Skizzenbuch 2002

Daß aus den Bankautomaten jetzt Euro statt DM kommt, ist eigentlich ziemlich langweilig, verglichen etwa mit Argentinien, wo gar nichts mehr aus den Automaten kommt. Das Bedauern über diese Tatsache („wo bleibt unser Schicksal? Uns ist so öde! Hoffentlich kommt bald ein Krieg“) überlasse ich dem Eigentlichkeitsklüngel.





An den Haltestellen wirbt eine Frau für den MediaMarkt, die drei Brüste und eine Rüge des Presserates besitzt. Für Nivea tritt eine Frau an, die nichts dergleichen aufzuweisen hat, bloß einen straffen Po.

Besonders lustig ist die Anzeige für MediaMarkt nicht, lustiger freilich als die Anzeige für Nivea. Es wäre vorstellbar, daß eine Tafel eine Frau mit drei Brüsten zeigt, die lustig wirkt, oder auch würdevoll, oder sympathisch. Die Frau dagegen, die sich für MediaMarkt räkelt, wirkt vor allem wie ein billiges Flittchen. Sie wirkt pornographisch, das heißt, jener unwahrscheinlichen Welt entstiegen, in der jede Frau nur das eine Ziel kennt, dir bedingungslos zu Willen zu sein. Vermutlich soll eben das die Lustigkeit der Werbung steigern: seht her, wir verwenden die Sprache der Pornographie und verfremden sie, wir spielen ein postmodernes Spiel. Dazu ist aber der Abstand zwischen Original und verfremdeter Fassung nicht groß genug, das Spiel nicht fremd genug: eine Frau mit drei Brüsten als Objekt pornographischer Belustigung ist ja schließlich nicht völlig undenkbar, wahrscheinlich gibt es eigene Webseiten für Dreibrustfetischisten, eine Frau mit drei Brüsten fehlt daher die Absurdität, die die verwendeten pornographischen Elemente ihres Ernstes berauben würde und das pornographische Zitat in Lustigkeit verwandeln würde. Deshalb ist die Anzeige nicht besonders lustig, obwohl sie es anscheinend sein soll, und obwohl Varianten des Themas denkbar wären, die in der Tat lustig wären. Ungünstig wirkt auch die Vermischung von Unterwäschewerbungsästhetik und Pornoästhetik, etwa der gut ausgeleuchteten Frau vor monochromem Hintergrund als typische Wäschewerbeästhetik, der tierhaft-lüsternen Frau auf allen Vieren als typische Pornoästhetik: eine strikte Entscheidung, entweder die Wäschewerbeästhetik oder die Pornoästheik zu parodieren und durch Übertreibung zu konterkarieren hätte womöglich zu einem lustigeren Ergebnis geführt (eventuell aber auch zu einem noch frauendiskriminierenderen).

Müssen nun unlustige Werbungen offiziell gerügt werden? Gerügt wurde freilich nicht, daß die Werbung nicht so lustig geworden ist, wie sie eigentlich sein sollte, sondern das Frauenfeindliche der Werbung. In dieser Hinsicht ist freilich die Niveawerbung kaum weniger zu beanstanden: auch in dieser Werbung wird die Frau auf ihre Körperlichkeit reduziert, die sie gefälligst mit entsprechenden Produkten zu pflegen hat. Es wäre ja denkbar und eigentlich viel schöner, wenn Nivea oder Hager&Mager und so weiter nicht mit dünnen Models mit straffem Po werben, sondern mit gewöhnlichen Menschen, die aussehen, wie gewöhnliche Menschen. Der MediaMarkt-Werbung kann zugute gehalten werden, daß sie die öfffentlichen Anforderungen an den weiblichen Körper ridikulisiert, bei der Nivea-Werbung geschieht nichts dergleichen, gänzlich humorlos, unironisch und ausweglos werden hier die Frauen mit einer Körpernorm terrorisiert: leidet, seid neurotisch, begebt euch auf die ewige Suche nach der heiligen Cellulitescreme, gebt Geld für moderne, teure Pflegeprodukte aus, denn nur mit einem straffen Po dürft ihr auf Plakatwänden sichtbar werden, habt ihr ein Recht, zu existieren.



2.1.2002





Ich spüre euch wieder unter den Fingern, treue Tasten, seit einigen Tagen nur noch die drittgeliebteste Berührung. Selige Stunden habe ich mit euch verbracht, aber noch seligere anderswo. Nur im Quasseln bin ich ganz ich selbst, wenn ich mich auflöse in Arbeit und Sorge, aber die schönste Sorge liegt in ihrem Stubenwagen und schläft.



15.1.2002





Buch der Sprüche: Polarisieren statt Spalten.





Anläßlich des Urteils zum rituellen Schächten möchte ich auf eine Verwechslung hinweisen: es gibt im Islam kein Gebot, rituell geschächtetes Fleisch zu essen. Allenfalls (aber selbst das ist umstritten und zweifelhaft) gibt es ein Verbot, Fleisch nicht geschächteter Tiere zu essen. Und selbst gäbe es ein solches Gebot, dürfte selbst auch eine liberale Gesellschaft nicht alle religiösen Regeln tolerieren.





Heute ist gar nichts interessantes passiert in der Welt. George Walker Bush ist ruhig auf seinem Stuhl sitzen geblieben.



17.1.2002





In schlauen Büchern steht, daß Wöchnerinnen einer Wochenbettdepression verfallen, und daß diese Depression bedingt sei durch die Hormonumstellung. Gierig fragen Bekannte, ob denn die Hormonumstellung samt damit verbundener Depression schon eingesetzt habe. Ist denn niemand auf die Idee verfallen, daß es anstrengend und erschöpfend und ermüdend sein könnte, zu wickeln, zu stillen, wenig zu schlafen, den Haushalt verwildern zu sehen und sich das Geschrei der Kleinen anzuhören, und daß all dies ganz ohne irgendwelche Hormone ausreichend sein könnte, manchmal ein wenig mißvergnügt auszuschauen?

Ein gutes Mittel gegen Depressionen ist übrigens, früh aufzustehen und wenig zu schlafen (es hilft wohl jedenfalls besser als Psychotherapie). Und eine wirksame Methode, wenig zu schlafen, ist, sich ein Kleinkind anzuschaffen.



18.1.2002





Zur Zeit befinde ich mich in einem Stadium fortschreitender Verblödung. So geht mir etwa die ganze Zeit das Lied „Mein Hut, der hat drei Ecken, drei Ecken hat mein Hut“ im Kopf herum, weil ich damit versucht habe, meine Tochter in den Schlaf zu wiegen. Und nicht nur die Melodie foltert mich, ich sehe mich auch gezwungen, mir allerlei Varianten des Textes auszudenken, so etwa nach der Art „Mein Arsch, der hat zwei Backen, zwei Backen hat mein Arsch“ und dergleichen.





Eigentlich wollte ich meine Bemerkungen über das Mitleid mit den Opfern des Nationalsozialismus noch weiter präzisieren. Wenn ich mir versuche vorzustellen, wie es wäre, selbst eines dieser Opfer zu sein, dann scheint mir, daß mir dann Mitleid eher peinlich oder lästig wäre. Das Mitleid dient eher dem Seelenheil von uns anderen. Aber die eben erwähnte Verblödung hindert mich, den Gedanken mit der gebotenen Klarheit auszuführen.





Bis bald, Tasten.



23.1.2002





Die gesetzliche Rentenversicherung ist ein großer und grober Unfug, ein Schwindel und Betrug: in schönen Worten ist die Rede von einem Generationenvertrag: erst zahle ich jemandem etwas, dann bekomme ich es wieder zurück. Zahlen muß ich aber an die jetzt Alten, und bekommen werde ich von den jetzt Jungen - nichts, weil es diese Jungen nicht in ausreichender Zahl gibt und sowieso das jetzige System zusammenbrechen wird. Ich halte mich an meinen Teil des Generationenvertrages, die andere Seite aber nicht, weil die andere Seite nicht identisch bleibt, sondern wechselt.

In Wahrheit ist es so, daß die Kinder (als künftige Rentenversicherungsbeitragszahler) sozialisiert werden, nicht aber die Kosten für die Aufzucht der Kinder. Ich ziehe ein Kind groß, auf meine Kosten, als mein Privatvergnügen (abgesehen von ein paar läppischen Vergünstigungen des Staates), den späteren Nutzen dieses Kindes aber werden alle haben, ob sie nun selbst Kinder haben oder nicht.

Ein sinnvolles, gerechtes und vernünftiges System wäre deshalb, die Renten überhaupt nicht auf unsere Kinder abzuwälzen (ob die Kinder als Beitragszahler nun sozialisiert werden, oder jedes Kind individuell nur seine eigenen Eltern unterstützt), sondern selbst Vorsorge für das Alter betreiben, also unser eigenes Geld für uns selbst anlegen. Es spricht nichts dagegen, das Langlebigkeitsrisiko zu sozialisieren, aber dazu gibt es bereits seit langem ein geeignetes Instrument, nämlich die private Rentenversicherung.

Es bleiben bloß zwei Probleme: Erstens die Ungerechtigkeit, daß meine Generation als die Generation des Systemwechsels sowohl in das alte Umlageverfahren zahlen muß, als auch in eine private Rentenversicherung, weil sie ja aus dem auslaufenden Umlageverfahren nichts mehr erhalten wird. Die Klage über diese Ungerechtigkeit ist wohl nicht sehr originell, eine Ungerechtigkeit ist sie aber doch, und besonders ärgerlich, wenn ich für beide Arten der Rente bezahlen muß und außerdem noch ein Kind großziehe, also dreifach meine Alterssicherung finanziere und nur einmal eine Alterssicherung erhalte. Zweitens ist eine private Rentenversicherung nicht krisenfest, ein Krieg, eine Wiedervereinigung oder sonst eine Umwälzung kann die angesparten Rückstellungen wertlos machen. Und es wäre wohl recht naiv, ohne weiteres davon auszugehen, daß wir künftig von Umwälzungen verschont bleiben werden. Bereits der demographische Wandel ist ja eine Umwälzung, der auch eine individuelle private Altersvorsorge bedroht. Denn stellen wir uns vor, eine relativ geburtenstarke Generation will für ihr Alter vorsorgen und investiert in Aktienfonds, oder in private Rentenversicherungen, die ihrerseits ihre Rückstellungen in Aktien anlegen (oder auch in Wohnraum oder Gold oder was auch immer, das Prinzip bleibt stets gleich). Im Alter nun will diese Generation ihre Rückstellungen auflösen. Nachgewachsen ist aber eine geburtenschwache Generation, es ist also gar niemand da, der all die Aktien (all den Wohnraum, all das Gold &c.) aufkaufen könnte. Mithin verlieren die Aktien dramatisch an Wert, die Rücklagen werden entwertet. Für bestimmte Dienstleistungen, wie Altenpflege, steigt gleichzeitig der Preis, oder der Bedarf kann nicht mehr gedeckt werden.

Und die demographische Umwälzung abwenden zu wollen ist kaum möglich, ohne dadurch andere Umwälzungen auszulösen. Wir werden um einen verstärkten Zuzug ausländischer Arbeitskräfte kaum herumkommen (schon jetzt kann unser Bedarf an Pflegekräften teilweise durch eingeborenes Personal nicht mehr gedeckt werden), es wird aber schwierig werden, den Zuzug so zu gestalten, daß wir demographische Umwälzungen vermeiden, indem wir so viele Ausländer einbürgen, wie uns Nachkommen fehlen.

Entweder werden in der Welt die großen Ungleichheiten in der Verteilung des Reichtums zwischen den einzelnen Ländern bestehen bleiben, und dann müssen wir mit wenig friedlichen Zeiten rechnen, oder aber die ganze Welt wird sich in eine einzige Bundesrepublik verwandeln, dann aber wird es kein Ausland mehr geben, aus dem wir Ausländer rekrutieren können. Und wenn wir von den Verwerfungen unserer sozialen Sicherungssysteme absehen, sind die Probleme einer wachsenden Bevölkerung ohnehin größer als die Probleme einer schrumpfenden Bevölkerung.





Noch zwei Nachbemerkungen zu den verschiedenen Arten der Medizin und den Zusammenhang zwischen Körper und Geist.

Es ist eine Sache, einen Zusammenhang zwischen Körper und Geist zu postulieren, und eine andere, mit großer Sicherheit zu verkünden, wie dieser Zusammenhang im Einzelnen aussieht. Gerade auch in der esoterischen Medizin gibt es eine starke Neigung, alle körperlichen Gebrechen zu psychologisieren in der Art, daß die Krankheit als ein Text aufgefaßt wird, dem mit den Mitteln der Hermeneutik zu Leibe gerückt werden müßte. Was will uns die Krankheit sagen, so fragt diese Medizin und läßt keinen Raum für die Möglichkeit, daß in dieser Welt vieles zufällig, sinnlos und bedeutungsleer ist. Wer an Krebs leidet, ist in dieser Deutung nicht etwa mit einem Mutagen in Kontakt gekommen oder hatte schlicht Pech, sondern der Krebs ist der somatische Ausdruck eines unaufgelösten seelischen Konflikts: letztlich ist der Kranke an seiner Krankheit schuld. Wer an einem Magengeschwür leidet, der hat zu viel Ärger und Streß in sich hineingefressen, so will uns diese Weltsicht weismachen. Nicht berücksichtigt wird die Möglichkeit, das Magengeschwür könne Folge einer bakteriellen Infektion sein, die sich einfach und umstandslos mit Antibiotika behandeln läßt. Die Gewißheit, mit der bestimmte somatische Leiden auf psychische Ursachen zurückgeführt werden, ohne daß es für diesen Zusammenhang plausible Belege gäbe außer der Intuition des Deutenden, ist im Grunde ein Rückfall in die Theologie vor Hiob. Hiob hat Aussatz? Dann hat er gesündigt. Du hast Krebs? Dann hast du dein spirituelles Gleichgewicht verloren. Laß dich ja nicht mit Chemotherapie behandeln, davon fallen dir bloß die Haare aus, ohne daß es dir dein spirituelles Gleichgewicht zurückbrächte. Lies lieber statt dessen dieses höchst preiswerte Büchlein seiner okkulten Heiligkeit, Guru Om, mit dessen Hilfe du den Krebs besiegen kannst (und ernähre dich in Zukunft makrobiotisch). Die humanistische Kategorie des Leidens wird verwandelt in die theologische Kategorie der Schuld. Sicher spricht nichts dagegen, bei somatischen Erkrankungen auch nach deren psychologischen Sinn zu fragen. Die Möglichkeit sollt aber offen gelassen werden, daß ein solcher Sinn nicht existiert, sonst werden die Kranken psychologistischem Terror ausgeliefert.

Die zweite Nachbemerkung: es könnte scheinen, als liege vieles im Gesundheitswesen auch deshalb im Argen, weil die in ihm Beschäftigten so wenig Zeit haben, auf die einzelnen Patienten individuell einzugehen. Ich halte das nicht für völlig verkehrt. Zu bedenken ist dabei aber, daß es einen natürlichen Druck für die Beteiligten gibt, sich so wenig wie möglich mit den Patienten zu beschäftigen. Denn je mehr sie sich mit den Patienten beschäftigen, desto weniger Zeit haben sie, komplizierte Abrechnungsformulare auszufüllen, Berichte zu schreiben, die Küche aufzuräumen oder mit den Kollegen ein Schwätzchen zu halten, alles Dinge, deren Notwendigkeit ich nicht bestreiten will. Je höher jemand in der Hierarchie steht, desto weniger Zeit wird er in der Regel mit den Patienten verbringen. Privatpatienten bezahlen deshalb dafür, vom Chefarzt persönlich behandelt zu werden, werden aber meistens trotzdem nur von einem seiner Vertreter behandelt. Der intensive Umgang mit Patienten bringt auch emotionale Kosten mit sich: wer sich stets voll und ganz auf seine Patienten einlassen wollte, der müßte um das Leiden und den Tod aller seiner Patienten so trauern, wie um das Leiden und den Tod naher Angehöriger, und das hält niemand aus.

Trotzdem meine ich, daß mangelnde Zeit und Aufmerksamkeit nicht notwendige Voraussetzungen für eine schlechte Behandlung sind. In der psychoanalytisch orientierten Psychotherapie ist es üblich, daß der einzelne Patient sehr viel Zeit mit seinem Arzt verbringt, und trotzdem ist die Behandlung mehr oder weniger nutzlos, das heißt, übersteigt nicht den Placebo-Effekt. In einem Gespräch zwischen Anna Freud und Ferenczi wollte Freud wissen, ob bestimmte Forderungen Ferenczis nicht darauf hinausliefen, daß ein Therapeut überhaupt nur einen einzigen Patienten behandeln könne. „Vielleicht sollte man nur einen einzigen Patienten haben“ war seine Antwort. Aber eine solche Person nennen wir üblicherweise nicht mehr Therapeut (sondern Ehegatte, beste Freundin oder derartiges).



24.1.2002





Stoiber will die Steuern senken, erhöhen, abschaffen, einführen, vorziehen, aufschieben und unverändert lassen. Oder so irgendwie.





Im direkten Vergleich zwischen Thomas Mann und Eugen Egner schneidet Eugen Egner eindeutig besser ab, er schreibt abwechslungsreicher, konzentrierter, phantasiegewaltiger, mit viel mehr Drive, Thomas Mann mit seinen ewigen Beschreibungen und seiner Zeilenschinderei kommt einfach nicht vom Fleck und ist recht ermüdend.



25.1.2002





Smaragdrot und Rubingrün.



26.1.2002





Langsam, langsam.



27.1.2002





Du mußt viel arbeiten und klagst wenig. Wenn du hungrig bist, mußt du lange und anstrengend das Essen herbeischreien. Wenn es dann kommt, mußt du das Essen mit Mühe und Arbeit herbeisaugen. Danach windest du dich in Blähungen. Werden die Blähungen unerträglich, schreist du. Manchmal genügt es, wenn du deinen kleinen Körper anspannst und steif wirst, manchmal hilft jammern, manchmal nützt es, zu saugen, hastig und panisch während einer Blähung, träge zur Beruhigung. Obwohl noch so jung, kannst du schon weinen, früher, als in den Büchern steht. Lachen kannst du wohl noch nicht, obwohl du manchmal den Mund so verziehst, als wolltest du lächeln, manchmal nur auf einer Seite, so, als wolltest du das Lächeln üben. Wenn du nicht schreist oder schläfst, schaust du ernst umher. Weder Zustimmung noch Ablehnung sind in deinem Blick zu erkennen. Ich liebe dich so sehr, du aber bist noch nicht ganz heimisch in dieser Welt.

Das leiseste Geräusch macht dich erschrecken, dabei weißt du genau, welches Geräusch du schon einmal gehört hast und was dir neu ist. Du erschrickst über das sanfte Knistern der statischen Entladung, wenn der Bildschirm in den Energiesparmodus übergeht, während die vertraute rauschende Klospülung dir gleichgültig ist. Manche Töpfe in unserer Küche kennst du, der Klang anderer ist dir noch neu.

Kein einziges Mal, seit wir zusammen sind, wüßte ich, daß du grundlos geschrien hättest. Gern würde ich dir helfen, dein Leid zu tragen, aber nicht immer kann ich dir helfen. Verdauen muß du allein, ich kann dich nur tragen und wiegen und dir etwas vorsingen oder dich an meinem Finger saugen lassen. Manchmal überlistet dich deine Neugier: du hörst auf zu schreien, weil ich die Strophe wechsle.

Ob du glücklich bist, wenn du süße Milch trinken darfst? (Mich jedenfalls macht es glücklich)

Am liebsten scheißt du auf den Wickeltisch. Auch das ist eine ernste Angelegenheit, jedenfalls für dich. Und es zeigt eine gewisse Klugheit, denn wer will schon mit einer verschissenen Windel herumgetragen werden?

Hunger, Zorn, Erschrecken, Neugier, Schmerz, Krampf und Milchrausch.

Liebe, Müdigkeit und Gereiztheit. Staunen über deine Schönheit.





Märchen:

„Ein kleines Geldhäuflein ging einmal zu einer Bank. Dort nahm sich ein freundlicher Finanzberater seiner an, gewann es lieb und hegte und pflegte es, bis es ein richtig fetter Geldbatzen wurde und Häuser und Jachten und schicke Sportautos und schnelle Frauen kaufen konnte.“

Die Realität sieht leider anders aus:

Ein kleines Geldhäuflein kommt zur Bank und wartet geduldig auf den Beginn der Sprechstunde. Schließlich wird es zu einem Geldberater vorgelassen, der aber meint nur mürrisch: „Was willst du Winzling denn hier? An dir mache ich mir doch nicht die Hände schmutzig. Du taugst ja allenfalls, in ein dunkles zinsloses Girokonto gesperrt zu werden.“ Da beginnt das Geldhäuflein bitterlich zu weinen, bis die böse Inflation kommt und es aufißt.





Wahlkampfprogramm der PDS: das Gesundheitswesen wird durch das schleichende Gift des „Individualismus“ bedroht, in der Altersvorsorge soll der Staat den Bürger, äh, ich meine, den „Erwerbsabhängigen“ vor den Risiken des Kapitalmarkts schützen (ich nehme an, in Zukunft schreibt der Staat vor, welcher Titel welche Rendite erwirtschaftet), und überhaupt gilt: „Gerechte Einkommen und Zugänge zu persönlichem Eigentum und Vermögen sind Voraussetzungen für soziale Gerechtigkeit. Unterschiede sind notwendig und gerecht, sobald sie nachvollziehbar gesellschaftlich gerechtfertigten Kriterien entsprechen.“ Mit anderen Worten: Alle sind gleich, aber verdiente Parteikader dürfen mehr verdienen als andere. Vielleicht sollte ich nicht zu viel im Programm der PDS lesen, sonst trete ich noch in die F.D.P. ein, und das wäre mir denn doch sehr unangenehm.





Er nahm einen tiefen Schluck aus der Moralpulle, dann fuhr er fort zu diskutieren.





„Ach“, klagte er, „wenn ich doch Geld bekäme jedesmal, wenn ich mir einen runterhole.“



31.1.2002





Angeblich gab es zuerst den Blumenkohl und dann die fraktale Geometrie. Aber ich habe den Verdacht, daß erst die fraktale Geometrie da war und dann das Romanesco-Gemüse gezüchtet wurde.

Noch eine Bemerkung zu Obst und Gemüse: Es scheint, als sei der Apfel ein Paradigma für Obst. In der Genesis ißt Eva eine Frucht: die Umgangssprache macht daraus einen Apfel. Aus dem Osten, vielleicht aus China kommt eine orangene Frucht: also ist das ein China-Apfel, eine Apfelsine. Aus dem Westen kommt eine Knolle, die sich gekocht verzehren läßt: also ist das ein Erdapfel, ein Pomme de Terre (obwohl es andererseits in meinem Dialekt Ebbirn, also Erdbirne, heißt).

Noch eine Bemerkung zu den Fraktalen: Gemäß der orthodoxen Definition von Mandelbrot ist ein Fraktal eine Menge, deren Hausdorff-Dimension ihre topologische Dimension übersteigt. Journalistische Verkürzung macht daraus Mengen, deren Hausdorff-Dimension nicht ganzzahlig ist, was Unfug ist: ein Fraktal kann ja ohne weiteres die topologische Dimension 1 und die Hausdorff-Dimension 2 haben. Wobei ein berühmtes Beispiel für diesen Sachverhalt gar keines ist: die Peano-Kurve nämlich hat zwar zugegebenermaßen die Hausdorff-Dimension 2, nur leiderleider eben auch die topologische Dimension 2, es handelt sich nämlich bei dieser Kurve um eine ganz ordinäre, keineswegs fraktale Fläche. Und noch eine frappantere Pointe gibt es hier zu vermelden: denn auch das allerberühmtste Fraktal überhaupt, die Mandelbrotmenge, ist überhaupt kein Fraktal, sondern eine bescheidene Fläche. Allenfalls der Rand ist eventuell fraktal, aber dazu müßte jemand sich die Mühe machen, die Hausdorff-Dimension des Randes zu bestimmen (vermutlich beträgt sie 2). Physiker und ähnliche Schwachköpfe haben sich angewöhnt, nicht-Fraktale mit fraktalem Rand als fette Fraktale zu bezeichnen. Sehr originell und geistreich.





Manchmal, wenn sie schreit, läßt sie sich von mir beruhigen. Manchmal aber auch nicht. Irgendwann hört sie dann von selbst wieder auf zu schreien. Schwer zu ertragen.



6.2.2002





Weitere Bemerkung zu Paradigmen:

Es scheint, als gäbe es hier zwei Worte, die sogar verschieden ausgesprochen werden. Da ist zum einen das Parádigma, ein exemplarisches Exemplar, ein vorbildliches Beispiel, ein modellhaftes Muster, so, wie der Apfel ein paradigmatischer Fall von Obst ist. Zum anderen gibt es da das Paradígma, das ist dann etwas größeres, umfassenderes, eine Art der Welterklärung. Ein Paradígmenwechsel, das ist etwa der Wechel vom rational-verstandesbetonten Zeitalter der Fische zum mystisch-intuitiven Zeitalter des Wassermann, oder zumindest der Wechsel von ptolomäischer zu kopernikanischer Astronomie, oder etwas ähnlich erschütterndes. Herr Kuhn, dem wir das Paradígma verdanken, hatte sich das wohl so gedacht, daß in jeder Theorie, also jedem Paradígma, ein beispielhafter Fall der Problemlösung, eben das Parádigma, steckt, und daß das Paradígma gewechselt werden muß, wenn das Problemlösungsparádigma gewechselt wird.





Wir sind auf hoher See, für einen Moment reiten wir auf dem Kamm der Woge, im nächsten stürzen wir in schwarze Abgründe.



7.2.2002





Trotz aller Neigung zu Vielfalt und Verschiedenheit möchte ich natürlich trotzdem, daß meine Tochter eine Schöne und Kluge wird und kein Freak.





„Das bißchen Arschfick ist doch kein Problem/ sagt mein Mann.“

Solche Lieder singe ich ihr natürlich nicht vor, deswegen muß ich sie ja hier euch erzählen.





Der überwiegende Teil der Grünen, also sagen wir 3,99 % aller Wähler, ist der Meinung, in ökologischer Hinsicht genügten symbolische Gesetze. Um ein Umsteuern zu bewirken, sind Gesetze notwendig, die schmerzhaft sind, die beispielsweise Benzin so schmerzhaft verteuern, daß Menschen ihr Verhalten ändern. Wer aber Energieverbrauch gerade so verteuert, daß es auch ja niemandem weh tut, wird gar nichts bewirken, außer von 96 % der Wähler nicht gewählt zu werden.

Die 96 % der Wähler von CDUCSUSPDFDPPDSNPDPBC&Naturgesetzpartei dagegen sind der Ansicht, der Staat solle dafür sorgen, daß Benzin billiger wird.

Bleiben noch ich und die restlichen 0,01 %.





Anweisungen, die das Gegenteil bewirken: „read this before you trash it“.





Der Grund, warum mir dauernd ordinäre Schlager wie „das bißchen Haushalt“ durch den Kopf gehen, ist wohl in der galoppierenden Verblödung zu sehen, von der ich seit einigen Wochen befallen sind. „Ich würd’ ein kleines Rädchen, ich tät’ es für mein Mädchen.“ Ach, halt die Klappe!





Die F.D.P. liegt in Umfragen bei 8 %, Westerwelle führt das auf das „Projekt 18“ zurück. Das zeigt, daß Westerwelle zu großen Gedanken nicht fähig ist. Hätte er ein „Projekt 72“ ausgerufen, könnte seine Partei heute schon bei 32 % stehen.





Es ist schwierig, Strampelanzüge zu bekommen, die nicht mit Motiven des Disney-Konzerns bedruckt sind, oder englischen Schriftzügen. Nicht, daß ich fremden Kulturen gegenüber grundsätzlich feindlich eingestellt wäre oder auch nur ohne Neugier, aber es kann doch nicht ein Beitrag zur Vielfalt sein, wenn wir alle Amerikaner werden. Auf einem Strampler, den wir von Verwandten geerbt haben, war die schöne Geschichte vom Wettlauf zwischen Hase und Igel abgebildet, nur, daß der Igel in Amerika halt eine Schildkröte ist, das alles illustriert in schreienden Farben und englischer Beschriftung. Sollen wirklich alle Kinder dieser Welt die Geschichte von Hase und Igel als Geschichte von Hase und Schildkröte kennen lernen, in schreienden Farben und mit Beschriftungen auf Englisch? Ist die Geschichte von Rama und Sita oder die Geschichte von Ardjuna und seinen Brüdern, die Geschichte vom Zorn des Achilles und der Irrfahrt des Odysseus, die Geschichte des Prinzen Genji und seiner Geliebten Murasaki wirklich nur dann hörenswert, wenn Walt Disney seinen gleichmacherischen Zuckerguß darüber ausgekippt hat? Und du, Süße, wirst du uns um eine Arielle-Puppe anbetteln und von der schönen und traurigen Geschichte von der Undine, die sich in einen dummen Ritter verliebt hat und ihn retten möchte und am Ende doch töten muß, mit einem Kuß, nichts wissen wollen, weil sie ja nicht von Walt Disney ist, sonder bloß von Fouqué?



9.2.2002





Dienstag, 11. September 2001: die vorzeitigen Wehen werden schlimmer statt besser. Als Frühgeborenes hätte das Kleine noch kaum Überlebens̈chancen. Wir beraten, ob es an der Zeit ist, die Klinik aufzusuchen. Um uns ein wenig abzulenken, schalten wir die Nachrichten ein.





In mancherlei Hinsicht stößt der technische Fortschritt an Grenzen in dem Sinn, daß eine weitere Verbesserung nicht möglich oder nicht sinnvoll ist. Die ersten Computer und ihre Bildschirme, denen ich begegnet bin, stellten eine Oberfläche mit zwei Farben zur Verfügung: Schwarz und Blau, oder Schwarz und Grau, oder Schwarz und Orange („Bernstein“) (die allerallerersten Computer hatten anscheinend überhaupt keine Bildschirme). Dann aber waren bald 16 Farben Standard, schließlich luxuriöse und komplizierte 256 Farben, nicht immer die gleichen 256 Farben, sondern immer gerade die Farben, die am dringendsten benötigt wurden, Palettenfarben. Und heute sind 2563 Farben Standard. Mit 24 Bit lassen sich zumindest bei den dunklen Farbtönen so feine Farbnuancen codieren, daß sich die einzelnen Nuancen mit bloßem Auge nicht unterscheiden lassen. Und selbst bei den hellen Tönen sind die Nuancen kaum zu unterscheiden, jedenfalls nicht am Bildschirm, aber auch nur mit Mühe auf Ausdrucken. Und deshalb heißt dieses Farbschema mehr oder weniger zu Recht „Truecolor“. Eine weitere Steigerung der Informationstiefe scheint kaum sinnvoll oder zweckmäßig: jedes weitere Bit wäre verschwendet. Bei den Druckauflösungen wiederum erscheint es kaum sinnvoll, feiner als etwa 1200 dpi drucken zu wollen, da feinere Details ja ohnehin mit bloßem Auge nicht mehr sichtbar sind. Eine solche Auflösung wird aber inzwischen mit gewöhnlichen Haushaltsdruckern durchaus erreicht. Die Bildschirmauflösungen sind davon noch einigermaßen entfernt, aber auch hier ist ein Endpunkt der Entwicklung abzusehen: von monochromen Bildschirmen mit einer Auflösung von 320 x 240 Punkten zu 16 Farben und 640 x 480 Punkten zu 256 Farben und 800 x 600 Punkten zu 24-Bit-Farben und bis zu 1600 x 1200 Punkten. Zugegebenermaßen konvergiert die Reihe der Bildschirmauflösungen langsamer gegen ihren Endpunkt (6400 x 4800? 16384 x 12288?) als die Reihe der Farbauflösungen. Wenn wir aber die bisherige Entwicklung extrapolieren, dürfen wir damit rechnen, diesen Endpunkt in zwanzig Jahren zu erleben. Damit ergeben sich dann aber einige weitere Limitierungen. Nehmen wir ein Graphikprogramm. Ein solches Programm kann die erstaunlichsten Fähigkeiten haben, es wird aber vor allem immer wieder bestimmte Standardaufgaben durchführen müssen, beispielsweise etwa, die Helligkeitswerte aus einem Bild und die Farbwerte aus einem anderen Bild zu einem neuen Bild zu vereinigen (eine Aufgabe, die sich mit nahezu allen Graphikpogrammen außer vielleicht Microsoft Paint erledigen läßt). Die Erledigung dieser Aufgabe sollte natürlich möglichst wenig Zeit in Anspruch nehmen. Aber auch für den Zeitbedarf gibt es eine untere Grenze, jenseits der weitere Verbesserungen zwecklos werden. Wenn ich einen Knopf drücke, um die Aufgabe zu starten, vergeht einige Zeit, ehe ich überhaupt imstande bin, das Ergebnis wahrzunehmen und zu würdigen und zu begreifen, daß die Aufgabe erledigt ist und ich den nächsten Schritt überlegen kann, meine Reaktionszeit. Ob das Programm nun doppelt so schnell oder viermal so schnell ist wie meine Reaktionszeit oder hundert mal so schnell, stellt für mich keinen Unterschied dar, für mich ist das Ergebnis jedesmal sofort da. Damit ist das Ziel klar: eine bestimmte Standardfunktion soll auf 2 mal zehntausend mal zehntausend Bildpunkten mit einer Tiefe von 32 Bit (wir genehmigen uns einen zusätzlichen Alphakanal) innerhalb einer hundertstel Sekunde berechnet werden. Sobald dies technisch realisiert ist, ist eine weitere Verbesserung zumindest dieses Problems nicht mehr möglich. Versteht sich, daß wir uns neue Aufgaben suchen können (etwa einen intelligenten Algorithmus zum Auffinden von Kanten, ein brauchbares Übersetzungsprogramm etc.), aber die Standardprobleme sind dann mehr oder weniger gelöst und nicht weiter zu verbessern.





Weiteres blödes Lied: „die PAUKE HATS leicht denn sie spielt nur zwei TÖNE.“ Das stimmt ja alles vorne und hinten nicht. Die Pauke selbst spielt sowieso nichts, es wird nur auf ihr gespielt. Und dann ist ein Instrument, das nur zwei Töne erlaubt, doch eher etwas Tragisches als ein Anlaß zu jubelnder Faulheit, richtiger wäre also, zu sagen, die Pauke hats schwer, denn sie kann nur zwei Töne. Aber das stimmt ja alles auch überhaupt nicht, denn selbstverständlich lassen sich einer Pauke mehr als nur zwei Töne entlocken. Genauso, wie eine Trompete zwar nur drei Knöpfchen hat, aber sich trotzdem mehr als acht Töne entlocken läßt.

