenheiten eine Ausführung zu Adam und Eva gebrauchen könnte. Um nicht jedesmal gewissermaßen bei Adam und Eva anfangen zu müssen, folgt nun, quasi auf Vorrat, eine kleine Meditation über die beiden. Am Anfang der Bibel gibt es bekanntlich zwei Schöpfungsberichte. Der erste schildert, wie Gott in einem geordneten Plan aus dem Chaos eine wohldurchdachte Welt erschafft und dem ersten Menschenpaar zum Geschenk macht und dabei die siebentägige Woche erfindet, die bekanntlich auf die sieben sichtbaren beweglichen Himmelskörper zurückgeht. Die Geschichte ist vergleichsweise modern: wenn Gott etwas will, spricht er seinen Wunsch aus, und er geht in Erfüllung. Der zweite Schöpfungsbericht ist dagegen sehr viel archaischer: Gott erschafft den ersten Menschen aus Lehm, den zweiten aus einer Rippe. Die Details beider Berichte sind kaum zu vereinbaren. Im ersten Schöpfungsbericht wird das erste Menschenpaar, als Krone der Schöpfung, als letztes erschaffen; im zweiten Bericht wird erst der Mann, dann alles andere, dann die Frau erschaffen. Spätere Gelehrte haben versucht, diesen Widerspruch aufzulösen und dabei ein philologisches Monster erschaffen, Lilith, die erste Frau Adams, von der der Text selbst nichts weiß (spätere Bücher der Bibel erwähnen Lilith, aber dass sie Adams Frau gewesen sein soll, wird auch dort nicht gesagt). Das lebensfeindliche Element des ersten Berichts ist das Wasser, beim zweiten Bericht ist es das Fehlen von Wasser, das die Entstehung von Leben verhindert. Die Widersprüche sind ziemlich offensichtlich und ins Auge stoßend (und um so frappanter ist, dass sie so wenig bekannt sind), und es ist eine interessante Frage, wieso die Redakteure, die das Buch Genesis in seiner überlieferten Form zusammengestellt haben, beide Fassungen mit aufgenommen haben. Früher dachte ich, es sei die Aufnahme zweier so unterschiedlicher Berichte als ein Hinweis zu verstehen, sie nicht allzu wörtlich zu nehmen, aber inzwischen denke ich, dass eine solche Vorstellung hoffnungslos anachronistisch ist: die Redakteure der Genesis hatten sicher keine Vorstellung davon, dass ihr Buch später einmal von Literalisten gelesen werden würde, und dementsprechend auch keine Motivation, vor den Fallstricken des Literalismus zu warnen. Eine andere Deutung ist, es handele sich um einen politischen Kompromiß, um den Versuch, es verschiedenen Volksgruppen und Strömungen recht zu machen, die verschiedene Versionen der göttlichen Schöpfung kannten und darauf bestanden, dass ihre jeweilige Fassung sich im heiligen Buch wieder zu finden hätten. Oder auch um eine Scheu, alte Überlieferungen anzutasten, selbst, wenn verschiedene Teile dieser Überlieferungen sich offenbar untereinander nicht gut vertragen. Wie bei so vielem, das derart lange zurück gilt, ist die beste Antwort wohl: wir wissen nicht, was wirklich geschehen ist. Erster und zweiter Schöpfungsbericht gehören, wenn die Dokumentenhypothese zutrifft, zu zwei unterschiedlichen Schichten der fünf Bücher Moses, von denen, der Dokumentenhypothese folgend, üblicherweise vier identifiziert werden. Der erste Bericht gehört zur Priesterschicht, der zweite Bericht stammt aus der jahwistischen Schicht, wobei die jahwistische Schicht offenkundig älter und stärker mythologisch geprägt ist. Der zweite Schöpfungsbericht ist, wie auch (wenn auch weniger deutlich) der erste, eine ätiologische Geschichte: sie erklärt, wie es zum jetzigen Zustand der Welt gekommen ist (und wie die Dinge ihre Namen bekommen haben), eine Just-So-Story, wie sie vielen Mythen zugrunde liegen. Wir erfahren, wieso die Arbeit des Mannes, der Ackerbau, so mühsam und beschwerlich ist, und wieso der Stolz und das Glück der Frau, das Kindergebähren, so schmerzhaft und gefährlich ist, und wieso Feindschaft zwischen Menschen und Schlangen herrscht, und wieso Schlangen keine Beine haben. Außerdem erklärt sie, wieso die Götter unsterblich sind, die Menschen aber nicht: weil die Götter nämlich Nektar und