Skizzenbuch 2001
Mit Rennaissance, Aufklärung und Mengenlehre hatte das zweite Jahrtausend ja ganz brauchbare Ansätze. Schauen wir mal.
1.1.2001
Einem von Deutschen verbreiteten Gerücht zufolge bleiben alle Deutsche an roten Fußgängerampeln stehen, was ein Beweis für deutsche Spießigkeit, Doofheit und Obrigkeitshörigkeit sein soll. Ich habe mir die Freiheit genommen, bei verschiedenen Gelegenheiten Deutsche an Fußgängerampeln zu beobachten, und nach meiner Erfahrung bleiben sie nur dann stehen, wenn in unmittelbarer Nähe ein sich mit hoher Geschwindigkeit näherendes Auto ist. Ist kein Auto zu sehen, oder nur in weiter Ferne, dann überqueren Deutsche eine Fußgängerampel auch dann, wenn sie rot ist. Dagegen habe ich beobachten können, daß auch Spanier, wenn sich ihnen ein Auto mit hoher Geschwindigkeit genähert hat, an einer roten Ampel lieber stehen bleiben als sich überfahren zu lassen. Das läßt sich mindestens dreifach erklären: erstens einmal gibt es für den Deutschen an sich nichts schrecklicheres, als typisch deutsch zu sein, und deshalb hastet der typische Deutsche bei rot über die Ampel, bloß um nicht typisch deutsch zu sein. Zweitens ist der typische Deutsche nicht nur fanatisch obrigkeitshörig, sondern noch weit mehr ist er sich bewußt, daß er eigentlich gar keine Zeit hat und das alles ganz schnell gehen muß, da er ja seine Zeit nicht gestohlen hat, und an einem Hindernis innezuhalten und zu verweilen und zur Besinnung kommen, das wäre ja ein Ausweis von Humor, Lässigkeit, Ironie, Unverkrampftheit und Ruhe, die der typische Deutsche meidet wie Weißbrot. Drittens schließlich ist das ganze Gerede über Nationalcharaktäre völliger Blödsinn, und die Unterschiede im Ampelverhalten verschiedener Deutscher sind mindestens so verschieden wie zwischen typischen Deutschen und typischen Spaniern, die es ohnehin nicht gibt, und niemand läßt sich gerne überfahren oder steht gern dumm rum, wenn offensichtlich kein Auto kommt.
Ich muß allerdings zugeben, daß meine Beobachtungen in Bezug auf die Spanier eigentlich weniger Spanier als solche betreffen, sondern eher Katalanen, und die sind natürlich viel ordentlicher als die schlampigen Spanier.
Wer im übrigen die Deutschen für spießig und obrigkeitshörig hält, beobachte eine Weile die rücksichtslosen Arschlöcher, die sich auf Fahrrädern fortbewegen und denen anscheinend die Bremsen gestohlen wurden.
Bekäme ich einen Dollar für jeden Satz, in dem behauptet wird, Wilson oder Dawkins seien der Meinung, die Gene würden das menschliche Verhalten vollständig determinieren, so bräuchte ich nicht mehr zu arbeiten und könnte mir ein bequemes Leben am Rande meines Pools gönnen. Beide behaupten, daß das Gehirn Neugeborener keine tabula rasa ist, und diese ehemals beliebte Theorie wird heute ohnehin kaum jemand mehr ernsthaft zu vertreten wagen.
2.1.2001
Einer der hauptsächlichen Vorwürfe, die Feyerabend gegen die Anhänger Poppers erhoben hat, besteht darin, die Anhänger Poppers seien historisch ungebildet und deswegen geneigt, jede der popperschen Thesen für eine bahnbrechende neue Erkenntnis zu halten, während dergleichen doch in Wahrheit vor dem Aufkommen des Neopositivismus eine Binsenweisheit gewesen wäre, und der Meister selbst hätte dies noch verstärkt dadurch, daß er in all seinen Büchern in Fußnoten darauf hingewiesen hätte, in welchen anderen Büchern er diese Idee schon einmal gehabt hätte („I as a Precursor of Myself“, wie Duerr es ausdrückt), beziehungsweise daß jeder, der vor Popper schon einmal etwas ähnliches gedacht hat wie Popper in den Augen Poppers ein verwirrter Popperianer war, der dringend des Popperianismusses bedurfte, um seine Verwirrtheit zu überwinden. Feyerabend nennt Mach einen solchen Vorläufer, ein einleuchtenderer Kandidat wäre vermutlich Peirce, Neurath hat viele Poppersche Themen parallel zu Popper behandelt (am erstaunlichsten dabei seine Platonkritik, die sich unmittelbar auf Wielands Aristipp stützt), wir selbst haben Platon als einen Vorgänger Poppers diskutiert, und Popper selbst hat die These vertreten, daß seine eigene Theorie im wesentlichen schon von Xenophanes vorweggenommen wurde.
Es lassen sich leicht viele Stellen aufführen, die, nach der Lektüre Poppers, einen popperschen Klang haben. Nehmen wir etwa das folgende: „[...] every active mind will form opinions without direct evidence, else the evidence too often would never be collected.“ [„Jeder aktive Geist bildet Ansichten ohne direkte Evidenz, weil sonst diese Evidenz allzu oft niemals zusammengetragen würde“] Das scheint mir in nuce die Poppersche Unterscheidung von Kübelmodell und Scheinwerfermodell der Erkenntnis zu sein. Diese Einsicht findet sich aber keineswegs als Pointe einer philosophischen Abhandlung, sondern als Randbemerkung in der Einleitung eines Buches eines Biologen, allerdings auch nicht irgendeines Biologen, sondern in The Genetical Theory Of Natural Selection von R. A. Fisher. Wir können uns nun streiten, ob die zitierte Stelle ein weiterer Beleg für Fishers Genialität oder für Poppers Trivialität ist. Entsprechende Zitate lassen sich beliebig vermehren. Es wäre ja auch sehr merkwürdig, wenn es Popper gelungen wäre, das Vorgehen der Wissenschaften zu beschreiben, ohne daß es vor ihm irgend einen Wissenschaftler gegeben hätte, der nicht wenigstens eine leise Ahnung von diesem Vorgehen gehabt hätte. Aber selbst wenn keine von Poppers Thesen originell sein sollte, so hat er doch wenigstens ein System entwickelt, das einen neuen begrifflichen Rahmen zur Beschreibung der Wissenschaft liefert und das wenigstens insoweit nicht trivial ist, insoweit es kontraintuitiv ist (Kontraintuitiv ist beispielsweise die Einsicht, daß eine Theorie um so weniger wert ist, je weniger sie Ansatzpunkte zu einer Widerlegung bietet).
Was nun aber das eigentlich bemerkenswerte ist, weswegen ich von diesen Vorwürfen erzähle, ist, daß anscheinend inzwischen Feyerabend selbst in die Position eines erhabenen Meisters und Künders origineller Thesen aufgestiegen ist. Während Feyerabend vehement bestritten hat, daß er irgend eine These aufgestellt habe, die vor ihm nicht schon andere vertreten hätte, unterstellt ihm etwa Paul M. Churchland in seinem Aufsatz „A Deeper Unity: Some Feyerabendian Themes in Neurocomputational Form“ fünf eigenständige und originelle Thesen, die Churchland außerdem auch noch glaubt durch neuere Erkenntnisse der Neurophysiologie erhärten zu können [Dieser Aufsatz erschien erstmals in G. Munaver: Beyond Reason: Essays in Honor of Paul Feyerabend, Kluwer 1991. Bequemer zugänglich ist der Text allerdings wahrscheinlich in Churchland & Churchland: On the Contrary, Cambridge, Massachusetts, London 1998, und nach dieser Ausgabe werde ich im folgenden auch zitieren].
Nun habe ich, ebenso wie auch schon andere, schon immer Schwierigkeiten gehabt, einzusehen, inwieweit sich die Ausführungen Feyerabends von den Ausführungen Poppers unterscheiden. Wenn etwa Feyerabend davon spricht, daß verschiedene Traditionen friedlich koexistieren dürfen sollten, wobei eine Polizei darüber zu wachen hat, daß keine Tradition der anderen Gewalt antut, dann ist es schwer zu sehen, was denn nun eigentlich der Unterschied zwischen dieser Konzeption und der offenen Gesellschaft sein soll, abgesehen davon, daß Feyerabend etwas stärker die Rechte von Traditionen anstelle von Individiuen betont, was ihn aber nach meiner Ansicht allenfalls unvorteilhaft von Popper unterscheidet. Aber sehen wir, welche fünf Thesen Churchland bei Feyerabend, der sich ja nun nicht mehr wehren kann, glaubt gefunden zu haben:
„1. Perceptual knowledge, without expection, is always an expression of some speculative framework, some theory: it is never ideologically neutral (Feyerabend 1958, 1962).
2. The commonsense (but still speculative) categorial framework with which we all understand our mental lives may not express the true nature of mind, nor capture its causally important aspects. This commonsense framework is in principle displaceable by a matured materialist framework, even as the vehicle of one’s spontaneous, first-person psychological judgments (Feyerabend 1963a).
3. Competing theories can be, and occasionally are, incommensurable, in the double sense that (a) the terms and doctrines of the one theory find no adequate translation within the conceptual resources of the other theory, and (b) they have no logical connections to a common observational vocabulary whose accepted sentences might be used to make a reasoned empirical choice between them (Feyerabend 1962).
4. Scientific progress is at least occasionally contingent on the proliferation and exploration of mutually exclusive, large-scale conceptual alternatives to the dominant theory, and such alternatives avenues of exploration are most needed precisely when the dominant theory has shown itself to be “empirically adequate” (Feyerabend 1963b)
5. The long-term best interests of intellectual progress require that we proliferate not only theories but research methodologies as well (Feyerabend 1970)“
[„1. Wahrnehmbares Wissen ist ohne Ausnahme stets Ausdruck einer hypothetischen Anschauung, einer Theorie: es ist niemals theoriefrei (Feyerabend: An attempt at a realistic interpretation of experience. Proceedings of the Aristotelian Society 58:143, 1962).
2. Der umgangssprachliche (aber dennoch theoriegeladene) begriffliche Rahmen, mit dem wir alle unsere geistigen Vorgänge begreifen, drückt unter Umständen weder die wahre Natur des Geistes aus, noch umfaßt er kausal relevante Aspekte. Dieser umgangssprachliche Rahmen ist im Prinzip ersetzbar durch einen reifen materialistischen begrifflichen Rahmen, sogar als Ausdrucksform für spontane Beurteilungen eigener psychologischer Zustände (Feyerabend, Materialism and the mind-body problem. Review of Metaphysics 17:49-66, 1963).
3. Konkurrierende Theorien können, und sind es manchmal auch, inkomensurabel sein, in dem zweifachen Sinn daß (a) die Ausdrücke und Sätze der einen Theorie sich nicht mit den begrifflichen Mitteln der anderen Theorie adäquat übersetzen lassen, und (b) sie keine logische Verbindung zu einem gemeinsamen Beobachtungsvokabular haben, dessen anerkannten Sätze benutzt werden könnten, um eine vernunftbegründete empirische Entscheidung zwischen beiden fällen zu können (Feyerabend, Explanation, reduction, and empiricism, aus: Feigl/Maxwell, Scientific explanation, space and time, Minneapolis 1962).
4. Wissenschaftlicher Fortschritt ist zumindest manchmal abhängig von der Proliferation [tut mir leid, dieses häßliche Fremdwort hat sich in deutschen Übersetzungen durchgesetzt] und Erforschung von gegenseitig unvereinbaren, umfassenden konzeptionellen Alternativen zur herrschenden Theorie, und solche alternativen Wege der Forschung sind gerade dann am nötigsten, wenn sich die herrschende Theorie als „empirisch befriedigend“ erwiesen hat(Feyerabend, How to be a good empiricist - A plea for tolerance in matters epistemological, aus: Baumrin, Philosophy of science: The Delaware seminar, Vol. 2, Cambridge 1963).
5. Langfristig ist dem intellektuellen Fortschritt am besten dadurch gedient, daß wir nicht nur für die Proliferation von Theorien sondern auch von Forschungsmethoden sorgen (Feyerabend, Against method: outline of an anarchistic theory of knowledge. Aus: Radner/Winokur, Analyses of Theories and Methods of Physics and Psychology, Minneapolis 1970).“]
Ich behaupte nun, daß sich These 1 explizit, These 4 in abgewandelter Form und These 5 implizit schon bei Popper findet, daß These 3 mehr oder weniger falsch ist (und von Popper widerlegt wurde), und daß auch These 2 nicht originell ist, obwohl sie sich vielleicht nicht unbedingt bereits bei Popper findet. Falls ich damit recht habe, dann erweisen sich nicht nur die Anhänger Poppers als historische Analphabeten, sondern auch die Anhänger Feyerabends, mindestens aber Churchland.
Für These 2 habe ich bereits an anderer Stelle Vorläufer gesammelt. Die geduldige Leserin wird sich an Nietzsche ebenso wie an David Hume erinnern, insbesondere aber doch wohl an Siddhartha Gotama. Darüber hinaus hat der Buddha nicht nur These 2 vertreten, er hat auch einen solchen materialistischen Begriffsrahmen (den Dharma) zur Verfügung gestellt, mit dessen Hilfe sich das eigene introspektive psychische Erleben nicht nur in Ich-freien, nicht-umgangssprachlichen Begriffen beschreiben läßt, sondern der auch trainiert und auswendig gelernt und in Übungen so verinnerlicht werden soll, daß er zu spontanen Beschreibungen nicht nur verwendet werden kann, sondern automatisch verwendet wird. Ich gebe gerne zu, daß der Buddha nicht, wie Churchland, über neuronale Netze spricht, insgesamt ist seine Begriffsbildung jedoch wesentlich fortgeschrittener und abgeschlossener, während die Churchlandschen Rekonstruktionsversuche allesamt etwas oberflächlich wirken.
Ich gebe aber zu, daß wenigstens in diesem einen Punkt Feyerabend von Popper abweicht, der zusammen mit Eccles bekanntlich eine Theorie verteidigt, die an Ich und dergleichen festhält. Es wäre mir allerdings neu, daß diese These 2 im Feyerabendschen Denken über längere Zeit eine prominente Rolle gespielt hätte. Der reife Feyerabend hätte wohl gerne zugegeben, daß die Beschreibungssprache europäischer Geisteswissenschaftler und deren Nachfahren in Bezug auf die Seele sich durch eine fortschrittliche materialistische Sprache ersetzen läßt, er hätte aber doch wohl auch noch ergänzt, daß sie sich auch durch die Sprache Homers ersetzen läßt, der seelische Regungen in den Begriffen des Göttlichen begreift, oder durch die Sprache der Fidji-Insulaner, und daß es unmöglich ist, zu zeigen, daß ausgerechnet die fortgeschrittene materialistische Sprache neuronaler Netze, die Churchland so sehr präferiert, unter allen diesen Sprachen die beste und in jeder Situation vorzuziehende ist, unter anderem wegen der Inkommensurabilität dieser Sprachen.
Churchland möchte, wenn er die „folk-psychology“ verächtlich macht, gerne zeigen, daß seine eigene Theorie nachweisbar und objektiv besser ist als jene, denn Churchland glaubt an den wissenschaftlichen Fortschritt und daß er selbst zu dessen Avantgarde gehört. Gerade für diese Zwecke aber eignet sich die Philosophie Feyerabends ganz außerordentlich schlecht, denn gerade für verachtete und angeblich veraltete Theorien (einschließlich der Aristotelischen Theorie eines Kontinuums) hat er sich sehr beredt einzusetzn gewußt, und These 4 geht ja gerade in diese Richtung. Die objektiv begründbare, irreversible und vernünftige Ablösung der bisherigen Beschreibungssprache der psychologischen Introspektion durch eine überlegene Sprache neuronaler Netze ist nicht möglich, wenn jede abgelegte Theorie als Wiedergänger wieder auftauchen kann, das heißt, der Feyerabend der These 4 widerlegt den Feyerabend der These 2. Obwohl nun Popper These 2 vehement bestritten hat, könnte Churchland sie mit der Popperschen Epistemologie weit eleganter verteidigen als ausgerechnet ducrh die Berufung auf Feyerabend, denn diese Epistemologie ermöglicht es, von Erkenntnisfortschritt zu sprechen, was gerade das ist, was Churchland an dieser Stelle sagen will.
Betrachten wir nun ein wenig eingehender These 1. Die Neopositivisten des Wiener Kreises wollten eine wissenschaftliche Weltauffassung etablieren, die mit einer einzigen anerkannten Methodologie einen einzigen einmaligen Korpus des wissenschaftlichen und sicheren Wissens anhäuft. Um dieses Wissen sicher und fundiert zu machen, sahen sich einige von ihnen genötigt, ihre Zuflucht zu Beobachtungs- oder Protokollsätzen zu nehmen, die theoriefrei sein sollten und damit auch frei von Zweifeln, die einfach nur sagen sollten, was zu sehen ist, nicht, was der Fall ist. Eine der Schwierigkeiten dieses Programms bestand darin, daß keineswegs klar ist, wie ein Weg des sicheren Wissens von solchen Beobachtungssätzen zu verallgemeinerten Sätzen, den Naturgesetzen, führt. Eine mögliche Antwort besteht darin, daß die Wissenschaft überhaupt nur aus Protokollsätzen besteht und keine verallgemeinerten Sätze kennt. Eine Variante dieser Antwort besteht in der Behauptung, ein verallgemeinerter Satz in den Wissenschaften sei nichts anderes als eine praktische Abkürzung für eine Reihe einzelner Protokollsätze. All dies erwies sich als nicht besonders befriedigend. Es ergibt sich jedoch auch noch von einer ganz anderen Seite her ein Problem, das darin besteht, zu zeigen, daß die Protokollsätze tatsächlich theoriefrei sind. Das ist an sich bereits problematisch, wird aber um so schwieriger, wenn wir die Evolutionstheorie für epistemologisch relevant halten und unsere Sinnesorgane für Fleisch gewordene Theorien über die Wahrnehmung und die Welt.
Poppers „Logik der Forschung“ läßt sich, in einer von mehreren möglichen Deutungsansätzen, als ein Versuch auffassen, den Neopositivismus und seine Epistemologie zu widerlegen. Widerlegt wird er durch eine neue Theorie, wie besondere und allgemeine Sätze zusammen hängen, ohne daß dazu eine Induktionstheorie notwendig wäre. Widerlegt wird er aber auch durch die Erkenntnis, daß es theoriefreie Beobachtungssätze nicht gibt. Diese Pointe der Logik der Forschung wird allenfalls dadurch etwas verunklart, daß Popper selbst von Basissätzen spricht, die auf den ersten Blick ein wenig den Protokollsätzen ähneln. Aber nicht jeder Protokollsatz ist ein Basissatz, insbesondere ist ein Satz niemals als Basissatz verwendbar, wenn ihm in einer Diskussion nicht beide Diskutanten zustimmen (eine Vereinbarung, die nicht auf Habermas, sondern auf Platon zurückgeht).
Im übrigen ist die Behauptung, es gäbe keine theoriefreien Beobachtungen, sondern jede Wahrnehmung sei immer schon theoriegetränkt, eine der wesentlichen Einsichten der Hermeneutik. Hätten also die Neopositivisten etwa Heidegger nicht einfach nur als Erzfeind und Unsinnsschwätzer, dessen Sätze als sinnlos entlarvt werden müssen, aufgefaßt, sondern wären bereit gewesen, daß, was er zu sagen hat, ernst zu nehmen, so hätten sie durchaus etwas nützliches von ihm lernen können, nämlich, daß ihre eigene Theorie falsch ist, aufgrund von These 1 (Feyerabend selbst unterscheidet zwischen der These, daß alle Tatsachenbeobachtungen theoriegeladen sind, eine These, die er Platon, Aristoteles, Newton, Kant, John Stuart Mill, Ernst Mach, Boltzmann, Neurath, Popper, Carnap und vielen anderen zuschreibt, und der weitergehenden These, daß alle Tatsachenbeobachtungen Theorien sind, eine These, die sich beispielsweise bei Goethe findet [Paul Feyerabend, Rückblick, aus: Duerr, Versuchungen, Frankfurt a.M. 1981, S. 331]).
These 4, sagte ich, findet sich nur in abgewandelter Form bei Popper. Originell, und, soweit ich sehe, erstmals bei Feyerabend zu finden ist die Einsicht, daß alternative Theorien um so nötiger sind, je besser sich die Standardtheorie bewährt. Diese Behauptung halte ich für richtig, und sie findet sich anscheinend weder bei Popper noch bei Lakatos. Ich glaub aber auch, daß es sich um eine These handelt, die logisch aus der popperschen Epistemologie folgt, auch wenn vor Feyerabend noch nie jemand diese Folgerung gezogen hat.
Was passiert, wenn wir Beobachtungen machen, die nicht zu unserer Theorie passen? Nun, zunächst einmal gar nichts. Churchland zitiert Feyerabend, der das Beispiel der brownschen Bewegung zitiert. Aber genauso können wir auch Morley und Michelson zitieren, deren Experiment zunächst nicht unbedingt die Äthertheorie oder gar die Newtonsche Mechanik widerlegte, sondern, um mit Kuhn zu sprechen, einfach nur ein Rätsel bildete, von dem zu hoffen war, es möge sich möglichst bald innerhalb der herrschenden Theorie lösen lassen. Erst als es eine alternative Theorie gab, wurde das Morley-Michelson-Experiment zu einer Widerlegung. Ebenso wäre es hypothetisch denkbar, es wären schon vor Einstein Beobachtungen der Lichtbeugung von Sternen bei Sonnenfinsternissen gemacht worden, von denen sich dann herausgestellt hätte, daß sie mit der gängigen Theorie nicht vereinbar sind. Auch dann wäre die Beobachtung der Sonnenfinsternis einfach nur ein ärgerliches Rätsel gewesen, bis Einstein dieses Rätsel in eine Widerlegung Newtons und eine Bewährung Einsteins verwandelt hätte. Aber eben dieses Beispiel zeigt auch, warum es so wichtig ist, über mehrere Theorien zu verfügen: denn erst dadurch, daß wir eine andere Theorie haben, machen wir andere und neue Beobachtungen, für die sich vorher niemand interessiert hätte.
Daß niemand seine gut bewährte und in vielen Bereichen funktionierende Theorie bei dem ersten Anlaß aufgibt, so lange es dafür keine Alternative gibt, hat auch schon Popper lange vor Kuhn zugegeben. Daß wir Theorien brauchen, um Beobachtungen zu machen, ist eine der Pointen der Popperschen Erkenntnistheorie. Daß die widerlegende Beobachtung der Lichtbeugung bei der Sonnenfinsternis nur gemacht wurde, weil es eine alternative Theorie gab, ist das Standardbeispiel (um nicht zu sagen, das Paradigma) der popperschen Erkenntnistheorie. Daraus ergibt sich, daß wir besser fahren, wenn wir mehrere Theorien gleichzeitig untersuchen, als wenn wir uns auf eine einzige Theorie versteifen. Daraus hat Lakatos (nicht Feyerabend) die Theorie der parallelen Forschungsprogramme entwickelt. Daraus ergibt sich auch, daß es keine vollkommene wissenschaftliche Methodologie geben kann, denn diese würde es erlauben, alle Theorien bis auf eine auszuschließen, wodurch es zu einem Stillstand der Forschung käme, weil es keine alternativen Theorien mit eigenen Beobachtungen mehr gäbe. Aber das wiederum widerlegt nicht Popper, denn dessen Methodenlehre ist vage genug, um weit entfernt von einer vollkommenen Methodologie zu sein. Auch nach Popper sind zwei Theorien in aller Regel inkommensurabel, und ihre Theorie läßt sich numerisch nicht vergleichen, so daß sich keine algorithmisierbare Entscheidung zwischen konkurrierenden Theorien treffen läßt. Und insbesondere folgt daraus der zweite Teil der These 4.
Auf den ersten Blick scheint These 5 kaum vereinbar mit der Methodenlehre Poppers. Denn Popper vertritt ja eine ganz bestimmte Methode, die Methode des kritischen Rationalismus, die er für die einzig richtige Methode hält. Insofern wird er kaum zustimmen können, es sei gut, wenn es mehrere verschiedene konkurrierende Methoden der Forschung gäbe, oder? Eine solche Interpretation vergißt freilich, warum Popper seine Variante des Rationalismus als kritisch bezeichnet hat. Denn die dargelegte Methode ist nicht der Kritik enthoben, sondern soll und darf verbessert werden, es gibt innerhalb des kritischen Rationalismus keinen sicheren Punkt, kein unverrückbares Teil, kein unterstes Fundament. Das mag überraschend klingen für jemanden, der durch die Feyerabendsche Polemik daran gewöhnt ist, sich den kritischen Rationalismus als Dogmatik zu denken. Es ist an dieser Stelle vielleicht hilfreich, noch einmal das Vorwort [zur ersten englischen Ausgabe] zur „Logik der Forschung“ zu lesen: „Philosophen, genau wie andere Leute, können in ihrer Suche nach der Wahrheit alle Methoden wählen, die ihnen Erfolg zu versprechen scheinen. Es gibt keine Methode, die für Philosophie charakteristisch oder wesentlich ist. [...] Es ist mir gleich, was für Methoden ein Philosoph oder sonst jemand verwendet, solange er ein interessantes Problem hat und solange er ernstlich versucht, es zu lösen.“ [Tübingen 1989, S. XIVf] Nun, könnten wir einwenden, im wesentlichen spricht Popper hier von Philosophen, nicht von Naturwissenschaftlern: letzteren hat Popper durchaus eine bestimmte Methodologie vorgeschrieben, nämlich eben die Logik der Forschung, so daß unser Zitat an der eigentlichen Problematik (hat Popper These 5 vertreten oder nicht) vorbeigeht.
Erinnern wir uns, daß Popper sich in der Logik der Forschung mit zwei Problemen beschäftigt: dem Induktionsproblem und dem Abgrenzungsproblem. Falls uns daran liegt, zwischen Wissenschaft und Nichtwissenschaft unterscheiden zu können, dann kommen wir nicht umhin, Regeln aufzustellen, die benötigt werden, Wissenschaft von Nichtwissenschaft zu unterscheiden. Ich glaube, auch Churchland liegt daran. Da wir ja gerade den Band „On the Contrary“ aufgeschlagen vor uns liegen haben, genügt es, bis zum achtzehnten Kaptel zu blättern, wo Churchland sich mit der Frage beschäftigt, wie die Parapsychologie eine Wissenschaft werden könnte und was sie von einer Wissenschaft trennt. Churchland plädiert für Neugier und Toleranz (was auch Popper gegenüber der von den Neopositivisten verdammten Metaphysik getan hat), dann kritisiert er die unzulänglichen Experimente der Parapsychologen. Das aber ist nicht die eigentliche Pointe seines Aufsatzes. Die besteht darin, daß nicht nur die Experimente, sondern schon die Theorien der Parapsychologen an einem Mangel kranken, der nicht darin bestünde, daß die Parapsychologen zu viel behaupten, sondern überraschenderweise darin, daß sie zu wenig behaupten. Das ist, scheint mir, eine berechtigte Kritik, aber es ist eine Kritik auf der Basis der Logik der Forschung: der empirische Gehalt der Parapsychologie ist so gering, daß die Parapsychologie nicht als Wissenschaft aufgefaßt werden kann.
Wir haben also die Wahl: wir können These 5 derart radikal auffassen, daß sie es uns unmöglich macht, überhaupt noch irgend eine Wahl zu treffen und irgendwie zwischen Neurophysiologie und Parapsychologie zu diskriminieren. Oder aber wir fassen These 5 etwas gelinder auf, so, daß sie Aufsätze wie den Churchlands über die Parapsychologie erlaubt. Dann aber ist These 5 harmlos genug, um mit dem kritischen Rationalismus ohne weiteres vereinbar zu sein, ja, einen unverzichtbaren Bestandteil des kritischen Rationalismus zu bilden.
Bleibt uns noch These 3. In ihr taucht das unglückliche Wörtlein „Inkommensurabel“ auf, und Churchland versieht dieses Wort mit gleich zwei Bedeutungen. Das aber wird nicht ganz hinreichen, um alle Bedeutungen abzudecken, die wir benötigen.
Inkommensurabel sind die Seite eines Quadrates und seine Diagonale, denn es gibt keine Strecke, so daß es zwei natürliche Zahln n und m gäbe, so daß die Seitenlänge des Quadrates n mal der Länge jener Strecke und die Länge der Diagonale m mal der Länge jener Strecke wäre. In der Logik der Forschung wird das Wort in seiner unschuldigen mengentheoretischen Bedeutung verwendet: zwei Mengen A und B sind genau dann inkommensurabel, wenn weder A eine Teilmenge von B noch B eine Teilmenge von A ist. In halbwegs interessanten und komplizierten Mengen ist der Fall recht gewöhnlich, daß zwei Mengen untereinander inkommensurabel sind (Übungsaufgabe: sei A eine endliche Menge der Mächtigkeit n, deren Elemente alle paarweise inkommensurabel sind. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit p, daß zwei beliebig ausgewählte (mit zurücklegen) Mengen A1 und A2 aus der Potenzmenge P(A) von A inkommensurabel sind?). Insofern ist es nicht weiter überraschend, daß Popper zufolge fast alle Theorien untereinander inkommensurabel sind, da Inkommensurabilität etwas harmloses und alltägliches ist. So sind etwa die Theorien von Freud und von Newton inkommensurabel, aber das ist auch nicht weiter überraschend, da beide Theorien über ganz verschiedene Dinge sprechen.
In der Churchland-Feyerabendschen Fassung der Inkommensurabilität ist Inkommensurabilität kein logisches Phänomen zwischen verschiedenen Sätzen der gleichen Sprache, sondern ein sprachliches Phänomen, das die Übersetzbarkeit verschiedener Sprachen betrifft. Die Theorien Newtons und Einsteins werden nicht als zwei Sätze der gleichen Sprache aufgefaßt, sondern als zwei verschiedene Sprachen, die prinzipiell nicht ineinander übersetzt werden können. Im Gegensatz zu Churchland weiß Feyerabend allerdings wenigstens, daß er das Wort „Inkommensurabilität“ in einer ziemlich anspruchsvollen Bedeutung verwendet, und er begründet diese weitgehende (und bewußt vage) Bedeutung mit einem Argument, das sich ähnlich auch bei Churchland findet: Inkommensurabilität soll auch für solche Theorien untersucht werden können, die sich selbst nicht als Sätze innerhalb der üblichen Logik auffassen, sondern als ein System der Welterklärung, das seine eigene Logik enthält (beispielsweise ein System, in dem die Bedeutung der Begriffe nicht durch Definitionen, sondern durch Listen festgelegt wird), beziehungsweise, in der Churchlandschen Fassung, auch für solche neurologischen Zustände, die nicht als begriffliches Denken aufgefaßt werden können. Dementsprechend ist es auch gar nicht ohne weiteres möglich, zu sagen, was eigentlich Feyerabend meint, wenn er von Inkommensurabilität spricht, es lassen sich aber dafür Beispiele anführen. Demnach liegt Inkommensurabilität nicht nur im Übergang vom homerischen zum modernen Weltbild vor, sondern auch im Übergang von der Newtonschen zur Einstein-Bohrschen Weltsicht. Letzteres ist insbesondere deshalb frappant, weil es ja so scheint, als sollte es zumindest in letzterem Fall möglich sein, eine Übersetzung der entsprechenden Terme anzugeben (die in vielen wichtigen Fällen ohnehin identisch zu sein scheinen) und erst recht, Beobachtungen, die es ermöglichen, vernünftig zwischen beiden Theorien zu wählen. Dem naiven Beobachter könnte es scheinen, als spräche die Relativitätstheorie über die selben Gegenstände wie die newtonsche Mechanik, nur daß sie den entsprechenden Formeln noch einige zusätzliche Terme hinzufügt. Hier aber soll es sich um eine große Täuschung handeln. Denn wenn etwa ein Mitglied des Stammes der Newtonianer von einem Körper spricht, der sich mit einer bestimmten Geschwindigkeit v1 gleichförmig bewegt, so gibt es keine Möglichkeit, diesen Sachverhalt irgendwie in der Sprache des Stammes der Relativisten auszudrücken, denn in deren Sprache gibt es so etwas wie die Geschwindigkeit eines einzelnen Körpers (unabhängig vom Bezugssystem) gar nicht, und auch, wenn in den Formeln der Relativisten Zeichen wie v1 vorkommen, ist es trotzdem unmöglich, irgendwie das newtonsche Zeichen v1 in eine relativistische Sprache zu übersetzen. Die newtonschen Zeichen und Begriffe sprechen von Gegenständen, die in der relativistischen Welt schlicht nicht existieren und die sich deshalb auch nicht übersetzen lassen. Dementsprechend ist es auch nicht möglich, in der relativistischen Welt zu fragen, ob die newtonschen Gegenstände sich gemäß den newtonschen Gesetzen verhalten oder nicht.
Wir können die Sache noch ein wenig weiter auf die Spitze treiben und behaupten, die Beobachtung der Sonnenfinsternis sei kein taugliches Mittel, irgendwie zwischen Newton und Einstein zu entscheiden. Denn in Wahrheit haben wir hier zwei ganz verschiedene Experimente vor uns, einmal ein newtonsches Experiment (das innerhalb der newtonschen Welt ein seltsames und rätselhaftes Ergebnis liefert) und einmal ein ganz anderes relativistisches Experiment. Und wenn der Newtonianer von Stern, Licht, Lichtweg, Gerade, kürzester Entfernung oder Beugung spricht, so läßt sich diese Rede in keiner Weise in die Sprache der Relativitätstheorie übersetzen, weil alle diese Gegenstände in der relativistischen Welt nicht existieren (auch wenn dort zufällig die selben Buchstabenfolgen benutzt werden, die aber etwas ganz anderes bezeichnen).
All diese Probleme sind jedoch ziemlich trivial lösbar, so lange wir an die Existenz einer objektiven Realität und einer objktiven Wahrheit glauben. In diesem Fall können wir davon ausgehen, daß es objektive Gegebenheiten gibt, die von den verschiedenen Sprachen mehr oder weniger gelungen beschrieben werden, und wir können fragen, ob ein Satz in einer dieser Sprachen die Dinge so beschreibt, wie sie wirklich sind, also wahr ist. In diesem Fall können wir sagen, daß nicht nur die newtonsche Theorie falsch ist, sondern daß darüber hinaus auch die newtonsche Begriffsbildung die Wirklichkeit nicht adäquat abbildet. Nebenbei, etwas ähnliches tut auch These 2, die ja auch davon ausgeht, daß es eine objektive Wirklichkeit gibt, die von den verschiedenen Beschreibungen mal besser, mal schlechter getroffen wird. Es ist auch nicht schwierig, aus relativistischer Sicht zu rekonstruieren, was denn mit einem newtonschen Weg oder newtonschen Licht in etwa gemeint sein könnte. Und selbst wenn ein Mitglied des Stammes Newton und ein Mitglied des relativistischen Stammes sich nicht auf eine solche Rekonstruktion einigen können, ist es ihnen trotzdem immer noch möglich, gemeinsam ein Schiff zu chartern und auf die Südhalbkugel zu fahren und eine Sonnenfinsternis zu beobachten und gemeinsam auszumessen, um wieviel Grad das Licht der Sterne, die am Rand der Sonne stehen, abgelenkt wird (dieses Argument ist übrigens auch Feyerabend bekannt, und er beschreibt, wie sich durch eine instrumentalistische Interpretation zwei Theorien stets kommensurabel (im feyerabendschen Sinn) machen lassen: „Theorien lassen sich verschieden interpretieren. In manchen Interpretationen sind sie kommensurabel, in anderen nicht.“ [Paul Feyerabend, Wider den Methodenzwang, Frankfurt a.M. 1986, S. 361], das heißt, Churchlands dritte Feyerabend-These wurde schon von Feyerabend widerlegt und keineswegs vertreten). Ebenso beschreibt ja auch Feyerabend, wie es Achilles gelingt, sich homerischer Begriffe zu bedienen, um ein modernes Empfinden auszudrücken, auch wenn sich die homerischen Begriffe dagegen sträuben und die modernen Begriffe sich dazu besser eignen, und Churchland erhebt den Anspruch, daß seine eigene Begriffssprache neuronaler Netze noch viel besser geeignet wäre, zu beschreiben, was in Achilles objektiv vorgeht. Soweit ich sehe, kommt die ganze Schwierigkeit überhaupt erst dann zustande, wenn wir auf eine objektive Wirklichkeit verzichten und allein zwei Sprachen miteinander vergleichen. In diesem Fall ist es dann tatsächlich nicht mehr möglich, zwischen zwei Theorien eine rationale Entscheidung zu treffen, wenn beide Theorien in verschiedenen Sprachen abgefaßt sind. Aber das ist banal, denn dann läßt sich überhaupt nicht mehr rational zwischen zwei beliebigen Theorien unterscheiden, auch nicht zwischen zwei Theorien der gleichen Sprache. Die eigentliche Pointe an dieser Stelle des Feyerabendschen Denkens scheint mir auch weniger die berühmte Inkommensurabilität zu sein, sondern eher die Ablehung des Realismus, die Churchland kaum wird mitmachen wollen.
Im übrigen schneidet sich Churchland hier wie auch sonst wieder ins eigene Fleisch. Er liefert eine neuronale Begründung, warum es (im starken Sinn) inkommensurable Theorien geben sollte, da ja der für Theorien zuständige Teilraum möglicher neuronaler Zustände ein Raum mit rund 108 Dimensionen ist. In „Conceptual Similarity across Sensory and Neural Diversity: The Fodor-Lepore Challenge Answered“ [Kapitel 7 aus „On the Contrary“] behauptet Churchland das Gegenteil: dort zitiert er ein ganz ähnliches Argument von Fodor und Lepore als zu entkräftender Einwand gegen seine eigene Lieblingstheorie: wenn „Bedeutung“ identifiziert wird mit „Position im Raum möglicher neuronaler Zustände“, dann ist es nicht möglich, Bedeutungen im einen Gehirn mit Bedeutungen im anderen Gehirn zu identifizieren. Es ist nicht möglich, Semantik auf Neurologie zurückzuführen, da es nicht möglich ist, Punkte in den Zustandsräumen verschiedener Gehirne aufeinander abzubilden, da die Zustandsräume der verschiedenen Gehirne derart riesige (und zu allem Überfluß auch noch verschiedene, da kaum je zwei Menschen die gleiche Anzahl von Neuronen besitzen dürften) Dimensionen aufweisen und derart idiosynkratisch sind, daß eine solche Abbildung ein ganz und gar unwahrscheinliches Wunder wäre. Unter großzügiger Verwendung einer Arbeit von Laakso und Cottrell [Qualia and cluster analysis: Assessing representational similarity between neural systems, 1998 unveröffentlicht] zeigt Churchland jedoch, wie es trotzdem möglich ist, von intersubjektiver Ähnlichkeit oder Unähnlichkeit als Positionen in einem neuronalen Zustandsraum aufgefaßter semantischer Konzepte einschließlich Qualia zu sprechen. Er geht dabei soweit, das alte metaphysische Rätsel lösen zu wollen, ob es möglich ist, daß ich mir im Geist bei dem Wort „grün“ die Farbe vorstelle, die du dir beim Wort „rot“ vorstellst [„Recent Work on Consciousness: Philosophical, Theoretical, and Empirical“, am angegebenen Ort Kapitel 11, insbesondere S. 166-172], die sich für Churchland in eine empirische Frage verwandelt hat (die Antwort lautet übrigens „ja“). Angesichts dieser doch verblüffenden und unerwarteten Kommensurabilität subjektiver Erlebnisse und Konzepte erscheint es verwunderlich, daß Churchland mit inkommensurablen Theorien nur deshalb rechnet, weil der Raum neuronaler Zustände so groß ist. Churchland irrt auch, wenn er die Eigenschaft der Inkommensurabilität für ein Maß der Verschiedenheit zweier Theorien hält (die vage feyerabendsche Definition stellt ohnehin kein Maß bereit, nach der üblichen Definition jedoch lassen sich leicht Fälle angeben, wonach zwei Theorien fast identisch, aber inkommensurabel oder sehr verschieden und kommensurabel sind), und er irrt sich nach meinem Dafürhalten auch dann, wenn er möglichst verschiedenartige Theorien für besonders hilfreich für den Erkenntnisfortschritt hält (der Falsifikationsgrad einer von Popper gewünschten kühnen neuen Theorie enthält im Idealfall, wenn es zu keinem Kuhn-loss kommt, den Falsifikationsgrad einer älteren Theorie, ist also kommensurabel; über den Grad der Verschiedenartigkeit sagt das, wie gesagt, nichts aus). In bestimmten Situationen kann es hilfreicher sein, an einer ähnlichen Theorie zu arbeiten, weil diese Theorie eher über ähnliche Beobachtungen spricht und deshalb eher in der Lage ist, die alte Theorie herauszufordern und anzuregen.
Nochmal ein anderes Kapitel wäre es, wie Churchland die Feyerabendschen Thesen glaubt neurologisch untermauern zu können.
3.1.2001
Frisch geduscht in ein frisch überzogenes Bett.
Gegen Ende des ersten Satzes der sechsten Symphonie von Anton Bruckner gibt es eine Stelle, die ein wenig wie die Titelmelodie von Star Wars klingt.
Wie viele Menschen es wohl gibt, die diese Ähnlichkeit bemerkt haben?
Nun, nehmen wir an, es gibt ungefähr 500 Millionen Menschen, die in westlichen Industrieländern leben (250 Millionen leben meinetwegen in den USA, und allein in der EG leben mehr Menschen, aber es geht ja nur um eine Überschlagsrechnung, und diese Unterschätzung wird an anderer Stelle wieder ausgeglichen. Außerdem geht es mir hauptsächlich um eine Abschätzung nach unten). Nehmen wir weiter an, daß jeder Mensch zwischen 15 und 35 das Titelthema von Star Wars kennen. In Wahrheit kennen auch Menschen jenseits dieser Altersklammer diese Melodie (insbesondere Menschen unter 15), aber dafür dürften auch viele Menschen innerhalb dieser Altersklammer das Thema nicht kennen. Wie viele Menschen in dieser Altersklammer gibt es? Nun, zur Zeit ist die Altersverteilung in den meisten Industriestaaten sargförmig, der Einfachheit halber nehmen wir an, es handele sich um einen Schlauch konstanter Dicke vom Alter Null bis zum Alter Hundert. Dann entfallen auf jede Dekade 50 Millionen, auf die Alter 15 bis 35 also 100 Millionen. Nehmen wir weiter an, etwa ein Prozent aller Menschen interessiert sich für klassische Musik. Das ergibt also 1 Million Menschen, die klassische Musik hören und das Star-Wars-Thema kennen. Von diesen Menschen haben wohl nahezu alle Beethovens Neunte und Beethovens Fünfte, aber nicht alle Bruckners Sechste gehört. Sagen wir, jeder zehnte, der sich für klassische Musik interessiert, hat Bruckners sechste Symphonie gehört. Dabei ist zu beachten, daß Bruckner keiner der ganz großen Namen wie Bach, Mozart oder Beethoven ist und daß seine sechste Symphonie nicht unbedingt seine bekannteste Symphonie ist, und nicht jeder, der sich für klassiche Musik interessiert, hat (wie ich) CDs mit allen neun (zehn, wenn wir die verworfene nullte mitzählen) Symphonien von Bruckner im Regal stehen (obwohl es andererseits neulich in Heidelberg eine lange Brucknernacht mit seinen sämtlichen Symphonien gab, in der jeder seinen Eintrittspreis zurückerstattet bekam, der nachweislich die ganze Nacht im Aufführungssaal verbracht hat, aber eben diese lange Nacht wurde gerade deshalb veranstaltet, um die weniger bekannten Symphonien Bruckners einem breiteren Publikum vorzustellen, so daß dieses Konzert eher meine Meinung bestätigt, daß Bruckners sechste Symphonie nicht allzu bekannt ist und daß die Ansicht, jeder zehnte an klassischer Musik Interessierte kenne sie, eher zu hoch gegriffen ist, was die Unterschätzung der Bevölkerung der westlichen Industriestaaten wieder ausgleicht). Von denen nun, die sowohl Bruckners sechste Symphonie als auch mindestens einen der Star-Wars-Filme kennen, von diesen hundert Tausend werden wohl nicht alle die Ähnlichkeit bemerkt haben, da beide Melodien nicht völlig identisch sind und die Ähnlichkeit nicht unbedingt zwingend ist. Sagen wir, jeder zweite Hörer bemerkt die Ähnlichkeit, das sind dann also etwa fünfzig tausend Menschen. Da bei dieser Rechnung sehr viele Irrtümer möglich sind, dividieren wir diese Zahl noch einmal zur Sicherheit durch fünf.
Es bleibt nun aber noch immer, daß schon zehntausend Menschen vor mir diese Ähnlichkeit bemerkt haben. In der antiken chinesichen Philosophie ist die Zahl 10 000 ein Synonym für die Unendlichkeit. Unter welch maßloser Selbstüberschätzung muß ich also leiden, wenn ich dich, liebe Leserin, mit der altbekannten Banalität behellige, daß gegen Ende des ersten Satzes der sechsten Symphonie von Anton Bruckner eine Melodie auftaucht, die ein wenig an die Titelmelodie von Star Wars erinnert?
Außerdem glaube ich mich erinnern zu können, daß irgendwo im weitläufigen Œuvre von Frank Vincent Zappa ein Zitat aus der zweiten Symphonie von Karl Amadeus Hartmann auftaucht, ich kann mich aber absolut mich mehr daran erinnern, wo. Eigentlich dachte ich an „200 Motels“, aber das scheint nicht zu stimmen.
Besonders unerträglich an den Heimatfilmen der fünfziger Jahre (tut mir leid, ich bin ziemlich erkältet und zu ernsthafter geistiger Arbeit heute nicht fähig; ist eigentlich schon einmal jemand auf die Idee gekommen, einen Sender namens „Bügel-TV“ zu gründen, in dem den ganzen Tag nur genau die hirnlose Scheiße läuft, zu der sich so gut nebenbei bügeln läßt? Im Prinzip wohl schon, nur, daß das Ding anders heißt) ist, daß die jungen Frauen in ihnen sich so benehmen und so reden, als sei ihnen gerade operativ das Hirn entfernt worden, das heißt, sie sprechen mit geschraubter Stimme und lachen nach jedem Halbsatz, auch wenn es gar nichts zu lachen gibt. Oder sie ziehen einen Flunsch und sagen mit geschraubter Stimme „aber Papa hat gesagt...“. Es wäre wahrscheinlich nicht weiter schwierig, ein Computerprogramm zu schreiben, das selbstständig das Drehbuch zu einem oder zweihundert oder zehntausend Heimatfilmen dreht. Dann bräuchte es noch eine zweite Maschine, die sich das alles anguckt.
Da ich nun schon einmal dabei bin, erwähnten Churchland zu kritisieren, wollte ich aus dem erwähnten „On the Contrary“ auch noch die erwähnte Argumentation kritisieren, wonach sich empirisch entscheiden läßt, ob deine Empfindung beim Anblick von Rot meiner Empfindung beim Anblick von Rot entspricht. Wegen erwähnter Erkältung (siehe vorhergehende Eintragung) wird daraus nichts. Hier ein (zwei) Tip (Tipps), wie sich diese Kritik selber basteln läßt: Tip Nummer Null: erst einmal das Buch besorgen, denn dann läßt sich gleich viel besser daraus zitieren. Tipp Nummer Eins: Churchland nutzt in unzulässiger Weise aus, daß die visuelle Information nicht als Information in den drei Kanälen Rot, Grün und Blau, sondern als Rot, Rot und Grün sowie Rot, Grün und Blau übertragen wird. Beide Codierungen lassen sich verlustfrei bei gleicher Informationslänge ineinander transformieren, und es ist reiner Zufall, daß in der Natur gerade die gewählte Codierung vorkommt. Würde das Gehirn die viel vernünftigere Codierung verwenden, wie sie Computer oder Fernseher benutzen, würde der größte Teil der Churchlandschen Argumentation zusammenbrechen. Ist seine Argumentation aber richtig, dann sind invertierte Qualias eben gerade nicht möglich (weil dann jemand „Grün“ sagen würde, wenn sie Rot sehen würde). Allerdings muß ich andererseits zugeben, daß Churchland etwas bescheidener ist, als meine Darstellung vermuten lassen könnte, denn Churchland behauptet nicht, die entsprechende metyphysische Frage ein für alle Mal empirisch erledigt zu haben, sondern bloß, eine Antireduktionistische Widerlegung, die sich dieser metaphysischen Frage als Argument bedient, entkräftet zu haben, und das mag ihm meinetwegen erfolgreich gelungen sein.
7.1.2001
Lesen kann Hunger und Kälte, Kummer und Härte vertreiben.
Fischen kann Hummer und Krellfisch, Kabeljau und Hering eintreiben.
Laßt sieben Ochsenfrösche Hamlet wie eine Speckmaus nach draußen tragen.
15.1.2001
Kann es sein, daß die Götter der Mythologie, die Ideen Platons, die Idealtypen Webers und die Vergleichsvektoren Churchlands ein und die selbe Sache sind?
16.1.2001
Materialismus: eine Blüte ist ein Geldschein, der nicht von einer Notenbank hergestellt wurde.
Positivismus: eine Blüte ist ein Geldschein, von dem sich nachweisen läßt, daß er nicht von einer Notenbank hergestellt wurde.
Nach Kant sollen wir Menschen nicht als Mittel verwendet. Mit dieser Maxime beweist Kant die Unauflöslichkeit der Ehe: da wir im sexuellen Akt den Anderen als Mittel benutzen, ist dies nur zulässig, wenn wir ihm das selbe Recht einräumen, und zwar dauerhaft. Mit der gleichen Logik läßt sich beweisen, daß das Arbeitsverhältnis als unauflösliches geschlossen werden muß, denn auch hier bedient sich der Arbeitgeber des Arbeitnehmers und umgekehrt als Mittel zum Zweck. Außerdem sollen wir so handeln, daß wir es begrüßen würden, wenn alle anderen auch so handeln würden. Die Helden der Epen des de Sade aber sind durchaus einverstanden damit, wenn alle Menschen sich gegenseitig foltern und totschlagen, und sie akzeptieren das Recht eines Mächtigeren, sie zu foltern, wobei sie, da sie ebenso sehr Sadisten wie Masochisten sind, auch an dieser Folter noch Gefallen fänden, und selbst dem Galgen blicken sie noch freudig entgegen, erhoffen sie sich doch vom Hängen den letzten finalen Orgasmus. Ich bin deshalb dagegen, daß den Helden de Sades erlaubt wird, gemäß dem kategorischen Imperativ zu handeln. Und schließlich beweist Kant mit Hilfe der Moral die Existenz Gottes. Kant gilt als einer der größten Philosophen aller Zeiten.
Ob es so sehr sinnvoll ist, zwischen Tatsachenurteilen und Werturteilen zu unterscheiden? Die Tatsachen als solche sind uns ja auch nicht unmittelbar gegeben, sondern nur konkurrierende Theorien über die Tatsachen, und in vielen Fällen läßt sich ein Streit zwischen verschiedenen Werten auch so darstellen, daß er zu einem Streit wird zwischen Menschen, die sich über Werte einig sind (etwa das größtmögliche Glück für die größtmögliche Zahl), nicht aber über Tatsachenfragen (ob eine Planwirtschaft funktionieren kann, ob ungetaufte Kinder in die Hölle kommen, und so weiter). Es scheint mir schwierig, zu unterscheiden: dies sind die Tatsachen, dies sind meine Wertungen. Und es ist auch unnötig, wenn wir stets gestehen: dies sind meine Vermutungen, und sonst nichts. Außerdem beruht der Entschluß, Tatsachen als zwingende Argumente gelten zu lassen, selbst wieder auf einer Wertung.
18.1.2001
So ganz schlecht ist die Musik von Marylin Manson natürlich auch wieder nicht, es mangelt ihr nicht an Momenten der Größe, ich würde es bedauern, falls eine meiner Bemerkungen einen anderen Eindruck hervorgerufen haben sollte.
Von allem Spam, den ich täglich geschickt bekomme, scheint mir der lustigste derjenige zu sein, der mir verspricht, für wenige Dollar 19 Millionen von Email-Adressen samt Spam-Programm zu liefern. An einem solchen Programm bin ich nicht allzu sehr interessiert, eher schon an einem Programm, mit dessen Hilfe es möglich ist, einem Spammer an seine geheime private Emailadresse 19 Millionen Mails zu schicken. Ich erlaube mir, aus einer solchen Email zu zitieren (ich hoffe, das stellt keine Copyrightverletzung dar):
Remember that potential income chart at the beginning of this message? Can you imagine the kind of money you could make if you mailed one million pieces and sold only one tenth (.01%) of one percent? You do the math, you’ll be amazed!
In der Tat, doing the math bin ich erstaunt, daß 0,01 % das selbe sein soll wie ein Zehntel Prozent.
20.1.2001
Was sollen wir nur von Rilke halten? Nehmen wir beispielsweise einmal die Schlußzeile des Rilke-Gedichts
Werkleute sind wir: Knappen, Jünger, Meister,
und bauen dich, du hohes Mittelschiff.
Und manchmal kommt ein ernster Hergereister,
geht wie ein Glanz durch unsre hundert Geister
und zeigt uns zitternd einen neuen Griff.
Wir steigen in die wiegenden Gerüste,
in unsern Händen hängt der Hammer schwer,
bis eine Stunde uns die Stirnen küßte,
die strahlend und als ob sie Alles wüßte
von dir kommt, wie der Wind vom Meer.
Dann ist ein Hallen von dem vielen Hämmern
und durch die Berge geht es Stoß um Stoß.
Erst wenn es dunkelt lassen wir dich los:
Und deine kommenden Konturen dämmern.
Gott, du bist groß.
ist das nun genial, weil es in seiner kalkulierten Naivität die Unfaßbarkeit der Größe Gottes einzig adäquat ausdrückt, oder ist es einfach nur frappant, weil es so unendlich blöd ist? Oder wenn er Eurydice charakterisiert
Sie war in einem neuen Mädchentum
und unberührbar; ihr Geschlecht war zu
wie eine junge Blume gegen Abend
ist dies nun ein genialer Ausdruck für die unüberbrückbare Fremdheit der Geschlechter oder der Lebenden und der Toten oder die Unbegreiflichkeit des Numinosen, oder ist es einfach nur über die Maßen bescheuert? Oder eine Anspielung auf www.janthor.com/on.html?
21.1.2001
Prosagedicht eines Mädchen im Winter
Ich sollte am Strand sein, die Schuhe neben dem Rucksack, das Tshirt fliegt die Arme entlang, die geflickte Stoffhose um die Knöchel, der heiße Sand beißt in die Füße, die helle Sonne in die Augen, und da bist du, Schönste, mit tausend Herrlichkeiten wirfst du dich an den Strand und erreichst meine Zehen, die im Sand untergehen, kalt bist du und unermüdlich, immer neue Ideen hast du, die Gischt auf deinen Wogen anzuordnen, du umfängst meine Kniee, meine Scham und nach unendlicher Angst und bedenklichem Zögern auch den empfindlichen Bauch und den hochgereckten Hals, in schauervoller Kälte, doch dann erkennst du mich und wärmst mich aus deinem Abgrund und Muscheln küssen meine Sohlen und Wellen türmen sich mir zu Ehren, ich werde schwerelos zwischen weißem Himmel und schwarzer Tiefe, schwerelos wie der Seetang, den meine Zehen aufwirbeln, und rückkehrend an Land begreife ich erst ganz die Wärme des Meeres, Sand klebt an mir und die Göttin der Feuchtigkeit mit der schwarzgrünen Nässe sich zusammenziehenden Kunstfaserstoffes, mein Gewicht kehrt zurück mit der Sonne und vereinigt sich mit mir, und unstillbar rinnt Wasser aus meinem Badeanzug auf meine Beine, die die Helligkeit unermüdlich trocknet und kitzelt, und batsch setze ich meine ganze profunde Existenz in den Sand und höre auf und verwandle mich in weißes Rauschen. Statt dessen zerstampft mein gepanzerter Fuß nassen Schnee und bemüht sich um Halt auf rutschigem Pflaster.
22.1.2001
Warum ist das römische Reich untergegangen? Ein Kreis mit doppeltem Radius hat einen doppelten Umfang, aber vierfache Fläche.
Die Antwort ist etwas kryptisch und bedarf daher weiterer Erklärungen. Die römische Wirtschaft beruhte auf einer Sklavenhaltergesellschaft. In der Art und Weise, wie die Sklaven von den Römern gehalten wurden, reproduzierten sich die Sklaven nicht in ausreichendem Maß aus sich selbst heraus: es starben mehr Sklaven, als neu geboren wurden. Deshalb war die Wirtschaft auf den ständigen Nachschub neuer Sklaven angewiesen. Einen solchen Nachschub war durch Kriege und Eroberungen gegeben. Solche Eroberungen konnten nur an den Grenzen stattfinden, zu versorgen war aber eine Wirtschaft, die etwa proportional zur Fläche des römischen Reiches war. Selbstverständlich war das römische Reich nicht überall gleichmäßig besiedelt, an den Küsten lebten mehr Menschen als in den Alpen, aber in dem gleichen Sinn waren nicht alle Grenzen gleichermaßen ergiebig. Eine endliche Fläche läßt sich außerdem mit einer unendlichen Grenzlinie versehen, aber hier handelt es sich um eine uninteressante Art der Unendlichkeit, und wir können ohne weiteres die effektive Grenze des römischen Reiches mit der Wurzel aus seiner Fläche identifizieren. Je größer das römische Reich wurde, desto kleiner wurde dementsprechend seine Grenze, relativ zur Gesamtfläche, und desto schlechter ließ sich der Bedarf nach neuen Sklaven durch weitere Eroberungen stillen. Dies hatte im übrigen zur Folge, daß ein zur Eroberung taugliches Heer sich immer schlechter aufstellen ließ, so daß irgendwann die an sich immer nötigeren Eroberungen ganz eingestellt wurden. Von da an wurden Soldaten lokal eingesetzt, daß heißt, ihr Quartier war mit ihrem Herkunftsort identisch (was weitere Expansionen unmöglich machte). Die Sklavenwirtschaft mußte aufgegeben werden, und das Reich kehrte zu einer ländlichen Feudalwirtschaft zurück. In dieser ländlichen Wirtschaft konnten Städte nicht unterhalten werden, und im weströmischen Reich hörten Städte dementsprechend zunächst überhaupt auf, zu existieren. Die einzige Stadt, die überhaupt noch gehalten werden konnte, war die Hauptstadt, da alle überhaupt noch zur Verfügung stehenden Ressourcen zu ihr umgelenkt wurden. Konstantinopel war dementsprechend die einzige Stadt, die in einer kontinuierlichen Existenz das ganze Mittelalter über existierte, während Rom aufgegeben wurde (von einem unbedeutenden Dorf gleichen Namens an gleicher Stelle abgesehen). Von Max Weber (der diese Erklärung entdeckte) gibt es eine eindrucksvolle Beschreibung, wie Karl der Große gezwungen war, als analphabetischer König ohne Hauptstadt von Naturalabgaben zu leben. Ökonomisch betrachtet, ging das römische Reich nicht unter (und auch de jure existierte es, als Byzanz und als deutsches Reich, weiter), sondern es wechselte nur die ökonomische Basis, und zwar nicht in einer Katastrophe, sondern allmählich. Das Erschütternde ist, daß die neue ökonomische Basis Kunst und Kultur nur noch auf tribalistischem Niveau erlaubte (von Byzanz natürlich abgesehen), und wenn wir die Zivilisation danach bewerten, inwieweit sie imstande ist, eine städtische Kultur hervorzubringen, dann ging das römische Reich in der Tat nach einem langen Siechtum unter. Wenn wir diesen Vorgang jedoch nach (modernen) moralischen Gesichtspunkten bewerten, dann war die Sklavenhaltergesellschaft eine der widerwärtigsten Geselschaften, die überhaupt denkbar ist, und um ihren Untergang war es nicht schade. Von Nietzsche stammt die Behauptung, jede städtische Kultur (also in seinen Augen jede Hochkultur) müsse eine Sklavenhaltergesellschaft sein. Die meisten antiken Philosophen hätten ihm zugestimmt, in der Neuzeit ist seine These dagegen meist abgelehnt worden, und zwar nicht mit ökonomischen, sondern mit ziemlich hilflos moralischen Argumenten. Es ist offensichtlich möglich, unsere eigene Kultur beweist das ja, eine städtische Kultur ohne Sklaven zu schaffen. Das ist aber keine moralische, sondern eine empirische Tatsache. Die These, alle städtische Kultur sei eine Kultur von Sklavenhaltern, wird dadurch widerlegt, sie wird nicht widerlegt durch die Behauptung, Sklavenhaltung sei moralisch schändlich (es nützt nichts, zu klagen, die Theorien Nietzsches seien grausam oder böse, es geht darum, ob sie faktisch richtig sind oder nicht).
Eine ganz andere neue Frage (die Weber nur unzureichend beantwortet hat) ist die, warum es nicht möglich war, Sklaven so zu halten, daß sie sich selbst reproduzierten. Der biologische Zwang, Kinder großzuziehen, scheint so sehr unüberwindlich für den Menschen nicht zu sein. Sinkt die Kindersterblichkeit in Industrienationen auf eine vernachlässigbare Größe, und mehr noch, wird die Altersversorgung nicht durch die eigene Nachkommenschaft, sondern durch eine staatliche Rente oder eine Versicherung oder derartiges geleistet, dann wird die Aufzucht von Kindern, die ehemals ökonomische Notwendigkeit war, zu einer Art Hobby, das mühsam genug ist (und ökonomisch extrem unvorteilhaft), so daß in den meisten Industrieländern die Bevölkerung sich ebenfalls nicht mehr selbst zu reproduzieren vermag. In ähnlicher Weise war die Lage römischer Sklaven nur wenig von der Zahl ihrer Kinder abhängig. Es gab zwar oft Belohnungen von Seiten des Sklavenhalters für Frauen, die Kinder großzogen, in der Regel glichen diese Belohungen aber anscheinend die Mühen, die es bereitete, Kinder großzuziehen, nicht aus. Ein heutiger Mensch, der das Wort „Sklave“ vornehmlich im Zusammenhang mit modernen fetischistischen Inszenierungen kennt, wird vielleicht zuerst an Sklavinnen denken, die leibliche Kinder des Sklavenhalters gebaren. Solche Sklavinnen konnten sich durch die Aufzucht von Kindern eventuell erhebliche Vorteile verschaffen, sie reproduzierten dann aber nicht unbedingt Sklaven. Im übrigen sprechen wir hier hauptsächlich von der Situation eines in der Stadt lebenden Sklavenhalters, dessen Sklaven das Land bewirtschaften. Ein solcher Sklavenhalter wird seine eigenen Sklaven unter Umständen gar nicht alle persönlich kennen lernen. Davon abgesehen ist es ja die geringste Schwiergkeit, dafür zu sorgen, daß die Sklavinnen des eigenen Gutes alle schwanger werden. Es muß durch ökonomische Anreize dafür gesorgt werden, daß diese Sklavinnen die Kinder auch aufziehen. Und diese ökonomischen Anreize, die etwa darin bestehen können, daß die Sklavin nicht in einer Gemeinschaftswohnung kaserniert ist, sondern mit einem eigenen Mann eine eigene Hütte bewohnt (die darin bestehen, daß die Sklaven zu Leibeigenen werden) schmälern den Gewinn des Sklavenhalters. Solange die Möglichkeit besteht, durch Kriege Sklaven billig zu ersetzen, wird kein ökonomisch denkender Sklavenhalter diesen Weg gehen. Mit dem Ende der Eroberungen aber bleibt dem Sklavenhalter nichts anderes übrig, als die Sklaven in eine Subsistenzwirtschaft zu entlassen , von der er nur einen kleinen Teil an Naturalgaben abschöpfen kann (mit den von Weber geschilderten Folgen für die städtische Kultur).