Wie nun, wenn ein aufgewecktes Kind im Musikunterricht solche Einwände vorbringen wollte? Da wäre das Kind aber ganz an die Falschen geraten. Wissen nämlich Lehrer grundsätzlich und habituell nicht nur alles, sondern auch alles besser, so Musiklehrer und Musiklehrerinnen erst recht. Musik nämlich scheint, im Gegensatz zur bildenden Kunst oder zur Literatur, einen Hang zur Unduldsamkeit und zur Intoleranz zu fördern. Hinzu kommt, daß ein Musiklehrer in der Regel ein Musiker ist, der „zur Sicherheit“ auch noch Lehramt studiert hat. Und nun ist er hier, verbeamtet, unkündbar, gesichert und verbittert. So schreitet der Musiklehrer die Reihen entlang und frägt: „Was ist das Wichtigste beim Singen?“, eine mehr oder weniger schwachsinnige Frage. Welche Tonart im Quintenzirkel auf C-Dur in Richtung Hash folgt, läßt sich ja zur Not noch beantworten (nämlich 3 + 7 % 12; die Hälfte des Musikunterrichts besteht aus Staunen über die höchst banale Tatsache, daß 7 und 12 teilerfremd sind), aber eine Frage danach, was das Wichtigste beim Singen ist, läßt sich allenfalls mit einer Meinung beantworten. Eine Meinung verkündet der Musiklehrer nur zu gerne, seine Theorien über Gott und die Welt, über das Musizieren und das Singen und das Komponieren, nur leiderleider hat er als Publikum nur die verstockten Esel der Schülerschaft, dumm und unbegabt. Er selbst hat es ja nicht besser verdient, er ist ja gescheitert, er hat zwar selbst zu komponieren versucht, aber es fehlt am Genie. Beethoven, ja, der hatte es, aber ohne Genie nützt eben aller Fleiß nichts. Doch zumindest gehört der Musiklehrer in die zweitheiligste Sphäre derjenigen, die zwar nicht das Genie eines Beethoven oder zur Not Mozart besitzen, es aber zumindest erkennen und würdigen können, während die Schüler sich einen Dreck um das Genie Beethoven scheren. Beethoven hat ein Stück namens „Für Elise“ komponiert und in einer seiner Symphonien ein Schiller-Gedicht vertont, von Genie wird da, bei Licht besehen, kaum die Rede sein können (bei Shostakowitsch ist es wenigstens Rilke, darüber läßt sich ja noch streiten, aber worüber sollten wir bei Schiller streiten?). Das aufgeweckte Kind hört lieber Talking Heads, diese Wahl berührt uns nicht unsympathisch, immerhin, die Talking Heads, das ist ein Ausgangspunkt, von dort aus ist es möglich, sich weiter zu entwickeln. Ja, zur Not ist es sogar möglich, sich von Marylin Manson aus weiter zu entwickeln (wer Marylin Manson hört, hört vielleicht auch einmal Trent Reznor, wer Trent Reznor hört, hört vielleicht auch einmal Adrian Belew, wer Adrian Belew hört, hört vielleicht auch einmal King Crimson, wer King Crimson hört, hört vielleicht auch einmal Soft Machine, und wer Soft Machine hört, ist ja bereits gerettet, erlöst). Beethoven dagegen ist eine Sackgasse, ein totes Ende, eine hoffnungslose Ausweglosigkeit, ein allesverschlingender Abgrund, der Gipfel- und Tiefpunkt abendländischen GenieElisenDesasters.

Was sollen wir dem aufgeweckten Kind da raten? Schweigen und seinen Ärger herunterschlucken? Sich selbst für blöd halten? Auf die Waldorfschule gehen und Sagen über Atlantis und die arische Herrenrasse auswendig lernen, um vor der Misere der Regelschulen zu fliehen? Ach, Monteverdi, mögen deine süßen Töne niemals im Schulunterricht behandelt werden. Ach, Janáček, mögest du vor der Schule bewahrt bleiben. Ach, Selene, wie kann ich dich nur vor all diesen Schuldeppen beschützen?



12.2.2002





Vergleichen wir beispielsweise einmal den „Zauberberg“ und die „Erinnerungen eines Elektrogitarristen“. In beiden Texten haben wir es jeweils mit einem jungen, naiven und ein wenig lebensuntüchtigen Mann zu tun, der sich, verliebt in eine etwas chimärische Gestalt, in eine magische Welt außerhalb der gewöhnlichen Zeit begibt, im einen Fall durch Krankheit, im anderen Fall durch ein starkes elektromagnetisches Feld. Die Gestalt der Clawdia Chauchat bleibt dabei jedoch stets ein wenig unklar, ungreifbar, sie wird uns nicht recht vertraut, ihre Motive und Gefühle bleiben uns undurchsichtig, während Nadja Goldfuts Kümmernisse ohne weiteres auf der Ebene des durchschnittlich-nachvollziehbaren liegen. Zugegeben, den supergescheiten Streitgesprächen zwischen Settembrini und Naphta kann Egner nichts vergleichbares entgegenstellen, dafür ist sein Baron Siebenender eindeutig dämonischer als Hofrat Behrens. Wir geben zu, im „Zauberberg“ gibt es einige geistreiche Bemerkungen, wie wir sie in den „Erinnerungen“ vermissen, etwa: „...denn ein Weg, den wir zum ersten Male gehen, ist bedeutend länger als derselbe, wenn wir ihn schon kennen...“ oder „...auf eine Weise, die nicht vorauszusehen war, und die erraten zu wollen man besser unterließ, da die Erfahrung lehrte, daß selbst der bescheidenste Vorgang anders verlief, als man vorwegnehmend ihn sich auszumalen versucht hatte“, aber dafür müssen wir uns endlose Landschaftsbeschreibungen und dergleichen mehr anhören (die einzige Landschaftsbeschreibung Egners sind einige Mammute am Abendhimmel). Von dem Moment an, wo dem Elektrogitarristen sämtliche sechs Saiten gleichzeitig reißen, trennen uns noch eine halbe Seite vom Schluß der Erzählung; nach dem Tod Peeperkorns müssen wir dagegen noch über hundert weitere Seiten ertragen, Thomas Mann muß uns noch erklären, wie er Debussy findet, und Naphta schießt sich ganz unnötigerweise eine Kugel in den Kopf, was irgendwie stellvertretend für die gesamteuropäische Genervtheit stehen soll, oder so irgendwie. Das eigentliche Problem erweist sich hierbei, daß Mann eine Erzählung über die Zeit an sich und als solche schreiben will, und deshalb sieben Jahre beschreibt, in denen nichts los ist, außer daß eben Zeit verstreicht. Egner dagegen schreibt über die Diskontinuierlichkeit der Zeit, dementsprechend viel ist in seiner erfreulich dichten Erzählung los, ja, der Held wird an verschiedenen Orten gleichzeitig gesehen. Bei Hans Castorp hoffen und erwarten wir, daß der Held eine Entwicklung durchmacht, daß die Erlebnisse des Zauberbergs oder wenigstens die ständigen hochgelehrten Diskussionen ihn allmählich ein bißchen schlauer machen. Gelegentlich deutet Mann derartiges an, in gewisser Hinsicht lernt Castorp seinen Lehrer Settembrini psychologisch zu durchschauen, aber spätestens das Ende macht unmißverständlich klar, daß Mann Castorp noch immer für einen Blödmann hält. Schade, einen Depp zu schildern, ist leicht, ebenso ist es leicht, einen Depp zu schildern, der schlagartig klug wird. Ein wahres Kunststück wäre es, einen Deppen zu zeigen, der im Lauf von tausend Seiten allmählich immer klüger wird, aber dieses Kunststück bleibt uns versagt. Der Elektrogitarrist überwindet mehr oder weniger aus eigener Kraft seine Verfallenheit an die Welt Nadjas, allerdings auch nur durch eine Katastrophe, und schlußendlich verläuft seine Persönlichkeitsentwicklung eindeutig in Richtung zunehmender Porösität. Letztlich ist ja die Story von Clawdia oder von Settembrini und Naphta gar nicht einmal so uninteressant, aber statt daß wir diese Geschichte süffig in einem Zug weglesen dürften, werden wir dauernd mit zeilenschinderischem Mist gequält, weil Mann uns eben vorführen will, wie wenig los ist mit Castorp und Umgebung, und deswegen halt auch die Landschaftsbeschreibungen, die zehntausend öden Nebenfiguren und die onkelhaften Einmischungen des Erzählers („Aber wir lassen uns durch unser Wissen nicht hin- und nicht aus unserer Bedächtigkeit reißen, sondern geben der Zeit die Ehre, die ihr gebührt, und überstürzen nichts, - vielleicht sogar zögern wir die Ereignisse hin“), während Egner, als ungleich modernerer Autor, sich ganz aus der Erzählung herausnimmt und uns das Geschehen rein aus der Perspektive des Elektrogitarristen erleben läßt, wobei auf den nicht einmal zwei Dutzend Seiten der „Erinnerungen“ wesentlich mehr an Handlung geschieht, als im ganzen „Zauberberg“, wir bekommen also wesentlich mehr für unser Geld.

„Hier liegt vor allem viel Asien in der Luft, - nicht umsonst wimmelt es von Typen aus der moskowitischen Mongolei!“

„Für das Reißen der Saiten machte ich die toten Russen verantwortlich. Sie wiederum warfen mir mangelnde Übungsdisziplin und fehlende Selbstkritik vor, also brach ich den Fernkurs ab. Darauf erfolgte der Zusammenbruch des Tonbandgerätes (die Rache der Russen).“



17.2.2002





Keinen guten Ruf haben Krähen. Allenfalls den Raben wird, weil sie Stimmen imitieren können und gelegentlich recht alt werden, eine gewisse finstere Klugheit zugebilligt. Dabei sind auch Krähen mit ihrem seidenen Gefieder schöne Vögel mit ausdrucksstarken, charaktervollen Stimmen. Der stolze Adler erlegt seine Opfer lebend und ist deshalb ein königliches Tier, wer Aas frißt, verdient Verachtung (aber was fressen eigentlich die Menschen, die sich ihr Fleisch beim Metzger kaufen?).





Als völkerverständigende Universalsprache weist das Englische gegenüber dem Lateinischen einige Nachteile auf. Die Aussprache des Lateinischen ist, da ohnehin niemand recht weiß, wie die alten Römer gesprochen haben mögen, weitgehend beliebig und läßt sich klar und einfach regeln. Jedem Wort läßt sich ablesen, wie es auszusprechen ist. Wer dagegen Englisch lernt, muß alle Vokabeln doppelt lernen: einerseits die Orthographie, andererseits die Aussprache, die völlig willkürlich miteinander verbunden sind. Ob jemand Latein mit einem deutschen oder einem portugiesischen Akzent ausspricht, ist recht gleichgültig; das Englische zwingt alle zu einem Nuscheln, das aber nur Muttersprachlern überzeugend gelingt. Gerüchteweise gilt die Grammatik des Englischen als einfach; die Grammatik des Lateinischen ist logisch, die des Englischen nicht, in Wahrheit ist sie wirr und kompliziert. Als tote Sprache besitzen die Vokabeln des Lateinischen eine fixierte Bedeutung, die Bedeutung der englischen Worte ist, wie bei jeder lebendigen Sprache, in einem ständigen Fluß. Dementsprechend ist es unmöglich zu entscheiden, was denn eigentlich korrektes Englisch ist: das Englisch, das in Oxford gesprochen wird, das Englisch, das die Texaner sprechen, oder Pidgin-Englisch. Das klassische Latein dagegen bietet einen verbindlichen und statischen Referenzpunkt. Latein ist zugegebenermaßen keine weltanschaulich und ethnisch neutrale Sprache, es handelt sich um eine europäische Sprache, sie ist aber zweifellos neutraler als das Englische.

Schuld an allem ist natürlich Dante.



18.2.2002





Kannst du mir sagen, warum kleine Kinder zuerst ihren Vater anlächeln, und erst danach ihre Mutter? Ist das, weil der Vater seltener zu Hause ist, ein ungewohnter Anblick? Wird die Mutter gar nicht als Mensch wahrgenommen, sondern als ein Teil der Möblierung? Ist das ein genetischer Trick, damit der Vater nicht wegrennt und sich eine jüngere Frau sucht?

Und wenn wir schon einmal dabei sind, Süße - warum eigentlich ist es dir nicht möglich, abends zu lächeln und deinen Charme spielen zu lassen und zwischendurch einzuschlafen und nachts Ruhe zu geben? Warum immer nur entweder das eine oder das andere?

Und warum bist du so ein zappelndes Nervenbündel? Ich hoffe doch, du erbst nicht meine Verrücktheiten, Zweifel und Ängste. Viele sagen (und sie sagen es völlig zu Recht), daß du sehr schön bist, und sie sagen außerdem auch, daß du eher mir ähnlich siehst. Soll ich das jetzt schmeichelhaft oder beunruhigend finden, oder bekommen das einfach alle Eltern erzählt?





Der Homo oeconomicus der Theorien und der Anarchist haben eine gewisse Ähnlichkeit, wie aus den Schriften der frühen Liberalen unschwer zu entnehmen ist. Pessoa hat daraus eine entsetzlich umständliche Geschichte gemacht, die seltsamerweise um so weniger überzeugend wird, je weiter sie fortschreitet. Statt eine mehr oder weniger verblüffende Erkenntnis zu artikulieren bemüht Pessoa sich nach Kräften, das Paradoxe seiner These zu steigern, und am Ende seiner Geschichte sind unsere Zweifel, ob ein Bankier ein Anarchist sein kann, eher gewachsen als geschwunden. Ich bezweifle, daß ich an seiner Stelle diesem Einfall mehr als vier Sätze gewidmet hätte.





Aus Gründen, auf die ich weiter unten andeutungsweise eingehe, hat es mich in meiner seit kurzem extrem spärlich bemessenen Freizeit auf die Homepage der Firma Triumph verschlagen. Dabei durfte ich erneut feststellen, daß ich Macromedia, Shockwave, Flash und wie der ganze Dreck heißt, hasse aus tiefster Seele. Außerdem fand ich ein Link „Ihre wahre Größe“. Nun wollte ich schon immer meine wahre Größe wissen. In „das lahme Schicksal“ der Brüder Strugatzki gibt es ein Institut, das zu einem gegebenen Manuskript die Zahl seiner zukünftigen Leser feststellen kann, geleitet wird es sinnigerweise von Bulgakow, und der Held, der aus Schusseligkeit oder Betrunkenheit versäumt hat, sich eine Unsterblichkeitspille zu besorgen oder seine verstorbene Liebe wieder zum Leben zu erwecken, Möglichkeiten, die zwischen den Zeilen auftauchen, die der Held wahrzunehmen aber nicht imstande ist (so wenig wie eine naive Leserin), zweifelt nun, ob er sein geheimes und verborgenes, nicht parteilinienkonformes Manuskript vom Institut prüfen lassen soll, wie Schwager Kronos mit ihm verfahren wird, ob es spurlos verschwinden wird oder seine geheime Hoffnung erfüllt oder ob es zwar veröffentlicht werden wird, aber Mittelmaß bleibt. Nun bietet mir also Triumph an, meine wahre Größe festzustellen. Was würde dabei wohl herauskommen? „Malt unbeholfener als Leonardo da Vinci, aber schreibt lustigere Essays als Schiller“? Leider stellt sich dann heraus, daß es lediglich um Hös̈chen- und BH-Größe geht. Voreingestellt sind die Werte, die Triumph anscheinend für Idealmaße hält: 90-60-90, mit einer Unterbrustweite von 72, id est eine BH-Größe von 70 D. Etwas einleuchtender und gefälliger wäre eine Unterbrustweite, die ebenfalls ein ganzzahliges Vielfaches von 10 cm ist, also 70, aber das wäre dann schon 70 E, und das schien wohl auch Triumph ein wenig viel. Zugegebenermaßen wirbt Triumph derzeit für ein Modell, das bis Größe E erhältlich ist. Die Wahrheit ist aber doch, daß bei Triumph ebenso wie bei den meisten anderen Marken die meisten Modelle bei C enden. Die selben Maße, die terroristisch als Traummaße angepriesen werden, sind, als Konfektionsgröße, Alptraummaße, nicht vorgesehen, nicht der Norm entsprechend und nicht erhältlich. Praktischer wäre es zweifellos, wenn alle Menschen den gleichen Körper hätten. Die Industrie bräuchte dann nämlich nur eine einzige Größe bereit zu halten, nennen wir sie „Mao“, und alle könnten Mao tragen. Genauso, wie es für die Lebensmittelindustrie bequemer wäre, wenn es keine Allergiker gäbe. Weshalb sie ja auch so tut, als gäbe es keine Allergiker. Für mich bitte in Größe Mao. Die Fernsehserienschauspielerin mit den Traummaßen Mao. Als Vorspeise wähle ich Mao. Könnten Sie mir auf mein Mao vielleicht noch ein wenig Mao tun?

Vor einiger Zeit habe ich an dieser Stelle ein neues Modell des Kleiderkaufens erträumt: daß jedes Kleidungsstück individuell gefertigt wird. Anspruchslose Benutzerinnen und Benutzer erwerben eine komplette Datei mit für verschiedene Größen anpaßbarem Schnittmuster, Stoffmuster und Materialdefinitionen und fügen dieser Datei dann nur ihre Maße hinzu, um ein maßgeschneidertes, perfekt passendes Teil zu erhalten. Anspruchsvollere Benutzer kombinieren vorgefertigte Schnittmuster und fertige Stoffmuster, oder sie entwerfen sich Stoffmuster selbst. Noch anspruchsvollere Benutzer erstellen ihre Schnittmuster selbst, indem sie einzelne Module kombinieren oder kommerzielle Schnittmuster modifizieren. Professionelle Benutzer schließlich entwerfen Schnittmusterdateien von Grund auf neu und erstellen neue Materialdefinitionen. Ich hoffe, dieser Traum wird bald Wirklichkeit. Ich bin zuversichtlich, ihn noch verwirklicht zu sehen. Vielleicht ist er schon Wirklichkeit, wenn mein Kind erwachsen wird.

Auf die erwähnte Seite geraten bin ich in einem ganz anderen Zusammenhang. In einer naiven Auffassung von Kunst hat Kunst versucht, die Wirklichkeit darzustellen, und dieser Versuch wurde abgebrochen, nachdem die Photographie dieses Ziel schneller erreicht hat, und seither malen die Künstler schwarze Quadrate auf weißem Grund und solches Zeugs. Die Auffassung ist naiv, weil auch die Photographie die Wirklichkeit nicht darstellen kann, wie sie ist. Wer eine ausführliche Begründung wünscht, mag sie in Gombrichs „Art and Illusion“ nachlesen, wir können uns aber auch davon überzeugen, indem wir uns überlegen, daß, wäre die Photographie eine Abbildung der Wirklichkeit, wie sie ist, keine Lomographie-Bewegung entstanden wäre, die versucht, die Verlogenheit und die Verzerrungen und das „Artifizielle“ gewöhnlicher Photogaphie zu überwinden. Erreicht werden soll diese Überwindung, indem Szenen nicht arrangiert werden, sondern Schnappschüsse des bunten Lebens gemacht werden, indem der Photograph sich den Bildausschnitt nicht selbst sucht, sondern aus der Hüfte heraus photographiert, indem nicht aus mehreren Fassungen eine Fassung ausgewählt wird, sondern viele Schnappschüsse gleichberechtigt nebeneinander gestellt werden, und dergleichen. Das Ziel ist natürlich illusorisch: auch so läßt das Leben sich nicht einfangen. Das Leben verändert sich, sobald ein Lomograph auftaucht, und außerdem: was hat die Gesamtheit der Wirklichkeit eines schönen Mädchens, das sich graziös bewegt und entzückend sein Gesicht von Ernst zu Lächeln ändern kann, mit einem unscharfen, verwackelten, unterbelichteten Bild zu tun, das aus einem Bewegungsablauf ein besonders unvorteilhaftes Detail, das entzückend nur in der Gesamtheit der Bewegung ist, herausgreift? Genausowenig läßt sich das Leben, wie es wirklich ist, in Dogma-Filmen einfangen, es bleibt doch alles immer Kunst und künstlich.

Besonders leicht läßt das Künstliche einer Photographie an Bildern ohne künstlerischen Zweck verdeutlichen, etwa an Werbebildern der Bekleidungsindustrie, etwa, und hier kommt allmählich auch wieder der Anfang dieser Skizze in Sicht, bei Unterwäschewerbebilder. Da der primäre Zweck dieser Bilder keineswegs der ist, weibliche Halbakte abzubilden, sondern Produkte vorzuführen, wird der Bildausschnitt gewöhnlich so gewählt, daß die Unterwäsche möglichst groß zu sehen ist, das heißt, die Beine werden in aller Regel oberhalb der Knie abgeschnitten. Nicht abgeschnitten werden dagegen in aller Regel die Köpfe (es sei denn, es handelt sich um ein ganz kleines Bild in einem ganz großen Katalog), im Gegensatz zu manchen softpronographischen „künstlerisch wertvollen“ Aktphotographien, bei denen das künstlerisch wertvolle in der Regel eben darin besteht, daß der Kopf fehlt. Auf meinen eigenen Bildern dagegen sind gewöhnlich vom Kopf bis zu den Füßen alle Körperteile zu sehen, soweit sie sich nicht gegenseitig verdecken. In der Regel freilich bevorzuge ich Posen, die möglichst überdeckungsarm sind (das ägyptische Erbe in mir, würde Gombrich vielleicht sagen; denn die Ägypter haben ihre Portrait bekanntlich so verdreht, daß möglichst viel von der dargestellten Person zu sehen war, der Körper en face, der Kopf im Profil), also bevorzugt eine stehende Frau, von vorne gesehen, mit leicht ausgebreiteten Armen. Ein sehr viel augenfälligerer Aspekt der Unterwäschewerbebilder als der Bildausschnitt ist darüber hinaus ihr pseudosoziales Umfeld. Auf vielen dieser Bilder sehen wir eine Gruppe junger Frauen oder eine Gruppe junger Männer (aber sehr selten gemischte Gruppen), die nichts als Unterwäsche anhaben, sich dabei aber so benehmen, als seien sie voll bekleidet, also etwa herumalbern, Tee trinken, sich gegenseitig gestenreich auf Schönheiten der Landschaften aufmerksam machen oder dergleichen mehr. Es ist recht eindeutig, daß im wirklichen Leben solche Szenen nicht vorkommen. Es ist aber alles andere als offensichtlich. Denn wir sind an diese Bilder schon so gewöhnt, daß diese Bilder uns nicht überraschen oder verblüffen. Wir wären vielleicht überrascht, diesen Damen oder Herren leibhaftig zu begegnen, wie sie in Gruppen in Unterwäsche herumlümmeln und keine Anstalten machen, sich endlich anzuziehen, in einer Werbebeilage oder einem Katalog aber erwarten wir Bilder aus einem Paralleluniversum, in dem dergleichen alltäglich ist.

Es ließe sich ein ziemlich phantastischer Film drehen, der in der Welt der Werbung spielt. In dieser Welt versuchen Frauen sich gegenseitig zu überzeugen, welches Waschmittel das beste ist und welches Mittel wirklich gegen Blasenschwäche hilft. Männer unternehmen lange, sinnlose Autofahrten durch unbewohnte Gegenden. Eine Frau fällt einem Mann zu Füßen, weil er ein Fertiggericht gekocht hat.



21.2.2001





Na, Kleine, du hast ziemliches Glück, daß du ein Mädchen geworden bist. Wärst du ein Junge geworden, dann hätten wir dich Trismegistos genannt, damit der Geist des Vaters von Tristram Shandy endlich Frieden finden kann. Auch sonst ist deine Wahl nicht zu beanstanden: Frauen können unter einem größer Angebot an Kleidern wählen, haben eine höhere Lebenserwartung und empfinden, laut Teiresias, einen Orgasmus zwölf mal so stark wie Männer. Nur Papst kannst du nicht werden, aber das hätte ich dir ohnehin verboten.



22.2.2002





-Torsten Weiberstecher, sie sind einer der bekanntesten deutschen Nachwuchsschauspielerdarsteller, wie hat sie der plötzliche Ruhm verändert?

-Nun, ich bin immer noch bescheiden geblieben...



25.2.2002





Einfachste Verrichtungen werden zu kaum zu bewältigenden Herausforderungen. Nehmen wir etwa das Brotbacken: an sich, dank moderner Technik, ein simpler Vorgang: ein Kilo Weizen, ein Pfund Hafer und zwei Eßlöffel Salz in die Getreidemühle schütten, malen, zwei Würfel Hefe in einer Tasse heißen Wassers auflösen, einen Vorteig anrühren, eine Viertelstunde zugedeckt auf die Heizung stellen, Uhr und Ehering ausziehen, Ärmel hinterkrempeln („Es muß ein Ruck durch Deutschland gehen“), Teig mit einem dreiviertel Liter warmen Wassers gut durchkneten, noch einmal eine halbe Stunde gehen lassen, die beiden Brotformen einfetten, Teig nochmal kurz durchkneten, in die Form füllen, den Backofen auf 200º vorheizen, Teig in der Form nochmals gehen lassen, in den Ofen schieben, Küchenuhr auf eine Stunde stellen, aus der Form stürzen, abkühlen lassen, aufschneiden, dick mit Butter und mittelaltem Gouda belegen (wer es besonders ungesund liebt, kann das Käsebrot auch noch Salzen oder mit Pesto beschmieren), ah, herrlich. Etwas Simpleres läßt sich wohl kaum denken. Aber nun?

Abends oder nachts kann ich kein Getreide mahlen, die Nachbarn würden ja aus den Betten fallen. Tagsüber ist aber auch nicht eben einfach. Erschwerend kommt hinzu, daß ich die ganze Zeit während des Mahlens neben der Mehlschüssel stehen und sie ab und zu drehen muß, weil sonst das Mehl einen Berg bildet und aus der Schüssel flieht. Außerdem verhakt sich manchmal das Getreide und will nicht mehr in die Mühle rieseln. Gut, nehmen wir an, das Getreide sei gemahlen. Nehmen wir weiter an, der Vorteig stehe auf der Heizung. Inzwischen schreist du und willst Milch. Außerdem mußt du gewickelt werden. Eine Stunde später, der Vorteig hat gigantische Ausmaße angenommen, bist du fertig versorgt, willst aber noch betütelt werden. Nun gut, endlich liegst du wieder friedlich im Bett, Windelhände waschen, Uhr und Ehering ablegen, ein dreiviertel Liter warmes Wasser, mantsch, mantsch, zurück auf die Heizung mit dir. Inzwischen muß auch die Wäsche auf die Wäscheleine, vorher muß die alte Wäsche abgehängt werden, seit zwei Stunden muß ich ernsthaft aufs Klo, davon seit einer Stunde dringend. Ach, Scheiße, und das Fläschchen hier muß auch noch ausgekocht werden. Jetzt noch schnell die Form einfetten... und da kommst du auch schon wieder, ja Hallo meine Süße, lange nicht gesehen. Wir geben eine Da Capo-Vorstellung, der Teig ist super gegangen und wird von mir in die Form geprügelt, den Herd muß ich auch noch anschmeißen, wo habe ich eigentlich die blöden Vitamin-D-Tabletten hingelegt, ach ja, jetzt wäre eigentlich eine gute Gelegenheit, mal nach meinen Emails zu schauen, halt, stop, erst noch einmal nach dem Brot schauen, jawohl, kann in den Ofen, wo ist die Küchenuhr, Beng, abwärts, na prima, hoffentlich ist sie nicht kaputt, besser die Küchenuhr fallen lassen als das Kind, ach, bist du denn gar nicht müde, jaja, so ein kleines Kind und muß so viel verdauen, oh je, du ächzt und streckst und krümmst dich und läufst rot an und bist doch schon so klug und verständig, zu wissen, das Schreien jetzt auch nichts hilft (oder du hast vor lauter Bauchkrämpfen keine Luft zum Schreien, wer weiß), und dann lachen und scherzen wir ein wenig miteinander, aber die Uhr klingelt, als du gerade wie am Spieß schreist. Zum Glück sind wir Eltern zu zweit und damit in der Überzahl.

Brot beim Bäcker zu kaufen ist aber auch problematisch. Zum einen macht Brot vom Bäcker nicht satt, schmeckt nach Watte und Farbstoff und ist teuer, zum anderen ist es auch nicht ganz einfach, bis zum Bäcker vorzudringen.

Im Zusammenhang mit Essen noch ein Tip, wie ihr süße Mehlspeisen mühelos in Vollkornmehlspeisen verwandeln könnt, wenn ihr Müslis und Ökos zu Besuch erwartet: einfach einen Riesenberg Zimt hineinkippen. Getestet mit Kaiserschmarrn: ordentlich Zimt hinein, die Hälfte der Eier weggelassen, sieht aus wie Vollkornkaiserschmarrn und schmeckt mit etwas Einbildung auch noch so. Falls der Besuch völlig fanatisch ist und feudale östereichisch-ungarische Mehlspeisen grundsätzlich ablehnt, muß das Essen als „arabische Spezialität namens Versuch-erst-gar-nicht-meine-unverständliche-Aussprache-zu-wiederholen, wie die Beduinen in der Wüste sie abends am Lagerfeuer essen“ bezeichnet werden.

Noch ein Rezept, das ich nach deiner Geburt erfunden habe, weil wir sonst keine Zutaten im Haus hatten: Brokkoli-Reis. Einen Brokkoli in einer Pfanne mit Butter oder, für Kalorienbewußte, mit Wasser andünsten, im Topf Basmati-Reis kochen, ein bißchen Bindemittel, etwa Mehl, in die Butter rühren, damit nachher alles schön pampig und klumpig wird, Sahne oder zumindest Milch zum Brokkoli, den Reis, eine Packung Schafskäse, gerne den dänischen Kuhmilch-„Schafskäse“-Feta, oder, wem das zu blöd und nicht vornehm genug ist, italienischen Ricotta, jedenfalls einen milden Schafskäse, damit er das übrige Essen nicht zu sehr dominiert. Damit der Rest des Essens dem Schafskäse auf halbem Weg entgegen kommt, wohldosiert etwas Zitronensaft dazu geben und eventuell ein bißchen Essig, aber nur, wenn ihr teueren Balsamessig im Haus habt, den billigen laßt ihr besser weg. Salz und Pfeffer, aber letzteres sparsam, ein bißchen Zucker für den fernöstlichen Hauch des Süß-Sauren, Chinagewürz, weitere Gewürze nach Belieben und persönlichem Geschmack. Gut paßt auch ein Klecks Majonäse, erfordert aber natürlich einen gewissen Mut zur Kalorie. Falls das Alles wieder erwarten fad und matt schmeckt, noch etwas Klare-Gemüsebrühe-Instant-Pulver hineinschütten, da ist dann Glutamat drin, danach schmeckt das Essen auf jeden Fall phantastisch.

Jetzt fragt ihr noch nach Mengen und Zeiten. Also, Brokkoli werdet ihr im Supermarkt sowieso nur in 500-g-Gebinden bekommen. Schafskäse vielleicht hundert bis zweihundert Gramm, eher in Richtung hundert. Mit dem Reis müßt ihr euch überlegen, ob ihr eher eine Gemüsepfanne mit etwas Reis oder eher eine Reispfanne mit etwas Gemüse wollt, und wie viel Hunger ihr habt. Dementsprechend nehmt ihr zwischen hundert und dreihundert Gramm Reis. Wie lange ihr diesen Reis kochen müßt, steht auf der Packung. Den Brokkoli dünstet ihr, bis ihr eine Gabel ohne Zuhilfenahme eines Hammers hineinstechen könnt, der Brokkoli sollte nicht zu weich werden, weil erstens der Brokkoli noch zusammen mit dem Reis und dem Schafskäse noch fünf bis zehn Minuten vor sich hin meditiert, bis alles eine kompakte Einheit geworden ist und fast schon ein wenig anhängt, und weil zweitens der Brokkoli in der fertigen Pampe noch ein bißchen Biß haben sollte, sonst ist das Kauen ja völlig langweilig.

Noch einige Tips für Reispfannen? Falls das Ziel des Spieles nicht ist, möglichst bläharme und milde Speisen zu bereiten, sondern gerne auch blähende und scharfe, könnt ihr statt Basmatireis Vollkornreis nehmen, statt des Brokkoli eine Dose Kidney-Bohnen, Milch oder Sahne weglassen (notfalls dafür etwas mehr Butter nehmen), erneut etwas Mehl, damit alles schön zusammen bäckt, natürlich Pfeffer und Salz, Balsamessig, falls ihr so etwas im Haus habt, wieder vorsichtig dosiert, aber etwas großzügiger als beim ersten Rezept, einen ordentlichen Schwung Zucker, Instant-Gemüsebrühe oder, falls ihr so etwas ablehnt und mehr für Angeber-Kochen seid, frisch geriebenen Ingwer, Curry (den Reis am besten gleich in Curry-Wasser kochen und später noch einmal Curry nachwüzen), Paprikapulver (aus ästhetischen Gründen, wegen der roten Farbe; geschmacklich werdet ihr davon nicht viel mitbekommen), und, als Geheimwaffe, Nasi-Goreng-Gewürz in großzügiger Menge. Dabei müßt ihr aber aufpassen, daß ihr nicht das falsche Nasi-Goreng-Gewürz angedreht bekommt. Es müssen große Stücke getrockneter Zwiebeln und getrockneten Lauchs drin sein. Falls nur klein gehäckselte Stücke Zwiebeln, kein Lauch und dafür Glutamat drin ist, handelt es sich um die falsche Sorte, Schund für Butterstinker und Langnasen. Außerdem gebt ihr noch ein, zwei kleingeschnittene Knoblauchzehen hinzu, die am besten als allererstes, damit sie in der Butter etwas anbraten können. Das alles anbraten, bis es pampig und klumpig ist.

Das Nasi-Goreng-Gewürz paßt übrigens auch hervorragend zu Feldsalat. Vorausgesetzt natürlich, ihr habt die richtige Sorte Gewürz erwischt. Laßt euch nicht die falsche Sorte andrehen, die ist nämlich nicht einfach ein minderwertiger Ersatz, sondern schmeckt völlig anders. Während der Feldsalat abtropft, das Nasi-Goreng-Gewürz in Essig und Öl einweichen lassen, sonst ist es arg knusprig. Dazu könnt ihr alles anstellen, was ihr sonst noch mit Feldsalat anstellt (Feta, Sonnenblumenkerne, was-weiß-ich; Sonnenblumenkerne könnt ihr übrigens auch in die deftige Reispfanne tun).





Die dreizehn Meßlöffelchen des Doktor Wu:

-Na, wie schmeckt dir das, Flemdling?

*

-Ich denke, wir werden miteinander ins Geschäft kommen.

-Sie kennen meine Antwort.

*

-Der Boß ist sehr traurig, daß sie nicht zahlen wollen, Herr Wang, sehr traurig.

*

-Sie werden mich und meine Tochter töten.