Ambrosia, die Äpfel der Iduna, die Früchte vom Baum des Lebens essen, die Menschen aber nicht. Und wir erfahren, wieso die Menschen, anders als die übrigen Tiere, zwischen gut und böse unterscheiden und Sitte und Anstand kennen und Kleidung tragen. Um einen solchen Mythos besser einordnen zu können, zitiere ich zum Vergleich einen etwas weniger bekannten Text, nämlich die 220. Fabel des Hyginus: Als einst die „Sorge“ über einen Fluss ging, sah sie tonhaltiges Erdreich: sinnend nahm sie davon ein Stück und begann es zu formen. Während sie bei sich darüber nachdenkt, was sie geschaffen, tritt Jupiter hinzu. Ihn bittet die „Sorge“, dass er dem geformten Stück Ton Geist verleihe. Das gewährt ihr Jupiter gern. Als sie aber ihrem Gebilde nun ihren Namen beilegen wollte, verbot das Jupiter und verlangte, dass ihm sein Name gegeben werden müsse. Während über den Namen die „Sorge“ und Jupiter miteinander stritten, erhob sich auch die Erde (Tellus) und begehrte, dass dem Gebilde ihr Name beigelegt werde, da sie ja doch ihm ein Stück ihres Leibes dargeboten habe. Die Streitenden nahmen Saturn zum Richter. Und ihnen erteilte Saturn folgende anscheinend gerechte Entscheidung: „Du, Jupiter, weil du den Geist gegeben hast, sollst bei seinem Tod den Geist, du, Erde, weil du den Körper geschenkt hast, sollst den Körper empfangen. Weil aber die „Sorge“ dieses Wesen zuerst gebildet, so möge, so lange es lebt, die „Sorge“ es besitzen. Weil aber über den Namen Streit besteht, so möge es „homo“ heißen, da es aus humus (Erde) gemacht ist.“ Martin Heidegger zitiert diese Fabel (in § 42 von „Sein und Zeit“) als einen Beleg für die Richtigkeit seiner eigenen Theorien über das Leben, das Universum und den ganzen Rest. Heißt das nun, dass Heidegger geglaubt hat, es sei wirklich einmal eines Tages Cura, die personifizierte Sorge, über einen Fluss gegangen und habe aus einem Stück Ton den ersten Menschen geformt, und Hyginus sei zufällig Zeuge dieses Ereignisses gewesen und habe es getreulich niedergeschrieben? Sicher hat Heidegger nichts derartiges geglaubt. Und wir können ihm ohne weiteres zugestehen, dass diese Fabel tatsächlich etwas Wahres sagt: so lange wir Menschen leben, sind wir der Sorge unterworfen, schließlich aber müssen wir alle sterben und zum Staub zurück kehren. Allerdings behauptet die Fabel auch, der Geist des Menschen kehre daraufhin zu Jupiter zurück, und das nun wiederum ist eine unbelegte metaphysische Spekulation, von der ich deshalb nicht sagen kann, dass sie zutrifft. Bemerkenswerterweise ist die Geschichte von Adam und Eva weitgehend frei von solchen metaphysischen Spekulationen: es wird zwar unterstellt, dass es das Pneuma, der göttliche Atem, sei, der Adam und die übrigen Lebewesen lebendig macht, und das ist eine Aussage, die aus heutiger Sicht falsch ist, aber das scheint ein harmloser Irrtum im Vergleich zur Spekulation des Hyginus über ein Fortbestehen der Seele nach dem Tod, von dem im biblischen Schöpfungsbericht keine Rede ist (der Glaube an ein Leben nach dem Leben kam im Judentum erst spät auf und wird auch heute noch nicht von allen Menschen geteilt, die sich als Juden verstehen) Heidegger macht auch allerhand Aufheben davon, dass es gerade Saturn ist, also die Zeit, der von den anderen zum Richter erhoben wird, aber hier wird die Fabel womöglich von ihm überstrapaziert, für die Saturn vielleicht einfach nur ein altehrwürdiger Gott ist, unabhängig von seiner Funktion. Überhaupt steht das Insistieren Heideggers, in dieser Fabel spreche sich das Dasein selbst aus, auf einer zweifelhaften Grundlage: zunächst einmal ist es ja nicht das Dasein an sich, das diese Fabel verfasst hat, sondern ein Herr namens Hyginus. Und ob die Frage nach dem Wesen und der Struktur und der Herkunft und dem Funktionieren der Zeit sich aus dem Dasein des Menschen eher als aus der Physik beantworten lässt, erscheint ebenfalls zweifelhaft. Aber ungeachtet dessen, können wir zugestehen, dass die Fabel uns – jedenfalls teilweise – etwas Wahres über unser Dasein verrät. Dieser Wahrheitsgehalt bezieht sich dabei offensichtlich nicht auf den ätiologischen Teil in seiner wörtlichen Gestalt. Die Fabel erklärt uns, wie es gekommen ist, dass die Dinge sind, wie sie nun sind, und sie erzählt, wie die Dinge zu ihrem Namen gekommen sind, und in beiderlei Hinsicht ist die Fabel völlig verkehrt: der Mensch heißt nicht deshalb „homo“, weil er aus Humus gemacht wurde, und zu seiner Erschaffung haben sich nicht Cura, Tellus und Jupiter versammelt. Insofern könnten wir sagen, dass ein solcher Herkunftsmythos nutzlos ist, wenig erhellend: er mag eine poetische Beschreibung des gegenwärtigen Zustandes liefern, aber keine akkurate Beschreibung der Entstehung dieses Zustandes. In ähnlicher Weise können wir von der Geschichte von Adam und Eva sagen, dass sie uns etwas Wahres über das menschliche Leben erzählt, die Ätiologie dazu aber völlig verkehrt ist. Tatsächlich stimmt es ja, dass wir Menschen alle sterben müssen, dass Arbeiten mühsam, Kinder gebähren schmerzhaft und gefährlich ist, dass wir Menschen im Gegensatz zu Tieren zwischen Gut und Böse unterscheiden und uns unserer Nacktheit schämen, und es stimmt sogar, dass Schlangen keine Beine haben und von Menschen wenig geliebt werden, selbst wenn wir nicht glauben, dass einmal ein Gott namens Jahwe und eine sprechende Schlange mit einem ersten Menschenpaar verschiedene Gespräche geführt haben. Allerdings ist auch der Befund über das menschliche Dasein nur von eingeschränkter Gültigkeit und teilweise recht veraltet. In unserer modernen Gesellschaft bemisst sich die Wertschätzung einer Frau üblicherweise nicht mehr an der Zahl der Kinder, die sie geboren hat, und es ist als Frau durchaus möglich, ein erfülltes Leben zu führen, ohne jemals Kinder zur Welt zu bringen. Außerdem ist das Gebären von Kindern längst nicht mehr so gefährlich (oder so schmerzhaft) wie in der Bronzezeit. Die Bedeutung der Landwirtschaft hat seit der Bronzezeit erheblich abgenommen, und nur noch eine Minderheit aller Männer findet hier ihre Beschäftigung, während zur Bronzezeit selbst ein König nur ein sehr, sehr reicher Bauer war. Wir wissen inzwischen außerdem, dass Schlangen ausgezeichnet ohne Beine zurecht kommen und ihre Beinlosigkeit nicht wirklich ein Fluch ist: mit rund 3000 Arten gibt es sehr viel mehr Arten beinloser Reptilien als schwanzloser Affen, und die Unterordnung Serpentes ist weit verbreitet und erfolgreich, während die schwanzlosen Affen bis auf eine Art allesamt auf die Tropen beschränkt und vom Aussterben bedroht sind. Einfache Formen einer Unterscheidung zwischen Gut und Böse lassen sich auch bei anderen Tieren finden, so dass die Unterscheidung zwischen Gut und Böse nicht als ein Merkmal angeführt werden kann, das uns von allen anderen Tieren unterscheidet. Nacktheitstabus variieren zwischen unterschiedlichen Kulturen (und Subkulturen), so dass mindestens zweifelhaft ist, ob es sich wirklich um eine universelle Eigenschaft aller Menschen handelt. Trotz dieses ernüchternden Befundes lässt sich dennoch behaupten, dass der zweite Schöpfungsbericht ein vergleichsweise realistisches Bild der menschlichen Natur zeichnet. Wir erinnern uns, dass der erste Schöpfungsbericht behauptet, die ganze Schöpfung sei für den Menschen erschaffen worden. Lesen wir beide Schöpfungsberichte hintereinander weg, so sind wir natürlich verleitet, den zweiten Schöpfungsbericht im Lichte des ersten zu lesen, und so erwarten wir auch hier, dass die Schöpfung ein Geschenk eines gütigen, omnimaximalen Gottes (omnipotent, omnisapient und omnibenevolent) an den Menschen ist. Davon steht aber eigentlich nichts im zweiten Schöpfungsbericht. Insbesondere ist keine Rede davon, dass Gott Adam den Garten Eden schenkt. Gott will für Adam einen Gehilfen erschaffen: das bedeutet doch wohl, dass Adam eine Art Diener Gottes ist, sein oberster Gärtner, aber nicht der Besitzer des Gartens, und insbesondere