Die Spartaner erlaubten ihren das Land bewirtschaftenden Sklaven von vorneherein Privatbesitz und Familie. Es ist deshalb nicht verwunderlich, daß die Spartaner im Prinzip keine Geldwirtschaft kannten (ihre Wirtschaft produzierte nichts, was sich hätte handeln lassen, sondern deckte nur eben den Eigenbedarf). Und ebenso waren sie unfähig, wie Rom auszuziehen, die Welt zu erobern, während sie andererseits aber eine extrem stabile Gesellschaftsform errichten konnten, die schließlich von außen zerstört wurde. Am besten ging es den Plantagenbesitzern, als sie ihre Sklaven in großer Zahl aus Afrika beziehen konnten und nicht selbst reproduzieren mußten.
27.1.2001
Überschrift in der Heidelberger Rundschau: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben“. Nicht schlecht, aber für ein echtes Nonsens- (oder Tiefsinns-, die Grenzen sind bekanntlich fließend) Gedicht fehlen noch drei Zeilen, die ich hiermit nachtrage:
Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben,
ich bin das Zittern, ihr seid das Beben,
ich bin das Mühen, ihr seid das Streben,
ich bin der Tod, und ihr seid das Leben.
28.1.2001
Lebendes Wesen, strebendes Müssen reißt mich empor;
seltenes Lösen, lassendes, zeigt mir, was ich verlor.
Nicht schlecht, oder? Am Anfang dieses reizenden kleinen buddhistischen Gedichtes stand lediglich das Versmaß und die ungefähre Binnenreimstruktur fest, das heißt, die Urfassung dieses Gedichtes lautete:
Blibber und Blubber, Blibber und Blubber, Da da da dimm,
Blibber und Blubber, Blibber und Blubber, Da da da dimm.
Durch das relativ komplizierte Versmaß stand von vorneherein fest, daß es sich um ein ernsthaftes, eventuell sogar tiefsinniges, jedenfalls aber tief tragisches, von Tod und Vergeblichkeit oder ähnlich profunden Themen erzählendes Gedicht handeln würde. Nicht weiter verwunderlich, wenn die vorangegangenen Schnipsel von Buddha oder Rilke handeln. Als erstes suchte ich einen brauchbaren Endreim. Nach mehreren ausgesprochen schwachen Kandidaten (wobei ich für einen Moment sogar ernsthaft „Schmerz“ und „Herz“ erwog) kam ich auf „...reißt mich empor/...was ich verlor“. Dadurch war dann auch das zweite „Blubber“ der zweiten Zeile festgelegt, sinnvollerweise mußte es „zeigt mir“ lauten. Dadurch war dann auch klar, daß das Gedicht zweigeteilt war: die erste Zeile zählte auf, was das lyrische Ich emporreißt, die zweite Zeile zählt auf, was dem lyrischen Ich zeigt, was es verlor. Sofort fiel mir für die erste Zeile der Binnenreim „Leben“ und „Streben“ ein. Nachdem ich mir die Freiheit erlaubte, „Wesen“ auf „Müssen“ zu reimen, was insofern eine gute Idee war, insofern allzu perfekte Reime das Gedicht leicht hätten albern klingen lassen können und es ja auch nichts schadet, wenn das Gedicht eine sinnvolle Aussage bildet, bei der sich etwas denken läßt, und nicht nur aus wohlklingenden, aber sinnlosen Reimen besteht, war die erste Zeile fertig. Die erste Fassung der zweiten Zeile lautete eigentlich
lassendes Lösen, seltenes, zeigt mir, was ich verlor.
„lassendes Lösen“ ist dann aber arg stabend und Wagnerhaft, außerdem ziemlich pleonastisch. Durch die Umstellung wird der Pleonasmus vermieden, und der Stab auf „L“ wird auf zwei verschiedene „Blibber und Blubber“ verteilt. Eine weitere Möglichkeit wäre auch „seltenes Lassen, lösendes“ gewesen, aber dagegen sprechen drei Gründe. Erstens stellt sich dem unschuldigen Hörer die Frage, warum es dann nicht gleich „seltenes lösendes Lassen“ heißt, und es ist immer mißlich, wenn die einzige Antwort auf eine solche Frage „wegen des Versmaßes“ lautet. Zweitens ist das Gedicht dann zwar immer noch ernst, aber nicht mehr unbedingt tiefsinnig, eher schon ein wenig banal, es bleibt für die Leserin zu wenig Arbeit übrig. Und drittens gehen lautliche Bezüge zur ersten Zeile verloren: „Lösen“ paßt einfach besser zu „Wesen“ als „Lassen“.
Wie der Tonmeister der Wielandschen Abderiten kann ich mir schmeicheln, nicht mehr als eine Viertelstunde für dieses Gedicht benötigt zu haben.
„Fetischmode“ ist ein Oxymoron, da Mode und Fetischismus widersprüchliche und entgegengesetzte Phänomene sind. Der Fetischist wird durch ein einmaliges drastisches Erlebnis oder fortgesetzte Gewöhnung auf eine bestimmte Sensation geprägt, und von da an ist er der Meinung, Feinrippunterhosen mit Eingriff seien kleidsam, eine peitschenschwingende Dame im Pelz erotisch, und der kleinkarierte Anzug von vor zehn Jahren karrierefördernd. Die Modische dagegen weiß, daß Feinripp heute, wenn überhaupt, dann nur noch ohne Eingriff möglich ist, daß ein Pelz eine wahnwitzige Investition ist, da viel zu langfristig angelegt (denn wer kann ahnen, ob Pelz nächstes Jahr überhaupt noch modern ist) und daß dieser kleinkarierte Anzug nun wirklich nicht mehr geht. Der Fetischist möchte, hat er einmal gelbe Schuhe erstanden und sind diese gelben Schuhe endgültig durchgelaufen und voller Löcher, wenn er denn nun schon neue Schuhe kaufen muß, am liebsten wieder gelbe Schuhe. Die Modische weiß schon in dem Moment, indem sie sich ihr allerneuestes Paar Schuhe kauft, daß auch diese Schuhe nicht das Wahre und das Eigentliche sind und durch neue Schuhe ersetzt werden müssen. Der Fetischist bringt es fertig, sich zehn Mal die gleiche viktorianische Dienstmädchenuniform in den Schrank zu hängen, die Modische hat hundert verschiedene Kleider im Schrank, wenn sie ihre alten Kleider nicht wegwirft. In der Wissenschaft (und in der Kunst) kann die Modische keine neuen Entdeckungen machen, weil sie sich zu sehr danach richtet, was gerade Mode ist. Ebenso ist der Fetischist an sich unfähig zu neuen Entdeckungen, sie gelingen ihm aus Zufall, wenn er in einem bestimmten Fachgebiet aufwächst und auf den dort modernen Fetisch geprägt wird, dann das Fachgebiet wechselt und nun anderswo Originelles zu sagen hat, dabei aber selbst ganz unbelehrbar ist, denn der Fetischist in der Wissenschaft weiß, daß er und nur er Recht hat und im Besitz der Wahrheit ist, während die Modische weiß, daß Wahrheit ist, was alle oder die meisten sagen. Der erfinderische Mensch dagegen erschafft eigene Kreationen und entdeckt das Unerhörte, ohne sich allzu sehr um die Meinung der anderen zu kümmern und ohne mit übertriebener Liebe an seinen eigenen Hervorbringungen kleben zu bleiben. Es versteht sich, daß jeder von uns ein wenig fetischistisch und ein wenig modisch ist, denn anders ließe sich weder der Umgang mit den Mitmenschen noch mit einem selbst ertragen. Der erfinderische Mensch aber kann sich davon mindestens gelegentlich frei machen.
Keuschheitsgürtel werden im übrigen so lange Fetisch bleiben und nie Mode werden, so lange sie teuer und auf eine lange Lebensdauer ausgelegt sind.
Die Verheißungen meines Glaubens sind bescheiden und leise: das vage Versprechen, daß, wenn wir selbst uns mit aller Kraft darum bemühen, vielleicht unsere Nachfahren ein besseres und angenehmeres Leben führen, unter einer guten Regierung, mit besserer medizinischer Versorgung; unter seltenen, glücklichen, weniger von uns als vom von uns nicht beeinflußbaren Zufall abhängigen Umständen ein erträgliches Leben für uns selbst; eingezwängt in den engen Kreis der siebzig Jahre, über den kein Jenseits und keine Wiedergeburt hinausführt; kein Sinn und keine Aussicht auf eine befriedigende Erklärung unseres Daseins zu Lebzeiten; der schwache Trost, eigentlich gar nicht zu existieren, und das Wissen, daß unsere gelungenen Augenblicke unwideruflich der Zeit eingeschrieben sind; und die Befriedigung der Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit.
30.1.2001
Buch der Sprüche:
Die Raben vergaßen den stinkenden Fisch.
Neuer Wein in alten Bäuchen.
Die Katze läßt das Kotzen nicht.
Was lange währt, wird endlich spät.
31.1.2001
Wenn wir erklären wollen, was ein Ball oder ein Laufstall ist, können wir auf Theorien der Chemie, der Physik, der Quantenmechanik oder meinetwegen auch der Superstringtheorie zurückgreifen. Für diese Theorien benötigen wir aber einige weitere Begriffe, etwa Begriffe der Mathematik, beispielsweise den Begriff des Raumes oder der Menge. Um aber nun jemanden zu erklären, was Raum ist oder Menge, der es wirklich noch nicht weiß, kommen wir kaum umhin, solche Worte wie Ball oder Laufstall zu benutzen. Es mag sein, daß wir angeborenes Wissen (angeborene Vermutungen) besitzen, etwa eine angeborene Anschauung des Raumes, zumindest klingt das recht plausibel. So ein angeborenes Wissen ist aber jedenfalls vorsprachlich und muß, um in einer Erklärung verwendet werden zu können, erst einmal in Sprache überführt werden. Wir können alltägliche Dinge durch abstrakte erklären, um aber die abstrakten Dinge erklären zu können, brauchen wir die alltäglichen. Alle unsere Erklärungen sind deshalb zirkulär (so, wie es auch nicht möglich ist, in einer endlichen Sprache jedes Wort zu definieren, ohne zirkuläre Definitionen zu verwenden), und der Trick besteht darin, den Zirkel so weiträumig zu spannen, daß die Erklärung befriedigend und der Zirkel unüberschaubar wirkt. Das alles ist nicht weiter tragisch, solange wir unsere Theorien empirisch prüfen.Aber wie machen wir das eigentlich?
2.2.2001
Von allen meinen Ligeti-CDs ist ausgerechnet meine Lieblings-CD („Kammerkonzert/Ramifications/Lux aeterna/Atmosphères“, erschienen bei wergo) verloren gegangen. Den Verlust aller anderen CDs von Ligeti hätte ich leichter verwunden (außer vielleicht dem Grand Macabre, aus ökonomischen Gründen, weil dann gleich zwei CDs weg gewesen wären), aber gerade an dieser CD hing mein Herz ganz besonders. Weniger eigentlich wegen Lux-aeterna-das-im-Film-2001-Odyssee-Im-Weltraum-immer-dann-ertönt-wenn-eine-der-schwarzen-Schachteln-ins-Bild-rückt (von 2001 halte ich nicht viel; selbst die einzig halbwegs sehenswerte Szene, der Lichttunnel, wird sofort entwertet durch den sich anschließenden Flug über eine falschfarbene Landschaft und negativ gefilmte sich auflösende Tintentropfen, die recht offensichtlich als solche zu erkennen sind, und überhaupt ist Dr. Seltsam lustiger und weniger prätentiös), obwohl das auch ein schönes Stück ist, eher wegen des herrlichen Kammerkonzertes. Nun habe ich mir die CD neu bestellt, und den Gesetzen des Aberglaubens zufolge müßte eigentlich die verschwundene erste CD wieder auftauchen („ein verlorener Gegenstand taucht genau dann wieder auf, wenn wir Ersatz beschafft haben“). Das ist aber bisher nicht geschehen. Was insofern nicht verwunderlich ist, als die Gesetze des Aberglaubens ja bloß Aberglauben sind.
3.2.2001
Die Verräterin Kate Winslet hat jetzt auch eine Diät angefangen, die Ärmste.
5.2.2001
Sehr geehrter Herr Rückert,
vielen Dank für Ihre Einsendung, die wir in einer unserer nächsten Ausgaben werden berücksichtigen können. Lediglich in einer Strophe mußten wir geringfügige Änderungen vornehmen: die typisch christlich-abendländische Tendenz, die Mühe der Erlösung anderen zu überlassen, scheinen Sie wohl immer noch nicht so ganz überwunden zu haben, wenn ich Ihnen das so direkt sagen darf. Auch scheinen Sie das Gedicht ohne Titel gesandt zu haben. Wie üblich haben wir die Fahnen beigelegt. Das Honorar geht Ihnen mit seperater Post zu.
Mit freundlichen Grüßen,
Ihr sehr ergebener,
&c. &c.
Gotamo
Anlage
Unter dem Assattha-Baum
Um Mitternacht
Hab’ ich gewacht
Und aufgeblickt zum Himmel;
Kein Stern vom Sterngewimmel
Hat mir gelacht
Um Mitternacht
Um Mitternacht
Hab’ ich gedacht
Hinaus in dunkle Schranken.
Es hat kein Lichtgedanken
Mir Trost gebracht
Um Mitternacht.
Um Mitternacht
Nahm ich in acht
Die Schläge meines Herzens;
Ein einz’ger Puls des Schmerzens
War angefacht
Um Mitternacht.
Um Mitternacht
Kämpft’ ich die Schlacht,
O Menschheit, deiner Leiden;
Nicht konnt’ ich sie entscheiden
Mit meiner Macht
Um Mitternacht.
Um Mitternacht
Hab’ ich die Macht
Aus meiner Hand gegeben;
Frei! Frei von allem Streben,
Schweb’ ich nun sacht
Um Mitternacht.
Würde ein Unhold mir ankündigen, mich umzubringen, und mir die Wahl lassen, ob er mich anschließend verbrennen oder aufessen soll, so wäre mir zwar reichlich egal, was denn nach meinem Tod mit meinem Leichnam passiert, aber verbrannt werden wäre mir, wenn ich denn nun schon wählen soll, lieber als gegessen werden. Die meisten meiner Mitmenschen scheinen aber gerade der umgekehrten Meinung zu sein.
Irgendwann (im „Sitara“) hat Arno Schmidt einmal die durch nichts belegte oder begründete These aufgestellt, an U-Lauten sei etwas besonders sinnliches und triebhaftes; und alle Schmidt-Gläubigen von Henscheid über Henscheid bis Henscheid plappern es ihm seither ungeprüft nach.
8.2.2001
„Alle christlichen Kirchen sind gegen Abtreibungen. Die ethische Norm Jesu und seiner jüdischen Vorfahren „Du sollst nicht töten!“ gilt für uns uneingeschränkt.“ Ich fürchte, Bischof Dr. Johannes Friedrich verwechselt hier etwas (im harmlosesten Fall verwechselt er „töten“ und „morden“). Oder habe ich wieder einmal etwas nicht mitbekommen, und haben die evangelische und katholische Kirche das Amt des Militärbischofs abgeschafft? Doch selbst dann, Herrn Friedrichs barbarisches Grinsen sieht nicht gerade aus, als sei er Vegetarier. Bestenfalls ist er ein Gegner der Todesstrafe, womit er weltweit in der protestantischen Kirche arg in der Minderheit ist (und Luther gegen sich hat). Aber ein feinsinniger und gebildeter Herr ist unser Doktor, er hat tatsächlich schon einmal davon gehört, daß das Tötungsverbot nicht direkt von Jesus stammt, sondern von gewissen „jüdischen Vorfahren“ erfunden wurde. Und wenn es um befruchtete Eizellen geht, dann darf es von diesem Tötungsverbot auch keine Abstriche geben.
15.2.2001
Das mächtige, stahlharte Szepter des Mannes ist die meiste Zeit ein armseliger schutzloser Hautfetzen.
16.2.2001
Durch das Automatisieren stupider und mechanischer Arbeiten ist bekanntlich der Bedarf an Arbeitskräften im primären und sekundären Sektor zurückgegangen. Allgemein wird mit einer Zunahme der Bedeutung des tertiären Sektors, der Dienstleistungen, gerechnet. Aber was wir für eine stupide und mechanische Arbeit halten, hängt auch davon ab, wie schlau wir darin sind, Arbeiten zu mechanisieren. Es ist also ohne weiteres möglich, daß wir auch viele Aufgaben der Dienstleistungsgsellschaft bald werden automatisieren und an Maschinen und Programme werden delegieren können. Es scheint, als ob dann, bei so vielen Maschinen und Programmen, zumindest der Bedarf an Programmierern immer mehr zunehmen sollte. Gegenwärtig ist das offensichtlich der Fall. Aber es ist naiv, zu glauben, das müsse immer so bleiben. Programmieren ist eine Tätigkeit wie jede andere auch und per se nicht davor gefeit, automatisiert und einer Maschine übertragen zu werden. Bereits jetzt gibt es Entwicklungsumgebungen auf graphischer Basis, die versprechen, daß ihre Benutzer Programme erstellen können, ohne eine einzige Zeile Code zu schreiben. Zwar klaffen hier Versprechen und Wirklichkeit noch weit auseinander, aber zumindest ist klar, daß das Erstellen von korrektem Code, insbesondere bei längeren und komplexeren Projekten, eine Aufgabe ist, die Menschen nicht besonders liegt, bei der Menschen typisch menschliche Fehler machen (einschließlich simpler, ärgerlicher Tippfehler) und die besser Programmen überlassen werden sollte. Die Entwicklung modularisierter Programmbibliotheken und strikter, eindeutiger Programmiersprachen geht in diese Richtung. Hat diese Entwicklung Erfolg, dann wird der Bedarf an menschlichen Programmierern sinken. Je raffinierter und komplexer unsere Mechanisierungen werden, desto mehr wird schließlich auch unser Bedarf an Designern und Kreativen irgendwann einmal wieder sinken.
Soweit ich sehe, handelt es sich beim Problem des freien Willens nicht um eine philosophisches, sondern um ein pädagogisches Problem, allerdings um eines, daß durch philosophische Trübungen verwirrt wird. Die eine philosophische Trübung besteht darin, zu glauben, wir könnten durch irgend eine Art des Zufalls, insbesondere des quantenmechanischen Zufalls, dem Determinismus entgehen. Aber wer eine Entscheidung trifft, indem er eine Münze wirft, statt rationale und darum vorhersagbare Überlegungen anzustellen, wird dadurch nicht frei, und freier Wille ist etwas anderes als willkürlicher Zufall. Die andere Trübung besteht darin, zu glauben, der Determinismus ließe sich in einer anderen, unfleischlichen Welt vermeiden. Wir können die durch nichts gedeckte Behauptung aufstellen, die quantenmechanischen Prozesse in unserem Hirn seien nicht vom Zufall, sondern von einer unfleischlichen, geistigen Welt bestimmt. Aber auch für diese geistliche Parallelwelt gilt, daß die in ihr vorkommenden Objekte entweder deterministischen Gesetzen oder dem Zufall gehorchen. Wenn wir in ein anderes Haus umziehen, so gilt dort zwar vielleicht eine andere Hausordnung, aber um die Wahl zwischen einer Hausordnung und Anarchie kommen wir nicht herum. Die idealistische Welt mag eine andere Physik besitzen als die materielle, dem Determinismus entgeht sie dadurch nicht.
Ein Mensch, ein Wesen hat dann eine Handlung aus freiem Willen begangen, wenn wir glauben, daß wir auf diese Art von Handlungen durch Erziehung einwirken können. In den Nomoi Platons gibt es eine Stelle, in der Platon verlangt, ein Gegenstand, der den Tod eines Menschen verursacht habe, müsse ausgepeitscht, zerstört und seine Trümmer über die Landesgrenze gebracht werden. Das scheint uns heute schamanistischer Aberglaube: ein unbelebter Gegenstand hat keinen freien Willen, er hat nicht absichtlich getötet, das soll heißen, es ist nutzlos, ihn erziehen zu wollen. Ebenso können wir bei Gelegenheit zu dem Schluß kommen, ein bestimmter Mensch habe bedingt durch eine Hirnverletzung oder durch bewußtseinsverändernde Drogen oder vergleichbares gehandelt wie er gehandelt hat, und wir stellen fest, daß die Wirkung der Hirnverletzung oder der Droge derart ist, daß keine erzieherische Maßnahme, keine pädagogische Kunst diese Wirkung aufheben kann. In diesem Fall sagen wir, äußere Umstände hätten den freien Willen des Betreffenden ausgeschalten. Und wir meinen, dieser Mensch könne nicht moralisch gerechtfertigter Weise bestraft werden (was nur eine andere Formulierung dafür ist, daß er als Subjekt von Pädagogik ausfällt), allenfalls kann es sein, daß wir seine Freiheit einschränken müssen, um uns vor ihm zu schützen, mit dieser Einschränkung seiner Freiheit müssen wir aber kein moralisches Urteil verbinden, das heißt, wir bedauern den Unglücklichen, der ein Opfer seiner Krankheit wurde. Der Psychologe erscheint als eine Mischung aus Arzt und Pädagogen. Wird vor Gericht ein Psychologe befragt, ob der Angeklagte schuldfähig sei, so wird der Psychologe befragt, ob er den Angeklagten eher als Arzt oder eher als Pädagoge behandeln würde, ob hier eher ärztliche oder eher pädagogische Kunst etwas ausrichten kann.
Eine derartige Definition des freien Willens ist offenbar nicht operational, von einem gegebenen Wesen und seinen Handlungen können wir nicht ohne weiteres sagen, ob sie aus freiem Willen geschahen. Dazu wäre viel hypothetisches Räsonieren nötig, etwa der Art: würde dieses Wesen dieser pädagogischen Behandlung unterworfen, und käme es dann erneut in jene Situation, würde es dann wieder so handeln? Schwierig ist hierbei auch, daß wir ja gar nicht wissen, was eigentlich genau die pädagogische Kunst vermag, da ja hier die Forschung noch gar nicht abgeschlossen ist und völlig offen ist, welche Fortschritte auf diesem Gebiet die Zukunft enthüllen wird. Eine solche Vagheit der Definition ist freilich nicht unsere Schuld: ist ein Begriff in seinem gewöhnlichen Gebrauch an sich vage und unklar, dann kann eine Konkretisierung dieses Begriffes durch eine mehr formale Definition nicht in allen Fällen in einen klaren, entscheidbaren Begriff verwandeln. Unsere Erklärung des freien Willens bietet das Unverworrenste, was bei einem so verworrenen Begriff eben möglich ist.
Es könnte scheinen, wir hätten unsere Definition gerade verkehrt herum angefangen und als freien Willen gerade das Gegenteil des freien Willens definiert. Denn als freien Willen definieren wir ja gerade die Fähigkeit, sich manipulieren zu lassen und sich dahin bringen zu lassen, auf eine ganz bestimmte Art und Weise zu verhalten, mit anderen Worten, sich so manipulieren zu lassen, daß das eigene Verhalten vorhersagbar wird. Während es gewöhnlich erscheint, als bestünde der feie Wille gerade darin, sich unvorhersagbar zu verhalten, so, wie der Dostojewskische Kellerlochbewohner, um nur ja seinen freien Willen zu bewahren, sich lieber unvernünftig als vorhersagbar aufführt. Hier ist jedoch zweierlei zu beachten: zum einen sprechen wir ja nicht davon, der freie Wille bedeute eine beliebige Manipulierbarkeit. Wenn ein Zimmer sich so verhält, daß es mal kalt ist, mal warm, so können wir sein Verhalten ändern (das Zimmer gewissermaßen erziehen), indem wir die Heizung anschalten. Eine solche Erziehungsmaßnahme erscheint uns aber nicht als genuin pädagogisch, und deshalb sprechen wir dem Zimmer einen freien Willen ab. Könnte das Zimmer jedoch nur durch einen begabten Pädagogen, nicht jedoch durch einen schlichten Heizungsinstallateur dazu gebracht werden, seine Heizung in Gang zu setzen, so wären wir wohl schon der Meinung, das Zimmer habe seinen eigenen Willen (wie wir ja auch bei einem Gerät mit einer uns unverständlichen Fehlfunktion manchmal im Scherz zu sagen pflegen, das Gerät habe seinen eigenen Willen). Zum anderen ist eben Unvorhersagbarkeit gerade nicht identisch mit dem freien Willen. Den Dostojewskischen tobenden Kellerlochbewohner halten wir für einen Verrückten, der bedauerlicherweise seines freien Willens verlustig gegangen ist. Und die vollkommene Unvorhersagbarkeit ist eben wieder gerade die vollkommene Zufälligkeit, und die Identifikation des freien Willens mit dem Zufall haben wir als die eine der beiden philosophischen Trübungen des freien Willens bezeichnet. Umgekehrt hat etwa Daniel Dennett behauptet, der Wert dessen, was er „intentional stance“ genannt hat, liege gerade darin, daß diese Betrachtungsweise es uns ermögliche, Vorhersagen zu trreffen. Wenn wir also einem Wesen einen freien Willen zuschreiben, so tun wir das nach Dennett, um sein Verhalten vorhersagen zu können. Die Unvorhersehbarkeit des menschlichen Verhaltens rührt bloß daher, daß wir, die wir dieses Verhalten voraussagen wollen, selbst ebenfalls nur Menschen sind und wir Menschen uns in unserer Entwicklungsgeschichte in einem ständigen Wettrüsten befanden, einander zu übertölpeln und zu überlisten, uns zu überraschen und unvorhersagbar zu sein. Und weil wir diese Fähigkeit sehr weit entwickelt haben, an den Rand des Menschenmöglichen, deshalb ist nahezu jeder Mensch so intrikat, daß selbst der begabteste menschliche Pädagoge ihr Verhalten nicht sicher vorhersagen kann. Und eben deshalb ist das Erziehen von Menschen ein so vergleichweise schwieriges Geschäft, im Vergleich zum Erziehen von Heizungen (eine Aufgabe, die, solange die Heizung funktioniert, wir alle, nicht nur die Heizungsmonteure unter uns, ohne weiteres beherrschen). Insofern stellt es auch kein unbegreifliches philosophisches Wunder dar, wenn wir behaupten, mit zunehmender Kompliziertheit einer Sache stelle sich der freie Wille von selbst ein, der freie Wille sei keine zusätzliche Qualität, die einem komplizierten Wesen wie dem Menschen sowohl zukommen als auch nicht zukommen könnte. Es ist natürlich denkbar, daß wir eines Tages fähig sein werden, eine Sache zu bauen, die mindestens so kompliziert ist wie wir Menschen, aber nicht auf Lohn und Strafe reagiert. Es wäre recht sinnlos, ein solches Wesen belohnen oder bestrafen zu wollen, und vielleicht würden wir dann sagen wollen, dieses Wesen habe keinen freien Willen. Offenbar würde dieses Wesen auch weder Kummer noch Freude kennen. Es ist aber schwer vorstellbar, wie ein solches Wesen ein Wesen sein könnte, das irgend eine Aufgabe wahrnimmt, die es besser oder schlechter erfüllen kann. Wir Menschen sind entstanden, um zu überleben und unsere Gene weiter zu geben, und in diesem Zusammenhang vollführen wir zahlreiche weitere Aufgaben, wie etwa die, unseren Hunger und unseren Durst zu stillen. Weil wir diese Aufgaben mit größerem oder geringerem Erfolg erledigen können, kennen wir Kummer und Freude (selbst wenn sich Kummer und Freude auf Dinge beziehen, die weit entfernt von unserem ursprünglichen Zweck sind, da wir uns inzwischen teilweise eigene neue Zwecke verschafft haben), und eben deswegen gibt es in uns einen Ansatzpunkt für die Manipulation durch andere Menschen. Wenn wir ein kompliziertes Wesen erschaffen, das eine oder mehrere Aufgaben zu erfüllen hat, und diese Aufgaben sind ihrerseits kompliziert, so kompliziert, daß sie nur von einem komplizierten Wesen lösbar sind, so wird dieses Wesen Zufriedenheit und Unzufriedenheit kennen, je nachdem, in welchem Grad es imstande ist, seine Aufgaben zu lösen. Und dementsprechend wird es Freude und Kummer kennen. Und dementsprechend kennt es Geburt, Leiden, Jammer, Qual, Sterben und Tod.
Gegenüber unmündigen Subjekten (Kindern, geistig Behinderten, den Einwohnern einer totalitären Diktatur) arbeitet der Pädagoge mit Überredungen, emotionaler Erpressung, Gewöhnung oder Folter (wobei einige dieser Mittel aus ethischen Gründen ausgeschlossen sein sollten), gegenüber mündigen Subjekten dagegen muß der Pädagoge versuchen, Einsicht zu wecken, was zu Kummer führt und was zu Freude (denn anders wird er nicht überzeugen können, wird er das gute Leben nicht einsichtig machen können). Gegenüber mündigen Subjekten kann der Pädagoge daher nicht anders auftreten denn als Philosoph.
Aus Gödels Unvollständigkeitstheoremen ergibt sich, daß es kein Computerprogramm geben kann, das alle wahren mathematischen Sätze und keinen einzigen falschen mathematischen Satz erzeugt. Erzeugt ein Programm nur wahre und keinen falschen Satz, dann gibt es wenigstens einen wahren Satz (und damit in Wahrheit unendlich viele wahre Sätze), den das Programm niemals finden wird. Damit können wir beweisen, daß der menschliche Geist kein Computerprogramm sein kann, vorausgesetzt, wir akzeptieren zwei weitere Voraussetzungen. Erstens, daß jeder Mensch imstande ist, jeden wahren mathematischen Satz zu beweisen. Und zweitens, daß es noch nie einen Menschen gegeben hat, die auch nur ein einziges Mal in ihrem Leben auch nur einen einzigen falschen Satz gesagt oder auch nur gedacht hat.
(= dreierlei über die Mechanisierbarkeit menschlichen Verhaltens)
Sie schwätzen ahnungslos daher, sie verehren den Gott Jaldabaoth, sie sagen, Jaldabaoth habe die Welt erschaffen und dem Fleisch die Fähigkeit verliehen, Schmerz zu empfinden, und sie sagen zugleich, sein Reich sei nicht von dieser Welt und die Welt gehöre dem Satan, und Sonntags trinken sie sein Blut, und sie widerstehen nicht dem Bösen und verwandeln die Welt in die Hölle. Und sie glauben an ihre moralische Überlegenheit.
In Wahrheit existiert überhaupt nichts. Denn wenn wir Wahrnehmungen haben, so bedeutet das ja nicht, daß es auch jemanden gibt, der wahrnimmt. Es kann niemandem geben, der wahrnimmt, da es unmöglich ist, Wahrnehmung und Wahrnehmenden zu verbinden. Dazu müßte es zu einer Wechselwirkung zwischen Wahrnehmung und Wahrnehmenden kommen, das heißt, der Wahrnehmende müßte die Wahrnehmungen wahrnehmen, was offenbar absurd ist. Es gibt also niemanden, der wahrnimmt. Es gibt aber auch nichts, was wahrgenommen wird, denn dazu müßte es eine Beziehung zwischen Wahrgenommenem und Wahrnehmungen geben. Eine solche Beziehung ist aber offenbar fiktiv: welche Wahrnehmung auch immer uns vorliegt, kein wie auch immer gearteter Schluß auf das Wahrgenommene ist dadurch möglich. Wenn es aber weder Wahrgenommenes noch Wahrnehmenden gibt, dann kann es auch keine Wahrnehmungen geben, da Wahrgenommenes und Wahrnehmender zum Begriff der Wahrnehmung gehören. Es gibt also weder Wahrgenommenes noch Wahrnehmung noch Wahrnehmenden. Also gibt es in Wahrheit nichts.
Nehmen wir einmal um des Argumentes willen an, es gäbe doch etwas. Dann wäre dieses etwas jedenfalls nicht wahrnehmbar. Denn wie sollte es auch wahrnehmbar sein? Das Etwas müßte auf die Wahrnehmung einwirken, dann aber wäre die Wahrnehmung wieder nur ein Gegenstand, etwas zum Wahrnehmen und nicht selbst eine Wahrnehmung. Und wäre hier die Wahrnehmung und dort der Gegenstand, dann wäre die Wahrnehmung nicht die Wahrnehmung jenes Gegenständes, sondern sie wäre einfach, und damit wäre sie keine Wahrnehmung. Gäbe es also doch etwas, so wäre es nicht wahrnehmbar.
Nehmen wir aber einmal um des Argumentes willen an, es gäbe doch etwas, und es wäre sogar wahrnehmbar. Dann wäre diese Wahrnehmung aber jedenfalls nicht mitteilbar. Denn um unsere Wahrnehmung von etwas mitzuteilen, müßten wir die Wahrnehmung in Sprache verwandeln. Wahrnehmung aber ist Wahrnehmung, und Sprache ist Sprache. Jetzt nehme ich wahr, und jetzt spreche ich. Einige vertreten die Ansicht, bestimmte Worte hingen mit bestimmten Wahrnehmungen oder Teilen von Wahrnehmungen zusammen. Aber das ist offenbar absurd. Die einen sehen rot und sagen rot, die anderen sehen rot und sagen ἐρυθός. Es gibt also keinen natürlichen Zusammenhang zwischen Wahrnehmungen und Worten. Wir könnten, so heißt es, durch eine Konvention einen Zusammenhang zwischen Wahrnehmungen und Worten herstellen. Aber auch das ist offensichtlich absurd, denn um eine solche Konvention zu etablieren, müßten wir uns ja wieder der Worte bedienen, von denen wir doch noch gar nicht wüßten, was sie bedeuten. Und es nützt auch nichts, wenn wir statt Worten Gesten oder anderes benutzen, denn auch Gesten haben an sich keine natürliche Bedeutung. So daß es unmöglich ist, bestimmte Worte mit bestimmten Bedeutungen zu assoziieren. So daß wir mit Worten nichts mitteilen können.
Es gibt also nichts. Und gäbe es etwas, wäre es nicht wahrnehmbar. Und wäre es wahrnehmbar, wäre die Wahrnehmung nicht mitteilbar.
Im Zug: eine Schwesternschülerin redet laut und schnell auf einen flüchtigen Bekannten ein. Sie erzählt ihre grauslichsten Horrorerlebnisse aus Psychiatrie, Onkologie und Pädiatrie. Ihr Freund, der an Krebs gestorben ist. Eine Frau mit einer Gebärmuttersenkung, so daß ihr die Gebärmuttr zwischen den Beinen baumelt. Ein verwirrter Greis, der sterben möchte. Verschiedene Sorten von Hautauschlag. Im selben Tonfall erzählt: die krankhafte Eifersucht ihres neues Freundes. Weil ich eigentlich in Ruhe lesen möchte, geht sie mir natürlich fürchterlich auf die Nerven. Andererseits ist ihr Talent zum pausenlosen Reden eine bewundernswerte Gnadengabe, und eines Tages wird sie tot sein und mit ihr ihre unermüdliche Zunge, und die Welt wird ein Stück ärmer geworden sein.
19.2.2001
Die beiden Trübungen des Problems sind wohl nur eine einzige. Etwas ist entweder determiniert oder zufällig. Aber was soll zufällig heißen? Ein Würfelwurf ist zufällig, weil wir ihn nicht vorhersagen können, ohne daß die Quantenmechanik ins Spiel zu kommen bräuchte. Einen quantenmechanisch indeterministischen Vorgang können wir zufällig nennen, weil er prinzipiell unvorhersagbar ist. Gleichzeitig hat das Wort „zufällig“ aber auch die Konnotation „unabsichtlich“. Es ist selbstverständlich nicht legitim, die Begriffe „unvorhersagbar“ und „unabsichtlich“ einfach gleichzusetzen (es würde dem Deterministen die Arbeit allzu leicht machen). Es ist David Wiggins Recht zu geben, daß zunächst logisch denkbar ist, daß etwas unvorhersehbar, aber nicht unabsichtlich ist. Nur, wie sollte so etwas realisiert werden? So etwas erscheint doch nur dann möglich (scheint mir), wenn wir der zweiten Trübung anheim fallen, wir würden etwas gewinnen, wenn wir vom Reich des Fleisches in das Reich des Geistes wechseln, so, als gölten dort die Regeln der Logik nicht mehr.
Im übrigen hätte ich wohl besser der Versuchung widerstanden, nun auch noch meinen Senf zu diesem recht abgestandenen und uninteressanten Problem abzugeben (der Lösungsvorschlag, freier Wille entstehe durch indeterministische Vorgänge auf atomarer Ebene stammt schon von Lucretius). Eigentlich ist das Reden über freien Willen nur eine Methode, pausenlos „IchIchIch“ zu schreien.
Im deterministischen Universum kann der Laplacesche Dämon, der Ort und Impuls jedes Teilchens kennt, die Zukunft vorhersagen. Aber der Laplacesche Dämon selbst kann kein Teil der Welt sein, er selbst ist nicht aus Teilchen gemacht. Wollten wir selbst der Laplacesche Dämon sein, würden wir also beginnen, auf einen großen Bogen Papier Ort und Impuls eines jeden Teilchens fein säuberlich aufzuschreiben, so bräuchten wir für jedes Teilchen mindestens ein Teilchen, das die entsprechende Information speichert. Es sei denn, durch einen wunderbaren Zufall sei daß Universum so symmetrisch, daß wir die entsprechenden Informationen geschickt komprimieren können und weniger als ein Teilchen brauchen, um Ort und Impuls eines Teilchens zu beschreiben. In jedem Fall aber müssen wir mit unserer Berechnung auch voraussagen können, welches Ergebnis unsere Berechnung liefern wird. Das aber kann nur funktionieren, wenn das Ergebnis der Berechnung die Berechnung und damit überhaupt den Gang der Dinge nicht beeinflußt. Solch eine Berechnung ist aber ziemlich nutzlos.
Selbst in einem deterministischen Universum, das nicht granulär ist (so daß wir das Problem vermeiden, mindestens ein Teilchen zu verbrauchen, um Informationen über ein Teilchen zu speichern), sondern fraktal nach Art des Anaxagoras, ergeben sich solche Probleme: angenommen, in diesem Anaxagorasschen fraktalen deterministischen Universum gibt es einen Bereich, den Laplaceschen Dämon, der zu einem bestimmten Zeitpunkt t0 ein exaktes Abbild des Universums enthält (wie das Land, das eine Karte enthält, die das ganze Land getreulich bis ins kleinste Detail abbildet, einschließlich der Karte selbst). Nun vergeht Zeit, und das Universum ändert sich. Das Abbild des Univserums innerhalb des Laplaceschen Dämons muß sich aber schneller ändern, sonst könnte der Dämon keine Voraussagen über die Zukunft machen. Zu einem späteren Zeitpunkt t1 befindet sich das Abbild des Universums innerhalb des Dämons also in einem Zustand, in dem sich das Universum als Ganzes erst zu einem noch späteren Zeitpunkt t2 befinden wird (und innerhalb des gespiegelten Universums innerhalb des Dämons gibt es einen Bereich, der dem Dämon entspricht, indem sich ein Bereich befindet, der dem Universum entspricht, und der sich in einem Zustand befindet, in dem sich das Universum erst in einem noch späteren Zustand t3 befinden wird, und so weiter, so daß in diesem Moment schon die ganze Zukunft dem Dämon bekannt ist, was in einem granulären Universum auch bei hervorragender Kompression kaum möglich wäre). Nun darf aber der Dämon nichts von seinem Wissen verkünden. Denn sonst besteht die Gefahr, daß seine Prophezeihung eine sich selbst verhindernde wird (wenn ein Laplacescher Dämon mir sagt, daß ich morgen mit einem Flugzeug abstürzen werde, werde ich brav zu Hause bleiben). Für das restliche Universum außerhalb des Dämons ist es also genauso, als ob der Dämon die Zukunft nicht voraussagen könnte oder gar nicht existiert. Oder wir können sagen, wir haben zweierlei: ein Universum, daß aus allem außer dem Dämon besteht, und den Dämon, der außerhalb des Universums steht (wenn das auch der ursprünglichen Bedeutung des Wortes „Universum“ Gewalt antut, sollte doch klar sein, was ich meine). Selbst in einem Universum, das dafür beste Voraussetzungen mitbringt, in einem nicht-granulären, fraktalen, deterministischen Anaxagoras-Universum kann es keinen Laplaceschen Dämon geben, ein Dämon kann sich immer nur außerhalb des jeweiligen Universums aufhalten. Wir werden also nie einen kennen lernen.
Es ist also für einen Menschen selbst im mechanistischen Universum unmöglich, das Verhalten eines anderen Menschen bis ins Letzte vorauszusagen, es sei denn, er verzichtet auf jede Interaktion mit jenem Menschen.
Ich weiß nicht, ob dadurch die Beunruhigung des Determinismus beschwichtigt werden kann. Denn eigentlich verstehe ich gar nicht, worin für so viele Menschen diese Beunruhigung besteht. Wäre es nicht würdiger und besser, keinen freien Willen zu haben, niemand zu sein, nicht zu sein?
Demokrit: Was behauptest du denn da, Gorgias, daß es nicht möglich sei, eine Erkenntnis mitzuteilen? Merkst du denn nicht, wie du dir selbst widersprichst, da du doch selbst Worte benutzt, um eine Einsicht mitzuteilen?
Gorgias: Nun, das behauptest du, daß ich etwas mitteile. Da ich aber bewiesen habe, daß das unmöglich ist, so mußt du dich in einem Irrtum befinden: ich teile nichts mit. Im übrigen wäre wenig damit gewonnen, wenn du nur zeigen würdest, daß ich mich inkonsequent verhielte und meine eigene Lehre nicht beherzigte. Denn daraus könntest du nicht schließen, daß meine Lehre falsch ist, deren Richtigkeit ich dargelegt habe.
Demokrit: Deren Richtigkeit ich bezweifle. Was die Sprache angeht, und das von dir aufgestellte Problem, wie bestimmte Worte bestimmten Bedeutungen zugeordnet werden, so gibt es hier wenigstens zwei Auswege. Zum einen können wir annehmen, daß die Menschen, die ja durch adaptive Selektion entstanden sind, schon von Geburt an ein gewisses Verständnis für Sprache aufbringen. Zwar kommen sie nicht mit einer angeborenen Zuordnung zwischen der Farbe Rot und dem Wort „Rot“ zur Welt, aber doch mit einem Geist, der bereits darauf eingerichtet ist, eine solche Zuordnung aufzunehmen, und legt die Mutter dem Kind einen roten Gegenstand vor und äußert dazu das Wort „rot“, dann greift dieser angeborene Mechanismus, und das Kind lernt, die Farbe Rot „Rot“ zu nennen.
Gorgias: Eine interessante Theorie. Und wie lautet deine zweite Theorie zum Spracherwerb?
Demokrit: Wir lernen Sprache nicht unmittelbar, sondern durch Versuch und Irrtum. Werden wir mit dem Wort „Rot“ konfrontiert, so überlegen wir uns eine mögliche Bedeutung dieses Wortes, und im weiteren Gespräch mit unseren Mitmenschen merken wir dann, ob wir richtig geraten haben oder nicht.
Gorgias: Das heißt, wir könnten niemals abschließend und sicher wissen, ob wir ein Wort richtig verstehen?
Demokrit: Wir wären beim Spracherwerb in keiner besseren Position, als wir es in jeder anderen Hinsicht auch sind, daß wir keine Theorie mit letzter Sicherheit beweisen können, wir aber doch zwischen besseren und schlechteren Theorien unterscheiden können. Im übrigen wäre das nicht weiter störend, da ja alle anderen Menschen in keiner besseren Lage sind, was die richtige Bedeutung von Worten anbelangt, so daß die anderen Menschen keine unendlich unbegreiflichen Begriffe verwenden können, von denen wir ausgeschlossen wären.
Gorgias: Deine zweite Theorie ist schon vor einiger Zeit von anderen Philosophen widerlegt worden. Diese haben sich einen Ethnologen ausgedacht, der einen fernen Stamm von Südseeinsulanern aufsucht. Dort deutet ein Eingeborener auf einen vorbeihoppelnden Hasen und sagt „Gavagai“. Wobei das, was du für einen Hasen hälst, vielleicht in Wahrheit ein Kaninchen ist. Was aber bedeutet nun „Gavagai“? Etwa „Hase“? Oder „Hasenkopf“? Oder „Hasenohren“? Oder „graugesprenkelter Hase“? Oder „vierbeiniges Tier“? Oder „hoppelnder Hase“? Oder „Hoppeln“? Oder „Bewegung“? Oder „Veränderung“? Oder „Rasen“? Oder „Welt“? Oder „Alles“? Oder „ausgestreckter Zeigefinger“? Oder „alles-außer-Hasen“? Oder „in der fünften Zeile der siebten Strophe des dreizehnten Gesanges unseres Nationalepos kommt das Wort „Gavagai“ vor, wobei es im rituellen Tanz, der mit diesem Epos verbunden ist, üblich ist, an dieser Stelle den Zeigefinder auszustrecken“? Es steht dir frei, eine dieser vielen möglichen Bedeutungen als vorläufige Arbeitshypothese anzunehmen. Nimm etwa an, das Wort bedeutet „Hase“. Das nächste Mal, wenn du vor einem Stall mit einem Hasen stehst, sagst du „Gavagai“. Daraufhin sagt der Eingeborene etwas, etwa „Evet“ oder „Quine“. Aber was heißt das nun wieder? Sagt er: „eine treffende Bemerkung“, oder sagt er „ich sehe, du hast unsere Sprache immer noch nicht begriffen“? Um durch Versuch und Irrtum zu lernen, müßtest du imstande sein, einen Irrtum als solchen zu erkennen. Das aber kannst du nicht dadurch erreichen, indem du dich auf Worte verläst, die dich über deinen Irrtum aufklären sollen. Was aber nun deine erste Theorie betrifft, daß Kinder schon mit einer Art Sprache im Kopf geboren werden, der bloß noch die Vokabeln fehlen, so wird sie wieder durch andere Südseeinsulaner wiederlegt, die nämlich in ihrer Sprache gar kein Wort für Rot haben, nur eine Wort für eine warme Farbe und eine weiteres für eine kalte Farbe. So, wie umgekehrt unsere Sprache nicht fünfzig verschiedene Worte für Schnee kennt. Schlimmer noch, es scheint, als ob gewisse recht grundlegende grammatikalische Strukturen nicht universell wären. Die Hopi-Indianer etwa scheinen es versäumt zu haben, ihre Sprache nach dem beliebten Subjekt-Prädikat-Paradigma auszurichten, in ihrer Sprache ist „Klodlewistros“ ein vollständiger Satz. Wenn aber selbst die Subjekt-Prädikat-Struktur nicht universal verbreitet ist, wie kann sie dann angeboren sein? Und wenn sie nicht angeboren ist, was ist dann überhaupt noch angeboren an der Sprache, wenn der kleinste gemeinsame Nenner aus der leeren Menge besteht?
Demokrit: Ich meine, daß beide Theorie zum Spracherwerb miteinander kombiniert werden müssen, dann ergibt sich eine Antwort auf deine Frage. Das minimale angeborene sprachliche Wissen eines jeden Menschen besteht darin, zu wissen, daß eine bestimmte Stimmlage der Mutter Zustimmung bedeutet, eine andere Stimmlage Ablehnung. Dieses Wissen teilen die griechischen Kinder mit den Kindern der Barbaren, und dieses Wissen erlaubt ihnen, ihre Theorien über die Bedeutung bestimmter Wörter zu falsifizieren oder zu bewähren.
Gorgias: Das ist arg, Demokrit, was du da von mir verlangst, und das hätte ich wahrhaft nicht von dir erwartet. Ich habe gezeigt, daß deine erste Theorie falsch ist und deine zweite Theorie falsch ist, und nun verlangst du von mir zu glauben, die Konjunktion zweier falscher Theorien könne und müsse wahr sein. Niemals wird die Konjunktion zweier falscher Theorien wahr sein, die Gesetze der Logik erlauben es nicht. Im übrigen stellst du den Gang der Argumentation ein wenig auf den Kopf, wenn du meine dritte These als erstes angreifst.
Demokrit: Deine erste und deine zweite These scheinen mir identisch zu sein. Beide Male geht es darum, daß das Seiende nicht erkannt werden kann. Das erste Mal verwendest du diese Behauptung dazu, zu beweisen, daß nichts existiert, das zweite Mal dazu, zu beweisen, daß eben nichts erkannt werden kann. Es ist aber nicht richtig, daß dann, wenn nichts erkannt werden könnte, notwendig auch nichts existieren würde. Denn es könnte noch immer sein, daß die Atome und das Leere existieren, ohne daß ein Mensch sich darum kümmert. Aus deiner zweiten These folgt also nicht deine erste These, eben diesen Eindruck aber versuchst du zu erwecken. Und deine zweite These ist im übrigen falsch. Es ist keineswegs so, daß Wahrnehmung und Stoff gänzlich voneinander geschieden wären. Die Wahrnehmung ist vielmehr eine besondere Art der Organisation des Stoffes. Und wenn auch eine irrtumsfreie Wahrnehmung und eine Gewißheit der Erkenntnis nicht möglich ist, so läßt sich doch zwischen besseren und schlechteren Theorien unterscheiden, und wenn wir auch nicht die Materie unmittelbar erkennen und nicht direkt die Atome und das Leere erblicken, so können wir doch begründete Vermutungen anstellen und etwa vermuten, daß die Erde um einiges älter ist als die Menschheit, und dergleichen mehr, was unmöglich wäre, wüßten wir gar nichts über das Ding an sich.
Gorgias: Ich habe mich immer gewundert, was deinen Epigonen Epikur dazu gebracht haben mag, so eine ungereimte Sache anzunehmen wie die Existenz von Göttern, die sich nicht um die Welt und ihre Menschen kümmern und ganz geschieden sind von uns. Du aber nun nimmst die Existenz einer Materie an, die sich ganz gleichgültig gegenüber den Menschen verhält und ganz von uns geschieden ist. Fehlt bloß noch, daß du behauptest, gemäß einer prästabilierten Harmonie verhielten sich die Atome genau so, wie es unserer Wahrnehmung ganz unabhängig davon scheint, daß sie sich verhalten. Was die Behauptung angeht, Wahrnehmung sei nur eine bsonders organisierte Art der Materie, so ist das zwar eine beliebte Theorie, aber eine, die den Philosophen viel Kopfzerbrechen bereitet hat, ohne daß sie zu einem vernünftigen Ende gekommen wären, wie das denn möglich sein sollte, daß Wahrnehmung nur eine besonders organisierte Art der Materie sein sollte. Das Beispiel der roten Farbe soll uns auch hier weiterhelfen: Nehmen wir an, Jack habe einen Sohn namens Frank, den er in einer ganz und gar grauen Umgebung großzieht, so daß Frank noch nie eine bunte Farbe gesehen hat, und nehmen wir weiter an, Jack bringt Frank alles bei, was es über die Materie zu wissen gibt. Wäre die Wahrnehmung von Rot nur eine besondere Art von Materie, organisiert zu sein, so wüßte Frank alles über das Wahrnehmen von Rot, was es zu wissen gibt, da Frank ja alles über Materie weiß, da er in der Materie bewandert ist. Nun aber stellen wir uns vor, an einem schönen Morgen verläßt Frank die väterliche Wohnhöhle und sieht die aufgehende Morgensonne, er sieht das Morgenrot, und er sieht zum ersten Mal die Farbe Rot. Ist es nicht so, daß er nun etwas weiß, nämlich wie es ist, etwas Rotes zu sehen, daß er zuvor trotz seiner ganzen Studien nicht wußte? Wie kann dann aber Wahrnehmung bloß eine besonders strukturierte Art von Materie sein? Was aber deine Meinung angeht, wir könnten unsere Theorien über die Welt immer weiter verbessern, indem wir durch Versuch und Irrtum voranschreiten, so habe ich bereits gesagt und es anläßlich des Sprachenlernens wiederholt, daß wir dazu in der Lage sein müßten, einen Irrtum als solchen zu erkennen, daß wir also schon etwas wissen müßten über die Welt. Nehmen wir aber abschließend noch einmal um des Arguments willen an, es gäbe in der Tat Atome und Leere, und sonst weiter nichts, also keine Wahrnehmungen und keine Menschen, die sich um die Atome kümmern oder unseren Gedankengang stören könnten. Zunächst einmal scheint es ganz ungereimt, daß solche Atome existieren sollten, und nicht eher nichts. Methodologische Grundsätze raten uns, auf die Annahme der Existenz einer solchen Materie zu verzichten. Die Physik ihrerseits, auf die du so sehr vertraust, sie lehrt uns, daß es in Wahrheit gar keine Atome gibt, daß die Atome ihrerseits aus einer Art gefalteten Leere bestehen, daß die Substanz in Wahrheit nichts weiter ist als gekräuseltes Nichts. Nehmen wir an, es gäb Atome, was sollte diese Atome daran hindern, sich im nächsten Moment ins nichts aufzulösen? Wir können sagen, die physikalischen Gesetze hindern sie daran. Aber das ist keine kluge Antwort, denn was hindert die physikalischen Gesetzen daran, im nächsten Moment ihre Wirkung zu verlieren? Wir können physikalische Meta-Gesetze einführen, um dies zu verhindern, geraten so aber in einen Regress und müssen uns fragen, was eigentlichen diesen ganzen unendlichen Regreß daran hindert, im nächsten Moment zu verschwinden. Angenommen, etwas würde existieren. Dann bräuchte es so viele physikalischen Gesetze wie es Ordinalzahlen gibt, um dieses Etwas am Verdunsten zu hindern. Aber selbst diese ganzen Gesetze würden nicht reichen, denn es gäbe ja immer noch keinen Grund, der die Gesamtheit dieser Gesetze daran hindern könnte, sofort wieder zu entschwinden. Gäbe es also etwas, so würde es sofort wieder aufhören zu existieren. Also gibt es nichts.
Demokrit: Ich sehe, es ist deine Absicht, einen möglichst absurden Standpunkt zu vertreten und widersinnige Thesen zu verteidigen. Unter dieser Voraussetzung ist es aber sinnlos, mit dir diskutieren zu wollen. Denn eine unsinnige These läßt sich beliebig lange verteidigen, wenn dem, der sie sie verteidigt, nicht ernsthaft an Wahrheit und Falschheit liegt. Denn so wenig sich etwas abschließend beweisen läßt, so wenig läßt es sich abschließend widerlegen, und immer lassen sich Gegengründe und Ausreden finden. Ein Streit hat darum nur Sinn, wenn er auf beiden Seiten geführt wird mit dem Vorsatz, die Wahrheit zu entdecken, so daß der, der mit Gründen überwunden wurde, seinen Standpunkt, wenn er selbst nicht länger von ihm überzeugt ist, aufgibt. Wer aber einen Standpunkt verteidigt, von dem er ohnehin nicht überzeugt ist, kann auch nicht mit Argumenten aus dieser Überzeugung vertrieben werden.
Gorgias: Nun, ist ein Philosoph oder sonst ein Redner mit Gründen überwunden, so bleibt ihm immer noch die Möglichkeit, sich in Grundsätzliches zu flüchten und die richtige Art des Diskutierens zum Thema zu machen, statt seine Niederlage einzugestehen. Du unterscheidest zwischen denen, die ihren Standpunkt ernsthaft vertreten, und solchen, die das nicht tun. Von dir selbst behauptest du, ein ernsthafter Philosoph zu sein, mich aber hältst du für nicht ernsthaft, für einen Wortverdreher, einen Sophisten, wie es heutzutage heißt. Wer ernst zu nehmen ist, und wessen Argumente ignoriert werden dürfen, das möchtest du entscheiden, und zwar wohl du allein. Damit aber untergräbst du die Grundlage jeder Diskussion, denn es steht dir ja von nun an frei, auf jedes mißliebige Argument zu antworten, der, der es vorträgt, habe jenes Argument ohnehin nicht ernst gemeint. Du selbst hast zwischen dem unterschieden, was tatsächlich der Fall ist, und dem, wie es erscheint. Nun aber, scheint mir, glaubst du, die Aufgabe der Philosophie bestünde nicht darin, herauszufinden, was tatsächlich der Fall ist, sondern sie bestünde darin, das, was ohnehin die Leute glauben und für wahr halten, in schöneren Worten zu wiederholen und jede Ansicht, die davon abweicht, lächerlich zu machen. Ich weiß schon selbst, daß die Ansicht, daß etwas existiert, beliebter ist, als die Ansicht, daß nichts existiert. Aufgabe der Philosphie soll es aber nicht sein, die beliebteste Ansicht mit Argumenten zu belegen, sondern herauszufinden, wie es sich in Wahrheit verhält. Und in Wahrheit verhält es sich nun einmal so, daß nichts existiert.
25.2.2001
„Ich bin stolz, ein Kosmopolit zu sein.“ Ein möglicher Satz, da ein Kosmopolit zu sein eine kognitive Leistung erfordert, während die Geburt kaum mit einer kognitiven Leistung verbunden ist.
27.2.2001
In einer Reihe ist es am besten, an der Stelle einer großen Primzahl oder zumindest des Produkts großer Primzahlen zu stehen. Wenn dann jeder fünfte oder jeder siebte oder jeder zehnte oder, wie bei Tieck, jeder fünfzehnte erschossen wird, wird der, der an der Stelle einer großen Primzahl steht, mit dem Leben davonkommen.
1.3.2001
Hunde, die bellen, hören auf zu bellen, wenn sie beißen.
2.3.2001
Jeden Tag, den die
Göttin sendet, verwandelt
die Mühle in Staub.
4.3.2001
Zwei Reden über die Götter
Erstens
Ihr wollt von mir wissen, wie es ist, an Götter zu glauben. In euren Museen habt ihr die Knochen von vorsintflutlichen Drachen und Giganten, und mir scheint, ihr betrachtet mich wie einen dieser alten Knochen, nicht wie einen der euren, und ihr wundert euch, wie es ist, ich zu sein, und meine Ansichten zu haben, die euch so sonderbar vorkommen, so, wie ihr euch vielleicht manchmal fragen mögt, wie es ist, eine Fledermaus zu sein, wie es überhaupt nur möglich ist, meine Ansichten zu besitzen. Ich aber kann nicht anders, als in gleichem Erstaunen zurückzustaunen: wie ist es möglich, daß ihr die seid, die ihr seid, und welchen verborgenen Sinn soll euer Reden haben, das so offensichtlich voller Unsinn und voller Ungereimtheiten ist. Anfangs glaubte ich, euer Glauben sei ein Geheimnis, das ihr nicht einem Fremden ohne weiteres mitteilen wollt, ein Mysterium, nur für die Ohren eurer Priester bestimmt. Es gibt auch tatsächlich unter euch viele, die behaupten Priester und der tiefsten Geheimnisse kundig zu sein, aber diese Geheimnisse sind gar keine Geheimnisse, weil sie nicht im Verborgenen, sondern mitten auf dem Markt gelehrt und verkündet werden. Ihr habt eine Wissenschaft namens Esoterik, ein Name, der von ἐσώτερος abgeleitet ist, ein Wort, das zu meinen Lebzeiten Inneres bezeichnete, Verborgenes, den Blicken verhülltes. Bei euch aber bedeutet Esoterik exoterisches, das, was jedem Narren offen und zugänglich ist. Eine Zeitlang hatte ich euch im Verdacht, ihr bedientet euch einer Tarnung, ihr hättet einen verborgenen Kult, von dem ihr durch einen offensichtlichen, oberflächlichen und trivialen Kult ablenkt, aber auch diese Deutung scheint mir nun fragwürdig. Der eine Priester läßt jeden dahergelaufenen Fremden zuschauen bei der Verwandlung eures Gottes von Brot und Wein in Fleisch und Blut, was ihr Mysterium nennt, was aber keines ist, da es ja alles andere als geheim ist und der Uneingeweihte zugelassen ist, der andere verkauft heilende Edelsteine wie Schüsseln oder Ochsen, und beide sind sich durchaus nicht einig, beschuldigen sich gegenseitig, Scharlatane zu sein, beide machen nicht den Eindruck, als hätten sie sich verabredet, durch einen öffentlichen Kult von einem geheimen Kult abzulenken. Vielleicht täusche ich mich, und ich durchschaue nicht eure Mysterien, in diesem Fall könnt ihr euch beglückwünschen, daß es euch gelungen ist, mich zu täuschen. Aber ihr habt mich gefragt, was ich über diese Sache denke, was ich über die Götter denke und über euch, und das ist nicht einfach, weil mir die Sache der Götter bislang selbstverständlich zu sein schien, ehe ich euch traf. Nun, das ist jedenfalls, wie ihr mir vorkommt und was ich an euch unbegreiflich finde: es gibt unter euch welche, die behaupten, an Götter zu glauben, die aber in Wahrheit an Gespenster glauben. Dann gibt es unter euch welche, die behaupten, an Gespenster zu glauben, di aber in Wahrheit an Materie glauben. Und dann gibt es unter euch welche, die behaupten, nur an Materie zu glauben, die aber in Wahrheit an Götter glauben. Für eine Lüge ist das allzu plump und ungereimt, für einen Betrug ist es nicht besonders raffiniert, andererseits ist es unbegreiflich, wie ihr euch so über euren eigenen Glauben täuschen könnt, falls ihr ehrlich das meint, was ihr sagt. Ich will, obwohl nicht begabt im Führen langer Reden, versuchen, zu erklären, was ich meine. Einige von euch sagen, sie glauben an Gott, glauben aber in Wahrheit an Gespenster. Diese Gruppe von Menschen unter euch nennt sich Christen, weil sie an Christos glauben, den sie für einen Heros oder einen Gott halten. Sie sagen, Christos sei ein Sohn von Jahwe, der am Anfang die Welt erschuf, entweder aus Lehm, wie die einen sagen, oder aus seinem Wort. Zugleich aber bestreiten sie, daß Christos oder Jahwe irgend etwas in der Welt bewirken. Die Sonne geht jeden morgen auf, aber nicht, weil Phöbos sein Gespann eingeschirrt hat, sondern weil die Erde eine in Rotation versetze Kugel ist, der Anteil Jahwes daran ist lediglich, daß er diese Rotation mit Wohlgefallen betrachtet, Christos steht den Armen und Schwachen bei, aber nicht indem er ihr Los irgendwie verändert, sondern dadurch, daß er Mitleid mit ihnen hat und ihr Los bedauert. An sich hat der Mensch irgendwie eine unsterbliche Seele, sein Atem aber wird durch Lungen erzeugt, sein Denken durch sein Gehirn, sein Reden durch seine Zunge, sein Fühlen durch seinen Magen, und die Seele selbst bleibt ganz untätig und wartet bis zum Ende des Lebens, wo sie sich dann vom Körper trennt und in einen Hades voller Foltern oder einen Himmel der Seligen eingeht. Vom Anfang bis zum Ende der Welt regiert die Physik, und Jahwe und Christos und die Seele stehen unsichtbar daneben und schauen der Physik zu. Darum meine ich, daß diese unter euch, die sich Christen nennen, an Gespenster glauben. Wenn ein Mensch etwas außerordentliches vollbringt, schreiben sie es seiner Gespensterseele zu, der selben Gespensterseele, die auch alltäglichste Taten vollbringt. Als Agamemnon vor Troja die Männer versuchte, ob sie zur Heimkehr geneigt sei, wie hätte da Odysseus sie umzustimmen vermocht, wenn nicht Athene, auf das Geheiß der Hera, ihn begeistert hätte? Thersites aber, der gegen ihn sprach, wie hätte dessen Rede mit der Rede des Odysseus irgend vergleichbar sein können? Ich war zwar nicht selbst zugegen, sondern weilte bei den Zelten, doch erzählten mir alle, wie Athene selbst den Odysseus begleitete. Der unsinnige Schwätzer, und der erfindungsreiche Held, von der jungfräulichen Göttin begleitet, aus beiden, so meint ihr, habe die selbe Art von Seelengespenst gesprochen. Und am Ende der Zeiten, so meint ihr, wird der Geisterkönig alle seine Geister um sich versammeln und über sein Geisterreich herrschen, hinter den sieben Bergen oder über fernen Wolken, nicht im Leben, nicht in der Welt. Wir Menschen leben eine kleine Weile und können die Sonne sehen, ihr aber meint, das sei ganz unwichtig, wichtig sei einzig das Gespensterreich, das Reich der Toten, und hier werde euer ohnmächtiger und hilfloser Gott sich als mächtig und hilfreich erweisen, hier werde er endlich zu herrschen beginnen, wenn der Atem ausgegangen sei, beginne das Leben, solange aber der Atem geht, schaut euer Gott tatenlos und gespensterhaft zu, wie seine Gläubigen erniedrigt werden, nicht etwa durch einen anderen, mächtigeren Gott besiegt, sondern als einziger Gott zu schwach, irgend etwas auszurichten.
