In Mannheim ist Katholikentag mit geschätzt 60.000 Katholiken, aber für uns Atheisten gibt es auch eine Gegenveranstaltung, die „Religionsfreie Zone Mannheim 2012“. Also gehe ich auf einen Vortrag des zwangsemeritierten Professor der katholischen Theologie Hubertus Mynarek, „Ist die Kirche noch für Moral und Kultur zuständig?“.
Die Straßen Mannheims sind voller Katholiken, der Vortragssaal in der Staatbücherei heiß und stickig. Der leibhaftige Mynarek trägt im wirklichen Leben exakt das gleiche Hemd und den gleichen Pullover wie im Programmheft. Seinen Vortrag beginnt er mit der Geschichte, wie Jesus einer Kanaaniterin begegnet (Mk 7, 24-30 bzw. Mt 15, 21-28). Ich hätte diese Geschichte aufgefasst als ein Versuch der Protokirche, Heidenmissionen zu rechtfertigen: der echte, jüdische Jesus war nie im Ausland und hat die Missionierung von Heiden nie gutgeheißen, also mussten diejenigen unter den frühen Christen, die auch Heiden für die jüdische Sekte der Christianer gewinnen wollten, diesen Wunsch rechtfertigen, und fügten dem wachsenden Kanon von Jesus-Geschichten die Geschichte dieser Begegnung zwischen Jesus und einer Nicht-Jüdin ein. Mynarek hält die Geschichte anscheinend für ein Zeugnis des historischen Jesus, was ich nun wiederum für ganz unwahrscheinlich und schrecklich naiv halte, und versucht aus ihr abzuleiten, was für ein arrogantes Arschloch Jesus war. Er spricht davon, dass es geradezu quasi ein Wunder (in Anführungszeichen) sei, dass diese Geschichte zufällig nicht von späteren Redaktoren getilgt wurde.
Mit dieser eher schwachen philologischen Leistung beginnend, geht es von da an mit dem Vortrag rapide abwärts. Er schwingt sich in wildem assoziativem Reigen von Thema zu Thema, bei keinem einzigen Thema länger verweilend. Wir erfahren, dass Kardinäle Weiberfummel tragen, und der Saal lacht begeistert ob dieses schwächlichen Witzes (der eher Frauen und Transvestiten als die Kardinäle beleidigt), wir erfahren, dass Katholiken wie Protestanten Hitler in den Arsch krochen und dass Luther seine bedeutendste theologische Erkenntnis, die Prädestination, auf dem Scheißhaus hatte, wobei die Prädestination schon durch die Geschichte des von Gott verhärteten Herzen des Pharao vorgezeichnet ist (einschlägiger dürften allerdings entsprechende Stellen bei Paulus und Augustinus sein). Wir erfahren, dass Meisner ein Banklehrling ohne Abitur war und dass der Erzbischof von Chicago zur Verleihung seines Kardinalshutes mit seiner Geliebten anreiste und dass selbiger Erzbischof schon viele Frauen „verrammelt“ habe. Wir erfahren, dass aus Köln und Chicago Millionenbeträge oder fünfzigtausend Dollar oder Milliarden über den Papst und das FBI an die Solidarność flossen.
Vor allem aber erfahren wir, dass Küng und Drewermann und Alt und Ranke-Heinemann und all die anderen Dummschwätzer zu Talkshows eingeladen werden und zu Vorträgen und dass ihre Bücher im Spiegel rezensiert werden, Mynarek aber nicht. Und so entsteht das Bild eines kleinlichen, neidischen, verbitterten Mannes, der anderen vorwirft, die Bibel nicht gelesen zu haben, selbst aber nichts zu ihr zu sagen hat und der keine kohärenten Vorträge halten kann, schon gar nicht zum Thema, ob die Kirche noch für Moral und Kultur zuständig ist, aber zu gerne in Talkshows eingeladen werden würde. Dem Saal ist’s egal, er spendet begeistert Applaus. Dabei hat er in der Sache oft nicht einmal unrecht: die von ihm gegeisselten sind größtenteils tatsächlich Dummschwätzer, Heuchler, Lügner, Betrüger oder alles zusammen, die Kirche auf einen absurden Mythos gegründet, Luther ein durch und durch unempfehlenswerter Bursche, und die Kirche erfreut sich ungerechtfertigter Privilegien. Aber sein Mäandrieren zwischen Anekdoten, dem Inhalt persönlicher Telefonate mit Prominenten, der Schmutzwäsche katholischer Würdenträger und argumentfreien Beschimpfungen ist wenig geeignet, das überzeugend zu belegen.
Zu allem Überfluss habe ich außerdem noch meine Frau mitgenommen. Das Ganze ist ein schlimmerer Reinfall als damals, als ich sie in „Stalker“ von Tarkowski schleppte.

„Dumme Atheisten I“ habe ich unter dem Titel „Der Gott, der nicht da war“ veröffentlicht, „Dumme Atheisten II“ unter dem Titel „Die Rückkehr des Rook Hawkins“. Wenn sowohl die Gläubigen als auch die Ungläubigen mir auf die Nerven gehen, vielleicht liegt es dann an mir?

Nachtrag: Inzwischen war ich auch noch auf dem Vortrag von Gerd Lüdemann, der hat mich dann einigermaßen wieder versöhnt, auch wenn das, was Lüdemann erzählt, wie er selbst vorausschickt, keine schockierenden Neuigkeiten sind, sondern Erkenntnisse des späten neunzehnten Jahrhunderts und für angehende Theologien Proseminar-Stoff; der eigentliche Skandal besteht darin, dass jedem Theologen, sobald er die Universität verlässt und eine Laufbahn in der Kirche beginnt, die Ergebnisse der historisch-kritischen Methoden wieder aus dem Gedächtnis gelöscht werden und sie dann solchen Stuss auf der Kanzel verkündigen wie etwa, der Kindermord des Herodes sei ein historisches Ereignis gewesen. Andererseits habe ich ja inzwischen von Mynarek gelernt, dass Meisners Bildung über eine Banklehre nicht hinaus geht und er seine Bestellung zum Erzbischof der reichsten Diozöse der Welt und Kardinal nur seiner exzessiv zur Schau gestellten Marienfrömmigkeit verdankt.