bedeutet es nicht, dass der Garten Eden ein Paradies für Adam ist; vielmehr ist es ein Paradies für Jahwe, der dort gerne spazieren geht. Dieser Jahwe verdankt seine Unsterblichkeit (wie andere Götter auch) magischen Früchten, die er seinem Diener vorenthalten will. Dazu belügt er Adam, indem er ihm sagt, dass Adam auf der Stelle sterben müsse, wenn er von den verbotenen Früchten äße. Bekanntlich isst das Menschenpaar vom Baum der Erkenntnis, ohne zu sterben. Eine übliche Deutung ist, durch diese Sünde seien die Menschen überhaupt erst sterblich geworden, und zuvor seien Adam und Eva unsterblich gewesen. Aber für diese Deutung gibt es nicht nur im Text keinen Anhaltspunkt, sie ist auch ganz widersinnig: wie, um alles in der Welt, sollten Adam und Eva denn unsterblich sein, wenn sie nicht vom Baum des Lebens gegessen haben? Die Idee, dass die Götter die Quelle von moralischem Verhalten sind, ist womöglich jünger, als die Idee der Götter selbst. Der Gott des ersten Schöpfungsbericht scheint die Güte selbst zu sein, wie er großzügig das Universum um die Menschen herum konstruiert. Aber die Sicht des zweiten Schöpfungsberichts, in der Adam keineswegs der Mittelpunkt des Universums ist, scheint doch sehr viel näher an der Wirklichkeit. Die Idee, die ganze Schöpfung sei um der Menschen willen da, erscheint als eine extreme Form der Hybris und Selbstüberschätzung, und sie lässt sich mit unserem modernen Wissen schwer in Einklang bringen. Und die Idee, dass die Götter gut und vollkommen seien, hat den Theologen das unlösbare Problem der Theodizee beschert. Mit etwas gutem Willen können wir also sagen: der zweite Schöpfungsbericht, aufgefasst als ein ätiologischer Mythos, der den Zustand der Welt beschreibt, indem er in poetischer Form eine fiktive Beschreibung der Herkunft dieses Zustands liefert, ist zwar etwas veraltet und insgesamt ein wenig banal, aber alles in allem vergleichsweise realistisch. Was dagegen völlig bizarr wäre, wäre die Ansicht, der ätiologische Teil dieses Mythos’ sei eine akurate Beschreibung historischer Vorgänge. Das ist offensichtlich nicht möglich: an früherer Stelle habe ich erwähnt, wie der Haupthistokompatibilitätskomplex Loci mit hunderten von Allelen enthält, die wir mit unseren äffischen Verwandten teilen. Wäre die menschliche Bevölkerung – nach dem letzten gemeinsamen Vorfahren von Menschen und Schimpansen – durch einen genetischen Flaschenhals gegangen, in dem nur noch ein einziges Menschenpaar überlebt hätte, so hätten von dieser ganzen Pracht nur jeweils höchstens vier Allele übrig bleiben können. Mit anderen Worten: hätte es in unserer Geschichte jemals einen derart extremen genetischen Flaschenhals gegeben, dann wären die Folgen dieses Ereignisses unmöglich zu übersehen.
Bekanntlich ist aus dem Judentum eine gewisse Sekte hervorgegangen, die weit über die Juden hinaus Anhänger gewonnen hat und inzwischen die am weitesten verbreitete Religion überhaupt ist. Dabei hat sich die siegreiche Fraktion innerhalb der verschiedenen Strömungen dieser Sekte, auf die nahezu alle rezenten Versionen zurückgehen, entschlossen, die heilige Schrift der Juden als kanonisch beizubehalten. Inhaltlich jedoch wurde die Schrift radikal neu gedeutet. Es handelt sich dabei um einen üblichen Vorgang religiösen Denkens: die heiligen Texte sind nun einmal, nun ja, heilig und unantastbar und dürfen nicht geändert werden, die Theologie aber ist inzwischen vorangeschritten und hat sich gewandelt. Also werden die alten Texte formal beibehalten, sie werden aber nun anders gelesen. Wobei gewöhnlich, da es sich ja beim religiösen Denken um ewige Wahrheiten handeln soll, behauptet wird, es sei lediglich der ursprüngliche Sinn der heiligen Schriften freigelegt worden, der bislang verkannt wurde oder der zwischenzeitlich irgendwie verloren ging, oder gar, die aktuelle Deutung sei immer schon vertreten worden. Es steht zu befürchten, dass Paulus genau die Ungeschicklichkeit beging, die