Dann gibt es da bei euch diejenigen, die behaupten, an Gespenster zu glauben, an Geister und an Astralleiber, an magische Wirkungen, übersinnliches, spirituelles, geistiges. Diese unter euch glauben etwa, daß Steine heilsame Strahlungen ausstrahlen. Ihr glaubt, daß jeder Mensch eine Aura hat. Ihr glaubt an feinstoffliche Schwingungen. Das heißt, ihr glaubt an die Materie, ihr glaubt, daß nichts als die Materie existiert. Manche Materie nennt ihr grobstofflich, und andere Materie nennt ihr feinstofflich, und wieder andere Materie nennt ihr spirituell, aber alles wird euch zur Materie. Da gibt es die Materie, die der Chemiker untersucht, und dann gibt es die Materie, aus denen die Aura besteht, und dann gibt es die Materie, aus denen die Chakren bestehen, und Geister sind euch eine vierdimensionale Art der Materie. Wenn ihr eine eurer Geistermedizinen wie etwa Homöopathie verabreicht, dann glaubt ihr nicht daran, die Psyche eines Menschen könne den Körper eines Menschen beeinflußen, ihr glaubt nicht, ein Geist könne einen Körper beeinflussen, schon gar nicht glaubt ihr, die Götter könnten einen Menschen heilen, nein, die feinstoffliche Materie eurer Medizin und ihre feinstofflichen Schwingungen ist es, die den Körper heilt, sowohl den grobstofflichen als auch den feinstofflichen. Ganz und gar geistlos ist eure Welt, sie ist erfüllt mit Dingen, die ihre Namen der Physik verdanken oder denen ihr Namen gegeben habt, die physikalischen Namen ähneln sollen, deshalb sprecht ihr von feinstofflichen Schwingungen, weil das nach Physik, nach Wissenschaft und nach Materie klingt. Ihr könnt nicht glauben, daß es die Erynnien waren, die Ödipus oder Orest wahnsinnig machten, nein, etwas in der feinstofflichen Zusammensetzung von Ödipus oder Orest, so meint ihr, muß aus dem Gleichgewicht geraten sein, und durch entsprechende feinstoffliche Behandlung, durch das Auflegen von heilenden Steinen oder das Schlucken verdünnter Lösungen oder Strahlungen oder Schwingungen könnten Ödipus oder Orest geheilt werden, nicht dadurch, daß sie sich entsühnen. Denn Sühne, Götter, Schuld, Seele oder Geist kennt ihr nicht, denn das ist ja nicht Materie.
Und dann gibt es unter euch noch die, die sich Materialisten nennen. Diese unter euch behaupten, an nichts zu glauben, als an die Materie. Und ihr haltet euch viel darauf zugute, daß ihr auch den Geist, die Seele und das Ich eines Menschen materiell erklärt. Mit materiell erklären meint ihr, daß ihr behauptet, der Geist eines Menschen besitze eine materielle Ursache, auch wenn es euch schwer fällt, zu erklären, wie denn genau diese Ursache aussieht und beschaffen ist und den Geist bewirkt. Ganz genau wißt ihr aber, wie der Geist beschaffen ist. Es gibt da die Affekte, die Gefühle, das Gedächtnis, Hormone, das limbische System, animalische Triebe, Neuronen, Subliminationen, Sprachzentren, Hemisphären, Kommunikation, Rückkopplung, Materielles und Geistiges bunt gemischt, damit keiner euch auf die Schliche kommt, daß ihr an mehr als nur an das Materielle glaubt, und mitten in all diesem sitzt euer Ich. Das Ich, stelle ich mir vor, ist ein kleiner Homunculus, er sitzt in eurem Kopf und hat Arme und Beine, Hände und Füße, und einen eigenen Kopf, und wenn ihr etwas wünscht, so deshalb, weil der kleine Homunculus namens Ich etwas wünscht, und wenn ihr etwas fürchtet, dann deshalb, weil der Homunculus etwas fürchtet, und wenn ihr einen Einfall habt, dann deshalb, weil das Ich einen Einfall hatte. Anders gesagt, ihr glaubt, daß das Ich ein mächtiger Dämon oder ein Gott ist, und daß ihr alle von diesem Gott besessen seid. Ihr seid nicht ihr selbst, sondern jener Gott hat euch übermannt und in seinen Besitz genommen. Wie ein Betrunkener rast, weil Dionysos von ihm Besitz ergriffen hat, so rast ihr, weil das Ich von euch Besitz ergriffen hat. Dabei habt ihr euren Gott streng nach eurem Bilde geformt, oder er euch nach seinem, er ist euch zum Verwechseln ähnlich, und es drängt sich mir der Verdacht auf, auch euer Gott, weil er euch so ähnlich ist, muß von einem Homunculus beseelt sein, im Kopf des Ichs muß ein noch kleineres Ich stecken, die Seele der Seele, die bewirkt, daß das Ich tut, was es tut, und so fortan in alle Ewigkeit. Frage ich euch, wer hat das getan, antwortet ihr, Ich habe das getan, frage ich euch, wer hat das gesagt, antwortet ihr, Ich habe das gesagt, alles, was ihr gesagt oder getan habt, habt ihr auf Veranlassung des Gottes gesagt oder getan. Eurer Gott hat zwar nicht die materielle Welt erschaffen, in dieser Beziehung seid ihr stolz, Materialisten zu sein, aber dafür hat er eure ganze geistige Welt geschaffen. Und alles, was ihr tut, tut er. Ihr denkt einen Gedanken. Euer Ich beschließt, diesen Gedanken zu denken. Ihr faßt den Entschluß, diesen Gedanken zu denken. Euer Ich beschließt, sich zu entschließen, diesen Gedanken zu denken. Ihr faßt den Entschluß, den Entschluß zu fassen, diesen Gedanken zu denken. Euer Ich beschließt, den Entschluß zu fassen, den Entschluß zu fassen, diesen Gedanken zu denken. Euer Ich entscheidet sich, und es entscheidet sich, sich zu entscheiden, und es entscheidet sich, sich zu entscheiden, sich zu entscheiden. Ein schwindelerregender Kosmos der Eigenmächtigkeit und des freien Willens tut sich in eurem Inneren auf, von dem ich in meinem Inneren nichts entdecken kann. Denn ich denke einfach nur, was mir eben in den Sinn kommt. Jetzt sage ich, der Zorn beherrscht mich, und jetzt sage ich, der Zorn ist von mir gewichen. Ihr aber sagt, ich bin zornig, mein Ich muß besänftigt werden, mein Ich muß kuriert werden, mein Ich muß umgestimmt werden, mein Ich muß behandelt werden, mein Ich muß analysiert werden, mein Ich muß therapiert werden, mein Ich muß transformiert werden, mein Ich muß umgewandelt werden. Ihr baut eurem Ich keine Tempel, aber ihr habt es zum höchsten eurer Götter erhoben, denn ihr habt es noch über die höchsten aller übrigen Götter erhoben. Vor allen Göttern ist Kronos, die Zeit. Ihr aber sagt, daß das Ich noch höher steht als Kronos. Denn das Ich vermag zu bewirken, daß ein bestimmter Moment ausgezeichnet ist vor allen anderen Momenten. Jetzt lebe ich, jetzt ist die Gegenwart, und wäre ich nicht, so wäre die Gegenwart nicht zu unterscheiden von Vergangenheit und Zukunft. Die unter euch, die sich Materialisten nennen, behaupten, die Zeit sei eine der Dimensionen der Welt, nicht anders als die drei oder elf Dimensionen des Raumes, oder wie viele Dimensionen die Materialisten eben postulieren, und das ganze Universum von Anfang bis Ende nur ein einziger unbeweglicher unwandelbarer Block aus Raumzeit. Und doch meint ihr, das Ich sei imstande, eine Scheibe dieses Blocks, die Gegenwart, herauszugreifen und zur Gegenwart zu machen.
So verwirrt ihr mich: ihr glaubt nicht an Götter, glaubt aber doch an sie, was ihr sagt ist das Gegenteil von dem, was ihr denkt, euer Handeln und eure Worte fallen auseinander, die an Gott glauben, halten ihn für ohnmächtig, die ihn leugnen, für allmächtig. Noch gar nicht gesprochen habe ich von der Widersinnigkeit, die Welt durch einen einzigen Gott erklären zu wollen, der unendlich gut und gerecht ist und nur die gerechte Sache vertritt, obwohl doch die Welt von vielen Parteien voll ist und niemand etwa sagen kann, ob die Sache der Achaier gerecht ist oder der Trojaner, die beide Argumente und Götter auf ihrer Seite haben. Daß es aber nur eine Wahrheit gibt, nur eine Gerechtigkeit, nur einen Gott, keinen Stern außer der Sonne am Himmel, davon seit ihr alle, Christen, Geisterbeschwörer und Materialisten, so selbstverständlich überzeugt, als sei es gar nicht möglich, anders zu denken. Ihr scheut euch zu sagen, entweder der Löwe oder die Gazelle müsse im Unrecht sein, das aber ist es, was ihr heimlich denkt. Euer Glaube an die eine Wahrheit aber ist, scheint mir, nichts als eine weitere Manifestation eures Glaubens an eueren eigentlichsten und wahrsten Gott, an euer Ich. Denn diese eine Wahrheit, das seid ihr ja selber: Ich bin gerecht, ich habe recht, ich bin die Wahrheit, ich bin das Gute, ich verdiene den Sieg, das sagt ihr beständig. Für meine Seele wurde Gott gekreuzigt, die Sterne tanzen um mein Schicksal herum, die Geister der Verstorbenen warten auf meinen Befehl, über die Engel werde ich herrschen, so sprecht ihr. Und darum ist eure Welt voll von Bösem und voll Haß. Alle Götter, die nicht Ich sind, habt ihr zu Teufeln gemacht, allen Menschen, die nicht Ich sind, habt ihr den totalen Krieg bis zur totalen Vernichtung erklärt. Fremde Götzenbilder zerstört ihr, fremden Völkern gesteht ihr keine eigenen Götter zu, sondern nennt sie Untermenschen oder Unmenschen. Und so sehe ich mit staunendem Schrecken, wie ihr euch mit einem unversöhnlichen Haß bekriegt, und eure Welt ist mir fremd und unheimlich.
Zweitens
Als der zweite Redner nach einem so außerordentlichen und tüchtigen Mann aufzutreten versetzt mich in keine geringe Verlegenheit. Das Befremden, das Erstaunen, das mein Vorredner so drastisch geschildert hat, es ist auch das meine, so daß mir wenig zu sagen übrig bliebe. Allein, ich will doch versuchen, noch einige Anmerkungen hinzu zu fügen, wie sie mir eben einfallen. Denn es könnte sonst vielleicht der Eindruck entstehen, wir wären der Meinung, ihr solltet eure Ansichten über die Götter aufgeben, um zu unseren Ansichten zurückzukehren. Das aber scheint mir nicht möglich, von eurer Sicht der Welt führt kein Weg zurück zu der Sicht der Welt, die einst die unsere war. Es ist euch gesagt worden, ihr hättet bezüglich eures Ichs eine irrtümliche Meinung gebildet, es handele sich bei diesem Ich um eine Art Homunculi, um ein imaginiertes kleines Männlein, das das Funktionieren des Geistes nicht wirklich erklärt, sondern lediglich verschleiert, was hier zu erklären ist. Ein ähnlicher Vorwurf läßt sich aber ebenso gut gegenüber den Göttern erheben. Es glückt mir, eine geistreiche Rede zu halten, weil die Musen mir eingeben, was ich zu sagen habe. Woher aber kommt nun eigentlich diese Rede? Zunächst von den Musen. Woher aber haben die Musen diese Rede? Haben die Musen diese Rede erschaffen, und waren sie dabei ihrerseits von Musen der Musen begeistert, sind die Musen bei der Erzeugung der Rede von Musenmusen unterstützt worden? Die Götter erklären abstrakte oder geistige oder andere unsichtbare Dinge wie die Zeugung, indem das Unverstandene und Unerklärte in menschliche Begriffe gefaßt wird. Umgekehrt ist alles Menschliche in Begriffe des Göttlichen gefaßt. Eine solche Auffassung der Welt hat durchaus ihren Sinn: das Menschliche und das Unsichtbare können durch eine einheitliche Sprache beschrieben werden. Aber eine solche Auffassung hat auch ihre Beschränkungen, und sobald diese Beschränkungen sich spürbar machen, ist diese Auffassung für immer verloren. Der Blitz, so glaubten wir einst, sei vom Gott bewirkt. Warum aber sollte der Gott etwas so Furchteinflößendes bewirken? Nun, um Furcht einzuflößen, natürlich. Es gibt aber noch eine andere Erklärung, der zufolge der Blitz entsteht durch die Entladung von Wolken. Und diese Erklärung hat einiges für sich: mit dieser Erklärung ist es verständlich, warum Blitze über dem Meer niedergehen, das als Ziel des göttlichen Zorns sinnlos ist, warum Gewitter mit bestimmten Wetterlagen und Jahreszeiten verbunden sind. Wir können den Schlaf als einen Gott auffassen, und ebenso den Zorn. Aber solche Erklärungen verlieren ihre Überzeugungskraft, wenn wir statt dessen in der Lage sind, von biochemischen, physiologischen, von neurologischen und psychologischen Vorgängen zu reden. Und diese neue Art, die Welt zu betrachten, setzt uns instande, die Welt zu verändern, und eben das ist es, was ihr auf bewundernswerte Art und Weise mit so großem Erfolg getan habt. Als wir an jenem Strand lagen, hat die Pest mehr Männer getötet als Speer, Pfeil und Schwert. Ihr aber habt euch daran gemacht, die Pest zu besiegen und auszurotten, indem ihr die Pest nicht mehr Apollon, sondern gedankenlosen kleinen Tierchen zugeschrieben habt, und keiner von euch, die hier versammelt sind, muß fürchten, an der Pest zu sterben. Ja, für euch, wenn auch noch nicht für die ganze Welt, ist es euch gelungen, auch den Krieg abzuschaffen. Indem ihr die Götter abgeschafft und überwunden habt, ist es euch gelungen, euch Wohlstand, Frieden und Gesundheit zu verschaffen, die Insel der Seligen, von der wir dachten, die Götter gewährten sie nur wenigen Auserwählten, habt ihr aus eigener Kraft erschaffen. Keiner von euch muß ohne Nahrung oder ohne Arzt bleiben, ja, keiner von euch braucht ohne Bildung zu bleiben, selbst eure Narren versucht ihr, so gut es eben geht, zu bilden, und wo möglich, richtet ihr es so ein, daß sie sich ihr Brot wenigstens zum Teil selbst verdienen dürfen und nicht ausschließlich auf Almosen angewiesen sind, um ihren Stolz nicht zu kränken, so feinfühlig seid ihr. Selbst den Armen unter euch steht nach freiem Belieben die höchste Bildung offen, und der niedrigst Geborene darf sich um höchste Ämter bewerben. Wir glaubten an die Götter, und wir glaubten nicht an uns und an unsere Macht, und darum haben wir so vieles versäumt, das uns möglich gewesen wäre, hätten wir es nur für möglich gehalten. Unsere Welt war uns von den Göttern eingerichtet und nicht zu ändern. Gab es Kriege, so waren es Götter, die da Krieg führten, niemand freute sich darüber, denn was sollte es da schon zu freuen geben, wenn Menschen erschlagen werden, aber zu ändern war da nichts, was die Götter über uns verhängt hatten, das mußten wir tragen, so wie wir Pest und Hunger und Not tragen mußten. Und ebenso schien es von den Göttern bestimmt, daß die einen Fürsten und die anderen Schweinehirten sind, daß es Freie gibt und Sklaven. Ihr aber kennt weder Fürsten noch Sklaven, ihr habt beides abgeschafft, unter euch gibt es nur noch Freie. Und weil ihr euer Schicksal selbst in die Hand genommen habt und euch befreit habt von den Göttern, deshalb seid ihr für euer Glück und euer Unglück selbst verantwortlich. Und wenn euer Land angegriffen würde, würdet ihr nicht von einem Schicksal sprechen, das die Götter über euch verhängt hätten, sondern ihr würdet beraten, wie sich Leid möglichst verhindern läßt, und wer sich hierin als ungeschickt erwiese, den würdet ihr für untauglich halten, euer Führer zu sein, und ihn abwählen, und selbst würdet ihr es vermeiden, als Angreifer in den Krieg zu ziehen, weil ihr euch ja für die Folgen verantworten müßtet. Und was noch unbegreiflicher erscheint: ihr kennt keine männlichen und weiblichen Götter, ihr verehrt keine Hera, die züchtig ihr Haus verwaltet, und darum seid ihr frei, darüber nachzudenken, worin der Unterschied in den Tugenden von Männern und Frauen bestünde, und ihr habt gefunden, es solle vor den Gesetzen kein Unterschied zwischen Männern und Frauen sein. Überhaupt erst bei euch habe ich begriffen, daß bei uns die Frauen unfrei waren, als ich sah, daß sie bei euch frei sind. Es wäre da schon verständlich, daß euch der Ruhm ein wenig zu Kopf gestiegen und ihr euch nun selbst ein wenig für Götter halten würdet. Doch trifft es keineswegs zu, daß alle unter euch gleichermaßen sich selbst für Götter halten würden. Einige unter euch sind vielmehr der Meinung, auch die Erforschung eures eigenen Geistes werde, ebenso wie die Erforschung des Gewitters und der Pest und der Kriege, schließlich alle Götter zum Verschwinden bringen, auch den Gott Atman. Ihr mögt euch nicht alle einig sein, wie es sich damit verhält, und diejenigen unter euch, die Atman abschaffen wollen, sind vielleicht in der Minderheit, doch schadet das nichts, habt ihr euch doch geeinigt, eure Streitigkeiten durch Worte und Argumente zu entscheiden, und bei Worten und Argumenten kommt es nicht auf die Zahl der Anhänger an, und überhaupt erlaubt ihr ja eine Vielzahl von Ansichten. Es ist ja eben nicht wahr, daß ihr der Meinung wärt, jeder, der anderer Meinung sei als ihr, müsse vernichtet werden, sondern ihr meint, verschiedene Menschen mit verschiedenen Meinungen und verschiedenen Arten, zu leben und sich zu kleiden und sich zu ernähren könnten nebeneinander und in Frieden leben und von einander lernen. Das aber könnt ihr gerade eben deshalb, weil ihr glaubt, daß es nur eine einzige Welt, nur eine einzige Wirklichkeit und nur eine einzige Wahrheit gibt, und daß diese Wahrheit sich ermitteln läßt, durch Worte oder durch Ausprobieren. Denn gäbe es verschiedene Wahrheiten und verschiedene Welten und verschiedene Götter, dann bliebe den Anhängern der einen Wahrheit und des einen Gottes im Falle eines Konflikts nur übrig, die Anhänger der anderen Wahrheit und des anderen Gottes umzubringen, da es ja unmöglich wäre, durch Argumente oder durch ein gelebtes Beispiel zu überzeugen, die eine einzige Wahrheit sei nicht dort, wo der Andere sie suche. Ihr glaubt auch gar nicht, im alleinigen Besitz der Wahrheit zu sein, vielmehr meint ihr, daß die Wahrheit niemandem gehört und nur in einer gemeinsamen Anstrengung vieler stückweise enthüllt werden kann. Ihr sagt also nicht: Ich bin die Wahrheit, und ihr sagt auch nicht, die Wahrheit gehöre Gott, sondern ihr sagt: die Wahrheit gehört Niemand. Und ihr sagt auch nicht, jedenfalls nicht alle von euch, in eurem Inneren befände sich ein Atman, eine Seele, ein Ich, ein Homunculus. Statt dessen sagt ihr, alles, was existiere, seien in Wahrheit Atome und Leere. Was erscheine, sei eben Erscheinung und nicht das Eigentliche, Anblick der nichtoffenkundigen sind die erscheinenden Dinge. Und vom Ich sagt ihr, was auch ich oder ein Anderer oder niemand einmal gesagt hat: Ich bin Niemand.
6.3.2001
Gute Neuigkeiten für die Parfümhersteller:
Da behauptet, Sandako, ein Meister diese Meinung, diese Ansicht: „Almosengeben, Verzichtleisten, Spenden - es ist alles eitel; es giebt keine Saat und keine Ernte guter und böser Werke; Diesseits und Jenseits sind leere Worte; Vater und Mutter und auch geistige Geburt sind hohle Namen; die Welt hat keine Asketen und Priester, die vollkommen und vollendet sind, die sich den Sinn dieser und jener Welt begreiflich machen, anschaulich vorstellen und erklären können. Aus den vier Hauptstoffen hier ist der Mensch entstanden; wann er stirbt geht das Erdige in die Erde ein, in die Erde über, geht das Flüssige in das Wasser ein, in das Wasser über, geht das Feurige in das Feuer ein, in das Feuer über, geht das Luftige in die Luft ein, in die Luft über, in den Raum hinaus wandern die Sinne. Mit der Bahre zufünft schreiten die Leute mit dem Todten hinweg. Bis zur Verbrennung werden Sprüche gesungen. Dann bleichen die Knochen. Opfer werden entflammt, Geschenke ausgetheilt als Almosen. Unsinn, Lüge, Gefasel bringen sie vor, die da behaupten, es gebe etwas. Seien es Thoren, seien es Weise: bei der Auflösung des Körpers zerfallen sie, gehen zugrunde, sind nicht mehr nach dem Tode.“
Da überlegt nun, Sandako, ein verständiger Mann: „Dieser liebe Meister behauptet eine solche Meinung, eine solche Ansicht. Wenn es wahr ist, was er sagt, so hab’ ich hier ohne zu wirken gewirkt, habe hier ohne zu vollbringen vollbracht. Beide sind wir also hier ohne Unterschied einsgeworden; obzwar ich nicht behaupte, dass wir, bei der Auflösung des Körpers, zerfallen, zugrunde gehen, nicht mehr sein werden nach dem Tode. Ein Übermaaß ist es daher von diesem lieben Meister, nackt zu gehen, den Scheitel zu scheeren, auf den Fersen zu sitzen, Haar und Bart auszuraufen, wenn ich, der in einem Haus voller Kinder lebt, der Seide und Sandel gebraucht, Schmuck und duftende Salben verwendet, der an Gold und Silber Gefallen hat, künftighin ganz das selbe Loos wie dieser liebe Meister erfahren werde. Was lehrt er mir, was zeigt er mir, dass ich bei diesem Meister ein Asketenleben führen sollte?“ Und er merkt: „Es ist unächte Asketenschaft“, und wendet sich unbefriedigt von solchem Asketenthum ab.
Gotamo Buddha, Mittlere Sammlung Majjhimanikāyo des Pāli-Kanons, 76. Rede
Die Lebenden erkennen, daß sie sterben werden; die Toten aber erkennen überhaupt nichts mehr. Sie erhalten auch keine Belohnung mehr; ihre Erinnerung ist geschwunden, ihre Liebe, ihr Haß und ihre Eifersucht sind längst erloschen. Auf ewig haben sie keinen Anteil mehr an allem, was unter der Sonne getan wurde.
Also: Iß freudig dein Brot, und trink vergnügt deinen Wein: denn das, was du tust, hat Gott längst so festgelegt, wie es ihm gefiel. Trag jederzeit frische Kleider, und nie fehle duftendes Öl auf deinem Haupt. Mit einer Frau, die du liebst, genieß das Leben alle Tage deines Lebens voll Windhauch, die er dir unter der Sonne geschenkt hat, alle deine Tage voll Windhauch. Denn das ist dein Anteil am Leben und an dem Besitz, für den du dich unter der Sonne anstrengst. Alles, was deine Hand, solange du Kraft hast, zu tun vorfindet, das tu! Denn es gibt weder Tun noch Rechnen noch Können noch Wissen in der Unterwelt, zu der du unterwegs bist.
Kohelet 9, 5 - 10
Es mag der König von nun an, wenn ihm solches gefällt, selbst ausziehen und die Länder verheeren, ich aber habe mit allem diesem nichts mehr zu schaffen. Es ist ja eins, ob ein Mensch tapfer ist oder feige, wo das Los der Menschen eins ist. Denn viele Männer habe ich sterben sehen, aber nicht einen habe ich, einmal gestorben, wieder lebendig werden sehen. Und es mag der König, solange er lebt, an seinem Haus, seinem Vieh, seinen Weibern und seinen Kindern sich erfreuen: auch ich hab’ ein Haus, zu dem ich die Schritte nun lenken werde, das unbestellte Feld werd’ ich ordnen, die verwüsteten Pflanzungen erneuern, an dem duftenden Busen eines Weibes soll mein geschundenes Haupt ruhen, und wenn es den Göttern gefällt, sollen Kinder mein Haus erfüllen, eh’ ich die Welt verlasse, um nimmer zurückzukehren.
Ronjhat-Upanishad V, 23
16.3.2001
Kurz nachdem ich geschrieben habe, die Behauptung, stolz zu sein, ein Kosmopolit zu sein, sei wenigstens möglich (weil ein Kosmopolit zu sein auf einer eigenen intellektuellen Leistung beruht), erklärt Rau, er könne nicht stolz sein, Deutscher zu sein, dafür habe er selbst schließlich nichts getan. Statt aber nun den Tag, an dem Rau zum ersten Mal etwas vernünftiges gesagt hat, zum nationalen Feier- und Gedenktag zu erheben, fallen sie nun alle über Rau her: wer sich weigert, den Satz zu sagen, daß er oder sie stolz sei, deutsch zu sein, liebe ihr Land nicht. Nun, einen Menschen kann ich lieben, aber die Zumutung, ein Land, eine Idee, eine Religion, einen Gott, einen Staat oder einen mir persönlich nicht weiter bekannten Führer oder gar die Menschheit lieben zu sollen oder sonst einen Popanz, muß ich von mir weisen. Im übrigen scheint diesen Leuten nicht klar zu sein, daß Liebe sich selten erzwingen läßt und daß es deshalb problematisch ist, Liebe zum Gegenstand einer moralischen Forderung zu machen.
Nun behaupte ich also das selbe, wie Rau. Höchste Zeit, darüber nachzudenken, ob das, was wir da behaupten, überhaupt stimmt. Die Behauptung ist, stolz könne jemand nur sein auf etwas, was sie selbst verschuldet habe. Und diese Behauptung ist offenbar falsch. Nehmen wir an, ich sage, ich sei stolz, einen so gescheiten Text geschrieben zu haben. Aber einen so gescheiten Text konnte ich ja nur schreiben, weil ich so klug bin. Und so klug bin ich ja auch nur, weil sich meine Gene so glücklich gefügt haben, ich als Kind ausreichend Vitamine zu essen bekam und Umgang mit gebildeten Menschen hatte. Ich kann also in Wahrheit gar nichts dafür, daß der Text, den ich geschrieben habe, so gescheit ist, und habe also auch keinen Grund, stolz darauf zu sein.
Die meisten Menschen aber gebrauchen das Wort „stolz“ ganz anders, als Rau oder ich vorgeschlagen haben. Nehmen wir etwa den folgenden authentischen Satz: „Auf meine schönen Beine bin ich richtig stolz“. Nun, hier gelten wieder die selben Überlegungen: die besagten Beine sind das Ergebnis von einer bestimmten Genkombination und ausreichender Ernährung. Diese Überlegung ist aber irrelevant, denn Stolz bezieht sich auf ein Gefühl, das eben vorhanden sein kann oder nicht, und Gefühle sind bekanntlich nicht immer vernünftig und verbinden Sätze nicht immer nach logisch gültigen Regeln. Was der Satz sagt, ist etwas in der Art: „Ich bin etwas Besonderes, Überdurchschnittliches (wenigstens in dieser einen Hinsicht), ob ich nun etwas dafür kann oder nicht“.
Es ist nun auch in Deutschland geboren worden zu sein in gewisser Hinsicht etwas besonders, ein überdurchschnittlich glückliches Los, in gewisser Hinsicht besser, als in Angola oder Äthiopien oder Nordkorea oder Afghanistan zu leben. Aber dies würden wir doch eher so ausdrücken wollen, daß wir sagen: „Ich bin froh, ich bin glücklich, in Deutschland (einem Industrieland mit brauchbarer medizinischer Versorgung und einem funktionsfähigen demokratischen Staat) zu leben und hier dauerhaft leben zu dürfen, weil ich Bürger dieses Staates bin“ (wobei andere Länder eventuell noch besser wären, etwa, weil sie eine bessere medizinische Versorgung und eine höhere Lebenserwartung aufweisen). Wenn wir sagen, daß wir stolz auf etwas sind, so wollen wir gewöhnlich nicht sagen, daß wir glücklicher sind als der Durchschnitt, sondern besser in irgend einer Hinsicht. Wenn etwa eine Frau sagt, sie sei stolz auf ihre schönen Beine, so meint sie damit, daß diese Beine in ästhetischer Hinsicht besser sind als gewöhnliche Beine.
Das recht eigentlich widerwärtige des Satzes, stolz zu sein, deutsch zu sein, besteht nun eben darin, daß jemand, der solches sagt, sagt, es sei besser, deutsch zu sein, als etwas anderes zu sein. Besser nun in welcher Hinsicht? Besser in Hinsicht auf eine Kategorie, die aus dem Kontext erschlossen werden muß. Schöne Beine sind besser in Hinsicht auf eine ästhetische Kategorie, und wir müssen nicht lange darüber nachdenken, um jenen Satz so zu begreifen. Und welche Hinsicht legt der Kontext in Bezug auf das Deutschsein nahe? Stolz darauf, daß deutsch die Sprache ist, in der Kafka seine Texte geschrieben hat? Ich denke, jeder wird den Satz „ich bin stolz, ein Deutscher zu sein“, ausgesprochen von einem Nationalsozialisten, so auffassen, daß der Betreffende glaubt, einer Menschenrasse anzugehören, die anderen Rassen überlegen ist, einer Rasse, deren Angehörige schöner, klüger, edler, selbstloser, tapferer und stärker als die Angehörigen anderer Rassen sind. Dieser Satz nun beruht auf einem recht simplen Irrtum (es gibt keine deutsche Rasse) und ist deshalb nicht besonders interessant. Was aber bedeutet dieser Satz, wenn ihn, sagen wir, ein CDU-Politiker ausspricht? Wir wollen zugeben, daß der Kontext ein subtil anderer ist. Mag dieser Satz meinetwegen bedeuten: „ich bin stolz, daß wir drei, Goethe, Daimler, und ich, Meyer, so tolle Bücher geschrieben und so tolle Autos gebaut haben“. Aber was für ein Schwachsinn ist das denn? Ist denn genauso möglich, zu sagen „Ich bin stolz, daß wir beiden Europäer, Shakespeare und ich, so tolle Dramen geschrieben haben“, „Ich bin stolz, daß wir Menschen so tolle Opern wie das balinesische Kejac geschrieben haben“ oder „Ich bin stolz, daß Homer und Ich Illias und Odyssee geschrieben haben“?
Ich meine, daß es sich in Wahrheit gerade umgekehrt verhält. Statt stolz auf Dinge zu sein, die gar nicht wir vollbracht haben, sollten wir uns klar machen, daß wir auch die Dinge, die wir selbst gemacht haben, gar nicht selbst gemacht haben. Wenn ich ein Buch schreibe oder ein Auto baue, dann stammt nur ein winziger, verschwindender Teil von mir, der bei weitem größte Teil stammt von anderen Menschen. Ohne das Integral der europäischen Kultur vor ihm hätte Goethe nicht Goethe, ohne den vorgefundenen technologischen Fortschritt hätte Daimler nicht Daimler sein können. Es ist deshalb auch müßig, zu spekulieren, inwieweit die Illias von einem oder von vielen geschrieben wurde: wurde sie von einem geschrieben, dann doch nicht von diesem einen allein, sondern dieser eine konnte aus einer reichen Tradition schöpfen, aus den Märchen, Mythen, Geschichten, Formen, Phrasen und Tricks der Vorgänger. Wenn ich einen gescheiten Text schreibe, so schreibe ich ihn zum allergeringsten Teil selbst, der allergrößte Teil stammt aus einer Tradition gescheiter Texte. Der Satz, Bürger der ganzen Welt zu sein, stammt ja schließlich nicht von mir, und es ist sehr zu bezweifeln, ob ich klug genug wäre, ihn mir selbst auszudenken, da er nun aber schon einmal da ist, reicht meine Klugheit hin, ihn zu verwenden.
Ich weiß nicht, inwieweit meine eigene Erfahrung sich verallgemeinern läßt, mir jedenfalls geht es so: wenn ich einen Text schreibe oder ein Bild zeichne, dann vergesse ich mein Werk mit dem letzten Strich, danach ist es fertig, erledigt, gehört nicht mehr mir. Solange das Werk noch nicht in Fleisch und Blut, auf Papier oder Festplatt existiert, sondern nur in meinem Kopf, so lange quält und foltert es mich, bis ich es aus meinem Kopf in die Welt entlasse. Ist es endlich draußen (was gewöhnlich harte Arbeit bedeutet, einschließlich völliger Fehlschläge, die es erforderlich machen, daß ich mit der ganzen Arbeit von vorne anfange), dann ist die Qual vorbei (aber meist bedrängen mich schon die nächsten fünf Ideen), das aber ist auch alles, was ich an Erleichterung verspüre. Allenfalls ein paar Tage lasse ich ein neues Bild herumstehen, um mich daran zu erfreuen, danach aber ist es für mich höchstens noch der Ausgangspunkt für ein neues Bild, Material, nicht Ergebnis. So gesehen, bin ich auf nichts stolz, das von mir stammt und älter als eine Woche ist. Herr Meyer dagegen ist in der glücklichen Lage, auf Bücher stolz sein zu können, die vor hunderten von Jahren geschrieben wurden, und zwar nicht einmal von ihm, sondern von Leuten, die er fälschlich für seine Sippengenossen hält.
24.3.2001
Andere Nationen haben angeblich weniger Probleme mit dem Stolz. Der Engländer, der Franzos’, so heißt es, bekennt neurosenfrei, stolz auf sein Land zu sein. Eine Theorie besagt, das gespaltene Verhältnis des Deutschen zum Nationalstolz läge an der desaströsen deutschen Geschichte zwischen 1933 und 1945. Diese Theorie kann aber kaum richtig sein. Denn schon lange vor 1933 hat etwa Hitler in „Mein Kampf“ beklagt, der Deutsche habe, im Gegensatz etwa zum Engländer oder zum Franzos’, ein gespaltenes Verhältnis zu Nationalstolz, er, der Deutsche, sei zu gutmütig, habe ein zu ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden, wolle sich nicht über andere stellen, sei zu bescheiden, also wörtlich all den Blödsinn, den Konservative über die Deutschen seit 1945 sagen.
Wir sollen also stolz sein, bloß weil andere das angeblich auch sind. Die grundlegendste Tat unseres Nationalstolzes bestünde also darin, andere Völker in ihrer Dummheit sklavisch nachzuahmen und auf eine eigene Haltung in dieser Frage zu verzichten. Warum sollte ich auf einen Haufen Nachahmer und Nachäffer stolz sein, die sich etwas darauf einbilden, fast so patriotisch zu sein wie die Engländer oder die Franzosen es angeblich sind?
Im übrigen ist mir eingefallen, daß es einige Dinge gibt, auf die ich durchaus stolz bin. Ich bin tatsächlich stolz auf die Dramen von Shakespeare, die Musik der Balinesen (insbesondere natürlich auf I Wayang Lotring), die Epen von Homer, die Blasmusik einer unausprechlichen rumänischen Kapelle namens Fanfare Ciocărlia, auf die Bücher von Danilo Kiš, auf die Geschichte des Prinzen Genji, auf das Lächeln einer Kore und so weiter, nicht etwa, weil ich mir einbilde, irgend etwas zur Entstehung dieser herrlichen Dinge beigetragen zu haben, oder etwa deswegen, weil ich mir einbildete, diese Dinge stammten von Sippengenossen, sondern weil diese Dinge mir auf eine andere Weise gehören, weil ich sie für mich entdeckt habe und dadurch, daß ich sie liebe, in Besitz genommen habe. Es mag durch Zufall auf dieser Liste sich auch der ein oder andere finden, der zu Lebzeiten die deutsche Staatsbürgerschaft besaß oder deutsch sprach oder in einer Gegend lebte, die später das Unglück oder das Geschick hatte, deutsch zu werden, wie Wieland, Tieck, Oswald von Wolkenstein, Walther von der Vogelweide, Max Ernst, Kafka, Bruckner, The Can, Bach, Albert Mangelsdorff oder Hans Arp, aber soll ich denn im Ernst stolz darauf sein, in einem Land zu leben, dessen Bewohner überwiegend eine Spache sprechen, die auch Hans Arp nicht unbekannt war und den Jean Arp zu nennen wohl klüger, treffender und richtiger wäre? Auf Max Ernst können nicht die Kölner stolz sein, es könnten höchstens die Amerikaner oder die Franzosen auf Max Ernst stolz sein, so wie auch die Abderiten nicht auf Demokrit stolz sein können, auf Max Ernst können die stolz sein, die Alice im Wunderland gelesen haben und die Gesänge des Maldoror, die Kölner und die Hopi, denen Max Ernst gehört, können auf ihn stolz sein, sein Besitz aber ist zugleich eine Verpflichtung nicht geringen Ausmaßes, umstürzend, unmöglich mit dem Stolz auf das Kölnersein oder Deutschsein zu verbinden. Und wenn ich die Wahl habe, entweder stolz zu sein auf das Deutschsein oder auf die Sanduhr von Danilo Kiš, so brauche ich nicht lange zu überlegen, und ich glaube nicht, daß beides gleichzeitig möglich ist.
Der Staat ist ein Werkzeug. Der Staat ist ein Werkzeug und kein Gott. Es gibt keine Völker.
25.3.2001
Nochmals Rilke, verbessert:
Alle Mädchen erwarten wir, wenn die Bäume in Blüte stehen.
31.3.2001
Zwei kurze Reden über die Lüge:
1. Rede
Es heißt, die Wahrheit sei gut und bekömmlich und schützenswert, und die Lüge müsse verfolgt und bekämpft und ausgerottet werden. Ich dagegen sage, daß umgekehrt gerade die Lüge beschützt werden muß. und warum sage ich das? Wir Menschen sind fehlbar, dem Irrtum unterworfen, entfernt vom sicheren Wissen, dem Zweifel ausgesetzt. Keiner von uns weiß, was Wahrheit ist oder Lüge. Leider aber meinen wir oft, zu wissen, was Wahrheit und was Lüge ist. Wir meinen nämlich: was ich glaube, das ist die Wahrheit, was ich meine, das ist das Gute, wovon ich überzeugt bin, das ist das Rechte. Und tritt nun jemand auf und glaubt etwas anderes, meint etwas anderes, ist von etwas anderem überzeugt, dann denken wir: wer so anderer Meinung ist, der ist ein Lügner, ein Fälscher, ein Verderber, ein Versucher, ein Verführer, ein Übeltäter, einer, der zum Schweigen gebracht und ausgerottet werden muß. Und indem wir die Lüge bekämpfen wollen, bekämpfen wir nicht die Lüge, sondern nur die andere Meinung. Niemand weiß aber, ob nicht die andere Meinung die bessere Meinung ist oder die schlechtere, ob die andere Meinung wirklich die Lüge ist oder nicht vielleicht die Wahrheit. Darum, wer glaubt, die Lüge zu bekämpfen, bekämpft in Wahrheit vielleicht die Wahrheit. Wer einen Staat regiert, der wird erleben, daß Menschen aufstehen, Staatsfeinde, die Unsinn und Lüge, Absurdes und Umstürzendes behaupten. Eben dieser Unsinn und diese Lüge, dieses Absurde und dieses Umstürzende ist aber gerade das, ohne daß in einem Staat keine Freiheit bestehen kann. Denn die Freiheit besteht in einem Staat nicht darin, daß alle behaupten dürfen, was der Herrscher für die Wahrheit halte. Denn auch in einer Tyrannei darf ja jeder behaupten, was die Herrscher als Wahrheit verkünden. Die vornehmste Aufgabe des freiheitlichen Staates besteht deshalb darin, die Lüge vor der Verfolgung zu schützen. Der Freiheit dient nur, wer nicht die Lüge mit Gewalt und durch die Herrschaft des Staates abschaffen will. Darum sage ich, daß die Lüge beschützt werden muß. Und ihr müßt die Lüge aushalten. Wenn ihr das rote Tuch der Wahrheit schwenkt, müßt ihr es aushalten, daß andere das blaue Tuch der Lüge schwenken. Wenn ihr das blaue Tuch der Wahrheit schwenkt, müßt ihr es aushalten, daß andere das rote Tuch der Lüge schwenken. Denn kein Mensch ist imstande, die Wahrheit ohne den Widerspruch der Lüge herauszufinden. Ohne die Lüge verkommt die Wahrheit selbst zur Lüge. Denn erst im Widerspruch findet die Überprüfung statt. Und erst in der Überprüfung wird die Wahrheit geboren. Ohne den Widerspruch der Lüge gibt es keine Überprüfung. Und ohne Überprüfung bleibt die Wahrheit ein bloßes Meinen, ein Hergebrachtes, ein Wähnen, ein Hörensagen, ein Nachschwätzen, ein Glauben. Darum müßt ihr die Lügner, die Betrüger, die Irrsinnigen, die Verdrehten, die Spinner, die Fremden, die Anderen lieben und beschützen, weil sie es für euch auf sich nehmen, die Lüge am Leben zu halten.
2. Rede
Es ist euch gesagt worden, ihr sollt die Lüge beschützen. Ich dagegen sage euch, ihr sollt die Wahrheit pflegen und achten. Und warum sage ich das? Manche sagen, es gibt keinen Unterschied zwischen Wahrheit und Lüge, es sei alles gleichermaßen wahr oder gelogen, es habe jedes Volk oder jede Kaste oder jedes Geschlecht oder jeder Mensch seine eigene Wahrheit und lebe in seiner eigenen Welt. Und andere sagen, es gibt zwar eine Wahrheit, doch ist es erlaubt, zu lügen, um der Wahrheit und der gerechten Sache zum Sieg zu verhelfen, Propaganda, Heuchelei und Täuschung seien schlecht, wenn sie für eine schlechte Sache, gut, wenn sie für eine gute Sache benutzt würden. Es gibt aber nur eine einzige Welt, und nur ein einziges Menschengeschlecht, das in dieser Welt lebt, und nur eine einzige Wahrheit, die auf diese Welt zutrifft. Am Himmel steht nur eine einzige Sonne, die für alle Menschen gleichermaßen scheint, oder habt ihr schon einmal erlebt, daß die Sonne für die einen Menschen aufging und für die anderen nicht? Darum gibt es verschiedene Menschen und verschiedene Meinungen, aber nur eine Wahrheit. Es wäre ja auch sonst gar nicht möglich, daß die Menschen miteinander reden, denn wenn jeder Mensch seine eigene Wahrheit hätte, worüber sollten dann die Menschen miteinander reden? Die Menschen reden nämlich miteinander, um sich gemeinsam über die gemeinsame Wahrheit zu verständigen. Es heißt, daß Menschen miteinander aus ganz anderen Gründen reden, als dem, gemeinsam die Wahrheit zu ergründen, daß sie zum Beispiel miteinander reden, um Handel zu treiben, oder daß eine Mutter ihrem Kind ein Lied vorsingt, damit es einschläft. Ich sage aber, daß es in allen diesen Fällen doch um die Wahrheit geht. Die Mutter, die ihrem Kind ein Lied vorsingt, will das Kind von der Wahrheit überzeugen, daß keine Gefahr droht und daß sie es liebt und daß es sicher geborgen ist und daß die Zahnschmerzen vorüber gehen werden, und sie wählt als Argument ein Lied, weil das die Rede ist, die das Kind versteht. Das Kind aber prüft, ob ihm die Rede der Mutter Wahrheit oder Lüge scheint. Und so geht es in allen menschlichen Reden um die Wahrheit. Was aber ist davon zu halten, es sei erlaubt, für eine gute Sache zu lügen? Zu Lügen ist aber selbst keine gute Sache, und eine Sache, für die gelogen wird, kann keine gute Sache sein. Es ist nicht möglich, für eine gute Sache zu lügen, da die Lüge die Sache zur schlechten Sache macht. Es ist auch nicht möglich, Propaganda zu treiben, außer mit der Wahrheit. Denkt euch, ihr sagt euren Anhängern: für die gerechte Sache dürft ihr lügen. Unmöglich ist es, daß dieses Gebot nicht allen bekannt wird, auch euren Feinden. Wenn aber allen bekannt ist, daß euren Anhängern die Lüge erlaubt ist, wer wird da euren Anhängern noch glauben? Und wenn eure Sache der Wahrheit entspricht, warum solltet ihr da lügen müssen? Es kann natürlich vorkommen, daß ihr in einem Handel eure Interessen durchsetzen müßt. Aber auch in einem solchen Fall solltet ihr es vermeiden, zu lügen. Eure Interessen und die Wahrheit sind verschiedene Dinge, und eure Interessen und eure Meinungen sind verschiedene Dinge. Darum sage ich, daß ihr die Lüge vermeiden sollt. Und wenn in eurem Staat Lügner auftauchen, sollt ihr sagen, daß ihr diese Menschen für Lügner haltet und daß es nur eine Wahrheit gibt, und wenn in eurem Staat Wahnsinnige auftauchen, dann sollt ihr sagen, daß ihr diese für Wahnsinnige haltet, und daß es nur eine Wahrheit gibt, und wenn in eurem Staat Betrüger auftauchen, dann sollt ihr sagen, daß ihr diese für Betrüger haltet, und daß es nur eine Wahrheit gibt. Und ihr müßt euren Staat schützen, daß er nicht durch Lügner und Wahnsinnige und Betrüger zerstört wird, und ihr müßt die Schulen und die Zeitungen verteidigen, daß in ihnen nicht nur Lüge und Wahnsinn und Betrug verkündet wird, und ihr müßt die Wahrheit verteidigen.
21.4.2001
Eigentlich sollte an dieser Stelle eine kurze Verteidigung der Pornographie aus den Grundsätzen des Liberalismus stehen, aber leider bin ich heute abend dazu viel zu müde (zu früh aufgestanden, zu viel ermüdenden Unsinn getrieben), deshalb jetzt nur ein kurzes Aperçu oder wie das heißt:
Ein Krimi ohne Mord würde Leser oder Zuschauer empören. Der Mord geschieht nicht, um das Publikum moralisch zu bilden, sondern zum Zweck der Unterhaltung. Deshalb sind Krimis moralisch schlechter zu werten als Pornos.
23.4.2001
jou, nnuh, mejn Grousfadder het jo nu gens anners gäredäd [gesnaggd] als wiir hoisodach.
Philosophische Diskussionen: das-und-das Verfahren ist legitim, denn ein Physiker würde es ohne Bedenken verwenden; das-und-das Verfahren ist unzulässig, denn ein Physiker würde es zurückweisen. Es sieht so aus, als hätte die Physik mehr Erfolg, mehr Sex als die Philosophie.
Zu Dennett: Zu praktischen Zwecken können wir annehmen, daß ein Computer tut, was er tun soll, und damit gut, und ihn verwenden. Würden wir aber den Computer einer untergegangenen fremden Zivilisation finden, dann würden wir wissen wollen, und es wäre auch eine sinnvolle und interessante Fragestellung, wissen zu wollen, aus welchen Rädchen dieser Computer besteht, und weder die Intentional Stance noch die Design Stance würden uns voll befriedigen. Aus welchen Rädchen besteht der Geist? Unbestritten, daß wir in praktischer Hinsicht sehr weit kommen, ohne diese Frage zu beantworten, aber unsere Neugier ist durch das Vorhersageinstrument der Intentional Stance nicht erschöpft, und deshalb lauschen wir so gebannt den Churchlandschen Erzählungen von Vektoren und Netzen.
Definition nach Dennett: Eine Planetenbahn ist, was sich durch die ptolomäische Theorie bis auf einen kleinen Rest vorhersagen läßt. Denn das Reden über Gravitation wird es niemals erlauben, zu erklären, was die Bahnen von Mond und Mars zu Planetenbahnen macht, die Bahn eines fallenden Apfels aber nicht.
Die Evolution hat uns mit angeborenen Theorien ausgestattet, die aber deshalb nicht wahr sein müssen. Es besteht beispielsweise eine Asymmetrie zwischen Fehlern vom Typ 1 und vom Typ 2: im allgemeinen ist es weniger gefährlich, ein Muster zu erkennen, wo gar keines ist, als ein Muster zu verkennen, wo eines ist. Infolgedessen besitzen wir Menschen eine angeborene Disposition, an Astrologie zu glauben, ohne daß deshalb die Astrologie wahr wäre.
Hier handelt es sich um einen approximativen Fehler. Es gibt aber auch Fehler, die die Wahrheit völlig verfehlen. Bekanntlich kommen die Menschen mit der Meinung zur Welt, die Welt sei dreidimensional, was aber, wenn die Welt in Wahrheit elfdimensional ist, gründlich falsch ist (es versteht sich, daß nicht allen Menschen das Wort dreidimensional zur Verfügung steht; es ist schwierig, den Begriff der Dimension vor Euklid nachzuweisen, dennoch war die Theorie der Dreidimensionaölität der Welt schon in der Steinzeit ein Gemeinplatz; bei den Theorien, die uns die Evolutionstheorie mit auf den Weg gibt, den angeborenen Ideen, muß es sich um vorsprachliche Gebilde handeln. Wir können auch sagen, daß wir Menschen mit der Theorie geboren werden, gelbes Licht und eine Mischung aus rotem und grünem Licht sei das Selbe, was falsch ist. Eine winzige Minderheit von Frauen besitzt die angeborene Fähigkeit, gelbes Licht von einer Mischung aus rotem und grünem Licht unterscheiden zu können, kommt also mit einer geringfügig besseren Theorie zur Welt). Mir ist natürlich bekannt, daß auf mesokosmischer Ebene die Elfdimensionalität sich kaum bemerkbar macht. Das läßt sich so umformulieren, daß unsere angeborene Theorie zwar falsch ist, aber auf eine Art und Weise, die unsere Überlebenschancen nicht wesentlich beeinträchtigt.
Generell könnten wir behaupten, es seien zwar manche unserer angeborenen Ideen falsch, aber stets auf eine das Überleben nicht gefährdende Weise. Aber auch diese Einschränkung ist falsch. Nehmen wir die angeborene Theorie von der Unerschöpflichkeit natürlicher Ressourcen. Es würde einem Jäger und Sammler wenig nützen, eine Theorie der Erschöpflichkeit natürlicher Ressourcen anzunehmen und sich selbst im Jagen und Sammeln und der Bewirtschaftung eines Territoriums zu bescheiden, wenn er nicht verhindern kann, daß auch andere Jäger und Sammler das selbe Territorium bewirtschaften. Jedes Territorium wird demzufolge mit seiner maximalen Kapazität bewirtschaftet (es leben so viele Jäger und Sammler, wie in einer Gegend leben können, ohne zu verhungern, wenn keine zusätzlichen limitierenden Faktoren auftreten). Wird die Wirtschaftsform geändert, kann das zu einer Katastrophe führen, wenn etwa die Bewohner einer Insel die Bäume einer Insel wirtschaftlich nutzen und den letzten Baum fällen. Die Geschichte ist voller Zivilisationen, die sich aufgrund des angeborenen Irrglaubens an die Unerschöpflichkeit natürlicher Ressourcen selbst ausgerottet haben, und es nicht ausgeschlossen, daß wir gerade dabei sind, eine Neuauflage dieses Klassikers auf globaler Ebene zu inszenieren. Außerdem gibt es Varianten der Astrologie, die lebensbedrohlich sind (etwa gefährliche, etwa hygienisch bedenkliche Formen von Innitiationsriten, die sich kulturell durchsetzen, weil sie einem vermeintlichen Muster der Welt entsprechen).
Die angeborenen Ideen sind also nicht immer richtig. Wenn sie falsch sind, müssen sie nicht einmal fast richtig sein, sondern können gründlich falsch sein. Und es läßt sich noch nicht einmal die Einschränkung machen, ihre Falschheit müsse stets von einer Art sein, die keinen Überlebensnachteil darstellt.
Und hier nun die versprochene Apologie der Pornographie. Was ließe sich der Pornographie vernünftigerweise vorwerfen? Nun, beispielsweise, daß ihre Herstellung auf eine Art und Weise erfolgt, die willentlich Menschen schädigt, etwa, wenn gefilmt wird, wie ein Mensch real ermordet wird. Solche Snuff Movies haben eine gewisse Berühmtheit erlangt, bei genaueren Nachforschungen freilich erweisen diese Filme als Urban Legends, von denen zwar jeder gehört hat, deren Existenz aber dingfest zu machen sich als unmöglich erweist. Wir können deshalb solche Filme außer Betracht lassen. Ein weiteres Beispiel wären Filme, die sexuelle Handlungen an Kindern zeigen. Aber auch mit diesen Werken will ich mich nicht weiter beschäftigen, da ich sie von meiner Apologie ausnehme (Dies bezieht sich auf Filme und Photographien, nicht auf Literatur, da es ja erst einmal nur um den Prozeß der Herstellung geht). Wir gehen also davon aus, daß die pornographischen Werke, über die wir hier diskutieren, auf moralisch nicht zu beanstandende Art und Weise erfolgt ist: die Gehälter wurden nach Tarifverträgen bezahlt, Arbeitsschutzbestimmungen wurden eingehalten, und so weiter. Wurden diese Bedingungen verletzt, so handelt es sich um kein spezifisches Problem der Pornographie.
Welche weitere Vorwürfe können wir noch finden? Etwa, daß pornographische Werke ein falsches Menschenbild vermitteln. Nun gibt es viele nichtpornographische Werke, die ein falsches Menschenbild vermitteln, aber schauen wir doch genauer, was gemeint ist. Da ist etwa der Vorwurf, daß pornographische Werke den Eindruck Vermitteln, Frauen würden es genießen, vergewaltigt zu werden. Ein solcher Vorwurf, wird er gegen alle pornographischen Werke erhoben, ist reichlich undifferenziert, da er (so vermute ich wenigstens) nur eine Minderheit trifft. Ein Werk, das lediglich Frauen vorführt, die sexuelle Handlungen genießen, ist in dieser Hinsicht moralisch untadelig und kann sogar unter bestimmten Umständen Propaganda für die Emanzipation der Menschen aus selbstverschuldeter Unmündigkeit betreiben. Ein Werk, das Frauen vorführt, die vergewaltigt werden, ohne dabei erkennbar Genuß zu empfinden, kann ebenfalls nicht beschuldigt werden, ein falsches Menschenbild zu vermitteln. Einem solchen Werk kann vorgeworfen werden, es benutze die Darstellung von menschlichem Leid zur Erregung des Vergnügens der Rezipienten, aber ein solcher Vorwurf läßt sich, wie wir gesehen haben, mit gleichem Recht jedem Krimi und allen Tragödien machen. Ich kann verstehen, daß die bloße Vorstellung solcher Filme manchen Menschen Angst bereitet, andererseits bereitet auch die bloße Vorstellung von Werken neuer Musik manchen Menschen Angst, und wieder kann es sich nicht um einen ernsthaften Einwand handeln. Bleibt die Schnittmenge derjenigen Werke, die Frauen zeigen, die ihre Vergewaltigung zu genießen scheinen. Wir können von diesen Werken sagen, daß sie geschmacklos sind. Einer solchen Einschätzung kann ich kaum widersprechen, aber Geschmack ist trotzdem keine moralische Kategorie. Und schließlich können wir sagen, ein solcher Film vermittle ein falsches Menschenbild. Ein falsches Menschenbild vermitteln freilich fast alle Menschenwerke. Eine gewöhnliche Frauenzeitschrift vermittelt ein falsches Menschenbild, da die die Kleider vorführenden Models kein repräsentatives Sample der Gesamtbevölkerung sind, und diese Verzerrung verursacht großes Leid und ernsthafte psychische Schäden, bei manchen Menschen führt dieses so vermittelte falsche Menschenbild zu Eßstörungen, die in einzelnen Fällen tödlich sein können. Ein Actionfilm will uns einreden, es sei möglich, sich an ein fliegendes Flugzeug oder ein fahrendes Fahrzeug anzuklammern und ein durch die Beschleunigung vervielfachtes Körpergewicht halten zu können. Ein anderer Film will uns einreden, eine einfühlsame, intelligente, gutaussehende Frau, die nicht das Opfer schwerwiegender Traumata und Verletzungen ist, verdiene ihr Geld als Straßennutte und lerne einen Millionär kennen, der in reichen Kreisen verkehrt, in denen noch nie jemand eine Prostituierte persönlich getroffen hat, so vornehm sind diese Kreise. Ein Epos will uns weiß machen, nur das Leben von Adeligen sei erzählenswert. Wahrhaft schlimm stünde es um uns, wenn wir diesen Quatsch nicht zu durchschauen vermöchten und unfähig wären, literarische Fiktion und Wirklichkeit zu trennen. Und schlimm steht es in der Tat um die, die die Photographien der Models der Frauenzeitschriften mit wirklichen Menschen verwechseln oder glauben, die Probleme der wirklichen Welt seien einer ebenso schlichten Lösung zuführbar wie die Probleme in der Welt eines Egoshooters.
Ein pornographisches Werk, heißt es, reduziere Frauen zu Objekten und entwürdige sie dadurch. Eine solche Redeweise mag sich auf Kant berufen können, aber wir alle werden ständig zu Objekten reduziert. Die meisten von uns begeben sich Tag für Tag in die Fänge eines Arbeitgebers, der uns zu bloßen Objekten reduziert. Einige Philosophen haben daraus geschlossen, unser Wirtschaftssystem sei grundsätzlich unmoralisch, es hat sich jedoch als keineswegs triviales Problem erwiesen, die bestehende Wirtschaftsordnung durch eine in dieser Hinsicht bessere zu ersetzen. Im übrigen reduzieren auch die erwähnten Frauenzeitschriften Frauen zu Objekten, die mit Kleidern behängt werden können. Der Supermarkt, in dem wir einkaufen, degradiert uns zu bloßen Kunden, ohne an unserer Seele interessiert zu sein, und wenn doch, so bloß, um unser Kaufverhalten besser analysieren und uns noch mehr Dinge verkaufen zu können und den eigenen Gewinn zu erhöhen.
Ob wir eine Theorie wahr oder falsch, ein Kunst gelungen oder mißlungen, geschmackvoll oder geschmacklos finden, läßt sich nur entscheiden, wenn darüber eine Diskussion geführt wird, und zwar von allen, denn nur, wenn etwas allen zugänglich ist, läßt sich herausfinden, ob es nicht doch jemandem gibt, der etwas damit anfangen kann. Es steht uns frei, vor „Mein Kampf“ zu warnen und es für ein schlechtes Buch zu halten (ein schlechtes Buch ist es ohne Zweifel, aber in seiner Gedankenlosigkeit auch wieder ein interessantes, ja, lesenswertes Buch, und für Hitler ein sehr entlarvendes, das ihn in seiner intellektuellen Armseligkeit vorführt), ich halte es aber für falsch, seine Lektüre zu verbieten. In einer freien Gesellschaft sollte kein Werk unzugänglich gemacht werden. Es gibt ja auch niemanden, der kompetent wäre, zu entscheiden, wer ein reifer und wer ein unreifer Konsument ist, da wir alle gleichermaßen fehlbar sind.
Wir haben aber bis hierher nur die schrecklichsten aller möglichen Fälle betrachtet, und eine solche Betrachtung, wollte sie vollständig sein, wäre schrecklich undifferenziert. Es bleiben noch genug Werke übrig, die eine derart radikale Verteidigung gar nicht nötig haben. Ohnehin ist eine Grenze zwischen Pornographie und Hochkunst vage und unsicher zu ziehen. Wir werden Hochkunst und Pornographie kaum anhand der Qualität unterscheiden können, denn auch in der anspruchsvollen Kunst gibt es prätentiöse, billige und gescheiterte Werke, während andererseits Pornographie weder mit handwerklicher Ehre unvereinbar, noch von der Gnade der Musen ausgeschlossen ist. Von Anfang an gibt es keine Trennung: das sakrale Theater der Mythologie enthält nicht selten sexuelle Akte (der König vereinigt sich mit Göttin), und überhaupt ist die Kunst eine Beschreibung des ganzen Menschen, und nochmals: es gibt niemand, der kompetent genug wäre, die Trennlinie zu ziehen, es sei denn, wir wollen bei jeder Darstellung eines Gliedes nachmessen, ob der zulässige Winkel der Erektion überschritten ist, und riskieren die Lächerlichkeit, Manets Olympia verworfen zu haben.