-Fürchten Sie nichts, Herr Wang.

*

-Sie sind wahnsinnig, Doktor Wu.

-Tötet ihn und die Frau.

*

-Nimm meine Hand!

*

-Was ist das?

-Es ist wunderschön.

*

-Das Jadekästchen stammt aus der Han-Dynastie und ist sehr wertvoll.

*

-Wer bist du? Was willst du hier?

-Du erinnerst dich an den Überfall auf Lo-Chung? Ich war damals sieben Jahre alt.

*

-Ich habe dich erwartet.

-Endlich stehen wir uns gegenüber.

-Nur einer von uns wird diese Stätte lebend verlassen.

*

-Der Silberdrache wird dich beschützen.

-Hüte dich vor dem Silberdrachen!

*

-Ich kann es nicht annehmen.

-Doch! Du bist nun würdig, das Schwert deiner Vorfahren zu tragen.

*

-Hat jemand meine Eßstäbchen gesehen?



26.2.2002





Die oben erwähnte Internetseite protzt damit herum, daß sie mit weicher und sinnlich fließender Musik aus der bekannten „Café del Mar“-Serie unterlegt ist, was auch immer das sein mag. Zum Glück habe ich von diesem Grauen nichts mitbekommen, weil ich kurz nach der Geburt meiner Tochter die Anschlüsse der Boxen aus dem Computer gerissen habe, um die Kleine nicht jedesmal zu wecken, wenn ich den Computer hochfahre („Death awaits you all! Rattatattatatt! Aliengebrüll!“) oder herunterfahre („Ok, that’s the End. Stop the program, stop it! Initializing Shutdown Sequenze. Have a pleasant day. Kabummmm. Schepper!“) oder eine Email bekomme („Spaaam?“). Inzwischen habe ich die Anschlüsse wieder angeschlossen und den Klang von der Softwareseite aus unterbunden.



27.2.2002





Schröder färbt seine Haare.





So allmählich ist es möglich, sich mit dir zu unterhalten. Zwar kannst du erst Oig, Gag und Ai sagen, aber für kurze Gespräche, bei denen wir viel zu lachen haben, genügt das schon. Außerdem kannst du weinen, um zu sagen, daß du Hunger hast, oder müde bist, oder unterhalten werden willst. Blähungen und Bauchkrämpfe hast du wohl noch immer, aber weil du ein verständiges Kind bist, weinst du deswegen nicht mehr, es nichts ja doch nichts, es sei denn etwa, du mußt rülpsen und kannst in deiner jetzigen Lage nicht.



1.3.2002





Für Vielfahrer gibt es jetzt (ab 2000 € Jahresumsatz) das Programm „bahn.comfort“. Wer genug Bahnpunktkomfort-Punkte gesammelt hat (nämlich 2000 Stück, für jeden € ein Punkt), kommt in den Genuß besonderer Vergünstigungen. Er darf zum Beispiel bei einem bahnDOTcomfort-Telephon anrufen, wo er kompetent und ohne große Wartezeiten beraten wird. Hans Normalarsch muß sich weiterhin mit der inkompetenten Warteschleife der normalen Fahrplanauskunft begnügen. In Frankfurt/M gibt es sogar einen eigenen Schalter für bahn.comfort-Kunden. Und in die first-class-lounge dürfen bahn.comfort-Kunden bis zu eine Begleitperson kostenlos mitnehmen. Die andere Mätresse muß draußen bleiben und sich von Pennern und Zweite-Klasse-Wenigfahrern anquatschen lassen.





Wenn früher irgendwelche Anfragen kamen, ob ich denn Adressen weiterer Seiten mit Kisekae-Anziehpuppen wüßte oder noch einmal ausführlich alle mir bekannten Hersteller von Keuscheitsgürteln mit Vor- und Nachteilen auflisten könnte oder ob ich Bezugsquellen für Mucha-Drucke wüßte oder ob ich mal kurz über den Port eines meiner Java-Programme zum Darstellen von Lyapunov-Exponenten nach C++ korrekturlesen könne, weil das Programm nicht so tue, wie es soll, dann habe ich mir meist die Mühe gemacht, die mir bekannten Links auf Kisekae-Seiten herauszusuchen oder zurückzuschreiben, wann Neosteel, wann Reinhold, wann Lori und wann Access Denied zu bevorzugen ist, habe ausführlich begründet, warum ich keine Ahnung habe, wo sich Drucke von Mucha beziehen lassen, wer das aber vielleicht wissen könnte, und daß der Output des Programms doch recht brauchbar aussehe und meine Kenntnisse von C++ mehr oder weniger oberflächlich sind, weil ich kaum Programme in C++ geschrieben habe. Inzwischen aber ist das Beantworten solcher Anfragen unendlich mühsam und schwierig geworden, und nun, wo ich nicht und nicht dazu komme, diese Emails wenigstens rudimentär zu beantworten, merke ich erst, daß es eigentlich eine ziemliche Frechheit ist, meine Gutmütigkeit derart auszunutzen und mich als allgemeine Auskunft für alles und jedes zu mißbrauchen, statt selbst einmal ein bißchen zu recherchieren.

Die lustigste Anfrage in dieser Hinsicht war ein Schüler, der wissen wollte, warum das Melancholie-Gedicht von Tieck romantisch sei, es entspreche nämlich nicht den von ihm auswendig gelernten Romantik-Merkmalen, und wegen dräuender Hausarbeit sei die Antwort dringend.

Und wenn ich dann noch eine Email bekomme, die mir erklärt, daß die ganze Menschheit im Feuersee landet, sofern nicht umgehend das Brandenburger Tor abgerissen wird, und zwar fünfmal hintereinander die gleiche Email, ehe ich dazu komme, den Absender zu blocken, und jedesmal mit der Anforderung einer Empfangsbestätigung, dann bin ich fast geneigt, mich ein klein wenig zu ärgern.





Du kannst jetzt schon Gig, Oig und Ai sagen. Und schreien natürlich. Und Lachen. Und unser tolles selbstgebasteltes Planetenmobile beachtest du auch endlich. Allmählich wirst du ein zoon politikon.





Da du gewachsen bist, wirkst du verblüffend groß. Andererseits bist du so ein Winzling, daß du verblüffend klein wirkst. Dadurch siehst du paradoxerweise gleichzeitig verblüffend groß und verblüffend klein aus.

„Platon ist größer als Sokrates, aber kleiner als Aristoteles. Also ist Platon gleichzeitig größer und kleiner.“

„Der große Zwerg: Es war einmal ein Zwerg, der war EINMETERNEUNUNDACHTZIG groß.“





Sicher möchtest du wissen, wo du eigentlich hergekommen bist. Nun, die Sache ist die, daß du aus einem Paralleluniversum kommst. Dort warst du eine berühmte Kriegerprinzessin, die auszog, die Geheimnisse eines Paralleluniversums, nämlich unseres Universums, zu ergründen. Nun möchtest du wissen, warum du dich daran nicht erinnern kannst. Nun, die Sache ist die: über Paralleluniversen sind viele falsche Vorstellungen in Umlauf. Viele denken sich, Universum und Paralleluniversum verhielten sich ein wenig wie Deutschland und Österreich. Gewiß, Österreich wird von katholischen Faschisten bewohnt, die einen ekligen Akzent sprechen und völlig tanatosfixiert sind, es gibt dort keine Krabbenkutter, und überhaupt ist vieles anders. Aber letztlich gibt es auch dort Banken, Kirchen, Staatsoberhäupter, Schulden, Rechtsanwälte und öffentlichen Personennahverkehr, das heißt, die grundlegenden Gesetze des Lebens sind die gleichen. Universum und Paralleluniversum verhalten sich nun aber gerade nicht so zueinander, daß sie im Grunde das Gleiche sind, nur anders möbliert. Universum und Paralleluniversum sind grundsätzlich verschieden und werden von anderen Gesetzen beherrscht. In unserem Universum gibt es Masse und Energie, die nach Einstein äquivalent sind, und Information, die nach A. Donda mit den beiden erstgenannten ebenfalls äquivalent ist. Ein Paralleluniversum kann aus ganz anderem Zeugs aufgebaut sein. Dort sind die fundamentalen Entitäten beispielsweise Schmieröl und Urgs. Damit ist klar, daß sich zwischen Universum und Paralleluniversum nicht beliebig Informationen austauschen lassen. Je nachdem, wie das Paralleluniversum strukturiert und aufgebaut ist, gehen beim Übertritt mehr oder weniger viele Informationen verloren, und wenn beide Universen Informationen ganz verschieden verwalten, dann gehen beim Übertritt alle Informationen verloren. Während nun unser Universum aus Masse, Energie und Information besteht, besteht dein Herkunftsuniversum aus Glibber, Rotz, Energie, Gülgül, Rosmarin, Zimt, Krach, Käsekuchen, Triangulationen, Hermetikern, Hermeneuten und Hermaphroditen. Dabei sind einerseits Glibber und Rotz äquivalent, andererseits Energie, Gülgül, Rosmarin, Krach, Zimt, und Triangulationen und schließlich Hermetiker, Hermeneuten, Hermaphroditen und Käsekuchen, gemäß den physikalischen Gesetzen, die euer großer Wissenschaftler Kurt Achim der Dritte entdeckt hat. Da es in eurem Universum keine Information gibt, bist du in unserem Universum ohne Gedächtnis, unwissend und hilflos wie ein Neugeborenes gelandet. Und da es bei euch auch keine Masse gibt, warst du am Anfang winzig klein, so daß wir dich mit Muttermilch, Pre H.A. und Käsekuchen aufpäppeln mußten. Nur Energie hast du reichlich aus deinem Universum mitgebracht, deshalb warst du am Anfang ein ziemliches Energiebündel und hast ganz hektisch gezappelt. Wäre unseren Universen nicht zumindest die Energie gemeinsam, dann wäre der Übergang zwischen unseren Universen natürlich ganz unmöglich.

In anderen Universen gibt es übrigens zwar Information, sie wird aber in riesigen monumentalen Steinplatten gespeichert, so daß sich beim Wechsel zwischen einem solchen Universum und dem unseren nur ein winziger Bruchteil an Information mitnehmen läßt, weil die Interuniversellen Fluglinien sehr restriktive Richtlinien für das Maximalgewicht des Handgepäcks haben (natürlich könnte jemand versuchen, alle Informationen im Koffer zu verstauen, aber was passiert dann, wenn er in einem Universum einen Zwischenstopp macht, in dem es keine Koffer gibt? Dann ist nicht nur die frische Unterwäsche weg, sondern auch das Gedächtnis. Schlimmer noch, vor lauter Zerstreutheit bleibt das Handgepäck dann auch noch im Flugzeug liegen).

Als du hier bei uns ankamst, warst du, wie gesagt, winzig klein und masselos. Die Mamma und der Pappa haben dich deshalb in eine befruchtete Eizelle gesteckt, die sie gerade zur Hand hatten. Damals lief nämlich gerade das große Human Genom Project, und alle Ehepaare mußten in mühsamer Handarbeit befruchtete Eizellen herstellen. Das war ein furchtbarer Streß, denn so eine befruchtete Eizelle in Handarbeit herzustellen ist eine Heidenarbeit. Der Pappa hat Millionen von Spermien hergestellt, die er dann alle in einem furchtbaren Spasmus aus sich herausgeschleudert hat, und wenn die Mamma gerade keinen Eisprung hatte, war die ganze Arbeit umsonst. Die Mamma ihrerseits mußte ständig Spitzenunterwäsche und Netzstrümpfe tragen, die entsetzlich schwierig herzustellen waren, zumal deine Mamma eigentlich außer Wollsocken keine Strümpfe stricken kann, schon gar keine hauchzarten durchsichtigen. Aber ich schweife vom Thema ab. In die Eizelle haben wir dich mit einem Magnetspinkernresonanzhypersuperstringelektrorastertunnelfeldmanipulator manövriert, was große Geschicklichkeit erfordert, denn eine Eizelle ist so klein, daß sie mit bloßem Auge nicht zu sehen ist, dein Pappa ist Brillenträger und deine Mamma hat Zitterhände wie eine Alkoholikerschlampe, aber mit unserer überragenden Intelligenz haben wir diese Handicaps wettgemacht. Nach dieser anstrengenden Arbeit sind wir erst einmal neun Monate in Urlaub gefahren, dabei hat sich die Mamma ausschließlich von Pre H.A. ernährt, damit du groß und stark wirst, der Pappa hat Muttermilch getrunken, dich haben wir in den neun Monaten ins Gefrierfach gestellt. Danach bist du irgendwie unter ungeklärten und reichlich dubiosen Umständen in Mammas Bauch gewandert. Da konntest du natürlich auf Dauer nicht bleiben, die Mamma braucht ihren Bauch schließlich selber, unter anderem, um Essen rein zu tun. Deshalb hat die Mamma laut „Peng“ gesagt, daraufhin ist die Fruchtblase geplatzt, in der du eingepackt warst, und die Styroporflocken, in die du eingepackt warst, sind unten aus der Mamma rausgerieselt. Dann hat die Mamma nochmal „Peng“ gesagt, damit du hinterherflutschst, aber du warst wohl bockig oder beleidigt oder hast nicht kapiert, was wir von dir wollen. Daraufhin sind wir dann erst einmal spazieren gegangen, wir gehen nämlich immer spazieren, wenn die Mamma wütend ist. Über uns leuchtete Orion in einer klaren Winternacht, in uns war das moralische Gesetz des kantischen moralischen Imperativs beziehungsweise in manchen von uns halt du, unter uns Schnee, Eis und spiegelglatte Bürgersteige. Die Mamma rannte voraus und schrie „wenn das Scheißbalg nicht bald herauskommt, gehe ich ins Krankenhaus und laß es rausreißen“, der Pappa rannte hinterher und rief „und danach geben wir das Rotzgör zur Adoption frei“. Naja, so bist du zur Adoption freigegeben worden und zu uns gekommen. Danach hat sich die Mamma ins Bett gelegt und „die Entwicklung der Arbeiterpartei im feudalen Japan“ gelesen. Am nächsten Tag haben wir nachgeguckt und festgestellt, daß du immer noch im Bauch drin warst. Da haben wir gesagt: In der Erziehung kommt es vor allem auf Konsequenz an. Was man androht, muß man dann auch machen. Wir haben gesagt, wenn es nicht bald kommt, gehen wir ins Krankenhaus und lassen es rausholen. Es ist nicht bald rausgekommen, also müssen wir jetzt unsere Drohung wahrmachen. Also sind wir mit dem witzigsten Taxifahrer der Welt ins Krankenhaus gefahren. Als wir ankamen, haben wir zum Taxifahrer gesagt, er solle noch einmal eine Runde durch die Stadt fahren, weil er so witzig war und wir von der Taxifahrt gar nicht genug bekommen konnten. Schließlich sind wir aber doch ins Krankenhaus gegangen. Eigentlich wollten wir gleich in den Kreißsaal, aber als wir erfahren haben, was für leckere Sachen es im Krankenhaus zu essen gibt, haben wir die Geburt erst einmal verschoben und ausführlich gefrühstückt, anschließend lange zu Mittag gegessen und sind dann direkt zu einem ausführlichen Abendessen übergegangen. Danach wollten wir Nachtisch, aber der Klinikdirektor hat mit verheultem Gesicht gesagt, wir hätten alles aufgegessen und es sei jetzt nichts mehr da. Dann sind wir halt in den Kreißsaal gegangen. Dort hat die Mamma ein Rumpelmittel genommen, das im Bauch ordentlich herumrumpelt, dann ist sie aufs Klo gegangen, und dann bist du auch schon zur Welt gekommen. Verblüfft bist du in der Kloschüssel herumgeschwommen, der eilig herbeigerufene Pfarrer hat gleich eine Nottaufe vorgenommen, dann hat dich ein Arzt vermessen, traurig den Kopf geschüttelt und gemurmelt „es hat ja gar keine Zähne, es wird wohl zeitlebens ein Gebiß tragen müssen“. Da wir zu diesem Zeitpunkt noch unschlüssig waren, ob wir dich an die Fremdenlegion oder ein Bordell verkaufen sollten, haben wir einen Arzt gefragt, ob er an dir eine Geschlechtsbestimmung vornehmen kann. Der hat dann eine Genanalyse vorgenommen und herausgefunden, daß du wahrscheinlich ein Weibchen bist, genaueres könne er aber erst in zehn bis zwanzig Jahren sagen, es seien jedenfalls wohl „deutlich mehr“ X- als Y-Chromosome vorhanden. Da haben wir dich dann halt auch mal genauer angeschaut, und da haben wir gesehen, was für eine Wunderschöne du bist, und da haben uns in dich verliebt und gesagt „die behalten wir“. Damit dir nichts passiert, haben wir dich in einen rosa Antarkisanzug gestopft und sind mit dir nach Hause gefahren. Und seither bist du hier. Willkommen im Paralleluniversum.



4.3.2002





Zum Teil sind die Globalisierungsgegner aber auch ziemlich dämliche Burschen. Die Idee ist: wir, die Globalisierungsgegner, sind so schlau, wenn wir alles regulieren und bestimmen dürften, könnten wir alles viel besser und schöner und effizienter und vor allem gerechter machen als der Markt. Im Grunde handelt es sich um eine autoritäre Idee. Es ist ein bißchen schade, daß die Erziehung in den demokratischen Staaten immer wieder neu in jeder Generation autoritätsgläubige Jugendliche erzeugt, die zwar nicht an die Autorität der Etablierten (Eltern, Weltwährungsfond, Wintel) glauben, dafür aber an ihr eigene.





Die Sätze, die ich gelegentlich über dich schreibe, sind schon beim Niederschreiben veraltet, wertlos, treffen dich nicht in deiner Vielfalt und deinem steten Wandel, beschreiben dich Wunder allzu dürftig.



7.3.2002





Sehr viele religiöse Dummschwätzer wollen uns weismachen, die Menschen (also alle Menschen) seien von Natur aus religiös; inzwischen wird sogar nach dem neurophysiologischen Ort des transzendentalen Bedürfnisses geforscht. Ich glaube im Gegenteil, daß die Menschen von Natur aus völlig weltimmanent orientiert sind, und ich denke, daß auch die wirklich klugen religiösen Menschen das wissen (und über die Uneinsichtigkeit der Laien klagen). Der Herr Doktor Faustus etwa beginnt sein Buch mit dem Bericht über einen armen, verzweifelten Menschen, der beschließt, seine Seele dem Teufel zu verkaufen. Nun gibt es an sich nur zwei vernünftige Möglichkeiten: entweder ich halte das Reden über Gott und Teufel für blödsinnig, dann gibt es niemand, dem ich meine Seele verkaufen könnte, oder aber ich glaube an das Reden von Gott und dem Teufel, dann aber wäre ich wahnsinnig, wenn ich um eines kurzfristigen Vorteils willen auf die ewige Seeligkeit verzichtete. Jener schlichte Mensch aber war eben so weltlich, daß er eine Wendung seiner zeitlichen Not selbst mit ewigen Höllenstrafen bezahlen wollte. Denn eigentlich wissen alle Menschen im Grunde ihres Herzens, daß dieses Leben hier im Diesseits unser einziges Leben ist, und daß alles danach nicht damit zu vergleichen ist. Die Alten glaubten, die Menschen würden nach dem Tod als Schatten ihrer selbst weiterbestehen, und niemand glaubt, daß die Menschen in ihrer ganzen Fülle weiterbestehen, auch wenn die Religiösen heute behaupten, nach dem Tod fange das Leben eigentlich erst richtig an. Vielleicht auch, daß jener Verzweifelte glaubte, sowieso der Hölle zu gehören. Aber was hätte er dann dem Teufel noch verkaufen wollen? Jedenfalls, um Mitternacht in einsamer Gegend ruft er Luzifer, um ihm seine Seele billig zu verkaufen. Luzifer aber kommt nicht, weder in dieser noch in der folgenden Nacht. Schließlich wird es unserem Mann zu dumm, und er verkündet aller Welt, daß er dem Teufel seine Seele verkaufen wollte, dieser aber anscheinend gar nicht existiert oder jedenfalls an Seelen kein Interesse hat, daß jedenfalls die Lehre der Kirche falsch und empirisch widerlegt ist. Die Folgerung, die Doktor Faustus aus diesem Fall zieht, ist weniger klug und eher gelehrt: Faust erklärt, daß auch die Anrufung des Teufels und der Verkauf der eigenen Seele eine subtile Wissenschaft ist, zu der es mancherlei Vorbereitung und gründliches Wissen bedarf, das seine Schrift allerdings günstig feilbietet.

Die Satanisten sind, wie ich weiter oben schon geschrieben habe, eine traurige Sippe, weil sie sich gar so arg an den gothischen Katholizismus klammern müssen, wenn auch qua Negation. Da predigt etwa die offizielle Religion Demut, Bescheidenheit, Unterwürfigkeit gegenüber der Herrlichkeit und Pracht des Herren (und predigt es in reichgeschmücktem Ornat), sogleich muß der Satanist verkünden, wie psychologisch schädlich die christliche Demut ist, wie unnatürlich, und daß ein gesund gewachsener Mensch selbstverständlich gesunden Stolz empfindet und sich nicht demütigt. Das alles sind für mich ganz sonderbare Probleme. Wenn ich mein Verhältnis zu Stolz und Demut bestimmen sollte, müßte ich erst einmal nachdenken, so fern ist mir das alles. Ich meine, ein Mensch darf durchaus stolz sein auf diesen Vorzug oder jene Leistung. Andererseits sind wir alle sterbliche, dem Irrtum unterworfene Menschen, und angewiesen auf den Rat und die Kritik anderer Menschen, und niemand von uns ist so klug, daß er oder sie unbeschadet auf die Auseinandersetzung mit anderen Menschen verzichten oder die Wahrheit allein finden kann, so daß wir Grund genug haben, bescheiden zu bleiben.





Nachdem der Internet Explorer sich plötzlich geweigert hat, JPEGs zu öffnen, habe ich in der Registry die Verknüpfung für „.JPG“ von „image/tiff“, die irgend ein dummes Programm verstellt hat, wieder auf „image/jpeg“ zurückgesetzt. Warum enden alle Windows-Probleme bei der Registry?



10.3.2002





Armin von Arnim, der Dichter kleinerer Werke

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Armin von Arnim, der Dichter kleinerer Werke, ging eines Tages zu einem Dichter-Kongreß, wo er den großen Goethe traf. Leutselig fragte der alte Meister den jungen Kollegen: „Na, wollen Sie nicht auch einmal ein Versepos schreiben?“ Darauf Armin von Arnim: „Nein“.

Zugegeben, an dieser Anekdote fehlt noch die Pointe.

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Armin von Arnim, der Dichter kleinerer Werke, traf eines Tages den verrückten Heinrach van Kleist. Der arme Kleist sagte: „Oh wie wohl ist mir mit Wasa.“ Darauf Armin von Arnim: „Das verstehe ich nicht.“

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Armin von Arnim, der Dichter kleinerer Werke, schrieb einmal ein Gedicht, das nur siebzehn Silben lang war. „Aha“, schrien alle, „die japanische Mode.“

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Armin von Arnim, der Dichter kleinerer Werke, schrieb noch ein Gedicht, das nur eine Silbe lang war. Daraufhin erhielt er den Prix’ Gônkourx und wurde gekreuzigt.

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Einmal begegnete Armin von Arnim, der Dichter kleinerer Werke, der Dichterin Bettine von Trine. (Auch hier fehlt noch die Pointe.)

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Einmal, als Armin von Arnim krank war, schrieb er einen Roman auf achthundert Seiten Vorzugspapier. „Jetzt können wir dich aber kaum noch den Dichter kleinerer Werke nennen“, scherzte Goethe.

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Sind wir nicht alle ein wenig wie Armin?

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Neue Geschichten von Armin von Arnim von mir geschrieben

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Einmal ging Armin von Arnim, dem Dichter kleinerer Werke, der Computer kaputt. Da schrieb er halt wieder auf handgeschöpftes Büttenpapier.

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Einmal hatte Armin von Arnim geheiratet. Bald nach der Hochzeit aber stellte er fest, daß seine Frau unter ihrem Mieder zwei riesige groteske Brüste versteckt hatte, und zwischen den Beinen hatte sie einen obszönen unanständigen Spalt, und katholisch war sie auch nicht. Da begann sich Armin von Arnim zu grausen und verkehrte nur noch brieflich mit ihr.

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Einmal, als Armin von Arnim moralisches Zahnweh hatte, schrieb er eine Geschichte über ein Kasperl, dessen Freundin der Kopf abgeschlagen wird. Die Verkaufszahlen rauschten in neue, ungeahnte Tiefen. Inzwischen wurde es in Buchhandlungen üblich, spezielle Goethe-Ecken einzurichten, die nicht selten mehr als die Hälfte der Buchhandlung einnahmen.

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„Das Leben ist gleichsam nur ein Scherz,

eine tiefe und tödliche Krankheit,

ein köstlicher Wein, eine Hure,

dem Flug der Wolken vergleichbar,

wer fühlt nicht unendlichen Schmerz,

wer verflucht nicht die eigne Gescheitheit,

wir sind gemeinsam allein auf weitem Flure,

komm’ gehen wir in die Sonder-Bar.“

(„Sondermanns Gesänge“, 1789)

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Einmal wurde Armin von Arnim von einem Auto überfahren und war dann längere Zeit tot. (Widerspricht der vierten Anekdote, in der er gekreuzigt wird.)

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Der versöhnliche Schluß: der Dichter hat ’nen Schuß, seine Werke sind Stuß.

++

Die Rückkehr des Armin von Arnim

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Einmal begegnete Armin von Arnim dem höflichen Robert. Armin von Arnim war schon mächtig betrunken von allerlei Moral und lästerte: „Dem Goethe richten sie jetzt spezielle Ecken in den Buchhandlungen ein, die Arschlöcher, dabei ist der feine Herr Oberstudiengeheimrat doch eigentlich ein bekannter Top-Lump und glaubt an Iupiter, der welsche Schuft, notzüchtigen sollte man ihn.“ „Wenn sie meinen“, antwortete der höfliche Robert und rückte seinen Stuhl etwas weiter weg.

+

„Herr Wang, ich soll Ihnen ausrichten, der Dichter kleinerer Werke ist gekommen und steht vor der Tür.“

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Einmal gelang Armin von Arnim eine vollkommene Zeile. Dann aber zerriß er sie und sprach: „Nach Adams Fall etwas vollkommenes schaffen zu wollen, heißt Gott zu lästern.“

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(Hier fehlt die Schlußpointe.)



11.3.2002





Mein Kreuzzug gegen das Böse

Montag

An der Käsetheke deutet eine Frau auf ein Stück Lindenberger und verlangt „drei Scheiben von dem da.“ Mit meiner Uzi mähe ich sie und die übrigen Wartenden nieder.

Dienstag

In der Straßenbahn breitet eine Frau am Handy ihre fade Liebesbeziehung vor uns aus. Meine Kalaschnikow beendet das Gespräch.

Mittwoch

Wieder einer dieser jungen Idioten, die ihre Schirmmütze verkehrt herum aufsetzen. Ich, Heckler und Koch bringen ihm Benehmen bei.

Donnerstag

Ein böser Bube spuckt zu Boden. Zum Glück habe ich immer meine Bazooka dabei. Das Blutbad ist unbeschreiblich.

Freitag

Ein Penner versucht sich als Straßenmusiker und spielt „alle meine Entlein“ auf der Blockflöte. Im Vorübergehen bereitet meine Smith&Wesson diesem Trauerspiel ein Ende.

Samstag

Ich schütze den Rasen des öffentlichen Parks mit Antipersonenminen vor unbefugtem Betreten. Ich weiß, daß unter dieser Maßnahme auch die an sich befugten Gärtner und Landschaftspfleger zu leiden haben, aber Kollateralschäden muß ich bei meinem Kreuzzug gegen das Böse in Kauf nehmen.

Sonntag

Der Pfarrer versucht, seine Predigt mit einem Beispiel persönlichen Erlebens zu eröffnen: „Neulich begegnete mir einmal...“ Eine Stinger-Flugabwehrrakete holt ihn von der Kanzel.

Montag

Die Aufräumarbeiten an der Käsetheke dauern an. Stelle den Filialleiter zur Rede. Leider muß ich im Verlauf des Gesprächs erneut auf meine Uzi zurückgreifen.

Der Besuch des Telekom-Ladens („T-Punkt“)

Sorgfältig und gewissenhaft bereite ich mich vor. Die entscheidende Frage ist natürlich: taktische thermonukleare Waffen, ja oder nein? Ansonsten sind Boden-Boden-Raketen, Nachtsichtgerät, ausreichende Mengen Naphalm und für kurze Distanzen die Panzerfaust unverzichtbar. Eine Kettensäge und ein japanisches Schwert des siebzehnten Jahrhunderts runden mein Erscheinungsbild ab. Schon lange habe ich den Telekom-Laden als Schurkenstaat und Teil der Achse des Bösen durchschaut. Dies irae, dies illa!





Gestern lag so etwas laues in der Luft, eine Ahndung von Frühling, die Erde roch wieder nach Erde und dem Saft junger Triebe statt nach Schnee und Hundepisse, da habe ich mir Strawinskys Sacre angehört. Die Kleine war wenig begeistert und hat gezetert, entweder, weil sie den Uraufführungsskandal nachspielen wollte, oder weil sie ungern Musik hört, die vom rituellen Schlachten kleiner Mädchen handelt. Zum Mitsingen ist diese Musik leider wenig geeignet, insbesondere die unregelmäßigen Rhythmen sind arg tricky.





Der böse Vorsitzende Mao the King tobt im Delirium: „Gebt mir ein Reich, ein Pferd, die Reichsacht, tausendvierundzwanzig Kebsweiber, eine Kulturrevolution, Schweizer Garden, ein Apolloraumschiff, einen schwarzen Anzug, begrabt mein Herz an der Biegung des großen gelben Flusses.“ Die Untertanen schweigen betreten. Nur ein kleines Mädchen piepst: „Der Schreihals hat ja gar nichts an.“ Tatsächlich, nun sehen es auch die Untertanen: außer einem fadenscheinigen Nachthemd hat der böse Vorsitzende nichts am Leibe. Schnell wird er entmachtet und durch einen neuen Gewaltherrscher, Tyrann Pippin der Grausame, ersetzt. Dieser läßt erst einmal das halbe Reiche köpfen und erhöht die Ökosteuer. Der böse Vorsitzende dagegen wird entmannt und in einen zugigen, ungeheizten Turm gesperrt. Aber auch Pippin bewährt sich nicht: er erfindet immer neue Steuern und das Dosenpfand und muß ebenfalls entsorgt werden. Die schlauen Untertanen, inzwischen gewitzter, verkaufen ihn ins Ausland, wo Pippin in Las Vegas jeden Abend eine tolle Show liefert. Wer aber soll neuer Herrscher werden? Die Untertanen beschließen einen Wettbewerb. Herrscher soll werden, wer die Frage „Was ist klein, grün und giftig und wird in orange lackierten Keksdosen aufbewahrt?“ richtig beantworten kann. Jahrelang meldet sich kein Bewerber. Das Reich verfällt in Chaos und Anarchie. Rivalisierende Bandenchefs geben sich gegenseitig schlimme Namen. Ende der Vorgeschichte.

In einem kleinen Dorf in der Nähe der polnisch-chinesischen Grenze wurde an einem Herbstabend des Jahres 15xx Sonja die Rabiate geboren. Da damals das weitere Schicksal Sonjas noch nicht recht abzusehen war, wurde sie damals zunächst noch Sonja die Liebliche genannt, doch schon im Alter von sieben Jahren nahm ihr Leben eine dramatische Wendung, als ich in jenem Dorf auftauchte und aus Ärger über das lange Anstehen beim Bäcker mit meinem automatischen Schnellfeuergewehr ein Blutbad anrichtete, wodurch die kleine Sonja zur Vollwaise wurde. Von da an begann Sonja in der Nase zu bohren, gab älteren Respektspersonen ungezogene Antworten und schrieb in der Schule nur noch Dreier und Vierer. Schon bald verließ sie ihr Heimatdorf, und mit zehn Jahren schloß sie sich einer umherziehenden Räuberbande an. Ende des ersten Kapitels.

Noch immer war es niemand gelungen, die Frage nach Dr. Drahtvaters leckeren Mango-Crysanthemen-Plätzchen richtig zu beantworten...



12.3.2002





Das Wort „Kolik“ ist in vielen Fällen nur eine Bezeichnung für etwas, dessen Gründe wir nicht kennen oder verstehen.





Auch dein Lachen hat etwas opakes. Du schreist und bist unglücklich, ich hebe dich hoch und rede auf dich ein, um deine Aufmerksamkeit zu erreichen, tatsächlich, du hörst einen Moment auf zu schreien und achtest auf mich, ja, Hallo Süße, und ohne Übergang beginnst du lautlos und zahnlos zu lachen und zu strahlen. Du plapperst „Gick“ und „Ai“ und „Aru“ und wir unterhalten uns und wir lachen, daß mir die Backen weh tun. Und dann fängst du wieder an zu weinen, so, als habest du eine wichtige Arbeit nur kurz für eine andere wichtige Arbeit unterbrochen.

Vielleicht (so spekuliere ich mit meiner hilflosen Klugheit) ist Lachen und dich mit mir unterhalten tatsächlich eine Art Arbeit, eine Aufgabe, die erledigt werden muß, um in deiner Entwicklung programmgemäß voran zu kommen, und die du kurz zwischendurch einschiebst, wenn die Gelegenheit günstig ist, ehe du deine Hauptarbeit weiterführst.

Oder es ist so, daß du noch so ungebildet bist, daß du noch nichts vom Konzept der Stimmungen weißt und noch nicht gelernt hast, daß jemand, die trauriger Stimmung ist, nicht lachen darf. Tatsächlich kann es ja auch Erwachsenen passieren, daß sie die schrecklichsten Nachrichten erhalten und doch im nächsten Moment über den einfältigsten Scherz lachen, nur wird ein minderer Schriftsteller als Homer oder Shakespeare sich hüten, die Menschen so unglaubwürdig zu schildern.

Falls es sich so verhält, ist es dann wirklich ein Fortschritt, wenn du lernst, was Stimmungen sind und daß du nicht lachen kannst, wenn du gerade traurig bist? Steckt in all dem nicht ein großer Irrtum, Lüge und Schwindel? Wäre es nicht würdiger, sich vor diesem Irrtum zu bewahren und darauf zu beharren, im größten Elend laut loslachen zu können? Aber wie befremdet würden dich dann deine Mitmenschen betrachten. Ohne eine Seele wie eine Undine wärst du.





Zur Geburt ihrer Enkelin hat meine Mama mir „Das erste Jahr“ von Durs Grünbein geschenkt. Mehrmals habe ich schon angesetzt, es zu lesen, es dann aber doch wieder weggelegt. Ein Grund ist wohl, daß jene Aufzeichnungen eine gewisse äußere Ähnlichkeit mit diesen Skizzen hier besitzen. Und die Werke der rezenten Konkurrenz allzu genau zu kennen und zu studieren ist stets eine gefährliche und heikle Sache. Sie zu ignorieren freilich auch.