ich gerade eben noch als bizarr bezeichnet habe, nämlich Adam und Eva für reale, geschichtliche Personen zu halten, denen dann die geschichtliche Person Jesu als neuer Adam gegenübergestellt wird. Durch Adam kam die Sünde in die Welt; durch Jesus werden wir von der Sünde befreit. So, wie uns der erste Adam durch seine Tat das Gesetz aufgeladen hat, hat uns Jesus, der neue Adam, durch seine Tat vom Gesetz befreit. Paulus liest natürlich ersten und zweiten Schöpfungsbericht gemeinsam. Dass die Welt um des Menschen willen erschaffen wurde, kann er dem ersten Schöpfungsbericht entnehmen und glaubt es auch: die Heiligen werden selbst über die Engel zu Gericht sitzen. Dementsprechend ist ihm Eden ein um des Menschen willen errichtetes Paradies, und der Fall des Menschen ein unnatürlicher, zu behender Zustand. Der Mythos des zweiten Schöpfungsberichts weiß nichts von irgend einer Eschatologie, die den jetzigen Zustand der Welt dereinst ändern wird, für ihn sind die Dinge ewig, wie sie sind (und auch die Ätiologie spielt sich nicht eigentlich in der Historie, also in der Vergangenheit ab, sondern in der mythologischen Zeitlosigkeit). Auch ist das Handeln von Adam und Eva, trotz der harschen Strafe Gottes, nicht unbedingt ein verwerflicher Akt, so wenig, wie es uns Menschen zusteht, Prometheus dafür zu kritisieren, dass er uns das Feuer gebracht hat, auch wenn diese Tat Prometheus den Kaukasus und uns die Büchse der Pandora beschert hat: das hat die Griechen nicht davon abgehalten, Prometheus Altäre zu errichten. Aus jüdischer Sicht ist Adam der Erste einer Reihe verehrungswürdiger Patriarchen, und nicht der Auslöser einer kosmischen Katastrophe. Dazu kommt, dass die Schrift (also das Alte Testament) die Idee einer über die Generationen erblichen Schuld explizit ablehnt. Womöglich hat Paulus, als er seine Theologie entwickelte, die entsprechenden Stellen nicht gekannt, aber spätere Christen sahen sich genötigt, Paulus und die Schrift durch komplizierte Epizykel miteinander verträglich zu machen. Wenn wir etwa Augustinus folgen, dann wurde durch den Fall Adams die menschliche Natur so korrumpiert, dass ein einzelner Mensch zwar nicht mit der Schuld seiner Vorfahren zur Welt kommt, aber gar nicht vermeiden kann, eigene Schuld auf sich zu laden. Auch dies steht freilich noch immer im Widerspruch zur Schrift, der zufolge es einzelnen geschichtlichen Personen durchaus gelungen ist, im Einklang mit den göttlichen Geboten zu leben (hätte Augustinus recht, hätte Enoch nicht entrückt werden können – und Adam hätte nicht sündigen können, weil er ja noch nicht korrumpiert war). Immerhin aber lässt sich die Schrift, wenn wir wollen, auch so lesen, als seien selbst Gottes Lieblinge, wie der Säufer Noah oder der Ehebrecher David, elende Sünder. Wollen wir aus dieser Verwirrung irgendwie einen akzeptablen Sinn gewinnen, dann müssen wir als allererstes wieder dafür sorgen, dass aus Adam und Eva wieder mythologische Gestalten werden, oder besser noch mystische, denn als geschichtliche Personen sind sie, wie gesagt, unhaltbar. Adam wäre demnach nicht irgend ein Bursche, der vor langer Zeit einmal gelebt hat und dessen Handeln schwer verständliche Spätfolgen für unser eigenes Leben zeitigt, sondern die Geschichte Adams wäre, in mythologischer Form, die Geschichte eines jeden einzelnen von uns: wir alle sind Adam, weil wir alle Anteil an der Konkupiszenz haben, die wir nicht von einem bestimmten Vorfahren geerbt haben, sondern die schlicht Teil unserer Natur ist. Damit sind die Schwierigkeiten für die Theologie des Paulus aber noch nicht beseitigt. Denn was heißt es denn, zu sündigen? In der Vorstellung des Paulus wohl: gegen das Gesetz zu verstoßen, das Gott geoffenbart hat. Anscheinend kann das Gesetz der Schrift ohne weiteres außer Kraft gesetzt werden: es ist für den, der sich auf Jesus beruft, ohne weiteres möglich, auf die Beschneidung zu verzichten. Wir müssen daraus wohl schließen, dass das Gesetz für