Es bleibt Alice Schwartzer unbenommen, die Photographien Helmut Newtons für kalten Glamour-Kitsch zu halten. Das sind sie schließlich ja auch. Aber eine solche Aussage ist eine Aussage über Kunst und nicht über Pornographie. Seltsame, verstörende Bilder von nackten Frauen gibt es auch in den Photographien von Francesca Woodman, und wenn wir den Unterschied zwischen beiden Arten von Bildern benennen wollen, müssen wir ästhetische statt ethischer Kategorien verwenden. Und wir sind in der unangenehmen Lage, unsere ästhetischen Positionen nicht beweisen zu können. Eine Mehrheit zieht Newton Woodman vor.
Das müßte für den Moment genügen, oder? Schließlich denkt ja im Moment ohnehin niemand ernsthaft an die Abschaffung der Pornographie, und jeder Fernsehkaspar kann mit zotigen Witzen reüssieren, und Newton bekommt Ausstellungen und Prachtbildbände, und jeder Kiosk bietet schmutzige Heftchen zu ausgesprochen ökonomischen Preisen feil.
24.4.2001
Nehmen wir folgenden Satz von Camille Paglia: „Pornography and art are indentical for me ... I think Michelangelo is a pornographer.“ [„Pornographie und Kunst sind für mich gleich... Ich halte Michelangelo für einen Pornographen“]. Wer Paglia nicht kennt (oder nur gehört hat, daß sie eine Feministin ist), wird kaum entscheiden können, wie der Satz gemeint ist: soll Michelangelo und die ganze patriarchale abendländische Kunst als Pornographie denunziert, oder die Pornographie durch die Einbeziehung Michelangelos gerechtfertigt werden? [Lösung: die zweite Deutung ist die von Paglia intendierte, wie aus dem weiteren Kontext hervorgeht]
Wir alle wissen ja, daß die Amerikaner unbelesene arrogante übergewichtige bigotte neurotische Ignoranten sind, also wahrhafte Barbaren, und verachten sie dementsprechend. Aber in Wahrheit verachten wir sie nur, um sie nicht beneiden zu müssen. Denn in Wahrheit wissen wir, daß alles Amerikanische cool, alles Unamerikanische uncool ist, und daß Sex (Marilyn), Demokratie (Washington), Autos (Ford) und Computer (Gates) in Amerika erfunden wurden.
28.4.2001
Das Dorf liegt da wie tot. Die Sonne lastet auf allen Oberflächen und blendet die Augen. Ein Mann lauscht dem Rauschen der Blätter im Wind und denkt: „Alles ist Eins. Die wahrnehmbaren Dinge sind nur eine Kräuselung der ursprünglichen Leere.“ Derweil, weit entfernt im hohen Norden, starrt ein Gelehrter durch das Fenster in den schwarzgrauen Regen. Dann wendet er sich wieder seinem Manuskript zu und schreibt: „Die folgende Selbstauslegung des Daseins als »Sorge« ist in einer alten Fabel niedergelegt...“
Ich habe Sorgen, Sorgen
muß mir was borgen, borgen
zahle dann morgen, morgen
Das Leben ist an sich nicht besonders lustig. Übertriebenes Grinsen, übertriebenes Strahlen schadet nur. Besser wäre es, sich beide Ohren abzusprengen und taub durch die Welt zu laufen, erfüllt von einem inneren Geschrei. Andererseits sind da noch bestimmte Dinge, die mir gerade entfallen sind.
1.5.2001
Was, wenn die Seele eine Flüssigkeit wäre, die langsam aus unserem Körper herausfließt? Wann würde etwas aus uns herausfließen, wann würden wir aus etwas herausfließen, wie fühlt sich der Wechsel zwischen beidem an?
Sobald mehr als zwei Menschen sich einer Sache annehmen, ist unweigerlich ein Idiot dabei. Die klügste und gerechteste Sache wird schwer erträglich, wenn sie zur Massenbewegung wird. Gewisse aufklärerische Leistungen der Studentenbewegung mögen bewundernswert sein, aber die Vorstellung einer allgemeinen Debatte über den korrekten Weg im Klassenkampf ist unverdünnter Horror. Oder: eine Konferenz Frauen gegen Gewalt gegen Frauen. Ein nobles und notwendiges Ziel. Aber das Geschwätz, die Seichtheit, die Betroffenheit, der Massenkult, all das ist widerlich und abstoßend. Eine Bürgerrechtsbewegung ist die Verwandlung eines ernsten und berechtigten Anliegens in dummes Geschrei. Alles Zarte, Kluge, Subtile, Ironische stirbt, wo drei in einem Namen versammelt sind. Der edle Mensch ist ihre eigene Partei, wie Dante sagt.
3.5.2001
Unter den zehntausend Dingen, die Schönheit auch ist, ist auch folgendes: ständig eine große Verantwortung aufgebürdet zu bekommen, ohne sich um diese Verantwortung jemals beworben zu haben (und diese Verantwortung kaum teilen zu können, weil Schönheit statt Mitleid Neid erregt).
Das Zermürbende ist nicht die Eifersucht, die als Gegenteil der Gleichgültigkeit jeder Beziehung notwendig ist, sondern das Mißtrauen.
Werbespruch: auf dem Tisch der Fisch frisch vom Schiff.
11.5.2001
Es war einmal ein König namens Gauda, und ein anderer König namens Emmentaler, die miteinander im Streit lagen. König Emmentaler hatte eine Tochter namens Zinnoberrot, König Gauda dagegen einen Sohn namens Kobaltblau.
17.5.2001
Katechismus für junge Frauen
Was verstehen wir unter dem Körperknödel? Unter dem Körperknödel verstehen wir den leiblichen Körper im eigentlichen Sinn. Dieser muß im herrschenden Zeitalter katholischer Leibfeindlichkeit unterdrückt und mit Selbsthaß bekämpft werden.
Wo werden die Sepulken gezogen? Die Sepulken werden hinter dem Garten linkerhand gezogen.
Was verstehen wir unter Bindehautgewebeschwäche? Die Bindehautgewebeschwäche ist eine Erscheinungsform des Körperknödels und kann nur durch Selbsthaß und Selbstzweifel bekämpft werden.
Wie wird der Boyfriend verwendet? Die Versuchsleiterin setzt den Boyfriend in die Telephonebox. Dann begibt die Versuchsleiterin sich an das andere Ende zum Telephonedraht. Die Versuchsleiterin wartet, bis der Telephonedraht klingelt. Der Telephonedraht klingelt aber nicht.
Woraus ist Musik zusammengesetzt? Musik besteht aus Selbsthaß, Selbstzweifel, die Eltern auf den Mond schießen und ungesättigten Fettsäuren.
Wo ist die Unterwäsche? Die Unterwäsche ist in der Waschmaschine. Die Waschmaschine steht im Elternhaus.
Wer ist im Sarg? Der Körperknödel der Zukunft.
Was verstehen wir unter Plastik? Plastik ist ein Material, in das der Körperknödel eingepackt wird.
Was ist ein gespickter Körperknödel? Ein gespickter Körperknödel ist ein Körperknödel, an dem Männeraugen kleben.
Was macht der g-Freund? Der g-Freund lauert hinter dem Garten rechterhand und schlägt kleine Mädchen tot, so er ihrer habhaft wird. Wir aber sind schon zu groß für ihn.
Was verstehen wir unter Sex? Unter Sex verstehen wir die Adelung des Körperknödels durch den Boyfriend. Der Selbsthaß wechselt seine Farbe von gelb zu grün.
Was ist ein Beta-Release? Ein Beta-Release ist ein Mädchen mit Sommersprossen. Sie wird jenseits der Grenze erschossen.
Wie sind die Mormonen beschaffen? Die Mormonen haben mehrere Weiber und stinken aus dem Mund.
Was sind Rastazöpfe? Wir nehmen eine blonde Heidi und flechten ihr zwei dicke, große Zöpfe. Das sind keine Rastazöpfe. Dann tauchen wir die blonde Heidi in schwarze Dinte. Wenn wir sie wieder herausziehen, hat sie viele kleine Zöpfe, schwarze Haut und braune Augen. Wenn wir sie drinlassen, stirbt sie. Dies wird auch als Sauerstoffmangel bezeichnet.
Was verstehen wir unter einer Leberzirrhose? Ein Körperknödel mit gehackter Leber.
Was ist ein Körperkult? Eine Plastikpuppe im Scheinwerferlicht. Bei Sonnenschein quillt ihr der Körperknödel aus allen Poren.
Was ist eine Stoffbahn? Die kürzeste Entfernung, die sich mit einem Schwimmbecken messen läßt.
Wer hat das Mondscheinfohlenposter von der Wand gerissen? Die große Schwester in uns.
Was gibt vier mal sieben? Feinen Staub und grobe Steine. Bleiches Laub und rote Beine.
Was ist ein Cheerleader? Ein Cheerleader ist eine fünf Meter hohe, hohle Röhre, die in der Landwirtschaft Verwendung findet. Oft wird sie mit Mais oder Getreide befüllt.
Welche Farben unterscheiden wir beim Selbsthaß? Rot, Gelb, Grün, Blau, Lila, Schwarz und Weiß.
Welche Farben unterscheiden wir beim Selbstzweifel? Grau, Weiß, Schwarz, Grün und Rot.
Wie viele Körperknödel gibt es? Vier: mich, den Boyfriend, die Plastikpuppe Ken und die Plastikpuppe Barbie.
Was ist ein Studium? Ein Wechsel der Freunde und Wohnorte.
Was ist ein Auto? Hinter dem Garten, geradeaus, liegt ein Schloß namens „Freiheit. Im Burggraben dieses Schlosses liegen alte Papiertaschentücher und Hustenbonboneinwickelfolien. Auf dem Schloßplatz ist ein Springbrunnen namens „Lenkrad“. Um den Schloßplatz herum sind Häuser, in denen Tag und Nacht Party gefeiert wird.
Was ist ein Pfennigbereich? Ein sehr hoher Absatz, der in drei Tagen abbrechen wird.
Wer trägt das Mützchen? Der Boyfriend.
Was ist ein Body-Maßfett-Anzug? Eine Schachtel für den Körperknödel.
Was ist ein seltsamer Brief? Der Körperknödel schreibt einen Liebesbrief an den Boyfriend. Der Brief duftet nach Veilchen und ist unglücklich.
Was ist ein Schal? Der Schal reicht von Winter zu Winter, er ist lila und gibt Mut.
22.5.2001
Ich bin der Strand, die Bettdecke das grüne Meer. Nur mein Kopf und die rechte Schulter ragen aus dem Wasser, Arme, Beine und Rumpf sind verborgen.
Wie ein Stein im Schuh plagt mich die Erinnerung an einen Text über Ontologie, den ich vor Jahren zusammengeschmiert habe und der mir heute ausgesprochen albern vorkommt. Alle meine Texte und Bilder, die ein paar Jahre alt sind, kommen mir albern, lächerlich und dilettantisch vor. Vermutlich sind auch meine taufrischen Erzeugnisse nicht weniger albern, aber Eitelkeit und Wahn, die jedes Unternehmen notwendig begleiten müssen, damit es überhaupt zustande kommt, hindern mich noch, das zu erkennen. In diesem Text über Ontologie jedenfalls gibt es neben einem Beweis, daß es keine Materie geben kann (der sich mit erheblichem Aufwand eventuell in einen brauchbaren Beweis, daß es keinen Geist gibt, ummodeln läßt) ein Argument zugunsten der platonischen Auffassung der Mathematik, das grundverkehrt ist. Mit etwas Aufwand läßt es sich in ein Argument gegen die platonische Auffassung der Mathematik umwandeln, folgendermaßen:
Es war einmal ein Philosoph namens Platon, der eine gute und eine schlechte Idee hatte. Die gute Idee war, daß Ideen und Theorien sich nur überprüfen lassen, indem sie sich in Gesprächen und im Streit bewähren müssen., wozu es nötig ist, daß diese Ideen überhaupt einen Ansatzpunkt zum Streit bieten. Diese Idee wurde etwas klarer von einem Philosophen namens Peirce formuliert, und noch etwas später noch etwas klarer von einem Philosophen namens Popper. Auffällig ist dabei, daß die Namen dieser drei Philosophen alle mit „P“ beginnen, während die Philosophen, die die gegenteilige Theorie vertreten haben, daß nämlich die Wahrheit sich nicht im dialogischen Streit, sondern allenfalls im wirren Monolog des durchgedrehten Weisen ergründen lasse, nämlich Heraklit, Hegel und Heidegger, alle Namen tragen, die mit „H“ beginnen (beweist das nun, daß Habermas die Poppersche Theorie nie richtig begriffen hat?). Konsequenerweise waren die H-Philosophen der Meinung, daß Streit sich am besten mit dem Faustkeil austragen läßt, weshalb die drei der Vorstellung vom ewigen Weltfrieden eine deutliche Absage erteilt haben. Aber ich schweife ab.
Die schlechte Idee Platons (jedenfalls aus meiner Sicht) besteht darin, daß es ewige Idee gibt, die wirklicher sind als die Einzeldinge. Diese Idee ist unter Mathematikern recht beliebt, weil sie zwanglos erklärt, was Mathematiker eigentlich den ganzen Tag so treiben: unter Berufung auf Platon können sie behaupten, die ewigen Ideen zu erforschen, während die Behauptung, als erwachsene Menschen sich den lieben langen Tag nur mit Tautologien zu beschäftigen, doch eher peinlich ist.
Mathematik kommt in verschiedenen Geschmacksrichtungen daher. Neben der platonischen Standardvariante gibt es eine Variante, die behauptet, daß Mathematik darin besteht, Symbole auf Papier nach festen Regeln hin und her zu schieben. Eine andere Alternative zur platonischen Orthodoxie besteht in der konstruktivistischen Mathematik. Diese konstruktivistische Mathematik versucht sorgfältig, alle platonistischen Annahmen in der Mathematik zu vermeiden. Eine solche Annahme ist beispielsweise der Satz vom ausgeschlossenen Dritten: ein (mathematischer) Satz ist entweder wahr oder falsch, nichts Drittes. Das heißt, so ein Satz ist selbst dann wahr oder falsch, wenn kein Mensch weiß, ob er nun wahr oder falsch ist. Das heißt, der Satz führt ein Eigenleben, unabhängig von den Menschen. Das heißt, der Satz wohnt im platonischen Ideenhimmel, wo er wahr oder falsch ist, selbst wenn die Menschen den Satz nicht kennen. Den Konstruktivisten zufolge ist eine solche Annahme unzulässig. Wenn wir nicht wissen, ob ein uns interessierender Satz wahr oder falsch ist, können wir nicht ohne weiteres annehmen, daß der Satz unabhängig von uns existiert und entweder wahr oder falsch ist.
Unter Verzicht auf den Satz vom ausgeschlossenen Dritten sind Widerspruchsbeweise nicht mehr möglich (ein Widerspruchsbeweis argumentiert: wäre der Satz falsch, würde widersprüchliches folgen, da ein Satz nur wahr oder falsch sein kann, dieser Satz aber nicht falsch sein kann, muß er wahr sein). Überhaupt lassen sich viele Beweise der orthodoxen Mathematik in der konstruktivistischen Mathematik nicht mehr führen. Umgekehrt läßt sich aber alles, was sich mit den Mitteln der konstruktivistischen Mathematik beweisen läßt, auch mit den reichhaltigeren Mitteln der orthodoxen Mathematik beweisen.
Oft unterscheidet sich die konstruktivistische Mathematik von der orthodoxen Mathematik nur dadurch, daß die Beweise länger und umständlicher sind. Es gibt aber auch interessantere Unterschiede. In der orthodoxen Mathematik gibt es beispielsweise viele verschiedene Methoden, die reellen Zahlen zu definieren, und es läßt sich beweisen, daß alle diese Definitionen äquivalent sind. In der konstruktivistischen Mathematik lassen sich diese Äquivalenzbeweise nicht führen. Diese verschiedenen Definitionen bezeichnen daher für den Konstruktivisten verschiedene Mengen, die vielleicht gleich sind, von denen sich aber nicht zeigen läßt, daß sie gleich sind, und die deshalb getrennt betrachtet werden müssen. Dadurch lassen sich manche mathematischen Strukturen klarer unterscheiden.
Kommen wir zurück auf die gute Idee Platons. Eine Theorie, die sich prinzipiell nicht widerlegen und angreifen läßt, die gar keinen Ansatzpunkt für Kritik bietet, für die keine Beobachtung denkbar ist, die sie widerlegt, eine solche Theorie wirkt auf den ersten Blick außerordentlich überzeugend. Nach Platon-Peirce-Popper ist eine solche Theorie aber mangelhaft, da sie sich eben nicht durch Diskussionen und Experimente überprüfen läßt und da sie sich nicht bewähren kann. Eine Theorie hat sich um so besser bewährt, je mehr Widerlegungsversuch sie überlebt hat.
Dieses Schema gilt für empirische Theorien. Seit etwa hundert Jahren oder so gibt es in der Philosophie der Mathematik einen befremdlichen Aberglaube, alle logischen Folgerungen eines Satzes ließen sich ohne Zeitaufwand, instantan, ziehen. Wer also einen bestimmten Satz glaubt, glaubt auch automatisch alle logischen Folgerungen dieses Satzes. Wer an gar nichts glaubt, glaubt zumindest an die Wahrheit aller tautologischen Sätze. Diese seltsame Theorie von der Trivialität des Tautologischen ist aber offensichtlich falsch. In der Philosophie des Geistes hat dieser Aberglaube zu einem Problem geführt, wie es möglich ist, daß Menschen widersprüchliche Aussagen glauben können, da sie ja auch an alle logischen Folgerungen dieses Widerspruchs glauben müßten (und aus einem Widerspruch läßt sich alles folgern). Offensichtlich passiert es, daß Menschen widersprüchliche Aussagen für wahr halten, ohne daß sie alle Folgerungen aus diesen widersprüchlichen Aussagen ziehen würden.
Wenn wir den Aberglaube vom Instantanfolgern aufgeben, können wir das logische Schlußfolgern als ein empirisches Vorgehen betrachten: empirisch ziehen wir immer nur endlich viele Schlüsse aus den unendlich vielen möglichen. Es kann also ein Satz widersprüchlich sein, und wenn wir lange genug herumfolgern, werden wir diesen Widerspruch auch bemerken, aber historisch kann es passieren, daß wir diesen Widerspruch einfach noch nicht bemerkt haben. Wir können also eine rein apriorische Hypothese aufstellen, die wir versuchen zu beweisen oder zu einem Widerspruch zu führen. Wenn es uns lange Zeit nicht gelingt, die Hypothese zu beweisen oder zu widerlegen, können wir, in Analogie zu aposteriorischen Hypothesen, von einer bewährten Hypothese sprechen (die Negation ist allerdings eine ebenso bewährte Hypothese).
Die orthodoxe, also platonische Mathematik läßt sich nicht beweisen. Sie ist bis jetzt auch nicht als falsch erwiesen. Insofern könnten wir sie als „bewährt“ (in unserem erweiterten Sinn) bezeichnen. Insofern könnten wir sagen, die platonische Ontologie sei „bewährt“. Dabei ist allerdings folgendes noch nicht beachtet: es läßt sich zeigen, daß, wenn die konstruktivistische Mathematik widerspruchsfrei ist, daß dann auch die orthodoxe Mathematik widerspruchsfrei ist. Die orthodoxe Mathematik ist also nicht wirklich bewährt in dem Sinn, das es denkbar wäre, daß wir eines Tages einen Widerspruch in der orthodoxen Mathematik finden, der die konstruktivistische Mathematik nicht betrifft, daß wir diesen denkbaren Widerspruch aber bis jetzt noch nicht gefunden haben, was wir als Hinweis auf die Richtigkeit der platonische Mathematik deuten können (eben als Bewährung). In Wahrheit wissen wir jetzt schon, daß die Suche nach einem solchen Widerspruch eitel ist. Insofern ist der Platonismus nicht bewährt, sondern vielmehr metaphysisch und damit unbewährbar.
Weder Geist noch Ideen existieren demzufolge, sondern eigentlich gibt es nur Atome und Leere. Eine recht biedere, langweilige und weit verbreitete Ansicht, aber so geht es eben mit zunehmendem Alter: ich werde versöhnlich, gewöhnlich.
Beruhigend oder beunruhigend, daß die englischsprechenden Menschen von der selben Unfähigkeit wie wir geplagt werden, „buchstäblich“ („literally“) und „sinnbildlich“ („figuratively“), die doch eigentlich Gegenteiliges bedeuten, auseinander zu halten.
28.5.2001
Rilke, noch weiter verbessert:
Alle Mädchen erwarten wir, weht der Frühling endlich hier.
Da Mediziner die Schwangerschaft formal mit der letzten Regel beginnen lassen, ist es möglich, zwei Wochen lang Jungfrau und Mutter zu sein.
30.5.2001
Auch DIE ZEIT hat jetzt in ihrer neuesten Ausgabe Fanfare Ciocărlia entdeckt, wenn auch, wie weiter oben nachzulesen, viel später als ich (und sie verwenden auch nicht so schöne Sonderzeichen im Namen). Leider findet sich auf der gleichen Doppelseite auch wieder dieser Blödsinn, den neuerdings jeder dahergelaufene Ahnungslose über Gentechnik verfassen darf: „Man kann Bulgakows Parteinahme für die Verlierer der Evolution, der sozialen wie der biologischen, als christlichen Mumpitz abtun (und so ist es auch schon geschehen). Aber seine Einsicht in das Wesen der Biotechnik bleibt bestehen und kann in seiner Bedeutung auch für die gegenwärtige Debatte nicht hoch genug eingeschätzt werden. Es ist die Einsicht, dass Biotechnik nicht neutral ist, sondern ihrerseits eine Parteinahme im darwinistischen Überlebenskampf: nämlich zugunsten der Starken.“ Hie also christliche Parteinahme für die Schwachen, dort technologische Parteinahme für die Starken. Selten wurden die Tatsachen so sauber auf den Kopf gestellt. Was glaubt denn der Verfasser, was in allen technisch primitiven Kulturen (einschließlich des christlichen Mittelalters bis hin zu Luther) mit mißgebildeten Neugeborenen passiert ist? Sie wurden als Wechselbälger des Teufels oder mit irgend einer anderen hübschen Begründung ohne Skrupel ausgesetzt. Mißgebildete Neugeborene großzuziehen ist eine humane Idee, auf die überhaupt nur eine technologisch fortgeschrittene Kultur verfallen kann. Was glaubt der Verfasser, was in technologisch primitiven Kulturen mit Diabetikern passiert? Sie sterben, selbstverständlich nicht ohne die Tröstungen von Mythos und Religion. Wie, glaubt der Verfasser, läßt sich Humaninsulin statt Schweineinsulin ohne Gentechnik herstellen? Durch Beten, mit Hilfe von Schamanen, oder ist die Frage irrelevant, weil Diabetiker auch mit Schweineinsulin irgendwie überleben können und das Leben der Schweine moralisch uninteressant ist? Ist dem Verfasser nicht bewußt, daß in technisch primitiven Kulturen Kinder mit Down-Syndrom meist jung an Herzfehlern sterben und die einzigartig hohe Lebenserwartung mongoloider Menschen unserer Kultur überhaupt nur in einer Kultur mit einer entwickelten Biotechnik (Medizin ist ja wohl auch eine Biotechnik, oder?) denkbar ist?
Es ist schon wahr, daß heute seltener Kinder mit Trisomie 21 geboren werden, weil viele dieser Kinder abgetrieben werden. Unwahr ist dagegen bereits die weitergehende Behauptung, dadurch käme es zu einer nennenswerten Veränderung im Genpool, da sich Menschen mit Trisomie 21 ohnehin selten fortpflanzen (teils, weil die Gesellschaft, nicht die Technik, sie daran hindert, teils, weil sie oft unfruchtbar sind) und abgesehen davon, Trisomie 21 zwar eine Erbkrankheit, aber nicht erblich ist. Ebenfalls unwahr ist die weitergehende Behauptung, es würden heute weniger behinderte Kinder geboren als früher, denn der Fortschritt der Technik sorgt für das Gegenteil: da die Technik heute mehr Frühgeborene überleben läßt als früher, wachsen heute mehr aufgrund von Frühgeburt behinderte Menschen auf als bisher.
Schwer vorauszusagen ist, wie sich die Zusammensetzung des Genpools der Menschen in der Zukunft verändern wird. Mir scheint, die Technik begünstigt eher die Schwachen, die ohne Technik noch vor dem Erreichen des fortpflanzungsfähigen Alters gestorben wären. Es mag sein, daß viele Kinder mit schweren Erbkrankheiten in Zukunft erst gar nicht geboren werden werden. Aber diese Kinder hätten sich zumeist ohnehin nicht fortgepflanzt, eine zusätzliche Selektionswirkung ist daher kaum gegeben. Auch der Verfasser weiß nicht, in welche Richtung die Technik sich auf den Genpool auswirken wird, noch nicht einmal Bulgakow wußte es, obwohl der ja nun wirklich ein phantasievoller Autor war (den ich sehr schätze, aber von Genetik verstand er halt wohl doch nicht so viel, und an dieser Stelle macht sich das eben doch ein wenig bemerkbar, obwohl unser Artikelschreiber das Gegenteil behauptet).
Im übrigen ist auch unser Mahner von der Ohnmacht jeder Gesetzgebung überzeugt: „Schon heute ist absehbar, daß die Versicherungen nicht zahlen werden für Erbschäden und Krankheitswahrscheinlichkeiten, die bei rechtzeitiger Therapie und vorgeburtlicher Diagnostik hätten abgewehrt werden können.“ Einmal abgesehen davon, daß ich nicht recht zu sehen vermag, was dagegen spricht, Menschen dazu anzuhalten, sich rechtzeitig um die Therapie therapierbarer Krankheiten zu kümmern: was glaubt eigentlich der Verfasser dieses Satzes, was den Versicherungen anderes übrig bleiben wird, als zu zahlen, wenn der Gesetzgeber sie dazu zwingen wird? Glaubt er im Ernst, die Versicherungen werden sagen, „tut uns leid, an Gesetze halten wir uns nicht“?
Unser Bursche schreibt, vor keinem Klischee und keinem donnerndem Pathos zurückschrechend: „Auch wenn derzeit darüber gestritten wird, ob die verbrauchende Embryonenforschung ein legitimer Weg zur Heilung von Erbkrankheiten sei, ob also die mörderischen Mittel den barmherzigen Zweck rechtfertigen, geht es im Kern nicht um die Mittel und Zwecke.“ Aha. Das ist auch gut so, denn unser Mann hat ja auch Schwierigkeiten genug, Mittel und Zweck auseinander zu halten. Bisher mußten barmherzige Zwecke mörderische Mittel rechtfertigen, nun soll es also andersherum sein. Aber nein, auch darum geht es ja nicht. Worum geht es denn dann? „Es geht um die Weiterungen, die sich in die pathetische Frage fassen lassen, ob sich der Mensch, nachdem er Gott gestürzt hat, auch noch an dessen Stelle setzen kann.“ Unpathetisch formuliert scheint es mir um die Frage zu gehen, ob wir uns wie erwachsene Leute benehmen wollen und bereit sind, Verantwortung für unser Tun zu übernehmen, oder ob wir so tun wollen, als seien wir kleine Kinder und hätten keine Ahnung von unseren Möglichkeiten und könnten auf gute, glaubwürdige Autoritäten vertrauen. Aber sind es denn wirklich mörderische Mittel, über die wir da streiten? Mir scheint, wenn klar ist, daß es mörderische Mittel sind, so sollten wir sie verbieten, gleich welchem Zweck sie dienen. Das aber ist doch eben, worum der Streit geht. Der Verfasser hält wohl alle Embryonen, hält vermutlich schon eine befruchtete Eizelle für einen vollwertigen Menschen mit allen Schutzrechten. Das ist ein möglicher Standpunkt, aber ein dürftig begründeter. Die Entwicklung eines Hühnerembryos, eines Schimpansenembryos oder eines Menschenembryos laufen lange Zeit parallel und sind lange kaum voneinander zu unterscheiden. Natürlich besteht zwischen den dreien ein Unterschied, und nur das Menschenembryo hat die Fähigkeit, sich zu einem Menschen zu entwickeln. Aber das ist ja ein sehr sonderbares Kriterium, diese Potenzialität, die den Unterschied machen soll zwischen einem Vollbürger mit allen Rechten und einem fast rechtlosen Ding. Jeder zölibatär lebende Mensch ermordet das Leben vieler potentieller Menschen, die nie gezeugt werden. Oder stellen wir uns folgendes Gedankenexperiment vor:
Wir basteln ein Gerät namens Zapzerap. Dieses Zapzerap sendet einen Strahl aus, der einen beliebigen Stein von mindestens zwei Kilo Gewicht so verwandelt, daß er allmählich weich wird, eine Haut bekommt, innere Organe entwickelt, ihm knospen Arme und Beine und ein Köpfchen, und nach fünfzehn Monaten hat der Stein sich zu einem Wesen entwickelt, das einem neugeborenen Säugling täuschend ähnlich sieht. Nach Ablauf dieser fünfzehn Monate ertönt mit einem Mal ein leises, klirrendes Geräusch, und das Wesen fängt an zu schreien und zu strampeln. Wird es nun von einer Amme gesäugt und großgezogen, entwickelt es sich wie ein menschlicher Säugling, wächst heran und ist ununterscheidbar von einem Menschen.
Nun begibt sich folgendes: auf einer Wanderung sehe ich einen Stein, der drei Kilo wiegt. Voller Übermut werfe ich den Stein in die Höhe, er fällt herab und zerbricht in zwei gleichschwere Teile. Ich frage nun: bin ich ein Mörder? Der Stein, wie er war, hätte mit dem Zapzerap in einen Menschen verwandelt werden können, die zwei Bruchstücke sind dazu aber zu klein. Mithin habe ich einem potentiellen Menschen die Lebensmöglichkeit geraubt.
Nun stellen wir uns vor, daß das Zapzerap noch nicht erfunden ist, und ich einen Stein von drei Kilo Gewicht halbiere. Bin ich nun auch ein Mörder? Das Zapzerap ist zwar nicht erfunden, und es ist wenig wahrscheinlich, daß es je erfunden werden wird, ausgeschlossen ist es aber auch nicht. Mithin habe ich einem potentiellen Menschen die Lebensmöglichkeit geraubt.
Potentialität kann, scheint mir, vernünftigerweise noch keinen Rechtstitel begründen. Andererseits ist an einem Embryo im frühen Stadium das spezifisch Menschliche nur in Potentialtät vorhanden, aktual handelt es sich nur um ein Menschenaffenembryo oder nur um ein Säugetierembryo oder nur um ein Wirbeltierembryo. Sicher ist es möglich, Argumente gegen diese Ansicht aufzuführen. Darauf aber verzichtet unser Autor, ihm genügt es, von „mörderischen Mitteln“ zu sprechen, Argumente sind darauf weiter nicht nötig.
Zur PID hat unser Warner erstaunlicherweise keine Meinung, zumindest äußert er sie diese Woche nicht. Ein wenig grotesk scheint es mir schon, daß eine Frau sich ein Embryo erst einpflanzen lassen soll, den eingepflanzten Embryo dann auf Erbkrankheiten untersuchen darf und ihn dann eventuell abtreibt, eine Untersuchung auf Erbkrankheit vor der Einpflanzung aber verboten sein soll. Es ist schon wahr, durch PID ließe sich außer Erbkrankheiten auch das Geschlecht des Kindes bestimmen. Nun, wenn wir das nicht wollen -und auch mir erscheint das nicht wünschenswert, Chorea Huntington und Weiblich sein sind zwei Schicksale, die an Schrecklichkeit nicht unbedingt vergleichbar sind und nicht gleichermaßen Selektion rechtfertigen können- dann müssen wir das eben verbieten. Schwierig wird es bei Zweifelsfällen, Zwischenstufen. „Kurzsichtigkeit, Allergien oder Unsportlichkeit“ kommen unserem Mahner in den Sinn.
Hier gibt es tatsächlich ein ernsthaftes Problem: nämlich auf eine schiefe Ebene zu geraten, auf der mehr und mehr Dinge als unerträglich pathologisch erscheinen. Wenn wir die Grenze durch das Zwielicht ziehen, wandert das Zwielicht weiter, so daß wir die Grenze immer weiter verschieben müssen. Es mangelt freilich an hilfreichen Vorschlägen, wie wir diesem Problem begegnen könnten. Die Abschaffung der Technik wird kaum eine brauchbare Lösung darstellen (mit der Abschaffung der Technik würden wir auch die Mittel abschaffen, die eine Neuentstehung der Technik verhindern würden, es sei denn, wir schafften die Menschheit gleich mit ab). Und das Christentum wird uns wohl auch keine besondere Hilfe sein. Jens Jessen (um den Namen nun doch einmal zu nennen) müßte sich eigentlich bei Robert Leicht beschweren, denn der hat an der gleichen Stelle, im Feuilleton der ZEIT, beklagt, daß es keinen verbindlichen Literarischen Kanon mehr gibt.
Wenn ein ungebildeter Ignorant, der mutmaßlich Murasaki nie gelesen hat, sich darüber beklagt, niemand zu finden, mit dem er sich fundiert über Literatur unterhalten könne, weil jeder etwas anderes gelesen habe, dann ist dies der erste entscheidende Schritt zur Ausrottung von Alkoholismus, Nikotinsucht, Fettleibigkeit, Schizophrenie, Melancholie, Rowdytum, Kurzsichtigkeit und Originalität. Ich werde mich bemühen, diesen Satz, der vielleicht die eine oder andere Leserin erstaunen mag, zu erklären.
Alkoholismus scheint zu einem nicht unbeträchtlichen Teil mit genetischen Faktoren zusammenhängen, das heißt, es gibt erbliche Faktoren, die Gewöhnung und Sucht begünstigen. Andererseits hat Alkoholismus verheerende Folgen. Es liegt also nahe, die erblichen Komponenten des Alkoholismus ausrotten zu wollen, ebenso, wie es naheliegt, schwere Formen erblicher Schizophrenie ausrotten zu wollen.
Wenn wir aber erst einmal anfangen, Alkoholismus und Schizophrenie auszurotten, welches Argument könnte uns dann daran hindern, auch Melancholie oder Rowdytum ausrotten zu wollen, die ja auch lästig sein können? Auf eine natürliche Schöpfungsordnung werden wir uns schlechterdings nicht berufen können, und zwar eigentlich schon nicht mehr, seit wir begonnen haben, eine technische Zivilisation zu errichten, also ungefähr etwa seit der Entdeckung des Feuers oder der Sprache. Die einzige Verteidigung, die mir für Melancholie und Rowdytum einfällt, besteht in der Position eines radikalen Liberalismus, der alles Verrückte und Abnorme, Entartete und Verkommene als wesentlichen Teil der Vielfalt auffaßt, die es unbedingt zu erhalten gilt, wenn wir Wert legen auf einen moralischen und epistemologischen Fortschritt.
Es muß die Schwätzer, Betrüger und Wahnsinnigen geben, weil niemand weiß, was Wahrheit ist, und sich erst aus dem Zusammenstoß unterschiedlichster Ansichten die Möglichkeit ergibt, eine Ahnung zu bekommen, wo die Wahrheit liegen könnte. Ebenso muß es alle Arten von Verdrehtheit und Perversion, auch Melancholie und Rowdytum geben, sofern eine Polizei sicherstellt, daß diese Verdrehtheiten friedlich nebeneinander bestehen können, da niemand weiß, was das Gute ist, und erst aus dem Nebeneinander verschiedenster Lebensentwürfe klar werden kann, worin das gute Leben bestehen könnte.
Diese Ansicht ist aber unvereinbar damit, zum Beispiel einen literarischen Kanon anerkannt großer und bedeutender Bücher aufzustellen. Denn eben das hieße ja, zwischen gesunden und kranken Büchern unterscheiden zu wollen, und eben das ist etwas, was niemand vermag (schon gar nicht jemand, der Murasaki nicht kennt). Denn in Wahrheit weiß niemand, welche Bücher wirklich groß und bedeutend sind, und deshalb sollten wir so viele Bücher wie möglich überliefern und hoffen, daß verschiedene Menschen möglichst verschiedene Bücher lesen, und einen allgemeinen verbindlichen Kanon sollten wir scheuen, und wir sollten statt dessen den Rat von John Cage befolgen, die Schüler einer Klasse nicht alle das gleiche, sondern verschiedene Bücher lesen zu lassen. Unter Umständen kann das bedeuten, daß die Schüler sich ihre Schullektüre nicht selbst aussuchen können (weil dann nämlich alle den selben Bestseller lesen würden). Aber wir wollen ja auch nicht, daß in Zukunft nur noch blonde und blauäugige Kinder (am besten nur noch blonde und blauäugige Knaben) zur Welt kommen, und deshalb werden auch Eltern es sich gefallen lassen müssen, daß sie das genetische Schicksal ihrer Kinder nicht vollkommen autonom werden bestimmen können, und statt dessen werden wir den Zufall bemühen, nicht unbedingt, weil wir keine Alternative zum Zufall haben werden (denn der technische Fortschritt wird uns Alternativen zum Zufall in die Hand geben), sondern weil wir den Zufall als einen möglichen Generator von Vielfalt schätzen werden.
Mit einem gütigen Schöpfer oder einem göttlichen Plan hat das alles aber wenig zu tun. An eine empirisch nicht widerlegbare Metaphysik zu glauben bleibt natürlich jedem unbenommen, und wer mag, mag im Zufall Spuren der göttlichen Vorsehung entdecken. Aber der Glaube an Gott oder gar das Christentum sind kaum geeignet für eine Apotheose der Vielfalt. Denn für das Christentum ist die Wahrheit weder unerkennbar noch verborgen, sie ist vielmehr verkündet und in der frohen Botschaft offenbar, und damit ist der Spielraum für die Vielfalt stark eingeschränkt. Paulus spricht davon, daß Verschiedene der Heiligen (also der Christen) verschiedene Gnadengaben besitzen (die einen reden in Zungen, die anderen prophetisch), daß aber neben dem Heiligen auch das Verworfene unverzichtbar sein könnte, davon ist leider keine Rede. Der christliche Himmel ist von Liberalen, Kommunisten und Hinduisten gereinigt, während der liberale Staat ohne Christen, Kommunisten und Hindus kaum vorstellbar ist.
Zusammengefaßt meine ich: wer es sich zum Ziel gesetzt hat, die Welt von den Übeln des Atheismus, des Nikotin und der Schundliteratur zu reinigen, der wird nur dann die Welt nicht von den Übeln genetischer Varianz reinigen wollen, wenn ein magisches, rational nicht begründbares Tabu es ihm verbietet. Wer aber ein Tabu aufstellt, wird keinen Einzelfall mehr entscheiden können, sondern er wird lärmende Artikel über die Biotechnik schreiben, in denen er die Biotechnik als Werkzeug des Teufels brandmarkt, das mit Stumpf und Stil ausgerottet werden muß.
Wer dagegen Gründe hat, Vielfalt fördern zu wollen, wird nicht gezwungen sein, vor menschlichem Leid die Augen zu verschließen, denn die Möglichkeit von Vielfalt ist nicht nur unverzichtbar für das Streben nach Glück, sondern stets auch eine Quelle von Leid, und er wird in jedem einzelnen Fall eine Abwägung treffen können zwischen den verschiedenen Gründen, im Gesetzgebungsverfahren wird er mit Gründen darüber streiten können, welche technisch möglichen Verfahren erlaubt sein sollen und welche nicht, wo der verständliche Wunsch nach Gesundheit, wo der Wunsch nach Vielfalt höher zu bewerten ist, ohne daß es ein sinnloses Tabu bräuchte. Aus dieser Sicht sind Melancholie oder Rowdytum wertvolle Dinge und erhaltenswert. Über den Wert der Melancholie haben bereits andere geschrieben; Rowdytum braucht es, um eine Diktatur zu stürzen. Der christliche Staat wird keinerlei Selektion durchführen wollen aufgrund eines magischen Tabus, weil das eine Anmaßung der Schöpferrolle wäre, der kommunistische Staat wird Melancholie, Rowdytum und Originalität zusammen mit Chorea Huntington abschaffen wollen.
Im vernünftigen Staat verbleiben strittige Fälle, unklare Zwischentöne. Wie steht es etwa mit Trisomie 21? Die meisten Menschen sind wohl der Ansicht, hier überwiege das Leid den Gewinn durch Vielfalt. Ich bin anderer Meinung: wenn hier von Leid die Rede ist, sollten wir uns klar machen, daß wir vom Leid der Eltern reden, denn die betroffenen Kinder mit Down-Syndrom scheinen weder glücklicher noch unglücklicher als andere Menschen, sie wirken nicht elender als Gesunde. Auch das Leid der Eltern ist natürlich Leid und muß als solches ernst genommen werden, sicher werden wir den Eltern aber nicht alle Mühe und Plage ersparen können (auch das Aufziehen eines melancholischen oder gar rowdyhaften Menschen kann mühsam oder leidvoll sein). Im Staat, der auf Pluralismus Wert legt, werden verantwortungsvolle Bürger Propaganda zugunsten des Austragens von Kindern mit Trisomie 21 treiben (so, wie ich das jetzt gerade tue). Die mongoloiden Menschen leisten eine wertvolle Arbeit am Staat, indem sie den Staat zu Toleranz und Mitleid erziehen.
Ob es in zehn Millionen Jahren noch Menschen geben wird, bezweifle ich. Wenn wir bis dahin nicht längst ausgestorben sein werden, werden wir uns wohl bis zur Unkenntlichkeit verändert haben. Aber dieses Schicksal würde auch eine Art treffen, die keine Technik erfunden hätte. Es bedürfte schon eines unwahrscheinlichen technischen Aufwandes, den genetischen Wandel der Menschen künstlich zum Stillstand zu bringen (mit unserem gegenwärtigen Wissen wären wir dazu jedenfalls nicht in der Lage). Wer die Menschen nicht für die Krone einer Schöpfung hält, den wird dieser Gedanke nicht sonderlich beunruhigen. Ich bin aber doch zuversichtlich, daß, wenn es in zehn Millionen Jahren immer noch eine nennenswerte Zahl von Nachfahren von Menschen geben wird, daß deren genetische Vielfalt der unseren nicht wesentlich nachstehen wird. Denn wenn das, was ich über den Wert der Vielfalt sage, zutrifft, dann wird jede Zivilisation, die durch eine allzu radikale und einseitige Selektion in Richtung auf ein bestimmtes Ideal von Gesundheit die genetische Vielfalt zerstört, dem Untergang geweiht sein.
Es erstaunt mich ein wenig, welch schlechten Ruf Prometheus inzwischen genießt. Welch Sturz vom Prometheus Goethes, der sich gegen göttliches Unrecht auflehnt, zu Mary Shelleys neuem Prometheus, der sich vor dem sentimentalischen Monster fürchtet, das er selbst geschaffen hat. Durch unsere Angst wird das göttliche Unrecht nicht weniger. „Wer half mir/ Wider der Titanen Übermut?“ Weder Furcht noch Gott.
2.6.2001
Die Innuit kennen so-und-so viele Wörter für Schnee, die Mathematiker ein Dutzend Varianten von Kompaktheit.Die Dichter aber kennen die folgenden Bezeichnungen für Frauen:
Weib, Braut und Fljod heißen verheiratete Frauen, Sprund und Swanni solche, die anspruchsvoll sind und sich putzen. Snot ist Name solcher, die geschickt mit Worten sind. Dros ist eine von ruhiger Sinnesart. Swarri und Swark drücken Stolz der Betreffenden aus. Ristil ist eine Frau von tatkräftigem Charakter. Ryg heißt eine, die sehr mächtig ist. Feinma dagegen eine, die schüchtern ist, wie ganz junge Mädchen oder zaghafte Frauen. Säta heißt eine Frau, deren Mann auf Reisen ist. Häl eine, deren Mann erschlagen ist. Ekkja eine, deren Mann an einer Krankheit gestorben ist. Jede heißt zuerst Mädchen, Greisin aber, wenn sie alt geworden ist. Es gibt auch Frauenbezeichnungen, die zur bösen Nachrede dienen; die kann man in Gedichten finden, hier mögen sie wegbleiben. Eljur [Einzahl Elja] heißen solche Frauen, die einen Mann gemeinsam haben. Schnur heißt die Frau des Sohnes. Schwiegermutter heißt die Mutter des Mannes. Es gibt ferner Mutter, Amma [Großmutter], drittens Edda [Urgroßmutter]; Eida bedeutet auch „Mutter“. Weitere Namen sind Tochter, Kind, Jod; ferner Schwester, Dis, Jod-Dis. Die Frau heißt auch Bettgenossin, Gemahlin, Raunerin ihres Mannes; das sind Bei-Kenningar [Kenning = verrätselnde Umschreibung].
Snorri Sturluson, Edda [sogenannte Jüngere Edda oder Prosa-Edda]
Leider ist eine vollständige Ausgabe der Snorrischen Edda als Neuauflage derzeit nicht erhältlich. Der Manesse Verlag (einer Modetorheit folgend, nennen die meisten Verlage sich nicht mehr „Blabla-Verlag“, sondern „Blabla Verlag“) bringt eine gekürzte Fassung, die zwar Abschnitt 31 der Skáldskaparmál bringt, die ebenfalls Umschreibungen für Frauen anführt, nicht aber den von mir zitierten Abschnitt 68. Vermutlich müssen wir dankbar sein selbst noch für die gekürzte Fassung, schließlich ließe sich mit schlechteren Büchern besseres Geld verdienen.
3.6.2001
Das menschliche Leben währt vielleicht 613 620 Stunden, manchmal auch 876 600, oft weniger. Von den Stunden eines gnädigen traumlosen Schlafes abgesehen, verbringen wir die meisten dieser Stunden mit unnützer und langweiliger Arbeit, um uns unseren Lebensunterhalt zu verdienen, mit brennender schmerzlicher Sehnsucht, mit Lüge und Verstellung, mit bohrender Angst im Magen vor den Schlägen der Zukunft, mit Stummheit, mit Peinlichkeiten, mit häßlichen Menschen, mit dem Warten auf das Klopfen der Geheimpolizei, mit Verhören und Folter, mit Krankheiten und Schmerzen, und es bleiben vielleicht hundert Stunden übrig, die zu leben lohnt. Aber am Ende wird uns ein großzügigerer und freigiebigerer Schlaf beherbergen.
29.6.2001
Gestern war ich wieder in meiner alten Schule, zur Abiturfeier meines Bruders. Vermutlich werde ich jetzt wieder nächtelang Alpträume haben. Das Mädchen in dem schönsten Kleid bekam einen Preis für herausragende Leistungen im Fach Mathematik.
30.6.2001
Die Abiturientenrede dieses Abends lautete übrigens nicht folgendermaßen:
„Neun Jahre lang sind wir von verschiedensten Lehrern unterrichtet worden, und viele von ihnen waren ehrlich bemüht, uns etwas beizubringen, obwohl wir ihnen diese Mühe oft schlecht gedankt haben. Uns unterrichten zu wollen war mühselig und gefährlich. Wer uns unterrichten wollte, mußte Unterrichtsstunde für Unterrichtsstunde unter Hochspannung stehen, denn gnadenlos und unerbittlich weideten wir uns an jedem Fehler, mit keiner Schwäche zeigten wir Mitleid. Wer vor uns trat, um uns zu unterrichten, mußte damit rechnen, daß wir ihn zerreißen und zerfleischen würden, sobald sich uns eine Gelegenheit bot. Ich bin sicher, daß wir unseren Lehrern viel Nerven und viel Gesundheit gekostet haben, und daß sie trotzdem versucht haben, uns etwas beizubringen, dafür möchte ich mich aufrichtig und von Herzen bedanken, und für alle Qual, die wir ihnen verursacht haben, möchte ich mich entschuldigen.
Wenn wir unsere Schule vergleichen mit Schulen, wie sie vor hundert Jahren waren oder wie sie in anderen Ländern noch heute sind, so hat sich unbestreitbar vieles verbessert. Es ist heutzutage bei uns nicht mehr üblich, daß den Schülern mit dem Rohrstock Jahreszahlen beigebracht werden, wann welcher König welche Schlacht geschlagen hat. Wir bekommen heute abend ein Papier ausgehändigt, das uns die allgemeine Hochschulreife bescheinigt. Nicht, daß wir viel gelernt haben, wird uns da bescheinigt, sondern daß wir gelernt haben, zu lernen, daß wir imstande sind zu lernen und Wissen zu erwerben. Nicht alle von uns werden an eine Universität gehen, manche werden eine Berufsausbildung beginnen, aber, eventuell nach einer kurzen Unterbrechung durch Kriegs- oder Zivildienst, durch ein freiwilliges soziales Jahr oder ein Jahr als Au Pair im Ausland werden fast alle von uns wieder zu lernen beginnen. Haben wir also nun gelernt, wie sich Wissen erwerben läßt? Nun, wir wissen jetzt zum Beispiel, wie sich eine Kurvendiskussion durchführen läßt. Uns ist auch im Unterricht ein Beweis vorgeführt worden, wie sich die grundlegenden Sätze der Integral- und Differentialrechnung herleiten lassen. Für wie unwichtig diese Beweise gehalten werden, läßt sich schon daran ersehen, daß sie nie prüfungsrelevant waren. Uns wurde nicht beigebracht, Beweise zu neuen Sätzen zu finden, sondern Kurvendiskussionen zu führen. Und die Beweise, die uns da im Unterricht vorgeführt wurden, waren ja auch gar keine echten Beweise. Uns wurde nicht gezeigt: dieses Problem haben Newton und Leibnitz gehabt, dieses Problem haben sie zu lösen versucht, dabei sind sie in diese Sackgasse geraten, und dann haben Cauchy und Dirichlet die-und-die Veränderungen vorgenommen. Statt dessen haben wir da einen vereinfachten, vorgekauten Beweis vorgeführt bekommen, in dem alles wunderbar glatt aufgeht, in dem keine Schwierigkeiten auftauchen, wo alles sich von selbst auflöst. Uns ist nicht gezeigt worden, wie ein Mathematiker Probleme löst, sondern wie ein geschicktes Lehrbuch alle echten Probleme vermeidet. Unsere Schulbeweise verhalten sich zu echten Beweisen wie Maggi-Kartoffelbrei zu Kartoffelbrei. Im Biologieunterricht wurden uns alle Einzelheiten des Zitronensäurezyklus vorgeführt, so, als ob irgend ein halbwegs geistig gesunder Mensch sich für den Zitronensäurezyklus interessieren könnte. Wenn uns gesagt worden wäre: wie mag wohl der Energiehaushalt einer Zelle funktionieren, wie könnten wir das herausfinden, welche Schritte sind gemacht worden zur Klärung dieser Frage? dann könnte selbst etwas so langweiliges wie der Zitronensäurezyklus interessant und spannend werden, nämlich als Antwort auf eine interessante und spannende Frage, an sich aber, als vorgefertigte Antwort, ist daran gar nichts spannendes. So wissen also nun alles über den Zitronensäurezyklus außer, wie er sich entdecken läßt und was seine Kenntnis uns nützt, welche Fragen er beantwortet. Und ich fürchte, die wenigsten von uns, die wir heute unser Reifezeugnis erhalten, wissen über die grundlegenden Prinzipien der Evolutionstheorie oder der Genetik in einem Maß Bescheid, wie es von einem gebildeten Menschen eigentlich erwartet werden sollte. Wir wissen nun alles über die Dramen Schillers, die Gedichte Schillers und die Dramen Brechts. Daß aber Schiller und Brecht weder die beiden einzigen noch die besten Autoren der Weltliteratur sind, das hat uns niemand gesagt. Die Existenz von Homer, von Dante, von Shakespeare, die Existenz des Mahābhārata, des Ramayana und der Geschichte des Prinzen Genji oder auch nur, wenn es denn deutschsprachige Autoren sein müssen, von Wieland, selbst von Goethe, von Oswald von Wolkenstein, von Walther von der Vogelweide, von E.T.A. Hoffmann, beinahe auch von Kafka, wurde uns verschwiegen. Ging es um Sturm und Drang, so behandelten wir Schiller, ging es um Klassik, behandelten wir Schiller, ging es um Romantik, dann behandelten wir zwar nicht Schiller, aber dafür Eichendorff, obwohl wir doch auch Ludwig Tieck hätten behandeln können. Beinahe scheint es, als bevorzuge der Lehrplan mittelmäßige Schriftsteller, die so simpel gestrickt sind, daß auch der dümmste Deutschlehrer sie noch begreifen kann. Vielleicht möchte ja ein Lehrer voller Liebe und Begeisterung, vom pädagogischen Eros beflügelt, uns etwas über Tieck erzählen, aber nein, der Lehrplan schreibt ihm Schiller vor, Schiller und Brecht, Brecht und Schiller. Ich erinnere mich an eine Deutschstunde, als dem Lehrer der Lehrstoff genauso fad und öde wurde wie uns, und er uns statt dessen von den Renaissancepäpsten zu erzählen begann. Diese Deutschstunde wurde die beste Stunde Geschichtsunterricht, die ich an dieser Schule hatte, und vielleicht war es sogar die einzige wahre Stunde Geschichtsunterricht, die ich je erlebt habe. In den Lehrplänen können wir etwas über den großartigen Reformator Luther erfahren, nicht aber können wir etwas darüber erfahren, wie es ist, selbst zu denken und zu forschen und vielleicht zu entdecken, was für ein rückständiger und widerwärtiger Mensch Luther war, und um wie viel sympathischer der geschmähte, gebildete und vom Lehrplan verheimlichte Papst Leo der Zehnte.
John Cage, vielleicht der einflußreichste Komponist der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, den unsere Unterrichtsmaterialien freilich nur als nicht ernst zu nehmenden Musikclown kennen, John Cage hat aus seiner Schulzeit erzählt, wie er einmal auf eine Arbeit lernen und ein bestimmtes Buch lesen sollte, wie er in die Bibliothek ging und ein ganz anderes Buch gründlich durchlas, das mit dem Unterrichtsfach nichts zu tun hatte, und wie er dann in der Arbeit eine Eins schrieb, und zwar als Einziger. Aus eigener Erfahrung kann ich bestätigen, daß diese Methode tatsächlich funktioniert. Ich habe daher in dieser Schule viel gelernt, das wenigste davon jedoch im Unterricht. John Cage hat sein Erlebnis zum Anlaß genommen, zu fragen, ob es nicht Verschwendung sei, alle Schüler das gleiche Buch lesen zu lassen, statt daß alle Schüler verschiedene Bücher lesen. Solange aber die Schule nicht darauf abzielt, den Schülern das Lernen und Forschen beizubringen, sondern den Lehrplanstoff, so lange ist diese Frage natürlich Unsinn.
Gutes Essen, ins Kino gehen oder Sex sind vergnügliche Dinge, aber nicht zu vergleichen mit der ungeheuren Wonne einer neuen Erkenntnis. Und trotzdem, wir, die wir hier versammelt sind, denken nicht etwa, wie herrlich, daß wir jetzt die Hochschulreife besitzen und endlich anfangen dürfen zu lernen und zu forschen, sondern wir denken, wie wir von daheim ausziehen und Geld verdienen können und wie wir diese Woche möglichst viele Feten besuchen können und uns dort betrinken können und im Rausch die ganzen Kurvendiskussionen, Zitronensäurezyklen, Schiller und Brecht hinunterspülen können, die uns aufgezwungen wurden und uns zu vergiften drohen, die wir mühsam und unter Qualen erlernt haben und die wir nun möglichst rasch vergessen wollen und mit denen wir nie wieder etwas zu tun haben wollen. Wir kamen hierher, unschuldig und neugierig, und ihr habt unsere Unschuld und Neugier, unsere Unwissenheit und Wehrlosigkeit mißbraucht und vergewaltigt und uns ein unnützes Wissen aufgezwungen und uns die beste Fähigkeit des Menschen, die Lust an der Erkenntnis, verstümmelt und besudelt, und dafür bedanken wir uns nicht.
Bei meinen beiden Reden über die Lüge scheint es, als habe ich den wichtigsten Bereich der Lüge vergessen. Denn die Lüge, die ich dort behandle, stellt nur einen winzigen Bruchteil aller Lügen dar. Jeder Mensch lügt jeden Tag hundertfach und muß lügen, um die Getriebe der Gesellschaft geschmeidig zu halten, ohne daß davon meine Reden über Erkenntnis und Propaganda betroffen wären. Ich will an dieser Stelle nicht die verwickelte und filigrane Kasuistik der Jesuiten wiederholen oder übertrumpfen, wann Lügen gerechtfertigt sind und wann nicht. Bestimmte alltägliche Lügen jedenfalls wehren einen Wissensanspruch ab, der auf unziemliche Art und Weise in die eigene Privatsphäre einzudringen versucht, und sind darum legitim. Ein Mann habe den Nachmittag damit verbracht, Pornoheftchen anzuschauen, und seine Ehefrau fragt ihn, wie er den Nachmittag verbracht hat, und er antwortet, er habe Civilisation gespielt und den Erdball erobert oder The Incredible Machine. Auch in einer Ehe haben die Gatten Anspruch auf je eigene, intime Räume, die den jeweils Anderen nichts angehen und vor ihm verborgen bleiben dürfen. Der Ehemann hat seiner Frau mitgeteilt, daß er den Nachmittag mit harmlosen Vergnügen zugebracht hat, und mehr zu wissen steht ihr nicht zu. Hätte er den Nachmittag mit einer Geliebten verbracht und behauptet, er habe angefangen, sich mit der Steuererklärung zu beschäftigen, so hätte es sich um eine unzulässige Lüge gehandelt, wenn wir voraussetzen, daß die beiden Gatten einen Seitensprung als Treuebruch auffassen. Es ist auch nicht erforderlich, einem Arbeitskollegen die Mitgliedschaft in der marxistisch-leninistischen Partei, dem hiesigen Ortsverein der Satanisten oder die eigene Homosexualität mitzuteilen, und Fragen zur eigenen Haltung zu Politik, Gesellschaft, Religion oder zu privaten Beziehungen müssen nicht wahrheitsgemäß beantwortet werden, obwohl es natürlich zur Beförderung einer toleranten und pluralistischen Gesellschaft wünschenswert wäre, sie würden es. Bekanntlich darf auch die Frage eines Arbeitgebers oder eines potentiellen Arbeitgebers über das Bestehen einer Schwangerschaft mit einer Lüge beantwortet werden. Fragt uns unser Gemüsehändler, wie es uns geht, so fragt er nach Dingen, die ihn nichts angehen (es sei denn, der Gemüsehändler ist zufällig auch unser bester Freund), und auch, wenn wir spüren, daß wir am Beginn einer mehrtägigen schweren Depression stehen, so lautet die richtige Antwort selbstverständlich „Danke, bestens“ (im Amerikanischen ist das Wort „Hovaryoo“ bekanntlich keine Frage mehr, die sich mit „Thank you, fine“ beantworten ließe, sondern eine Begrüßungsfloskel wie „Guten Tag“ oder „Grüß Gott“, die dementsprechend mit „Hovaryoo“ beantwortet wird).
Abfahrt vom Gehöft der Schwiegermutter. Die Schwiegermutter, der geblendete Polyphem, wirft uns Lebensmittel der mütterlichen Liebe hinterher: „Nehmt doch noch diese Schokolade, diese Eier, diese Nudeln, diesen Jokurt mit“, so will sie das Gepäcknetz unseres Zuges zum Sinken bringen.
1.7.2001
Volkstümliche Logik: Verona Feldbusch hat viel Geld verdient, also muß Verona Feldbusch intelligent sein.
10.7.2001
Wozu die Leute früher „Plan“ sagten, das nennen sie heute „Vision“. Wozu sie dagegen früher „Vision“ sagten, das heißt heute „psychotischer Schub“.
16.7.2001
Die armen Ameisenprinzessinnen, die sich alle den gleichen Samstag ausgesucht haben, um Männer zu treffen und zu schwärmen, krabbeln über den Asphalt und suchen vergebens nach einer günstigen Stelle, um ihr Nest zu graben.
21.7.2001
Die PDS bedauert aufrichtig, daß der Westen die DDR zum Mauerbau gezwungen hat.
- In einer Vase in Helikarnos haben sie eine uralte Abschrift des Philosophos von Platon gefunden.
- und, was steht drin?
- der übliche Schmarrn halt.
2.8.2001
Die Sonnenblumen haben Haloween-Gesichter.
3.8.2001
Die Gläubigen trösten sich gerne, daß, wenn Gottes Existenz schon nicht bewiesen werden kann, sie wenigstens nicht widerlegt werden kann. Aber sie täuschen sich: denn das, was nicht an der Erfahrung scheitern kann, kann immer noch an der Logik scheitern, und was empirisch nicht zu widerlegen ist, kann immer noch widersprüchlich sein, außerdem ist bei Existenzsätzen die Alternative „bewiesen/widerlegt“ nicht gleichwertig. Es gibt daher zwei Argumente gegen die Existenz Gottes. Leider wurden beide schon vor mir entdeckt, und leider wurden beide bereits brillant formuliert. Schopenhauer drückt das erste in den „Parerga und Paralipomena“ so aus:
Aber sogar auch die Annahme irgendeiner von der Welt verschiedenen Ursache derselben ist noch kein Theismus. Dieser verlangt nicht nur eine von der Welt verschiedene, sondern eine intelligente, d.h. erkennende und wollende, also persönliche, mithin auch individuelle Weltursache: eine solche ist es ganz allein, die das Wort Gott bezeichnet. Ein unpersönlicher Gott ist gar kein Gott, sondern bloß ein mißbrauchtes Wort, ein Unbegriff, eine contradictio in adiecto, ein Schibboleth für Philosophie-Professoren, welche, nachdem sie die Sache haben aufgeben müssen, mit dem Wort durchzuschleichen bemüht sind. Andererseits nun aber ist die Persönlichkeit, d.h. die selbstbewußte Individualität, welche erst erkennt und dann dem Erkannten gemäß will, ein Phänomen, welches uns ganz allein aus der auf unserm kleinen Planeten vorhandenen animalischen Natur bekannt und mit dieser so innig verknüpft ist, daß es von ihr getrennt und unabhängig zu denken wir nicht nur nicht befugt, sondern auch nicht einmal fähig sind. Ein Wesen solcher Art nun aber als den Ursprung der Natur selbst, ja alles Daseins überhaupt anzunehmen ist ein kolossaler und überaus kühner Gedanke, über den wir erstaunen würden, wenn wir ihn zum ersten Male vernähmen und er nicht, durch die frühzeitigste Einprägung und beständige Wiederholung uns geläufig, ja zur zweiten Natur, fast möchte ich sagen: zur fixen Idee geworden wäre.
[Frankfurt a.M. 1996 S. 143f]
Ergänzend möchte ich hinzufügen, daß Herr Professor Heidegger zwingend nachgewiesen hat, daß zum Dasein stets auch Zeit gehört (um zu wollen oder uns zu sorgen, kommen wir nicht ohne Zeit aus). Andererseits hat Herr Bischof Augustinus zwingend nachgewiesen, daß ein ordentlicher Gott nicht nur die Welt, sondern auch die Zeit erschaffen haben muß. Beides zusammen ergibt, daß Gott kein Dasein haben kann.