Ein anderer Grund ist der ernste Tonfall, das hochtrabende, wichtige, bedeutende, wertvolle jener Aufzeichnungen. Da gibt es hier hoffentlich mehr zu lachen.





Ausgerechnet auf die Werbekampagne von Triumph verfallen bin ich, weil auf diesem Bild versucht wird, das in-Unterwäsche-sein ein wenig zu motivieren, mit Hilfe eines um den Kopf geschlungenen Handtuchs. „Ach, wie schön, daß du auch schon da bist, Schatzi, ich habe mir grade die Haare gewaschen.“ Übermäßig ernst gemeint ist diese Geschichte aber nicht, denn im Hintergrund des Bildes sehen oder erahnen wir den Aufbau eines Photostudios, denn die abgebildete Dame ist in Wahrheit natürlich irgend ein Topmodell, das die Kamera anflirtet (und selbst das wieder ist nur eine inszenierte Geschichte). Und überhaupt ist das alles nicht das wahre Leben, denn im wahren Leben bestehen Frauen nicht nur aus Grautönen und sind auch nicht fünf Meter groß.





Selbst kleine Details eines Designs erlauben unendliche Arbeit. In Java gibt es ein plattformunabhängiges Layout, „Metal“. Meiner Ansicht nach ist nichts verkehrtes daran, daß Programme im Look&Feel der Plattform daherkommen, auf der sie ausgeführt werden, denn dieses Aussehen läßt sich in der Regel vom Benutzer konfigurieren. Ich etwa habe die Benutzeroberfläche meines OS so eingerichtet, daß größere Flächen in einem grünlichen Grauton (C8CFAF) erscheinen, der gut zu der Farbe 80FF00 paßt, von der ausgehend ich die übrigen Farben bestimmt habe. Natürlich sollten größere Flächen eine möglichst dezente und ablenkungsfreie Farbe besitzen, um den Blick nicht von den wichtigeren Steuerelementen zu leiten. Aber dazu braucht es nicht notwendig das Standardgrau B0B0B0 oder CCCCCC; wenn alle Flächen in dem gleichen Farbton gehalten sind, sind auch Abweichungen von Grau möglich. Gewöhnt an diesen warmen Farbton, wirken die Standardfarben von Metal auf mich kalt und abstoßend, und die Verwendung von fetten Schriftarten klobig. Zum Glück läßt beides sich recht einfach durch die Gestaltung eines eigenen Farbschemas auch in Metal beseitigen. Aber auch andere Elemente nerven. So sind etwa alle Elemente, die sich mit der Maus ziehen lassen, in Metal mit einer rauhen Oberfläche gekennzeichnet, wobei die Wirkung von Rauheit durch „Bumbs“ erzielt wird, die in der Methode fillBumpBuffer() der Klasse MetalBumbs definiert werden, die von Klassen wie etwa MetalScrollBarUI in der Methode installDefaults() aufgerufen wird und die nach meinem Dafürhalten ebenfalls ästhetisch unbefriedigend sind. Es wäre nun einfach, eine Unterklasse von MetalBumbs zu definieren, die andere Bumbs verwendet, dann eine Unterklasse von MetalScrollBarUI etc. zu definieren, die jene Unterklasse aufruft, und dann eine Unterklasse von MetalLookAndFeel zu schreiben, die in ihrer Methode initClassDefaults() die entsprechenden neuen Klassen aufruft. Die eigentliche Schwierigkeit besteht darin, Bumbs zu erfinden, die die ursprünglichen Metal-Bumbs an Eleganz übertreffen. Ich habe dazu zwanzig verschiedene Muster entworfen:





Das Muster in der linken oberen Ecke entspricht dem Originalmuster, die übrigen stammen von mir. Leider haben alle diese Bumbs und Streifen ihre Tücken und Schwächen. Das Muster in der rechten oberen Ecke etwa wäre an sich mein Favorit; nur leider verhält es sich an den Rändern inakzeptabel. Das zweite Muster von links in der unteren Reihe scheint mir dem Originalmuster ebenbürtig, aber nicht überlegen. Das fünfte Muster von links in der zweiten Reihe (unmittelbar links vom Wort „Bumbs“) ist recht ansprechend, erinnert aber leider an ein bereits existierendes OS und eignet sich nicht recht für sehr kleine Flächen (etwa Slider). Das vierte Muster von rechts in der zweiten Reihe könnte, um 180 Grad gedreht, eine interessante Alternative darstellen. Der Rest ist teilweise ziemlicher Murks. Das zweite Muster von links in der oberen Reihe etwa funktioniert überhaupt nicht. Mit etwas Mühe ist es möglich, hier ein dreidimensionales Muster erhabener Streifen und Lücken zu sehen, aber sofort verwandelt sich das Muster wieder in alternierende dünne weiße und dunkle Linien zurück. Das Muster in der rechten unteren Ecke ist recht nett, aber völlig unbrauchbar für kleinere Flächen.

Aus all dem ergibt sich, was wir eigentlich auch schon vorher wußten, daß es nicht möglich ist, mal eben rasch nebenbei eine Benutzeroberfläche von Grund auf neu zu entwerfen und akzeptable Ergebnisse zu erwarten.



13.3.2002





Wie die Besucher meiner Internetseite bemerkt haben dürften, habe ich mich ein wenig mit Java beschäftigt. Trotz der vergleichsweisen steilen Lernkurve dieser Programmiersprache fühle ich mich mittlerweile imstande, das übliche

10 PRINT "Hello World"

Programm zu schreiben. Das Resultat:

/*
 * MyHelloWorld.java
 *
 * This humble application shows you the use of inner classes, factory
 * methods, the subtile interplay of static and non-static methods, and
 * customized Exceptions. It even uses the java.lang.reflect-Package.
 *
 * Created on 2002/03/14
 */

package de.janthor.parody;

/**
 * This is an application to display a "Hello World"-message. Use it
 * at your own risk. Do not use this class if you have to control airplanes or
 * nuclear power plants.<p>
 *
 * This class is not serialized. It is also not synchronized.
 *
 * @author  Jan Thor
 * @version 1.0
 **/
public class MyHelloWorld {

    /**
     * A String-representation of the &quot;Hello&nbsp;World&quot;-message.
     **/
    public static final String HELLO_WORLD_MSG;
    /**
     * The maximum number of legal arguments within the command line.
     **/
    public static final int MAX_ARGS;
    static final String TOO_MANY_ARGS_MSG;
    static final java.io.PrintStream OUT;
    static final IllegalNumberOfArgumentsException ILLEGAL_NUM_OF_ARGS;
    static final String PRINTLN_METHOD_NAME;
    
    int runs;
    
    static {
        // Initialize the static values.
        StringFactory factory = new StringFactory();
        HELLO_WORLD_MSG = factory.getInstance("Hello World");
        TOO_MANY_ARGS_MSG = 
                  factory.getInstance(new String("Too many Arguments."));
        MAX_ARGS = 0;
        OUT = System.out;
        ILLEGAL_NUM_OF_ARGS 
                  = new IllegalNumberOfArgumentsException(TOO_MANY_ARGS_MSG);
        PRINTLN_METHOD_NAME = factory.getInstance(new String(new char[] {'p',
                                                                         'r',
                                                                         'i',
                                                                         'n',
                                                                         't',
                                                                         'l',
                                                                         'n'}));
    }
    
    /** 
     * Creates new MyHelloWorld with default values.
     **/
    public MyHelloWorld() {
        runs = 0;
    }

    /**
     * Start the application.
     * @param args The command line arguments.
     * @throws IllegalNumberOfArgumentsException If you use any command line
     * arguments.
     * @see MyHelloWorld#init
     **/
    public static void main(String args[]) {
        if (args.length > MAX_ARGS) {
            throw ILLEGAL_NUM_OF_ARGS;
        }
        MyHelloWorld me = new MyHelloWorld();
        try {
            me.init();
        } catch (InitMoreThanOnceException e) {
            // unlikely
        }
    }

    /**
     * Initializes the application. If you create a new instance of 
     * MyHelloWorld, this does not run automatically; you have to ensure that
     * you call it yourself. You can't initialize a MyHelloWorld more than
     * once.
     * @throws MyHelloWorld.InitMoreThanOnceException if you try to init an
     * instance of <tt>MyHelloWorld</tt> more than once.
     * @see MyHelloWorld#main
     **/
    public void init() throws InitMoreThanOnceException {
        if (runs > 0) throw new InitMoreThanOnceException();
        runs++;
        Class[] parameterTypes = new Class[] {String.class};
        Class printStreamClass = java.io.PrintStream.class;
        java.lang.reflect.Method printlnMethod;
        try {
            printlnMethod = printStreamClass.getMethod(PRINTLN_METHOD_NAME,
                                                       parameterTypes);
            printlnMethod.invoke(OUT, new Object[] {HELLO_WORLD_MSG});
        } catch (NoSuchMethodException e) {
            System.out.println(e);
        } catch (IllegalAccessException e) {
            System.out.println(e);
        } catch (java.lang.reflect.InvocationTargetException e) {
            System.out.println(e);
        }
    }
    
    /**
     * This class indicates an attempt to start a <tt>MyHelloWorld</tt> with
     * command line arguments.
     **/
    // We don't want to check wether this occurs, since we want to stop the
    // programm anyway if this happens; therefor, this is a RuntimeException.
    static public class IllegalNumberOfArgumentsException 
              extends RuntimeException {
        
        /**
         * Constructor without error message.
         **/
        public IllegalNumberOfArgumentsException() {
        }
        
        /**
         * Constructor with error message.
         * @param msg An error Message.
         **/
        public IllegalNumberOfArgumentsException(String msg) {
            super(msg);
        }

    }
    
    /**
     * This class indicates an attempt to initialize a <tt>MyHelloWorld</tt> 
     * more than once.
     **/
    // ...while this one should be checked.
    public class InitMoreThanOnceException extends Exception {

        /**
         * Constructor without error message.
         **/
        public InitMoreThanOnceException() {
        }

        /**
         * Constructor with error message.
         * @param msg An error Message.
         **/
        public InitMoreThanOnceException(String msg) {
            super(msg);
        }

    }

}

// A Factory to get new Strings.
class StringFactory {
    
    static final int STYLE_NONE = 0;
    static int STYLELENGTH = 1;
    static int DEFAULTSTYLE = STYLE_NONE;
    // We could localize this, but I'm too lazy to do this yet.
    static final String UNKNOWN_STYLE_ERROR_MSG = "Unknown Style.";
    private int style;
    
    StringFactory() {
        style = DEFAULTSTYLE;
    }
    
    // At the moment, only one style is supported.
    // We leave this in for the sake of future compatibility.
    // One could add styles like ALLUPPERCASE, alllowercase, G E S P E R R T
    // etc.
    void setStyle(int style) {
        if (style < 0 || style >= STYLELENGTH) {
            throw new IllegalArgumentException(UNKNOWN_STYLE_ERROR_MSG);
        }
        this.style = style;
    }
        
    int getStyle() {
        return style;
    }
        
    String getInstance(String text) {
        switch (style) {
            case STYLE_NONE:
                return new String(text);
            default:
                throw new IllegalArgumentException(UNKNOWN_STYLE_ERROR_MSG);
        }
    }       
    
}







Manchmal, wenn wir wütend sind oder müde, nennen wir dich eine Spinnerin, eine Verrückte, weil du so zappeln und jammern mußt. Dann tut es uns wieder leid, weil du zweifellos den schwierigeren Teil erwischt hast und nicht darum gebeten hast, in unsere Familie, die Welt und die Existenz aufgenommen zu werden. Dann versichern wir dir, wie sehr wir dich lieben, was du gleichgültig erträgst. Aber das nützt nichts, die gereizten Worte lassen sich so nicht aus der Welt schaffen, du weißt noch nicht, was Rücksichtnahme oder Verzeihung ist. Andererseits, was wissen wir von dir? Vielleicht, daß du dankbar bist für die gereizten Worte, weil du auf der Suche bist nach der Grenze zwischen richtig und falsch.

Neben dir wirken andere Kinder wie unter Drogen gesetzt, apathisch, träge. Du dagegen bist reizbar, beweglich, zappelnd, jammernd, schreiend, weinend, unruhig, hektisch, aufgeregt, ein Perpetuum mobile. Wir erhalten den freundlichen Rat, es mit Homöopathie zu versuchen. Wer meine Aufzeichnungen bis hierher gelesen hat, weiß, was ich von Homöopathie halte. Aber davon ganz abgesehen: warum sollten wir jedes außergewöhnliche Verhalten pathologisieren? Ich liebe dich, nicht einen ruhig gestellten normalisierten Zombie, du Schwierige und Schöne.





Privatgelände! Öffentliche Atomspaltversuche verboten!





Um über einen Kanal die Entscheidung zwischen drei Alternativen zu übermitteln sind 1 Bit zu wenig und 2 Bit zu viel. Tatsächlich genügen log 3 / log 2 Bits.



14.3.2002





Alle wissen alles. Vor dreißig Jahren ist Flaschennahrung das Allermodernste, und nur noch Rabenmütter stillen ihr Kind selbst. Inzwischen müssen Milchpulverfabrikanten auf ihre Schachteln ähnliche Botschaften drucken wie Zigarettenhersteller („Stillen ist die beste Ernährung für ihr Kind“), und Hebammen verkünden, daß jede Frau stillen kann, wenn sie nur will. Leckt uns doch alle am Arsch mit euren guten Ratschlägen.





Nicht zuzuordnendes Fragment aus den hinterlassenen Aufzeichnungen des Lemuel Gulliver:

„...Von dort brach ich auf nach Peon Cenurbia, dessen Bewohner sich womöglich noch sonderbarer Gebräuche befleißigten als die Enbonianer. Die Enbonianer hatten mir wahre Wunderdinge von der weisen Verfassung Cenurbias, von der Vortrefflichkeit seiner Sitten, der Gerechtigkeitsliebe seiner Bewohner, von seinem allgemeinen Wohlstand und dem unübertrefflichen Zustand seiner Künste und Wissenschaften erzählt. Als ich jedoch in der Hauptstadt Gonfusia eintraf, fand ich dort alle Einwohner voller Aufregung und Bestürzung. Es war nämlich die Präsidentin des Landes dabei ertappt worden, wie sie eines morgens eine Zeitung gelesen hatte. Nun war es an sich keinem Bürger des Landes verboten, Zeitungen zu lesen, schon gar nicht den Politikern. Man erklärte mir jedoch, die Präsidentin habe überhaupt nur deshalb ihr Amt bekommen, weil sie versichert habe, weder schreiben noch lesen zu können. Bei der Wahl der neuen Präsidentin habe es nämlich am Ende eine Stichwahl gegeben zwischen zwei Kandidatinnen, die beide gleichermaßen geeignet schienen, beide waren sie alkoholsüchtige lesbische Negerinnen, nur daß die eine zu ihren Gunsten eine Genitalverstümmelung, die andere eine Lese-Rechtschreibschwäche aufweisen konnte. Es stellte sich dann aber heraus, daß die eine Kandidatin, die zunächst als die aussichtsreichere gegolten hatte, sich ihre Genitalverstümmelung selbst beigebracht hatte, um Präsidentin werden zu können, und ein erbitterter Streit tobte durch das ganze Land, ob eine solche selbst beigebrachte Verstümmelung gültig sei oder nicht, bis der Ausgleichsausschuß (Affirmative Action Agency) entschieden habe, Ausgleichspunkte könne nur erhalten, wer aufgrund von Geburt, Fremdeinwirkung, Unfall oder Disposition ein bestimmtes Merkmal aufweise, nicht aber, wer sich dieses Merkmal selbst beibringe. Dies sei schon daran zu erkennen, daß Mann-zu-Frau-Transsexuelle Ausgleichspunkte als Transsexuelle, nicht aber als Frauen erhielten. Infolgedessen machte die andere Kandidatin, aufgrund ihrer Lese-Rechtschreibschwäche, das Rennen und wurde Präsidentin, freilich zu Unrecht, wie sich jetzt herausstellte, da zumindest ihre Leseunfähigkeit nur vorgetäuscht gewesen war. Ich erklärte den Bewohnern, wenn ihnen so sehr daran gelegen sei, von Leuten beherrscht zu werden, die des Lesens und Schreibens unkundig seien und überhaupt jeder Bildung entbehrten, so sollte sie doch schlicht unser europäisches System übernehmen und zum Herrscher einen Angehörigen einer durch Inzucht besonders degenerierten und mit erblichem Schwachsinn belasteten Adelsfamilie ernennen. Die Eingeborenen erklärten mir jedoch erbost, daß Lese-Rechtschreibschwäche keinesfalls als Mangel oder Schwäche aufzufassen sei, da zahllose Untersuchungen bewiesen hätten, daß gerade Dyslexiker oftmals besonders begabte, talentierte und einfallsreiche Menschen seien, denen gerade ihre Intelligenz und ihr vielseitiges Interesse den Erwerb der Fähigkeiten des Lesens und Schreibens verwehre. Warum denn die Bewohner dieses Landes ihre Herrscher nicht, so wie die Schweizer oder die antiken Griechen und die republikanischen Römer, durch Wahl bestimmten, und so den fähigsten und klügsten auswählten, oder wen sie eben dafür hielten, wollte ich von ihnen wissen. Eben ein solches System, so erklärten sie mir, hätten sie bis vor kurzem geübt, es sei aber von ihnen völlig verworfen worden. Ebenso hätte einstmals in der Wirtschaft jeder frei handeln können, und auch die Hochschullehrer hätten lehren dürfen, was sie wollten. Es habe sich jedoch herausgestellt, daß sich dabei allerlei Seilschaften herausgebildet hätten. An den Hochschulen hätten sich konservative ältere weiße Männer gegenseitig zitiert, hofiert, gelobt und protegiert, bis schließlich nahezu alle Lehrstühle mit weißen Männern besetzt gewesen seien, die über die Werke oder Probleme weißer Männer geforscht hätten. In der Wirtschaft hätten sich nicht die fähigsten Unternehmen und die Unternehmer und Unternehmerinnen mit den besten Ideen durchgesetzt, sondern auch hier hätten sich alte Jungs in Hinterzimmern verabredet, viele Güter seien nur über monopolartige Konglomerate zu beziehen gewesen, auch hätten sich Politik und Wirtschaft gegenseitig geholfen, auf die Wahlen hätten Parteien großen Einfluß gehabt, es würde nämlich nur gewählt, wer von einer bekannten Partei unterstützt werde und wer viele Wahlplakate und Fernsehspots schalten könne, auf die Parteien aber hätten wiederum ältere weiße Männer großen Einfluß gehabt, auch hätte nur Politiker werden können, wer von den Unternehmern subventioniert wurde, so daß in allen politischen Ämtern immer nur weiße heterosexuelle Männer zum Zuge gekommen wären. Diese weißen Männer aber hätten sich als halsstarrig, konservativ, innovationsfeindlich und überhaupt untragbar erwiesen, und als sie schließlich einen Krieg mit den benachbarten Rabianern angefangen hätten, wäre die Unhaltbarkeit dieses Regierungssystems allgemein erkannt worden. Aus diesen Tagen der Verwirrung und des scheinbaren Niedergangs wurde die größte Errungenschaft des Landes geboren, der Ausgleichsausschuß. Dieser Ausgleichsausschuß wachte darüber, daß in jedem Vorstand, jedem Aufsichtsrat, jeder Jury, jedem Parlament, jedem Kabinett und überhaupt jedem Gremium ausreichend Vertreter bislang unterrepräsentierter Gruppen vertreten waren. Zu diesem Zweck wurden an die Bürger Ausgleichspunkte verteilt, wobei um so mehr Ausgleichspunkte erhielt, je mehr Gruppen er oder sie repräsentierte, die Ausgleich verlangen konnten. Freilich kam es hier noch am Anfang zu Konflikten, etwa wenn es um die Wahl des Präsidenten ging. Die Versammlung der Volksvertreter, die den Präsidenten zu wählen hatte, bestand aus unterschiedlichsten Gruppierungen, die keineswegs einheitliche Interessen vertraten. So wollte etwa der Sprecher der Neger bei der ersten Präsidentenwahl neuer Rechnung auf keinen Fall dulden, daß der neue Präsident ein Homosexueller würde, während der Vertreter der Legastheniker (ein tiefkonservativer Südstaatler) darauf bestand, daß kein Farbiger Präsident werden dürfte. Aber der Ausschuß fand auch dafür eine Lösung, indem er bestimmte, daß diejenige Person Präsident werden solle, die am meisten Ausgleichspunkte vom Ausschuß erhalten habe.

Ich besuchte eine der berühmten Universitäten des Landes und war begierig, von dem Dichter Shraksber und dem Philosophen Arisiton zu hören, Landeskindern, von deren Ruhm ich schon bei den Eboniern allerlei vernommen hatte. Doch entrüstet belehrten mich die Professoren, daß die Werke von Shraksber und Arisiton schon seit langem, genauer, seitdem der Ausschuß seine Arbeit aufgenommen habe, nicht mehr gelehrt würden. Statt dessen aber könne ich gerne der Aufführung eines nahezu authentischen Regentanzes beiwohnen, den die besten Gelehrtinnen aus alten Manuskripten mühsam rekonstruiert hätten und der seither als der Gipfel der hiesigen Kunst gelte, neben einem unlängst gehäkelten Tischdeckchen.

Auch den berühmten Teilchenbeschleuniger Gonfusias konnte ich leider nicht mehr mit eigenen Augen sehen, sondern nur noch nach einer Strichzeichnung, die eine blinde, staatlich subventionierte Malerin angefertigt hatte, der Teilchenbeschleuniger war nämlich vor kurzem abgerissen worden, sein Platz nahm nun ein Cafehaus ein. Führende Feminismusforscherinnen hatten unlängst herausgefunden, daß die Idee, Teilchen möglichst extremer Größe bei möglichst hoher Geschwindigkeit gegeneinander knallen zu lassen, eine typische Verirrung weißer heterosexueller Männer sei. Für den Alltag der Menschen viel wichtiger sei es vielmehr, das Verhalten normal großer Teilchen bei normaler Geschwindigkeit zu beobachten, und zwar dann, wenn diese Teilchen nicht sinnlos aufeinander prallten, was gewiß für die Teilchen recht schmerzlich und unmenschlich sein müsse, sondern wenn sie zusammen mit einer guten Tasse Kaffee verspeist würden.

Ich äußerte ein wenig die Besorgnis, ob bei dieser Blüte der Künste und Wissenschaften denn noch Kraft und Aufmerksamkeit für die Landesverteidigung übrig bleibe. Doch auch dafür, so belehrten mich die Eingeborenen, habe der Ausschuß auf die bestmögliche Art und Weise gesorgt, und stolz präsentierten sie mir ein Bataillon armloser Pioniere, Kampfschwimmer in Rollstühlen, blinde Bomberpiloten und ehemalige Psychoanalytiker als Feldwebel. Ob denn, wollte ich wissen, im Ernstfall die blinden Bomberpiloten überhaupt den Weg zum...“



17.3.2002





Iris die Elfe und Gerda die Riesin belagern die Burg der scharfsinnigen Räuber. „Kommt raus, ihr Feiglinge, oder wir schleifen euch an euren Eiern raus“ kreischt Iris. Emil und Achmed, die beiden dümmsten der scharfsinnigen Räuber, stürmen heraus und wollen Iris massakrieren. Bei ihrem Anblick stocken sie. „Hohoho“ sagt Emil. „Hahaha“ sagt Achmed. „Hihihi“ sagen beide, „was willst du Winzling uns denn antun?“ „Eure Frechheit wird euch schon noch leid tun, wenn ich mit euch fertig bin, ich steck euch den Kopf in den Arsch und zieh euch die Zunge durch die Därme und verknote sie mit euren winzigen Mäusepimmeln“ tobt die zarte Elfe. In diesem Moment kracht Gerdas Knüppel herab und zerquetscht Emil und Achmed zu Brei. „He, was soll das“, empört sich Iris, „meinst du vielleicht, mit den beiden Schmalwichsern wäre ich nicht alleine fertig geworden?“ „Entschuldigung“, sagt Gerda, „wir wollen nicht streiten und lieber in die Burg eindringen.“

Später, als sie unten am Fluß ihr Lager aufschlagen, fragt Iris ihre Gefährtin: „ist dir auch so kalt?“ „Es ist in der Tat etwas frisch heute abend.“ „Warte, ich wärme dich“. Und die Elfe klettert der Riesin auf den Bauch und umfaßt sie, soweit ihre Ärmchen reichen. Die Riesin legt ihre Hand vorsichtig auf Iris, und recht eigentlich ist es eher die Riesin, die die Elfe wärmt, als umgekehrt. Für einen Moment lächelt Gerda, dann schließt auch sie die Augen.



18.3.2002





Wir labern/

doof rum/

auf mehreren Zeilen.





Nochmals zum Paradigma, genauer, zum Parádigma: hätte früher jemand die Gewalt einer besonders eindrucksvollen sexuellen Erfahrung schildern wollen, so hätte er womöglich als Modell der Beschreibung auf mystische Erfahrungen zurückgegriffen. Heute dagegen können wir eine mystische Erfahrung kaum anders beschreiben, denn als ein Erlebnis, vergleichbar einem heftigen Fick. Sieht so aus, als handle es sich um einen Paradigmenwechsel.





Eine Geburt ist weniger schlimm als eine Prüfung.



19.3.2002





Remixes:

Du siehst mir ähnlich, und du bist wunderschön. Darf ich diesen Syllogismus annehmen?

Byzantinischer Remix:

„Ihr Nachfahren einer syphilitischen Nebenerwerbshure, im Hauptberuf Sachbearbeiterin eines Nebenzollamtes, ihr rachitischen Bettnässer, ihr geistig totalvergreisten Dünndenker, ihr quarkfressenden Schnürsenkelnichtknotenkönner, ihr Blödbuben, ihr Doppellinkshänder sodomitische schwanzschleckende arscherforschende, ihr Superseppl, ihr Kretins, ihr Vollkartoffeln, ich zerstampfe euch, ich zertrete euch, ich zerreiße euch in kleine Fetzen und verkaufe eure Trümmer an eine Tierkörperverwertungsanstalt, ich versenke eure Nase in eurem Magen, ich verknote euch eure Ohren, ich reiße euch die Augäpfel mit bloßen Fingern aus, ich metzle eure Mikropimmel in hauchdünne Scheiben, ich schneide euch den Kopf ab, ich pfähle euch, ich würge euch, ich schleif euch an den Haaren, ich reiß euch alle sechs Gliedmaßen ab, ich piß euch in den Mund, ich zermahle eure Kadaver zu Staub, ihr Vollsupertrottel, es wird euch noch leid tun, euch in die Existenz gewagt zu haben, ich schlitz euch den Bauch auf“, kreischte Iris, „Töten! Blutrausch!“

Zeitgenössischer Remix:

Moderne Kunst

ist irgendwie

nicht so richtig nachhaltig

ich meine

da stehen immer Riesenteile rum

jeder Künstler braucht einen ganzen Raum für sich

wo soll das enden

und auch die Dichter

gehen recht verschwenderisch

mit Zeilen-

um-

brü-

chen

um





Wir werden nichts besser machen. Aber vieles genauso.





Lustig sind auch Spam-Emails, die mir erklären, daß sie gar kein Spam seien. Sie würden mir nämlich geschickt, weil mein Name auf irgend einer Liste eingetragen worden wäre. Falls damit nicht eine kommerziell erhältliche Adressenliste gemeint sein soll, ist das eine Lüge, aber selbst wenn jemand mich manuell in eine Rezipientenliste eingetragen hätte: jede Nicht-Spam-Liste verschickt zuerst eine Email, die um eine Bestätigung bittet, ehe sie jemand als Rezipienten akzeptiert. Eigentlich sind diese Spam-Emails nicht lustig, sondern unverschämt.



20.3.32002





Drei Beispiele für Lektüreanfänge, an denen ich bei Grünbein gescheitert bin:

Er lobt den Vergleich zwischen dem trojanischen Pferd und dem plombierten Zug Lenins als besonders gelungen. Aber was wird denn eigentlich in diesem Gleichnis auf was abgebildet? Die Deutschen schicken etwas los, das im Inneren eines Transportmittels verborgen ist und seinem Empfänger, dem Zarenreich, Unheil und Untergang bringt. Also sind die Deutschen die Achaier. Andererseits spricht Grünbein hier von einem Trick Siebzehn mit Selbstverarschung (er drückt sich etwas gewählter aus). Die Deutschen tun etwas, was sie für sehr schlau halten, so wie die Trojaner, die es für sehr schlau halten, das Pferd in ihre Stadt zu schaffen, obwohl diese Tat doch dem Kaiserreich beziehungsweise den Trojanern Verderben bringt und auf sie selbst zurückfällt. Also wären die Deutschen die Trojaner?

Grünbein beklagt sich über die Enge seiner Berliner Wohnung, in der er nach zwanzig Metern vor einer Wand stehe. Wenn ich in meiner Wohnung in einer beliebigen horizontalen Richtung zwanzig Meter weitergehe, stehe ich entweder im Freien, in der Nachbarwohnung, oder in der übernächsten Wohnung. Und meine Wohnung besitzt nicht einmal die hohen Decken, die Grünbeins einziger Trost sind. Und zu Dritt können wir uns nicht einmal eine größere Wohnung leisten.

Grünbein beklagt sich bitterlich über das harte Los, ein Mann zu sein. Das heißt, wiederum drückt er sich vornehmer aus und spricht vom Y-Chromosom, es muß ja heutzutage immer gleich das Chromosom und das Gen sein, so, als sei es vor Mendel gar nicht möglich gewesen, über das eigene Los zu klagen. Aber ein Mann zu sein, scheint mir nun eigentlich an sich kein so völlig desaströses Schicksal zu sein, es kommt doch immer darauf an, was der Betreffende damit anfängt. Homer, Einstein, Euler oder Laurence Sterne waren schließlich auch Männer und sind trotzdem recht achtbare Menschen geworden.

Überhaupt sollte, wer die Geschichte eines werdenden Vaters lesen möchte, doch statt Grünbein lieber Sterne lesen.



23.3.2002





Einige haben mir gesagt, beim ersten Kennenlernen hätten sich mich für ziemlich arrogant gehalten, dann aber entdeckt, daß ich es gar nicht sei, bloß furchteinflößend intelligent. Letzteres beruht wohl auf einer Täuschung, die ich an anderer Stelle erklärt habe (der dritte Eindruck ist daher, daß ich weder arrogant noch intelligent bin). Heute bin ich darauf gestoßen, daß auch ausgesprochen dumme Menschen unfreiwillig arrogant wirken können, nämlich dann, wenn sie versuchen, besonders freundlich zu sein, gell? Womit wir beim Thema der Käsefachverkäuferinnen wären.

Mein Supermarkt (auf den Biogemüsemarkt gehen nur die Arschlöcher, die ein luftverpestendes Auto haben, um damit dorthin fahren zu können) hat die Fließrichtung seiner Kunden geändert, statt gegen den Uhrzeigersinn sollen wir den Laden nun im Uhrzeigersinn durchströmen, aufgrund subtiler psychologischer Erkenntnisse. Dabei ist bei der Anordnung der Artikel nichts dem Zufall überlassen worden. Am Anfang das Gemüse, die Zeitschriften eher weiter hinten, das Eis zum Schluß, und die Käsetheke in der Mitte. Mir wäre es lieber, sie hätten die Käsetheke an den Anfang gestellt, dann müßte ich nicht durch den halben Laden zur Käsetheke, dann den halben Laden zurück zum Gemüse, und dann durch den ganzen Laden ans Ende, nur um zu sehen, daß die neue Spektrum noch nicht erschienen ist, und aus Kummer über letzteres ein Eis kaufen, obwohl wir doch eigentlich abnehmen wollen, nicht wahr, außer dir, meine Süße, du sollst zunehmen und gedeihen. Denn zur Käsetheke gehe ich zuerst, wie die Christen, die zuerst das Unangenehme durchleben (das Diesseits, die Käsetheke) und sich das Angenehme für Später aufsparen (das Jenseits, Tiramisu-Eis).

An der Käsetheke gibt es drei mögliche Fälle:

Die einzige kompetente Verkäuferin ist da. Sie kennt mich, mit dem Gespür einer Frau, die selbst Mutter ist, hat sie von unserer Tochter erfahren, und sie weiß auch, daß ich dreihundert Gramm mittelalten Gouda am Stück will, ehe ich den Mund aufmachen kann.

Eine der übrigen Trottel ist da. Sie schneidet zweihundert Gramm ab. Hilfesuchend will sie wissen, ob das in Ordnung ist. Mit lindem, geklärtem, abgespültem, weichgekochtem, mildem, buddhagleichem Gemüt dulde ich es. Als nächstes schneidet sie dann statt der verlangten zweihundert vierhundert Gramm Etorki ab. Da Etorki nicht eben billig ist, weder finanziell noch diätetisch, und wir uns ja, wie gestern erwähnt, unsere Wohnung gerade so eben leisten können, und wir außerdem, wie heute erwähnt, abnehmen wollen, bestehe ich auf den zweihundert Gramm. Der nächste Versuch landet bei dreihundert Gramm. Gut genug, beschließe ich, und will meinen schweizer Emmentaler in Scheiben.

Die Rußlanddeutsche des Grauens ist da. Zuerst sucht sie den Käse. Dann, eine Schlange bildet sich hinter mir, sucht sie auf der Waage die Tastenkombination für den Käse. Da das nicht gelingen will, sucht ihr Blick nach einer hilfreichen Kollegin. Aber, oh wehe, wir sind ganz auf uns allein gestellt.

Vielleicht besteht das Problem darin (abgesehen von dem Problem, daß viele Rußlanddeutsche in Deutschland nicht ihre erlernten Berufe ausüben können, aber die meine hat wohl auch in Rußland nichts ordentliches gelernt und gekonnt), daß den Menschen blödsinnige Wünsche in den Kopf gesetzt werden. Alle wollen sie Modells, Filmschauspieler, Maler, Schriftsteller, Photographen, Sänger oder Fernsehmoderatoren werden. Da muß der Beruf einer Verkäuferin natürlich als ein Scheitern, als ein mißlingendes Leben, als uneigentliches und falsches Leben empfunden werden. Niemand kann gerne Käse verkaufen, der glaubt, eigentlich Modell oder Schauspielerin oder Sängerin sein zu müssen, um etwas zu sein. Und dabei wollen sie noch nicht einmal einfach Fotomodell sein, nein, sie wollen ein Supermodel sein, ein Superstar. Da ist es natürlich schwierig, sich zu merken, welcher Tastenkombination Etorki zugeordnet ist, oder überhaupt nur die Existenz dieser Käsesorte wahrzunehmen. Richtig klein und häßlich werden sie dadurch.