Paulus eine Sammlung von Vorschriften ist, die an und für sich gänzlich sinnlos sind, an die die Menschen (oder jedenfalls die Juden) sich aber dennoch halten müssen, weil sie von Gott befohlen wurden. Dabei kommt es entweder unvermeidlich zu einem Scheitern, weil es gar nicht möglich ist, das Gesetz zu erfüllen, oder es ist jedenfalls unzumutbar mühsam (diesbezüglich ist Paulus alles andere als klar). Tatsächlich ist nicht recht zu sehen, was besonders verdienstvoll daran sein soll, sich beschneiden zu lassen, oder warum es so verwerflich sein sollte, ein Kleidungsstück zu tragen, das aus zweierlei Stoff gewebt ist (eines der zahlreichen alttestamentarischen Reinheitstabus). Damit hätten wir dann die folgende Situation: ein Tyrann von kosmischen Ausmaßen hat eine Reihe von ebenso sinnlosen wie unerfüllbaren Vorschriften erlassen, und Paulus hat einen Trick entdeckt, wie es möglich ist, diese Gesetze zu ignorieren, ohne es sich mit dem Tyrannen zu verscherzen. So gedeutet, handelt es sich um eine fantastische Geschichte auf einem ähnlichen Niveau, wie die Behauptung, die CIA sei von Reptilienmenschen unterwandert, aber Aluminiumhelme schützten vor ihren Gedankenkontrollstrahlen. Ich kann zwar nicht beweisen, dass die CIA nicht wirklich von Reptilienmenschen unterwandert ist, die Gedankenkontrollstrahlen verwenden, ich muss es aber auch nicht: dazu ist die Geschichte zu blödsinnig. Ebenso ist die Geschichte vom kosmischen Tyrannen und seinen unsinnigen Gesetzen so blödsinnig, dass sie keiner Widerlegung bedarf. Außerdem handelt es sich um eine Geschichte ohne moralische Relevanz: ich kann beschließen, zu versuchen, mich an die Gesetze des Tyrannen zu halten, ich kann auf den von Paulus entdeckten Trick zurückgreifen, mit Hilfe Jesu dem Geltungsbereich des Gesetzes zu entfliehen, ich kann in Kohlhaasschem Trotz verkünden, der kosmische Tyrann könne mich kreuzweise im Arsch lecken, oder ich kann beschließen, dass mich, da ich ja kein Jude bin, die willkürlichen Gesetze des Tyrannen ohnehin nicht betreffen. Ich kann mich bei meiner Entscheidung von Nützlichkeitsüberlegungen leiten lassen, aber es handelt sich um keine moralische Entscheidung. In einer extremen Spielart des Evangelikalismus, in der die Rechtfertigung durch den Glauben statt durch die Werke auf die Spitze getrieben wird, wird die Erlösung reduziert auf eine einzige Formel (das Bekenntnis zu Jesus als Erlöser), die dazu führen soll, dass der betreffende Gläubige nicht mehr für seine Untaten bestraft wird, vergleichbar der Get-Out-Of-Jail-For-Free-Karte im Spiel Monopoly. Während Luther oder Calvin wohl noch die Vorstellung hatten, die göttliche Gnade werde irgendwie auch für eine Verhaltensänderung sorgen, muss in der extremen Spielart der Gläubige sein Verhalten überhaupt nicht ändern: er lebt sein Leben nach dem Aussprechen der Formel just ebenso wie vor dem Aussprechen der Formel, er füttert nicht die Hungrigen und tröstet nicht die Leidenden. Der einzige Unterschied zwischen dem, der die Formel ausspricht, und dem, der die Formel nicht ausspricht, ist der, dass der, der die Formel ausspricht, nach seinem Tod in den Himmel kommt, der, der die Formel nicht ausspricht, kommt dagegen in die Hölle. Der Vergleich mit der Monopoly-Karte ist insofern treffend, insofern nach dieser Theologie zwar beide Strafe verdient hätten (nämlich das ewige Gefängnis im Jenseits), der eine aber einen Kniff entdeckt hat, dieser Strafe zu entgehen. Die Hybris des Gläubigen ist hier auf die Spitze getrieben: durch einen einfachen Zauberspruch kann der Gläubige den Schöpfer des Universums manipulieren. Eine halbwegs brauchbare Moral wird sich, denke ich, nicht damit beschäftigen, ob ich beschnitten bin oder Gewänder aus zweierlei Stoff trage oder am Sabbat elektrische Lichtschalter betätige, sondern damit, ob ich vermeide, anderen Wesen zu schaden. Wenn ich nun versuche, dem Konzept der Konkupiszenz so viel Sinn wie möglich abzugewinnen (was nicht