Das zweite Argument findet sich zwar ebenfalls bei Schopenhauer [Gesamtwerke 4, Frankfurt a.M. 1996, S. 132f], noch schöner aber wird es von Hans Albert im „Traktat über kritische Vernunft so formuliert:
Es gibt in der Wissenschaft immer wieder Existenzprobleme, die durch die Entwicklung prüfbarer und bewährter erklärender Theorien gelöst zu werden pflegt. Wenn man über akzeptable Theorien dieser Art verfügt, die das wirkliche Geschehen ausreichend erklären, dann wird man im allgemeinen annehmen dürfen, daß die in diesen Theorien auftretenden Faktoren auch wirklich existieren. Dagegen wird man den Glauben an die Existenz von Wesenheiten, die nur in gescheiterten und überwundenen Theorien eine wesentliche Rolle spielen, zusammen mit diesen Theorien aufgeben müssen, wenn anders man den Anspruch machen will, sich an kritische Methoden zu halten. So wird man etwa heute weder an die Existenz des Phlogiston, noch an die des Äthers oder einer speziellen Lebenskraft glauben, und zwar nicht deshalb, weil dieser Glaube an sich sinnlos wäre, sondern deshalb, weil die theoretischen Auffassungen, mit denen er verbunden war, sich als nicht haltbar erwiesen haben.
[Tübingen 1968 S. 117 bzw. Tübingen 1991 S. 139]
Tja, das war’s dann wohl, Jehova.
4.8.2001
Bei nochmaligem Nachdenken über das Lügen habe ich meine Meinung nochmals geändert. Ich halte es inzwischen für schädlich, bei banalen Dingen zu lügen, weil es eine schlechte Gewohnheit darstellt. Außerdem ist nicht immer einfach zu entscheiden, was banal ist und was nicht, und verschiedene Menschen mögen hier verschiedener Ansicht sein. Die korrekte Antwort auf die Fragen „Wie geht es dir?“ „Was hast du heute Nachmittag gemacht?“ „In welcher Partei bist du?“ lautet daher „Das geht dich nichts an“. Ach, ich weiß doch auch nicht, macht doch, was ihr wollt, ihr hört ja doch nicht auf mich.
14.8.2001
Da in der Theologie für das Verhältnis zu Gott des öfteren die Metapher des Unendlichen gebraucht wird, mag es hilfreich sein, einen Irrtum bezüglich der Verwendung des Unendlichen in der Mathematik auszuräumen. Es ist keineswegs wahr, daß sich in der Mathematik nur indirekt, andeutungsweise vom Unendlichen sprechen ließe. Dies mag etwa für die Arithmetik der reellen Zahlen zutreffen, da die reellen Zahlen das Unendliche nicht enthalten (technisch gesprochen, sind die reellen Zahlen nicht kompakt, ein Mangel, der sich recht banal beheben läßt), so daß das Unendliche nicht unmittelbar als reelle Zahl, sondern nur als Grenzwert einer Folge reeller Zahlen erscheint. Für die Mengenlehre und die Betrachtung der verschiedenen Kardinalzahlen gilt das aber keineswegs, hier ist das Unendliche gegeben und technisch handhabbar, es läßt sich benennen und klassifizieren und berechnen. In einem banalen Sinn ist es richtig, daß das Unendliche uns nicht aktual gegeben ist in dem Sinn, daß wir eine unendliche Reihe von Zahlen niederschreiben könnten. Ebenso ist uns Gott nicht unmittelbar gegeben. Aber ebenso ist uns überhaupt jedes Ding in der Welt, der Tisch, an dem ich sitze ebenso wie das ich, das dies hier angeblich schreibt, nicht unmittelbar gegeben, und wir können uns auf all diese Dinge nur mittelbar, über den Umweg von Bild und Begriff, beziehen. Ließe sich tatsächlich über Gott nichts sagen, nur weil er uns nicht unmittelbar gegeben ist, so ließe sich auch nichts über Tische oder Menschen aussagen. Tatsächlich aber denkt ja in Wahrheit der sich auf die negative Theologie Berufende gar nicht, nichts über Gott zu sagen, wie seine Theorie es ihm nahelegen würde, sondern sein Reden über Gott füllt Bücher um Bücher.
16.8.2001
Am späten Nachmittag fängt es an zu regnen, aber es ist immer noch warm, die Wäsche habe ich in Sicherheit gebracht, die Sonne scheint, und das Sonnenlicht spielt mit dem Regen, der mit Kirschbaum und Birke spielt. Also müßte es doch vom Ostfenster aus einen Regenbogen zu sehen geben, zumal der Regen in Richtung Stadt zieht. Nichts, nichts, eine dunkelgraue Wand, oder doch, da, eine Ahnung, eine Andeutung. Ich sehe dem Regenbogen beim Wachsen zu, schließlich ist es so stark, daß ein blasser zweiter Regenbogen erscheint. Von meinem Zimmer aus, wo ich das hier schreibe, sind noch immer beide zu sehen und spannen ihren Bogen von Nachbarhaus zu Nachbarhaus. Der innere der beiden Bögen ist inzwischen so leuchtend geworden, daß sich der grüne Streifen auf der Innenseite wiederholt.
17.8.2001
Irgendwo weiter oben habe ich beschrieben, warum angeborene Theorien uns in die Irre führen können. Abgesehen davon, daß es „angeborene Theorien“ nicht gibt und es sich um eine abkürzende Schreibweise für „Wahrnehmungsapparat nebst angeborenen Verhaltensdispositionen“ handelt, ist die letzte Steigerung dieser These, angeborene Ideen könnten sogar schädlich sein, interessant, weil sich in ihr eine Mehrdeutigkeit verbirgt. Die Formulierung lautete „Und es läßt sich noch nicht einmal die Einschränkung machen, ihre Falschheit müsse stets von einer Art sein, die keinen Überlebensnachteil darstellt.“ [24.4.2001 d] Das Wort „Überlebensnachteil“ kann verschiedenes bedeuten. Ich gebe zwei Beispiele: ein kollektives und ein individuelles. Es kann ein ganzes Kollektiv durch ein Vorurteil in den Untergang gerissen werden, oder sogar eine ganze Art (für letzteres gibt es für uns Menschen natürlich noch kein Beispiel, da es uns ja noch gibt). Oder es kann ein einzelner Mensch zu Schaden kommen. Ein Biologe dagegen wird beim Wort „Überlebensnachteil“ an eine Reduktion der Fitness denken, also an einen sehr spezifischen technischen Begriff, der einen „statistischen Nachteil eines Individuums“ meint. Für die Evolution ist es gewöhnlich wenig relevant, ob ein Gen einer Gruppe nützt oder schadet, da die Auslese auf der Ebene der Individuen wirkt und Gruppenselektion ein oft vermutetes, aber eher fragwürdiges Prinzip (mit großen Schwierigkeiten) ist, weshalb es immer nur um die Erhöhung oder Senkung der Fitness der einzelnen Vertreter der Art geht. Andererseits kann ein Gen manchen Individuen nützen, anderen schaden, ohne daß dies für die Evolution bedeutsam wäre, da es für die Evolution nur darauf ankommt, ob ein bestimmtes Gen (im Zusammenspiel mit den übrigen Genen) im statistischen Mittel nützt oder schadet. Eine angeborene Theorie kann daher ein bestimmtes Individuum in den Tod (oder Nachkommenslosigkeit) führen, aber statistisch nützlich sein und sich daher durchsetzen. Wenn wir „Überlebensnachteil“ in diesem speziellen Sinn als „statistischer Nachteil einzelner Wesen“ auffassen (wie das vermutlich die meisten Biologen oder biologisch Gebildeten ohne Zögern tun werden), dann ist mein Satz falsch. Als Nichtbiologen, sondern Betroffene, haben wir freilich nur bedingt Anlaß, eine statistische statt einer konkreten Deutung zu bevorzugen: es interessiert mich eher, ob mir ein bestimmtes Verhalten konkret nützt, als ob es mir statistisch nützt (oder einem meiner Vorfahren in der Steinzeit statistisch genützt hätte).
Aus gegebenem Anlaß bestätige ich gerne, daß der Landtagsabgeordnete Peter Hauk, wenn er sich auf seiner Homepage in einer Bildergallerie in Bildern mit Unterschriften wie „Ein lockerer Typ“ abbilden läßt, sich lächerlich macht. CDU-Abgeordnete sollten erst gar nicht versuchen, coole und lockere Typen zu sein, dafür werden sie ja auch gar nicht gewählt.
Titelseite der Tageszeitung: rechts Frau Merkel auf dem Fahrrad, links ihre Zustimmung zum Mazedonieneinsatz. Der Zusammenhang zwischen Fahrradfahren und Militarismus ist unübersehbar: auch Scharping ist im Balkan einmarschiert, nachdem er vom Rad gefallen ist. Wahrscheinlich waren auch Hitler und Stalin passionierte Radfahrer. Frau Wagenknecht dagegen läßt sich in einer Limousine kutschieren und ist gegen einen Militäreinsatz. Eventuell würde sie dafür sogar eine Mauer bauen.
Volkstümliche Logik 2: Dieter Bohlen hat viel Geld verdient, also muß Dieter Bohlen intelligent sein.
Die Mauer in den Köpfen wächst. Zumindest schreiben das die Zeitungen.
18.8.2001
Hierzulande scheinen die meisten Gebildeten gegen die Todesstrafe zu sein, oder sie trauen sich nicht, etwas anderes zu sagen. Dabei sind die Gründe, die sie gegen die Todesstrafe anführen, des öfteren recht dürftig. Die Todesstrafe, so heißt es, sei grausam, unmenschlich und barbarisch. Nun, das ist eine beeindruckende Parade von Adjektiven, die aber ganz unverbindlich bleibt. Ein Befürworter der Todesstrafe mag behaupten, die Todesstrafe sei wohltätig, menschlich und zivilisiert. Es scheint hier etwas mehr gedankliche Anstrengung nötig zu sein, als schlicht zu reklamieren, als Einziger im Besitz der Prinzipien des Humanismus zu sein.
Wozu könnte die Todesstrafe gut sein? Sie könnte das Rachebedürfnis der Opfer von Verbrechen und deren Angehörige befriedigen, und sie könnte durch Abschreckung künftige Verbrechen verhindern. Unter bestimmten Bedingungen ist sie außerdem billiger als eine langjährige Gefängnisstrafe. Dies gilt allerdings kaum in einem Rechtsstaat, in dem die Durchführung der Todesstrafe stets mit großem Aufwand verbunden sein wird und deshalb gegenüber einer langjährigen Gefängnisstrafe kaum Kostenvorteile bietet.
Warum sollte der Staat ein Interesse daran haben, das Rachebedürfnis der Opfer von Verbrechen und deren Angehörige zu befriedigen? In einem Staat, in dem Verbrechen durch die Regierung kaum oder gar nicht geahndet werden, werden die Bürger dazu übergehen, die Rache für erlittenes Unrecht eigenhändig zu organisieren, wobei es zu sich gegenseitig verstärkenden Exzessen kommen kann, in denen etwa ein erster Mord eine ganze Reihe weiterer Morde nach sich ziehen kann. In einem Staat, in dem Verbrechen nicht bestraft werden, wird ein Opfer sein Rachebedürfnis nur stillen können, wenn es die Rache selbst vollzieht, und es wird dies um so eher tun, als es selbst ja ebenfalls vom Staat nichts zu befürchten hat (es sei denn, wir hätten ein exzentrisches Staatsgebilde vor uns, daß Verbrechen nur dann bestraft, wenn sie aus Rache begangen wurden). Die staatliche vollzogene Rache wird vernünftiger Weise so ausfallen, daß sie gerade hinreichend ist, um private Rache in der Mehrzahl der Fälle zu verhindern. Die staatliche Rache wird das Bedürfnis nach privater Rache nie ganz stillen können: selbst die Todesstrafe kann das nicht, denn es mag ja dem Opfer so scheinen, als sei der Tod noch zu gut für den Verbrecher und die Rache sei unvollständig, wenn der Verbrecher nicht zuvor der Folter unterworfen würde, und die Möglichkeiten der Folter sind nur insoweit begrenzt, insoweit die menschliche Phantasie begrenzt ist, die gerade auf diesem Gebiet nicht untätig war. Wie stark die staatliche Sühne ausfallen muß, um das Bedürfnis nach privater Rache unschädlich zu machen, ist keine moralische, sondern eine empirische Frage. Erfahrungsgemäß reichen aber langjährige Gefängnisstrafen aus, um private Racheakte zu etwas sehr seltenem zu machen. Durch Propaganda kann der Effekt der staatlichen Rache noch verstärkt werden.
Eine Argumentationsfigur der Befürworter der Todesstrafe lautet: wenn ich durch die Todesstrafe die Ermordung von x Menschen verhindern kann, dann sollte ich die Todesstrafe selbst dann einführen, wenn dabei y Unschuldige hingerichtet werden, solange nur y kleiner als x ist. Wenn wir die Todesstrafe einzig und allein zur Abschreckung einführen, dann scheint mir diese Argumentation höchst unredlich. Sie unterstellt, daß der Mörder alle Bürger- und Menschenrechte aufgrund seiner Tat eingebüßt hat und daß seine Ermordung bei der Rechnung nicht zählt. Wenn wir aber unvoreingenommen uns lediglich vornehmen, die Zahl der Morde zu minimieren, dann können wir so kaum argumentieren. Statt dessen sollten wir fordern: die Zahl der durch die Todesstrafe verhinderten Morde sollte größer als die Zahl der Hinrichtungen sein.
Ob das der Fall ist, ist wiederum keine moralische, sondern eine empirische Frage. Die Antwort wird von den besonderen Umständen abhängen und von Land zu Land unterschiedlich ausfallen. Ich halte die Todesstrafe für kein besonders wirksames Instrument der Abschreckung, wie ich im folgenden ausführen werde, aber das ist eine Meinung in Bezug auf eine Tatsachenfrage, und ich bin bereit, mich eines Besseren belehren zu lassen. Es ist möglich, daß ich mich irre und daß sich überzeugend nachweisen läßt, daß die Todesstrafe eben doch eine effektive Methode der Abschreckung ist. Falls das der Fall ist, dann wird kein noch so moralisches Argument an den Tatsachen etwas ändern können: falls die Todesstrafe ein wirksames Instrument der Abschreckung ist, dann ist sie ein wirksames Instrument der Abschreckung, ob uns das nun gefällt oder nicht.
Ob die Todesstrafe eine wirksame Form der Abschreckung darstellt, ist zwar eine empirische Frage, aber eine, die zu beantworten mit großen technischen Schwierigkeiten verbunden ist. Wir haben Länder, in denen es die Todesstrafe gibt, und andere Länder, in denen es die Todesstrafe nicht gibt, aber diese Länder unterscheiden sich auch in vielen anderen Aspekten. Wir können auf die Taschendiebe verweisen, die ihren Beruf inmitten der Menge der Schaulustigen ausübten, die herbeigeeilt war, der Hinrichtung von Taschendieben beizuwohnen, und sagen, daß diese Taschendiebe nicht einmal beim leibhaftigen Anblick ihrer unglücklichen Kollegen abgeschreckt wurden. Wir können aber natürlich auch behaupten, ohne diese Abschreckung hätte es in der Menge, hätte sie sich aus einem anderen Grund versammelt, noch viel mehr Diebe gegeben. Bei einer numerischen Betrachtung ist es im übrigen ungeschickt, das Beispiel der Diebe zu wählen, denn wir wollen ja wissen, wie viele Morde im Schnitt pro Hinrichtung durch Abschreckung verhindert werden, und ob diese Zahl größer oder kleiner als Eins ist, und nicht, wie viele Diebstähle verhindert wurden.
Anschaulich scheint mir freilich offensichtlich, daß die Zahl der Morde in einem Land viel eher durch die Einkommensverteilung und die Verfügbarkeit von Waffen beeinflußt wird. Es scheint mir recht heuchlerisch, Morde durch die Todesstrafe verhindern zu wollen, ohne das weitaus einfachere Mittel der Restriktion des privaten Waffenbesitzes oder das weitaus wohltätigere Mittel eines Einkommensausgleichs versucht zu haben.
Nehmen wir aber, um des Argumentes willen an, wir hätten es mit einem Land zu tun, indem der Waffenbesitz bereits restriktiv gehandhabt wird und wirksame Mechanismen zur Verfügung stehen, den Armen und Schwachen beizustehen und bedeutende soziale Verwerfungen zu verhindern, Mechanismen, die weiter auszubauen nicht rätlich scheint, oder wir wären aus ernsten Gründen gehindert, den Waffenbesitz zu kontrollieren oder weitverbreitete drückende Armut zu verhindern. Angenommen nun, eine Hinrichtung könnte im Schnitt tatsächlich mehr als einen Mord verhindern, wäre es dann nicht wohltätig und ratsam, die Todesstrafe einzuführen?
Die Häufigkeit von Mord wird noch von einem weiteren Faktor massiv beeinflußt, nämlich der Aufklärungsrate, dem Anteil der bestraften an den begangenen Morden, die in einem geordneten Staatswesen, das seiner Polizei großzügig Mittel zur Verfügung stellt, höher sein wird als in anderen Staaten. Je höher die Aufklärungsrate ist, desto größer muß die abschreckende Wirkung der Todesstrafe sein, weil ja aufgrund der hohen Aufklärungsrate bereits viele staatliche Morde begangen werden und mehr Morde durch Abschreckung verhindert werden müssen, damit es mehr verhinderte Morde als Hinrichtungen gibt. Gleichzeitig aber ist es so, daß mit steigender Aufklärungsquote die abschreckende Wirkung der Todesstrafe sinkt (und nicht etwa steigt, wie auf den ersten Blick zu erwarten), weil ja bei einer sehr hohen Aufklärungsquote bereits die abschreckende Wirkung einer Gefängnisstrafe sehr hoch ist und wir der Todesstrafe nur den Teil der Abschreckung gutschreiben dürfen, der nicht bereits durch andere Strafen erreicht wird. Würde jeder Mord aufgeklärt, so würde Mord nur noch im Affekt oder von Unsinnigen begangen, das heißt, die abschreckende Wirkung der gewöhnlichen Strafen wäre bereits so hoch, daß die Todesstrafe dem nichts mehr hinzufügen kann. Wenn jemand einen Mord begeht, obwohl er gewiß weiß, dafür für viele Jahre ins Gefängnis zu gehen, wird sich wohl nur selten durch die Todesstrafe abschrecken lassen. Ehe wir also die Todesstrafe einführen, wäre es etwa hierzulande dringender, die Feststellung der Todesursache zu verbessern und häufiger pathologische Untersuchungen Verstorbener durchzuführen, damit weniger Morde begangen werden können, ohne überhaupt als solche bemerkt zu werden.
Wenn wir uns zur Einführung der Todesstrafe entschließen, dann muß diese, um möglichst abschreckend zu wirken, möglichst öffentlich gemacht werden. Hinrichtungen sollten im Fernsehen übertragen und von Schulklassen besucht werden. Auch müßte sorgfältig überlegt und geprüft werden, inwieweit sich die abschreckende Wirkung durch Folter noch verstärken läßt. Dabei genügt es nicht, daß die Folter für den Verurteilten schmerzhaft ist, sie muß auch den Zuschauern detailliert erklärt werden, inwiefern und warum sie schmerzhaft ist.
Ich meine aber, wir sollten die Todesstrafe auch dann nicht einführen, wenn gezeigt werden könnte, daß die Todesstrafe ein effektives Mittel zur Abschreckung und anderen Maßnahmen überlegen ist. Dies liegt daran, daß ich die Maßnahmen des Staates überhaupt für gefährlich und bedenklich halte. Eine Regierung kann dazu verwendet werden, die Freiheit der Bürger zu zerstören. Es ist wichtig, daß die Macht des Staates beschränkt bleibt, und das bedeutet, daß auch die Macht des Staates, Gutes zu tun, beschränkt bleiben muß. Nahezu alle Regierungen haben behauptet, ihren Bürgern wohltätig sein zu wollen. Regierungen aber werden von sterblichen Menschen geführt, die dumm, fanatisch, töricht, ignorant, grausam oder blutrünstig sein können. Die Regierenden können irren. Wir erinnern uns an die Taschendiebe, die gehängt wurden: kaum jemand würde heute die Todesstrafe für Diebstahl fordern, einst aber schien diese Strafe gerecht, und die Regierenden haben nicht gezögert, sie einzusetzen, weil sie die Macht besaßen, das zu tun, was sie für gut und richtig hielten. Besser wäre es gewesen, sie hätten diese Macht nicht besessen.
Verurteilt der Staat einen Bürger als Verbrecher, so mag er zwar Maßnahmen ergreifen, um die Gesellschaft vor diesem Einzelnen zu schützen. Zugleich aber auch ist der Staat gegenüber diesem Einzelnen noch immer verpflichtet, seine Macht nicht nach Belieben zu gebrauchen, auch nicht, um damit der Gesellschaft als Ganzes Gutes zu tun. Denn stets ist der Staat verpflichtet, seine Schranken gegenüber den Einzelnen nicht zu überschreiten und nicht mehr als unbedingt nötig die Rechte der Bürger einzuschränken.
Die meisten modernen Gesellschaften stimmen überein, daß der Staat das Recht hat, Eltern ihre Kinder zu entziehen, wenn diese Eltern die Kinder vernachlässigen oder mißhandeln. Zugleich aber besteht auch Einigkeit, daß ein Rechtsstaat nicht nach Belieben in die Erziehung von Eltern eingreifen darf. Ehe daher Eltern ihre Kinder entzogen werden, muß eine bestimmte Schwelle überschritten werden. Wo genau diese Schwelle liegen soll, muß diskutiert werden und wird in verschiedenen Ländern verschieden festgesetzt. In keinem Rechtsstaat aber darf der Staat Eltern ihre Kinder nach Belieben entziehen. Und so ist es mit allem:
Wollten wir dem Staat unbeschränkt das Recht zugestehen, Gutes zu tun, so müßten wir dem Staat auch das Recht zugestehen, die Industrie zu verstaatlichen und eine Planwirtschaft einzuführen. Ebenso hätte der Staat das Recht, jeden Schritt seiner Bürger zu überwachen, denn nur so kann der Staat seine Wohltaten maximieren. Es ist aber gefährlich, den Staat jeden Schritt seiner Bürger überwachen zu lassen, und Planwirtschaften haben sich als wenig geeignet erwiesen, das Glück der Menschen zu fördern.
Ein Staat kann existieren, ohne das Recht zu besitzen, sich an Leib und Leben seiner Bürger zu vergreifen. Wenn aber ein solcher Staat möglich ist, wenn ein solches Recht nicht notwendig ist, dann bedarf es starker Argumente, warum der Staat diese Rechte trotzdem besitzen sollte. Daß es dem Staat auf diese Art gelingen könnte, die Zahl der Morde kostengünstig zu senken, scheint mir nicht hinreichend, selbst wenn es tatsächlich wahr sein sollte, daß sich so statistisch Leben retten ließen. Denn Leben retten könnte der Staat vielleicht auch durch Planwirtschaft (indem er die Pharmaindustrie zwingt, unrentable Medikamente zu entwickeln), indem er seine Bürger perfekt und permanent überwacht, indem er alle Bürger zur Einnahme aggressionshemmender Drogen zwingt oder indem er an den Gehirnen aller Neugeborenen einen aggressionsmindernden chirurgischen Eingriff vornehmen läßt.
Das Lustige an dieser Debatte ist, daß die Todesstrafe oft von Menschen befürwortet wird, die ansonsten dem Staat außerordentlich mißtrauisch begegnen und dem Staat zwar das Recht zu morden einräumen, ihm aber vehement das Recht zu viel harmloseren Eingriffen in ihre Freiheit bestreiten. Das Traurige ist, daß überall auf der Welt so viele Menschen für Verbrechen hingerichtet werden, die sie nie begangen haben oder die ich für überhaupt keine Verbrechen halte, sondern für Heldentaten.
27.8.2001
Ihr braucht gar keine T-Shirts anzuziehen, in deren Mitte „Hands off“, „Don’t touch what you can’t afford“, „Schlampe“, „Zicke“, „Read the Small Print“ oder „Calvin Klein“ steht, die Männer schauen euch auch so auf den Busen.
Ziemlich am Anfang der 2001er-Aufzeichnungen behaupte ich, eine Farbcodierung Rot, Grün und Blau und eine Farbcodierung Rot, Rot+Grün, Rot+Grün+Blau lasse sich bei gleicher Informationslänge verlustfrei austauschen. Das ist natürlich Quatsch.
1.9.2001
Thema: Koalitionsgelüste der F.D.P.
Ich: Westerwelle soll ja jetzt sogar in einem „Fick mich“-T-Shirt rumlaufen.
Du: Wirklich?
Ich: Nein, war ein Witz. Aber glaubwürdig, oder?
Du: Ich trau’ denen alles zu.
4.9.2001
Inzwischen sind die Sonnenblumen ausgebrannt, verwelkt, unansehlich, verhutzelt, alt.
Karriere zu machen lohnt sich selten. In den meisten Firmen haben noch nicht einmal Abteilungsleiter eigene Toiletten. Um also in den Genuß zu kommen, sich die Toilette nicht mit fremden Menschen teilen zu müssen, ist es nötig, wenigstens Unternehmensvorstand zu werden, und selbst dies reicht oft nicht. Nehmen wir aber an, jemand gelingt es, bereits nach zwanzig Jahren Vorstand zu werden, und ist dann für weitere zwanzig Jahre Vorstand. Seine Quote an Benutzung eigener und quasi-öffentlicher Toiletten ist dann nicht besser als eines auf jede Karriere Verzichtenden, der nur halbtags arbeitet. Eher schlechter, bei den Überstunden, die nötig waren, um Vorstand zu werden.
6.9.2001
Die Ideenlehre muß von einer Frau oder einem Schwulen stammen, also entweder von einer Pythagoreerin oder von Platon, also von jemanden, der seine Sachen selber wäscht und keine Freundin oder Ehefrau hat, die das für ihn erledigt. Denn beim Einsortieren der, sagen wir, roten Wäsche in die Waschmaschine ist unmittelbar klar, daß jedes der konkreten einzelnen Kleidungsstücke die ursprüngliche platonische Idee der Farbe Rot verfehlt und unvollkommen ist.
23.9.2001
September, der Spinnenmonat.
Als Paris Helena entführte, weil sie die schönste aller Frauen ist, da hatte sie schon ein ausgeleiertes Becken und Schwangerschaftsstreifen.
29.9.2001
Heute morgen habe ich wieder einmal mit großem Vergnügen der schönen Sinfonietta von Leoš Janáček gehört. Würde dieses Stück von mehr Menschen geschätzt, was ja leicht geschehen könnte, vielleicht würde ich es dann für all zu schön halten.
30.9.2001
Auf dem Boden lag Laub in der Form eines spiegelverkehrten Islands, mit stark übertriebenem Fischschwanz. Das kann unmöglich Zufall sein.
Ich übe schon mal:
Historia Hahaha et Brimmbrimm tuesday avec: Petzi Pelle Pingo unde Arschfick, nem ganz besonderen Palimpalim, Mopso die Otto, nem Osama bin Laden, con Capitän Bläubar, et naturalmente con Mauso et Lelefante. Das war serbokratisch-thailändisch.
Die Menschen sind so eine Art pervertierter landlebender Fische, die aufgrund einer Degenerationserscheinung ihre Kiemen eingebüßt haben. Eigentlich sind sie so eine Art Einzeller, dem die Teilung nicht vollständig gelingt.
Aber der Fehler des Umcodierens der verschiedenen Farbcodierungen ist lediglich ein Rundungsfehler, also zu vernachlässigen.
1.10.2001
Es war einmal ein ehrgeiziger Müller, der erzählte, so daß es dem König zu Ohren kommen mußte, seine Tochter könne Stroh zu Gold spinnen. Vielleicht dachte er, der König würde seine Tochter darauf heiraten. Der König aber ließ statt dessen die Müllerstochter in einen Turm sperren, in ein Zimmer voller Stroh, und sagte zu ihr „Spinne alles Stroh in diesem Zimmer zu Gold. Wenn du bis morgen früh nicht fertig bist, werde ich dich töten lassen, und deinen Vater gleich mit dazu.“ Und damit ließ er die Tür zusperren. Die Müllerstochter aber konnte nicht Stroh zu Gold spinnen und fing an zu weinen, weil sie wußte, daß sie am nächsten Tag sterben müßte.
Zufällig kam da gerade, unsichtbar, einer der niederen Dämonen vorbei, ein gewisser Arasfodel. Der Name bedeutet in der Dämonensprache so viel wie „Brennende Sehnsucht“, den anderen Dämonen aber schien es lächerlich, daß ein so niedriger und geringer Dämon einen so hochtrabenden und pompösen Namen tragen sollte, und so nannten sie ihn alle nur Karimzirott. Als Arasfodel die Müllerstochter weinen sah, wurde sein Herz für einen Moment von Mitleid bewegt, dann aber verhärtete sich sein Herz, als er dachte, daß auch mit ihm niemand Mitleid hatte und niemand ihn liebte. Und wie sollte er jemals von einem Wesen geliebt werden? Wenn er ein eigenes Kind hätte, etwas Lebendiges, das er großziehen könnte, dann vielleicht gäbe es jemand, der ihn lieben würde, weil Kinder in ihrer Dummheit und Unwissenheit auch niedrige und gemeine Eltern lieben. Aber daß er jemals ein Kind haben würde, das war ganz ausgeschlossen. Es sei denn, er bediente sich einer List.
Die Müllerstocher da würde ihm niemals freiwillig ihr Kind geben, das wußte er wohl, doch waren die Menschen in ihrem Verkehr mit den Dämonen an Regeln und Verträge gebunden, solange sie ihr Herz nicht von der Gier losreißen konnten, die sie bewogen hatte, die Regeln und Verträge einzugehen, und wenn es ihm gelang, die Müllerstochter aus Angst um ihr Leben zu bereden, ihm ihr erstes Kind zu opfern, so würde sie, durch ihre Lebensgier, verpflichtet sein, den Vertrag zu erfüllen. Freilich mußte er dazu geschickt vorgehen: jetzt gerade war die Müllerstochter überzeugt zu sterben, und versuchte sich mit dem Gedanken an ihr Ende vertraut zu machen. Er mußte erst ihre Gier, um jeden Preis weiter zu leben, wecken, und ihr aufzeigen, daß es doch noch möglich sein könne, den morgigen Tag zu überleben.
Also machte er sich sichtbar, beruhigte die bei seinem unschönen Anblick Erschrockene und behauptete, er wolle, aus Mitleid mit ihr, die ihr aufgetragene Arbeit übernehmen und das Stroh zu Gold spinnen. Und sogleich machte er sich an sein Werk, das ihm weiter nicht schwer viel, denn Stroh zu Gold zu spinnen ist eine der leichtesten Aufgaben für die Dämonen, allerdings ist dieses Dämonengold kein richtiges Gold, die Soldaten, die sich damit bezahlen lassen, sind feige, die Speisen, die sich damit kaufen lassen, machen nicht satt, die Frauen, die sich damit locken lassen, empfinden keine Liebe, es sieht aber doch aus wie richtiges Gold, und die Menschen in ihrer Blödheit merken den Unterschied nicht.
Am nächsten Tag wußte die Müllerstochter nicht recht, ob sie träume oder fiebere, als dann aber die Tür aufgesperrt wurde und der Hofstaat sehen konnte, daß sie das Wunder tatsächlich vollbracht habe und alle auf einmal freundlich zu ihr wurden, sie neu einkleideten und sie im Schloß herumführten, da wollte es sie sich schon gefallen lassen, auf so angenehme Art noch ein wenig weiterzuträumen. Arasfodel aber flüsterte dem König ein, die Müllerstochter noch einmal und noch ein drittes Mal in die Kammer einzusperren und sie bei Strafe des Todes Stroh zu Gold spinnen zu lassen.
In der zweiten Nacht erschien Arasfodel der Müllerstochter erneut, doch diesmal zierte und wand er sich und täuschte allerlei Schwierigkeiten vor und wollte erst gar nicht mit der Arbeit beginnen, erst als ihn die Müllerstochter recht inständig angefleht und sich vor ihm erniedrigt hatte, spann er erneut das ganze Stroh der Kammer zu Gold. Und in der dritten Nacht wollte er sich auf keine Weise bereden lassen, ihr zu helfen, wo sie ihm nicht ihr erstes Kind verspräche. In ihrer Not, weil sie doch die liebe Sonne wiedersehen wollte, und weil doch der morgige Tag so recht nahe, das erste Kind aber recht fern und ungewiß war und bis dahin viel geschehen konnte und das eigene Hemd einem doch am nächsten sitzt, willigte die Müllerstochter endlich ein. Und noch einmal verwandelte Arasfodel das ganze Stroh zu Gold, und von da an ließ er vom König ab, und der König verlangte nicht länger von der Müllerstochter, Stroh zu Gold zu spinnen. Und als der Gedanke an das Gold aus dem Kopf des Königs fortgezogen war wie eine dunkle Wolke, die der Wind davon weht, da sah er die Müllerstochter mit frischen Augen an, und sie schien ihm recht schön zu sein, und bald heirateten sie.
Wie es eben geht unter den Menschen, wurde die Königin, die einst eine Müllerstochter gewesen war, nach einer kürzeren oder längeren Zeit schwanger. Sie wurde aber nicht recht froh darüber, denn sie hatte das Versprechen, das sie dem Dämon gegeben hatte, nicht vergessen. Manchmal schien es ihr zwar, der Dämon müsse ihre Vereinbarung sicher vergessen haben, auch schienen ihr ihre Erlebnisse in jener Kammer nun fern und unwirklich, auch dachte sie, der Dämon könne ihr das Kind doch wohl nicht so einfach gegen ihren Willen mit Gewalt wegnehmen. Dann aber dachte sie wieder, das alles könne wohl nicht gut ein rechtes Ende nehmen, und sie nahm sich vor, das Kind nicht gern zu haben, damit es ihr nicht wehtäte, wenn sie es weggeben müßte. Und sie dachte sich auch keinen Namen für das Kind aus, weil es ja doch dem Dämonen gehören sollte. Als sie aber das Kind geboren hatte, da schien es ihr das liebste und schönste Kind, das es überhaupt geben könne, und um keinen Preis wollte sie es hergeben.
Arasfodel aber hatte das Versprechen der Königin keineswegs vergessen, und eines Nachts erschien er vor der Königin und forderte seinen Lohn. Die Königin weinte und bat ihn, ihr ihr Kind zu lassen, er könne ansonsten alles haben, wonach ihm der Sinn stehe, Perlen oder Geschmeide. Gold, Perlen oder Geschmeide oder andere leblose Dinge konnte Arasfodel freilich selber mit einem Umdrehen der Hand erschaffen, wie es ihm gerade beliebte, als er aber sah, wie die Königin ihr Kind liebte, dachte er: „Wenn sie meinen Namen errät, will ich ihr ihr Kind lassen. Ich will in eine ferne Weltgegend ziehen und mich daran weiden, daß ein Menschenwesen meinen Namen erraten hat und meine brennende Sehnsucht erkannt hat. Daß sie aber meinen Namen errät, ist unwahrscheinlich, da sie ja doch die Dämonensprache nicht beherrscht.“ Und so sagte er ihr: „In drei Tagen komme ich wieder. Wenn du bis dahin meinen Namen errätst, sollst du dein Kind behalten dürfen.“
Nun wußte die Königin so viel als nichts von den Dämonen, ihren Wirkkreisen und ihren Namen, ihren Beschwörungen und Fähigkeiten. Wohl aber wußte sie, daß der Hofmagier sich mit derartigem beschäftigte. Und ihn fragte sie um Rat in dieser Angelegenheit.
Schon ehe er die Müllerstochter kennen gelernt hatte, hatte der König sich mit dem Projekt beschäftigt, Gold aus minderen Materialien zu gewinnen und den Stein der Weisen zu entdecken. Eben davon hatte auch wohl der Müller seinerzeit gehört und sich sein Märlein von seiner wundertätigen Tochter danach zurechtgelegt. Aus den Zeiten dieser Experimente hatte auch der Hofmagier sich noch erhalten, während viele seiner Kollegen im Schloß ein- und nach einiger Zeit auch wieder ausgegangen waren, ohne zwar dem König Gold zu schaffen, aber dafür sich selbst um so mehr. Der Hofmagier aber, wiewohl nicht imstande, Gold zu schaffen, war durchaus ein Meister seines Faches, bewandert in der Kunde von fremden Wesen und Mächten, und lebte, seit des Königs Interesse am Gold erloschen war, still und zurückgezogen und betrieb seine heiklen, verborgenen und nicht immer frommen Studien, ohne viel davon zu erzählen. Gelegentlich mußte er den geistreichen Höflingen als Zielscheibe ihres Spottes dienen, doch war er ihnen dazu auf Dauer zu langweilig geworden, so daß er auch von dieser Seite selten Belästigung erfuhr, und der König schien ihn und seine Anwesenheit und die Rente, die ihm vom Hofmeister pünktlich gezahlt wurde, völlig vergessen zu haben.
Um so mehr hatte die Königin nun Anlaß, sich seiner zu erinnern. Sie entdeckte ihm also, nachdem sie sich seine Verschwiegenheit hatte zusichern lassen, ihr Geheimnis, und fragte ihn, was nun zu tun sei und ob es eine Möglichkeit gäbe, den unbekannten Namen jenes Dämons, der ihr seinerzeit geholfen hatte, um jenes grausamen Preises willen, in Erfahrung zu bringen.
„Eine solche Möglichkeit“, antwortete der Hexenmeister, „gibt es tatsächlich. Doch ist dies nicht anders möglich, als dadurch, daß wir den obersten Herrn der Dämonen beschwören und ihn befragen, wie der Dämon heißt, der dein Kind verlangt.“ Und eilig traf der Zauberer Anstalten für eine große Beschwörung, vollführte die dafür nötigen Rituale, zeichnete fremde Figuren in einen Kreis auf dem Boden und murmelte unbekannte Anrufungsformeln.
Und wahrhaftig erschien in jener Nacht, was selten einer der sterblichen Menschen erlebt hat, nämlich Gogg persönlich, der Herr der Dämonen, vor der Königin und dem Magier. „Es ist gut, daß ihr mich gerufen habt“, sagte Gogg mit freundlicher Stimme, die die beiden Menschen zittern ließ, „nur durch mich könnt ihr den Namen erfahren, den ihr sucht. Zwar, noch einen anderen Weg gäbe es, die Königin von ihrer mißlichen Verpflichtung zu befreien, doch ist der schwierig zu finden, schwierig zu gehen und steht nicht jedem offen, während mein Weg einfach und gerade ist. Ich nämlich werde euch den gesuchten Namen ganz unentgeltlich sagen, und verlange dafür von euch nichts, außer vielleicht die Kleinigkeit, daß ihr mir beide einmal recht tief in die Augen blicken sollt - aber eine so bescheidene Geste der Höflichkeit wird euch unmöglich etwas schaden können.“ Und mit seinen glühenden Augen sah er beide durchdringend an, und beide spürten, wie ein Schleier sich auf ihre Herzen legte. „Der Name des Dämons, den ihr such“ sagte Gogg und hielt einen Moment inne, dann schien er zu lächeln und fuhr fort, „der Name des Dämons, den ihr sucht, ist Karimzirott, was in eurer Sprach soviel heißt wie „Rumelstilzchen“. Nennt ihn nur „Rumpelstilzchen“, und es ist gewiß, daß er euch nicht mehr belästigen wird. Nun aber bitte ich, mich zurückziehen zu dürfen, anderswo ist meine Anwesenheit notwendig.“ Und mit einem kerzenverlöschenden Luftzug verschwand der Dämonenfürst.
Pünktlich drei Tage nach seinem Besuch, der der Königin einen Aufschub verschafft hatte, erschien Arasfodel wieder bei ihr. „Nun, Königin, hast du meinen Namen erraten?“ fragte er. Und die Königin antwortete: „Heißt du vielleicht Rumpelstilzchen?“ „Das hat dir der Oberteufel gesagt“ schrie Arasfodel in seinem Schmerz und Zorn und wurde unsichtbar und in unserem Land nie wieder gesehen. Und so war das Kind der Königin gerettet.
Der Hofmagier aber verließ noch in der selben Nacht das Schloß. Es wird erzählt, er sei unter einer Truppe Gaukler gesichtet worden, oder auch, in einem Asyl für Idioten, doch ist dies keine gesicherte Kunde.
Die Königin aber wurde von da an schwermütig, und nichts konnte ihr mehr Freude machen, und ihr Kind wollte sie nicht mehr ansehen. Alle am Hof glaubten, sie werde wohl nicht mehr lange leben, doch wurde sie, bleich und traurig, sehr alt, bekam aber keine Kinder mehr, und der König nahm sich eine jüngere Geliebte.
Das Kind aber wurde von der jüngeren Schwester des Königs großgezogen, die Gefallen an dem Kind fand und es wie ihr eigenes großzog. Sie heiratete auch nie, so daß sie nie eigene Kinder bekam. Und da auch der König das Kind nicht leiden konnte, da er dachte, daß das Kind seine Frau so schwermütig gemacht habe, hatte die Schwester des Königs das Kind ganz für sich allein. Das Kind wurde später wegen einer Reihe von Ereignissen berühmt, die aber heute zu erzählen zu weit führen würde, und so soll vielleicht ein andermal die Rede davon sein.
2.10.2001
Heute, am Tag der deutschen Einheit, feiern wir die Geburt unseres Erlösers Doktor Helmut Kohl.
Wenn ich es richtig verstanden habe, dann besagt die orthodoxe Theorie über Richard Wagner, Richard Wagner zerfalle in zwei Personen. Zum einen ist da der Privatmensch Richard Wagner, ein tendenziell eher unangenehmer Bursche, der beispielsweise Hetzschriften gegen die Juden verfaßt oder Ehebruch begeht. Sobald er aber zu komponieren beginnt, verwandelt er sich in den großen Künstler Richard Wagner, der dann geniale Opern verfaßt (die größtenteils davon handeln, daß eine Frau sich aufopfert, um einen Mann zu erlösen), und die von allem irdischen Schmutz, insbesondere von allem Antisemitismus, frei sind. Und alles, was auf den ersten unbefangenen Blick doch so wirken könnte, etwas Kundry oder Beckmesser, ist nichts weiter als eine Sinnestäuschung.
Vielleicht läßt sich eine ähnliche Theorie auch auf Roland Koch anwenden: demnach hätten wir da einerseits den Menschen Koch, einen windigen und wenig sympathischen Lügner und hemmungslosen Karrieristen. Sobald aber Koch ein Amt wahrnimmt, verwandelt er sich in den genialen Politiker, der Korruption und Kriminalität bekämpft und hundert tausend Lehrer neu einstellt.
Ebenfalls lernen könnte Koch auch von dem Hamburger Demagogen Schill („Schill-Partei“). Der nämlich hat vor der Wahl vollmundig versprochen, die Kriminalitätsrate innerhalb der ersten hundert Tage als Innensenator zu halbieren. Solche konkreten und überprüfbaren Versprechen sind natürlich immer etwas arg lästiges, und inzwischen hat er sich besonnen und erklärt, diese Ankündigung sei mehr so „symbolisch“ zu verstehen gewesen. Symbolische Politik war bisher eher eine Domäne linker Weltverbesserer, aber nun tun sich auf diesem Feld ganz neue Perspektiven auf, auch und gerade für Roland Koch. Vielleicht sollten alle Äußerungen Kochs symbolisch, allegorisch, selbstreferenziell oder postmodern gedeutet werden, als Offenbarungen eines unendlichen Textes, der keinerlei Weltbezug mehr besitzt. Und alles ist gut.
Die d.l.c new media AG, die hiermit bis ins dritte Glied verflucht sei, hat mir unaufgefordert eine Werbebroschüre geschickt. Das verwundert mich, da ich doch eigentlich auf der Robinson-Liste stehe, also auf der Liste derer, die keine Werbepost bekommen wollen (ich rede hier von Briefpost, nicht von Emails; daß mein Email-Briefkasten zum größten Teil nur Briefe der Form „Hi, how are you? I send you this virus in order to have your advice“ enthält, ist mir nichts neues), ich will aber nicht ausschließen, daß ich bei irgend einer Internet-Aktion vergessen habe, das Häkchen vor dem „Ja, bitte scheißen Sie mich mit Werbemüll zu“ wegzunehmen. Obwohl, eigentlich möchte ich das doch ausschließen. Die d.l.c new media AG sei bis ins fünfte Glied verflucht.
Die d.l.c new media AG bietet mir an, meine 0180- und 0190-Nummern zu hosten. An sich hatte ich nicht vor, solche Nummern anzubieten, aber vielleicht sollte ich dieses Angebot nicht vorschnell ablehnen. Wie wäre es etwa mit Telefonsex der folgenden Art: „Ja, Süßer, ich habe hier den Schlüssel zu deinem Keuschheitsgürtel und ein kleines Schmelzöfelchen, und was glaubst du, was ich jetzt damit mache? Wie? Ja? Nein?“? Hat irgendwer Interesse?
Hier fehlt ein Thema
Die Frage nach dem Kanzlerkandidaten der CDU ist geklärt. Gerd muß nur noch Ja sagen.
3.10.2001
Wir machen uns über Minderheiten lustig. Heute: Indianer. Wer hat eigentlich das Gerücht in die Welt gesetzt, Indianer seien sanfte New-Age-Burschen und Superökologen? Wo doch allgemein bekannt ist, daß die Indianer oft und heftig blutige Kriege geführt und ihre Kriegsgefangenen nicht nach den Vorschriften der Genfer Konvention behandelt, also ihnen entweder das Herz bei lebendigem Leibe ausgerissen haben, um es dem Sonnengott zu opfern, oder sie folterten, um ihre Tapferkeit und Standfestigkeit zu erproben, oder vielleicht auch, um etwas Unterhaltung zu haben. Die traditionelle Erziehung der Indianer zielt auf Unempfindlichkeit, Geduld und Mitleidlosigkeit ab. Und es landwirtschaftlich nicht weiter als bis zu einer bescheidenen Subsistenzwirtschaft gebracht zu haben ist an sich noch kein besonderes Verdienst. Abgesehen davon, daß es in Südamerika, und in Ansätzen auch in Nordamerika, durchaus indianische Großreiche gegeben hat, mit deren ökologischer Unbedenklichkeit und Nachhaltigkeit es auch nicht besonders weit her war.
Hätten die Amerikaner mich um Rat gefragt, hätte ich ihnen geraten, statt Bomben doch lieber Nahrungsmittel und Medikamente über Afghanistan abzuwerfen. Es sieht so aus, als sei dieser Ratschlag nicht völlig außerhalb der Sphäre der Realpolitik.
Bei Dante ist das Allerinnerste der Hölle für ein recht ungleiches Trio reserviert: zum einen ein jüdischer Nationalist, zum anderen zwei römische Politiker, die sich, leider vergeblich, für den Erhalt der Republik eingesetzt haben. Was ich nicht ganz begreife, ist, warum die höchste Qual nicht Luzifer selbst vorbehalten ist, und dieser statt dessen für seinen Aufstand auch noch mit dem Posten eines Oberaufsehers über die göttlichen Strafanstalten belohnt wird. Am konsequentesten scheint mit die Ansicht, wonach die Hölle für den Gott reserviert bleiben sollte, der so pervers war, sie sich auszudenken.
5.10.2001
Glück und Leid, Freude und Unglück, Liebe und Haß gehören zu den Dingen, von denen ich nicht wüßte, wie sie sich zählen ließen. Und doch tauchen sie in vielen Rechnungen auf. Eine dieser Rechnungen geht so: da die Amerikaner seit Jahren Diktatoren, Unterdrücker und Terroristen unterstützen und großziehen, sind sie an ihrem Unglück selbst schuld und verdienen kein Mitleid. Eine andere Rechnung geht so: seit den terroristischen Anschlägen auf das World Trade Center ist es nicht länger statthaft, ja, verbrecherisch, auch nur anzudeuten, daß die Taliban durch die Unterstützung der USA an Macht und Einfluß gewinnen konnten und in ihren Anfängen ein Geschöpf des amerikanischen und pakistanischen Geheimdienstes waren. Darüber hinaus muß Saudi-Arabien ebenso wie Pakistan als hochdemokratisches und freiheitliches Land betrachtet werden, und Rußland bekämpft in Tschetschenien abscheuliche Terroristen (auch wenn letztere Wendung eine gewisse geistige Flexibilität verlangt), auch sind künftig alle Anspielungen auf Allende verboten, und auch Pol Pot wurde nicht durch amerikanische Bomben an die Macht gespült.
Andere Rechnungen dieser Art: wegen der Bombardierung Dresdens kann es keine Konzentrationslager gegeben haben. Wegen der Konzentrationslager können russische Soldaten keine deutschen Frauen vergewaltigt haben. Wegen der Atombombe können keine Japaner Kriegsverbrechen begangen haben. Oder jedenfalls darf an diese anderen Vebrechen nicht erinnert werden, weil ihre Erwähnung die ersteren relativieren würde.
Das Relativieren scheint ohnehin die größte aller Sünden zu sein, wenn ich denn richtig informiert bin. So dürfen die Verbrechen der Nazis keinesfalls mit denen des Stalinismus vergleichen werden. Ich komme aber nicht umhin, jene Verbrechen nicht nur mit dem Stalinismus, sondern schlimmer noch mit den viel banaleren Ereignissen meines eigenen heiteren Lebens zu vergleichen, wenn ich denn imstande sein will, Mitleid zu empfinden. Ein vollkommener Negativdialektiker mag es nicht nötig haben, Mitleid zu empfinden, ich freilich weiß nicht, was, von Machtlosigkeit abgesehen, mich außer Mitleid von Grausamkeit und Unmenschlichkeit abhalten sollte.
Wenn es geregnet hat, regnet es unter den Bäumen noch ein bißchen weiter.
Es sind ohne weiteres Welten vorstellbar, in denen sich keine Sterne bilden können, in denen alles Gas ist oder in denen keine schweren Elemente entstehen. Es scheint also, als sei unsere Welt etwas sehr seltenes. Und in dieser Welt besteht das Meiste aus Leere, Zwischenraum, Lücke, und dann gibt es da ungezählt viele Sonnen, die vor sich hin strahlen, ohne jemanden zu nützen, und unbelebte Planeten. Und auf unserer Erde ein endloser Kampf um ein bißchen Luft und Licht.
„Glücklich soll ein jeder, sicher sein,
Allen Wesen wünsch’ ich Heil nach ihrer Art.“
Dritter Beweis gegen die Existenz Gottes: wenn er tatsächlich keine unbegreifliche Entität ist, über die zu reden sich nicht lohnt, sondern eine Person, also fähig zu Liebe und Mitleid, dann folgt daraus, daß in unserer Welt nicht das Meiste aus Leere, Zwischenraum, Lücke besteht, dann gibt es da nicht ungezählt viele Sonnen, die vor sich hin strahlen, ohne jemanden zu nützen, und unbelebte Planeten. Und auf unserer Erde kein endloser Kampf um ein bißchen Luft und Licht. Da aber jenes, so nicht dieses.
Bild eines niedlichen Häsleins mit der Unterschrift „He’s a killer. A maniac.“
7.10.2001
Die Lebensmittelabwürfe sind um etwa drei bis vier Zehnerpotenzen zu wenig, das heißt, wenn keines der Pakete in einer unwegsamen Felskluft hängen bleibt, dann kann nicht einmal jeder tausendste Afghane sich satt essen. Ich ärgere mich über Skizze.5.10.2001.b, schließlich will ich vor meinen Freunden nicht als naiv dastehen.
11.10.2001
Alle, auch der Preisträger, raten, nicht die Muslime als Feinde anzusehen. Meinetwegen, die meisten, die hier leben, tun es ja, um sich eine Existenz aufzubauen, Geld zu verdienen und in Frieden zu leben. Auch sollen wir darüber hinaus den Islam nicht für das Übel halten. Aber ist denn der Islam frei vom Verbrechen des Monotheismus?
Während es erlaubt und gewünscht scheint, gebetsmühlenartig zu wiederholen, daß nicht der Islam unser Feind ist, ermahnt uns ein anderer Zeitungsschreiber, doch nicht immer gebetsmühlenartig die Amerikaner zu ermahnen, besonnen vorzugehen, das hätten die Amerikaner nicht nötig und sei überhaupt antiamerikanisch. Aber wäre den Amerikanern nicht trotzdem zu raten, besonnen vorzugehen? Ein Rat, den sie von aufrichtigen Freunden erwarten dürfen? Und dringend nötig haben?
Weiter oben erwähne ich die Notwendigkeit, die Strafe für ein Verbrechen wenigstens so streng zu bemessen, daß in den meisten Fällen das Rachebedürfnis der Opfer so weit gestillt wird, daß sie auf private Rache verzichten. Aber das Rachebedürfnis der Opfer ist keine unveränderliche Naturkonstante, sondern wird durch Tradition und Überlieferung bestimmt, und ein Gemeinwesen kann hier regulierend eingreifen. Deshalb sollte ein Gemeinwesen seine Bürger nicht so erziehen, daß sie der Hinrichtung verurteilter Bürger beiwohnen zu müssen glauben, um Frieden mit ihren Verstorbenen finden zu können. Statt dessen sollte der gute Staat den Opfern ehrlich mitteilen, welche Maßnahmen zur Verbrechensbekämpfung er zu ergreifen gedenkt, wie der Stand der Ermittlungen ist, welchen Beistand, welche Hilfen dem Opfer zur Verfügung gestellt werden. Und Rache sollte als mit den Regeln des Staates unvereinbar gelten.
Das Mädchen mit dem losen Mundwerk trifft auf der Straße eine Freundin. Sofort fängt sie an zu erzählen und redet und redet. Sie ist wunderschön.
Dann trifft sie im Zug einen flüchtigen Bekannten. Wieder fängt sie an zu reden und erklärt einen Themenkreis nach dem anderen von Anfang bis Ende.
Das schöne Mädchen mit dem losen Mundwerk geht nicht ans Telephon und läßt es läuten. Denn würde sie ans Telephon gehen, der ganze Abend wäre futsch und wegvertelephoniert.
Um das schöne Mädchen hat sich ein Kreis von Zuhörern gebildet. Alle lieben sie.
Stoiber redet Unfug. Was hat Beckstein schon groß zur Erforschung des Milzbranderregers getan? Er kann doch bloß über Asylanten, über Schwache und Wehrlose herfallen.
Die buddhistisch geprägten Staaten beispielsweise waren sich nicht zu stolz, westliche Werte und Systeme zu übernehmen, wie etwa den Kommunismus (China, Nordkorea, Kampuchea), den Faschismus (Japan) oder den Kapitalismus (Südkorea, Taiwan, Japan II).
Eigentlich ist es mir recht zuwider, nun auch noch meine wichtige Meinung zu verkünden, wo das alle anderen ja auch mehr oder weniger gedankenlos tun. Lieber würde ich gar nichts mehr dazu sagen. Oder noch lieber die Geschichte von dem schönen Mädchen mit dem losen Mundwerk noch ein bißchen weiter erzählen. Aber Worte sind ja doch das Beste, was wir haben, besser jedenfalls, als mit den Fäusten oder deren Verlängerungen aufeinander los zu gehen, und nur der vollkommene Negativdialektiker wird darauf verzichten können, mit seinen Meinungen Ordnung in die Erscheinungen einer wirren Welt zu bringen zu versuchen. Und zu dem Mädchen mit dem losen Mundwerk fällt mir heute abend nichts mehr ein. Schade, mach’s gut, bis bald.
„Was Wir auch an Versen aufheben oder in Vergessenheit bringen, Wir bringen bessere oder gleiche dafür. Weißt du nicht, daß Gott über alle Dinge Macht hat?
Und jene, welche Unsre Zeichen der Lüge zeihen, sind taub und stumm in Finsternissen. Wen Gott will, leitet Er irre, und wen er will, den führt Er auf einen rechten Pfad.
Und wenn ihr die Ungläubigen trefft, dann herunter mit dem Haupt, bis ihr ein Gemetzel unter ihnen angerichtet habt; dann schnüret die Bande.“
14.10.2001
Dann sagte sie: „Also, ich weiß nicht, mir tun halt jetzt vor allem die Afghanen leid, ich meine, die Amerikaner natürlich auch, nach dem Dienstag hatte ich das Gefühl, als ob ich wie durch einen schwarzen Nebel gehe, wenn du verstehst, was ich meine, es war irgendwie alles so niederdrückend und lähmend, finde ich, so, als ob irgendwie die Sonne nie wieder scheinen würde, nur jetzt ist irgendwie alles wieder wie vorher, ich meine, alles geht irgendwie weiter und es wird wieder darüber geredet und alle haben irgendwie eine Meinung und wissen ganz genau, was die Amerikaner jetzt tun sollen und was sie alles falsch machen, jedenfalls war ich erst ganz vor den Kopf gestoßen und dachte, jetzt geht die Welt ganz aus den Fugen, dabei war ja irgendwie schon die ganze Zeit klar, daß so etwas irgendwann passieren würde, ich meine, irgendwie ist man ja auch blöd, wenn man die ganze Zeit weiß, jaja, es gibt da Terroristen, und so Staaten wie Iran oder Irak oder wie die alle heißen unterstützen die auch, und so schwierig ist das nicht, Giftgas herzustellen oder dieses Milzbrand oder was auch immer, aber man denkt halt trotzdem normal nicht gern daran und schiebt es weg, und wenn dann doch was passiert, ist man dann doch überrascht und fertig, jedenfalls glaube ich nicht, daß es viel hilft, Bomben auf Afghanistan zu schmeißen, außer noch mehr Haß und Leid, und diese Hilfspakete sind ja wohl auch ein Witz, finde ich jedenfalls, ich meine, die paar Tagesrationen für soundsoviel Millionen Menschen, und dann Erdnußbutter, fehlt bloß noch, daß sie Schweinefleisch reingepackt hätten, und was aus dem Land mal irgendwann werden soll weiß ja anscheinend auch niemand wirklich, diese Nordallianz ist ja wohl ein genauso grauslicher Haufen wie die Taliban, und am Ende geht es den Menschen dort keinen Deut besser, es sind nur ein paar Leute zerfetzt worden und viele verhungert und in Frieden leben wie es ihm paßt darf dort trotzdem niemand, und den Terroristen ist wahrscheinlich auch herzlich egal, was mit irgendwelchen Afghanen passiert, und in Irak oder Libyen oder Nordkorea oder wo auch immer finden sie immer noch einen Unterschlupf, wenn sie nicht längst alle in Amerika oder Europa sitzen, abgesehen davon, daß sie auch in Afghanistan nicht so leicht aufzustöbern sein dürften, und alle haben Angst und schlagen vor Angst wild um sich, oder aus verletztem Stolz oder aus Trauer um Angehörige, die Amerikaner und die Afghanen, oder was meinst du?“
Die verschiedenen Deutungen der Mythologie sagen vielleicht weniger über die Mythologie, als über die Deuter. Die Deutung etwa, die Götter der Mythologie seien die apostasierten Heroen der Vorzeit, scheint mir recht albern. Aber meine eigene Deutung, wonach die Mythologie eine primitive Vorform der Mengenlehre ist, ist vielleicht nicht weniger albern.
Das Studium der sogenannt großen Philosophen im Urtext statt in Auszügen hat den Vorteil, all die Narr- und Torheiten der Großen unkaschiert zu Gesicht zu bekommen (siehe etwa die Begründung der Unauflösbarkeit der Ehe durch einen so klugen Menschen wie Kant). Der Vorteil besteht nicht nur darin, die Größe der sogenannten Großen beschädigt zu sehen und nicht in Ehrfurcht zu erstarren und nicht das eigene Denken einzustellen, sondern mehr noch darin zu erkennen, daß wir alle Narren und Toren sind und wenig wissen und das meiste von dem, was wir reden, albern ist.
„Keiner davon entfliehe nun grausem Verderben,/ Keiner nun unserem Arm! auch nicht im Schoße das Knäblein, /Welches die Schwangere trägt, auch das nicht! Alles zugleich nun/ Sterbe, was Ilios nährt, hinweggerafft und vernichtet!/ Also sprach und wandte des Bruders Herz Agamemnon,/ Denn sein Wort war gerecht“
17.10.2001
An der Supermarktkasse stehen nach mir zwei Mädchen an, ich schätze die eine auf dreizehn Jahre, die andere wird dann vierzehn sein. Ihr Einkauf besteht aus einer Tafel Schogetten und zwei Flaschen Wodka. Die Verkäuferin: „Wie alt bist du?“ „neunzehn“ „Hast du einen Ausweis dabei?“ „Nö“ „und wie alt bist du?“ „Achtzehn“ „Ausweis?“ „Nö.“ Ihren Wodka haben sie schließlich trotzdem bekommen. Welche Feuchtigkeitscreme sie wohl verwenden?
Phantasie ist etwas schönes: ich kann in den herrlichsten Palästen wohnen und schlafen, mit wem ich will.
20.10.2001
Und einer der Umstehenden antwortete: „aber was würdest du denn machen? die Taliban von der Macht weglabern?“
Arundhati Roy hat für die FAZ einen Aufsatz geschrieben, wonach die Anschläge in New York sich gegen die verfehlte Außenpolitik Amerikas richteten. Auch ich halte die Außenpolitik Amerikas in vielerlei Hinsicht für verfehlt, wäre jedoch nicht unbedingt auf die Idee gekommen, deswegen tausende von Unschuldigen umzubringen. Osama bin Laden hat in seinem Video die Ziele der Terroristen etwas konkreter und differenzierter gefaßt: als Rache für die Besetzung Palästinas und die Stationierung amerikanischer Soldaten in Saudi-Arabien. Die Zeit erlaubt sich weiterhin den liberalen Spaß verschiedener Meinungen. Jens Jessen etwa nennt die These Roys irrsinnig, freilich sei sie einer Verwechslung westlicher Politiker geschuldet, die verkündeten, der Anschlag sei ein Anschlag auf den Liberalismus gewesen. So daß Roy und Bush einer Meinung wären, vorausgesetzt, wir identifizierten den Liberalismus mit der amerikanischen Außenpolitik. Statt dessen besteht Jessen darauf, die Anschläge hätten lediglich den Zwillingstürmen des World Trade Centers gegolten, was nun wiederum mir absurd erscheint, denn die Existenz dieser beiden Türme wird an sich wohl kaum irgend einen Extremisten um seinen Schlaf gebracht haben. Daß die Anschläge dem Liberalismus gegolten haben sollen, soll, nach Jessen, niemand mehr behaupten dürfen, es scheint mir auch unwahrscheinlich, es dürfte Osama bin Laden und seinesgleichen herzlich gleichgültig sein, wie die Amerikaner ihr Leben einrichten, und kaum jemand wird einen Krieg beginnen um den Amerikanern ihr Recht zu nehmen, ihre Supermärkte vierundzwanzig Stunden am Tag zu öffnen oder Miss-Wahlen zu veranstalten oder Sonntags Baseballspiele im Fernsehen zu übertragen, wenngleich Rumsfeld oder Bush genau das wohl zu behaupten scheinen. Aber genau das, was Jessen, mehr oder weniger zu recht, kritisiert, wird von Josef Joffe Woche für Woche auf der Titelseite des Blattes behauptet, in dessen Inneren es ihm Jens Jessen verbietet. Arundhati Roy aber darf inzwischen der „Jungen Freiheit“ Interviews geben. Denn wer nicht für die Amerikaner, id est für die Politik George W. Bushs ist, ist gegen Amerika. Und nach Joffe gibt es nur die Wahl zwischen zwei Behauptungen: entweder ist die Außenpolitik der amerikanischen Regierungen an allem Elend dieser Welt schuld, oder sie ist an allem Elend dieser Welt unschuldig.