Aus dem nämlichen Geist heraus fällt es diesen Menschen schwer, sich zu binden: denn der Partner muß natürlich ein Toptraumpartner sein. So bleiben sie allein, oder sie sind wiederum unzufrieden: nicht nur mit ihrem Aussehen und ihrem Beruf, sonder auch ihrer Beziehung.





Gespräche in der Straßenbahn: ein autodidaktisch gebildeter Mann versucht einer Frau, anscheinend einer flüchtigen oder neuen Bekanntschaft, das Universum zu erklären, insbesondere, daß unser Sensorium „Schrott“ sei, verglichen etwa mit der Gehör der Fledermäuse . Ich aber wünsche mir in diesem Moment, ich wäre taub.

Ein paar junge Burschen unterhalten sich über ihre Piercings und deren sachgerechter Pflege. Männer sind genauso eitle Körperfetischisten wie Frauen.





Benutzer von Netscape 6.2.1 beklagen sich über das Fehlen des „Orbital“-Designs, das mit Netscape 6.0 noch funktioniert hatte, nun aber nicht mehr. Warum benutzen sie denn nicht einfach Mozilla 0.9.9? Es ist der selbe Browser, nur, daß der Installationsdownload kleiner ist, die Unterstützung für MathML besser, und daß die neueste Fassung von Orbital funktioniert.



23.3.3002





Ein bißchen schade, daß du neben „Agik“ (selten) und „Aru“ (selten) vor allem „Bwww“ (häufig) sagst, also ein Phonem, das sich im späteren Leben nicht unbedingt häufig verwenden läßt. Vermutlich mein schlechtes Vorbild.





Alle Unionsministerpräsidenten haben ihre Empörung bloß gespielt, außer Roland Koch.

Auszug der unionsgeführten Länder aus dem Bundesrat
„Delacroix: Die Unionsgeführten Länder verlassen den Bundesrat“





Eigentlich war Don Juan recht froh über den Anblick des steinernen Gastes. Hatten doch die Ratsmitglieder ihm heftige Vorwürfe gemacht, das Standbild des Domteurs, das Don Juan im Auftrag und auf Kosten der Stadt (mit einer beachtlichen Gewinnspanne für den Don) errichten mußte, sei „nahezu, ja quasi völlig schief aufgestellt“ und „unübersehbar auch gar nicht, wie verabredet und vertraglich vereinbart in der Mitte der Plaza plaziert“, ja, „offen gesagt eine Schande“ und müsse bis morgen früh, „spätestens bis zum ersten Hahnenschrei“ wieder „komplett richtig und gerade, zumindest aber in der Mitte“ aufgestellt werden. Nun tat sich für dieses Problem eine unerwartete Lösung auf. Mit jovialem Grinsen eilte Juan dem unerwarteten Gast entgegen. „Sie sind wahrscheinlich ziemlich sauer auf mich, Herr Domteur“, nahm Juan ihm den Wind aus den Segeln, „aber versuchen sie es doch einmal so zu sehen...“



27.3.2002





Unvoreingenommen betrachtet, ist der Film „Metropolis“ nichts weiter als krachender Kitsch, und genau so wurde er von der Mehrzahl seiner Zeitgenossen wohl auch aufgefaßt, der Film wurde nämlich ein Flop. Nur irgendwann muß er sich als „Meilenstein“ festgebissen haben, denn inzwischen gilt er als Klassiker, den zwar niemand gesehen hat, aber doch jeder für künstlerisch ungemein wertvoll und bedeutend hält. Dagegen wirklich ein guter Film und noch immer sehenswert ist Caligaris Kabinett.



29.3.2002





Osterspaziergang

Keine Krokusse,

statt dessen Gänseblümchen

und bald Löwenzahn.

Nichts bleibt. Die Zeit schläft nicht.

Mühelos tötet sie uns.





Weiterer kurzer Beweis, daß Gott nicht existiert:

Würde Gott existieren, dann hätte das Jahr genau 336 Tage statt 365,2425, jeder Monat würde genau 28 Tage dauern, der Monatserste wäre stets ein Montag, und an den Straßenecken würden Zeugen Jehovas Traktätchen verkaufen, die belegen, daß all dies unmöglich ein Zufall sein kann, sondern auf eine planerische Intelligenz hindeutet.



31.3.2002





Weiteres Beispiel, daß das Sexuelle ein Parádigma unserer Zeit ist: wenn von Kindesmißbrauch die Rede ist, ist in der Regel der sexuelle Mißbrauch gemeint, welcher zweifellos eine schreckliche Scheußlichkeit ist, aber doch kaum schrecklicher als sonst eine Gewalt gegen Kinder, wenn etwa ein Kind beinahe zu Tode geprügelt wird oder tatsächlich zu Tode geprügelt wird, was aber eben nicht so spektakulär, nicht so sensationell, nicht so paradigmatisch ist wie sexuelle Gewalt.

Noch ein anderes ignoriertes, der emotionale Mißbrauch der Kinder. Wenn etwa ein Elter mit einem Kind schmust, nicht etwa, weil das Kind der Zärtlichkeit bedürfte, sondern umgekehrt das Elter, weil ihm einsam und trostbedürftig ist. Vermutlich den meisten Eltern geschieht das einmal, und wenn es einmal geschieht, scheint auch kaum etwas verwerfliches daran (warum sollten nicht auch einmal Kinder ihre Eltern trösten?), aber wenn es regelmäßig geschieht, ist es doch ein Mißbrauch des Kindes (der beispielsweise das Kind daran hindert, sich von den Eltern zu lösen, weil dann das Lösen von den Eltern mit Schuld beladen ist, wenn die Eltern des Kindes zu ihrem Trost nötig haben). Du meine Süße, meine Schöne, nicht meine Einzige, nicht mein Trost.



3.4.2002





Nanogolf: Wenn wir Golf mit einem sehr, sehr kleinen Golfball spielen, können wir auf den Abschlag verzichten. Die Luftmoleküle werden den Golfball so heftig anrempeln, daß er sich in Richtung einer brownschen Bewegung auf eine zufällige Irrfahrt machen wird, wobei er zwangsläufig früher oder später fast sicher in eines der Golflöcher purzeln wird. Sobald der Golfball in einem der Golflöcher ist, kommen quantenmechanische Effekte zum Tragen, wenn wir nämlich nur lange genug warten, dann wird der Golfball sich von selbst wieder aus dem Golfloch heraustunneln. Anschließend wird die brownsche Bewegung bis zum nächsten Loch fortgesetzt.

Es ist freilich nicht davon auszugehen, daß der Golfball auf seiner Irrfahrt automatisch als erstes das erste Loch des Parcours ansteuern wird. Gehen wir von n Golflöchern aus, und gehen wir, für eine erste grobe Abschätzung, davon aus, daß die Wahrscheinlichkeit, daß der Golfball gerade in das i-te Loch stürzt, 1/n beträgt. Die Wahrscheinlichkeit, daß der Golfball alle n Löcher nacheinander in der richtigen Reihenfolge aufsucht, betrüge demnach gerade n-n. Bei 18 Löchern bedeutet das, daß der Ball die Löcher in der richtigen Reihenfolge nur in einem von 39.346.408.075.296.537.575.424 Fällen aufsucht (also rund alle neununddreißig Trilliarden Male ein Mal). Wenn wir jeden Tag genau eine Partie Nanogolf spielen, dann würde uns alle hundert Trillionen Jahre einmal eine Partie gelingen, was nur läppische fünf Milliarden mal mehr ist, als das Universum alt ist. Je nach Größe des Golfplatzes, der Entfernung und der Tiefe der Golflöcher würde es natürlich wesentlich länger als einen Tag dauern, um eine Partie zu beenden. Zu beachten ist auch, daß unsere Schätzung auf der Grundlage einer Gleichverteilung vermutlich zu optimistisch ist: wenn der Golfball durch Tunnelung das i-te Loch verlassen hat, dann dürfte es wahrscheinlicher als nur n-1 sein, daß das nächste Loch, indem er landet, erneut das i-te Loch ist. Eine Abhilfe könnten wir schaffen, wenn wir das erste Loch recht tief machen, das zweite Loch etwas weniger tief, das dritte Loch noch weniger tief, und so weiter, wenn wir dafür sorgen, daß die Löcher sehr, sehr nahe beieinander liegen und wenn wir alle Löcher bis auf das erste sorgfältig abdecken. In diesem Fall besteht Hoffnung, daß der Ball zunächst in das erste Loch rollt, da die anderen ja abgedeckt sind, als nächstes direkt vom ersten in das zweite Loch tunnelt, da dieses ja näher ist als die Erdoberfläche, und so weiter. In jedem Fall bräuchte jeder Spieler, ob Anfänger oder Profi, lediglich Null Schläge für den ganzen Platz.



4.4.2002





Eine Springspinne, vielleicht halb so groß wie ein Marienkäfer, die aber ohne weiteres Distanzen von zwei Zentimetern und mehr springend überwinden kann, krabbelt und verharrt kurz: Soll ich meinen Angebertrick anwenden oder nicht?



9.4.2002





In einer früheren Skizze habe ich erläutert, wie sich der Name eines neuen Unternehmens oder der neue Name eines Unternehmens bestimmen läßt, anhand des fiktiven Beispiels Aphasium. Hier nun der Nachtrag aus der Realität: Die CGNU, eine britische Versicherungsgesellschaft, hat beschlossen, daß sie nicht länger CGNU heißen möchte. Künftig wird sie nun zwar nicht Aphasium, aber dafür Aviva heißen. Die gut eingeführten Namen einzelner Untergesellschaften wie „Norwich Union“, „Commercial Union“ oder dergleichen werden allerdings beibehalten. Die Kosten der Namensänderung belaufen sich voraussichtlich auf etwa eine Million £. Die Herausgeberin der feministischen Webseite www.aviva.org hat bereits protestiert, daß der Name ihrer Seite von einer schnöden, von weißen heterosexuellen Männern geleiteten Versicherung gestohlen wird. Noch unübersichtlicher wird der Fall dadurch, daß es auch „Aviva Pads“ gibt, gegen Inkontinenz. Eine ziemlich oberflächliche Recherche ergab darüber hinaus rund zwei Dutzend weitere Gesellschaften oder Vereine namens „Aviva“, von der Biochipfirma bis zum Malereibetrieb, darunter auch eine Webseite für farbige jüdische lesbische Frauen aus Vancouver. Ebenfalls mißlich ist, daß das Zentralgebäude der Norwich Union nur dreihundert Meter von einer Boutique namens „Aviva“ entfernt ist. Da werden sich wohl Verwechslungen kaum vermeiden lassen. „Guten Tag, ich würde mich gerne bei Ihnen versichern.“ „Versicherungen führen wir leider nicht, aber vielleicht wollen sie ja ein Kleid aus unserer neuen Kollektion anprobieren?“ Die Zahl der attraktiven Markennamen ist von erschreckender Endlichkeit, zumindest die Zahl der attraktiven Markennamen vom Typ „Aphasium“. Bemerkenswert ist darüber hinaus, daß CGNU bergeweise Geld und externe Berater verschließen hat, ehe sie mit dem Namen „Aviva“ zu Potte kam, während die Boutiquenbesitzerin bei der Namensfindung anscheinend ganz ohne externe Berater auskam.



11.4.2002





Mathematik und Melancholie: Stellen wir uns sieben Punkte vor, die auf der Oberfläche der Einheitskugel herumlungern. Um einen Punkt p können wir mit Radius r einen Kreis schlagen. Sei A(p) das Supremum aller Abstände r, so daß der Kreis mit Radius r um p keinen weiteren der sieben Punkte enthält. Sei, für eine bestimmte Verteilung v der sieben Punkte auf der Oberfläche, K(v) das Minimum von A(p) aller sieben Punkte. Sei schließlich M(7) das Supremum von K(v) für alle Verteilungen v. Anders ausgedrückt: die sieben Punkte sollen so verteilt werden, daß ihr Abstand untereinander maximal wird. Wie groß ist M(7)?





Ich weiß nicht, liebe Leserin, ob dich meine Berichte aus dem alltäglichen Leben langweilen, du wirst ja wohl selbst ein alltägliches Leben haben. Die ganze Zeit war es so, daß in meinem Supermarkt die Zehnerschachtel Eier von freilaufenden Hühnern genauso teuer war wie die Sechserschachtel, was meiner bescheidenen Meinung nach einige ökonomische Theorien in größere Verlegenheit stürzt. Heute nun war es so, daß die Zehnerschachtel billiger war als die Sechserschachtel.



12.4.2002





Die Versöhnung zwischen Deutschen und Palästinensern schreitet zügig voran.



14.4.2002





Was genau darf ich mir eigentlich unter „großzügigen 83 qm“ vorstellen? Etwa „84 qm“? Oder 83 Quadratmeter, die öfters mal einen ausgeben?





Daß einige Westler sich für fernöstliche Heilslehren interessieren, kann ich zur Not noch halbwegs verstehen, das Christentum ist halt keine besonders großartige Angelegenheit. Warum aber ausgerechnet die tibetanischen Spielarten des Buddhismus sich derartiger Beliebtheit erfreuen, ist doch eher erstaunlich. Schließlich ist doch kaum eine Form des Buddhismus derart von Aberglauben und esoterischem Unsinn befallen wie die verschiedenen tibetanischen Sekten. Es mag ja sein, daß Tibeter grausam von der chinesischen Besatzung unterdrückt werden, es mag auch sein, daß dem Dalai Lama einiges Verdienst zukommt, eine blutige tibetanische Intifada verhindert zu haben, aber Unterdrückung, Verfolgung oder Leid können doch eine mißglückte Metaphysik nicht retten.

Die viel gelobte Gewaltlosigkeit der Buddhisten gilt im übrigen auch nur mit Einschränkungen: nämlich wenn wir großzügig über sich bekriegende konkurrierende Kloster hinwegsehen, wenn wir den Welteroberer Asoko vergessen und wenn wir leugnen, die Aum-Sekte könne irgend etwas mit dem Buddhismus zu tun haben. Murakami etwa behauptet, der wesentliche Unterschied zwischen Aum und Buddhismus bestehe darin, daß Aum das Selbst der Menschen habe auslöschen wollen, während es im Buddhismus um die Befreiung des Selbst gehe. Deshalb, weil ihr Selbst zerstört worden sei, hätten die Mitglieder von Aum als willenlose Befehlsempfänger handeln können. Nun ist es wohl wahr, daß vieles in den Predigten Buddhas ein autonomes Subjekt als Adressaten voraussetzt, das die Lehre kritisch prüft und zu eigener Einsicht fähig ist. Andererseits begründet die Unterteilung in Befreite und Verhaftete zwangsläufig eine Autorität der Befreiten, die von seiten der Laien nicht angegriffen werden kann: die Erleuchteten wissen Bescheid, die übrigen nicht. Und im Kern der Sache: selbstverständlich zielt der Buddhismus nicht darauf ab, das Selbst zu zerstören. Statt dessen geht es darum, inne zu werden, daß es ein Selbst nicht gibt. Dementsprechend konnte Hui-Neng auf das Gedicht „Der Körper gleicht dem Baum der Erleuchtung,/ das Herz ist ein klarer Spiegel./ Beständig und eifrig sollst du ihn fegen,/ daß kein Stäubchen an ihm haften bleibt“ berechtigterweise antworten: „Im Ursprung gibt es keinen Erleuchtungsbaum,/ und nirgendwo steht ein klarer Spiegel./ In Wahrheit ist kein Ding vorhanden,/ woran sollte Staub wohl haften?“. Aber dies ändert nichts daran, daß auch in den orthodoxen buddhistischen Sekten oft gewalttätige Methoden verwendet werden, um die Innewerdung des illusorischen Charakters des Selbsts zu beschleunigen, und daß dabei Autoritätsgefälle eine Rolle spielen – die Leserin vergegenwärtige sich etwa die zahllosen Anekdoten über Rinzai, der seine Schüler vor allem durch Prügel zur Einsicht zu bringen suchte.

Zum Schluß noch eine Verteidigung des Budddhismus gegen einen ungerechten Vorwurf. Die buddhistische Metaphysik erweckt den Eindruck eines geschlossenen Kreislaufs mit einem Leck: die Wesen werden wiedergeboren, aber einige gehen durch Erleuchtung verloren, so daß eigentlich nach und nach das gesamte Universum austrocknen müßte. Tatsächlich ist eben das das Ziel des Mahayana: nicht zu ruhen, bis alle Wesen erlöst sind. Nun sind die frühen Texte des Buddhismus sehr skeptisch gegenüber jeder Metaphysik und vermeiden ohnehin jede Aussage darüber, ob die Welt ewig und unveränderlich oder nicht ewig ist. Darüber hinaus beweist aber der Einwand des Lecks im Kreislauf lediglich die mangelnde Phantasie derjenign, die diesen Einwand vorbringen: es ist ohne weiteres möglich, daß in jedem beliebigen Zeitintervall unendlich viele Wesen durch Erlösung dem Kreislauf entzogen werden und trotzdem die Zahl der Wesen nicht abnimmt.

Denken wir uns die Wesen durchnummeriert: das erste Wesen, das zweite Wesen, das dritte Wesen und so weiter. Nun lassen wir ein Jahr vergehen (oder eine Millisekunde, oder ein Äon). Innerhalb dieses Zeitraums werden alle Wesen erlöst, die eine ungerade Nummer haben, also das erste Wesen, das dritte Wesen, das fünfte Wesen und so weiter. Die verbleibenden Wesen werden nun von uns neu nummeriert: das zweite Wesen bekommt neu die Nummer Eins, das vierte Wesen die Nummer Zwei, das sechste Wesen die Nummer Drei, das achte Wesen die Nummer Vier, und so weiter. Jedes Jahr wiederholen wir dieses Verfahren.

Dadurch ergibt sich folgendes: jedes Jahr werden unendlich viele Wesen erlöst. Die Zahl der Wesen wird dadurch aber nicht kleiner. Für jedes Wesen können wir angeben, nach wie vielen Jahren es erlöst werden wird. So wird etwa das 31.568ste Wesen nach fünf Jahren erlöst. Wir wissen auch, nach wie vielen Jahren jedes Wesen im Durchschnitt erlöst wird: nämlich nach zwei Jahren.

Für ein Universum, das nach diesem Schema konstruiert ist, können wir die Halbwertszeit angeben, also den Zeitraum, für die für ein beliebiges Wesen die Wahrscheinlichkeit, sich zu befreien, gerade ein Halb ist. In unserem Beispiel beträgt die Halbwertszeit gerade ein Jahr, aber die buddhistische Metaphysik wird vermutlich wesentlich längere Halbwertszeiten als realistischer bevorzugen. Der Erwartungswert der verbleibenden Lebensdauer beträgt gerade das doppelte der Halbwertszeit, nimmt allerdings niemals ab. Das Universum schrumpft, ohne abzunehmen.



17.4.2002





Nach Steinzeit, Bronzezeit, Eisenzeit, Siliziumzeit und dergleichen treten wir nun ein ins Aufmerksamkeitszeitalter, in dem Aufmerksamkeit die entscheidende Ressource ist. Deshalb ist das Verschicken von Spam ein großes Verbrechen: weil es eine widerrechtliche Aneignung von Aufmerksamkeit ist. Deshalb ist Privatfernsehen nicht wirklich kostenlos: dort wird mit Aufmerksamkeit bezahlt, indem die Zuschauer Werbeblöcke erdulden müssen. Oder umgekehrt: das Privatfernsehen erkauft sich die Aufmerksamkeit, indem es mit Programm bezahlt.

Daß die umgekehrte Betrachtung die richtige ist, erkennen wir an den Schwierigkeiten des Bezahlfernsehens. Das Prinzip des Bezahlfernsehens ist: bezahlt das Programm mit Geld statt mit Aufmerksamkeit. Aber warum sollte jemand auch noch Geld dafür ausgeben, daß er seine Zeit mit Fernsehen verschwendet?

Im übrigen betrügen die Zuschauer, indem sie die Werbung gar nicht aufmerksam betrachten.

Die Werbewirtschaft ist in einem Wettrüsten begriffen: es gilt, die Konkurrenten zu übertrumpfen und die Aufmerksamkeit zu erringen, das Auge zu fangen. Aber nicht nur die Werbewirtschaft, und überhaupt sind alle am werben. Worte, die Steigerungen oder Superlative bezeichnen, werden verbraucht und verschließen und durch neue, stärkere Worte ersetzt (weshalb jeder Provinzschnulzensänger nicht nur ein Star ist, nicht nur ein Superstar, sondern mindestens ein Megastar, und dieses Wort ist wohl auch schon längst überholt und veraltet). Deutsche Worte werden durch englische oder pseudoenglische oder pseudolateinische oder alberne ersetzt, Begriffe werden aufgemotzt, auf daß sie ans Internet gemahnen (siehe das oben erwähnte „bahn.comfort“). Anführungszeichen bezeichnen nicht länger Zitate, sondern Steigerungen.

Ist ein Wort mit einer sexuellen Bedeutung oder Nebenbedeutung infiziert, ist es an sich für jede andere Bedeutung verloren – die Steigerungssprache ist die einzige, die selbst ein solches Wort noch retten kann. Beispielsweise war das Wort „geil“ von dem Moment an, von dem es auch eine sexuelle Bedeutung hatte, für jeden Gebrauch in einem nichtsexuellen Kontext verloren. Dann aber wurde es in den Dienst der Steigerung gestellt und hat inzwischen eine völlig neue Bedeutung, die längst nicht mehr auf die Jugendsprache beschränkt ist, denn Jugendliche verwenden dieses Wort längst nicht mehr und haben ganz andere Worte. Es sind auch nicht die Jugendlichen die einzigen, die die Steigerungssprache vorantreiben: das Wort „fett“ war (nachdem es nicht länger „dick/mit hohem Fettgehalt“ bedeutete) ursprünglich in der Jugendsprache ein differenziertes Wort für eine recht spezifische Eigenschaft, ehe es von der Steigerungssprache aufgegriffen und okkupiert wurde und nun etwa im selben undifferenzierten und grobschlächtigen Sinn wie „geil“ gebraucht wird, das heißt, unter vollständigem Verlust seiner ursprünglichen Nuancen (denn ein „fetter Klang“ bezeichnete ursprünglich nicht einfach nur einen „gefälligen Klang“).

Der Aufmerksamkeitskrieg und seine Folgen schneiden uns von unserer Vergangenheit ab: da die Worte ständig ihre Bedeutung verschieben, werden alte Texte unverständlich, ebenso wie alte Musik — was früher eine Schlußkadenz war, ist heute ein gewöhnlicher Akkord; der Tritonus, bei Bach noch Ausdruck gestörter göttlicher Ordnung, wird heute als neutral verstanden, da wir an weit stärkere Reizmittel gewohnt sind — ebenso wie alte Bilder und Plastiken: wer kann denn heute noch nachvollziehen, daß die archaische Skulptur eines Kriegers, der lächelnd zu Boden sinkt, höchstes Leid ausdrückt, wenn wir heutigen es doch gewohnt sind, Leid durch die fürchterlichsten Fratzen dargestellt zu sehen? Gleichzeitig aber schneidet der Aufmerksamkeitskrieg uns von den Möglichkeiten ab, Differenzen und Nuancen darzustellen: was sich in einer vollständigen Sprache sagen und denken läßt, läßt sich in eine Aufmerksamkeitsjagdsprache nicht immer übersetzen.

Kehrt um! Tut Buße!

Oh Schreck, hoffentlich geht dieser Anfall von Kulturpessimismus bald wieder vorbei.

Wir wollen es versuchen:

Zunächst einmal: jeder Mensch spricht in seiner Muttersprache nicht nur eine Sprache, sondern mehrere, zumindest verwendet er mehrere Lexika, manchmal aber sogar verschiedene Grammatiken. Den vorangegangenen Satz etwa könnte ich folgendermaßen formulieren:

„Merket: Ein jeglicher Mensch spricht, wofern er sich der Sprache seines Landes befleißigt, nicht nur eine Sprache allein, vielmehr spricht er viele Sprachen zugleich, er gebrauchet mancherlei unterschiedliche Wortsammlungen, gelegenenfalls aber auch bildet er Sätze bald nach diesen, bald nach jenen Regeln.“

„Also, erstens: wenn jemand was sagt, dann kann er das nicht nur soundso sagen, sondern ich denke, jeder Mensch hat ganz verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung, es entweder soundso oder soundso zu sagen, also irgendwie so, als ob er ganz verschiedene Sprachen sprechen würde, ich meine, es ist so, als ob jemand, der Deutsch spricht, dabei von Fall zu Fall mal das eine Vokabular benutzt, mal das andere, außerdem kann es aber sogar auch sein, je nach Kontext benutzt jemand sogar mal diese Grammatikregeln, mal andere.“

„2.1 Ein natürlich auftretendes Sprachkonglomerat läßt sich auffassen als Aggregat mehrerer unabhängiger Sprachen, die verschiedene Lexika besitzen und sich teilweise auch in der Syntax unterscheiden, wobei ein nativer Sprecher kontextabhängig aus diesem Aggregat die kontextadäquate Sprache selektiert.“

„Hört mal zu, wenn ihr wissen wollt, wie ich das sehe: eine deutsche Sprache gibt’s gar nicht, sondern Hochdeutsch oder Dialekt oder Kanaksprach, es gibt das Deutsch von den Nachrichtensprechern und irgendwelchen mittelalterlichen Pomp und Prunk und es gibt das, was jemand kurz mal in einem Chat schreibt, und wenn du eine Bewerbung schreibst, dann nimmst du andere Worte, wie wenn du mit deinen Kumpels abhängst, und mit deinem Chef schwätzt du anders wie mit deiner Liebsten, und in einem Mantel-und-Degen-Film reden sie so, wie sonst kein normaler Mensch redet, aber verstehen kann man’s irgendwie trotzdem, und teilweise sind nur die Worte vertauscht, und in krassen Fällen sind die Sätze ganz anders gebastelt, und trotzdem ist es das selbe.“

„Baß uf: mer hot net nur aane Munart, sonnern elli Loit hon mehrere Mundarde, wo sie hin un herwechsle könne, wie sies grad brauche, ob sie jetzt vornehm schwätze oder normal oder grad en Rechner erkläre müsse oder im Deutschseminar sitze Kurs Mittelhochdeutsch fer Ofänger, je nachdem nimmscht du für aan un den selbe Kram gans unnerschiedliche Wörder un machsch aa gans unnerschiedliche Sätz.“

„Neu: mit unserer revolutionären Speech-Sprache >german.TALK< sind Sie nicht länger auf eine einzige Single-Language angewiesen, sondern mit unserem patentierten Multi-Language-Support können Sie ganz nach Belieben zwischen bis zu zehn flexiblen Sprachmodulen hin- und herwechseln, dabei können Sie verschiedene vordefinierte oder auch benutzererstellte Dictionarys auswählen, außerdem können Sie jetzt auch restriktionsfrei die Grammar switchen, um schnell und einfach Content-delivery mit maximaler Effizienz zu generieren.“

„Ich aber sage euch: möge ein Mensch die Sprache seiner Väter sprechen, so ist es ihm doch nicht möglich, für ein einzelnes Ding und eine einzige Begebenheit immer die gleichen Worte zu wählen, sondern wie es sich trifft, wie der See die Wolken spiegelt, wird er unter Räubern Räuberworte gebrauchen und Räubersätze reden, unter Vornehmen Vornehmenworte gebrauchen und Vornehmensätze reden, unter Gelehrten Gelehrtenworte gebrauchen und Gelehrtensätze reden, unter Schafhirten Schafhirtenworte gebrauchen und Schafhirtensätze reden, unter Ziegenhirten Ziegenhirtenworte gebrauchen und Ziegenhirtensätze reden, denn jedem Menschen sind für ein Ding viele verschiedene Worte gegeben, und die Worte lassen sich auf verschiedene Arten zu Sätzen zusammenfügen, gleichsam als ob eine Sprache viele Sprachen wäre.“

„Zunächst einmal: alle Menschen sprechen in ihrer Muttersprache nicht nur jeweils eine Sprache, sondern mehrere, zumindest verwenden sie mehrere Lexika, manchmal auch verschiedene Grammatiken.“

Insofern ist es nicht wahr, daß Änderungen der Sprache notwendig die Verbindung zur Vergangenheit kappt: sehr wohl läßt sich ein alter Text noch verstehen, auch wenn seine Sprache veraltet ist, die Sprache alter Texte läßt sich sogar nachahmen. Insofern ist es auch nicht wahr, daß die Sprache ihre Ausdrucksmöglichkeiten und ihre Feinheiten verliert: dort, wo es ein Bedürfnis für Unterscheidungen gibt, dort werden sie auch gemacht, vielleicht nicht in der Werbesprache, aber die Werbesprache ist eben nicht die einzige uns zur Verfügung stehende Sprache. Es mag sein, daß der Satz „sie war eine vornehme Dame“ weniger spektakulär daherkommt als der Satz „sie war eine echt total ultrahypermegairresuperkrass vornehme Dame“, aber daraus ergibt sich nicht, daß sich der erste Satz nicht trotzdem weiterhin verwenden ließe, er scheint im Gegenteil in vielen Fällen noch immer geeigneter als der zweite Satz, auch wenn im zweiten Satz die Vornehmheit der Dame etwas emphatischer, aber eben nicht unbedingt wirkungsvoller ausgedrückt wird. Der Wandel der Ausdrucksformen ist ja auch keine neue Erscheinung, wenn frühbarocke Musik sich von spätbarocker Musik unterscheidet oder wenn archaische Plastiken anders aussehen als klassische.

Darüber hinaus gilt: es ist schon wahr, daß viele um unsere Aufmerksamkeit buhlen. Wenn wir denn unbedingt wollen, können wir von einer Flut von aufmerksamkeitsheischenden Signalen, von visueller und akustischer Umweltverschmutzung sprechen, von Dauerberieselung und was das kritische Vokabular sonst noch zu bieten hat. Aber andererseits: durch die Umstellung der Währung auf Aufmerksamkeit kosten nun viele Dinge nur noch wenig oder kein Geld, die sonst sehr teuer sind. Zeitungen müßten ohne Werbanzeigen ein Vielfaches kosten, Computerprogramme, ganze Betriebssysteme, werden umsonst beziehungsweise nur um des Ruhmes und der Ehre willen geschrieben oder um Kunden für weitere Produkte anzulocken, und auch diese Zeilen hier kosten dich, liebe Leserin, kein Geld, sondern nur deine Aufmerksamkeit.





Die zitternde, kaum zu steuernde linke Hand und die zitternde, kaum zu steuernde rechte Hand lassen sich mit Mühe so bewegen, daß sie sich begegnen und einander packen können. Welch großartige Entdeckung, welch wunderbares neues Land. Beinahe zu vergleichen mit der phantastischen Entdeckung, wie sich willentlich der Laut „o“ erzeugen läßt. Womöglich weißt du gar nicht, daß du bloß eine Vorstufe auf dem Weg zum Erwachsenen bist, womöglich hältst du dich für ein vollständiges Wesen, das jüngst einige höchst überraschende Entdeckungen gemacht hat. Da ist etwa die Entdeckung, an den eigenen Fäusten zu lutschen: wie schwierig, wie mühsam war sie, wie viele Versuche und Experimente haben wir gestartet, einzelne Erfolge haben uns ermutigt, so daß uns die Sache prinzipiell möglich schien, und doch hatten wir immer wieder Fehlschläge hinzunehmen, inzwischen freilich handelt es sich um ein bewährtes, um ein etabliertes Verfahren, auf daß wir inzwischen jederzeit nach Belieben zugreifen können, beinahe ein alter Hut, sind wir nicht großartig, haben wir es nicht weit gebracht? Ist eine weitere Steigerung überhaupt denkbar? Nun gut, mit der Fußbewegung stellen wir zur Zeit interessante Strampelexperimente an, deren Ziel uns freilich noch nicht recht klar sind (wenn es denn ein solches Ziel gibt), im Prinzip aber scheint es doch so, als seien wir auf dem Höhepunkt unserer Fähigkeiten, nun gut, bei den Gesprächen, einem unserer Hauptvergnügen, sind die Möglichkeiten noch nicht ganz ausgereift, neben „Ch“, „Ga“, R“, „Bw“, „O“ und „A“ gibt es anscheinend noch mindestens ein bis zwei weitere Laute, die wir noch nicht ganz beherrschen, ansonsten aber gilt: welche Fähigkeiten sind denn überhaupt noch denkbar, die uns fehlen könnten? Aber wer kann das sagen, wo doch jeden Tag neue Möglichkeiten auftauchen? Jeden Tag eröffnen sich neue Ausblicke in weite, unerforschte Gebiete, die Fülle des Neuen ist kaum zu bewältigen, geschweige denn zu katalogisieren, nur ein Teil läßt sich erfassen.

Ach, vielleicht bist du ja doch schon ein vollständiger Mensch, mit einem vollständigen Beruf, dem schönsten, dem Beruf der Entdeckung des Neuen, auf der wunderbarsten und reichsten aller Expeditionen.

Ich weiß, deine Entdeckungen sind nicht neu, andere haben sie vor dir gemacht, sie sind gewissermaßen Kinderkram, aber an deinen Leiden und deinen Freuden ändert das nichts, nichts daran, daß dein Leben so vollständig und so groß ist wie daß eines der großen Menschen.





Achmed, der Dichter türkischer Werke, traf einmal Mampfred Brentano, den Riesen. Da sagte der höfliche Robert: „Habt ihr schon gehört, daß Dr. Wu und Iris, die Elfe geheiratet haben sollen?“ „Das kann ich nicht glauben“, sagte die wilde Sonja. Daraufhin ging Richard der Eroberer in das weiße Land. Viele Menschen starben an Fischvergiftungen.



18.4.2002





Wissenschaftler haben einen Stern entdeckt, der nur aus Quark besteht.





Neue Masche im Aufmerksamkeitskrieg: ich bekomme eine Email, die behauptet, meine Email (die ich in Wahrheit nie verschickt habe, aber vielleicht ein böser Virus in meinem Namen?) sei unzustellbar, da sie im Anhang einen Virus enthalte; es werde mir empfohlen, meinen Virenschutz auf den neuesten Stand zu bringen; falls ich zufällig gar keinen Virenschutz besitze, könne ich mich auch an die folgende Adresse wenden...





Wenn ich die konservative Theorie der Steuern richtig verstanden habe, dann verhält es sich so: wenn die Steuern gesenkt werden, dann löst das einen derartig gewaltigen wirtschaftlichen Aufschwung aus, daß die Steuereinnahmen steigen. Deshalb können gleichzeitig die Schuldenlast des Staates reduziert und die Ausgaben erhöht werden. Voodoo.