eben einfach ist), dann kann ich zugestehen, dass es in einem gewissen Sinn tatsächlich nicht möglich ist, ohne Sünde zu leben. Als Mensch zu leben heißt unvermeidbar, für den Tod anderer Lebewesen verantwortlich zu sein. Es gibt zwar einige Menschen, die sich bemühen, ausschließlich von Obst und Wasser zu leben, aber abgesehen davon, dass eine derart extreme Diät nicht sehr gesund ist: selbst wenn ich nur einen Apfel vom Baum pflücke, wer sagt denn, dass es dem Baum recht ist, dass ich das tue? Ich greife in das Schicksal seiner Samen ein und gerate so in die Sphäre moralischer Konflikte (auch wenn der entsprechende Konflikt den meisten Menschen trivial erscheinen dürfte). Im übrigen beeinflusse ich mit jedem Schritt, den ich gehe, mit jedem Atemzug, den ich tue, den Lauf der Welt. So lange ich existiere, kann ich nicht vermeiden, mit dem Schicksal unzähliger anderer Wesen verknüpft zu sein. Insofern kann ich sagen, dass meine menschliche Existenz wesentlich konkupiszent ist: ich kann nicht vermeiden, in moralische Schuld hineingezogen zu werden. Nicht, dass ich über diese Probleme meinen Schlaf verlöre: ich bin durchaus imstande, ein Brot zu essen, ohne wegen der deshalb getöteten Weizenhalme in Schuldgefühle zu verfallen. Aber ich versuche ja, dem Konzept der Konkupiszenz so viel Sinn wie möglich abzugewinnen, also gestehe ich zu, um des Arguments willen, dass ich unvermeidlicherweise durch und durch mit Schuld beladen bin, und zwar mit (in extremer Deutung, wenn wir sogar Weizenhalmen den Status moralischer Subjekte zugestehen, was ja keineswegs zwingend ist) moralisch relevanter Schuld, denn am Sabbat (im Gegensatz zu anderen Zeitpunkten) elektrische Lichtschalter zu betätigen, halte ich beim besten Willen überhaupt nicht für moralisch relevant. Nun hat Paulus für mich die frohe Botschaft, dass Jesus für mich gestorben ist und damit meine Schuld bezahlt ist. Aber was nützt mir das? Jesus kann doch allenfalls dafür sorgen, dass Gott mich nicht dafür bestraft, dass ich seine Gesetze übertreten habe, indem ich ein Hemd aus zweierlei Stoff getragen habe (sofern dieses Gesetz für mich überhaupt einschlägig ist). Aber dem Weizenhalm, das sterben musste, damit ich mein Brot essen konnte, wird dadurch, dass Jesus für meine Sünden gestorben ist, nicht geholfen, das von mir begangene Unrecht wird nicht getilgt, und Gott hat gar nicht die Macht, mir für das Unrecht zu vergeben, das ich nicht an ihm, sondern an meinen Mitgeschöpfen begangen habe, da es ihm nicht zukommt, stellvertretend für sie zu sprechen. Wir können natürlich frech behaupten, es käme gar nicht darauf an, wem ich alles Unrecht getan habe, sondern einzig auf die übertretenen Gebote, für die Gott mich eigentlich bestrafen müsste, deren Strafe mir aber dank des neuen Adams erlassen worden sei. Aber was interessieren mich Gottes Gebote! Paulus selbst sieht ja, dass es sich bei Gottes Geboten nur um unsinnige Schikanen handelt. Und selbst wenn Gottes Gebote vernünftig und einsichtig wären: von einem Gott ist doch wohl zu erwarten, dass er robust genug ist, dass ihm durch eine Gebotsverletzung kein ernsthaftes Leid zugefügt wird, dagegen wird meinen Mitgeschöpfen echtes, wirkliches Leid zugefügt. Insofern scheint mir die Frage Luthers, wie ich einen gnädigen Gott bekomme, gänzlich falsch gestellt. Besser wäre doch wohl die Frage: wie vermeide ich es künftig, meinen Mitgeschöpfen Leid zuzufügen? Wir können nun noch versuchen, auch den neuen Adam als eine mystische Figur aufzufassen: statt sich, im Sinne eines Zauberspruchs, zu Jesus zu bekennen, käme es demnach darauf an, selbst zu Jesus zu werden und dadurch der Konkupiszenz zu entkommen. Ich sehe jedoch nicht recht, wie das möglich sein sollte: es ist schlichtweg nicht möglich, zu existieren, ohne das Schicksal anderer Wesen zu beeinflussen. Allenfalls denkbar wäre, dass ich vor jeder meiner Handlungen innehalte und mich frage, was der mystische innere Jesus an dieser Stelle