„Wer nicht für mich ist, der ist gegen mich; wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut.“
Kleine Erklärung zu den drei oben zitierten Koranversen: der erste (2, 166) bezieht darauf, daß Mohammed bestimmte Koranverse nachträglich zurückgezogen hat, insbesondere zwei Verse der dreiundfünfzigsten Sure, die sich auf al-Lāt, al-‘Uzzā und Manāt, drei Töchter Gottes, beziehen, und die später als satanische Verse verworfen wurden. Salman Rushdie hat die Geschichte in seinem berühmten Buch nacherzählt, aber keineswegs erfunden. Der zweite Vers (6, 39) bringt die islamische Variante der Prädestinationslehre, wie sie auch Paulus, Augustinus und Luther vertreten, daß nämlich niemand seine Entscheidung zum Glauben aus freiem Willen trifft, den es überhaupt nicht gibt (siehe auch 15, 60), sondern weil Gott es so beschlossen hat. Denn eigentlich haben alle Menschen die Hölle verdient (wie etwa auch der 71ste Vers der neunzehnten Sure belegt). Stellen wie der dritte Vers (47, 4) lassen sich mit Leichtigkeit in den verschiedensten Ideologien finden (ich rate etwa, die Besiedlungsgeschichte des heiligen Landes im Alten Testament nachzulesen, oder was Jesus den Städten prophezeit, die seine Lehre nicht gutwillig annehmen), auch in meinem geliebten Homer, wie ich ein Stück weiter unten gezeigt habe; aber für mich ist Homer ja auch kein heiliges Buch, das mich der Notwendigkeit zu eigenem Denken entheben könnte. Übrigens muß ich mich ein wenig über die Christen wundern: 1 Kor 11, 6 - 10 schreibt eindeutig vor, daß alle Christinnen ein Kopftuch zu tragen haben(das Einzige, was ich im Koran zu diesem Thema gefunden habe, 24, 31, fasse ich lediglich als ein Verbot der Barbusigkeit auf), aber nur noch die wenigsten halten sich daran.
21.10.2001
Weitere fehlende Alternativen: es ist nicht möglich, die Siedlungspolitik Israels zu kritisieren, ohne das Existenzrecht Israels in Frage zu stellen. Es ist nicht möglich, die PDS zu kritisieren ohne die Ostdeutschen auszugrenzen. Es ist nicht möglich, postmoderne Political Correctness zu kritisieren, ohne dem Feminismus in den Rücken zu fallen.
22.10.2001
Wie verhält sich der Bär im Straßenverkehr? Loslaufen - Umsehen - Ankommen.
28.10.2001
Zu viel herumphilosophieren und -psychologisieren nährt eine übertriebene Abneigung gegen altruistische Begründungen. So behaupte ich etwa weiter oben, wie und warum die Gesellschaft einen Nutzen davon hat, wenn sie geistig Behinderte beschützt und fördert. Statt auf die naheliegendere Idee zu kommen, wir könnten das etwa aus Liebe oder Mitleid tun.
An sich ist die Welt nicht gerecht. In ihr leiden und sterben Menschen, die es nicht verdient haben, zu leiden oder zu sterben. Wir aber wollen, daß es gerecht zugeht in der Welt. Und deshalb stellen wir uns gerne vor, die Welt würde regiert von einer Vorsehung, einem gütigen Schöpfer, den Parzen, oder sonst einem Garanten dafür, daß die Welt gerecht ist, die doch in Wahrheit nicht gerecht ist. Alles, was es in der Welt an Gerechtigkeit gibt, haben wir Menschen in die Welt hineingebracht. Und das ist mühsam und unvollkommen, weil wir so wenig vermögen und weil wir untereinander im Streit liegen. Und zu den Ungerechtigkeiten, die die Welt an uns begeht, kommt noch das Leid hinzu, das wir uns gegenseitig zufügen und das uns noch mehr empört als das Leid, das die übrige Welt uns zufügt. So sind nicht nur Stolz, Gier, Neid oder Angst in der Welt, sondern auch Haß und Zorn, die sich selbst fortzeugen. Nur für eine kleine Weile dürfen wir atmen und die Sonne schauen und sind im Licht, ehe wir fortgehen ohne Wiederkehr. Und ein blinder, besinnungloser Zufall, oder auch blinder, mitleidloser Haß kann uns die rauben, die wir lieben.
30.10.2001
Das „BÖSE ONKELZ“-Grafitti ist inzwischen stark verwittert, noch eine Weile, und es bleibt nur noch „E ON“ übrig. Von der Skinhead-Assoziation zu Veronikas Mopsgesicht stellt unläugbar einen gewissen zivilisatorischen Fortschritt dar, aber von einer Republik der Tugend und der Weisheit sind wir noch weit entfernt.
Fehlende Alternativen in der Literatur: wer Thomas Mann nicht mag, mag Heinrich Mann. Wer Dostojewski nicht schätzt, ist von Tolstoi begeistert.
Weitere fehlende Alternativen: wer die Taliban für ein scheußliches Unrechtsregime hält, hält die Nordallianz für freiheitlich-demokratische Hüter des Rechtsstaats und der Frauenrechte. Gehörte ich zu den Bürgern Afghanistans, vielleicht wäre ich bereit, die indirekte und direkte Unterstützung der USA für die Taliban der Vergangenheit als Vergangenheit ruhen zu lassen, vielleicht wäre ich bereit, den Abwurf von Lebensmittelpaketen nicht als Verhöhnung zu deuten, vielleicht würde ich sogar den Abwurf von Minen als islamistische Propagandalüge leugnen, aber mit den Verbündeten der Nordallianz wollte ich nicht verbündet sein.
Die Scherze des Till Eulenspiegel zerfallen hauptsächlich in zwei Kategorien: zum einen das Wörtlichnehmen von sinnbildlicher oder sprichwörtlicher Rede, zum anderen Fäkalhumor. Die Erwähnung von Scheiße scheint dem mittelalterlichen Humoristen Garant höchster Lustigkeit gewesen zu sein. All das wirkt auf einen modernen, anspruchsvolleren Geschmack betrüblich langweilig und schematisch. Eulenspiegel selbst wirkt auf abstoßende Art humorlos: wird er selbst das Opfer eines Scherzes, etwa eines unangemessenen Wörtlichnehmens von im übertragenen Sinn Gemeintem, so muß er sich unbedingt und auf unraffiniert-brutale Art rächen: Eulenspiegel ist spitzfindig - sein Opfer rächt sich, indem es seinerseits spitzfindig ist - Eulenspiegel rächt sich mit Scheiße. Von Humor abgesehen, mangelt es Eulenspiegel auch an allem aufklärerischen oder rebellischen Gestus, der ihm gelegentlich unterstellt wird. Seine Scherze entlarven nichts, sondern sind eben bloß Streiche, und nicht einmal lustige, und er wird sich gehütet haben, seinen reichen oder mächtigen Gönnern, die ihn sich gelegentlich als eine Art Hofnarr hielten, mit seinen Streichen lästig zu fallen.
Loben muß ich dagegen Alice und Peter Pan: hier lugt der Wahnsinn durch alle Ritzen, hier wird die Welt selbst in ihrem So-Sein in Frage gestellt, hier herrscht das Reich der unsinnigen Freiheit.
Endloser Satz:
„beispielsweise die Abfolge der Jahreszeiten, der Zyklus des Mondes, die Menstruation, die ewige Wiederkehr des Montags, oder auch die Abhängigkeit von Geburt und Tod, in einigen Mythologien Erschaffung und Zerstörung des Universums, Einatmen und Ausatmen, der Herzschlag, der Konjunkturzyklus, Tag und Nacht, die Dinge haben eine kreisförmige, endlose Struktur, “
Gist ist Mist.
7.11.2001
Die Vogelschwärme werden täglich mächtiger.
Was will dieses Zeichen der Götter uns sagen? Vielleicht, daß es Winter wird?
8.11.2001
Club der Superhelden, die ihre Superfähigkeit verloren haben.
9.11.2001
Die Annahme, daß es nur eine Wirklichkeit gibt, ist schlecht begründet. Sie ist auch falsch: die Wahrheit ist, daß es der Wirklichkeiten zweie gibt. Die eine Wirklichkeit ist die, die wir bewohnen, und die wir für die einzig wirkliche halten. In dieser Wirklichkeit existieren Zeit, Raum und Kausalität, die aber, wie Kant zwingend nachgewiesen hat, bloße Täuschungen sind. Die andere Wirklichkeit ist eine Schwerelosigkeit, die von Wärme und Wasser erfüllt ist. Die Zeit existiert nicht, denn ein Augenblick ist wie der andere, es gibt nur einen einzigen ewigen Augenblick. Auch der Raum existiert nicht, denn es gibt keine Ortsveränderung, nichts, wohin jemand gehen könnte. Diese Wirklichkeit ist unbewohnt, es gibt hier niemanden. Niemand wüßte, was es mit Kausalität anfangen sollte. Zwischen beiden Wirklichkeiten führen unsichere, vage Verbindungen hin und her (sonst wüßten wir ja nichts von jener anderen Wirklichkeit; es mag noch viele weitere geben, wir beruhigen uns damit, daß wir sagen: Bewußtsein kann es nur geben, wenn das Bewußtsein einem Zweck dient, deshalb haben die Steine kein Bewußtsein und meditieren nicht über das Chlön und das Attar, weil es ihnen nichts nutzen würde; aber diese Beweisführung ist ungültig), die es aber nicht erlauben, die jeweils andere Wirklichkeit als solche zu erkennen (wäre das möglich, würde es sich nicht um zwei echt verschiedene Wirklichkeiten handeln, sondern bloß um zwei Orte der selben Wirklichkeit). In jener anderen Wirklichkeit ist es möglich, auf ewig zu verharren, und viele tun das auch. Einige jedoch beschließen zu wachsen, wodurch sie dem Durst verfallen, und sie verlieren ihre Wirklichkeit und enden in unserer Wirklichkeit. Uns begegnen nur diejenigen, die beschlossen haben, jene Wirklichkeit zu verlassen. Deshalb glauben wir „Es ist nicht möglich, in jenem Bereich für immer zu verharren“, „Jener Bereich ist keine eigenständige Wirklichkeit, sondern nur eine abhängige Erscheinung unserer Wirklichkeit, sie braucht die Plazenta und den restlichen Körper der Mutter, die Versorgung mit Nahrung und Sauerstoff durch die Nabelschnur“, „Jener Bereich wird von Jedem nach spätestens neun Monaten verlassen“ und so weiter. Aber dieser Irrtum entsteht dadurch, daß uns eben nur diejenigen begegnen, die sich zu wachsen entschlossen haben, und die tatsächlich eines Tages geboren werden (wenngleich nicht unbedingt nach neun Monaten: der Sturz in den Durst kann sich über Jahrhunderte oder Jahrmillionen hinziehen: lediglich wir meinen, es handele sich um neun Monate, weil in unserer Welt der Mond neunmal die Erde umkreist zwischen dem Fall und der Geburt, aber hier handelt es sich bloß um unsere subjektive Wahrnehmung), während wir von jenen, die ewig in der anderen Wirklichkeit verbleiben, nichts wissen. Umgekehrt glauben wir, auf jene andere Wirklichkeit zugreifen zu können, indem wir von Schwangerschaft und Embryonen reden, was natürlich dürftig und ungenügend ist.
Eine entsprechende Vorstellung findet sich auch, dunkel geahnt, bei verschiedenen jener Philosophen, die wir Mystiker nennen, etwa bei Plotin, der recht detailliert beschreibt, wie die Weltseele den immerwährenden Geist verläßt, indem sie sich absondert und etwas eigenes sein möchte, und dadurch überhaupt erst das Räderwerk der Zeit in Gang setzt. Obwohl Plotin über die genauen Abläufe dieses Vorgangs nicht unterrichtet war (wie hätte er das auch sein können?), ist dies eine recht treffende Beschreibung. Für jene, die tatsächlich niemals die andere Wirklichkeit verlassen, existiert niemals jemand in ihrer Welt, ihre Welt ist vollkommen leer. Erst durch den Sturz in die Gier geschieht es, das jemand existiert, und zwar jemand, der einmal die Passage antreten wird in unsere Welt, wozu Zeit natürlich unentbehrlich ist.
Eine verworrene Ahnung findet sich sogar in den verschiedenen Mythologien der Völker. betrachten wir etwa diesen Schöpfungsbericht: „Am Anfang war die Erde wüst und leer, und Gottes Geist schwebte in den Wassern. Weil er sich aber als vom Wasser verschieden zu empfinden begann, sprach er: Ein Herzschlag entstehe. Und ein Herzschlag entstand [Es folgt eine Beschreibung, wie Gott die verschiedenen Gegenstände erschafft]. Als aber Gott all diese Dinge erschaffen hatte, war für ihn selbst kein Platz mehr im Wasser. Und die Welt begann sich zusammenzuziehen und schob ihn aus sich hinaus. Und Gott fühlte sich bedrängt und beengt und wollte der Welt entkommen und krümmte sich und quetschte sich mühsam aus der Welt heraus. Da sah er, daß er in eine andere Welt hineingeraten war, in der er nun nicht länger ein Gott war. Vor Kummer begann er zu weinen.“
10.11.2001
„Der Rover 75. Klasse hat seinen Preis. Und manchmal einen kleinen.“
Genial. Ich versuche mir die verschiedensten Varianten auszudenken, aber alles, was herauskommt, fällt deutlich ab gegenüber dem Original [siehe Zeitungsanzeige]:
Eine neue Mode ist es, CDs in Halbschubern anzubieten, also Papphüllen, die rechts und links offen sind, so daß die Benutzerin die Wahl hat, den (die/das) üblichen Jewel-Case rechts oder links aus dem Halbschuber zu schieben (Carla Bley: Escalator over the Hill, Trent Reznor: The Downward Spiral, Nils Petter Molvær: Khmer). Das führt dann dazu, daß überall diese fragilen Papphüllen herumliegen, in CD-Stapeln verschwinden und plattgequetscht werden. Weiß jemand Rat? Klassische CDs dagegen kommen gerne in richtigen, stabilen Pappschubern daher, die sich auch problemlos stapeln lassen, allerdings ist es eine rechte Geduldsprobe, sowohl Box als auch Begleitheft zurück in den Schuber zu bekommen.
11.11.2001
Ein Mensch wird gezeugt mit den Organen, die gewöhnlich zum Urinieren benutzt werden, zur Welt gebracht mit Muskeln, die ansonsten zur Defäktion benutzt werden, er hält sich für unsterblich, den Herrn der Welt und Gottes Ebenbild.
Wenn wir Gott nicht als den personalen Schöpfer der Welt, sondern als den Erlöser unseres Leidens auffassen, ergibt sich eine vierte Widerlegung der Existenz Gottes, denn offensichtlich sind wir ja nicht erlöst, und wie ein wenig Nachdenken zeigt, auch nicht zu erlösen. Entweder wollte Gott keine bessere Welt erschaffen, dann ist er ein Monstrum und kein Erlöser, oder er war unfähig dazu (etwa, weil ihn die Logik daran hinderte, weil dies bereits die beste aller logisch möglichen Welten ist), dann ist er ein Krüppel und Waisenkind wie wir und kein Erlöser: „Man kann das Böse leugnen, aber nicht den Schmerz; nur der Verstand kann Gott beweisen, das Gefühl empört sich dagegen. Merke dir es, Anaxagoras: warum leide ich? Das ist der Fels des Atheismus. Das leiseste Zucken des Schmerzes, und rege es sich nur in einem Atom, macht einen Riß in der Schöpfung von oben bis unten.“
18.11.2001
Terroristen sollen gefoltert und von Militärgerichten verurteilt werden. Der Krieg ist entschieden, bin Laden hat gewonnen.
19.11.2001
Komm mit, Kameradin. Was besseres als den Tobias findest du überall!
Andererseits: da selbst bin Laden unbedingt ins Fernsehen will, ist sein Kampf gegen den american way of life von vornherein hoffnungslos.
Früher hatte ich Alpträume, die von Fleischessen handelten: Putenfleischfasern, die zwischen meinen Zähnen steckenbleiben, Hühnerbeine in schlabbriger Haut mit Sehnen, Knorpeln und Adern, uah. Seit Jahren verschonen mich diese Träume, glücklicherweise („fällt dir das nicht arg schwer, kein Fleisch zu essen?“ - Nö).
Ein wiederkehrender Alptraum ist dagegen das Abitur. Meistens geht dieser Traum so: aufgrund irgend einer dubiosen Bestimmung muß ich das Abitur nochmal machen (obwohl ich inzwischen doch schon ein Diplom habe). Da ich ja weiß, daß ich eigentlich schon einmal Abitur gemacht habe, und keine besondere Lust habe, die längst überwunden geglaubte Schule noch einmal zu besuchen, und das alles nicht recht ernst nehme, besuche ich manche Unterrichtsfächer, auf die ich besonders wenig Lust habe, etwa Englisch oder Religion, überhaupt nicht. Irgendwann fällt mir dann siedendheiß ein, daß ich ja in diesen Fächern irgendeine minimale Punktzahl brauche, um die Teilnahme belegen zu können, und daß ich bis jetzt an keiner Klausur teilgenommen habe, und daß wahrscheinlich schon alles zu spät ist, ich kein Abitur mehr machen kann und alles unrettbar verloren ist. Ich finde, diese Träume könnten jetzt mal allmählich aufhören, so wie die Fleischträume ja auch.
Die Parolen der PDS sind immer noch voll von jenem paranoiden Vulgärmarxismus, der unterstellt, Armut und Ungleichheit sei das Ergebnis von bösem Willen und der Herrschaft von Ausbeutern, und es müßten nur gutwillige Herrscher an die Macht kommen, so sei es weiter kein Problem, Armut und Ungleichheit zu beseitigen. Als seien etwa die Sozialdemokraten wirklich und wahrhaftig bezahlte Agenten des Klassenfeindes, die perfiderweise die an sich jederzeit mühelos mögliche Beseitigung von Armut und Ungleichheit hintertreiben. Dementsprechend lustig sind die konkreten Lösungsvorschläge der zur Demokratie genötigten Sozialisten: schließlich geht es ja nicht wirklich darum, schwierige Steuerungsprobleme verzwickter Systeme zu lösen, sondern nur darum, guten Willen zu zeigen. In jener Welt der sozialistischen Theorie ist es unproblematisch, allen Bürgern das Wolkenkuckucksheim zu versprechen. Denn falls die Einführung des Wolkenkuckucksheimes, des Blauen vom Himmel oder des Himmels auf Erden scheitert, so gewiß nicht daran, daß die PDS-Mitglieder uns das Paradies nicht gegönnt hätten. Also kann sie nicht scheitern.
Ich versuche mich auf eine erotische Phantasie zu konzentrieren, nicht, um zu masturbieren, sondern einfach, um die Zeit bis zum Einschlafen zu füllen (ein Mann versteckt die biedere Unterwäsche seiner Freundin und ersetzt sie durch Strings und dazu passende BHs, die er am Vortag gekauft hat, mit dem erwartbaren Ergebnis, daß am nächsten Tag die Freundin, der er erzählen wird, er habe ihre bisherige Unterwäsche vernichtet, keine andere Wahl hat, als einen der Strings anzuziehen). Aber ständig kommen mir Gedanken an Lohnsteuerjahresausgleich und Bahnfahrpläne und Bischof Lehmann und dergleichen dazwischen, und nur etwa ein Zehntel der Zeit kann ich mich auf die Geschichte konzentrieren, den Rest der Zeit kämpfe ich mit öden und unnützen Problemen.
Die Phantasie selbst ist wohl so eine Art Traum davon, daß jeden Tag Sonntag ist. Obwohl es ja andererseits Frauen geben muß, die tatsächlich ausschließlich Strings tragen, denn sonst gäbe es ja keine Werbung für Binden in Tangaform. Wobei im wirklichen Leben der Mann die Konfektionsgröße seiner Freundin nicht wüßte und die Frau über die angebliche Vernichtung ihrer Wäsche beleidigt wäre, völlig zu Recht vermutlich.
Ficken, ficken, ficken - und an die Steuererklärung denken.
27.11.2001
-und was ist mit den alleinstehenden Männern?
-was soll mit denen sein?
-müssen nicht auch die ihre Waschmaschinen selber füllen und sind deshalb gezwungen, über das Ähnliche und Unähnliche bei Farben nachzudenken?
-soweit ich weiß, lassen alleinstehende Männer ihre Wäsche von Mama waschen.
Epiktet:
„Einige Dinge sind in unserer Gewalt, andere nicht. In unserer Gewalt sind: Meinung, Trieb, Begierde, Widerwille: kurz: Alles, was unser eigenes Werk ist. - Nicht in unserer Gewalt sind: Leib, Vermögen, Ansehen, Ämter, kurz: Alles, was nicht unser eigenes Werk ist.“
Ich:
„Einige Dinge sind in unserer Gewalt, andere nicht. In unserer Gewalt sind: Ø. - Nicht in unserer Gewalt sind: Meinung, Trieb, Begierde, Widerwille, Leib, Vermögen, Ansehen, Ämter.“
Here Comes The Sun gehört und viel geweint.
1.12.2001
Fünfzig fünfzigjährige Jungmediziner fahren mit ihren Motorrädern um mein Haus und hindern mich am einschlafen.
6.12.2001
Na also, es geht doch: heute Nacht geträumt, ich sollte so langsam mal damit beginnen, Scheine für das Hauptstudium zu sammeln. Noch ein paar Jahre, und ich werde träumen, daß es langsam Zeit wird, bei Ikea eine Wickelkommode zu besorgen.
8.12.200
Beim Lesen der geistreichen Glossen Ecos (darunter Parodien auf Lacan et al., die circa hundertmal mehr mathematische Bildung beweisen, als die Parodierten jemals besaßen) ist mir aufgefallen, daß ich schon lange keinen kulturpessimistischen Bericht über den Niedergang des Buches im Fernsehen gesehen habe. Vielleicht liegt es daran, daß ich zu wenig fernsehe (vor lauter lesen komme ich selten dazu, außerdem fehlen mir einige der dazu üblichen Geräte), vielleicht auch sind diese kulturpessimistischen Mahnungen einfach aus der Mode gekommen, denn auch die Kulturpessimisten müssen ja gelegentlich die Sau wechseln, die sie durchs Dorf treiben. Schade, die Warnrufe waren immer recht drollig. Versuchen wir es noch einmal:
Die menschliche Kultur ist die Geschichte eines beispiellosen Niedergangs. Ein erster großer Fehler war die Erfindung der Sprache. Geistige Prozesse werden mit Hilfe der Erregungszustände von großen Neuronenpopulationen repräsentiert, wobei die Informationsverarbeitung verteilt und hochgradig parallel abläuft. Die menschliche Sprache dagegen würgt ein Bit nach dem anderen hervor, in primitiver Linearität und Eindimensionalität, die Sprache mag deshalb taugen, vor dem Auftauchen eines Säbelzahntigers zu warnen, aber als Mittel, kulturell belangvolle geistige Prozesse auszutauschen, ist sie denkbar ungeeignet, die lineare Abfolge der Sprachlaute kann unmöglich innerhalb vernünftiger Zeit geistige Vorgänge übertragen, das wäre so, als wollten wir den Informationsgehalt eines Spielfilms in eine Serie von Stockhieben codieren, das Ganze ist grotesk und eine einzige Aberration.
Der nächste gründliche Fehlschlag war die Erfindung des Buchs. Darüber habe ich bereits an anderer Stelle geschrieben, auch andere kluge Leute (nicht nur Platon) haben sich über den Niedergang der mündlichen Kultur beklagt und das Aufkommen des starren, toten Buchstabens, der sich zum lebendigen Dialog verhält wie Frankensteins Monster zu Frankenstein oder schlimmer noch, wie ein behauener Marmorbrocken zu einem blühenden und atmenden Mädchen.
Der nächste bedeutende Schritt in Richtung Dekadenz und Verfall war die Erfindung des Buchdrucks. Das Buch, an sich schon schändlich genug, war nun vollends unkontrollierbar geworden, und der Buchdruck muß mit verantwortlich gemacht werden für das zweite große Schisma der christlichen Kirche, für den Untergang der katholischen, also allgemeinen Kirche (wenngleich eine einzelne Sekte den Namen „katholisch“ beibehalten hat), für das Aufkommen von Häresien und schrecklichen Ketzerei, kurzum, für den Untergang von Treue, Glauben, Christentum und Frömmigkeit.
In der Folge hatten Erzieher und besorgte Eltern über die unübersehbaren Folgen der Lesewut zu klagen, die gerade junge, wehrlose Menschen so häufig befiel und so manchen Knaben und so manches Mädchen rettungslos verdarb (es ist in dieser Hinsicht recht instruktiv, sich die pädagogische Literatur des neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhunderts über die Lesewut durchzulesen).
Inzwischen freilich lesen die jungen Leute nicht mehr, sondern verbringen den lieben langen Tag mit Baller- und Gewaltspielen, anschließend holen sie das Gewehr aus Papis Schrank und bringen Lehrer und Mitschüler um (wie täglich im Regionalteil der Zeitung nachzulesen). Die Welt ist wieder eine Scheibe geworden, nämlich eine CR-ROM-Scheibe, Mann und Weib finden einander nicht mehr in den Weiten des Internets, und ängstlich warten wir, welche Schrecken uns als nächstes dräuen.
Feuilleton aus dem Jahr XXXX: „Droht durch die neue Technik der Telepathie ein Untergang der Netzkultur? Immer mehr junge Menschen ziehen es vor, statt lange und umständlich im Netz nach Informationen zu suchen, sich direkt über ein Telepathiekristall mit den Geistern gefährlicher, längst totgeglaubter Wirrköpfe wie Platon, Plotin oder Plutarch zu verbinden. Viele dieser jungen Leute wissen kaum noch, wie man einen Browser bedient, statt dessen kreisen ihre Gespräche um die sogenannte Ewigkeit, und mit besorgniserregender undsoweiter undsoweiter“
Das Ärgerliche ist, daß Eco nicht nur Platon zitiert, der Thamus zitiert, sondern auch die Sprachentstehung als potentielle Quelle des Kulturpessimismus. He, ich will auch noch etwas Originelles sagen dürfen.
Die Pisa-Studie beweist, daß unsere Schüler eher auf verständnisloses Auswendiglernen gedrillt werden als die Japaner und es bei uns stärkere soziale Unterschiede gibt als in Amerika. Statt nun die Bildung so zu reformieren, daß wir die Finnen oder Niederländer kopieren, die vergleichsweise gut abschneiden, werden Rezepte aus den Siebziger Jahren hervorgekramt. So sollen die künftigen Schüler schon im Kindergarten verständnislos Wissen auswendig lernen. Wenn sie nur recht viel auswendig lernen, vielleicht ist dann jede überhaupt nur denkbare mögliche Alltagssituation mit im Lehrstoff enthalten und die Jugend ausreichend auf das Leben vorbereitet. Schließlich gibt es wohl nicht mehr als zehn hoch achtzig Atome, die Zahl der möglichen Alltagssituationen dürfte dementsprechend die Zahl von zehn hoch zehn hoch achtzig nicht wesentlich übersteigen, das Ziel ist also überschaubar.
Ich dachte bislang, es sei mehr oder weniger natürlich, daß es nicht möglich ist, in der Schule viel zu lernen, und daß, wer etwas weiß, es außerhalb der Schule gelernt hat. Aber vielleicht ist das ja gar nicht wahr, vielleicht ist das nur hierzulande der Fall.
Nachdem es den amerikanischen Regierenden weit eher gelungen ist, als von Pessimisten, Nörglern, Zweiflern und Pazifisten wie meinesgleichen und wohl auch weit eher als von ihnen selbst vorausgesagt, den Afghanen Musik, Schminke und Physik zurückzubringen (was ihnen von ganzem Herzen gegönnt sei und mir eine große Freude ist), scheinen sie verzweifelt zu überlegen, wie sie es nun doch noch anstellen könnten, sich selbst zum Buhmann zu machen. Vielleicht, wenn sie den Irak angreifen? In Somalia einmarschieren? Dabei gibt es doch in Afghanistan noch genug Möglichkeiten, zu scheitern.
9.12.2001
Legt eine Firma sich einen neuen Namen zu, etwa anläßlich einer Fusion, dann werden derzeit Namen bevorzugt, die mit „A“ beginnen, wie etwa „Arschfick“. „Arschfick“ ist allerdings kein besonders gutes Beispiel, denn eigentlich werden eher seriös-gebildet-klingende Angebernamen bevorzugt, wie „Aphasie“. „Aphasie“ ist aber auch kein treffendes Beispiel, denn bevorzugt werden Namen in Pseudo-Latein, also etwa „Aphasium“.
Womöglich werden in Zukunft nur noch CDs mit Kopierschutz verkauft. Das heißt, in Zukunft werde ich mir keine Sampler und BestOfs nach meinem eigenen Geschmack mehr zusammenstellen können, während die Urheberrechtspiraten vermutlich Wege finden werden, den Kopierschutz zu umgehen und weiterhin mit billigen Kopien der Erzeugnisse von Minderjährigenidolen ihr Geld zu verdienen.
11.12.2001
Straßenbahnfahren: es soll Länder und Völker geben, wo die Menschen sich an der Haltestelle in eine Schlange einreihen und geordnet und effizient in das öffentliche Verkehrsmittel einsteigen. Ich weiß nur, daß alle sich um den Eingang drängeln, so daß die, die aussteigen wollen, nicht aussteigen können, und die Einsteiger sich gegenseitig blockieren. Von dummen Grundschülern abgesehen fallen dabei besonders einige ältere Menschen auf, Senioren, Greise, die alle um sich herum wegdrängeln, wegboxen, wegschieben, den Ellbogen in den Magen rammen, die Brille von der Nase hauen. Vielleicht, weil diese Greise nicht mehr die Kraft haben, längere Fahrten stehend zu verbringen, zumindest aber die Kraft, sich zu raufen, haben sie nicht eingebüßt. Wahrscheinlicher scheint mir, daß ein langes Leben verbittert und zynisch macht und die Menschen lehrt, rücksichtslos auf ihren eigenen Vorteil zu achten. Zumindest manche.
Ist das Innere der Straßenbahn voll, stellen sich die letzten Reisenden auf die Trittstufen. Die Trittstufen reagieren auf Gewicht und blockieren die Türen, und mit blockierten Türen kann die Straßenbahn nicht losfahren. So stehen wir eine Weile, der Fahrer macht ein paar Durchsagen, die Leute sollten doch bitte die Trittstufen freimachen, die Zeit vergeht.
Manchmal auch muß einer rennen, um die Straßenbahn gerade noch zu erreichen. Hat sie die Straßenbahn beinahe erreicht, so verlangsamt sie in vielen Fällen den Schritt, vielleicht, weil sie meint, der Fahrer oder die Fahrerin werde auf sie warten, oder weil sie meint, zur Not, wenn die Türen sich schließen sollten, in einem kurzen Satz den Öffnungsknopf noch erreichen zu können.
Sind wir erst einmal eingestiegen, ist das nächste wichtige Ziel, als erster wieder auszusteigen. Dementsprechend bilden sich auch Innen um die Türen herum dichtgedrängte Menschentrauben. Wer nur noch zwanzig Haltestellen weiterfahren will, stellt sich vorsorglich schon einmal in der Nähe der Tür auf und preßt seine Nase an ihr platt. Will jemand nicht erst zwanzig Haltestellen später, sondern jetzt schon aussteigen, muß er oder sie sich an diesen vorausschauenden Reisenden vorbeidrängen, die nicht auf die Idee verfallen, sich vorübergehend von der Tür zu entfernen (sie könnten ja dann rettungslos von der Tür abgeschnitten werden und das Aussteigen und ihre Haltestelle versäumen) oder gar kurz auszusteigen (sie könnten ja dann am Einsteigen gehindert werden, und überhaupt müßten sie sich ja dann bewegen, ohne einen persönlichen Vorteil davon zu haben). Dementsprechend kann es häufig vorkommen, daß sich in den türferneren Bereichen der Straßenbahn noch viele freie Sitzplätze befinden, während in der Nähe der Türen selbst die Stehplätze knapp sind. Ein verwandtes Phänomen sind die Nicht-Fenster-Sitzer, also Personen, die sich nicht an einen Fensterplatz setzen oder nicht auf einen freiwerdenden Fensterplatz nachrutschen, weil sie ja dann von den Gangsitzern am Aussteigen gehindert werden könnten. So sitzen sich zwei grimmig entschlossene Gangsitzer gegenüber, Knie an Knie die beiden freien, aber unereichbaren Fenstersitze bewachend.
Ein weiterer Grund, warum Sitzplätze nicht besetzt werden, ist Schüchternheit, Dezenz oder Scham. Da stehen Menschen, obwohl Plätze frei werden, um sich nicht neben fremde Menschen setzen zu müssen. Andererseits bleiben Plätze auch aufgrund von Schamlosigkeit von Menschen unbesetzt, wenn nämlich andere Menschen schamlos Sitzplätze mit ihren Einkaufstaschen belegen. Meistens sind die Einkaufstaschenparker Frauen, wohl, weil Männer jagen gehen und sich anderen Belustigungen hingeben, während Frauen arbeiten und Einkaufstaschen schleppen müssen, so daß Männer erst gar nicht in die Verlegenheit kommen können, ihre Einkaufstasche unterbringen zu müssen. Gelegentlich stellen aber auch Männer ihre Rucksäcke auf Sitzenplätzen ab, obwohl um sie herum andere stehen müssen. Dialog zweier Frauen in der Straßenbahn, die eine sitzt auf einem Sitz, die andere sitzt mitsamt ihren Tüten auf zwei Sitzen, um sie herum stehen die Menschen: „Wollen Sie nicht vielleicht den Platz freimachen, andere müssen stehen?“ (manchen Leuten muß das Offensichtliche erklärt werden) „Wieso, wenn sich jemand setzen will, mache ich doch sofort den Platz frei, es will sich aber niemand setzen.“ (betreten schweigen die stehenden Menschen, aus Scham will sich niemand neben die dumme Kuh setzen. Die Tüten bleiben auf ihrem Platz. Im Geist versuche ich mühsam, alle Gründe, die meines Erachtens gegen die Todesstrafe sprechen, zu rekapitulieren).
In fernen, mystischen Vorzeiten soll es vorgekommen sein, daß älteren Menschen und Schwangeren Sitzplätze angeboten wurden. Ich selbst habe schon meinen Sitzplatz älteren Menschen angeboten, es handelt sich allerdings um ein problematisches Verhalten, manche sind nämlich beleidigt, es ist jeder so jung, wie er sich fühlt, oder zumindest soll ihr niemand etwas anderes nahe legen. Im übrigen meine ich, daß es moralisch zu rechtfertigen ist, wenn Arbeitnehmer, die von der Arbeit nach Hause fahren, Rentnern, die vom Weihnachtsmarkt kommen, ihren Sitzplatz nicht anbieten. Daß Schwangeren jemals Sitzplätze angeboten werden, möchte ich ins Reich der Fabeln und Legenden verweisen, die sich empirisch nicht belegen lassen.
Ein weiteres interessantes Platzpräferenzverhalten zeigt der Beifahrer. Der Beifahrer ist meistens ein sieben- bis zehnjähriger Junge, manchmal aber auch ein Mädchen, das Verhalten ist aber auch gelegentlich bei Greisen zu beobachten. Der Beifahrer drängt sich möglichst nahe an die Fahrerkabine, wenn möglich, halb in die Fahrerkabine hinein gebeugt, und schaut dem Fahrer über die Schulter. Möglicherweise handelt es sich um einen künftigen Straßenbahnfahrer, jedenfalls um einen Technik- und Geschwindigkeitsnarren, oder um einen Kontrollfetischisten, der den Fahrer oder die Fahrerin beim Fahren mental unterstützen muß. Ist die Fahrerkabine in der Nähe einer Tür, kollidiert das Verhalten des Beifahrers mit dem Verhalten der Türsteher.
Weitere Mitreisenden sind die Bierdosentester. Die Bierdosentester sind oft ernste, würdevolle (so lange sie den Mund halten), nicht selten bärtige Herren, die meistens Parkamäntel tragen, ihr Equipment in Plastiktüten mit sich transportieren und schon am frühen Morgen ihrem schwierigen und anspruchsvollen Beruf nachgehen, der darin besteht, den Inhalt von Bierdosen auf eventuelle Mängel und Schäden zu prüfen. Manchmal tragen sie auch Lederjacken, Stahlketten, Tätowierungen, rote Gesichter oder grüne Haare. Ihre harte Arbeit macht sie nervös und reizbar. Sucht ein anderer Reisender Streit mit ihnen, können sie schnell laut und ausfallend („Paaraufsmaul“) werden. Sind sie gut gelaunt, dann singen sie. Gerne auch bespritzen sie sich und andere mit Bier, besonders beim Öffnen der Bierdose, beim Leeren der Bierdose, oder irgendwann danach. Einmal ist mir allerdings auch ein Bierdosentester begegnet, der weder Parka noch Lederjacke trug und überhaupt äußerlich von anderen Reisenden nicht zu unterscheiden war, er trank auch kein Bier, sondern Sinalco, und als Bierdosentester war er eigentlich nur an seinem lauten und stark repetitiven Gesang zu erkennen.
Eine große gemeinsame Schnittmenge gibt es zwischen Bierdosentestern und Hundebesitzern. Den Hundebesitzern verwandt sind die Fahrrad-In-Der-Straßenbahn-Mitnehmer, insofern beide rechts sperrige, platzraubende Dinge transportieren. Obwohl ich auch Fahrräder und ihre Besitzer nicht leiden kann (rücksichtslose Arschlöcher, die es nicht nötig haben, jemals zu bremsen, gewissermaßen noch eine Stufe unter den Autofahrern, die doch an sich schon Abschaum darstellen), muß ich doch zugeben, daß Fahrräder selten die Gewohnheit haben, den Schoß ihrer Mitreisenden zu beschnuppern, sie haben auch keinen Schwanz, auf den jemand treten könnte, sie sabbern nicht, sie hecheln nicht, sie sehen nicht hungrig aus, sie fallen höchstens mit lautem Scheppern um und schlagen dabei jemand das Knie auf oder werden vor zwanzig Uhr mitgenommen.
Dann gibt es da Schulklassen. Gut erzogene Schulklassen sind solche, die auf den Satz „Ach Kinder, jetzt seid doch mal etwas leiser“ hin für etwa vierzig Sekunden ihre Lautstärke um etwa zehn Prozent reduzieren, um danach zur Ausgangslautstärke zurückzukehren. Schlecht erzogene Schulklassen dagegen reagieren auf diesen Satz, indem sie ihre Lautstärke um zehn Prozent erhöhen, für den Rest der Fahrt und kumulativ zu früheren Erhöhungen. Bei Schulklassen gibt es zwei besonders besonders gefährliche Alter. Zum einen gibt es da die Schulklassen vor der Pubertät, das heißt, vor dem Stimmbruch. Zum anderen gibt es da die Schulklassen in der Pubertät, das heißt, völlig vom Thema Sex besessen und es mit größter Lautstärke auf die hirnzerbröselnd dümmstmögliche Art diskutierend. Die Gespräche der pubertierenden Herren sind dabei eher abstrakter Natur: „Hast du die geile Tussi da drüben gesehen? Mit der würd ich sofort. Hast du die geile Fotze da vorne gesehen? Die wär net schlecht.“ Die Gespräche der pubertierenden Damen dagegen sind eher auf Personen aus ihrem persönlichen Bekanntenkreis ausgerichtet: „Hast du gehört, die Clarissa geht jetzt mit dem Benny, die Sabrina geht jetzt mit dem Moritz, voll eklich, oder?“. Schulklassen jenseits der Pubertät heißen Lehrerausflüge und sind ebenfalls verheerend. Gemeinsam verreisende Lehrer sind an ihrem unverwechselbaren besserwisserischem Geschwätz sicher zu identifizieren (Prahlereien, was sie alles im Internet gelesen haben, Versuche, in Eichendorff-Gedenktafeln im Original-Eichendorf-Zitat grammatikalische Fehler zu finden, Klage, daß die ZEIT so unhandlich groß ist).
Glücklicherweise treten ganz kleine Kinder nicht in massierter Form und als Horde, sondern nur als Einzelfälle auf. Ein solcher Einzelfall setzt sich dir gegenüber und bollert seine Schühchen gegen deine Schienbeine. Die liebenden Eltern sagen dazu ab und zu „sitz doch mal still, zappel nicht so herum“. Aber in jungen Jahren sind Kniee und Großhirn noch nicht durch Nervenbahnen miteinander verbunden, die Füßchen bollern völlig autonom und selbständig, das Kind kann quasi nichts dafür. Es gibt zwar eine Theorie, wonach regelmäßige Ohrfeigen die Bildung dieser Nervenbahnen beschleunigen kann, aber diese Theorie ist reaktionär. Außerdem können kleine Kinder quengeln, jammern, weinen, brüllen und schreien. Insbesondere, wenn ihnen langweilig ist. Etwa, weil sie nicht fernsehen dürfen. Was ja in Straßenbahnen notorisch der Fall ist.
Erstaunlich viele Reisende verhalten sich still und lesen Bücher („entschuldigen Sie, daß ich Sie anspreche, was lesen Sie da?“ „Orlandofuriosovonariost“ „Weil ich gesehen habe, daß das Buch in einzelne Gesänge eingeteilt ist, und ich habe neulich die Bhagavad-Gītā gelesen, und die ist auch in einzelne Gesänge eingeteilt“ Von allen überflüssigen Exkursen des Mahābhārata ist die Bhagavad-Gītā zweifellos der unnützeste und sinnloseste). Gerne lesen sie Krimis oder andere Bücher in grellbunten billigen Umschlägen, oft auch prüfungsrelevante Literatur, aber eigentlich lassen sich alle Arten von Bücher in der Straßenbahn antreffen. Jemand las sogar mal die 25th anniversary edition von Wilsons Sociobiology in der Straßenbahn, eine recht heroische Tat, denn es handelt sich um ein ziemlich sperriges und unhandliches Buch (immer noch besser allerdings als Zettels Traum). Andere vertreiben sich die Zeit, indem sie Musik hören, wogegen wenig einzuwenden ist, solange sie die Lautstärke nicht so justieren, daß ihre Kopfhörer sich in Boxen verwandeln.
Andere unterhalten sich. Leider reden sie dabei oft ziemlich dummes Zeug. Am angenehmsten ist die Gesellschaft von Gehörlosen, die unterhalten sich dann, indem sie mit den Händen fuchteln, einer stößt dabei vielleicht Gluckslaute aus, die mich aber, da bar jeder Information und daher ablenkungsfrei, nicht weiter stören bei meiner Lektüre von Wilsons Sociobiology. Bei anderen Gesprächen muß ich leider zuhören: „Findest du die gut? Also, ich hab die gefressen. Klar, sie sieht gut aus, aber paß auf, was ich mit der erlebt habe. Also, ich habe ein Seminar bei ihr und muß eine Hausarbeit schreiben. Ich bin ja nicht doof, grabe einen alten Aufsatz von irgend einem Professor aus, schreibe ihn ab, formuliere die Sätze natürlich ein bißchen um, gebe das Ganze ab und gehe in die Sprechstunde. Sagt die doch tatsächlich zu mir, für dieses Stammtischgeschwätz könne ich ja wohl nicht erwarten, daß sie mir einen Schein gibt. Da ist mir erst mal die Kinnlade runtergefallen. Sage ich zu ihr: Hören sie, die Hausarbeit habe ich bei demunddem abgeschrieben. Da fällt dann ihr erst mal die Kinnlade runter. Hat sich aber immer noch geweigert, mir einen Schein zu geben. Sage ich, das kann doch nicht sein, der Mann ist doch Professor, von dem ich das abgeschrieben habe. Alles egal. Glaubst du, die hätte mir meinen Schein gegeben? Seither hab ich die gefressen.“
Wer keinen Gesprächspartner mit dabei hat, kann sich auch mit einem Mobiltelephon („Handy“) unterhalten. Ein Mobiltelephon ist ein Gerät, daß bei einem Anruf nicht einfach, sondern melodisch klingelt. Ansonsten unterscheidet es sich von einem gewöhnlichen Telephon dadurch, daß ein Mobiltelephon öffentliches telephonieren erlaubt, es sollte also eigentlich Publiktelephon oder Indezenztelephon heißen (Publy). Ein telephonierender Reisender gibt zunächst seine Position an: „Ich bin gerade in der Straßenbahn. Ich bin gleich daheim.“ Angeblich dient dies dazu, dem Gesprächspartner die Gesprächssituation klar zu machen. Da intime Details des Beziehungslebens von manchen, vielleicht krawalltalkshowgeschädigten Menschen nur in der Öffentlichkeit diskutiert werden können, ist es wichtig, die Gesprächssituation zu klären: „Über so intime Details kann ich hier jetzt nicht reden, ich bin nicht in der Öffentlichkeit, warte, bis ich in die Straßenbahn einsteige“. Besonders niederdrückend sind Telephonate von Frauen, die ihrem Freund erklären, warum er ein absolut vollkommenes Arschloch ist, oder Telephonate von Frauen, die ihrer besten Freundin erklären, warum ihr Freund ein absolut vollkommenes Arschloch ist. Abgründe unerträglich liebloser Existenzen tun sich auf, eine niederwerfende Traurigkeit, die alle Zuhörer erfaßt, nur die Telephonierende schwatzt, klagt und tobt weiterhin auf den vertrauten Pfaden, die sie weder ertragen noch verlassen kann.
Auf den verschlungenen Schienen der Verkehrsverbünde ist es nicht ganz einfach, einen gültigen Fahrschein zu erwerben. Gelegentlich entdecken die Kontrolleure Schwarzfahrer, die daraufhin umständliche Geschichten beginnen, wieso sie der Meinung sind, sich völlig korrekt verhalten und tadellos unschuldig zu sein. Eventuell gibt der Kontrolleur nach, gibt zu, daß die Tarifvorschriften kompliziert und unübersichtlich sind, und ermahnt den Kontrollierten, sich künftig gültige Fahrscheine zu verschaffen. Der Schwarzfahrer aber tobt weiter, er werde sich auch weiterhin keinen anderen Fahrschein besorgen, der-und-der Schalterbeamte habe ihm nämlich aber gesagt daß, und überhaupt. Andere Schwarzfahrer verweisen auf ihre angespannte soziale Situation, ihre unglückliche Kindheit, oder sie beschuldigen die Kontrolleure, Rassisten zu sein, „ich bin diesen Monat schon drei mal kontrolliert worden, bloß weil ich farbig bin, ich weigere mich, ihnen schon wieder meinen Fahrausweis zu zeigen“. Unter den Fahrgästen beginnt eine Diskussion, ob der Kontrolleur ein Rassist ist, ob die Fahrgäste, die den Kontrolleur nicht für einen Rassisten halten, Rassisten sind, ob wie verfolgte Flüchtlinge aussehende Menschen keine Fahrkarten bezahlen müssen, ob das strikte Befolgen von Regeln Ausweis einer zwanghaft gestörten Persönlichkeit sei und ob der Kontrolleur ein bürokratisch verbohrter Nazi ist.
Kompliziert sind auch die Fahrpläne. An den größeren Haltestelle irren Menschen hilflos umher und wissen nicht, wo sie einsteigen sollen. Anscheinend habe ich ein hilfsbereit aussehendes Gesicht, denn oft fragen sie dann mich. In der Straßenbahn selbst wollen sie dann wissen, ob sie in der richtigen Straßenbahn sitzen, ob das hier die richtige Haltestelle ist und wie lange es noch dauert, bis die richtige Haltestelle kommt. Oft sind diese Fragen nicht leicht zu beantworten, insbesondere wenn es dunkel ist und die Fensterscheiben der Straßenbahn nichts als uniformes Schwarz zeigen, oder sie beschlagen sind und ein uniformes graues Weiß zeigen. Manche Straßenbahnen haben akustische Durchsagen mit einschmeichelnden Frauenstimmen oder den bellenden Stimmen der Straßenbahnfahrer und Straßenbahnfahrerinnen, andere Anzeigetafeln, die Durchsagen können unhörbar, unverständlich oder falsch sein, die Anzeigetafeln verdeckt oder falsch eingestellt, manche Straßenbahnen schließlich lassen die Reisenden völlig im Ungewissen, wo sie sich befinden. Fährt jemand eine Strecke öfter, erkennt er am Rhythmus des Aus- und Einsteigens, an welcher Haltestelle sie sich gerade befindet. Eine zum ersten Mal bereiste Strecke ist dagegen in Dunkelheit oder Nebel ohne Anzeigetafel eine Strecke der Angst und Ungewißheit.
Die besten Plätze sind die Plätze in Fahrtrichtung in der Nähe der Tür mit guter Sicht auf die Anzeigetafel und unter dem Fenster. Denn die Luft ist stickig, zu warm und schülerschweißgeschwängert. Außerdem kann es ratsam sein, entweder in der Nähe des Kopfs oder des Schwanzes der Straßenbahn einzusteigen, um schnell an der Straßenbahn vorbei das Gleis wechseln und den Anschluß erreichen zu können.
Ein Bus ist im Prinzip das selbe wie eine Straßenbahn, nur daß hier der Fahrer oder die Fahrerin einen zusätzlichen Freiheitsgrad mehr hat: außer abrupt anzufahren oder abrupt die „schnellwirkenden Bremsen“ zu betätigen, kann sie auch abrupt eine Kurve nehmen.
* * *
Nachwort als Farce: Ich befinde ich auf dem Weg von Großstadt nach Kleinstadt, der Weg führt über Kuhdorf. Kurz vor Kuhdorf verkündet der Straßenbahnfahrer, in Kuhdorf habe es einen Unfall gegeben, der Weg sei versperrt, wir sollten doch bitte aussteigen und in einem kurzen Fußmarsch bis zur Kaserne laufen, dort würde uns dann ein Bus abholen. Also steigen wir aus und wandern los. Die nunmehr leere Straßenbahn fährt davon. Bei der Kaserne sammeln wir uns wieder. Es ist kalt und ungemütlich, und die Minuten verstreichen zähflüssig. Nach zehn Minuten kommt die nächste Straßenbahn aus Großstadt und fährt vollbesetzt an uns vorbei. Offenbar war der Weg nur für uns versperrt, nicht für die, die zehn Minuten später vorbeikommen. Dann kommt die Straßenbahn aus der Gegenrichtung, der Fahrer hält kurz an und brüllt uns quer über die Straße zu, wir sollten zurück zur Haltestelle laufen und in die nächste Straßenbahn einsteigen. Also laufen wir zurück zur Haltestelle, ein Bus wird nicht kommen. Die nächste Straßenbahn aus Großstadt ist ebenso voll, wie es seinerzeit die unsere war, ehe wir sie verlassen haben. Wir drängeln uns mit hinein. Dort dann das übliche, ich kämpfe mich zwischen zwei Gangsitzerinnen bis zu einem Fensterplatz durch, an der nächsten Haltestelle möchte ein Junge aussteigen, ein Familienvater, ein typischer Türsteher, steht ihm im Weg, beide pöbeln einander an „zieh halt deinen Ranzen [Fettbauch] ein“ „zieh selber deinen Ranzen ein“ „ich lang dir gleich eine, ich tret dich aus der Straßenbahn“. Dann widmet der Familienvater sich wieder der Erziehung seiner beiden vorlauten Kleinkinder. Im Hintergrund klingelt einsam ein Handy. Am meisten ennuiert mich freilich, daß das Buch, das ich gerade lese, „Die Selenmaschine“ von Paul Churchland, derart elend seicht geschrieben ist.
Viele der Aufsätze Paul Churchlands habe ich mit Interesse oder Vergnügen gelesen. Entsprechend dachte ich, in „Die Seelenmaschine“ eine ausführlichere, fundiertere Darstellung der Churchlandschen Lehre zu finden. Statt dessen fand ich ärgerliches dummes Geschwätz, Stroh statt Gold. Zum Teil liegt das daran, daß Churchland in diesem Buch unbedingt allgemein verständlich und für ein breites Publikum schreiben möchte. An sich ist das ein löbliches Unterfangen, bei Churchland aber läuft es darauf hinaus, Details und Exaktheit über Bord zu werfen. So halte ich es etwa für verkehrt, Fachwörter um ihrer selbst willen zu verwenden; gelegentlich aber können sie eine Sache klarer machen, so, wie einige Ausführungen Churchlands über seine Gegner klarer geworden wären, wenn er das Wort „Qualia“ benutzt hätte (ich werde darauf zurückkommen). Andererseits wimmelt es in dem Buch von Erklärungen, die hier niemanden interessieren: „Während der kurzen radioaktiven Zerfallszeit emittiert jedes markierte Molekül früher oder später ein Partikel, das man als Positron bezeichnet, ein positiv geladenes Elektron. Jedes freigesetzte Positron trifft unmittelbar auf ein Elektron, wodurch sich beide in einer Materie-Antimaterie-Reaktion in Energie umwandeln und Gammastrahlung einer charakteristischen Wellenlänge frei wird. Diese Strahlung durchdringt Gehirngewebe und Knochen und kann nach Verlassen des Körpers nachgewiesen werden.“ (Erläuterung der Positron-Emissions-Tomographie [Heidelberg Berlin 2001, S. 179]). Wen interessiert das? Was hat all dieser umständliche und weitschweifig populärwissenschaftliche pseudogebildete Unfug mit dem menschlichen Bewußtsein zu tun? Und wäre diese umständliche Ausführlichkeit nicht an anderen Stellen des Buches angebrachter gewesen, die dafür bedauerlich dünn und unklar geblieben sind? Die skandalöse deutsche Übersetzung (die etwa den für Churchland wichtigen Begriff der „folk psychology“ mit „Völkerpsychologie“ wiedergibt) kann bei der rhetorischen und stilistischen Öde des Buches auch nicht mehr viel kaputt machen: „Läßt sich dieses Phänomen auch durch Rekurrenz erklären? Das ist tatsächlich möglich; passen Sie auf!“ [S. 128] Keine Sorge, Paul, ich passe auf, so leicht kommst du nicht davon.
Die große Entdeckungs Churchlands ist der Prototyp. Alles unter der Sonne kann mit Hilfe von Prototypen erklärt werden: Bewußtsein, Problemlösen, wissenschaftlicher Fortschritt, Moral und Kunst, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Zugegebenermaßen erweist sich der Begriff des Prototyps als erstaunlich fruchtbar. So sehr, daß wir uns fast wundern müßten, wenn nicht schon vor Churchland jemand auf den Gedanken gekommen sein sollte, den Begriff des Prototyps zu verwenden. Vielleicht sollten wir uns ein wenig umsehen, ob es für diesen Begriff in der Pghilosophiegeschichte nicht etwa Vorläufer gibt. Zum Glück ist die entsprechende Stelle der Philosophiegeschichte nicht schwer zu finden, sondern im Gegenteil recht gut beleuchtet. Auf S. 174 nennt Churchland sogar beiläufig den Namen seines großen Vorläufers. Einen weiteren Hinweis gibt meine Skizze vom 16.1.2001. Sagen wir es unverblümt: die Churchlandschen Prototypen erinnern uns fatal an Platons Ideen. Die allerneueste philosophische Neuerung erweist sich somit als etwas ziemlich altes.
Einige der Churchlandschen Argumente werden dadurch ziemlich hinfällig. Zugegeben, wir können an vielen Stellen zur Beschreibung Prototypen verwenden, aber das beweist überhaupt nichts für Theorien, die neuronale Netze verwenden, wenn doch schon die viel ältere Theorie Platons das Vorkommen von Prototypen voraussagt, ganz ohne auf neuronale Netze zu rekurieren. Die tausendundein Beispiele, die Churchland für die Nützlichkeit des Begriffs des Prototypen anführt, lassen sich daher allesamt nicht für seine anspruchsvolleren Ansichten rekrutieren, da sie genausogut Beispiele zugunsten Platons wie zugunsten Churchlands sind.
Davon abgesehen: die Anwendbarkeit eines Begriffs beweist zunächst einmal überhaupt nichts. Die Begriffe der Psychoanalyse lassen sich bekanntlich auch immer und überall erfolgreich anwenden, obwohl doch Churchland selbst behauptet, daß die Psychoanalyse trotz dieses so überaus fruchtbaren Begriffsapparates leider völliger Blödsinn ist. Bloß, weil Churchland alles unter Sonne mit Hilfe des Begriffs des Prototyps beschreibt, heißt das noch nicht, daß seine Theorien richtig sind, es könnte sich auch bloß um ein rhetorisches Blendwerk wie im Fall der Psychoanalyse handeln.
Sehr dubios ist auch der Begriff des Netzwerks. Eine ordentliche formale Definition vermissen wir ganz, das wäre nicht weiter schlimm, wenn Churchland halbwegs klar machen könnte, was genau er damit eigentlich meint. Er gibt einige Beispiele für neuronale Netzwerke, nun gut, im Sinne seiner Theorie der Prototypen mag das genügen, aus diesen Beispielen läßt sich halbwegs vermuten, was in etwa er gemeint haben könnte. Es sieht aber leider so aus, als sei dieser Begriff der neuronalen Netzwerke ein ziemlich weitgefaßter, um nicht zu sagen, beliebiger (um so mehr, als Churchland uns ja geradezu auffordert, den Gebrauch von Prototypen auf möglichst entlegene Fälle anzuwenden). So will mir etwa scheinen, daß auch ein ganz gewöhnlicher seriell-symbolischer Rechner ein neuronales Netzwerk ist, wenn auch vielleicht ein außergewöhnlich schmales und langgezogenes mit Axonen, die nur zwei Gewichtsabstufungen kennen. Wenn aber alles ein neuronales Netzwerk ist, dann ist es nicht besonders erhellend, irgend etwas als neuronales Netzwerk zu entlarven. Das ist dann so spannend, wie die verblüffende Erkenntnis, daß der Mensch zu den Seienden Dingen gehört. Mag sein, aber da die Kategorie der Seienden Dinge recht umfangreich ist und recht disparate Elemente enthält, hilft uns diese Erkenntnis wenig weiter. Daß das menschliche Bewußtsein auf einem neuronalen Netzwerk beruht, werden heutzutage wohl auch nur noch Obskurantisten, Katholiken und Spiritisten bestreiten. Churchlands akademische Kollegen vertreten zu einem großen Teil materialistische Positionen, aber nicht alle vertreten den radikalen eliminativen Materialismus, für den Churchland eintritt. Es ist daher wenig spannend, wenn Churchland die Position einiger übrig gebliebener Obskurantisten, Katholiken und Spiritisten widerlegt oder beweist, daß die Menschen im Inneren ihres Schädels ein neuronales Netzwerk mit sich spazieren tragen (Oh Wunder! Das menschliche Gehirn enthält Neuronen, wer hätte das gedacht!). Interessanter wäre es da schon, zu hören, was Churchland zu den Positionen eines Nagel, eines Searle, eines Jackson oder eines Denett zu sagen hat. Dazu gleich mehr, zuerst noch ein Wort dazu, wie Churchland versucht, seine etwas anspruchsvolleren Positionen zu belegen.
Er greift dazu nämlich nicht selten zu folgendem Trick: er beschreibt ein bestimmtes Phänomen, oft sehr oberflächlich, dann flickt er in seine Sätze irgendwo die Worte „Netzwerk“, „Prototyp“, „Vektor“ oder „rekurrent“ ein, und dann verkündet er uns freudig, damit habe er dieses Phänomen nun auf der Ebene der Neurophysiologie erklärt. Viele seiner angeblichen Erklärungen bleiben so auf der Ebene reiner Beschreibungen stecken, und oft sind es Beschreibungen, die sich nicht einmal besonders exzessiv seines neurophysiologischen oder netzwerktheoretischen Vokabulars bedienen. Im Kapitel „Neuronale Repräsentation und Kunst“ etwa plaudert Churchland ein wenig über Akkordfolgen in der Populärmusik, entdeckt, daß es hier häufig wiederholte Muster gibt (Sieh einer an! Churchland hat entdeckt, daß in der Populärmusik Schemata wiederverwendet werden!), diesen Konformismus bringt er assoziativ mit seinen Prototypen in Verbindung, und fertig ist die neurophysiologische Erklärung von Kunst und Kreativität. Noch frappanter ist in dieser Hinsicht das Kapitel „Nachbildung von Bewußtsein durch neuronale Netzwerke“.