19.4.2002





Alle Aliterationen, Anaphern als albern abtun: bestimmte Besprechungen benutzen beginnenderweise besondere Buchstaben. Die Durchdringbarkeit der Daten dadurch deutlich dezimiert, dichte Dunkelheit durchwuchert die Dichtung. Es ergibt erwähnenswerte Effekte, freilich fürchterlichster Form: Gestammel, Gestotter, hilfloses Herumtasten, heilloses Haschen hypertrophierter Ismen ist immer irgendwie jeglicher jammernder Kunstform Kennzeichen. Konsonantisches Lallen liefert literarische Manierismen modischer Machart, meist minderwertige, mal mehr, mal nochmehr, niemals neiderregend nennenswert. Ordnung, oft praktisch, plausibel, peinvolle penible Qual, quasi Quatsch, regrediert rasch rückwärts: Rauschen sucht summend seinen Sinn, sorgfältig sowie seltsam synchron, trotzdem total unsinnig und ungeheuer ungefällig und verwirrend, voller Verboten, Weglosigkeiten, Wahnsinn. Zustimmung?



24.4.2002





Parteien zur Wahl:

SPD: Weiterwursteln, keine Reformen, nichts anders machen, nichts besser machen.

CDUCSU: Das Blaue vom Himmel vorlügen für weitere sechzehn Jahre geistig-moralischer Wende.

F.D.P.: Klassische Klientelpartei, aus obskuren Gründen liberal genannt.

90 Grüne: Der bewaffnete Arm der Friedensbewegung.

PDS: Ehemalige NVA-Offiziere für Frieden und Menschenrechte.

DVU, NPD, Reps et al.: Eigentlich finden wir Ausländerklatschen gar nicht gut, oder zumindest sollten wir das wohl besser öffentlich nicht so direkt zugeben.

Bleibt wohl nur die Naturgesetzpartei übrig, nicht wahr?





Die Stadtbücherei von Babylon

Der Bau der neuen Stadtbücherei von Babylon war im Gemeinderat lange Zeit umstritten. Zwar war die alte Stadtbücherei seit langem schon zu klein, um dort alle Bücher unterzubringen, doch arbeitete die Stadtbücherei seit langem mit der Universitätsbücherei zusammen und lagerte einen Teil ihrer Bestände dort aus. Die Präsenzbibliothek der Stadtbücherei war nur noch eingeschränkt verwendbar, doch wurde dieser Zustand über Jahre hinweg als nicht so unerträglich empfunden, daß das Projekt eines neuen Gebäudes für die Stadtbücherei lange verschleppt, ehe es endlich beschlossen und bewilligt wurde. Ein Wettbewerb wurde ausgeschrieben, ein renommierter Architekt konnte gewonnen werden, zügig wurde der Rohbau in Angriff genommen.

Naturgemäß waren viele der einfachen Arbeiter Ausländer, Filipinos und Thailänder vornehmlich, auch Schwarzafrikaner zum Teil, die wenigsten sprachen babylonisch, so daß auf der Arbeitsstelle ein geradezu babylonisches Sprachengewirr herrschte, dennoch schritt der Rohbau zügig voran und näherte sich seinem Ende, und es war abzusehen, daß mit dem Innenausbau begonnen werden konnte. Das bedeutete, daß die meisten der ungelernten Arbeiter hätten entlassen werden können. Doch etwas Seltsames geschah: während des Baus hatten die Arbeiter notgedrungen eine gemeinsame Sprache erlernt, nun führten sie während der Arbeit oder nach Dienstschluß erregte Debatten, und schließlich drohten sie, den bereits begonnenen Bau zu zerstören, wenn der Gemeinderat nicht ein weiteres Stockwerk (und damit zwei weitere Monate Lohn und Brot für sie) bewilligte. Zuerst war der Gemeinderat zu keinem Einlenken bereit, ein derartiges Ansinnen hatte es ja auch in ganz Babylonien noch nie gegeben. Doch die Arbeiter hatten sich auf der Baustelle verschanzt, lebten dort, ließen sich nicht vertreiben und waren zu keinen Kompromissen bereit, so daß der Gemeinderat schließlich nachgeben mußte. Doch als das nächste Stockwerk sich der Fertigstellung nahte, schien es den Bauarbeitern eine gute Idee, das, was schon einmal funktioniert hatte, noch einmal zu probieren: wieder verweigerten sie die Einstellung der Arbeit, und zähneknirschend mußte der Gemeinderat ein weiteres Stockwerk genehmigen, und dann noch eines und noch eines.

Die ursprünglichen statischen Berechnungen mußten komplett geändert werden, und die bereits gebauten Stockwerke wurden verstärkt. Illegale Einwanderer schlichen sich auf die Baustelle und wurden von der Gemeinschaft der Bauleute aufgenommen. Den Gemeinderat wäre es billiger gekommen, er hätte seine neue Stadtbücherei aufgegeben, aber wie es oft so ist: ist ein Projekt erst einmal begonnen worden, wird schlechtem Geld bedenkenlos gutes hinterhergeworfen. Schon wahr, exorbitant viel Geld war bereits für die neue Stadtbücherei ausgegeben worden, aber eben deswegen wäre es ja dumm von den Stadträten gewesen (so dachten sie), nun gerade jetzt auf den Bau des letzten Stockwerks zu verzichten, und so wurde wieder und wieder Geld für ein letztes und ein allerletztes und ein allerallerletztes Stockwerk bewilligt.

Längst war der Rohbau der Stadtbücherei das höchste Gebäude der Stadt, ja, der ganzen Welt, die kühnsten und genauesten Statiker ermittelten immer neuartigere Verfahren, ein so hohes Gebäude zu stabilisieren, immer breiter auch mußte das Fundament erweitert werden. Mehr und mehr Illegale beteiligten sich an dem Bau, die bereitwillig von den bereits am Bau Beschäftigten aufgenommen wurden, sofern sie bereit waren, ihre bisherige Sprache aufzugeben und die gemeinsame Sprache der Bauleute zu übernehmen. Die provisorischen Unterkünfte der Bauleute innerhalb des Rohbaus wurden von diesen allmählich wohnlich eingerichtet, sanitäre Einrichtungen und Elektroinstallationen wurden verlegt, Läden und Geschäfte öffneten, Frauen und Kinder zogen zu den Bauleuten, eine Schule wurde eröffnet, Regierungen wurden abgewählt und durch neue ersetzt, und immer weiter strebte der Bau gen Himmel.

So hätte dies immer weiter andauern können. Aber der Raum zwischen Himmel und Erde ist schmal und ward schließlich von dem Bau durchmessen. Das letzte Gerüst stieß an die Unterseite des Himmels an, und eine Rolltreppe wurde installiert, die von der Erde bis in den Himmel führte. Nun ließ sich der Bau nicht weiter fortsetzen, und neugierig strömten die Menschen in den Himmel. Er war leer und unbewohnt, denn die Götter waren geflohen, oder es hatte sie nie gegeben.

Spätere Zeiten überlieferten die Geschichte freilich nur unvollständig und in entstellten Zügen. Die Ungläubigkeit wollte nicht wahr haben, daß Menschen imstande sind, einen Turm von der Erde bis in den Himmel zu bauen, und alberne Legenden berichten, der Turm sei niemals fertig gestellt worden und ein Symbol der menschlichen Hybris, solcherart die wahre Geschichte auf den Kopf stellend. Denn in der Tat wurde die Stadtbücherei fertig gestellt und reicht nun bis zum Himmel. Dank der Kunst der besten Statiker steht sie noch heute. Mag sein, daß du in einem provinziellen Land in einer provinziellen Stadt wohnst, wo die Hochhäuser nur bis zu den untersten Wolken reichen, doch zeigt es provinziellen Geist zu glauben, auch die Babylonier seien gleichermaßen beschränkt in ihren Bauten. Gehe nach Babylon und überzeuge dich selbst.



28.4.2002





Gotamo zufolge zerfallen die Menschen in Selbstquäler, der Übung der Selbstqual eifrig ergeben, Anderenquäler, der Übung der Anderenqual eifrig ergeben, Selbst- und Anderenquäler, der Übung der Selbstqual und der Übung der Anderenqual eifrig ergeben, und weder Selbst- noch Anderenquäler, weder der Übung der Selbstqual noch der Übung der Anderenqual eifrig ergeben. Wenn wir Dostojewski glauben dürfen, dann gehört der russische Mensch ausschließlich dem dritten Typus an, der vierte Typus ist ihm ganz unbekannt (aber warum sollten wir Dostojewski glauben? Es geht ja in Wahrheit gar nicht um den russischen Menschen, den es ja gar nicht gibt, sondern bloß um Dostojewski selbst). Warum zum Beispiel kann Natascha nicht einfach Fürst Myschkin heiraten und mit ihm den Rest ihres Lebens glücklich und zufrieden sein? Ich gebe zu, das Buch wäre dann schon nach einem Viertel zu Ende, aber selbst mit einem Viertel seines Umfanges wäre es doch immer noch ein recht stattlicher Roman.





Idee für den Plot eines James-Bond-Filmes: am Anfang eine wilde Aktionszene mit beeindruckenden Stunts, bei denen Bond nur haarscharf mit dem Leben davonkommt, wobei die Szene mit dem Rest des Filmes handlungsmäßig nicht das Geringste zu tun hat. Dann die Andeutung einer verzwickten Verschwörung. Bond wird mit einigen Spezialwaffen ausgestattet, die er unbedingt fünf Minuten später einsetzen muß (denn dem Zuschauer kann kaum zugemutet werden, sich an diese Spezialwaffen bis an das Ende des Filmes zu erinnern). Um der Verschwörung auf die Spur zu kommen, reist Bond in ein möglichst exotisches Land, etwa Honolulu oder Oberbayern. Dort beginnt er seine Nachforschungen, an dieser Stelle wird der Film etwas zähflüssig und hängt durch, am besten wird es sein, hier eine Verfolgungsjagd mit irgend einem landestypischen folkloristischen Detail zu mischen (etwa: Bond wird von einem Trupp Bewaffneter durch den Karneval von Rio gehetzt oder dergleichen). Schließlich entdeckt Bond die geheime Basis des Oberschurken. Die Basis ist Sitz einer geheimen Organisation mit mehreren tausend Mitarbeitern, die aber trotzdem bis jetzt völlig im Verborgenen hat arbeiten können, da sämtliche Mitarbeiter dem Oberschurken geradezu religiös ergeben sind. Bond, der inzwischen von einem hübschen Mädchen, daß er unterwegs aufgegabelt hat (eine russische Agentin, eine Meeresbiologin, ein Revuegirl, ein Waisenkind, wie es halt gerade kommt), begleitet wird, wird entdeckt und zum Oberschurken gebracht. Dieser erklärt Bond ausführlich seine komplizierten Pläne, wie er zur Weltherrschaft gelangen möchte, wobei unweigerlich unzählige Menschen sterben müßten, wenn nicht gar der dritte Weltkrieg entfesselt wird. Im letzten Moment kann Bond sich jedoch befreien. Es zeigt sich, daß im Versteck des Oberschurken die Feuerschutzbestimmungen recht nachlässig gehandhabt wurden: ein Funke genügt, und alles fliegt mit großem Knall in die Luft. Nur Bond und das Girl bleiben übrig, die alsbald vom britischen Geheimdienst wieder aufgelesen werden. Der Titelsong sollte nach Möglichkeit von einem recht bekannten Interpreten gesungen werden.



3.5.2002





Psychoanalytische Deutung der Sendung mit der Maus: die Maus ist die Mama, der Elefant das Kind.

Nach der Maus kam der Presseclub, das ist so eine Art Sabine Christiansen für Erwachsene. Heute freilich haben sich für einen Moment DER SPIEGEL und die FAZ in Sabine-Christiansen-artiger Manier angegiftet, bis der Moderator schließlich eingriff, zugab, dem Duell bis hierher mit Interesse gelauscht zu haben, und dann vorschlug, es doch bitte nach der Sendung fortzusetzen.





Meine Webseite verweist auf andere Webseiten, die auf andere Webseiten verweisen, die auf andere Webseiten verweisen. Gemäß dem Small-World-Paradox ist anzunehmen, daß es nach drei Schritten oder weniger möglich ist, von meiner Seite aus auf eine Seite mit rassistischem, fremdenfeindlichen, sexistischen, zu Gewalt aufrufenden, pornographischen, menschenverachtenden oder neoliberalen Inhalt zu gelangen (nun gut, solange das nur nicht in null Schritten möglich ist...). Nach deutscher Rechtsprechung mache ich mich damit wohl strafbar. Ebenso wie alle anderen Menschen, die eine Seite mit externen Verknüpfungen anbieten.



5.5.2002





Heute morgen unter der Dusche ist mir eingefallen, was „großzügige 83 qm“ bedeuten könnte. Die Vorstellung von dreiundachtig Quadratmetern, wie sie an der Bar sitzen und eine Lokalrunde nach der anderen ausgeben, habe ich von Anfang an als zu naheliegend verworfen. Nein, es muß sich um dreiundachtzig extrem hyperbolisch gekrümmte Quadratmeter handeln.





Heute haben wir viel gelacht, wenn ich auch nicht so genau weiß, weshalb.



6.5.2002





Sätze mit genau fünf Worten:

Nachts ist kälter als draußen.

Auch du, Claudius, äh, Brutus?

Ein großer Schmerz macht stumm.

Wie lautete die Aufgabe?





Und der Remix ohne Pointe:

Wie war eigentlich die Aufgabe?



7.5.2002





Auch nach jahrelangem Aufenthalt in London sprach Händel nur gebrochen Englisch. Eine vom Verband der Schafzüchter bestellte Kantate zum Lob des Genusses von Schaffleisch, „We All Like Sheep“, wurde so von ihm versehentlich zu „All We Like Sheep“ verballhornt. Das Stück war nur noch zu retten, indem es in einen geistlichen Kontext gestellt und dem „Messias“ einverleibt wurde, einer Art kompositorischer Abfallgrube Händels, in die alles aufgenommen wurde, was für seine Opern zu schlecht war, ein Stück derart mangelhafter Qualität, daß es lediglich kostenlos bei Wohltätigkeitsveranstaltungen zugunsten von Waisenhäusern aufgeführt wurde. Ironie der Geschichte: Heute ist Händels „Messias“ bekannter als seine Opern.





Dem christlichen Glaube zufolge hat Gott einen relativ unbedeutenden vorderasiatischen Stamm, die Juden, als auserwähltes Volk auserwählt, so sehr diese Idee auch nach nationalem Wahn und Chauvinismus klingen mag. Die Erwähltheit der Juden zeigt sich historisch darin, daß ihr Staat von den Babyloniern kassiert wird, ein weiterer Staat wird von den Römern besetzt. Außerdem sollen wir glauben, daß später Gott das erwählte Volk ohne weiteres hat fallen lassen, so sehr das Gottes Verlässigkeit und Zurechnungsfähigkeit zu widersprechen scheint. Wir sollen außerdem glauben, daß ein gewisser Jesus von einer Frau geboren wurde, die zum Zeitpunkt der Geburt noch Jungfrau war, obwohl allgemein bekannt und anerkannt ist, daß es sich hier um einen Übersetzungsfehler handelt (ein wirrer alttestamentarischer Prophet spricht im Stil von „Finnegans Wake“ von einer jungen Frau/Jungfrau, die einen Burschen namens Immanuel gebären wird), und daß dieser Jesus zwar ein Mensch, andererseits aber Gott selbst ist, und daß Gott einer ist und gleichzeitig drei. Dieser Jesus verkündete eine Lehre, die sich einerseits mit der Reform besonders abstruser Tabus und Riten der Juden beschäftigte, mithin also für alle Nichtjuden völlig irrelevant ist, andererseits den unmittelbar bevorstehenden Untergang der Welt verkündet, wie das Sektenführer und Seelenfänger zu tausenden vor ihm und nach ihm taten, ohne daß seither die Welt untergegangen wäre. Dieser Jesus soll gekreuzigt und gestorben und wieder von den Toten auferstanden sein. Durch diese Auferstehung sollen alle Menschen erlöst worden sein von den Sünden des ersten Menschenpaares, Adam und Eva, obwohl dieses erste Menschenpaar nur in der Mythologie existiert, obwohl alle vernünftigen Menschen und die Verfasser des alten Testaments nicht an die Erblichkeit von Schuld glauben und obwohl die Welt seit den Zeiten Jesu keineswegs einen erlösteren Eindruck macht als ehedem. Dieser Jesus soll außerdem der von den Juden sehnlichst erwartete Messias sein, obwohl die Juden selbst ihn nicht als solchen erkennen mögen und noch immer auf die Ankunft des Messias und die Erlösung der Welt warten, während die Christen erwarten, daß der Messias ein zweites Mal auf die Erde kommt, um die Welt endgültig zu erlösen, was bald nach der Auferstehung Jesu geschehen soll und doch seit zwei Jahrtausenden auf sich warten läßt. Zu den weiteren Lehren der Christen gehört, daß die Menschen, gewöhnliche Tiere, deren Stammbaum sich bis zur unbelebten Materie zurückverfolgen läßt, eine unsterbliche Seele besitzen, die den körperlichen Tod überdauert, und außerdem, daß am Ende der Zeiten auch die Körper aller gestorbenen Menschen wieder neu auferstehen werden. Als Beleg für die Richtigkeit des Christentums gilt außerdem sein Erfolg, daß sich das Christentum trotz aller Widerstände durchsetzen konnte und heute so viele Anhänger zählt, obwohl das Christentum sich mit Gewalt und Betrug und Grausamkeit und Krieg durchsetzte und obwohl auch andere Religionen viele Anhänger besitzen und obwohl dieses Argument eine Verherrlichung weltlicher Macht ist, die von den Christen abgelehnt wird. Die Christen machen außerdem gelten, daß das Christentum die abendländische Kultur maßgeblich mitbestimmt hat, obwohl zu fragen bliebe, ob dieser Einfluß mehr Gutes oder mehr Schlechtes bewirkt hat, und obwohl das Heidentum die abendländische Kultur in noch weit stärkerem Maß beeinflußt hat als das Christentum und dennoch niemand auf die Idee käme, deshalb die Wiedereinführung der heidnischen Kulte zu fordern. Darüber hinaus verfügen die Christen über eine hochkomplizierte Theologie, die sich selbst über die simple Frage, ob es möglich ist, sich durch gute Werke Gott angenehm zu machen, in unauflösbare Widersprüche verstrickt. Außerdem soll ein ungeschaffener Gott Welt und Zeit geschaffen haben, auch wenn niemand weiß, wann, zu welcher Zeit.

Angesichts dieser Ungereimtheiten wäre es nicht verwunderlich, wenn wir bei Christen eine Neigung zu Heuchelei und Zwiedenken vorfänden.



24.5.2002





Egal: ein wahnsinniger Elephant ist irrelefant.



28.5.2002





Eines Nachts, während Herr Buchstabenkürzel schlief, erwachten die Bilder der Frauen, die er während des Surfens im Internet auf seine Festplatte geladen hatte, zum Leben. Als er erwachte, war sein Zimmer voll mit tausenden von Frauen, in Dessous, Badeanzügen oder nackt, manche davon auch nur gezeichnet. Die meisten wanden sich in ungestilltem sexuellen Begehren, manche stöhnten „Fick mich, fick mich!“. Jede von ihnen würde erst wieder verschwinden, wenn Buchstabenkürzel mit ihr schlief.





Schuld am Antisemitismus sind Dummheit oder Bösartigkeit der Antisemiten.





Einige fordern, man müsse über bestimmte Dinge wieder unbefangen reden dürfen. Aber unbefangen reden zu können ist ein Vermögen des Einzelnen, entweder jemand kann unbefangen reden, oder er kann nicht unbefangen reden, dann soll er aber für diese Unfähigkeit nicht die Gesellschaft, das Umfeld oder sonst einen fiktiven Popanz verantwortlich machen.



29.5.2002





Märchen für Keyenesianer: wenn die Löhne steigen, steigt die Kaufkraft, der Konsum steigt, die Wirtschaft wird angekurbelt, neue Arbeitsplätze entstehen. Märchen für Neoliberale: wenn die Löhne sinken, steigen die Unternehmensgewinne, die Gewinne werden investiert, da Arbeit billig ist, werden die Gewinne in Arbeitsplätze investiert, neue Arbeitsplätze entstehen. Abgesehen davon, daß jedesmal der Staat die Hand aufhält, Konsum und Investitionen auch im Ausland getätigt werden können, Arbeiter Löhne auch unter dem Kopfkissen deponieren können, Gewinne auch in Rationalisierungsmaßnahmen fließen können, Arbeitnehmer Geld in Investitionen stecken können (indem sie ihre Ersparnisse in Aktien anlegen oder zu einer Bank tragen, die das Geld verleiht) und Unternehmen in privaten Konsum (indem sie die Vorstandsbezüge aufstocken). Der einzig wirklich sichere Weg, Arbeitsplätze zu schaffen, besteht darin, Armut zu schaffen. Denn Armut führt zu Kriminalität, Kriminalität füllt die Gefängnisse, und wer im Gefängnis sitzt, braucht keine Arbeit mehr. Vermutlich deswegen wird gerne Amerika als Vorbild empfohlen und die Schaffung eines Niedriglohnsektors gefordert.





Eine derzeit beliebte Theorie besagt, daß Möllemann absichtlich rechte Klischees bedient, um der F.D.P. neue Wählerschichten zu erschließen und so das Projekt 18 am rechten Rand zum Erfolg zu führen. In der Verschwörungstheorievariante ist diese Strategie mit Westerwelle abgestimmt. In beiden Versionen scheint mir diese Theorie ziemlich grotesk: eine Wahlkampfstrategie, die gleichzeitig die Stimmen von Liberalen, Nazis und Muslimen gewinnen will, indem der Parteivorsitzende demontiert wird, scheint mir wenig erfolgversprechend. Welchen Vorteil sollte Möllemann denn auch haben, wenn Westerwelle mit Möllemanns Ideen 18 Prozent der Wählerstimmen gewinnt? Möllemann will weder den Nazis noch den Palästinensern noch gar der F.D.P. helfen, Möllemann will einzig und allein Möllemanns Bekanntheitsgrad und Einfluß steigern. Das Ziel aller Möllemannschen Aktionen ist der Vorteil Möllemanns.



5.6.2002





Trickschuß: Im Liegen den Schnuller so ausspucken, daß er auf der Stirn liegen bleibt.



8.6.2002





Dritte Bürste benutzen!

Bitte Brüste benutzen!

Bitte Bürste beschmutzen!





Welch bescheidener Glanz in meiner Hütte!



12.6.2002





Tauchen in einem Fernsehkrimi Homosexuelle (Transvestiten &c.) auf, so sind sie nicht selten der Mörder. Ausländer dagegen sind so gut wie nie der Mörder. Neulich kamen in einem Tatort sowohl ein Homosexueller als auch ein Ausländer vor. Natürlich: der Homosexuelle war der Mörder, der Ausländer der Haupttatverdächtige.





Nachgrübeln über die platonischen Körper: eigentlich schade, daß es keinen platonischen Körper gibt, der aus vier Quadraten besteht, denn der wäre so recht eine Freude für Freunde des Rechtwinkligen und der Zweierpotenzen. Also fange ich an, darüber nachzudenken, ob so ein Körper nicht doch möglich sein könnte. Zunächst scheint das Problem unlösbar. Ein Quadrat hat vier Kanten, mögliche Nachbarn gibt es jedoch nur drei. Erster Einfall: an einer Kante grenzt das Quadrat an sich selber. Weiteres Nachdenken, wie ein Quadrat an sich selbst grenzen kann: wer das Quadrat über die linke Hälfte der Kante verläßt, tritt gleichzeitig über die rechte Hälfte wieder ein. Nach einiger Zeit begreife ich, daß das darauf hinausläuft, die Kante einzuklappen. Das Quadrat verwandelt sich dadurch in ein Dreieck, bei dem an einer Ecke eine Kante in das Innere des Dreiecks hineinragt. Ein Körper, der aus drei solcher Dreiecke de luxe besteht, ist schlicht so etwas wie ein Tetraeder, mit vier zusätzlichen unnützen Kanten.

Zweiter Einfall: die vierte Kante könnte auch dazu benutzt werden, das Quadrat mit einem Quadrat zu verbinden, mit dem es bereits über eine der anderen drei Kanten verbunden ist. Mit zwei Quadraten ist das Qudrat über je eine Kante verbunden, mit dem dritten Quadrat ist das Quadrat über zwei Kanten verbunden. Ich denke mir verschiedene Verknüpfungen der Kanten aus. Schließlich finde ich eine, die ästhetisch ansprechend ist. Nach einigem Nachdenken entdecke ich, daß das so definierte Gebilde nichts weiter ist als ein verdrillter Torus. Außerdem entdecke ich, daß ein unverdrehter Torus selbst sich ebenfalls auffassen läßt als Körper, der aus vier verbundenen Quadraten besteht. Die vier Quadrate sind freilich unnötiger Luxus, ein einziges Quadrat täte es bekanntlich auch.

Statt unlösbar zu sein, stellt sich heraus, daß das Problem ausgesprochen triviale und wohlbekannte Lösungen besitzt.

Strange Platonic Body

Um etwas mehr Übersicht über die Möglichkeiten, Kanten zusammen zu kleben und randlose Oberflächen zu erhalten, zu erhalten, versuche ich mich an die Methoden zu erinnern, die mir im Zusammenhang mit dem Beweis des Klassifikationssatzes endlicher randloser Oberflächen begegnet sind. Beim Nachlesen des Beweises stoße ich auf weiteres Futter zum Nachdenken: wie läßt sich anschaulich darstellen, daß eine projektive Ebene und ein Torus (eine Kreuzkappe und ein Henkel) drei projektive Ebenen ergibt? Eine projektive Ebene und ein Torus bilden in meinem Geist nach einigem Nachdenken eine projektive Ebene und eine kleinsche Flasche. Bleibt also nur noch das Problem, sich klar zu machen, daß eine kleinsche Flasche gerade der Verlötung zweier projektiver Ebenen entspricht. Mit platonischen Körpern hat das alles natürlich nichts mehr zu tun — die platonischen Körper sind ja ohnehin alle homöomorph zur Kugel, die wiederum zu den zusammenziehbaren Langweilern gehört.

Von dir behaupten Wissenschaftler (aber woher mögen sie das bloß wissen), daß du jetzt erst begreifst, daß es außer dir noch andere Wesen gibt. Das wirkt so, als sei deine Welt bisher sehr einsam gewesen, aber das ist wohl eine Täuschung. So, wie ja zum Beispiel auch das Nachdenken über einen platonischen Körper, der aus vier Quadraten besteht, nicht wirklich einsam ist. Denn während des Nachdenkens existiert niemand sonst, auch ich bin abwesend, nur das Problem selbst ist da, es gibt niemand, dem einsam sein könnte. Es mag nur eine Metapher sein, sicher hast du in deinen ersten fünf Monaten nicht über Polyeder oder Mannigfaltigkeiten nachgegrübelt, aber ich denke, daß du auf eine ähnliche Art nicht allein warst.

Nun aber bist du bei uns angekommen, du lachst lauthals, wenn wir Blödsinn mit dir treiben, endlich, du läßt dir unser Geschmuse nicht mehr nur bloß mehr oder wenig geduldig und gleichmütig gefallen, endlich, es gibt dich, es gibt nun auch uns, hallo.





Irina, die Rußlanddeutsche des Grauens, hat sich sehr gebessert. Sie weiß inzwischen, welcher Käse wo liegt und wie aussieht. Und bei den Mengenangaben gibt es einen einfachen Trick: statt die gewünschten Gramm anzugeben, eine Ecke zu verlangen und dann ihr Messer mit „mehr“ oder „weniger“ zu dirigieren.





Ich bin so erkältet, daß ich Goban („fünf gewinnt“) sogar gegen den Computer verliere, statt zehnmal hintereinander zu gewinnen.





Wie verhindere ich in Word blödsinnige Silbentrennungen, wenn etwa das Word-Genie das Wort „Gehaltsänderung“ aufspalten möchte in „Gehalt-sänderung“? Indem ich zunächst einmal manuell Silbenbruchstellen einbaue: „Ge¬halt-s¬änderung“. Dadurch verschwindet aber die automatische Silbentrennung noch nicht. Vom Unicode-Zeichen, das Worte verbindet, oder Zonen der Nichttrennung, hat Word noch nie gehört. Also bauen wir ein geschütztes Leerzeichen ein: „Ge¬haltºs¬änderung“. Tja, nun haben wir aber mitten im Wort eine häßliche Lücke. Also formatieren wir das Leerzeichen als verborgenen Text: „Ge¬haltºs¬änderung“. Oder aber ich schalte die automatische Silbentrennung aus.



13.6.2002





19:14

Selene entdeckt ihre rechte Ohrmuschel.



14.6.2002





„Hitler, die schwule Judensau“ steht eingeritzt in dem blätternden Lack der Holzwand und verwirrt mich: war der Autor ein verwirrter Nazi, ein verwirrter Antifaschist, ein Verwirrter eigener Rechnung, oder handelt es sich bloß um ein Psalimpsest unzusammenhängender Schmähungen? Oder habe ich mir das bloß ausgedacht, und traue mich nicht, es als eigene Erfindung auszugeben?





„Ob sie wohl erlauben mag, daß meine Hand sie flüchtig berührt, daß ich mich neben sie setze, ob sie wohl den fragilen Faden des Gesprächs weiterspinnt und oder fallen läßt und mich mit ihm allein läßt, ob sie wohl erlaubt, daß ich sie küsse, daß ich meine Hände unter ihr Hemd schiebe und auf ihre Brüste lege, ob sie wohl zuläßt, daß ich bei ihr liege und sie ausziehe, ob wir wohl miteinander schlafen werden?“

Nach einigen Jahren der Ehe lassen die Anworten auf solche Fragen sich etwas besser abschätzen anhand von Erfahrungswerten. Wenn nun einer die Ungewißheit, das Spiel, den Kampf so sehr liebt, daß die Gewißheit und ruhige Sicherheit ihn verstört, dann wird er nach einiger Zeit erneut ausziehen, auf neue Eroberungen, ein Verführer.

„Ob er wohl anruft? Und ob er erlaubt, daß ich mich neben ihn setze, ob er den fragilen Faden des Gesprächs weiterspinnt oder fallen läßt und mich mit ihm allein läßt, ob er wohl sich dahin führen läßt, mich zu küssen, mich zu vermissen und morgen zurück zu kehren und erneut zu begehren?“

Wer aber andererseits solche Ungewißheit nicht als reizvoll empfindet, ja, im Gegenteil, wer sie nicht erträgt, der wird wohl eine Situation suchen müssen, in der alles klar durch Verträge und Konventionen geregelt ist, der wird nicht auf Liebe ausgehen können. Daraus, scheint mir, läßt sich eine weitere Deutung des Sadomasochismus ableiten: als Beziehungsform von Menschen, die die Unsicherheit fliehen. Der Sadist wünscht ein Objekt, dem alle eigenen Launen, all Unvorhersagbarkeit ausgetrieben wurden, das ganz und gar und widerstandslos verfügbar ist, und der Masochist wünscht der Verantwortung für das Spiel enthoben zu werden, andere sollen entscheiden, andere sollen alles regeln, er wird nur tun, was ihm befohlen wurde, er hat nichts zu verlieren.

Während die Liebe versucht, einen Abgrund zu überbrücken, von dem niemand vorher wissen kann, ob er überbrückt werden kann, sich ausliefert der Unbegreiflichkeit des Anderen.



17.6.2002





Was wäre, wenn der Liberalismus sich so weit durchsetzen würde, daß niemand etwas dabei fände, wenn ein Mann in Frauenkleidung bei, sagen wir, einer Bank zur Arbeit gehen würde und sich seine Kleidung in keiner Weise auf seine Karriere auswirken würde? Vermutlich würde Frauenkleidung aufhören zu existieren, und es gäbe nur noch Kleidung. Daran wäre an sich nichts schlimmes, außer für einen Fetischisten, der partout Frauenkleidung tragen möchte, was dann eben nicht mehr möglich wäre. Vermutlich könnten Frauen dann auch keine Reizwäsche mehr tragen, weil es keine Reizwäsche mehr gäbe, sondern nur noch Wäsche.

Es widerspricht dem Liberalismus nicht, daß es bestimmte (mehr oder weniger in sich sinnlose) Konventionen gibt, etwa daß ein Nobelpreisträger zur Preisverleihung einen Frack zu tragen hat, daß Feinkniestrümpfe oder Stöckelschuhe eine sexuelle Konnotation haben und daß ein Vorstand nur dann keinen Schlips tragen muß, wenn sein Unternehmen der IT-Branche angehört. Die Übertretung der Konvention muß nicht geahndet werden, wird aber wahrgenommen und kann daher als Zeichen verwendet werden (etwa: „Ich bin Vorstand eines Unternehmens, dessen Produkte total hipp sind, was schon am Fehlen meiner Krawatte zu erkennen ist“ oder „heute Nacht bleibe ich nicht ungeküßt, denn ich trage meine Killerschuhe“).





Der Liberalismus ist überhaupt eine merkwürdige Sache: der Liberale ist bereit, mit Allen über Alles zu diskutieren, als Gesprächspartner findet er aber vor allem solche, die ebenfalls zu Diskussionen bereit sind, die also vermutlich selbst schon Liberale sind. Mehr noch, vermutlich teilt der Gesprächspartner noch weitere Ansichten, etwa, wenn beide agnostische Materialisten sind, da typische Vertreter von Religionen zwar zu allen möglichen Gesprächsrunden bereit sind, kaum aber, über wirklich alles vorbehaltslos zu diskutieren, da ja bestimmte Glaubenswahrheiten unbezweifelbar und unverrückbar sein sollen. Mit anderen Worten, ein Liberaler ist jemand, der bereit ist, vorbehaltslos mit solchen Menschen zu diskutieren, die in fast jeder Hinsicht der selben Meinung sind wie er.





Ein Sektenführer braucht, um Anhänger zu gewinnen, eine Drohung, ein Mittel, Angst zu erzeugen. In unserer Zeit genügt dazu schon die Aussage, Durchschnittsbürger nutzen nur zehn Prozent ihres Gehirns, da ja niemand etwas versäumen will. Stärkere Drohungen sind die Drohung ewiger Höllenstrafen oder die Verkündung des nahen Weltunterganges.

Als nächstes braucht der Sektenführer ein Alleinstellungsmerkmal: ein Grund, warum seine und nur seine Anhänger gerettet werden (dem Weltuntergang entgehen, nicht in die Hölle kommen, ihr volles geistiges Potential nutzen) und alle anderen verdammt sind. Das Merkmal kann in einer bestimmten Methode oder Übung bestehen, etwa einer Meditationsmethode, oder in einer Ethik, die sich von der bisherigen Ethik der überlieferten Mehrheitsreligion irgendwie unterscheidet. Eine allgemein herrschende laxe, tolerante Ethik kann durch eine strenge, auf absurden Regeln beruhende ersetzt werden (so, wie die Evangelikalen die laxe Ethik des Mehrheitsprotestantismus überwinden), eine auf absurden Regeln basierende Ethik kann durch eine andere ersetzt werden, in der die Regeln durch andere, nicht weniger willkürliche ersetzt werden. Oder es kann auch passieren, daß sinnlose oder sinnlos gewordene Rituale abgeschafft werden.