tun würde, und dadurch meine Handlung insgesamt besser (aber nicht vollkommen gut) werden. Ich kann jedoch nicht erkennen, dass der Glaube an Jesus die Menschen besser machen würde. Alles in allem habe ich den Eindruck, dass der Glaube an Jesus die Menschen mehr oder weniger unverändert lässt: freundliche Menschen bleiben freundlich, rechthaberische Menschen bleiben rechthaberisch, Geizige bleiben geizig, Naive naiv. Darüber hinaus ist, wenn Jesus nur der Name für eine innere Verhaltensrichtschnur sein soll, der Name ausgesprochen schlecht gewählt, weil er irreführend und zweideutig ist. Denn die meisten Menschen werden doch wohl beim Namen Jesus entweder an eine historische Person, oder an ein metaphysisches Wesen denken. Soll Jesus aber weder das eine noch das andere sein, dann ist es höchst unglücklich, ihm einen Namen zu geben, der nahezu unvermeidlich entweder das eine oder das andere als Assoziation auslöst. Außerdem ist diese Deutung, die freundlichste, die ich mir vorstellen kann, durch den Text selbst nicht gedeckt. Im Römerbrief, 5,12 – 21 (und von allen Stellen bei Paulus werden wir doch diese, wenn der Name „Paulus“ einen Sinn haben soll, für echt halten wollen, das heißt, mit „Paulus“ bezeichnen wir denjenigen, der Römer 1 bis 11 verfasst hat, was auch immer er sonst noch geschrieben haben mag und wie auch immer sein echter Name gewesen sein mag; siehe im übrigen aber auch Kapitel 15 des ersten Korintherbriefes) stellt Paulus klar, dass er glaubt, durch Adam sei der Tod in die Welt gekommen (eine Umdeutung des ursprünglichen Mythos, der nichts dergleichen sagt – aber Paulus liest eben den zweiten Schöpfungsbericht im Licht des ersten und kann sich deshalb einen täuschenden Gott nicht vorstellen), und die Erlösung durch Jesus besteht eben darin, nicht mehr sterben zu müssen. Wenn es heißt, durch Jesus seien die Gläubigen gerecht geworden, so meint dies nicht, dass die Gläubigen einen Weg gefunden hätten, das Zufügen von Leid zu vermeiden, sondern nur, dass sie einen Weg gefunden haben, nicht zu sterben. Zwar müht sich Paulus im folgenden, zu beteuern, dass der durch Jesus Befreite nicht länger von der Sünde beherrscht wird, aber er vermeidet doch sorgfältig, geradeheraus zu behaupten, der Gläubige würde nicht mehr sündigen, und eine solche Behauptung würde ja auch zu sehr der Erfahrung widersprechen. Und hier zeigt sich, dass die extremen Varianten des Evangelikalismus durchaus eine Grundlage in seinen Schriften haben: in Röm 10, 9 werden wir informiert, dass tatsächlich eine bloße Zauberformel den Gläubigen rettet. Meine freundliche Deutung, Jesus sei ein mystisches Bild für das rechte Leben, ist also nicht durch die Schriften gedeckt, die von fast allen rezenten Christen für kanonisch gehalten werden, und sie widerspricht der Lehre fast aller rezenten Kirchen. Dann aber hat die Lehre des Paulus keinen höheren moralischen Rang, als eine Sammlung von Tricks zur Steuerhinterziehung. Denn nicht Gott haben wir beleidigt, der kein Leid empfinden kann, sondern unsere Mitgeschöpfe, weshalb Gott uns nicht vergeben kann, und die Zauberformel des Paulus bewirkt nur, dass ein unbegreiflicher Gott uns nicht quält, aber eigentlich bewirkt sie noch nicht einmal das, denn in Wahrheit gibt es ja den metaphysischen Gott des Paulus gar nicht. Insofern gleichen die Empfehlungen des Paulus einem Buch, das mir mitteilt, wie ich Steuern hinterziehen könnte, wenn ich statt auf der Erde auf dem Jupiter leben würde, während ich eigentlich ein Buch suche, das mir mitteilt, worin das rechte Leben hier auf Erden besteht.
Dem etwas schwachen Lob des zweiten Schöpfungsberichts durch den Vergleich mit noch ärmlicheren Werken können wir also hinzufügen, dass der zweite Schöpfungsbericht realistischer nicht nur als der erste Schöpfungsbericht oder die Fabel des Hyginus, sondern auch als seine eigene Umdeutung durch Paulus ist. Kommentar schreiben
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