Ebenso vereinfachend, wie er seine eigene Position darstellt, ebenso simpel stellt er die Position seiner Gegner dar, so simpel, daß die Ideen und Argumente seiner Gegner kaum wiederzuerkennen sind. Eine der etwas anspruchsvolleren Theorien etwa ist das, was ich „naturalistischen Fehlschluß“ nennen würde; wie der Name andeutet, handelt es sich um einen Fehlschluß, und mir scheint, die meisten modernen Philosophen lehnen diese Position ab. Worin besteht sie? Aus der Behauptung, ethische Vorschriften seien Tatsachenbehauptungen. Ein typisches Beispiel für einen naturalistischen Fehlschluß wäre etwa: „Homosexualität ist widernatürlich, also ist sie verwerflich“. Die Verwerflichkeit der Homosexualität, also eine ethische Behauptung, wird mit einer Tatsachenbehauptung identifiziert, nämlich der Behauptung ihrer Widernatürlichkeit. Nun ließe sich schon über den Begriff der Widernatürlichkeit endlos streiten, da eigentlich niemand so recht weiß, was natürlich ist und was nicht. Das allermeiste in unserem Leben ist ziemlich widernatürlich, wenn wir alles für widernatürlich halten, was es nicht schon in der Steinzeit gab (inklusive etwa dem Zölibat katholischer Priester). Andererseits sind wir Menschen etwas natürlich entstandenes, insofern sind auch alle unsere Hervorbringungen gewissermaßen natürlich, einschließlich Kernkraftwerke und völkstümliche Schlagermusik. Aber lassen wir das beiseite. Es ist nämlich darüber hinaus nicht recht einzusehen, warum wir dem Faktischen normative Kraft zugestehen sollten. Nahezu jede Ethik produziert einen normativen Überschuß, also eine Forderung, daß die Welt gerade nicht so sein sollte, wie sie ist. Nehmen wir an, wir könnten tatsächlich zeigen, daß Homosexualität widernatürlich ist. Na und? Warum sollte uns das stören? Churchland scheint zu glauben, daß es nur eine einzige Art und Weise geben kann, friedlich und harmonisch miteinander zusammen zu leben, und daß es deshalb die Feststellung einer Tatsache bedeutet, herauszufinden, wie genau dieses eine einzige Optimum aussieht. Aber das ist nicht wahr. Eine Gesellschaft kann beschließen, daß in ihr die Tötung von Neugeborenen legal und moralisch neutral sein soll. Eine solche Gesellschaft mag uns verwerflich erscheinen, und insbesondere Churchland (für den ein Embryo ab dem sechsten Monat ein natürliches Lebensrecht besitzt), sie kann aber ohne weiteres funktionieren: es gibt dafür übergenug historische Beispiele und sogar neurophysiologische Begründungen: anscheinend entsteht in vielen Fällen keine starke Bindung zwischen Mutter und Kind, wenn das Kind unmittelbar nach der Geburt getötet wird (es sei denn natürlich, das Kind war ein Wunschkind, und die Mutter hat bereits während der Schwangerschaft eine starke emotionale Bindung zu dem Kind aufgebaut), so daß eine Kindstötung unmittelbar nach der Geburt oft ohne übermäßige traumatische Belastungen möglich ist; biologisch ist ein solches Muster jedenfalls ausgesprochen plausibel. Bringt eine Schwangere ein Kind zur Welt, um es zur Adoption freizugeben, kann es häufig vorkommen, daß sie es sich einige Tage nach der Geburt anders überlegt und das Kind behalten möchte. In diesen Fällen hat das Kind die kritischen Stunden überlebt, in denen die Aussetzung oder Tötung möglich gewesen wäre, und wird emotional wertvoll. Mithin gilt: aus biologischen und historischen Gründen scheint es hochwahrscheinlich, daß eine Gesellschaft, die das Töten von Neugeborenen erlaubt, ohne weiteres existieren könnte. Wenn wir beschließen, daß wir das Töten von Neugeborenen nicht tolerieren wollen, dann handelt es sich um eine ethische Entscheidung, für die wir keinerlei Tatsachenbehauptung als Beleg anführen können. Des weiteren ist ohne weiteres glaubwürdig, daß eine Gesellschaft, in der geistig Behinderte getötet werden, ökonomische Vorteile gegenüber einer Gesellschaft bietet, in der geistig Behinderte gefördert und betreut werden und in der wir dafür sorgen, daß auch geistig Behinderte, wo möglich, einer Arbeit nachgehen können, weil wir Arbeiten für wichtig für die Erfülltheit eines menschlichen Lebens halten. Daß wir nicht zur ökonomisch vorteilhafteren Gesellschaft wechseln, beruht nicht auf einer faktischen, sondern auf einer normativen Überlegung.
Was hat nun Churchland dazu zu sagen?
Der Versuch, akzeptierte Regeln oder persönliche Vorstellungen als Grundlage für einen moralischen Charakter darzustellen, hat noch einen weiteren Nachteil. Er lädt nämlich Skeptiker zu den kritischen Fragen ein: „Warum sollte ich solchen Regeln folgen?“ im ersten Fall, und im zweiten: „Was ist, wenn ich solche Wünsche nicht habe?“ Wenn jedoch einen moralischen Charakter als den Besitz umfassender sozialer Fähigkeiten (in Wahrnehmung, Denken und Handeln) definieren, dann müßte die Frage des Skeptikers lauten: „Warum sollte ich diese Fähigkeiten erlernen?“ Und die ehrliche Antwort darauf lautet: „Weil es mit Sicherheit die wichtigsten Fähigkeiten sind, die Sie je lernen werden.“
[S. 346]
Ich bin versucht, zu fragen: „Und warum sollten das die wichtigsten Fähigkeiten sein, die ich je lernen werde?“ Aber an dieser Stelle endet das Churchlandsche Kapitel über Politik und Ethik leider auch schon. Es sieht so aus, als habe Churchland die Vorstellung, wer sich moralisch verhalte, werde am wenigsten Schwierigkeiten mit der Gesellschaft haben und am ehesten im Leben zurechtkommen. Das erinnert ein wenig an den Schluß von Platons Politeia, und tatsächlich wird Platon folgendermaßen zitiert: „Platon ließ in seinen Schriften einmal Sokrates behaupten, daß niemand jemals bewußt etwas Böses tun würde.“ [S. 174]. In der Tat, eben dies ist die logische Folgerung aus der Churchlandschen Ethiktheorie. Und sie ist widersprüchlich, wenn Churchland nicht aufhört, den sechs bis neun Monate alten Embryos seinen Schutz angedeihen zu lassen.
Churchland möchte dem Skeptiker dauerhaft den Mund verschließen. Das ist ein verständlicher Wunsch, aber wenig realistisch. So wenig, wie es in der Wissenschaft endgültige Gewißheiten gibt, so wenig gibt es endgültige moralische Gewißheiten, ob mit oder ohne Neurophysiologie. Es gibt keinen unfehlbaren Weg zu Moral und Ethik, so wenig wie zur Wahrheit oder zu sicherer Erkenntnis.
Leider formuliert Churchland seine eigene Theorie an dieser Stelle nicht allzu klar, so daß ich mir nicht ganz sicher bin, ob er wirklich der Theorie anhängt, ethische Sätze seien Tatsachenbehauptungen. Das von mir angeführte Beispiel der Homosexualität würde er als gebildeter Liberaler vermutlich zurückweisen. Er selbst formuliert die Angelegenheit etwas anders, nämlich als das Problem, ob sich Moralwissenschaften und Naturwissenschaften prinzipiell unterscheiden. Da er anscheinend eine vage Erinnerung daran hat, daß die meisten Philosophen den naturalistischen Fehlschluß (und insbesondere auch die Moraltheorie Platons) ablehnen, kommt ihm der Verdacht, es könne da womöglich ein Gegenargument gegen seine These geben. Ich habe gerade versucht, darzustellen, wie eine solche Gegenargumentation aussehen könnte. Aber derartiges kommt Churchland nicht in den Sinn. Was also könnte dann von seinen Gegner zuungunsten seiner Theorie vorgebracht werden? Und hier konstruiert Churchland einen unglaublichen Strohmann: daß es nämlich in den Naturwissenschaften eine Einigkeit gebe, die den Moralwissenschaften mangelt: „Moralische und politische Überzeugungen liefern oft Anlaß zu Streitigkeiten und endlosen Diskussionen; sie werden oft von Ignoranz, Vorurteilen, Eigen- oder Gruppeninteressen, unkontrollierten Emotionen oder religiösem Eifer gelenkt.“ [S. 338] Dieser Strohmann läßt sich dann mühelos umpusten: auch in den Naturwissenschaften herrscht nicht eitel Sonnenschein, auch hier gibt es Zank und Hader: „Auch zu diesen Themen gibt es unterschiedlichste Auffassungen, und sie bieten Anlaß zu endlosen Diskussionen, denn auch hier beherrschen vielfach Ignoranz, mangelnde Bildung, aufwallende Emotionen oder religiöser Fanatismus das Denken.“ [S. 339] Was aber hat Churchland positiv zugunsten seiner Theorie vorzubringen? Nun, das, was er immer vorbringt, seine Theorie der Prototypen: Sowohl die Wissenschaft als auch die Moral werden von Prototypen beherrscht, also sind beide vergleichbar, also ist der naturalistische Fehlschluß gerechtfertigt. Mir scheint, selbst wenn in beiden Bereichen Prototypen die Rolle spielen, die ihnen Churchland unterstellt, folgt aus dieser Ähnlichkeit noch nicht, daß wir es in beiden Fällen mit Tatsachenbehauptungen zu tun haben. Aber die Rolle, die Churchland den Prototypen hier zuschreibt, scheint bei Lichte besehen auch ein wenig übertrieben.
In Bezug auf die Naturwissenschaften stützt Churchland sich diesmal vor allem auf Thomas Kuhn. An anderer Stelle hat er Feyerabend gelobt, was um so komischer ist, als sowohl Kuhn als auch Feyerabend in ihren Wissenschaftsmodellen dem wissenschaftlichen Fortschritt keinen Platz einräumen, während Churchland ein begeisterter Anhänger des wissenschaftlichen Fortschritts ist: Aristoteles-Descartes-Newton-Einstein, das ist die orthodoxe Churchlandsche Stufenleiter vom Urschleim zum Genie. Warum nun gibt es bei Kuhn keinen Fortschritt? Weil bei einer wissenschaftlichen Revolution ein Paradigma gegen ein anderes ausgetauscht wird, und ein Paradigma nicht besser als ein anderes Paradigma ist. Das eine Paradigma kann dies erklären, das andere Paradigma jenes, und während des Paradigmenwechsels kommt es zum Kuhn-loss: Dinge, die einst erklärt werden konnten, können nun nicht mehr erklärt werden. Es ist nicht möglich, das Paradigma kritisch an der Wirklichkeit zu prüfen: manche Dinge können eben vom Paradigma erklärt werden, andere nicht. Es ist aber nicht möglich, von vornherein zu sagen, welche Dinge nicht erklärt werden können, da der maximale Ausdehnungsbereich des Paradigmas unbekannt ist. Wer Kritik üben will, kommt daher um den Reimport Popperscher Verfahren kaum herum, und das war denn auch, in gewisser Weise, das Schicksal der Kuhnschen Theorie.
Es ist nicht zu leugnen, daß Paradigmen, Prototypen oder Beispiele eine wichtige Rolle in der Wissenschaft spielen. Das Beispiel Churchlands eines logischen Satzes, der sich leicht auf ein simples Muster zurückführen läßt und sich daher für den Geübten leicht als Tautologie erkennen läßt, ist recht einleuchtend. Das aber kann kaum die ganze Geschichte sein. Es gibt in der Mathematik und in den Naturwissenschaften das Bemühen, Regeln und Begriffe zu verallgemeinern und auf möglichst viele Fälle anwenden zu können. Oft ist dieses Bemühen sehr fruchtbar und enthüllt tiefe Beziehungen scheinbar disparater Bereiche, Churchland nennt weitere Beispiele, etwa die Theorie der Wasserwellen und des Lichtes. Solche Verallgemeinerungen können aber auch steril und unfruchtbar sein: wenn etwa für einen bestimmten klaren Begriff durch einen einfachen Beweis eine bestimmte Eigenschaft nachgewiesen wird, und in einer neueren Arbeit dieser Beweis durch einen umständlichen und mühsamen anderen Beweis ersetzt wird, um die Eigenschaft für einen unbedeutend größeren als den ursprünglichen Bereich nachzuweisen, der einem umständlich und verworren definierten erweiterten Begriff entspricht. Was aber noch schlimmer ist als die Tatsache, daß Verallgemeinerungen von Prototypen/Paradigmen nicht immer zu fruchtbaren und relevanten Ergebnissen führen, ist, daß die ausschließliche Verwendung von Prototypen einen ziviler Diskurs zwischen Meinungsgegnern außerordentlich erschwert. Gehört dies hier noch zum Prototyp A, oder ist es nicht eher dem Prototyp B zuzuordnen? Gehört dieser violette Pullover auf den Haufen mit der roten oder mit der blauen Wäsche? Wenn wir unseren Theorien eine logische Form geben und Regeln verwenden, dann lassen sich solche Fragen entscheiden, und wir können Theorien kritisieren und widerlegen: aus der Theorie T läßt sich ableiten, daß das Kleidungsstück auf den Haufen der roten Kleidungsstücke gehört, das aber hat zur Folge, daß das-und-das, was widersinnig ist, weshalb die Theorie T abzulehnen ist. Churchlands Theorie kann uns erklären, warum es oft so schwierig ist, brauchbare prüfbare Theorien zu entwickeln. Es wäre aber ein Narrenstreich, nun deshalb auf prüfbare Theorien ganz verzichten zu wollen. Denn dann bleibt uns im wissenschaftlichen sowie in jedem anderen Diskurs bei Meinungsverschiedenheiten nichts mehr übrig als zu sagen „du hast deine Prototypen, die du auf deine Art auslegst, ich habe meine Prototypen, die ich auf meine Art auslege, darüber hinaus gibt es zwischen uns beiden nichts zu besprechen“.
Bei der Behauptung der bedeutenden Rolle von Prototypen in der Rechtssprechung kommen Churchland, scheint mir, Besonderheiten des angelsächsischen Rechts sehr entgegen, die sich in anderen Rechtssystemen nicht in gleicher Form finden. Aber auch hier gilt: das von Churchland so verschmähte Regelwerk, das positive Recht hat eine notwendige Funktion, um nämlich einerseits die Verläßlichkeit, andererseits die Objektivität des Rechts zu garantieren. Wollten wir uns allein auf Prototypen verlassen, wer könnte uns hindern, zu entscheiden „in allen Fällen, die Müller betrafen, haben wir gemäß Paradigma A entschieden, nun aber, da es um Meier geht, wollen wir uns lieber an Paradigma B halten, da ja Meier selbst seiner ganzen Natur nach viel besser zu B paßt, auch wenn ihre Fälle ansonsten völlig gleich sind: krönt Müller für seinen müllerhaften Ladendiebstahl zum König und verurteilt Meier für seinen meierhaften Ladendiebstahl zum Tode“? Davon abgesehen, sind die Verwendung von Regeln und die Verwendung von Prototypen auch keine sich völlig ausschließenden Verfahren. Um einen Ladendiebstahl als solchen zu erkennen, kann ich auf eine formale Definition des Ladendiebstahls zurückgreifen, die ihrerseits Begriffe verwendet, die nur als Prototypen gegeben sind und mit Hilfe der Prototypen aufgelöst werden können und müssen. Habe ich das Vorliegen eines Ladendiebstahl festgestellt, dann verurteile ich Müller und Meier mechanisch zur gleichen Strafe, was ihren Besonderheiten vielleicht nicht völlig gerecht wird, aber besser als totale Willkür ist.
Churchland setzt große Hoffnungen in die Verwendung von neuronalen Netzwerken in Gerichtsprozessen. Es scheint seiner Aufmerksamkeit entgangen zu sein, daß neuronale Netzwerke mit zunehmender Komplexität immer anfälliger für Willkür und subtile, nicht leicht zu findende Fehler werden. Das heißt, ein Netzwerk für Unterwasserortung kann noch recht einfach getestet werden, ob es leistet, was es leisten soll. Von einem Netzwerk für psychologische Gutachten ist kaum zu sehen, wie wir es dazu bringen könnten, klüger zu werden, als wir selbst, wenn wir selbst nicht recht wissen, was ein erfolgreiches Gutachten ist und was nicht. Churchland beklagt die hohen Kosten der Gefängnisunterbringung und die hohe Zahl an amerikanischen Bürgern, die in Gefängnissen leben. Die Klage ist berechtigt. Es scheint aber Churchlands Aufmerksamkeit entgangen zu sein, daß andere Industriestaaten einen viel geringeren Prozentsatz ihrer Bevölkerung einsperren und daß es einige weitaus einfachere Maßnahmen als die Erforschung neuronaler Netzwerke geben könnte, um die Zahl der Gefängnisinsassen zu veringern (ein kleiner Hinweis sei mir erlaubt: die öffentliche Wohlfahrt scheint bei diesem Problem eine gewisse Rolle zu spielen).
Ich will noch etwas weniger ausführlich weitere Fälle diskutieren, in denen Churchland die Positionen seiner Gegner in einem recht eigenartigen Licht darstellt. Daniel Dennett etwa hat sich die Frage gestellt, wie es kommt, daß ein massiv parallel arbeitendes neuronales Netzwerk wie das Gehirn in der Introspektion den (vermutlich grundfalschen) Eindruck erweckt, sich wie ein serieller Symbolverarbeiter zu verarbeiten. Das scheint mir eine recht wichtige Frage, denn nur durch diesen falschen Eindruck der seriellen Symbolverarbeitung, einfacher gesagt, durch die Illusion, Denken vollziehe sich in der Form lautloser, gedachter Sätze, konnten ja viele der Irrtümer überhaupt erst entstehen, die Churchland nun mühsam bekämpfen muß. Auch Churchland sollte also eigentlich daran interessiert sein, eine Antwort auf die Frage zu finden, warum das Denken bei Introspektion so wirkt, als vollziehe es sich in der Form von Sätzen. Leider aber ist Churchland an dieser Frage überhaupt nicht interessiert, sie taucht nämlich nicht in seiner Liste der sieben erklärungsbedürftigen Punkte, die Bewußtsein konstituieren, auf. Die Lösung, die Dennett vorschlägt, sie so aus, anzunehmen, zunächst habe sich die Sprache als Mittel der Kommunikation mit anderen Stammesmitgliedern entwickelt, und dann in einem zweiten Schritt das bewußte Denken als eine Form des stummen mit-sich-selbst-sprechen. Nach dieser Theorie können nur Menschen ein Bewußtsein haben, weil nur Menschen Sprache besitzen.
Diese Theorie Dennetts kann natürlich auf vielfältige Art und Weise kritisiert werden. Dazu ist es freilich notwendig, sie verstanden zu haben. Da Churchland die eigentliche Pointe von Dennetts Theorie verfehlt zu haben scheint, das heißt, da ihm die Fragestellung Dennetts, die ihn zu seiner Theorie gebracht hat, unbekannt zu sein scheint, beschränkt sich die Churchlandsche „Widerlegung“ Dennetts darin, daß Churchland sich darüber mokiert, daß Dennett unbedingt den alten seriellen Computer im menschlichen Gehirn wiederfinden möchte, obwohl doch parallele Netzwerke viel toller, schöner und schneller sind. „Schießlich ist Dennetts Erklärung von Bewußtsein unausgewogen, weil sie sich nur auf einen kleinen, weitgehend sprachähnlichen Teil des Bewußtseins konzentriert.“ [S. 317] Ja, wahrhaftig! Eben diesen kleinen Teil hat Dennet eben problematisiert und zu erklären versucht. „Dennett diskutiert rekurrente Netzwerke und ihre speziellen Eigenschaften in seinem Buch nicht, ja sie werden nicht einmal im Index erwähnt.“ [S. 316] Es sollte aber vielleicht angemerkt werden, daß ein Netzwerk, das einen gewöhnlichen symbolverarbeitenden seriellen Rechner emuliert, wohl oder übel notgedrungen rekurrent sein muß.
Im Vorbeigehen noch einige weitere Bemerkungen: Jacksons berühmte Physikerin Mary ist nicht, wie Churchland behauptet, farbenblind, sie ist nur in einer Umgebung aufgewachsen, in der die Farbe Rot nicht vorkam. Jacksons Problem ist die Wahrnehmung von Qualia, und eben das ist auch Nagels Problem, woraus Churchland das Problem macht, daß wir Menschen keinen Ultraschall hören können.
Im Streit um die Bedeutung der Gödelschen Theoreme (gerne auch Gödels Theorem genannt) scheint weder Churchland noch seinen Gegner irgendwie in den Sinn zu kommen, daß Menschen keineswegs ausschließlichn wahre mathematische Sätze produzieren: Menschen produzieren andauernd auch falsche mathematische Sätze, wodurch der ganze Streit um die Bedeutung der Gödelschen Theoreme für das Problem des menschlichen Bewußtseins ziemlich hinfällig wird.
Die Behauptung, echte neuronale Netze besäßen gegenüber digitalen Netzen den Vorteil, daß sie reelle statt rationale Zahlen benutzen könnte, ist reichlich gewagt. In der Signalübertragung von neuronalen Netzen gibt es natürlich auch Fehler, und es hat wenig Sinn, mit Zahlen zu rechnen, die genauer sind als die zu erwartenden Fehler. Bekanntlich läßt sich jede reelle Zahl beliebig genau durch eine rationale Zahl approximieren. Für praktische Berechnungen dürften daher die rationalen Zahlen ausreichen, es sei denn, wir wollten reelle Zahlen nicht numerisch, sondern symbolisch repräsentieren, was natürlich auf einem Digitalrechner ebenso gut möglich ist wie auf einem Analogrechner.
Einige der Anwendungen Churchlands auf ethische Probleme sind ausgesprochen kühn, bei dürftiger Datenlage. So will Churchland alle Komapatienten aufgeben, bei denen der Thalamus irreversibel geschädigt ist. Bei diesen Patienten ist das Bewußtsein höchstwahrscheinlich für immer erloschen, aber angesichts der verblüffenden Funktionsübertragungen zwischen verschiedenen Gehirnregionen, die bereits beobachtet wurden, würde ich es nicht wagen, dieses Kriterium für ausreichend sicher zu halten. Ebenso würde ich zwar zustimmen, daß Embryonen bis zum dritten Monat nicht als Personen anzusehen sind. Das Selbstbewußtsein, mit dem Churchland auch den Embryonen zwischen dem dritten und sechsten Monat Personalität abspricht, ist angesichts unseres doch eher unsicheren Wissenstandes dagegen verblüffend.
Das Allerärgerlichste dabei ist, das ich in vielerlei Hinsicht mit Churchlands Positionen sympathisiere und sie für näher an der Wahrheit halte als die Positionen etwa von Dennett oder Searle. Aber die Begründungen, die Churchland in diesem Buch vorlegt, können leider keinen akzeptablen Standard erfüllen. Es handelt sich um Gerede. Schade.
12.12.2001
Welche Gründe gibt es, kein Fleisch zu essen, außer dem Vermeiden von Alpträumen? Mir fallen ein medizinischer, ein ökologisch-ökonomischer und ein ethischer Grund ein.
Erst einmal der medizinische: eine Legende der Vegetarier besagt, daß Fleisch ein ausgesprochen ungesundes Lebensmittel ist und Impotenz, Herzverfettung und Verblödung bewirkt. Andererseits gibt es eine gegenteilige Legende der Fleischesser, wonach Fleisch ein essentielles Lebensmittel ist und Fleischverzicht Eisenmangel, nervöse Reizbarkeit und Verblödung bewirkt. Die Wahrheit dürfte sein, daß es verschiedene Möglichkeiten gibt, sich gesund zu ernähren, und auch verschiedene Möglichkeiten, sich ungesund zu ernähren, ob mit oder ohne Fleisch. Ein ziemliches Gerücht ist es übrigens, Fleischverzicht führe notwendig zu Eisenmangel. Abgesehen davon, daß es in zivilisierten Ländern mehr oder weniger frei verfügbar Eisenpräparate gibt, ist es möglich den Eisenbedarf auch vollständig mit Haferflocken und Orangensaft zu stillen, selbst in der Schwangerschaft. Ansonsten glaube ich, daß medizinische Gründe allenfalls einen mäßigen Fleischverzehr, keineswegs einen völligen Fleischverzicht plausibel begründen können.
Um Schweine großzuziehen, können wir den Schweinen Mais füttern. Wir können den Mais aber auch selbst essen. Da die Gesetzte der Energieerhaltung und der Thermodynamik für Schweine keine Ausnahme machen, versteht es sich, daß beim Aufziehen von Schweinen zu Reibungsverlusten kommt, das heißt, wenn wir den Mais an Schweine verfüttern, erhalten wir am Ende weniger Joule in Form von Nahrung, als wenn wir den Mais gleich selber gegessen hätten (so ganz stimmt das nicht, weil die Schweine auch Teile des Mais essen, die von Menschen gewöhnlich verschmäht werden, trotzdem erhalten wir am Ende weniger Joule). Die ökologisch-ökonomische Begründung des Fleischverzichts lautet nun: wenn wir Pflanzen statt Fleisch produzieren, können wir den Landschaftsverbreich reduzieren beziehungsweise eine größere Bevölkerung ernähren. Oder verkürzt: wir Europäer schlagen uns den Bauch mit argentinischen Rindern voll, während in Afrika und Nordkorea die Menschen noch nicht einmal Reis zu essen haben.
Allerdings gibt es viele Weltgegenden, in denen jetzt schon die Fleischproduktion nur eine marginale Rolle spielt. Andererseits gibt es Landschaften, die eine andere als eine Subsistenzwirtschaft auf Fleischbasis nicht oder nur mit einem ökologisch nicht unbedenklichen technischen Aufwand erlauben. Das Argument ist daher kein universelles Argument, es kann ein Argument sein, warum Europäer keine argentinischen Rinder essen sollen, es kann aber kein Argument sein, warum Inuit keine Robben essen sollen. Darüber hinaus ist es auch kein Argument, warum nicht eine deutsche Familie das Rind eines deutschen Biobauern essen sollte. So, wie die medizinische Argumentation nur eine bestimmte Art des Fleischkonsums (nämlich jeden Tag Fleisch als Hauptbestandteil der Mahlzeit) als unrätlich verwerfen kann, so kann dieses Argument allenfalls den Konsum von Fleisch bestimmter Herkunft und Produktionsweise als verwerflich erscheinen lassen, nicht den Fleischkonsum generell.
Darüber hinaus scheint mir, daß die Hauptübel, die beseitigt werden müssen, um die Ernährung der Weltbevölkerung sicherzustellen, in schlechten Regierungen und Bevölkerungswachstum bestehen. Sich ändernde Ernährungsgewohnheiten können das Problem verschärfen, aber letztlich läßt sich das Ernährungsproblem nicht lösen, wenn nicht das Problem der schlechten Regierungen und des Bevölkerungswachstums gelöst werden kann. Bedauerlicherweise steht die Lösung dieser Probleme nur teilweise in der Macht der Bewohner der Industrieländer (die diese Probleme für sich selbst mehr oder weniger gelöst haben), sondern sie müssen lokal gelöst werden, obwohl die Industrieländer hierbei natürlich mehr oder weniger hilfreich sein können und eine entsprechende Verantwortung tragen.
Die wirklich interessante Begründung des Fleischverzichts scheint mir die ethische zu sein, die mit den Rechten der Tiere argumentiert. An diesem Problem lassen sich exemplarisch einige allgemeine Schwierigkeit moralischen Argumentierens aufzeigen.
Ein sinnvolles Verhalten gegenüber den Mitgliedern des eigenen Stammes ist es, im Verhalten eine gewisse Spiegelbildlichkeit zu erwarten: so, wie wir andere behandeln, so werden wir von ihnen behandelt, und so, wie wir von anderen behandelt werden, sollten wir wiederum andere behandeln. Ein typischer Niederschlag einer solchen Regel wäre etwa „was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu“ oder „wie man in den Wald ruft, so schallt es hinaus“. Aber auch, umgekehrt, die Regel „Auge um Auge, Zahn um Zahn“. Oder die Regel, daß jemand, der unserem Kind zur Konfirmation etwas geschenkt hat, ein Geschenk zur Konfirmation seines Kindes erwarten darf. Selbstverständlich leidet dieses Spiegelbildlichkeitsprinzip auch Ausnahmen: gültig ist es nur unter gleichberechtigten, in etwa gleich mächtigen Personen. Der Fürst hat es nicht nötig, sich an solche Regeln zu halten, und nach Machiavelli soll er sich auch gar nicht an solche Regeln halten. Wie wir in der vorangegangenen Skizze gesehen haben, kann das Prinzip auch gegenüber Neugeborenen ungültig sein. Ebenfalls ungültig ist es in der Beziehung zwischen Mann und Frau, Männer verhalten sich gegenüber ihren Frauen so, wie sie sich gegenüber männlichen Stammesgenossen nicht erlauben würden zu verhalten. Allgemeiner können wir sagen, daß das Prinzip nur bei solchen Stammesmitgliedern für gültig gehalten wird, die innerhalb der Dominanzhierarchie nicht allzu weit entfernt sind.
Wir können das Spiegelprinzip in zwei Teile zerlegen, den Aktionsteil und den Reaktionsteil. Der Aktionsteil sagt uns, wie wir handeln sollen, um optimale Reaktionen unserer Stammesgenossen zu erzielen. Der Reaktionsteil sagt uns, wie wir auf die Handlungen unserer Stammesgenossen reagieren sollen. „Auge um Auge“ gehört zum Reaktionsteil, „Was du nicht willst...“ zum Aktionsteil. Innerhalb des ursprünglichen Kontexts des Prinzips macht diese Aufteilung wenig Sinn, da sich im allgemeinen kaum unterscheiden läßt, was eine ursprüngliche Aktion, was eine Reaktion auf früheres Verhalten ist, da wir mit jedem Stammesmitglied eine gemeinsame Vergangenheit früherer Interaktionen besitzen. Nützlich ist die Unterscheidung im Hinblick auf vom Spiegelprinzip abgeleitete ethische Theorien. Die innerweltliche Ethik der Bergpredigt etwa beschränkt sich rein auf den Aktionsteil. Das liegt daran, daß der Reaktionsteil in die Metaphysik exportiert wurde: Strafe und Belohnung des Verhaltens der anderen werden Gott überlassen, fallen darum aber nicht minder heftig aus, eher im Gegenteil. Auch der kategorische Imperativ Kants beschränkt sich auf den Aktionsteil, diesmal allerdings, weil es Kant gelingt, den Reaktionsteil auf den Aktionsteil zurückzuführen. Wie sollen wir auf die Handlungen der anderen reagieren? Nun, eben so, daß wir wünschen könnten, daß unsere Art der Reaktion zum allgemeinen Schema des Reagierens erhoben würde.
Im Laufe der Entfaltung des Weltgeistes nun zeigt sich, daß das Spiegelprinzip, beziehungsweise sein Aktionsteil, der kategorische Imperativ, immer weiter ausgedehnt wird. Was ursprünglich nur für eine bestimmte Hierarchiestufe innerhalb des eigenen Stammesverbandes galt, soll nun auf einmal auch für andere Hierarchistufen, also etwa für die Schwachen und Entrechteten, die Witwen und Waisen gelten, oder es soll auch für die Angehörigen anderer Stämme gelten, für die abscheulichen Bewohner des Nachbardorfes, für die nicht griechisch sprechenden Barbaren, für die Neger und Schlitzaugen.
Je mehr wir das Prinzip abstrahieren und ausdehnen, um so mehr wird es moralisch statt nützlich. Die Pflege der Witwen und Waisen ist nicht mehr ein Gebot der Nützlichkeit, sondern der Ethik. Von unserer Warte aus betrachtet, scheint es sich bei der zunehmenden Verallgemeinerung des Prinzips um einen ethischen Fortschritt zu handeln. Die Abschaffung der Sklaverei, die Gewährung voller Bürgerrechte für Frauen scheint uns eine Vervollkommnung der Sitten. Wie weit aber sollen wir die Verallgemeinerung treiben?
Aus heutiger Sicht scheint es selbstverständlich, daß die Verallgemeinerung auch für Frauen oder Schwarzafrikaner gelten soll. Es ist aber keineswegs der Fall, daß diese Verallgemeinerung selbstverständlich ist. Gebildeten Menschen schien es im Gegenteil selbstverständlich, daß eine solche Verallgemeinerung absurd ist. Haben denn Frauen überhaupt eine Seele? Sind Schwarzafrikaner überhaupt richtige Menschen? Oder handelt es sich nicht eher um seelen- und kulturlose Tiere, die lediglich, wie die Affen, eine gewisse irreführende oberflächliche Ähnlichkeit mit richtigen Menschen besitzen?
Wir können als ein Teilprinzip unseres Spiegelprinzips formulieren, daß wir nicht jemand Leid zufügen sollen. Aber was alles ist ein Jemand, und was alles ist ein Etwas? Eine naheliegende Idee wäre zu sagen, daß wir sicherheitshalber alles als Jemand betrachten, das leidensfähig ist. Und für leidensfähig halten wir alles, was ein Nervensystem und sensorische Wahrnehmung besitzt.
Das Ergebnis eines solchen super-verallgemeinerten Prinzips wirkt ziemlich absurd. Unser Trinkwasser sollten wir abfiltern, aber keineswegs kochen oder chloren, um im Wasser lebende Wesen zu schonen. Straßen dürfen wir nicht mehr bauen, weil dabei unvermeidlich Käfer und Ameisen getötet werden, über eine Wiese dürfen wir aber auch nicht laufen, weil wir auch dabei Käfer und Ameisen zertreten. Um uns ethisch korrekt zu verhalten, bleibt uns kaum etwas anderes übrig, als ruhig den Tod zu erwarten.
Nun wirken, wie gesagt, viele ethische Neuerungen zunächst einmal absurd. Das volle Bürgerrecht für Weiber ist zunächst eine ziemlich groteske und absurde Vorstellung, später dann eine Selbstverständlichkeit. Ein ethisches Prinzip, daß uns jede Möglichkeit zu leben verwehrt, ist unnütz und wertlos, aber vielleicht haben wir in unserer Analyse ja ein wenig übertrieben, und vielleicht gibt es Fassungen des super-verallgemeinerten Spiegelprinzips, mit denen es sich leben läßt.
Der Eindruck des Absurden, den das super-verallgemeinerte Spiegelprinzip hervorruft, rührt vielleicht auch daher, weil es so ganz den Verhältnissen widerspricht, die wir in der Natur vorfinden. Dem Löwen scheint es recht gleichgültig zu sein, ob er der Gazelle Leid verursacht oder nicht, auch schienen Löwen wenig Skrupel zu haben, anderen Löwen Leid zu bereiten, und nicht einmal vor Kannibalismus schrecken sie zurück, ganz zu schweigen davon, daß Löwen einen Menschen nicht bloß deswegen nicht essen, weil der Mensch vielleicht zufällig keine Löwen ißt. Ursprünglich steckt im Spiegelprinzip ja eine Nützlichkeitsüberlegung, nämlich, sich so zu verhalten, daß einem selbst aus dem Zusammenleben mit den anderen maximale Vorteile erwachsen, was bei Menschen auf ein hohes Maß an Kooperation hinausläuft. Die Löwen aber bieten uns keine Partnerschaft an, sie wollen nicht kooperieren, sie akzeptieren das super-verallgemeinerte Spiegelprinzip nicht. Und die Löwen sind keine seltene Irregularitär im Lauf der Natur, die ganze Natur zeigt sich uns als grausam, gewissenlos und blutrünstig. Die Vorstellung, daß die Biosphere die Schöpfung eines gütigen, harmoniesuchenden Baumeisters sei, ist mit der faktisch vorhandenen Welt schwer zu vereinbaren. Folgt daraus, daß wir Löwen ohne schlechtes Gewissen aufessen dürfen?
Zu beachten ist allerdings, daß wir bereits verworfen haben, uns ausschließlich von Nützlichkeitsüberlegungen leiten zu lassen. So haben wir ja auch die Neugeborenen als Rechtssubjekte zugelassen, obwohl hier die Machtverhältnisse keineswegs symmetrisch sind, das heißt, wir könnten ohne weiteres Neugeborene töten, ohne befürchten zu müssen, unsererseits von Neugeborenen getötet zu werden (wenn wir nicht gerade an Wiedergeburt glauben), so daß es uns nichts nützt, Neugeborene als Rechtssubjekte ernst zu nehmen.
Die Tatsache, daß es uns nichts nützt, die Tiere zu schonen, weil die Tiere uns dieses Verhalten nicht danken, kann daher nicht beweisen, daß es nicht moralisch geboten sein könnte, auch Tieren Rechte zuzugestehen. Da moralische Fragen sich nicht durch Tatsachenbehauptungen letztgültig entscheiden lassen (siehe oben), weiß ich auch nicht recht, wo die Grenze zu ziehen ist. Viele Menschen scheinen der Meinung zu sein, daß etwa Hühner das Recht auf eine bestimmte Mindestkäfiggröße haben, jedenfalls hat unsere Gesellschaft entsprechende Gesetze beschlossen. Für mich habe ich die Grenze so gezogen, daß ich Eier von freilaufenden Hühnern kaufe, ich wüßte aber nicht, wie sich beweisen ließe, daß genau dieses Verhalten angemessen ist. Eine mögliche Position ist es, zu sagen, daß wir Menschen überhaupt kein Recht haben, Hühner zu halten, ob nun freilaufend oder in Bodenhaltung oder in Käfigen. Eine andere mögliche Position ist es, zu sagen, daß Hühner reichlich dumme Geschöpfe ohne hochentwickeltes Bewußtsein sind und die Sorge um die Hühner sentimentaler Quatsch.
Es ist, wie deutlich geworden sein sollte, leicht möglich, die meisten Positionen durch noch radikalere Positionen zu überbieten. „Du ißt keinen Käse und trägst Schuhe aus Hanf statt aus Leder? Ätsch, ich esse keinen Käse, trage Schuhe aus Bast und wohne in einer Lehmhütte.“ „Du ißt keinen Käse, trägst Schuhe aus Bast und wohnst in einer Lehmhütte? Ätsch, ich filtriere mein Trinkwasser und kehre den Weg, auf dem ich gehe, um keine Käfer zu zertreten.“ Da diese gegenseitigen Überbietungen bei absurden und unannehmbaren Positionen landen, sollten wir uns wohl besser klar machen, daß niemand von uns beanspruchen kann, sicher zu wissen, im Alleinbesitz der vollkommenen Moral zu sein, falls es so etwas überhaupt gibt. Ich schätze es nicht besonders, wenn Tiere eng und bedrängt in Käfigen aufgezogen werden, um als Pelze zu enden, ich schätze es aber auch nicht besonders, wenn besserwisserische Ideologen fremde Frauen auf der Straße anpöbeln, weil sie Pelze tragen. Mag sein, eine gewisse Aufdringlichkeit und Borniertheit ist notwendig, um neuen moralischen Ideen zum Durchbruch zu verhelfen. Fragt sich, ob es moralisch erlaubt ist, moralischen Ideen gewaltsam zum Sieg verhelfen zu wollen.
13.12.2001
Die Lebenserwartung von Frauen liegt beharrlich über der der Männer. Wäre es umgekehrt, hätten wir es mit einem handfesten Skandal zu tun. So aber gibt die Statistik allenfalls Anlaß zu Bemerkungen wie „Ach ja, das angeblich so starke Geschlecht ist eben in Wirklichkeit doch nicht so zäh wie die Frauen, kein Wunder, Frauen können ja auch Kinder gebären, das würden Männer gar nicht durchstehen, Frauen haben eben von Natur aus die bessere Kondition.“ Aber wäre es nicht auch denkbar, daß der Unterschied der Lebenserwartung nicht oder nicht nur auf angeborenen Unterschieden beruht, sondern Männer ein ungesünderes Leben führen als Frauen? „Tja, da sieht man mal wieder, wie unvernünftig und dumm die Männer sind, warum gehen sie auch nie zum Arzt und arbeiten sich zu Tode und können nicht Weinen?“ Aber wenn wir die Möglichkeit einräumen, daß der frühere durchschnittliche Tod der Männer teilweise auf Unterschiede der Lebensweise zurückzuführen sein könnte, handelt es sich dann nicht trotzdem, wenigstens ein klein wenig, um einen Skandal?
14.12.2001
Chatwin behauptet, der Glaube an einen gütigen Schöpfergott sei ein typisches Produkt degenerierter seßhafter Ackerbauern, während Viehzüchter und Nomaden gewöhnlich Atheisten seien. Aus den statistischen Untersuchungen von J. W. M. Whiting oder G. Lenski folgt aber gerade das Gegenteil.
15.12.2001
Wenn wir nun schon einmal dabei sind, Platon mit Hilfe von Churchland zu erklären:
Sprache funktioniert, da sie ja auch aus Tonfall besteht und von Gesten begleitet wird, auf mehreren Kanälen und nicht bloß als ein einzelner Kanal diskreter Symbole. Aber Tonfall und Gesten sind, wiewohl nützlich und wichtig, durchaus entbehrlich, wie jene Menschen veranschaulichen, die am Computer miteinander chatten. Solche Menschen unterhalten sich, scheint mir, tatsächlich in einem Echtzeitdialog (anders als die, die sich Rauchzeichen schicken, Papierbriefe, Emails, SMS’ oder sonst derartiges schicken). Wollen wir also einmal so tun, als sei Sprache die Verständigung mittels einkanaliger Serien diskreter Symbole (einfacher gesagt: Zeilen von Buchstaben oder Folgen von Phonemen). Nun gibt es hier zweierlei Probleme: wie ist es überhaupt möglich, mit diesem System Serieller Symbole, sprich Sprache, geistige Prozesse miteinander zu teilen, wie ist es möglich, sich miteinander zu verständigen, wenn doch unser Gehirn massiv parallele Vektorverarbeitungen vornimmt? Und wie kommt es, daß, wenn wir introspektiv in uns hineinblicken, wir uns zunächst, ehe die Wissenschaft uns eines besseren belehrt, glauben, unser Denken würde genauso funktionieren wie unsere Sprache, als würden wir nicht nur Sätze sprechen, sondern auch in Sätzen denken?
Für das zweite Problem hat Dennett eine Lösung vorgeschlagen, Churchland dagegen scheint das Problem nicht zu sehen. Es steht uns frei, Dennetts Lösung weiter zu modifizieren, aber die Idee, daß wir in unseren Gedanken Worte simulieren und daraufhin testen, ob sie überzeugend klingen, klingt überzeugend. Wenn wir durch Introspektion in uns hineinblicken und etwas vom Denken zu sehen bekommen wollen, dann erwischen wir immer nur die Teile, die sich erwischen und wahrnehmen und ausdrücken und darstellen lassen, nämlich die Teile, in denen wir denken, als sprächen wir zu jemanden und wollten jemand überzeugen. Es sieht so aus, als würde unser Denken die meiste Zeit ganz anders funktionieren, aber davon erfahren wir nichts, denn diese Art des Denkens geschieht lautlos, und es gibt darüber nichts zu sagen.
Zum ersten Problem dagegen ist zu sagen, daß es uns eben keineswegs gelingt, unser Denken sprachlich zu fassen und anderen Menschen mitzuteilen. Die größten Dichter mögen sich bemüht haben, was in ihrem Kopf war, so in Sprache zu fassen, daß es in den Hörern (oder Lesern) den gewünschten Effekt erzielt und die eigenen Gedanken kopiert, es ist ihnen aber nicht gelungen, und niemand weiß wirklich, was im Kopf der anderen Menschen vor sich geht, und wir alle sind in uns selbst allein (im übrigen glaube ich nicht, daß es das Ziel der größten Dichter war, ihre Gedanken durch Sprache in unsere Köpfe zu kopieren; vermutlich war ihr Ziel weit bescheidener, etwa, uns Vergnügen zu bereiten, Geld oder Ruhm zu verdienen oder Gott zu loben oder dergleichen). Wenn wir die platonischen Begriffe mit den Prototypen identifizieren, dann wird auch klar, warum es letztlich nicht möglich sein kann, die platonische Ideenlehre sprachlich zu fassen und in einem Buch darzulegen, da Prototypen, also Punkte im Merkmalsraum, sich nicht ohne weiteres in Sprache kodieren lassen, so sehr die platonische Akademie sich ihrerseits bemüht hat, jeden Begriff durch eine Definition zu erfassen. Kein wichtiger Begriff läßt sich sprachlich, durch eine Definition, festlegen. So können wir nicht mit Worten definieren, was ein männliches Gesicht von einem weiblichen Gesicht unterscheidet, obwohl wir ein Netzwerk bauen können, das männliche und weibliche Gesichter hinreichend zuverlässig voneinander trennen kann. So läßt sich die höchste Idee des Guten nicht im Buch des Dionysios festhalten. So läßt sich auch nicht in einer formalen Definition festhalten, was Kunst ist.
Die anspruchsvolleren Begriffe sind mutmaßlich keine einzelnen Punkte im Merkmalsraum, sondern Komplexe aus mehreren Punkten. Kunst etwa ist, was so ist wie Botticellis Venus oder Michelangelos David, Kunst ist aber auch, was wie Duchamps Fontäne ist, und noch einige dieser Beispiele. Weshalb wir zwar oft mühelos sagen können, ob etwas Kunst ist oder nicht, nicht aber die Kriterien angeben können. Und weshalb es großen Streit darüber geben kann, ob wir nun das Duchampsche Beispiel akzeptieren oder verwerfen sollen.
Daraus ergibt sich dann aber auch, daß wir nicht so ohne weiteres die Erfindung oder Entwicklung der Sprache rückgängig machen können und zurück kehren können zur ursprünglichen und vollkommenen Welt der Prototypen im neuronalen Vektorraum, wie ihn Churchland beschreibt. Denn weiterhin gilt ja, daß wir mit anderen Menschen zusammenleben müssen und wir uns mit diesen anderen Menschen irgendwie verständigen müssen und in Streit geraten können und wir nach Methoden suchen sollten, Streit oder Zweifelsfälle zu entscheiden und zu lösen. Wenn wir den Begriff der Kunst nicht wenigstens ein wenig sprachlich fixieren können, dann wird er für unsere Diskussionen unnütz und unbrauchbar. Wenn das Wort alles bedeuten kann, wird es als Bezeichner wertlos. Ebenso gibt es den begründeten Verdacht, daß mit dem platonischen höchsten Guten wenig anzufangen ist (außer natürlich, es als die Begründung für die Einführung einer autoritären Priesterkaste zu benutzen, aber das scheint mir ein wenig attraktiver Nutzen). Mag sein, daß eines Tages die Churchlandschen Visionen in Erfüllung gehen, daß wir uns mit entsprechenden elektronischen Hilfsmittel direkt von Hirn zu Hirn, ohne den mühsamen und holprigen Umweg der Sprache, verständigen können, vielleicht werden wir dann diese Möglichkeit als Erlösung oder doch als großen Fortschritt empfinden, bis dahin verlieren die bereits erarbeiteten Regeln für den Umgang mit Sprache nicht ihre Gültigkeit [vergleiche hierzu auch von Churchland: „Eliminative Materialism and the Propositional Attitudes“, in The Journal of Philosophy 78, 67-90, insbesondere das fünfte Kapitel; hier vergleicht Churchland den sprachlichen Ausdruck mit der Projektion eines mehrdimensionalen Objekts in einen eindimensionalen Raum, wobei er an die Schatten an der Wand von Platons Höhle erinnert].
20.12.2001
Wenn ich ein so weitreichendes und bedeutendes Phänomen für so durchgängig übel halte wie die Religion, handelt es sich dann vielleicht um eine etwas einseitige Sicht meinerseits? Aber andererseits, was haben die Religionen denn schon großartiges Positives bewirkt? Russell gesteht ihnen zu, daß sie ein gewisses Interesse an Kalenderproblemenen bewirkt hätten. Aber das Christentum zum Beispiel hat es ja nicht einmal geschafft, Wintersonnenwende, Jahreswechsel und Christfest miteinander zu koordinieren, obwohl die erforderlichen Machtmittel tausend Jahre lang vorhanden gewesen wären. Fröhliche Weihnachten!
24.12.2001
Bekanntlich muß jeder irgendwann einmal im Leben einen Aufsatz über Auschwitz schreiben, so will also auch ich diese lästige Pflicht endlich hinter mich bringen. Über dieses Thema ist so viel Unsinn geredet und geschrieben worden, daß es auf meinen Unsinn auch nicht mehr ankommt.
1. Der Begriff
Die vollständige Bezeichnung des Themas lautet eigentlich „Die Verfolgung und Ermordung eines großen Teiles der europäischen Juden, begleitet von Verbrechen gegen weitere ethnische, religiöse, weltanschauliche, politische, sexuelle oder musikalische Gruppierungen, begangen von den Nationalsozialisten im Namen des deutschen Volkes“. Dieser Titel hat aber offensichtlich den Nachteil, ein wenig unhandlich lang zu sein. Das Städtchen Auschwitz, als topographische Bestimmung, ist natürlich an allem völlig unschuldig und auch darum eine reichlich törichte Bezeichnung, weil viele der Verbrechen ja auch außerhalb Auschwitz’ stattfanden und die Menschen in Dachau oder Buchenwald nicht weniger gelitten haben. Auf der Suche nach griffigen Bezeichnungen sind Begriffe vorgeschlagen worden, die die Ereignisse in der jüdischen Geschichtsmythologie zu verankern suchen. Aber auch solche Bezeichnungen sind nicht sehr glücklich, da nicht neutral: sie unterstellen der Geschichte einen Sinngehalt, den sie meiner Meinung nach nicht hat. Jedenfalls glaube ich nicht, daß die Shoa Teil des göttlichen Heilsplanes sind. Die Bezeichnung „jüngere/neueste/jüngste deutsche Geschichte“ schließlich ist auch völlig unbrauchbar. So daß ich eigentlich nicht weiß, wovon ich überhaupt rede.
2. Die nationalsozialistische Ideologie
Ich glaube nicht, daß die Nationalsozialisten eine ausgereifte Ideologie im vollen Wortsinn besaßen. Sie verfügten über die Schriften von Rosenberg oder Spengler, außerdem, in einem etwas weiteren Sinn, Heidegger, Nietzsche oder Chamberlain, das alles aber ergibt kein geschlossenes Weltbild, wie es etwa der Kommunismus darstellt. Es ist daher auch kaum möglich, die nationalsozialistische Ideologie als in sich konsistente Erklärung der Welt zu rekonstruieren. Worüber die Nazis verfügten, waren allenfalls einige Ressentiments, die sie für selbstverständliche Wahrheiten hielten, die sie aber weder begründen, noch in einen inneren Zusammenhang stellen konnten.
Wenn wir trotzdem eine Rekonstruktion versuchen wollen, dann ist ein wichtiges Element des typischen nationalsozialistischen Gemenge an Ressentiments der Kollektivismus. Verbunden mit diesem Kollektivismus ist eine extreme Form der Opfermythologie. Diese Opfermythologie erinnert an die Romantik in ihrer dümmsten Form, etwa an Wagners Tannhäuser, oder auch an das Christentum, an den christlichen Kreuzestod. Die Opfermythologie besagt, daß einer sich opfern muß, um einen anderen oder mehrere andere, das ganze Volk oder die ganze Menschheit, zu erlösen. Wie diese Erlösung funktioniert, ist wenig durchdacht: dadurch, daß Jesus am Kreuz stirbt oder Brynhild sich in die Flammen wirft oder der junge arische Soldat sich den feindlichen Panzern entgegenwirft, wird die Erlösung in Gang gesetzt, und je größer das Opfer, desto größer die erlösende Wirkung. Zwar wissen wir nicht so recht, inwiefern die Welt seit dem Pontifikat des Pilatus oder dem Untergang des Hauses Burgund irgendwie in einem besseren Zustand sein sollte als zuvor, die Opfermythologie jedoch versichert uns, dem sei so. Aus Sicht der nationalsozialistischen Ideologie haben die Deutschen den Krieg nicht deshalb verloren, weil die Militärmacht der Alliierten übermächtig gewesen wäre, sondern weil sie zu wenig geopfert haben.
Es ist deshalb ganz verkehrt, die nationalsozialistische Ideologie in Begriffen der modernen Biologie, etwa gar des Darwinismus, begreifen zu wollen. Im Darwinismus geht es um das Überleben des einzelnen Individuums, das besser angepaßt ist als seine Artgenossen. In der darwinistischen Weltsicht fällt es dem Individuum nicht ein, sich selbst für andere zu opfern, sofern es davon keinen Vorteil hat, wobei in der darwinistischen Weltsicht Vorteil als „inclusive fitness“ zu verstehen ist, also die Erhöhung der Wahrscheinlichkeit, die eigenen Gene oder, was das selbe ist, die der allernächsten Verwandten weiterzugeben. Die Deutschen aber sind nicht miteinander verwandt, sie bilden überhaupt keine biologische Kategorie, und selbst wenn es so etwas gäbe, etwa eine fiktive deutsche Rasse, dann bedeutet Zugehörigkeit zur selben Rasse noch nicht das selbe wie Verwandtschaft. Verwandtschaftsselektion geht selten jemals über Vettern ersten Grades hinaus. Die Forderung, sich für sein Volk und sein Vaterland aufzuopfern, ist daher ganz unbiologisch: die eigene Fitness erhöht der, der es am besten versteht, diese Opferung zu vermeiden.
Es ist wahr, daß die Nationalsozialisten oft scheinbar biologische Begriffe wie „Rasse“ oder „Züchten“ verwenden. Dazu brauchten sie freilich gewiß keinen Darwin: das dafür nötige Vokabular läßt sich schon in Platons Politeia bis in alle Einzelheiten nachlesen. Es scheint aber den Nationalsozialisten selbst nicht klar gewesen zu sein, daß die Art, wie sie von Rasse sprechen, nichts mit Biologie zu tun hat. Vielmehr glaubten sie wohl, romantisch-hysterisches Weltbild und wissenschaftliche Weltsicht zwanglos miteinander vereinen zu können. Vermutlich hat ihnen niemand gesagt, daß hier ein Konflikt verborgen liegt.
Klar wird diese Konfusion etwa in der Klage Hitlers gegen Ende, die Besten seien ja nun gefallen, und nur noch Feiglinge am Leben, die am besten auch noch sterben sollten. In einer biologischen Welt haben Gene für selbstloses Opfern und sinnloses Sterben keine Überlebenschance, aber das ist eben nicht die Wagnerwelt, in der ein Hitler lebt. Wenn es ihnen paßt, ziehen die Nazis gerne Beispiele aus der Biologie heran, die sie freilich meist nicht recht verstanden haben und die auch nur dazu dienen, ihre aus ganz anderen Bereichen stammenden Lieblingsideen zu illustrieren.
So glauben die Nazis steif und fest an distinkte Arten. Jedem Darwinisten ist klar, daß es keine festen Artgrenzen geben kann: wenn die Arten auseinander hervorgegangen sind, müssen alle Arten fließender Übergänge vorkommen. Und eben das ist, was sich in der Natur beobachten läßt, zum Ärger der Taxonomen. Pferd und Esel sind distinkte Arten, nicht wahr? Wir können sie zwar kreuzen, aber ihre gemeinsamen Nachkommen sind infertil. Sie sind infertil, das heißt, sie sind krank, die Natur selbst wehrt sich gegen Vermischungen, die ekelhaft und dekadent sind und vor denen jedes gesunde Tier Abscheu hat. Löwe und Tiger sind ebenfalls distinkte Arten, nicht wahr? Auch Löwen und Tiger können gemeinsam Nachkommen zeugen, nur dummerweise weigern sich diese Nachkommen, ihrerseits infertil zu sein, und die Natur weigert sich, diese Nachkommen zu bestrafen. Bei genauerer Betachtung scheint es, als sei Reinheit der Natur gleichgültig, ja, als zeige die Natur generell eine große Gleichgültigkeit in moralischen Fragen. Es mag sein, daß menschliche Züchter sich viel mit Fragen der Reinheit beschäftigen. Solche Züchter freilich haben zumeist mit großen, durch Inzucht bedingten Schwierigkeiten zu kämpfen. Und in Wahrheit handelt es sich bei dem ganzen Reden von Reinheit ja auch gar nicht um ein biologisches, sondern um ein metaphysisches Problem: die verschiedenen Essenzen, die ewigen metaphysischen Wesenheiten, die platonischen Ideen also sollen möglichst rein und unverfälscht bewahrt werden. Mit den real existierenden biologischen Rassen haben diese essenzialistischen Prinzipien freilich wenig zu tun.
Eines der Ressentiments der Nazis ist die Theorie des Verfalls, bedingt durch ein Nachlassen züchterischer Anstrengungen, bedingt durch die Verbesserung der Lebensbedingungen durch die Zivilisation. So glaubten die Nazis etwa an eine unvermeidliche Zunahme der Geisteskrankheiten, wenn nicht geistig Behinderte umgebracht werden. Was wissenschaftlich völliger Unfug ist: die wenigstens geistigen Behinderungen sind genetisch bedingt, und noch weniger sind erblich (so ist etwa Trisomie 21 genetisch bedingt, aber nicht erblich). Noch absurder ist die Vorstellung, daß die Bewohner von Behinderteneinrichtungen sich mit einer höheren Rate fortpflanzten als andere Bürger: tatsächlich reproduzierten sich hospitalisierte geistig Behinderte damals nahezu überhaupt nicht, und selbst in unseren Zeiten dürfte der Fortpflanzungserfolg behinderter Menschen unterdurchschnittlich sein (wäre es anders, könnten wir auch nicht mehr von „Behinderung“ sprechen, sondern „Begabung“ wäre biologisch wohl passender). Aus Sicht der Nazis freilich entspricht der geistigen Behinderung beziehungsweise der minderwertigen Rasse ein ungehemmter Sexualtrieb, der zu überdurchschnittlich vielen Kindern führt.
Völlig aberwitzig fällt dementsprechend, bei solchen biologischen und soziologischen Kenntnissen, auch das Projekt aus, das deutsche Volk mit Hilfe der Begriffe der Rassebiologie zu rekonstruieren. Die Bevölkerung des deutschen Staates ist das Ergebnis recht extremer Migrationsbewegungen und ist ethnisch ganz besonders uneinheitlich (heutzutage ist eher modisch, die deutsche Sprache als konstituierend für das Staatsvolk aufzufassen, was aber ebenfalls zum Scheitern verurteilt ist; abgesehen davon, daß es zwingend den Anschluß von Österreich und der deutschsprachigen Schweiz impliziert, ist nicht so recht klar, warum das Bajuwarische, nicht aber das Angelsächsische ein germanischer Dialekt sein soll). Als eine Rasse aufgefaßt haben die Nazis auch ihren großen Dämon, die Juden. Zwar wußten die Nazis in der Theorie recht gut, wie Juden auszusehen haben, in der Praxis freilich erwies sich die Unterscheidung als schwierig, und trotz fleißigem Sammeln und Vergleichen von arischen und jüdischen Schädeln ist es den Nazis niemals befriedigend gelungen, Juden und Nichtjuden voneinander zu unterscheiden. Ironischerweise unterscheiden sich bei heutigen Fernsehbildern aus Israel die Isrealis von den Palästinensern meist dadurch, daß es bei den Israelis mehr Blondschöpfe gibt. Jüdische Männer ließen eventuell an der Beschneidung erkennen, bei den Frauen hatten die Nazis eine komplizierte Theorie über die typische Ohrenform, die sich freilich als wenig alltagstauglich erwies. Letztlich blieb den Nazis nichts anderes übrig, als auf die Religionszugehörigkeit der Großeltern zurückzugreifen.
Auch die Bewertung der Juden ist völlig inkonsequent und romantisch-hysterisch. Einerseits sind in der Propaganda der Nazis die Juden kulturlose Untermenschen, völlig unfähig, irgend etwas Bemerkenswertes zu Wege zu bringen. Andererseits sind sie von dämonischer Schläue und eben dadurch so gefährlich. Und sie sind fähig zu komplizierten und schwer zu entdeckenden, weit verzweigten Verschwörungen, insbesondere der Verschwörung der „Weisen von Zion“. Mehr oder weniger willkürlich kann den Juden jede beliebige Eigenschaft zugeschrieben werden, auch Eigenschaftspaare, die einander an sich ausschließen: Die Juden sind dumm und schlau, geldgierige Ausbeuter ebenso wie die offene oder verborgene Ursache aller kommunistischen Umtriebe, sie sind, im Gegensatz zu den opferbereiten und gutmütigen Deutschen, von dem widerlichsten Egoismus, gleichzeitig aber auch bereit, sich für ihr großes Verschwörungsprojekt bedingungslos aufzuopfern, außerdem sind sie stinkende, Abstoß erregende, Zwiebeln essende Frauenverführer, wie auch immer all das zusammengehen mag. Zur Beschreibung der jüdischen Verschwörung benutzten die Nazis eine weitere der Biologie entlehnte Metapher: die des Parasiten. Die Juden, so belehren uns die Nazis, sind unfähig, einen eigenen Staat zu gründen und eine eigene Kultur hervorzubringen (wiederum entgegen alle geschichtliche Empirie), deshalb müssen sie sich an ein Wirtsvolk klammern. Dieses Wirtsvolk freilich, das sie doch lebensnotwendig brauchen, wollen sie in einer großangelegten Verschwörung vernichten. Mithin streben die Juden nicht nur nach der Weltherrschaft, sondern gleichzeitig und daneben auch noch nach der Weltvernichtung, ein Vorgang, für den es in der Biologie keine Entsprechung geben dürfte.
Im ewigen Ringen zwischen den Kräften des Lichts und der Finsternis sehen die Nazis sich natürlich auf Seiten des Lichts, aber warum eigentlich? Falls die Juden tatsächlich die überlegene, weil überlebensfähigere Rasse wären, warum dann nicht die Juden als Übermenschen verehren? Aus der Sicht der Nazis sind die Juden gleichzeitig eine teuflisch gefährliche Bedrohung, andererseits aber auch eine ganz und gar minderwertige Rasse, so daß es sehr verwunderlich scheint, wie eine derart minderwertige Rasse sich so lange vor dem Aussterben hat bewahren können. Hinzu kommt jedoch auch noch, daß die Deutschen, den Nazis zufolge, ein auserwähltes Kulturvolk sind, während ja die Juden in dieser Ideologie unfähig zur Kultur sind. Worin diese Kultur genau besteht, ist ebenso vage, willkürlich und wandelbar wie der bisher skizzierte Teil der Ideologie: die überlegene Kultur der Deutschen zeigt sich daran, daß die Deutschen einen Goethe und einen Wagner hervorgebracht haben, daran, daß die Deutschen die Griechen verehren, daran, daß nur die Deutschen einen Hitler hervorgebracht haben, daran, daß in Deutschland neoklassizistische Bildhauer staatlich gefördert werden.
Regiert wird dieser Kampf zwischen Licht und Finsternis von der Vorsehung, wobei Hitler eine Art Prophet der Vorsehung ist. Aufgrund der Art, wie von der Vorsehung gesprochen wird, läßt sich kaum der Schluß vermeiden, daß es sich bei der Vorsehung um eine Art Gottheit handelt. Diese Gottheit ist durchaus verträglich mit dem christlichen Gott. Im Grunde duldet der Nationalsozialismus keine Götter und Kulte neben sich, ist also auf Dauer unverträglich mit dem Christentum. Seine Ideologie freilich ist durchaus vereinbar mit dem Christentum, und dementsprechend ist der Nationalsozialismus kurzfristig durchaus um eine Allianz mit dem Christentum bemüht: die führenden Nationalsozialisten verkaufen sich äußerlich als gute Christen, Hitler etwa als frommer Katholik. Das alles ist nicht bloß taktische Verstellung: christliche Versatzstücke gehören mit zu dem Fundus an Ressentiments, aus denen der Nationalsozialismus sich bedient oder sich wahlweise in größtmöglicher logischer Inkonsistenz bedienen kann. Wahlweise ist der Nationalsozialismus eine Konkurrenz der Kirche und will die Rituale der Kirche verdrängen, etwa die kirchliche Trauung durch ein groteskes „germanisches“ Ritual mit Wotanspriester, wahlweise kann er aber auch der beste Freund der Kirche sein, sofern diese entgegenkommenderweise eine „SA Christi“ gründet.
Die Nationalsozialisten haben eben keine eigene Ideologie, sondern übernehmen, was sie für selbstverständlich halten, also insbesondere die Ressentiments ihrer Zeit. Insofern wollen sie „anständig“ sein, ohne daß sie eine abstrakte Beschreibung dafür geben könnten, was denn eigentlich anständig sein sollte. Wenn sie meinen, daß es anständiger ist, an einen Gott zu glauben, so glauben sie eben an einen Gott. Freilich stehen sie hier auf recht unsicherem Grund, denn theologisch gebildet sind sie nicht, so sprechen sie denn lieber von der Vorsehung. In einem ähnlichen Sinn bezeichnen sich die Nationalsozialisten als Idealisten: gemeint ist damit nicht etwa irgend ein fachphilosophischer Disput über Ontologie, sondern mit dem „Idealismus“ der Nationalsozialisten ist ihre Opfermythologie gemeint.