Aus dieser Sicht ist Jesus ein typischer Sektenführer. In seinen Predigten ist regelmäßig vom Heulen und Zähneklappern die Rede, das in der Hölle herrscht, und er verkündet den unmittelbar bevorstehenden Weltuntergang, den die Mehrheit seiner Zuhörer noch erleben wird. Gerettet wird, wer zu seiner Ethik wechselt, die darin besteht, sinnentleerte Vorschriften des Judentums abzuschaffen oder zu ersetzen. So werden die strengen Sabbatregeln abgeschafft, die großzügigen Regeln zur Ehescheidung dagegen durch strengere ersetzt.

Aus heutiger Sicht nun ist das Problem der Ethik Jesu in mehrerer Hinsicht völlig überholt: zum einen ist es für die überwältigende Mehrheit der Menschen, die zufällig keine religiösen Juden sind (also insbesondere für alle Menschen, die keine Juden sind) allenfalls von akademischen Interesse, zum anderen ist ja auch das Judentum seit den Zeiten Jesu (in denen es neben Jesus noch viele andere Reformrabbiner gab) nicht stehen geblieben und hat viele der von Jesus angesprochenen Punkte mit großer Ausführlichkeit diskutiert und dabei im Lauf von zwei Jahrtausenden sehr viel mehr Aspekte berücksichtigen können, als das Jesus möglich war. Es kommt noch dazu, daß die Voraussage des nahen Weltuntergangs offensichtlich ein völliger Fehlschlag war. Mithin ist die Lehre Jesu aus recht offensichtlichen Gründen inzwischen teils irrelevant, teils überholt, teils widerlegt.





Wir beleidigen verschiedene Völker, heute: Deutsche, Palästinenser und Juden.

1.

Eine oft gehörte Meinung ist: „Weder wird der israelische Staat verschwinden, noch wird es gelingen, ein Großisrael zu errichten. Also sind Israelis und Palästinenser gezwungen, sich zu einigen. Die Einigung wird darin bestehen, daß die Palästinenser einen eigenen Staat bekommen, auf das Rückkehrrecht der palästinensischen Flüchtlinge verzichten und Israel im Gegenzug die Siedlungen räumt.“

Warum aber sollte es unmöglich sein, daß der israelische Staat untergeht oder auf ganz Palästina ausgedehnt wird? Um eines von beidem oder beides auszuschließen, bräuchte es, scheint mir, hellseherische Fähigkeiten. Mir scheint im Gegenteil, für beides lassen sich plausible Szenarien erdenken.

Nehmen wir an, es gelingt den Palästinensern durch einen Sieg im Propagandakrieg, die Israelis so von allen Verbündeten zu entfremden, daß diese ihre Unterstützung für Israel einstellen und Israel sogar mit Embargos und Sanktionen belegen. Darüber hinaus gewinnen die Palästinenser demographisch durch höhere Geburtenraten das Übergewicht, durch fortgesetzte Anschläge schließlich empfinden viele Israelis ihre Lage als so unerträglich, daß sie ihr Land verlassen. Diese Fluchtbewegung verstärkt sich selbst (je mehr auswandern, desto bedrohlicher wird die Lage der Zurückbleibenden), schließlich geht der israelische Staat unter.

Umgekehrt ist auch nicht zu sehen, warum es den Israelis nicht möglich sein sollte, ein Großisrael zu errichten. Durch stetige Einwanderung gelingt es ihnen, für ein hinreichendes Bevölkerungswachstum zu sorgen, um weiter Siedlung auf Siedlung gründen zu können. Palästinenser werden teils deportiert, teils werden ihre Lebensgrundlagen zerstört (etwa indem sie von Wasservorräten abgeschnitten werden), bis schließlich in den besetzten Gebieten die Palästinenser eine verschwindende Minderheit sind und die besetzten Gebiete sich zwanglos mit dem restlichen Israel vereinigen. Schließlich war der Staat von 1948 größer als der Teilungsvorschlag der Uno, die neue Mauer verläuft nicht entlang der Grenze von 1967, der israelische Staat wird ständig größer.

Mithin ist das, was hierzulande geschwätzt wird, dummes Zeug.

2.

Viele Aufstände sind, scheint mir, nicht gegen schlechte Regierungen gerichtet, sondern gegen ausländische Regierungen. Die Kurden mögen nicht in einem irakischen Staat leben, nun gut, das mag verständlich sein, der irakische Staat hat wenig anziehendes. Die Kurden mögen auch nicht in einem türkischen Staat leben, mit dem selben Unwillen. Mit dem selben Unwillen mögen die Basken nicht in einem spanischen Staat leben, obwohl doch der spanische Staat ein keineswegs unerträgliches Gebilde ist. Und in Wahrheit haben die meisten Basken auch gar nichts dagegen, statt in einem baskischen in einem spanischen Staat zu leben, nur eine Minderheit, die aber um so gewalttätiger, beharrt auf dem Recht eines eigenen Staates. Daß einmal die Franzosen gegen den französischen Staat, die Russen gegen den russischen Staat revoltieren, das sind seltene Ereignisse.

Die Palästinenser hätten Gelegenheit gehabt, in dem fortschrittlichsten und freiheitlichsten aller arabischen Staaten zu leben, wären sie nur bereit gewesen, ihn mit den Juden zu teilen. Aber nein, es muß ein eigener chauvinistischer Staat sein.

3.

Wieso wurde der jüdische Staat in Palästina gegründet und nicht, sagen wir, in Australien, in China (mit dem Ausgangspunkt Schanghai), oder in einem afrikanischen Staat, oder im Bundesstaat New York? Weil vor vielen hunderten von Jahren dort Juden lebten (freilich lebten selbst damals nicht nur Juden dort und Juden nicht nur dort), oder weil Israel das verheißene Land ist, also aus nationalistischen oder religiösen, jedenfalls irrsinnigen Gründen.



19.6.2002





Du kannst dich, auf dem Bauch liegend, nach rechts drehen, und du kannst rückwärts robben, wenn auch nicht sehr schnell. Damit kannst du jeden Punkt der Ebene erreichen. Mehr ist den Menschen ohne die Hilfe aufwändiger Apparate ohnehin nicht möglich.





In Katalogen werden Kombinationen von Strumpfbandgürteln, Strümpfen und Unterhosen meist so abgebildet, daß der Strumpfbandgürtel über der Unterhose liegt. Die Idee ist vermutlich, daß der Mann, wenn er die Frau auszieht, zum Allerheiligsten erst zum Schluß vordringt. Um aber auf die Toilette zu gehen, ist die umgekehrte Reihenfolge offensichtlich praktischer



21.6.2002





Verwandtschaft ist eine Gemeinheit, führt sie doch aller Welt anschaulich vor Augen, zu welchen Katastrophen leichte Variationen der eigenen Gene führen können.





Lange habe ich zäh durchgehalten, während um mich herum alle übrigen nur noch ein einziges Thema kannten und selbst für intelligent gehaltene Zeitgenossen sich entlarvten, meine Skizzen sollten von derartig Banalem frei bleiben, ein Hort des unverfälscht Schönen und Guten und Edlen, da schaltet heute jemand ganz unnötig auf einer Geburtstagsfeier für fünf Minuten den Fernseher ein, und schon steigt der Aphorismus in mir auf, oh, ah, ich kann es nicht mehr verhindern, da kommt er...

„GER:BRA, der Speer gegen den Büstenhalter, männlicher Durchsetzungswille gegen weiblichen Verschönerungswillen, letzterer gewinnt verdient zwei zu null, hehe.“

...ächz, tut mir leid, jetzt ist es kurz vor Schluß doch noch passiert, was für ein Blödsinn.



30.6.2002





Zu den Dingen, die wir nicht recht begreifen, gehört eine sehr junge Frau, die wir öfter sehen. Sie ist, obwohl nicht übermäßig groß, doch hoch gewachsen und dabei sehr schlank, so schlank, wie nur sehr junge Frauen es sein können, dabei aber doch keineswegs auf eine magersüchtige, dürre Art, vielmehr jene Art Schlankheit, die nichts zu wünschen übrig läßt: ihr Gesicht sieht aus wie das blühende Leben, und sie hat einen auffallend großen Busen, nun nicht irgendwelche traurigen, am Boden schleifende Schläuche, nein, die Größe ihres Busens überschreitet gerade eben noch nicht die Grenze des guten Geschmacks, sie trägt eine stolze Woge vor sich her. Zu unserer Freude trägt sie (wie viele andere sehr jungen Frauen) gerne freizügige Kleidung, kurze, ausgeschnittene T-Shirts und enganliegende Hosen, gestern etwa trug sie eine Hose, die so eng war, daß, obwohl sie einen schmalen String trug, jede einzelne Naht ihrer Unterhose sich durch die Hose abzeichnete. Soweit begreifen wir das alles noch: sie ist eben eine junge Frau, die durch das kaleidoskopische Spiel der Gene und eine vitaminreiche Ernährung in der Kindheit sehr gut aussieht, derartiges kommt gelegentlich vor, und wenn auch ihr Maß an Schönheit selten sein mag, so ist es doch einigermaßen regelmäßig und erwartbar in einer hinreichend großen Menge an Menschen. Was wir nicht begreifen, ist, daß sie sich zwei Zwergen angeschlossen hat (jemand hat ihr den Spitznamen „Schneewittchen gegeben“, vielleicht wie in „Schneewittchen und die beiden Zwerge“, aber das weiß ich nicht sicher). Die beiden Trolle sind ein Männlein und ein Weiblein in ihrem Alter, das Männlein haben wir „Söhnchen“ getauft (weil jemand einmal bemerkt hatte „der Bub dort könnte dein Sohn sein“), das Weiblein heißt Marlene, ein pompöser Name, der weiteren Hohn unsererseits überflüssig macht. Alle beide sind sie klein, dick und von bestürzender Häßlichkeit. Nun kenne ich manche Menschen, die klein oder dick oder häßlich sind, die aber andererseits gewandte Plauderer, tiefsinnige Denker oder warmherzige und liebevolle Gefährten sind, so daß ihre Gegenwart ein gerne gesuchtes Vergnügen ist. Von den beiden Trollen aber wissen wir aus Begegnungen und Anekdoten, daß sie geistig ganz außerordentlich beschränkt sind, verbunden mit auf törichte und dumme Art offensichtlicher Selbstsüchtigkeit. Marlene übrigens spiegelt auf bestürzende Weise Schneewittchens Kleidungsstil, denn auch sie trägt bevorzugt oder ausschließlich knappe und enganliegende Kleidungsstücke, meist zu wenig Stoff für zu viel Mädchen, in denen sie aussieht wie die Wurst in der Pelle (während Söhnchen meist gestreifte Polohemden trägt, also vermutlich, was Muttern ihm morgens hinlegt). Das Unbegreifliche nun läßt sich ausdrücken in der Frage: warum gibt Schneewittchen sich mit Marlene und Söhnchen ab? Falls Schneewittchen ähnlich dumm und geistig plump ist wie ihre beiden Satelliten, dann wäre ja wohl zu erwarten, daß sie sich Gefährten mit etwas mehr Prestige und Status sucht, was ihr mit ihrer Schönheit ja ohne weiteres möglich wäre. Ist sie aber derart weise, Prestige und Status zu mißachten, wie erträgt sie dann die Schlichtheit ihrer Gefährten, wenn sie nicht geradezu eine Henscheidsche perverse Lust am Abartigen und Häßlichen und Verkehrten hat? Im übrigen scheint es, als seien Marlene und Söhnchen das Zentrum dieser Konstellation, Schneewittchen nur als Dritte geduldet (was unsere Verwunderung vergrößern müßte). Allerdings haben Marlene und Söhnchen unter unseren kritischen Augen niemals Zeichen der Zärtlichkeit ausgetauscht, die auf eine intimere Art der Freundschaft schließen lassen. Denkbar wäre freilich auch, daß wir uns täuschen und Schneewittchen und Söhnchen ein Paar bilden — in diesem Fall wären wir in Zweifel gestürzt, ob wir uns freuen sollen über das hoffnungsvolle Zeichen, daß selbst Trolle die Liebe schöner Frauen erringen können, oder ob wir bestürzt sein sollen über die betrübliche Unübersichtlickeit und Unfolgerichtigkeit des Universums. Daß die drei sich in wilden Sexspielen à trois vergnügen, glauben wir dagegen nicht: dazu sind die drei zu jung, in diesem Alter werden perverse Gelüste noch tapfer zugunsten der romantischen Liebe unterdrückt, die Einsicht, daß es keine Perversionen gibt, ist einem späteren Lebensalter (bei intelligenten Menschen etwa einundzwanzig) vorbehalten. Möglich freilich auch, daß jeder der drei einen Partner außerhalb des Kreises hat, die drei sich nur Mittags treffen, wo wir ihnen dann begegnen, abends aber getrennte Wege gehen, um sich mit ihren jeweiligen Freunden und Freundinnen zu treffen. Wir begreifen es nicht.





Unter dem Sofa

Muß die Freiheit wohl sehr eingeschränkt sein

Und alles, was uns nichtig und klein

Scheint auf einmal wichtig zu sein.

Bei deinen Versuchen, nach vorne zu robben oder zu krabbeln, rutschst du im Moment noch unweigerlich nach hinten (obwohl du es auch schon einmal ein paar Zentimeter nach vorne geschafft hast), und das führt dazu, daß du dich mit deinen Beinchen irgendwann in den Stuhl- oder Tischbeinen verhedderst oder unter dem Sofa landest, und unter dem Sofa kannst du dann deine Liegestützen nicht mehr machen, und dann mußt du protestieren. Trotzdem läßt du dich nicht davon abhalten, immer wieder das Krabbeln zu probieren, zu testen und zu üben. Bestimmt haben kluge Menschen dieses Verhalten bereits ausführlich studiert: mir scheint jedenfalls, daß an deinem Verhalten vieles angeborenes Programm ist.





Sabine-Meier-Song

Und die Sabine die ich meine die heißt Meier,

kleine freche Gör Sabine Meier.

Sabine spuckt wo’s ihr gefällt,

Sabine krabbelt durch die Welt.

Aber eigentlich heißt du gar nicht Sabine Meier.





Ursprünglich war der Amazing Chastityman bloß ein ganz gewöhnlicher BDSM-Perversling wie du und ich, mit dem bürgerlichen Namen Sascha Meier, der gerne zu seinen Besuchen bei seiner Lieblingsdomina einen Keuschheitsgürtel trug. Eines Abends, auf dem Rückweg nach Hause, geriet Herr Meier in ein heftiges Gewitter. Ein Blitz traf ihn und schmolz seinen Keuschheitsgürtel zu einem einzigen Stück Stahl zusammen. Der Schlüssel, den er daheim in seiner Nachttischschublade verwahrte, wurde dadurch nutzlos, da das Schloß vollständig zusammengeschmolzen war, ohne Spur eines Schlüsselloches, und der ganze Gürtel eine unteilbare Einheit bildete. Auch zeigte es sich im folgenden, daß der Blitzschlag die molekulare Struktur des Gürtels verändert hatte, so daß selbst Diamantschneider auf seiner Oberfläche nicht einmal Kratzer hinterließen.

Meier, der den Gürtel bislang nur gelegentlich und zum Spaß angezogen hatte, wenn er seine Domina besuchte, durchlebte eine Zeit qualvoller Agonie. Jedes schöne Mädchen, das er auf der Straße, in einer Zeitschrift oder einer Vorabendserie sah, stachelte sein Verlangen an, das er doch nicht befriedigen konnte.

Nach etwa einem Jahr stellte er fest, daß sich in ihm durch seine erzwungene Enthaltsamkeit derartig viel sexuelle Energie angestaut hatte, daß er diese Energie (entsprechend der Lehren des tantrischen Yoga) benutzen konnte, um Blitze zu schleudern oder sich selbst in die Luft zu erheben.

Da er für sich selbst privates Glück nicht länger zu erhoffen hatte, beschloß er, sein Leben künftig in den Dienst des Kampfes für Gerechtigkeit zu stellen. Er nähte sich ein silbermetallen schimmerndes Latexkostum, nannte sich Amazing Chastityman und wurde der berühmte Superheld, der er seitdem ist.





Kurzfilm zur Förderung der Bildung und der Wissenschaft

Sprecher aus dem Off:

Dies hier ist Ron Gravity. Er ist dreinundzwanzig Jahre alt.

(Die Kamera zeigt einen sehr dicken Burschen in ausgesprochen unvorteilhafter Kleidung: Sandalen mit Tennissocken, kurze Hosen, buntes engsitzendes Hemd.)

Ron benutzt kein Deodorant, kein Achselspray und kein Parfüm. Trotzdem riecht Ron in keinster Weise unangenehm. Ron gehört zu den seltenen Fällen von Menschen, deren Achselhöhlen pure Pheromone produzieren.

(Die Kamera zoomt ruckhaft etwas näher an Ron heran. Sein Aussehen gewinnt dadurch keineswegs.)

Diese seltene Eigenschaft hat eine erstaunliche Wirkung auf Rons Umwelt.

(Wir sehen, wie Ron eine Bank betritt. Eine hübsche, vornehm-elegant gekleidete Schalterbeamtin beginnt bei seinem Anblick, sich sonderbar zu verrenken und ihr Hüften vor-und zurückzustoßen. Wir hören keinen Ton, aber anscheinend stöhnt sie heftig. Ihre Verrenkungen erinnern weniger an eine Bankangestellte als an eine Stripperin an einer Stange. Ron geht an einen benachbarten Schalter, wo er von einem Mann bedient wird. Der Mann zeigt keinerlei Verhaltensauffälligkeiten, abgesehen davon, daß er das spektakuläre Verhalten seiner Kollegin völlig zu ignorieren scheint. Ron zieht lose Bündel von Geldscheinen aus seinen Bermudas und schiebt sie über den Banktresen. Er erhält eine Quittung, die er im Weggehen zerreißt und in einen Papierkorb wirft. Die Schalterbeamtin hat inzwischen ihre Bluse ausgezogen und ist im weißen Spitze-BH zu sehen. Eben nestelt sie an ihrem Rock.)

Es scheint, als ob Rons körpereigene Pheromone eine unwiderstehliche Wirkung auf das weibliche Geschlecht ausüben.

(Seit der letzten Einstellung ist es abend geworden. Ron betritt einen Schuppen mit Horden junger Leute und blitzenden Lichtern, also vielleicht eine Disko. Sofort werden die Frauen auf ihn aufmerksam, drängen sich um ihn, versuchen sich gegenseitig wegzuschubsen, winden sich in Krämpfen und benehmen sich auffällig. Ron bleibt in diesem Tumult gelassen und unbeteiligt. Er wartet ruhig ab, bis sich nahezu alle Frauen um ihn versammelt haben, schaut sich dann um und deutet mit dem Zeigefinger gut ein halbes Dutzend Frauen aus.)

Diese erstaunliche Eigenschaft wird von Ron mittlerweile routiniert ausgenutzt, um regelmäßig sexuelle Kontakte in großer Zahl aufzunehmen.

(Ron und das gute Dutzend extrem gutaussehender Frauen besteigen Rons Auto, ein langer Angeberschlitten mit offenem Verdeck. Zusammen brausen sie davon. Schnitt: In Rons Wohnung reißen die Frauen sich und Ron die Kleidung vom Leib, eine wüste Orgie ist absehbar.)

Diese Kontakte dienen nicht nur Rons Vergnügen, inzwischen verdient er so auch seinen Lebensunterhalt.

(Inzwischen ist es wieder Morgen, die Frauen sammeln ihre wild verstreuten Kleidungsstücke wieder ein und ziehen sich notdürftig und schlampig wieder an. Sobald eine jede ihr Portmonnai gefunden hat, drückt sie Ron sämtliche Scheine, die sie findet, in die Hand. Eine besonders hartnäckige, die gar nicht weichen will und sich an Rons Beinen festklammert, wird von diesem mit Fußtritten vertrieben. Heulend sucht auch sie ihre Kleider und gibt Ron ihr Geld.)

In seiner Kindheit wurde Ron als dickes und unbegabtes Kind oft gehänselt. Doch seit in der Pubertät seine Pheromonproduktion einsetzte, führt Ron ein Leben des Vergnügens und des Luxus.

(Wir sehen Ron, wie er erneut die Bank betritt. Bei seinem Anblick reißt sich die Bankangestellte sofort ihre Bluse vom Leib und zeigt ihren schwarz schimmernden Satin-BH. Sie springt auf, um sich auch des Rockes zu entledigen. Zum Vorschein kommen Höschen und Strapse. Ron geht ungerührt zu ihrem Kollegen und zieht sein Bündel mit Geldscheinen aus seiner Hose.)





Auf einer allgemeinen Ebene sind die Geschichte von Ron Gravity und die Geschichte von Schneewittchen, Söhnchen und Marlene die selbe Geschichte, verschieden erzählt.



17.7.2002





Der scharfsinnige Kandidat, das Genie aus Bayern, hat erklärt, daß unter seiner Ägide Ganztagesschulen nur in sozialen Brennpunkten gebaut würden. Daraus lassen sich mehrere Schlußfolgerungen ziehen:

1. Uns stehen finstere sechzehn Jahre bevor

2. Bildungspolitik ist nur dann Ländersache, wenn der Bund sozialdemokratisch ist.

3. Ziel der weiblichen Existenz ist es, Kinder großzuziehen. Falls eine Frau arbeiten geht, kann das eigentlich nur daran liegen, daß ihr Mann nicht genug Geld verdient. Kinderbetreuung in wohlhabenden Vierteln ist deshalb Quatsch.

4. Schulen haben nicht die Funktion, Kindern etwas beizubringen, sondern bloß, sie zu betreuen und von der Straße zu holen.





CSS ist die kürzeste Verbindung zwischen der platonischen Welt der Ideen, die um die zentrale Idee des Schönguten kreisen, und der irdischen Welt proprietärer Standards (was für ein Oxymoron) und inkompatibler Implementierungen.



22.7.2002





Obacht: heute ist Freitag, der Doppeltdreizehnte.





Der Versuch, möglichst pompös und bombastisch zu sprechen oder sich zu artikulieren oder herumzuschreien kann klägliche Resultate erzeugen. Betrachten wir einmal diesen Text:

Haffner, gewiß kein Freund oder Bewunderer, weist darauf hin, daß Hitler nicht nur Erfolge, sondern auch Leistungen aufzuweisen habe. Daß er Erfolge aufzuweisen hatte, wurde von mir nicht bestritten. Die genannten Leistungen scheinen mir jedoch zweifelhaft. Hitlerdeutschland hat Polen und Frankreich innerhalb kürzester Zeit besiegt; kluge Experten hatten heftig abgeraten, Frankreich anzugreifen, eine Wiederholung des Stellungskrieges befürchtend. Aber besondere Klugheit oder Geschick zeigt sich hier, meine ich, nicht: denn Rußland, England oder Amerika hat Hitler genauso angreifen lassen, und das war ersichtlich keine kluge Idee, insbesondere der Krieg gegen die Sowjetunion war ideologischer Unsinn, selbst unter dem moralfreien Gesichtspunkt des Machterhalts und Machtausbaues, worauf Haffner im übrigen hinweist. Dennoch spricht Haffner von einem Gespür Hitlers für mürbe Gegner, die leicht zu besiegen sind: ein genialisches Gespür, das Hitler Frankreich oder die Weimarer Republik genau im richtigen Moment angreifen läßt. Wäre dem so, hätte sich Hitler nie auf seinen ersten, kläglich gescheiterten Putsch eingelassen. In Wahrheit verfügte er keineswegs über ein solches Gespür, statt dessen hat er immer alle angegriffen und hat mit dieser Methode eine kurze Zeit lang Erfolge erzielt. Es ist aber offensichtlich, daß diese Methode, wenn sie nicht zur Weltherrschaft führt, zwangsläufig scheitern muß (ein Einwand, den Hitler womöglich nicht begriffen hätte, da er weniger als die Weltherrschaft ohnehin nicht anstrebte).

Vielleicht interessanter ist die andere zu diskutierende Leistung, nämlich die Beseitigung der Arbeitslosigkeit. Ich glaube, hier handelt es sich um ein Phänomen, das mehr oder weniger unerklärlich bleiben muß vom Standpunkt eines Wirtschaftsliberalen, der dogmatisch überzeugt ist, daß eine Planwirtschaft unter allen Umständen einem freien Markt unterlegen ist und daß ein Markt um so besser funktioniert, je freier und entfesselter er ist. Das aber ist empirisch nicht zu belegen. Kriegswirtschaften sind oft Planwirtschaften, weil eine Planwirtschaft die einfachen Bedürfnisse einer Kriegswirtschaft effizienter bedient als eine Marktwirtschaft. Und die Sowjetunion ist vielleicht auch nicht deshalb untergegangen, weil Planwirtschaften nicht funktionieren, sondern bloß, weil der sowjetischen Planwirtschaft schließlich zum Funktionieren Arbeitslager und Massenhinrichtungen fehlten.

Es bleibt der Widerspruch, daß Figuren wie Hitler eigentlich lächerlich sind, die aber doch furchtbar ernst genommen werden müssen, weil sie furchtbares Unheil anrichten können.

Das ist ja inhaltlich soweit ganz in Ordnung, stilistisch aber ja wohl höchst mangelhaft. Unter Freunden klingen die gleichen Aussagen etwa so:

> Wie gefällt Dir Haffners "Adolf"?

Ausgezeichnet. In einem Punkt bin ich allerdings etwas anderer Meinung.
Haffner unterscheidet zwischen Hitlers Erfolgen und Hitlers Leistungen. Daß
Hitler (in einem moralfreien Sinn) Erfolge hatte, kann nur ein Narr
bestreiten. Nach Haffner hat er auch Leistungen aufzuweisen, und hier habe
ich einige Zweifel anzumelden. Haffner behauptet, Hitler habe ein feines
Gespür besessen für Dinge, die morsch und dem Untergang geweiht waren, etwa
die KuK-Monarchie, die Weimarer Republik, Polen, Frankreich, und diesem
feinen Gespür habe er seine Erfolge zu verdanken. Wenn das wahr wäre, dann
hätte er sich niemals auf seinen völlig fehlgeschlagenen Putsch einlassen
dürfen, er hätte niemals Rußland angreifen dürfen, und auch die Besetzung
Frankreichs war in dieser Hinsicht ein Fehler, weil Hitler hier nicht nur
gegen das morsche Frankreich zu kämpfen hatte, sondern auch gegen England,
das sich nicht als morsch erwiesen hat. Ich behaupte daher, Hitler hat
dieses von Haffner unterstellte Gespür nicht besessen, Hitler hat immer
alles angegriffen, was ihm in den Weg kam, manchmal hatte er damit zufällig
Erfolg, sogar gegen die Meinung der Experten, wie beim Blitzkrieg gegen
Frankreich, in anderen Fällen lag er völlig daneben (auch eine
leistungsschwache Strategie kann eben manchmal Erfolge erzielen).

Die andere Hitlersche Leistung, die Haffner nennt, ist die Beseitigung der
Arbeitslosigkeit ohne Inflation. Es handelt sich mindestens um einen Erfolg,
aber wie kam er zustande, und handelte es sich tatsächlich um eine Leistung?
Der Erfolg wird, scheint mir, von Haffner zu Recht dadurch erklärt, daß
Hitler eine Planwirtschaft einführte. Nach den orthodoxen Lehren der
Wirtschaftsliberalen ist eine Planwirtschaft immer und stets und unter allen
Umständen einer freien Marktwirtschaft unterlegen, ich fürchte nur, die
Empirie unterstützt diese Ansicht nicht. Je nach Zielsetzung (die Menschen
vor dem Verhungern bewahren, mit Luxusgütern versorgen, einen Krieg
gewinnen, einen Rüstungswettlauf gewinnen, ein Entwicklungsland zu
industrialisieren, den eigenen Freunden möglichst viel Reichtum auf
Schweizer Konten zuschantzen) und je nach Umtänden (Stand der Technologie im
Vergleich zu den Nachbarn, Bildungsstand, Vorhandensein einer starken
Opposition mit unabhängiger Presse, Sparquote und Inflation und zehntausend
weiteren Dingen, die kein Mensch von vorneherein alle aufzäheln und
überschauen kann) können ganz verschiedene Grade von Eingriffen des Staates
optimal sein, um das Ziel zu erreichen, manchmal ist es optimal, wenn bloß
ein Kartellamt die Bildung von Monopolen verhindert und ansonsten alles dem
Markt überlassen bleibt, manchmal sind Schutzzölle angezeigt, manchmal
Mindestlöhne, und je nach Umständen und je nach Zielsetzung kann die
optimale Lösung auch eine Planwirtschaft mit Massenhinrichtungen und
Arbeitslagern sein. Es wird gerne behauptet, die Sowjetunion sei
untergegangen, weil die Planwirtschaft eben eine unterlegene Wirtschaftsform
sei. Aber letztlich weiß niemand, ob die Sowjetunion nicht in Wahrheit
untergegangen ist, weil sie irgendwann versuchte, eine Planwirtschaft ohne
Arbeitslager und Massenhinrichtungen zu organisieren.

Soweit ich sehe, bestand die wirtschaftliche Leistung Hitlers im
wesentlichen darin, daß er keine Vorurteile gegen die Planwirtschaft hatte.
Damit zeigt sich Hitler zwar so manchem Wirtschaftsliberalen intellektuell
überlegen, der mit religiöser Inbrunst von der Minderwertigkeit aller
Planwirtschaften überzeugt ist, aber letztlich, scheint mir, zeigt sich hier
bloß die Hitlersche Unbildung: Hitler wußte eben einfach nicht, was jeder
wirtschaftlich halbwegs Gebildete weiß, nämlich, daß Planwirtschaften nicht
funktionieren können. Während Brüning vermutlich alles über Wirtschaft wußte
und alles den Lehrbüchern entsprechend richtig gemacht hat und furchtbaren
Schiffbruch erlitt.






Gemäß Zawinskis Gesetz ist jedes Programm bestrebt, so lange zu expandieren, bis es Mail lesen kann. Tatsächlich scheint mir, daß jedes Programm sich im Limes in einen Compiler verwandelt. Ein Programm soll möglichst nützlich, universell und flexibel sein, und was wäre flexibler als ein Compiler, der nur den richtigen Code erhalten muß, um alle lösbaren Probleme zu lösen? Deshalb können Textverarbeitungsprogramme wie Emacs oder Word nicht nur Texte verarbeiten, sondern überhaupt alles, was eine universelle Turingmaschine kann. Und ein moderner Webbrowser ist gleichzeitig ein Interpreter für die Skriptsprache Javascript und eine virtuelle Maschine für den Bytecode eines Javaprogramms. Abgesehen davon, daß CSS2, eine Sprache, die lediglich das Layout einer Webseite regeln soll, in absehbarer Zukunft so mächtig werden wird, daß sie irgendwann ebenfalls alles kann, was die universelle Turingmaschine kann, die Möglichkeit zur Manipulation des Zählers von Kapitelüberschriften über CSS2 ist der erste Anfang.

Es kommt hinzu, daß Programmierer tendenziell Menschen sind, die sich lieber mit Computerprogrammen als mit dem restlichen Universum befassen. Dementsprechend haben sie wenig Lust, Programme zu schreiben, die Probleme des restlichen Universums lösen, und ziehen es vor, Programme zu schreiben, mit deren Hilfe es möglich ist, auf andere Programme einzuwirken. Ein Programm zur Administration der Verwaltung eines Großbetriebes zu schreiben hat deshalb weniger Apeal als einen Compiler oder ein OS zu schreiben. Wird ein wahrer Hacker gezwungen, ein langweiliges Verwaltungsverwaltungsprogramm oder ein Textverarbeitungsprogramm oder ein Programm zur Steuerung von Fahrstühlen zu schreiben, so wird, genügend Zeit und Geduld der Auftraggeber vorausgesetzt, daraus zwangsläufig ein Compiler oder ein OS werden (oder beides, wie im Fall von Java, ursprünglich konzipiert als ein Mittel zur Steuerung von Fahrstühlen oder Toastern).



26.7.2002





Da wir gerade von Java sprechen, erlaube ich mir, noch einmal auf mein kleines Hello-World-Programm zurückzukommen:

> Ich bemerkte voll Entsetzen, daß Du im Programmcode ausgiebig
> int-Konstanten benutzt, anstatt des Patterns der type-safe enums.
> So kann man das wirklich nicht lassen !

Ich bin bestürzt und zerknirscht und kann zu meiner Verteidigung nur anführen,
daß es sich ja lediglich um die ersten, tastenden Anfängerschritte handelt.
Freilich, den int-Konstanten will ich ein für allemal abschwören. Ich habe
inzwischen eine neue, verbesserte Version meines Hello-World-Programmes
geschrieben, in der überhaupt keine Konstanten mehr vorkommen -- und mitten im
Code versteckte "magische Zahlen" natürlich erst recht nicht. Ich habe mir
erlaubt, den Code zur gefälligen Begutachtung beizufügen. Das gewählte
HTML-Format ist nicht besonders elegant, es ergab sich halt, weil ich mit
möglichst wenig Aufwand, also automatisch, den Code ein bißerl bunt und farbig
gestalten wollte (analog zu den Farbeinstellungen in Forte, meinem
Code-Editor, die ich natürlich nicht in ihren Standardeinstellungen lassen konnte).

> Ich hoffe bloß, Dein modellhafter Code wird dadurch nicht etwa am Ende
> noch kürzer !

Da ich Scherze wie die Verwendung der Reflection-API nicht zweimal machen
wollte, ist es mir gelungen, den neuen Code auf pow(hlf * two, sqr / two)
Zeilen zu komprimieren. Dabei hatte ich allerdings nicht den Ehrgeiz, das
kürzestmögliche Magic-Numbers- und Konstantenfreie Programm zu schreiben (eher
schon den Ehrgeiz, à la Heraklit Schwerverständlichkeit auf möglichst wenig
Raum zu konzentrieren).