Von heutigen konservativen Autoren wird gerne beklagt, die Deutschen hätten als Folge des Dritten Reichs ein völlig hypertrophiertes Gewissen, insbesondere eine völlig übertriebene Furcht vor allem Nationalen. Die Franzosen, die Engländer sind stolz auf ihre Nation, nur die Deutschen sind nicht stolz, Deutsche zu sein, obwohl doch Nationalstolz etwas völlig normales und natürliches ist. Infolgedessen lassen sich die Deutschen in Brüssel über den Tisch ziehen, statt ihre nationalen Interessen entschlossen zu verteidigen, sie trauen sich nicht, eine vernünftige Asylpolitik zu betreiben, weil sie Angst haben, der Ausländerfeindlichkeit geziehen zu werden, und sie schwenken nicht so viele Deutschlandfahnen, wie das bei einem normalen Volk üblich wäre. Frappanterweise gibt es ganz ähnliche Klagen schon von Hitler und anderen Nationalsozialisten: die Deutschen, klagt Hitler, seien immer so übermäßig fair, wo andere Völker hemmungslos nationalistisch seien, wollten die Deutschen gerecht sein, sich nicht über andere Völker stellen und schämten sich geradezu ihres Deutschseins. Dies ist Teil der Opfermythologie, ihr zufolge sind die Deutschen ein besonders bescheidenes, weil eben besonders opferbereites, ein besonders gutes, edelherziges, idealistisches Volk eben. Eben deswegen wird die Vorsehung letztlich den Deutschen zum Sieg verhelfen, weil nur die Deutschen durch ihren Idealismus diesen Sieg verdient haben, eben dies ist aber auch die Schwäche der Deutschen, ihre Achillesferse, der Grund, warum die Deutschen es so besonders schwer haben, im Gegensatz zu ihren egoistischeren und durchsetzungsfähigeren Feinden.
Es läßt sich kaum mit Sicherheit rekonstruieren, ob die Nationalsozialisten von Anfang an die „Vernichtung“, also die Ermorderung aller Juden geplant haben. So wenig wie eine geschlossene Ideologie verfügten die Nazis über eine detaillierte Planung durchzuführender Maßnahmen. Vielmehr konnten auch hier verschiedene Ideen beliebig kombiniert werden, etwa die Vorstellung, alle Juden des Landes zu verweisen oder nach Palästina zu deportieren. Aufgrund der beliebigen Kombinierbarkeit verschiedener Vorstellungen gab es andererseits auch nichts, das der Vorstellung eines Genozids entgegengestanden hätte. Im zur Verfügung stehenden Gemenge an Ressentiments gibt es keine zwingende Idee, die das Genozid verwirft. Andererseits scheinen die Vorstellungen eines eschatologischen Endkampfes zwischen Gut und Böse oder die Vorstellung der Bekämpfung eines Parasiten oder einer auf Weltzerstörung abzielenden Verschwörung ein Genozid zwingend zu erfordern. Zu bedenken ist auch, daß das Bild der Juden, so willkürlich und schwankend es auch ist, zumindest die eine Konstante aufweist, Projektionsfläche aller Übel zu sein. In der Denkart der Nationalsozialisten sind die Juden nicht Angehörige der selben Gattung (und allenfalls durch die angebliche „deutsche Tierliebe“ geschützt), die Deutschen befinden sich in einer Notwehrsituation, und die Juden sind die Inkarnation und Ursache aller Übel der Welt. In diesem Konglomerat der Wirrnis erscheint es endlich als moralische Forderung, alle Juden umzubringen. Die Ermordung der Juden wird damit zur Kernforderung der Nationalsozialisten, denn alles andere, was sie sonst noch so fordern, ist ja ebenso romantisch wie abstrakt und unmöglich: die Forderung, das Volk zu einem einheitlichen Volkskörper zusammenzuschweißen oder die Ehre des deutschen Volkes wiederherzustellen sind ja offensichtlich wahnhafte und unmögliche Forderungen, die Forderung der Ermordung aller Juden dagegen die einzige konkrete und realisierbare.
Die Ermordung der Juden ist deshalb kein propagandistisches Unternehmen der Nazis, es ist auch nichts machtpolitisch vorteilhaftes, im Gegenteil, die Mordmaschinerie wird so in Gang gesetzt, daß niemand unter den Deutschen davon wissen muß, der nicht davon wissen will, und sie wird auch nicht so vorgenommen, daß die gefangenen Juden effektiv oder rational in der Kriegswirtschaft eingesetzt würden, das primäre Ziel der Nazis ist die Ermordung durch unmenschliche Arbeitsbedingungen, die „Vernichtung durch Arbeit“, während ein zynischer, aber rationaler Machthaber seine Arbeitssklaven zumindest so behandeln würde, daß es ihnen zwar nicht wohl ergeht, sie aber doch zumindest am Leben und arbeitsfähig bleiben.
3. Hitler
Der Hauptgrund, warum die Nationalsozialisten keine in sich geschlossene Ideologie besaßen, scheint mir darin zu liegen, daß das Formulieren einer solchen Ideologie, so töricht sie ansonsten auch sein mag, eine gewisse intellektuelle Leistung darstellt, zu der die Nationalsozialisten nicht in der Lage waren, weil sie dazu, schlicht gesagt, zu dumm waren. Insbesondere glaube ich, daß Hitler nicht allzu intelligent war. Diese Einschätzung teile ich mit vielen Gegnern Hitlers, sie scheint aber inzwischen doch eine Minderheitenposition geworden zu sein. Die meisten Menschen scheinen es vorzuziehen, sich Hitler als eine Art Verbrechergenie vorzustellen.
Dieser Irrtum scheint sich mir vor allem aus zwei Quellen zu speisen: zum einen ist es so, daß Hitler offenbar eine wichtige Gestalt der Weltgeschichte ist und viel bewirkt hat, wenn auch nahezu ausschließlich in zerstörerischer Weise. Hitler hatte mehr Macht, als irgendeine lebende Person heute, und der Schluß scheint naheliegend, er müsse im selben Maß, wie er mehr Macht als jeder andere besaß, auch entsprechend klüger gewesen sein. Der andere Trugschluß ist ein apologetischer: wenn wir uns Hitler als ein Verbrechergenie vorstellen, als einen Dämon des Bösen, dann wird verzeihlich, daß viele Deutschen ihm gefolgt und sich von ihm verführen ließen oder zumindest nicht imstande waren, ihn wieder los zu werden. Hätten die Deutschen frei entscheiden können, wären sie schuldig geworden, aber wer will ihnen übel nehmen, daß sie der Inkarnation des Bösen keinen Widerstand entgegen setzen konnten? Wo uns doch schon die Johannesoffenbarung lehrt, daß vor dem Tausendjährigen Reich Satan die Erde beherrschen wird.
Auf den apologetischen Trugschluß will ich nicht weiter eingehen. Er wird auch überflüssig, wenn wir uns von der Vorstellung freimachen, es könne und müsse eine Kollektivschuld des deutschen Volkes verhandelt werden. Das deutsche Volk ist schließlich nur ein gedanklicher Popanz, und was zählt, sind ausschließlich die einzelnen Menschen und ihr Verhalten. Abgesehen davon, daß zum deutschen Volk ja auch die deutschen Juden gehören und es sonderbar wäre, sie in eine deutsche Kollektivschuld mit einschließen zu wollen.
Bleibt der Trugschluß, daß sich von Macht auf Intelligenz schließen läßt. Wäre dem so, dann hätten auch alle Könige der Vergangenheit, soweit sie Macht besaßen, insofern intelligent sein müssen. Hitler aber, im Gegensatz zu den Königen, hat die Macht nicht geerbt, sondern mußte sie sich erwerben, und daß ihm dies gelungen ist, könnte ja doch ein Zeichen von Begabung sein.
Tatsächlich aber war Hitler lange Zeit nichts weiter als der Führer einer völlig unbedeutenden und sektiererischen Splitterpartei, und unter anderen Umständen hätte er das auch für den Rest seines Lebens bleiben können. Er konnte recht erfolgreich bei Massenveranstaltungen auftreten, jedoch auch nur vor einem bestimmten Publikum: eine bestimmte Sorte von Menschen lauschte ergriffen seinen Reden, andere Menschen dagegen fühlten sich von seiner Art zu reden eher abgestoßen und lehnten ihn ab, sobald er zu sprechen begann. Als Redner war er ein sehr zweifelhaftes Talent: beispielsweise verfügte er über keinerlei Atemtechnik, so daß er immer wieder mitten im Satz mühsam nach Luft ringen mußte, seine Anhänger hielten es wohl für Ergriffenheit angesichts der Mächte des Schicksals. Sein Vortragsstil erinnert an Vorträge der Sektenführerin Uriella, die auf ähnliche Art und Weise mühsam nach Atem ringt, während sie spricht. Rhetorisch war Hitler alles andere als brillant, ein einzelner Gedanke wird mühsam breitgetreten, und inhaltlich spotten seine Vorträge natürlich jeder Beschreibung.
Einem geläufigen Wort zufolge wäre Hitler als größter deutscher Staatsmacht in die Geschichte eingegangen, wäre er unmittelbar nach dem Münchner Kongreß gestorben. Das mag sein, Hitler hat zwar Deutschland außenpolitisch isoliert, aber die Geschichtsschreibung ist nicht immer gerecht. Freilich setzt dies voraus, daß eine äußere Macht, nämlich der Tod, Hitler die Grenze rationalen machtpolitischen Handelns aufgezeigt hätte. Er selbst wäre völlig unfähig gewesen, diese Grenze zu erkennen, also zu erkennen, wie weit er gehen kann, ohne einen Krieg zu provozieren. Im Gegenteil hat er ja eigentlich geglaubt, bereits zu diesem Zeitpunkt einen Krieg mit England entfesseln zu können, und fühlte sich um seinen Krieg betrogen. Nicht nur wollte Hitler unbedingt den Krieg, sondern darüber hinaus mußte er mit aller Gewalt einen Zweifrontenkrieg beginnen, trotz Stalins brüderlich ausgestreckter Hand, obwohl nicht allzu viel militärischer Scharfsinn dazu gehört, das Nachteilige eines Zweifrontenkrieges einzusehen (zugegebenermaßen sah es zunächst so aus, als ließe sich durch die Blitzkriege das Nachteilige eines Zweifrontenkrieges vermeiden; Hitler aber hätte in jedem Fall so lange Krieg geführt und mit so vielen Ländern Krieg begonnen, daß er entweder die ganze Welt erobert oder besiegt worden wäre). Aber in Hitlers Universum gewann nicht derjenige den Krieg, der besser taktisch und strategisch zu denken verstand. In der Wagneroper, in der er lebte, war es umgekehrt so, daß der, der die gerechte Sache auf seiner Seite hat, zwangsläufig siegen muß und zwangsläufig auch der beste Taktiker und Stratege sein muß. Außerdem teilte Hitler mit modernen Managertrainern den Wahn, daß alles nur eine Frage des Willens sei: wenn er und die Deutschen nur ganz fest den Sieg wollten, so mußten sie siegen. Und die anderen konnten nicht so fest wollen wie er, weil sie ja dekadent und entartet waren. Die Niederlage war deshalb keine militärische, sondern in seinen Augen eine moralische: die Deutschen haben den Krieg verloren, weil ihr Wille nicht stark genug war.
„Mein Kampf“ zeigt uns Hitler als einen prahlerischen, aber völlig ungebildeten Schwätzer. Sein Weltbild hat er, nach eigenen Angaben, hauptsächlich aus dem Geschichtsunterricht des Dorfschullehrers übernommen. Er behauptet, in seiner Wiener Zeit nächtelang die theoretischen Schriften der Sozialdemokraten gelesen zu haben, nennt dabei freilich keinen einzigen Titel und keinen einzigen Autor. Später berichtet er, wie er in einem Lokal versehentlich eine sozialdemokratische Zeitung zu lesen bekommt, und diese Zeitung, so erzählt er uns, habe ihn mehr über die ganze Perfidie der Sozialdemokratie gelehrt als all seine vorangegangenen intensiven Studien. Da die Zeitungslektüre vermutlich real, die intensiven Theoriestudien dagegen offensichtlich Lüge und Fiktion sind, nimmt uns das nicht wunder.
Zunächst will er Maler werden und fabriziert künstlerisch unerheblichen Alpenkitsch, später dann Architekt, zu beiden Studien wird er nicht zugelassen. Sein politisches Erweckungserlebnis ist, zumindest in der Selbstdarstellung, eine Wagneroper, der Rienzi. Wir können also getrost annehmen, daß alles, was Hitler jemals im Leben gelernt hat, aus halbgelesenen Leitartikeln oder Wagneropern stammt, abgesehen von dem Geschwätz, das ihm Elternhaus und Lehrer auf den Weg gegeben haben. Unter diesen Umständen ist es nicht weiter verwunderlich, daß es einen dem „Kapital“ vergleichbaren Text im Nationalsozialismus nicht gibt. Alle Theorien, die Hitler später vertreten hat, hat er sich durch Osmose, durch Hörensagen angeeignet, und das ist der Grund, warum die Nationalsozialisten keine Ideologie, sondern nur eine wirre Sammlung von Ressentiments besaßen.
Hitler ist derart ein Angeber, daß er keinen seiner Tricks für sich behalten kann. Dementsprechend finden sich in „Mein Kampf“ detaillierte Beschreibungen, wie Propaganda funktioniert und wie Menschen manipuliert werden sollen. Solche Tricks funktionieren natürlich dann am besten, wenn sie heimlich durchgeführt werden, Hitler aber erzählt davon ganz offen, denn sonst könnte ja irgend jemand nicht merken, was für ein geschickter Propagandist er in seinen eigenen Augen ist. Das Niveau des Massenpublikums, so behauptet Hitler, läßt sich gar nicht unterschätzen. Ich glaube, das Geheimnis seines Erfolges liegt auch darin, daß Hitler niemals Gefahr lief, versehentlich sein Publikum zu überfordern.
Es gibt Spekulationen, Hitler selbst sei kein Antisemit gewesen, sondern habe den Antisemit als politisches Instrument benutzt, in seiner Zeit als Obdachloser sei er selbst mit einigen Juden befreundet gewesen. Ein allgemeiner Antisemitismus, verbunden mit der persönlichen Bekanntschaft mit Juden scheint mir dagegen mit Hitlers Charakter nicht unvereinbar: Hitler, als vollendet hegelianischer Geist, konnte, wie wir bereits gesehen haben, ohne weiteres mit allen möglichen Widersprüchen operieren, so etwas wie eine kognitive Dissonanz scheint ihn nie behelligt zu haben. Außerdem beschreibt er selbst recht glaubhaft, wie sein Antisemitismus, in der typischen Form eines Verschwörungswahns, sich erst allmählich entwickelt hat, und wie für ihn dann nach und nach immer mehr Phänomene in das Raster des Antisemitismus paßten.
4. Swastika
In verschiedenen Kulturen gilt die sich im Uhrzeigersinn drehende Swastika als Glücks- die sich gegen den Uhrzeigersinn drehende Swastika als Unglückszeichen. Nur Hitler hat mal wieder niemand informiert.
Wie wir im zweiten Abschnitt erläutert haben, besitzen die Nationalsozialisten keine eigene Ideologie, aber dafür einen Vorrat widersprüchlicher Überlieferungen, die nach Belieben und ohne Rücksicht auf Stimmigkeit kombiniert werden können. Die Nazis sehen sich als Bewahrer und Erneuerer des kulturellen Erbes, wobei sie freilich gar nicht so genau wissen, welches Erbe sie da denn eigentlich bewahren wollen. So interessieren sich manche von ihnen für die alten Germanen, sie beschäftigen sich mit isländischen Anekdoten und Zauberrunen, und aus diesem archaisch-magischen Kreis stammt auch die Swastika. Andererseits sahen sich die Nazis auch als Nachfolger des klassischen Erbes, das sie freilich hauptsächlich aus dem veralteten Neoklassizismus des neunzehnten Jahrhunderts kennen. Und schließlich sehen sie sich als Künder einer neuen Zeit, weshalb sie Elemente des Futurismus, des an sich verhaßten Kommunismus und eines gigantomanischen Utopismus übernehmen. Eine typische Naziskulptur kann deshalb einen Germanen darstellen mit den künstlerischen Mitteln des Neoklassizismus, aufgeblasen in riesenhafte Monumentalproportionen, wobei das Ergebnis kommunistischen Arbeiterskulpturen verblüffend ähnlich sieht. Insofern ist das Hakenkreuz auch das Symbol eines Science-Fiction-Staates, eines Staates aus einem Zukunftsmärchens, angelegt auf tausend Jahre
5. Die Juden
Wenigstens vier Begriffe gilt es auseinanderzuhalten: Staatsangehörigkeit, Ethnie, Rasse und Religion. Ob ein Mensch eine bestimmte Staatsbürgerschaft besitzt oder nicht, ist eine Frage, die sich eventuell nur mit juristischen Schwierigkeiten, auf jeden Fall aber entweder mit Ja oder mit Nein beantworten läßt. Die Zuschreibung zu bestimmten Ethnien ist dagegen stets unsicher und vage. Es läßt sich gewöhnlich nicht klar angeben, was genau eine Ethnie ist und welche Menschen sie umfaßt. Eine besonders törichte Forderung ist deshalb, jeder Staat solle genau eine Ethnie umfassen: eine solche Forderung läßt sich nicht erfüllen und ist die Quelle unlösbarer Konflikte, so lange sie nicht aufgegeben wird. Wiederum handelt es sich um eine romantische Idee des neunzehnten Jahrhunderts, beruhend auf einem falsch verstandenen Platonismus: der Vorstellung nämlich, es müsse sich bei den Ethnien, da es sich um allgemeine Begriffe handelt, auch um klare Begriffe handeln. In der Tschechoslowakei lebten Tschechen und Slowaken lange Jahre friedlich miteinander, bis ein böser Dämon den Slowenen eingab, sich von den Tschechen zu trennen. Es ist ihnen, glücklicherweise, ohne Blutvergießen gelungen, doch viele anderen Gegenden der Welt waren weniger glücklich. Die konsequente Anwendung des monoethnischen Prinzips läuft darauf hinaus, daß jedes Dorf einen eigenen Staat mit Sitz in der UNO bildet.
Wiederum ein anderer Begriff ist der Begriff der Rasse. Der Begriff der Rasse ist biologisch noch sehr viel vager und unbestimmter als der der Art, der bereits problematisch genug ist. Es ist offensichtlich, daß in verschiedenen Gegenden der Welt Menschen leben, die verschieden aussehen: Afrikaner sehen anders aus als Asiaten, und Asiaten anders als Europäer. Doch sehr viel mehr läßt sich zu diesem Thema auch nicht mehr sagen. Wir wissen noch, daß Innuits eine etwas andere Durchblutung der Beine haben als andere Menschen und daß Asiaten häufiger Schwierigkeiten haben, Käse zu verdauen, als Europäer, aber genaue Abgrenzungen der Rassen oder tiefschürfendere Unterscheidungen fehlen uns gänzlich. In praktischer Hinsicht läßt sich mit dem Rassebegriff wenig anfangen. Die meisten der gefundenen Unterschiede sind im übrigen recht oberflächlicher Art. Der augenfällige und eindrucksvolle Unterschied der Pigmentierung der Haut etwa scheint mit beliebigen anderen Unterschieden kombinierbar: zwar gibt es das Vorurteil, dunkelhäutige Menschen seien zwangsläufig kraushaarig, dicklippig und plattnasig (und hellhäutige Menschen entsprechend das Gegenteil), doch gibt es dazu genug Völker als Gegenbeispiele, bei denen es sich ganz anders verhält. Wirklich relevante Unterschiede, insbesondere Unterschiede der Intelligenz, sind nicht bekannt und anscheinend wohl auch nicht vorhanden. Im folgenden wird die Unterscheidung verschiedener Rassen keine Rolle spielen.
In historischen Zeiten waren die Juden eine oder mehrere ethnische Gruppen (die jüdische Überlieferung nennt zwölf Stämme), die sich zu einem einheitlichen Staat zusammengeschlossen haben. Von einem „einheitlichen Staat“ zu sprechen ist freilich für einen großen Teil der Geschichte eine starke Übertreibung: oft war der staatliche Zusammenhalt sehr lose, und die Zentralgewalt unbedeutend oder nicht vorhanden. Auch die ethnische Einheitlichkeit war weniger stark ausgeprägt, als orthodoxe Juden heutiger Tage vielleicht gerne glauben würden. In diesem Staat jedenfalls gab es eine einheitliche Staatsreligion, der Glaube nämlich an einen verbindenden Stammesgott, Jahwe, wobei auch dieser Glaube sich nicht stets mit gleichem Erfolg durchsetzen ließ und immer wieder von außen andere religiöse Vorstellungen, etwa der Baalskult oder später griechische Philosophie, einströmten und Anhänger fanden. Zumindest aber in römischer Zeit bildeten die Juden nach ihrer eigenen Vorstellung einen ethnisch einheitlichen Staat mit einheitlicher und exklusiver Staatsreligion (von den Samaritern abgesehen, oder dem Konflikt zwischen Pharisäern und Sadduzäern). Insofern konnte alles drei, Staatsangehörigkeit, Ethnie und Religion, mit einem einzigen Wort bezeichnet werden. Mit dem Beginn der Diaspora war die Staatsangehörigkeit nicht mehr gegeben, weil es den entsprechenden Staat nicht mehr gab, Ethnie und Religion aber bildeten noch immer eine Einheit, und nur diese vorgestellte Einheit erklärt, warum es auch noch zwei Jahrtausende später Juden gab. Inzwischen aber lassen sich der ethnische und der religiöse Begriff nicht länger zur Deckung bringen: es gibt Atheisten, die sich für Juden halten, und zum Judentum konvertierte Menschen, die keine jüdischen Vorfahren haben. Es ist sinnlos, zu fragen, ob nun die ethnische oder die religiöse Bedeutung des Wortes „Juden“ die wahre und richtige Bedeutung ist: Worte haben die Bedeutung, die wir ihnen beilegen, und können keine natürliche kanonische Bedeutung besitzen. Da aber beide Bedeutungen ihre Fürsprecher und Vertreter haben, hat die Bezeichnung unvermeidbar etwas zweideutiges. Es kann daher auch jemand sich als patriotischer deutscher Staatsbürger fühlen, Atheist sein, und trotzdem Jude: in diesem Fall faßt er das Judentum als eine ethnische Gemeinschaft innerhalb eines multiethnischen Staates auf. Ich muß jedoch gestehen, daß ich die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Ethnie für ziemlich bedeutungslos halte, da der Begriff der Ethnie so schlecht definiert ist. Wirklich wichtig scheint mir nur der Begriff der Staatsbürgerschaft (weil dieser Begriff handfeste praktische Konsequenzen hat) und der Begriff der Religion, als Zugehörigkeit zu einem frei gewählten Bekenntnis. Das heißt, ich glaube, daß es das jüdische Volk in Wahrheit gar nicht gibt. Das jüdische Volk ist eine kollektive Einbildung und Erfindung der Juden und Antisemiten.
6. Vergleichbarkeit
Die Ereignisse, denen wir im ersten Abschnitt keinen Namen gegeben haben, unterliegen einem Tabu, daß sie nicht mit anderen Ereignissen verglichen werden dürfen. Insbesondere etwa wird uns gesagt, daß wir sie nicht mit den Verbrechen des Kommunismus vergleichen dürfen, aber auch nicht mit christlichen Pogromen, nicht mit dem Mord an den Armeniern und dergleichen. Begründet wird dieses Vergleichsverbot mit der Einzigartigkeit des Ereignisses.
Nun ist Auschwitz in der Tat einzigartig. Diese Einzigartigkeit ist aber selbst durchaus nichts einzigartiges: jedes geschichtliche Ereignis ist einzigartig, keines die Wiederholung eines früheren Ereignisses. Zugleich ist jedes Verbrechen in gewisser Weise unvergleichlich: wenn wir Verbrechen wahrhaft angemessen bewerten wollten, müßten wir nach dem Maß des dadurch verursachten Leides fragen, Leiden können wir aber nicht messen und vergleichen, weil das, was andere Menschen empfinden, für uns okkult ist. Wir können das Leid eines Menschen nicht als Zahl ausdrücken, und wir können das Leid zweier Menschen nicht auf seine Stärke hin vergleichen, wer von beiden mehr leidet: Leid ist unmeßbar und unvergleichbar, ebenso wie Freude oder Liebe oder überhaupt alle wichtigen Dinge im Leben. Es ist nicht auszuschließen, daß all dies eines Tages meßbar oder wenigstens vergleichbar sein wird, wenn wir entsprechende technische Fortschritte gemacht haben, solange aber uns diese Errungenschaften nicht zur Verfügung stehen, müssen wir versuchen, ohne sie auszukommen.
Um Zugang zum Leiden anderer Menschen zu bekommen, bleibt uns kaum etwas anderes übrig, als ihr Leid zu vergleichen, und zwar nicht mit anderen Vorfällen, von denen wir gehört haben, sondern mit Vorfällen, die zu unserer eigenen Erfahrung gehören. Um zu verstehen, was eigentlich an Auschwitz schrecklich ist, bleibt uns kaum etwas anderes übrig, als die dortigen Ereignisse nicht etwa mit dem Gulag, sondern mit viel banaleren Dingen, mit dem Besuch beim Zahnarzt oder dem Schreiben von Klassenarbeiten und dergleichen zu vergleichen. Beim Vokabeltest hatten wir Angst, die Aufmerksamkeit des Lehrers zu erregen, und so können wir uns vielleicht vorstellen, daß auch die Häftlinge beim Appell Angst hatten; da es bei ihnen nicht nur um eine schlechte Zensur, sondern um ihr Leben ging, vermuten wir, ihre Angst sei entsprechend größer und schrecklicher gewesen. Ob nun die Angst mit der Wichtigkeit des Gutes, das auf dem Spiel steht, linear ansteigt, oder konkav oder konvex, wissen wir nicht. Und selbst wenn wir es wüßten, könnten wir in unserer Phantasie das uns bekannte Gefühl der Angst nicht bis zu dem nie erfahrenen Grad der Angst extrapolieren. Wir wissen durch den Vergleich nicht, wie es ist, an einem Lagerappell teilzunehmen, alles, was wir dem Vergleich entnehmen können, ist, daß es sehr schrecklich gewesen sein muß. Für die, die nicht in den Lagern war, gibt es keine Möglichkeit, nachträglich zu erfahren, wie das ist. Aber wiederum ist auch diese Unerreichbarkeit der Erfahrung, diese Unvergleichbarkeit, nichts, das spezifisch für die Lager der Nazis wäre. Für Außenstehende sind auch die Erlebnisse im Gulag emotional nicht wiederholbar. Ganz unabhängig von Diktaturen ist auch das Erlebnis beispielsweise einer Vergewaltigung allein durch Phantasie nicht nachvollziehbar, und selbst das banale Erlebnis, einen Zahn gezogen zu bekommen, ist für jemand, der es nicht erlebt hat, nicht vorstellbar. Hinzu kommt noch, daß das Erleben dieser Ereignisse, die wir hier zusammenfassen, für jeden Menschen anders ist und daß keine zwei Menschen das gleiche Ereignis erlebt haben. Was wir durch unseren Nachvollzug in der Vorstellung allenfalls begreifen können, ist, daß es sich um schreckliche Erlebnisse handelt. Eventuell können wir durch imaginierte Erlebnisse eine Art Bewertung vornehmen, indem wir etwa sagen: besonders schrecklich stelle ich mir den ständigen Hunger in den Lagern vor. Diese Bewertung muß freilich nicht mit dem übereinstimmen, was andere tatsächlich erlebt haben. Überlebende der Lager etwa mögen uns berichten, schlimmer noch als der ständige Hunger sei der ständige Durst gewesen, eine Bewertung, die uns unsere Phantasie nicht enthüllen konnte.
Verwandt mit der These oder dem Tabu der Unvergleichbarkeit ist die Behauptung, daß Auschwitz das schrecklichste Ereignis der Geschichte darstellt, also eine Art negativer Rekord, so, wie Hitler als der verbrecherischster aller Verbrecher gilt. Um Auschwitz als negativen Rekord erkennen zu können, ist es freilich unvermeidbar, daß wir Auschwitz mit anderen historischen Ereignissen vergleichen. Eben das, meine ich, ist nicht möglich, weil eben Auschwitz und überhaupt jedes geschichtliche Ereignis einzigartig ist. Die Vertreter der Unvergleichbarkeit meinen denn auch weniger, daß Auschwitz unvergleichbar mit jedem anderen Ereignis ist, sondern eher, daß es sehr wohl vergleichbar ist und sich in diesen Vergleichen immer als das Schrecklichere erweist.
Ich wüßte weder, wie ein solcher Vergleich sich durchführen lassen sollte, noch, welchen Erkenntnisgewinn uns ein solcher Vergleich bescheren würde. Angenommen, wir könnten herausfinden, die Konzentrationslager seien genau 2,3 Mal schlimmer gewesen als der Gulag, was sollten wir dann mit dieser Information anfangen? Andererseits, wie sollten wir einen solchen Vergleich anstellen? Das verursachte Leid können wir nicht vergleichen, weil wir dazu keinen Zugang haben. Wir können uns an faßbarere Dinge halten, wir können etwa, in einem einfachen Ansatz, die Zahl der Toten zählen. Schätzungsweise sechs Millionen Juden wurden von den Nazis ermordet, im zweiten Weltkrieg starben vielleicht sechzig Millionen Menschen. Offenbar ist es nicht unmöglich, daß diese Zahlen durch andere historische Ereignisse übertroffen werden kann. Falls aber einem fleißigen Historiker gelänge, nachzuweisen, daß unter kommunistischer Herrschaft (in der Sowjetunion und in China) durch Umsiedlungen, Internierungen und durch Mißwirtschaft verursachte Hungerkatastrophen eine größere Zahl an Menschen ums Leben gekommen sein sollte, was würde sich dadurch für die Bewertung der Herrschaft Hitlers ergeben? Hitler selbst hat gerne behauptet, Deutschland und die Welt vor der Bedrohung durch den Kommunisums retten zu wollen, und durch einen solchen Vergleich der beiden Diktaturen könnte eine solche Behauptung vielleicht einen schwindelhaften Schein der Glaubwürdigkeit gewinnen. Aber es ist doch offensichtlich genug, daß Hitler und die Nazis niemand vor totalitärer Herrschaft gerettet haben. Und umgekehrt, was wäre gewonnen, wenn es einigen Neonazis gelänge, nachzuweisen, es seien in den Konzentrationslagern nicht sechs Millionen, sondern etwa nur zwei Millionen Juden ermordet worden? In jedem Fall ist klar, daß die Nationalsozialisten so viele Juden ermordet haben, wie eben in ihrer Macht stand, und wäre es Hitler möglich gewesen, sechzig oder sechshundert Millionen Juden ermorden zu lassen, so hätte er auch dabei nicht gezögert. Begrenzt worden ist jener Terror nur durch eine begrenzte Zahl der Opfer und begrenzte technische Möglichkeiten, keinesfalls durch ein Einhalt gebietendes Gewissen. Die Zahlenwerke der Neonazis laufen auf die Behauptung hinaus, Hitler habe zwar ohne weiteres zwei Millionen Juden umbringen lassen, sechs Millionen aber habe er unmöglich umbringen lassen können, weil er zu einer so scheußlichen Tat gar nicht fähig gewesen wäre, was offenbar absurd ist. Die einzig verbleibende Strategie der Neonazis besteht demzufolge darin, zu leugnen, daß auch nur ein einziger Jude jemals ermordet wurde, entgegen alle Evidenz.
Einige Russen gefallen sich in der Behauptung, Stalin sei ein schrecklicherer Diktator als Hitler gewesen, während Deutsche gerne darauf bestehen, daß Hitler der schrecklichste Diktator aller Zeiten sei. Einen Wettkampf um den Titel des schrecklichsten Diktators aber gibt es nicht, und entsprechend nutzlos sind solche Behauptungen. Offenbar besitzen Hitler und Stalin Gemeinsamkeiten, die sie vergleichbar machen, ebenso wie trennendes (beide etwa haben viele Kommunisten umbringen lassen). Bekanntlich besitzen selbst Bush und Bin Laden Gemeinsamkeiten, die sie vergleichbar machen (beider Name beginnt mit einem „B“, beide haben Menschen umbringen lassen, beide sind öfter im Fernsehen zu sehen), ohne daß es besonders erhellend wäre, beide miteinander zu identifizieren. Es ist auch möglich, Hitler und Saddam Hussein miteinander zu vergleichen, es ist aber nutzlos, den einen als Avatar des Anderen entlarven zu wollen, wenn mit diesem Vergleich kein zusätzlicher Erkenntnisgewinn verbunden ist. Sowohl Hitler als auch Stalin bewegten sich außerhalb jeder Moral und waren deshalb zu allen Arten von Verbrechen fähig. Stalin aber scheint viel mehr von der Furcht bestimmt gewesen zu sein, sein eigenes Leben gegen alle Feinde zu schützen, und er war darin erfolgreicher als Hitler, jedenfalls hielt er sich länger an der Regierung, während Hitler, überzeugt von der eigenen Größe, unbedingt die Welt erobern wollte. Ein wichtiger Aspekt der stalinistischen Säuberungen ist das Erzwingen von Geständnissen, was bei der nationalsozialistischen Verfolgung der Juden keinerlei Rolle spielt, die nationalsozialistische Verfolgung ist primär rassistisch und erst in zweiter Linie machtpolitisch motiviert, die Säuberungen dagegen dienen ausschließlich der Machtpolitik, weshalb ihr zwar ganze Volksstämme zum Opfer fallen können, aber dies nur als Folge des Versuchs, sich mit allen Mitteln an der Macht zu halten, und so weiter. Nochmals: welche beider Herrschaften die schrecklichere war, ist eine sinnlose und nicht zu beantwortende Frage, und wüßten wir eine Antwort auf diese Frage, würde keiner der Toten dadurch wieder lebendig und kein Leid ungeschehen.
7. Die Neonazis
Viele Skinheads weisen ein ähnliches Gehabe auf wie beispielsweise Satanisten, das heißt, sie kokettieren damit, daß sie Vertreter des Bösen oder jedenfalls des Verbotenen, des Unanständigen sind. Es versteht sich, daß eine solche Haltung vor allem auf Jugendliche anziehend wirkt. Hitler selbst dagegen dürfte sich selbst für einen Vertreter der Anständigkeit gehalten haben. Sein Kampf war ein Kampf gegen jüdische und kommunistische Unanständigkeit, sein Privatleben und sein Geschmack an einer Spießeridylle ausgerichtet. Die Nationalsozialisten hielten ihre Herrschaft für eine Herrschaft des Idealismus, der Opferbereitschaft und der Tugend. Aber wie wir bereits gesehen haben, gehört es zum Wesen des Nationalsozialismus, mühelos Widersprüche vereinigen zu können. So ist der Skinhead zwar einerseits, wie ein Punk, ein Bürgerschreck, doch versteht er sich andererseits als anständiger Deutscher. Da das Leugnen des Holocaust hierzulande unter Strafe steht, herrscht diesbezüglich unter den Neonazis eine gewisse Heuchelei und Neigung zum Zwiedenken, andererseits erweist sich auch hier das Denken in Widersprüchen als nützlich. Ein Neonazi nämlich kann einerseits leugnen, daß im Dritten Reich Juden ermordet wurden, andererseits aber Hitler eben dafür, nämlich für die Ermordung der Juden bewundern. Ein, sagen wir, sehr, sehr rechtskonservativer Politiker wird abstreiten, ausländerfeindlich zu sein, denn das wäre ja nicht anständig, andererseits aber wird er jede Maßnahme gegen Ausländer bedingungslos gutheißen (und wir erinnern uns, daß dieser fehlende moralische Widerstand, diese mangelnde Schranke des Gewissens den Holocaust ermöglichte).
Wie sollte eine Demokratie mit Neonazis umgehen? Gewalt sollte sie natürlich verfolgen oder verhindern. Zweifelhafter ist dagegen, was sie mit Meinungsäußerungen anfangen sollte. In Deutschland gibt es dazu mehrere Verbote: die Verwendung nationalsozialistischer Symbole, wie Hakenkreuz oder Hitlergruß, das Leugnen des Holocaust, und den Nachdruck von „Mein Kampf“.
Da ich selbst zu einer eher radikalen Auffassung von Liberalismus neige, bin ich mit diesem Verboten nur zum Teil einverstanden. Unproblematisch finde ich das Verbot der Verwendung nationalsozialistischer Symbole, schließlich ist es allgemein üblich, daß nicht jeder alle Symbole verwenden kann, wie es ihm oder ihr beliebt. Das Verbot, „Mein Kampf“ zu vertreiben, scheint mir dagegen eine kaum zu rechtfertigende Einschränkung der Möglichkeiten, nach Belieben auf wichtige historische Dokumente zugreifen zu können, zumal es ja ohnehin ohne Schwierigkeiten unterlaufen werden kann. Die verführerische Macht dieses Buches scheint mir inzwischen auch eher gering. Ich verstehe freilich, daß vielen Menschen die Vorstellung unangenehm ist, in Buchläden Hitler zum Sonderpreis angepriesen zu finden („Sensationell! Der ganze Hitler für nur 9,90 €! Greifen Sie zu, nur solange Vorrat reicht!“). Ich gebe auch zu, daß meine Vorstellung in dieser Hinsicht recht radikal sind: ich würde meinen Kindern in keinem Alter irgend eine Lektüre verweigern, sei es nun de Sade, Hitler, die Bibel oder Luise Rinser oder was ich sonst eben für schlechte Literatur halte. Ob ein Staat schließlich das Recht hat, bestimmte Theorien, mögen sie noch so abstrus sein, zu verbieten, weiß ich nicht. Eigentlich sollten wir erwarten, abstrusen Theorien mit guten Argumenten begegnen zu können (denn sonst sind es ja keine abstrusen Theorien), so daß wir ein Verbot nicht nötig haben sollten. Im Gegenteil wird ein Verbot dazu führen, daß wir die Pflicht zur Widerlegung nicht recht ernst nehmen. Um unserer selbst willen sollten wir uns zwingen, stets vorbereitet zu sein, behauptete geschichtliche Ereignisse belegen zu können, ansonsten besteht die Gefahr, daß wir, geschützt durch Gesetze, verdummen.
8. Die Lehren
Es scheint eine weit verbreitete Ansicht zu sein, wonach Auschwitz als eine Art moralischer Lehranstalt betrachtet werden muß, und daß aus dem Holocaust alle möglichen Lehren gezogen werden können und sollen. Insbesondere ist eine Lehre, daß „das“ sich nie wieder wiederholen darf. Was aber „das“ eigentlich ist, ist unklar. Wenn es darum geht, daß es nie wieder geschehen darf, daß ein in Braunau geborener Mensch namens Hitler Reichskanzler wird, in Polen einmarschiert und Konzentrationslager in Dachau, Buchenwald etc. errichten läßt, dann ist die Gefahr der Wiederholung offensichtlich verschwindend gering. Es ist sehr unwahrscheinlich, daß genau das sich je noch einmal ereignen wird. Gemeint ist also offensichtlich eine Wiederholung auf abstrakterer Ebene. Aber dann ist unklar, wie wir die Abstraktion vornehmen sollen. Eine Möglichkeit etwa wäre: nie wieder sollen Militarismus und Imperialismus als avancierteste Formen des Kapitalismus eine Chance haben, einen Krieg in der Mitte Europas zu entfesseln, zu diesem Zweck ist es ratsam, einen antifaschistischen Schutzwall zu errichten. Eine andere mögliche Lehre wäre: nie wieder soll eine totalitäre Ideologie wie Faschismus oder Kommunismus die Menschen unterdrücken, und der Totalitarismus muß mit allen Mitteln bekämpft werden, beispielsweise mit der Einrichtung eines Ausschusses zur Untersuchung unamerikanischer Umtriebe. Es versteht sich, daß diese beide Lehren aus dem Faschismus nicht miteinander vereinbar sind. Es lassen sich aber noch beliebig andere Lehren aus der Zeit des Dritten Reiches ziehen. Eine mögliche Lehre etwa besteht darin, das Dritte Reich als ein Regime seinsvergessener Technokraten aufzufassen und als Lehre eine Rückbesinnung auf das Seyn als solches zu fordern. Oder aber wir fassen das Dritte Reich als ein Reich auf, das Gott und Gewissen vergessen hat und in seiner Gott- und Gewissenlosigkeit vor keinem Verbrechen, keinem moralischen Abgrund zurückschreckte. In diesem Fall können wir als Lehre fordern, der Mensch solle sich auf seine Gottesgeschöpflichkeit zurückbesinnen und sich klar machen, daß Politik ohne tanszendentale Verankerung und Ethik ohne metaphysischen Bezug nicht möglich sind. Oder aber wir ziehen als Lehre aus dem Dritten Reich, daß wir das nächste Mal, wenn wir versuchen, die Welt zu erobern, die Rüstung noch etwas besser vorbereiten müssen, bei drohenden Einkesselungen notfalls auch einen Rückzug befehlen und künftig kein Chiffrierverfahren a priori für unentschlüsselbar halten.
Ich dagegen glaube, daß Auschwitz keine moralische Lehranstalt ist und wir aus den Verbrechen des Dritten Reiches auch nichts lernen können. Wir haben erfahren, daß es entsetzlich ist, wenn Millionen von Menschen grund- und sinnlos ermordet werden (aber wäre es besser gewesen, sie wären alle als Dissidenten ermordet worden?), aber selbst wenn wir das nicht schon vor dem Dritten Reich hätten wissen können, dann wäre es besser gewesen, wir hätten es nicht aus praktischer Anschauung lernen müssen, und alle Ermordeten wären nicht ermordet worden und alle Gefolterten und Gequälten wären nicht gefoltert und gequält worden.
Aus dem Bösen, meine ich, läßt sich überhaupt nichts lernen, allenfalls aus dem versuchten und gescheiterten Guten. Das heißt, zwar ist die Weimarer Republik untergangen, aber aus ihr und ihrem Untergang können wir trotzdem etwas lernen. Wir können etwa lernen, die Stellung des Bundespräsidenten so zu schwächen, daß ihm kaum mehr als repräsentativer Funktion zukommt. Wir können lernen, die Grundrechte an prominenter Stelle und schwer oder unaufhebbar in der Verfassung zu verankern. Wir können lernen, denn Sturz einer Regierung so zu gestalten, daß etwa ein Kanzler nur durch ein konstruktives Mißtrauensvotum gestürzt wird, um die Notwendigkeit oder die Verführung zu ständigen Neuwahlen, wie sie in der Weimarer Republik an der Tagesordnung waren, zu beseitigen. In dem selben Sinn können wir eine Fünf-Prozent-Klausel einführen, um stabile Koalitionen wahrscheinlicher zu machen. Wir können die Berufsarmee durch eine Wehrpflichtigenarmee ersetzen und die Möglichkeit des Ersatzdienstes vorsehen. Solche nicht eben spektakulären, aber höchst nützlichen Dinge lassen sich aus dem Versuch der Weimarer Republik lernen. Aber was läßt sich aus dem Dritten Reich lernen, außer, daß Mord und Folter abscheulich sind, was aber auch nur der lernt, der das ohnehin schon wußte? Die Ermordeten sind nicht getötet worden, um uns etwas beizubringen oder als eine Etappe auf dem Weg in die lichte Zukunft. Ihre Ermordung war ein Verbrechen. Es gibt hier keine verborgene positive Bilanz, keinen geheimen Sinn: in der Geschichte waltet keine Vorsehung, die Theorien der religiösen Juden, der Christen, der Kommunisten und der Nazis sind falsch.
9. Schluß
Eine radikale These über Auschwitz erklärt, daß es eine Anmaßung sei, mit den Opfern des Nationalsozialismus Mitleid haben zu wollen, da ja ein Außenstehender die Erlebnisse der Vernichtungslager nicht nachvollziehen könne und das Mitleid die singulären Ereignisse in die gewöhnliche menschliche Sphäre zurückzuzerren versuche. Nun, wir müssen mit der Welt und der Geschichte so gut zurechtkommen, wie wir es vermögen. Ich wüßte nicht, was, außer Mitleid, uns dazu bewegen sollte, die Schwachen und Machtlosen von den Gesetzen beschützen zu lassen. Freilich gehören wir, als je Einzelne, selbst immer zu den Schwachen und Machtlosen, so daß der Schutz der Schwachen und Machtlosen auch uns selbst schützt. Aber das ist nur ein Teil der Wahrheit: oft gibt es welche, die sich selbst für Angehörige einer moralischen Mehrheit halten und daher keine Furcht vor dem Terror glauben haben zu müssen. Und auch wenn der Schutz der Schwachen und Machtlosen ein Selbstschutz ist, weil wir als je Einzelne eben auch schwach und machtlos sein oder werden können: auch dann erfordert die Einführung entsprechender Schutzregeln einen mitfühlenden Nachvollzug: so, wie es jenem ergehen kann, könnte es in den-und-den Umständen auch mir ergehen, das aber will ich nicht. Die Nazis waren überzeugt, niemals Juden sein zu können, und Mitgefühl und Mitmenschlichkeit hatten sie ausschließlich für ihre Volksgenossen reserviert, unter dem Vorbehalt, daß der Volksgenosse nicht degeneriert war, wie etwa ein Deserteur, ein Homosexueller, ein Kommunist, ein Behinderter oder derartiges.
Unsere Empfindungen freilich sind so konstruiert, daß sie nur bei einigen wenigen uns persönlich bekannten Stammesgenossen sinnvoll funktioniert. Die Zahl von sechs Millionen hat an sich nichts schreckliches und ist emotional völlig gleichgültig: jeder von uns hat schon von viel größeren Zahlen gehört, die Staatsverschuldung, die Entfernung zwischen den Sternen, die Zahl der Atome in einem Stecknadelkopf und dergleichen mehr. Wir können uns ein einzelnes Schicksal als schrecklich vorstellen, aber wir sind nicht fähig, diese Vorstellung nach belieben zu multiplizieren, etwa zu sagen: dieses Schreckliche, mit der Zahl sechs Millionen multipliziert. Vielleicht deshalb haben für viele Menschen große Unglücksfälle wie der Untergang der Titanic oder die Anschläge auf das World Trade Center etwas Erschütterndes und Lähmendes (im Ggensatz zu all den Menschen, die tagtäglich leiden oder sterben, aber als Einzelne und unbemerkt von der Weltöffentlichkeit); aber es kommt wohl noch jedesmal etwas anderes hinzu, der erzwungene Abschied von einem lieb gewordenen Glauben: etwa, daß Terror ein Phänomen ferner Krisengebiete ist, daß Technik zuverlässig beherrschbar ist oder daß die Geschichte der Menschheit eine Geschichte des unvermeidlichen Fortschritts ist.
Emotional empörend sind daher stets nur einzelne Aspekte des Verbrechens: daß etwa die Nazis ein Bild des geliebten Max Ernst vernichtet haben, gewiß nicht ihr größtes Verbrechen bei allen ihren übrigen Verbrechen, aber für mich ein unverzeihbares, daß sie die Lieblingsschwester Franz Kafkas ermordet haben, daß sie Ruth Klüger gemartert und beinahe umgebracht haben, und dergleichen. Alles andere bleibt abstrakt und unbegreifbar.
Aber unsere Aufgabe ist es ohnehin nicht, die Verbrechen der Nationalsozialisten im emotionalen Nachvollzug der Leiden ihrer Opfer möglichst vollständig zu erfassen und zu begreifen. Eine solche Aufgabe ist offensichtlich unmöglich, und wäre sie möglich, würde sie uns das Weiterleben vermutlich unmöglich machen, und sie ist auch nicht nötig. Nötig ist vielmehr, unser Zusammenleben so zu regeln, daß größere Katastrophen ausbleiben, das Leid, so gut wir es vermögen, zu vermeiden oder zu reduzieren, Demokratien so zu bauen, daß sie nicht zu Diktaturen entarten oder jedenfalls nicht leicht und rasch entarten können. Da wir Menschen fehlbar und wenig klug sind, sind viele unserer Versuche mehr oder weniger gescheitert, aus solchen gescheiterten Versuchen läßt sich etwas lernen, und das sollten wir auch tun. Mehr ist nicht möglich, zumal wir keinen Weg wissen, die Vergangenheit zu ändern.
27.12.2001
Wenn Popper Hegel und seinen Nachfolgern vorwirft, er habe das Prinzip des ausgeschlossenen Widerspruchs über Bord geworfen und damit einen Zustand völliger logischer Beliebigkeit erreicht, so ist dieser Vorwurf ein klein wenig ungenau. Der Widerspruch ist in der Hegelschen Welt zwar zulässig, aber stets nur als eine zeitliche, historische Erscheinung, als ein Motor weiterer geschichtlicher Bewegungen. Der Kapitalismus etwa leidet an Widersprüchen, aber diese Widersprüche werden den Kapitalismus letztlich widerlegen und zu seiner Ablösung führen. Das heißt, es gibt zwar Widersprüche in der Welt, nicht aber in der vollendeten Theorie Hegels und nicht im Endzweck der Geschichte, also in der preußischen Monarchie beziehungsweise im sozialistischen Paradies. Dementsprechend ist es durchaus möglich, Fehler und Widersprüche im Dialektischen Materialismus aufzudecken. Wenn etwa Popper die Arbeitswerttheorie von Marx (völlig zu recht) kritisiert, dann handelt es sich hier um einen(mit dem Rest der Theorie allerdings nur lose zusammenhängenden) Teil der Theorie, der widerlegt wird. Die sozialistische Orthodoxie hat sich in der Tat gegen jeden Widerspruch immunisiert, aber eigentlich eher in einer naiven und oberflächlichen Art und Weise, indem sie nämlich jede weitere Diskussion unterbunden und den Dialektischen Materialismus in eine Art Scholastik (oder in eine Kuhnsche Normalwissenschaft) verwandelt hat.
Die von mir kritisierte Nicht-Ideologie der Nazis dagegen kann mit größerem Recht als eine Theorie betrachtet werden, in der der logische Widerspruch nicht länger ausgeschlossen und schlechterdings alles möglich ist. In typisch sektiererischer Art und Weise wird dieser Defekt als ein außergewöhnlicher Vorzug betrachtet. Jeder Schwachsinn läßt sich dadurch in höhere, gewöhnlichen Sterblichen unzugängliche Weisheit umdeuten. Hitler und seine Gesellen dachten ja bekanntlich auch nicht mit dem Kopf, sondern mit dem Blut. So schreibt etwa ein bekannter Intellektueller in verzückter Verehrung über das Fleisch gewordene Orakel der Vorsehung:
„Es ist keine Frage, daß Hitler in die Kategorie der wahrhaft mystischen Medizinmänner gehört. Wie irgend jemand auf dem letzten Nürnberger Parteitag über ihn gesagt hat, hat man seit der Zeit Mohammeds nichts Ähnliches in dieser Welt gesehen. Dieser ausgeprägt mystische Charakterzug Hitlers ist es, was ihn Dinge tun läßt, die uns unlogisch, unerklärlich, seltsam und unvernünftig erscheinen. [...] Sie sehen also, Hitler ist ein Medizinmann, eine Art spirituelles Gefäß, ein Halbgott oder, besser gesagt, ein Mythos.“
Es versteht sich, daß der selbe Intellektuelle sich nach dem Untergang des Dritten Reiches bitter darüber beklagt, daß niemand auf seine Warnungen vor dem gefährlichen Psychopathen Hitler gehört hat. Es war freilich auch schwierig, auf Warnungen zu hören, die so sehr Lobeshymnen gleichen. Seine Vorliebe für das unlogische, unerklärliche, seltsame und unvernünftige hat C. G. Jung übrigens auch nach dem Untergang des Dritten Reiches beibehalten.
30.12.2001
Eine der Grenzlinien zwischen den Menschen verläuft zwischen den Menschen, nennen wir sie Humanisten, die Güte, Gerechtigkeit, Mitleid oder Hilfsbereitschaft für menschliche Eigenschaften haben, und den anderen, nennen wir sie Animisten, die eben diese Eigenschaften für mehr oder weniger universelle, kosmische Eigenschaften, Eigenschaften der belebten oder unbelebten Natur, der Götter, des Schicksals oder anderer Mächte halten. Ich gehöre, was für die, die die Aufzeichnungen dieses Jahres bis hierher gelesen haben, nicht überraschen dürfte, zu denen, für die Güte, Gerechtigkeit, Mitleid oder Hilfsbereitschaft etwas in kosmischer Hinsicht seltenes und unwahrscheinliches ist und das es allenfalls da gibt, wo es Menschen gibt, und auch da leider nicht immer. Gerechtigkeit gibt es dann und nur dann, wenn Menschen sich dazu entschließen, Gerechtigkeit durchzusetzen. Entschließen sich Menschen nicht dazu, Gerechtigkeit durchzusetzen, dann gibt es keine Gerechtigkeit, denn die Welt ohne die Menschen ist nicht gerecht und moralisch indifferent (da zerstören einfacher ist als erschaffen, könnten wir die Welt sogar als feindselig und böse auffassen, aber diese Asymmetrie beruht nicht erkennbar auf bösem Willen, so daß solche Bezeichnungen ins Leere laufen).
Ein Wunderheiler, Schamanist, Pseudowissenschaftler, Geomant, Homöopath oder dergleichen könnte von seiner Theorie her zunächst durchaus ein Humanist sein und seine Wissenschaft beziehungsweise Pseudowissenschaft als einen Versuch deuten, durch menschliche Klugheit der gleichgültigen Welt Heilungserfolge abzuringen. Soweit ich sehe, ist das aber weitgehend nicht der Fall: nahezu alle Wunderheiler scheinen mir auch Animisten zu sein, überzeugt, auf eine Quelle des Guten und Heilsamen gestoßen zu sein. Denn sonst müßte es ja für diese Menschen höchst verblüffend und staunenerregend sein, Mittel gefunden haben, die angeblich so große Potenz haben, zu heilen, aber so wenig, zu schaden. Ganz begeistert erzählen diese Wunderheiler uns, daß ihre Mittelchen mehr oder weniger keine Nebenwirkungen haben. Aber alles, was wirkt, hat Nebenwirkungen, und was keine Nebenwirkungen hat, hat auch keine Wirkungen. In einer ungerechten beziehungsweise gleichgültigen Welt kann es kaum anders sein: es kann passieren, daß wir auf einen Wirkstoff stoßen, der so in den Körperhaushalt eingreift, daß er bei vielen Menschen Kopfschmerzen verringern oder beseitigen kann, aber bedauerlicherweise zeigt es sich, daß das selbe Mittel auch bei einigen Menschen zu Magenblutungen führt. Ein mit Akupunktur behandelter Mensch erleidet einen Kreislaufkollaps: womöglich handelt es sich bei Akupunktur nicht bloß um Hokus-Pokus, sondern um ein echtes Heilverfahren über den Placeboeffekt hinaus. Die Dosis trennt bekanntlich das Heilmittel vom Gift, das Wundermittel aber kennt keine solche Trennlinie, denn hier sorgen, scheint es, gute Geister für die Genesung.
Wir haben zwei Arten von Medizin zur Auswahl: eine orthodoxe und eine alternative. Das Beste, was sich über die alternative Medizin sagen läßt, ist, daß sie oft harmlos und unschädlich ist. Freilich trifft auch das nicht immer zu: manche homöopathischen Mittel sind keineswegs so verdünnt, daß sie keine Wirkstoffe mehr enthalten, Frischzellenkuren erfordern eine robuste Gesundheit, und Psychotherapie kann Menschen in den Selbstmord treiben. Bei anderen Therapien bleibt es bei einem Verlust an Zeit und Geld. Unbestreitbar können diese Therapien auch Erfolge aufweisen, denn auch wenn sich nicht belegen läßt, daß die Erfolge den Placeboeffekt übertreffen, so kann doch schon durch den Placeboeffekt eine Heilung oder eine wesentliche Verbesserung des Befindens erreicht werden. In den besten Fällen erreicht die pseudowissenschaftliche Behandlung die Qualität guter Seelsorge.
In der orthodoxen Medizin dagegen ist die seelsorgerische Qualität mehr oder weniger irrelevant für die erfolgreiche Ausbildung. Glücklicherweise gibt es einfühlsame und verständnisvolle Ärzte, aber wohl nicht häufiger als im Durchschnitt der Bevölkerung, weil es sich um keine berufsqualifizierenden Eigenschaften handelt. Ein Arzt ist bekanntlich jemand, dem es erfolgreich gelungen ist, sich erstaunliche Mengen lateinischer Formeln auswendig anzueignen.
Schlimmer noch: der Arztberuf ist ein selektiver Filter für besonders selbstbewußte Menschen (denn es gehört ja einiges Selbstbewußtsein dazu, die Verantwortung für die Gesundheit eines anderen Menschen zu übernehmen), und überlieferte Traditionen des Standes verstärken diesen Effekt: in ihrer Ausbildung lernen Ärzte, Patienten zu ignorieren.
Rechtlich gesehen bedarf es für medizinische Eingriffe des Einnverständnis des Patienten, andernfalls handelt es sich um Körperverletzung. Ein Arzt wird sich daher in der Regel eine Einverständniserklräung unterschreiben lassen. Um haftungsrechtliche Schwierigkeiten zu vermeiden, wird ein Arzt auch mögliche Komplikationen und Gefahren eines Eingriffs schildern. Zunächst aber gibt es für einen Arzt keine Motivation, dem Patienten darüber hinaus Erklärungen abzugeben, die Patientin etwa durch ausreichende Informationen zu ermöglichen, sich selbst einen Überblick über verschiedene Behandlungsalternativen zu verschaffen und die Möglichkeit zu bekommen, eine fundierte Entscheidung zu treffen. Trotz der rechtlichen Autonomie der Patientin ist es meist so, daß der Arzt Anweisungen erteilt, die der Patient zu befolgen hat. Die Ärztin verschreibt die Medikamente, die Patientin hat sie einzunehmen. Ein Teil der Beliebtheit homöopathischer Mittel oder der Verwendung von Edelsteinen mit angeblich heilender Wirkung erklärt sich mutmaßlich auch dadurch, daß bei diesen Methoden die Patienten autonom und eigenverantwortlich handeln können: die Patientin informiert sich, welche Edelsteine der Theorie zufolge welche Wirkung besitzen, und entscheidet dann, welche Edelsteine sie verwenden wird. Viele der alternativen Heilmethoden sind nicht um einen Guru oder Hellseher zentriert (obwohl es das natürlich auch oft genug gibt), sondern verlangen von den Patienten sehr viel eigene Arbeit, sie müssen entsprechende Bücher lesen, eventuell auch Kurse besuchen und sich mit anderen Anwendern austauschen. Gewöhnlich erreichen sie dann eine Stufe der Kompetenz, auf der sie überzeugt sind, daß sie selbst die am besten qualifizierte Person sind, um sich mit der entsprechenden Methode selbst zu behandeln. Eben dies ist womöglich, was diese Patienten beziehungsweise Anwender unter „spirituell“ oder „ganzheitlich“ verstehen: daß der jeweilige Patient ein derart einzigartiger Fall ist, daß nur sie selbst sich ausreichend gut versteht und ausreichend Erfahrung mit sich selbst besitzt, um sich behandeln zu können. Selbstverständlich gibt es in der jeweiligen Methode Experten, und von diesen Experten können die Anwender sich Ratschläge holen, der Grad der Entmündigung aber ist mit mit dem in der orthodoxen Medizin in keiner Weise vergleichbar (kein Vertreter einer alternativen Methode könnte sich erlauben, was in Kliniken ohne weiteres geschehen kann: daß ein fremder Arzt das Zimmer betritt und Untersuchungen am Patienten vornimmt, ohne sich auch nur namentlich vorzustellen).
Um die orthodoxe Medizin steht es aber bedauerlicherweise noch schlimmer bestellt. Ihr verbleibender Trumpf, im Gegensatz zu den alternativen Heilverfahren evidenzbasiert zu sein, steht nämlich in vielerlei Hinsicht auf tönernen Füßen. Heilverfahren müssen nach ihrer Wirksamkeit bewertet werden, die Bewertungsmaßstäbe freilich unterliegen wechselnden Moden: mal wird die Überlebensrate unmittelbar nach dem Eingriff, mal die langfristige Überlebensrate, mal die Verbesserung des Wohlbefindens, mal eine gewichtete Kombination verschiedener Merkmale bewertet. Was aber tatsächlich als Erfolg relevant ist, kann ja nur der Patient entscheiden. Die Patientin muß wissen, welche Art des Behandlungserfolges sie selbst wie bewertet, und die Therapie entsprechend gewählt werden. Schlimmer noch: viele Studien sind in statistischer Hinsicht von fragwürdiger Qualität. Es werden keine korrekten Doppelblindversuche durchgeführt, die verwendeten Kollektive sind regelmäßig zu klein, es werden häufig grundsätzliche methodologische Fehler gemacht, in einzelnen nachgewiesenen Fällen sogar Daten gefälscht. Das System der Publikationen ist so eingerichtet, daß es zur Korruption mindestens einlädt: die veröffentlichten Zeitschriften finanzieren sich im wesentlichen durch die Anzeigen von Pharmakonzernen, die sich das Recht vorbehalten, zur Veröffentlichung bestimmte Artikel vorab zu lesen, mit der Möglichkeit, Druck auszuüben und Artikel zu zensieren. Durch die Bewertung wissenschaftlicher Leistungen in hohem Maß über die Zahl der Punblikationen entsteht ein Druck, um jeden Preis Studien zu publizieren. Fortbildungen, an denen teilzunehmen Mediziner verpflichtet sind, werden gleichfalls von Phramaunternehmen nicht nur finanziert, sondern oft genug auch organisiert. In der Folge ist von vielen modernen Behandlungsformen und Medikamenten entweder ganz und gar unklar, ob sie besser wirksam sind als ältere Behandlungsmethoden oder ob sie überhaupt (über den Placeboeffekt hinaus) wirksam sind, und von einigen Behandlungsformen und Medikamenten ist bei objektiver Betrachtung offensichtlich, daß sie schlechter wirksam sind beziehungsweise schwerere Nebenwirkungen haben als die Methoden, die sie verdrängen. Besonders skandalös sind die Zustände bei psychotherapeutischen Verfahren, die trotz seit Jahrzehnten nachgewiesener Wirkungslosigkeit munter weiter praktiziert werden, sie sind aber kaum weniger dubios bei den stärker physiologisch orientierten Verfahren.
Es ist kaum zu bestreiten, daß die orthodoxe Medizin beeindruckende Erfolge aufzuweisen hat. Ich selbst wäre womöglich ohne die Segnungen der modernen Medizin schon vor Jahren an einem gewöhnlichen Blinddarmdurchbruch gestorben. Trotzdem ist es betrüblich zu sehen, daß wir zwar über zwei verschiedene Richtungen medizinischen Heilens verfügen, aber beide weit weniger vollkommen sind, als sie ohne weiteres sein könnten. Insbesondere eben ist die eine nahezu überhaupt nicht, die andere nur höchst unvollkommen evidenzbasiert.
-Sollen wir uns nachher „Dinner for one“ anschauen?
-Ach, ich weiß nicht, ich glaube, den hab ich schon mal gesehen.
31.12.2001
Fortsetzung: Skizzen 2002
Vorgänger: Skizzen