 
1
/*
2
* HelloWorldMagicFree.java
3
*
4
* Don't use this to control airplanes or nuclear plants.
5
*
6
* The meaning of TWO, SQuaRe, HaLF and DiFFerence should be clear. A tetrakTYS
7
* was a pythagorean figure like this:
8
*
9
* o
10
* o o
11
* o o o
12
* o o o o
13
*
14
* with 1 + 2 + 3 + 4 dots. And Umberto ECO wrote a story about the illuminates
15
* using the numbers 6 and 6 * 6.
16
*
17
* Created on 26. Juli 2002, 21:15
18
*/
19
20
packagespan > de.janthor.parody;
21
22
/**
23
* This prints the "Hello World"-message without any magic numbers besides
24
* the harmless numbers 0 and 1, and without any "final static String" garbage.
25
*
26
* @author Jan Thor
27
* @version 1.0
28
*/
29
public classspan > HelloWorldMagicFree {
30
31
static intspan > two,span > sqr,span > tys,span > hlf,span > dff,span > eco;
32
span > static int[]span > a;
33
span >
34
/** Creates new HelloWorldMagicFree (Not that we use it much...) */
35
span > HelloWorldMagicFree() {}
36
37
// Note that the methods are sorted lexicographically, as pretty code
38
// formating requires.
39
span >
40
/**
41
* I guess you heard of method main before.
42
*
43
* @param args the command line arguments
44
*/
45
span > public static voidspan > main(String args[]) {
46
span >
47
// Define some basics
48
span > for (two =span > 0;span > two++ < 1;);
49
span > sqr =span > pow(two,span > two);
50
span > for (intspan > i =span > 0;span > i <=span > sqr;span > tys +=span > i++);
51
span > hlf =span > tys /span > two;
52
span > dff =span > hlf -span > two;
53
span > eco =span > pow(two *span > dff,span > two);
54
span > a = new int[tys +span > 1];
55
span >
56
// Vector Patrol
57
span > for (intspan > i =span > 0;span > i <span > a.length;span > a[i] =span > i++ *span > eco)span > a[0] =span > a[two];
58
span > for (intspan > i =span > 1;span > i <=span > tys;span > a[i++] =span > a[dff]);
59
span > for (intspan > i =span > dff;span > i <span > dff *span > dff;span > i++)span > a[i] +=span > dff * (i -span > dff);
60
span > for (;span > a[two *span > dff] >span > a[dff];)span > a[two *span > dff] =span > a[pow(two,span > dff)] -span > eco;
61
span > for (intspan > i =span > sqr;span > i <=span > hlf;span > a[tys] =span > tys *span > tys)span > a[i +span > dff] =span > a[i++];
62
span > for (intspan > i =span > 1;span > i >=span > 0;span > i--)span > a[i >span > 0span > ?span > i :span > i <span > 0span > ?span > two :span > hlf]
63
=
span > i *span > a[tys] + pow(two,span > hlf * (1span > -span > i));
64
// Show and tell
65
span > System.out.println(stringing(a));
66
}
67
68
/**
69
* We need this, since Math.pow gives us a double which is sometimes
70
* misleading (e.g. (int)Math.pow((double)10, (double)-10) returns 0
71
* instead of a more apropriate error message).
72
*
73
* @param base The base.
74
* @param exp The exponent.
75
* @return A power.
76
* @throws IllegalArgumentException if the arguments are illegal.
77
*/
78
public static int pow(intspan > base, intspan > exp) {
79
if (exp == 0 &&span > base == 0) throw new IllegalArgumentException("NO 0^0");
80
if (exp < 0) throw new IllegalArgumentException("DIV IS NIL");
81
intspan > t = 1;
82
for (intspan > i = 0;span > i <span > exp;span > i++)span > t *=span > base;
83
span > return t;
84
}
85
86
/**
87
* Konvert a vector into a statement.
88
*
89
* @param z An array with results of a scientific computation.
90
* @return A word of profound wisdom.
91
*/
92
public staticspan > String stringing(int[]span > z) {
93
span > char[]span > c = new char[z.length];
94
span > for (intspan > i = 0;span > i <span > z.length;span > i++)span > c[i] = (char)z[i];
95
span > return new String(c);
96
}
97
98
}
99
100
// Wow. The code was less than hundred lines long.




31.7.2002





Einige Wirrköpfe haben den Roman „Illuminatus!“ ernster genommen, als angemessen (etwa der Hacker Karl „Hagbard“ Koch). Auf subtilerer Ebene läßt sich dieser Vorwurf freilich auch gegen die beiden Autoren erheben: zwar mögen sie nicht an Illuminaten, Verschwörungen und Geheimbünde glauben. Aber sie glauben daran, der unschuldigen Leserin unbedingt eine Botschaft vermitteln zu müssen, eine Botschaft vom richtigen Leben im falschen und von der Befreiung. Infolgedessen ist es den Protagonisten unmöglich, irgend eine Handlung zu vollziehen, etwa beispielsweise miteinander zu schlafen, ohne daß sie dabei ins Dozieren geraten. Sex als moralische Anstalt ist aber auf Dauer etwas ermüdend fanatisches.



2.8.2002





Idee für einen Film, Titel: „DAS SUBSTANTIV“, Handlung: Richard D. „Dick“ Ourhero, ein junger Anwalt aus Los Angelas, kommt einer Verschwörung mafioser Hollywooddrehbuchautoren auf der Spur, die ein Kartell zur Durchsetzung billiger Fließbandware gegründet haben. Bei seinen Nachforschungen trifft er die geheimnisvolle Sandra Fickmich, dann kommt es zu einer wilden Verfolgungsjagd, ein Auto stürzt in den Abgrund, überschlägt sich dreimal und explodiert. Ein schrecklicher Verdacht: es scheint, als sei Richards autoritärer Vater, George Bush III, mit dem er seit seiner Kindheit kein Wort mehr gesprochen hat, Kopf der Verschwörung der Drehbuchautoren. Am Ende stellt sich jedoch heraus, daß George Bush III in Wahrheit ein Undercoveragent der Regierung und ein patenter Kerl ist, und George und Richard versöhnen sich. Sandra Fickmich heiratet Arnold Willie.





Von Sex als Initiationsritual abgesehen gibt es in „Illuminatus!“ natürlich noch viel bedenklichere Methoden, Erleuchtung zu erlangen, wenn etwa einer der Helden einen Mord begehen muß, um in den Kreis der Eingeweihten aufgenommen zu werden.

Auch mangelt es dem Buch an jeder Art von Idee, wie ein nicht hierarchisch und autoritär ausgerichteter Verbund aussehen könnte: das Gegenteil einer hierarchischen und autoritären Verschwörung ist wieder eine hierarchische und autoritäre Verschwörung. Da ist selbst noch der Kampf der tapferen Linux-Ritter gegen das Microsoft-Imperium spannender als der Kampf Pseudoilluminaten gegen Diskordische Illuminaten, denn da treffen wenigstens grundsätzlich verschiedene Arten, sich zu organisieren, aufeinander.

Etwas allgemeiner gesprochen, führt der pädagogische Furor der Aufklärung, wird er von kritischen Prinzipien getrennt, dazu, in das Gegenteil von Aufklärung umzuschlagen. Statt dem König die Pressefreiheit abzuverlangen, werden Geheimbünde gegründet. Die Idee, Sex diene einzig und allein dem Erhalt der Art, wird nicht etwa ersetzt durch die Idee, Sex könne etwas sein, das Spaß macht, sondern durch die Idee, Sex könne, richtig ausgeübt, das Bewußtsein auf irgendwelche öden höheren Ebenen stemmen. Statt zu lehren, ein gebildeter Mensch müsse sowohl die Bücher von Karl Marx als auch von Adam Smith gelesen haben, wird gelehrt, es genüge, die Bücher von Adorno gelesen zu haben, oder, schlimmer noch, von Herbert Marcuse, oder, schlimmer noch, die Gedankensammlung des großen Vorsitzenden Mao. Die Jakobiner bringen erst einmal alle Menschen um, ehe sie sich reif fühlen für eine Republik der Tugend. Und wer keine Drogen genommen hat, darf ohnehin nicht mitreden. Kurz: nicht der schwierige und unendliche Weg zur Wahrheit wird gelehrt, sondern praktischerweise gleich direkt die Wahrheit selbst, oder was die großen selbsternannten Lehrer eben für die Wahrheit halten, und diese Wahrheit ist simpel genug, daß sie noch der dümmste Schüler begreift und erfassen kann (und wahrlich, um eine Pille zu schlucken, braucht es weder Intelligenz noch Bildung).



4.8.2002





In China fällt ein Sack Reis um. Laurence Meyer spricht von einem plumpen Manöver, um von den wahren Problemen Deutschlands abzulenken.



6.8.2002





CNN enthüllt: Wie erst jetzt bekannt wurde, kamen beim Anschlag auf das WTC nicht nur mehrere tausend Menschen ums Leben, sondern Osama bin Laden ließ auch schon vor Jahren drei niedliche Hunde bestialisch ermorden. Auf einer Photocollage der Bild-Zeitung ist sogar zu sehen, wie Osama beim Anblick der sterbenden Hunde hämisch lacht. So ein gemeiner Verbrecher!



20.8.2002





Nachts auf der Augustaanlage, die sich für einen Moment in die A656 verwandelt, ehe sie in Heidelberg wieder zur Bergheimer Straße wird, steht rot und drohend am Horizont ein Hitlermond.





Syllogismus:

Alle großen Philosophen haben neue Begriffe geprägt

Heidegger hat neue Begriffe geprägt

Also ist Heidegger ein großer Philosoph

Syllogismus, zweite Variante:

Alle großen Philosophen haben neue Begriffe geprägt

Heidegger hat neue Begriffe geprägt

Also sind alle großen Philosophen Heidegger





Der kleine Junge möchte wissen, woher die Musik aus seinem Teddy kommt, und öffnet seinen Pelz. Aber das Geheimnis der Musik ergründet er so nicht, zum Vorschein kommt nur ein häßlicher Mechanismus aus Metall. Trotzig beschließt der Junge, daß dann eben auch dieser Mechanismus weiter zerlegt und erforscht werden muß. Später, groß geworden, „erwachsen“ geworden, zertrümmert er in riesigen Teilchenbeschleunigern Atome, griechisch „Unteilbare“, um so der Natur ihre Geheimnisse zu entreißen. Sein Forschen ist ein Zerforschen geworden, das den Gegenstand seiner Forschung zerstört, ohne Achtung vor dem Mysterion, oh weh, es sieht so aus, als könne ich mit der gleichen Leichtigkeit auch für die Gegenseite schreiben.



25.8.2002





Fazit meines Aufenthaltes in Heidelberg: der Philosophenweg ist eigentlich das lohnendere der beiden Ausflugsziele, denn vom Philosophenweg aus gibt es wenigstens einen schönen Blick auf das Schloß, auf dem Schloß gibt es nicht einmal das.



26.8.2002





Vor einiger Zeit habe ich geträumt, ich würde eine Rezension lesen, die die These vertrat, György Ligeti sei ein unorigineller Plagiator, der sich geschickt an verschiedene Modeströmungen angeschlossen habe, ohne einen wesentlich eigenen Beitrag zur Entwicklung der neuen Musik zu leisten. Völlig unberechtigt ist dieser Vorwurf ja nicht, aber warum träume ich denn solche Sachen? Warum kann ich nicht einfach von Sex träumen? Übrigens ist die Ligeti-CD mit dem Kammerkonzert beim Umzug wieder aufgetaucht, nun habe ich sie also zweimal. Nach dem Umzug, beim ersten gemütlichen Sonntagsfrühstück, haben wir die CD angehört (alle anderen waren noch nicht ausgepackt). Die dynamischen Kontraste und die Klangfarben- und Motivwechsel des Kammerkonzertes brachten das Kind immer wieder dazu, sich neugierig zum CD-Spieler umzudrehen. Das Kind, das inzwischen perfekt krabbeln kann, hat schon das nächste Projekt entdeckt, zieht sich an Hockern, Sofas, Umzugskartons und Werkzeugkisten hoch, steht auf zwei wackligen Beinen, läßt mit einer Hand los und überlegt, ob es mit der anderen Hand auch noch loslassen soll. Gestern ist sie zur Leiter gekrabbelt, hat sich erst an der ersten und dann an der zweiten Sprosse hochgezogen und versuchte dann, sein Füßchen bis zur ersten Sprosse hochzubiegen. Außerdem kann es „Mamma“ und „Babba“ sagen, freilich recht unkoordiniert: manchmal sagt sie auch „Mamba“, und wer von uns beiden wer ist, scheint sie auch noch nicht durchschaut zu haben. Inzwischen habe ich auch die anderen CDs ausgepackt und sortiert. Eivind Aarset hat Rabi Abou-Khalil vom ersten Platz im Alphabet verdrängt.





Ein Sprecher des irakischen Präsidenten ließ verlautbaren, es lägen „deutliche Beweise“ dafür vor, daß der Staat Israel Atomwaffen entwickle oder bereits schon entwickelt habe und damit eine Bedrohung für den Weltfrieden darstelle. Einzelheiten wollte er nicht nennen, Gerüchten zufolge bestehen die Beweise jedoch lediglich aus Gerüchten sowie einer Sondersendung von Burma TV 1. Ein Präventivkrieg gegen Israel sei unvermeidbar, um die Sicherheit der Welt zu sichern und den Frieden zu verteidigen, zumal Israel Waffeninspektoren der UNO wiederholt die Einreise verweigert habe. Der ägyptische Staatspräsident ließ daraufhin erklären, ohne eine Resolution des Sicherheitsrates werde sein Land sich an einem Einmarsch in Israel „wahrscheinlich ganz sicher eher nicht“ beteiligen. Die USA warnten den Irak vor Alleingängen.



10.9.2002





Die Namen der drei größten Mathematiker, Euklid, Euler und Eunstein, enthalten alle drei kein „m“.





Ein Film, der die Geschichte des WTC exklusive der Anschläge zeigt, eine Geschichte ingeniöser Ingenieurskunst, der Dynamik des Kapitalismus, dem Reichtum des menschlichen Lebens, der Vielfalt der Schicksale.



11.9.2002





This is a war

To end all war.

It happened to be not too succesful

So far.



12.9.2002





Mainzbonnkölndüsseldorf.



15.9.2002





Unter Rot-Grün ist Deutschland Schlußlicht in Europa geworden: unter Rot-Grün hat der durchschnittliche deutsche Politiker den kürzesten und dünnsten Penis unter allen europäischen Politikern, das Wirtschaftswachstum lag bei lediglich 2 Prozent (von 7.639.467.241.994,35 auf 7.792.256.586.834,24), im Vergleich zu den 100 Prozent Wachstum in Bangladesh (von 1 auf 2), die deutschen Schulkinder sind die dümmsten der Welt, die deutschen Autos bestehen nur noch aus Plastik und Holzwolle, die Zahl der neugebauten Atomkraftwerke ist zusammengebrochen, die durchschnittliche Lebenserwartung ist von 70,3 Jahre auf 40,2 Jahre (Männer) beziehungsweise von 75,6 Jahre auf 42,1 Jahre (Frauen) gesunken, die Quadratkilometerzahl des Hoheitsgebietes der Bundesrepublik Deutschland stagniert, Deutschland hat unter Rot-Grün seinen ständigen Sitz im Weltsicherheitsrat verloren, die Menge der durch Sturmschäden geknickten Bäume sank von 12 Fantastilliarden Kubikmeter Holz auf 0,2 und Mutter Beimer hat ihren Orgasmus nur vorgetäuscht. Zeit für Taten!





Versuch: „Also, weißt du, ich mag ja die Amerikaner, ich meine, George Washington, John Cage, Southpark, Frank Zappa, Francesca Woodman, San Franciscan Nights, Richard Feynman, Dorothea Tanning, Tortoise, die Apollo-Missionen, gar keine Frage: aber als Propagandisten in eigener Sache sind die Amerikaner manchmal einfach ziemlich schwach. Ich meine, jeder liebt Levis oder Cola, aber wenn ein einfacher Araber sich fragt, warum Israel Atomwaffen bauen darf und UN-Resolutionen ignorieren und UN-Inspektoren verweigern und fremde Gebiete besetzen, und der Irak darf nichts dergleichen, das klingt doch irgendwie alles ein wenig willkürlich und ungerecht, oder? Es läßt sich natürlich alles begründen und rechtfertigen, aber zunächst einmal klingt es einfach so, als sollte die Macht das Recht brechen.“

Aber so geht es nicht. Ich kann mir nicht einen naiven Tonfall borgen, auf den ich keinen Anspruch habe.

Das Verhalten der deutschen Staatstragenden ist, realpolitisch gesehen, allerdings noch viel dümmer: einen mächtigen Verbündeten verärgern, ohne von dieser Verärgerung auch nur einen einzigen Vorteil zu haben. Besser wäre es doch wohl, stets zu sagen „Ja, genau, Amerika, genau das wollte ich auch gerade vorschlagen, schön, daß du der gleichen Meinung bist wie ich“, statt sich ständig die eigene Machtlosigkeit vor Augen führen zu lassen.



16.9.2002





Zeitungen und Fernsehsender halten es für vornehm, kurz vor der Wahl zurückhaltend zu berichten, da ja ein Politiker auf Skandale und Vorwürfe, die kurz vor der Wahl aufgedeckt und erhoben werden, nicht mehr angemessen reagieren kann und deshalb eine aggressive Berichterstattung unmittelbar vor der Wahl unfair wäre. Nun gut.

Wenn nun der Politiker A behauptet, Politiker B habe eine Intrige gegen ihn gesponnen (etwa, ihn zu Unrecht beschuldigt, in einen Skandal verwickelt zu sein), so ist auch das ein Skandal, nämlich zu Lasten von B, und B muß ausreichend Gelegenheit haben, sich gegen diesen Gegenvorwurf zu wehren. Andererseits muß A das Recht haben, sich gegen die Vorwürfe zu wehren, die B gegen ihn erhebt. Nehmen wir an, das politische Geschehen vollzieht sich in Zeiteinheiten von einer Woche. Eine Woche vor der Wahl darf nicht länger über Skandale berichtet werden. Also darf A sich eine Woche vor der Wahl nicht mehr gegen die Vorwürfe von B wehren. Andererseits muß A aus Fairneß das Recht haben, sich gegen die Anschuldigung von B zu wehren. Daraus folgt, daß zwei Wochen vor der Wahl nicht mehr über die Anschuldigungen berichtet werden darf, die B gegen A erhebt.

Wenn wir weiter über das Problem nachdenken, stellen wir fest, daß überhaupt nie über Skandale berichtet werden darf. Denn angenommen, wir würden n Wochen vor der Wahl nicht mehr über Skandale berichten. Dann könnte B gegenüber A in der n + 1ten Woche vor der Wahl Vorwürfe erheben, gegen die A sich nicht mehr wehren könnte, was unfair wäre. Also darf bereits n + 1 Wochen vor der Wahl nicht mehr über Skandale berichtet werden.

Tatsächlich handelt es sich um ein Verfahren, daß die Bürger für unmündig hält. Denn ein mündiger Bürger wird schon selbst wissen, was sie von Skandalen zu halten hat, die erst unmittelbar vor der Wahl aufgedeckt werden.





[In den folgenden Skizzen tauchen einige Formeln auf, die ich versucht habe, in HTML umzusetzen; falls die entsprechenden Formeln jedoch nicht oder nur häßlich angezeigt werden, gibt es diese Skizzen auch im PDF-Format, als Mersenne.pdf.]

Von einigen mathematischen Sätzen läßt sich zeigen, daß sie wahr sind, qua Beweis, von anderen, daß sie falsch sind. Es läßt sich darüber hinaus zeigen, erstaunlicherweise, daß es in jeder (halbwegs anspruchsvollen) Axiomatisierung der Mathematik Sätze gibt, die unentscheidbar sind, die sich weder beweisen noch widerlegen lassen.

Ein bekanntes Beispiel für einen unentscheidbaren Satz ist das Auswahlaxiom innerhalb des axiomatischen Systems von Zermelo-Fraenkel (ZF) [wenn hier im folgenden von ZF oder ZFC die Rede ist, dann soll dieses Axiomensystem immer in Verbindung mit einem bestimmten System logischen Schließens gedacht sein, denn ZF selbst braucht zusätzlich eine Logik als Antrieb, um Sätze ableiten zu können]. Es läßt sich beweisen, daß sich das Auswahlaxiom aus den Axiomen von ZF weder beweisen noch widerlegen läßt. Freilich gibt es für diesen Sachverhalt auch viele andere Beispiele (wir können aus ZF andere Axiome streichen und dann zeigen, daß sich die gestrichenen Axiome nicht aus dem verbleibenden Rest ableiten lassen), und in einer solchen Situation können wir das Beispiel eliminieren, indem wir es in den Korpus der Axiome mit aufnehmen (In ZFC, dem Axiomensystem ZF plus Auswahlaxiom, ist das Auswahlaxiom natürlich trivial beweisbar).

Jedenfalls, wenn wir einen (in einer bestimmten Axiomatisierung) unentscheidbaren Satz haben, dann kann es sein, daß wir wenigstens beweisen können, daß der Satz unentscheidbar ist.

Stellen wir uns aber nun einen Satz F vor, der eine bestimmte Existenzaussage macht. Ein Beispiel wäre etwa Fermats letzter Satz, der behauptet, daß die Gleichung an + bn = cn für n > 2 und a, b, c > 0 keine ganzzahligen Lösungen besitzt. Dieser Satz ist natürlich nicht unentscheidbar (da er inzwischen bewiesen ist), aber wir können uns für einen Moment vorstellen, er sei unentscheidbar, das heißt, es gäbe in einer bestimmten Axiomatisierung der Mathematik, etwa ZF, keine Möglichkeit, diesen Satz zu beweisen oder zu widerlegen. In diesem Fall würde das bedeuten, daß dieser Satz wahr sein muß. Denn wenn er nicht widerlegt werden kann, dann bedeutet das, daß es nicht möglich ist, n, a, b und c zu finden, die den Satz zu widerlegen, das heißt, es gibt keine solchen Zahlen, das heißt, der Satz ist wahr. Wenn wir uns vorstellen, der Satz F würde die Existenz eines n mit der Eigenschaft E(n) behaupten. Wenn F unentscheidbar ist, dann bedeutet das, daß F falsch ist (denn gäbe es ein solches n, dann wäre F beweisbar wahr).

Wenn ein solches F unentscheidbar ist, dann kann es auch nicht möglich sein, die Unentscheidbarkeit von F innerhalb des entsprechenden Systems zu beweisen. Denn wir haben uns ja bereits überlegt, daß aus der Unentscheidbarkeit von F die Falschheit von F folgt (beziehungsweise folgt bei einer negierten Existenzaussage, wie bei Fermats Satz, aus der Unentscheidbarkeit die Gültigkeit des Satzes).

Werden wir ein bißchen formalistischer: sei E(n) eine Aussage über die natürliche Zahl n, und die Gültigkeit von E(n) sei leicht nachzuprüfen (Beispiel: E(n) = „n läßt sich schreiben als 2m3a5b7c, und es gilt am + bm = cm, und n läßt sich durch 840 teilen“). Sei F0 die Aussage ∃n:E(n). Sei außerdem Fn+1 die Aussage, daß Fn in ZFC unentscheidbar ist (da es in ZFC nicht direkt möglich ist, über Aussagen von ZFC zu sprechen, erfordern diese Aussagen einen gewissen technischen Aufwand, um sie codiert dennoch in ZFC ausdrücken zu können, aber die Details können wir uns ersparen).

Wir wollen außerdem annehmen, daß F0 unentscheidbar ist. Es folgt daraus, daß F0 falsch ist, und F1 wahr. Wäre F1 entscheidbar, dann müßte F1 gültig sein (wenn wir optimistischerweise davon ausgehen, daß wir nur gültige Sätze beweisen können), aus der Gültigkeit von F1 läßt sich aber die Falschheit von F0 ableiten. Also folgt, daß auch F1 unentscheidbar sein muß.

Nehmen wir an, daß Fn unentscheidbar ist (und ebenso Fn-1). Dann ist Fn+1 wahr. Nehmen wir an, Fn+1 sei entscheidbar. Dann ist (wiederum Widerspruchsfreiheit vorausgesetzt) Fn+1 beweisbar. Dann aber ist auch Fn beweisbar. Denn Fn behauptet ja gerade, Fn-1 sei unentscheidbar. Wäre Fn falsch, dann müßte Fn-1 beweisbar sein. Dann aber wäre Fn beweisbar falsch, und ebenso Fn+1. Da Fn nicht falsch sein kann, muß es wahr sein, damit ist die Wahrheit von Fn bewiesen, Fn+1 damit falsch, im Widerspruch zur Voraussetzung. Wenn Fn und Fn-1 unentscheidbar sind, dann auch Fn+1.

In gewisser Weise sind also Sätze der Form ∃n:E(n) beziehungsweise ¬∃n:E(n) (mit leicht entscheidbarem E(n)), wenn sie unentscheidbar sind, nicht einfach nur unentscheidbar, sondern bösartig unentscheidbar, da auch die Unentscheidbarkeit sich nicht mit gewöhnlichen Mitteln beweisen läßt.

Wenn das so ist, wie kann es dann sein, daß die Unentscheidbarkeit des Auswahlaxioms beweisbar ist? Denn alle Sätze außer den völlig elementaren beginnen doch entweder mit einem ∃ oder einem ¬∃ und sind insofern mit unserem bösartig unentscheidbaren Satz F vergleichbar, oder? Müßte dann nicht auch das Auswahlaxiom bösartig unentscheidbar sein?

Der Beweis der Unentscheidbarkeit des Auswahlaxioms wird gewöhnlich nicht in ZF selbst geführt (was außerordentlich mühsam wäre), so daß ein Teil unserer obigen Argumentation für F gar nicht anwendbar ist, aber das ist nicht der wesentliche Unterschied. Wesentlich für unsere Argumentation ist, daß unsere Beispiele beziehungsweise Gegenbeispiele eindeutig und leicht zu durchschauen sind und keinerlei Mühe bereiten. Wir können gemütlich nach und nach jedes n prüfen, und ob E(n) gilt oder nicht gilt, erfordert selbst wieder keinerlei Beweise, sondern ist mechanisch nachzuprüfen.

In gewisser Weise gilt tatsächlich für das Auswahlaxiom etwas analoges wie im Fall des Satzes F. In ZF gibt es nämlich besondere Mengen einer Klasse K von konstruierbaren Mengen, und diese Klasse ist ein Modell (und zwar das kleinste Modell) für die Klasse aller Mengen, also ein Modell für ZF. Aus den Axiomen von ZF läßt sich nicht beweisen, daß es neben den Mengen in K noch weitere Mengen gibt, ebensowenig, wie diese Behauptung sich widerlegen läßt. Für die Mengen in K läßt sich mehr oder weniger leicht überprüfen, ob für irgendwelche Konstrukte aus diesen Mengen das Auswahlaxiom gilt oder nicht gilt. Und innerhalb dieser Klasse ist das Auswahlaxiom auch nicht unentscheidbar: wäre es unentscheidbar, dann würde das bedeuten, daß wir kein Gegenbeispiel konstruieren können, was aber wiederum zur Folge haben muß, daß es eben kein Gegenbeispiel gibt und wir tatsächlich wissen, daß es innerhalb von K kein Gegenbeispiel gibt. Innerhalb von K ist das Auswahlaxiom beweisbar wahr, und K stellt deshalb ein Modell von ZF dar, in dem das Auswahlaxiom gilt (Das Modell beweist die Unwiderlegbarkeit des Auswahlaxioms). Der umgekehrte Fall, die Unbeweisbarkeit des Auswahlaxioms zu zeigen, ist sehr viel schwieriger (und gelang auch erst viel später), weil es keine einfachen Modelle von ZF gibt, in denen das Auswahlaxiom beweisbar falsch ist. Außerhalb von K könnte es Gegenbeispiele geben, die aber so bizarr sind, daß wir nicht mit dem Finger darauf deuten können, aber innerhalb des Bereiches, in dem jedes Gegenbeispiel ein konkretes Gegenbeispiel ist, haben wir eine Situation analog zum Satz F, für den jedes Gegenbeispiel ein konkretes Gegenbeispiel ist. Falls wir als Gegenbeispiele zum Auswahlaxiom nur tatsächlich konstruierbare Gegenbeispiele, quasi Gegenbeispiele „zum Anfassen“ zulassen, dann ist das Auswahlaxiom nicht unentscheidbar, sondern wahr. Etwas ähnliches gilt für die Kontinuumshypothese, bei der es um die Frage geht, ob sich zwischen die Kardinalzahlen א0 und 2א0 noch weitere Kardinalzahlen tummeln oder nicht: die Frage ist unentscheidbar (und es ist möglich, daß es in diesem Intervall sehr, sehr viele Kardinalzahlen gibt), aber es ist klar (oder jedenfalls beweisbar), daß uns im täglichen Leben niemals konkrete Gegenbeispiele begegnen werden (nichtsdestotrotz scheint der Konsens allerdings inzwischen eher in die Richtung zu gehen, daß die Kontinuumshypothese besser falsch sein sollte).

Damit ist die Situation in der Zahlentheorie freilich eine andere als in der Mengenlehre. In der Mengenlehre tauchen ständig Gebilde auf, die mehr oder weniger hypothetischen Charakter haben und von denen durchaus unklar ist, ob es tatsächlich Beispiele für diese Gebilde gibt. Sätze über „schwach unerreichbare Kardinalzahlen“ (die nur die unterste Stufe einer Hierarchie wolkiger Zahlengötter sind) sind nun einmal nicht von der Art, daß sie sich ebenso nachrechnen lassen wie 5 + 7. Die Welt der natürlichen Zahlen dagegen ist zwar auch ein unüberschaubarer Ort, aber aus ganz anderen Gründen. Es ist daher zu befürchten, daß unentscheidbare Sätze der Zahlentheorie oftmals bösartig unentscheidbare Sätze sind. Es versteht sich, daß ich kein „echtes“ Beispiel eines bösartig unentscheidbaren Satzes angeben kann; Gödels unentscheidbarer Satz für die Principia Mathmatica Und Verwandte Systeme allerdings ist vom Typ eines bösartig unentscheidbaren Satz.

Das gilt natürlich nicht für eine Betrachtung von außerhalb des Systems. Von außen betrachtet, ist Gödels unentscheidbare Satz nicht unentscheidbar, sondern wahr, und dementsprechend ist auch der Satz, der seine Unentscheidbarkeit behauptet, für uns nicht unentscheidbar, sondern wahr, und so weiter für die ganze Hierarchie der bösartigen unentscheidbaren wahren Sätze, die Gödels Satz nach sich zieht.

Das aber ist nicht wirklich ein Trost. Denn wenn es auch noch vergleichsweise einfach ist, gegenüber Gödels für die Principia unentscheidbarem Satz einen Standpunkt außerhalb der Principia anzunehmen, so gilt dies doch nicht ebenso für die gewöhnliche Arithmetik.

Stellen wir uns noch einmal vor, Fermats Satz sei innerhalb einer bestimmten Axiomatisierung der Mathematik ein unentscheidbarer Satz, etwa innerhalb von ZF. Selbstverständlich gibt es andere Axiomatisierungen, für die Fermats Satz nicht unentscheidbar ist, etwa für die Axiome ZF+Fermat, also die Axiome von ZF mit einem zusätzlichen Axiom, das gerade der Fermatsche Satz ist. Wir würden uns dann aber kaum auf den Standpunkt stellen können „in bestimmten unglücklichen Axiomatisierungen ist dieser Satz unentscheidbar, macht nichts, wir müssen eben nur mit den geeigneten Axiomen beginnen“. Denn es scheint doch klar, daß alle „vernünftigen“ Axiomatisierungen der Arithmetik (und damit indirekt der ganzen Mathematik) letztlich alle gleich sind, also inhaltlich das gleiche liefern, und daß, wenn eine „vernünftige“ Axiomatisierung A den Beweis des inhaltlich nichttrivialen Satzes F nicht erlaubt, daß dann die Axiomatisierung A+F keine vernünftige Alternative darstellt. Zumal ja die allermeisten Mathematiker überhaupt keine Formalisierung verwenden, und unsere Besorgnis dem Fall gilt, daß ein bestimmter Satz F nicht in dieser oder jener speziellen Formalisierung unentscheidbar ist, sondern daß er in der gewöhnlichen informellen Mathematik unentscheidbar ist. Zwar ist es möglich (und geschieht auch ständig), die gewöhnliche Mathematik und ihren Formalismus zu erweitern, zu verändern oder einen Metastandpunkt einzunehmen, freilich sind nicht mehr alle denkbaren Erweiterungen und Modifikationen derart, daß wir sie als Mathematik bezeichnen möchten, und es könnte sein, daß jeder Form dessen, was wir als Mathematik bezeichnen, ein gemeinsames Gerüst zugrunde liegt und daß der fragliche Satz F in keiner dieser Formen entscheidbar ist.

Der Fermatsche Satz mußte in den obigen Abschnitten als Beispiel herhalten, weil er sehr bekannt und sehr einfach ist, obwohl er nun inzwischen entschieden ist. Es bleiben genug Sätze übrig, die noch nicht entschieden sind und von denen denkbar ist, daß sie bösartig unentscheidbare Sätze sind. Ein besonders frappantes Beispiel möchte ich (um der Leserin wohlige Schauer des Entsetzens über den Rücken zu jagen bei der Vorstellung, es könne sich um bösartig unentscheidbare Sätze handeln) noch kurz vorstellen.

Im Grunde ist es (um Hardy zu wiederholen) sehr einfach, Vermutungen auszusprechen, die zu beweisen oder zu widerlegen dann ungeheuer schwer ist. Insbesondere in der Zahlentheorie scheint es besonders einfach, einfach formulierte Vermutungen zu finden, die sich hartnäckig allen Lösungsversuchen widersetzen. Letztlich ist das Verhältnis zwischen Addition und Multiplikation (die lediglich eine verschlungene Form der Addition ist) nicht richtig verstanden und durchdrungen. Bezüglich der Addition sind die natürlichen Zahlen ein harmloses Gebilde, das sich, ausgehend von der 0, durch beharrliches Addieren der 1 erzeugen läßt. Bezüglich der Multiplikation handelt es sich um ein etwas komplizierteres Gebilde mit einer unendlichen Basis, in dem jede Zahl größer Null sich darstellen läßt als
 
Π
p ∈ P
 pai, wobei P die Menge der Primzahlen ist und nur endlich viele Koeffizienten von Null verschieden, aber letztlich ist auch dieses Gebilde, für sich betrachtet, nicht übermäßig kompliziert. Wirklich kompliziert ist, daß die Basis der multiplikativen Zusammensetzung der Zahlen, die Primzahlen, so schief und schräg innerhalb der natürlichen Zahlen liegen, wie sie sich durch fortgesetzte Addition der 1 ergeben. Sofort stellen sich mehr oder weniger schwierige Fragen, die wir längst nicht alle beantworten können, etwa die harmlose Frage, ob es unendlich viele Primzahlzwillinge gibt, also Primzahlenpaare mit der Differenz 2. Auch Fragen derart, wie wir Potenzen von bestimmten Zahlen summieren können, um bestimmte andere Zahlen zu erhalten, wie Fermats Satz oder die Goldbachvermutung, entstehen aus dieser Verwirrung.

Um das verschlungene Verhältnis von Addition und Multiplikation zu entwinden, liegt es nahe, die Menge der Teiler einer Zahl zu betrachten, und der Begriff des Teilers dürfte eine der ältesten mathematischen Begriffsbildungen sein. Unabhängig voneinander wurde in verschiedenen Kulturen die Entdeckung gemacht, daß es bestimmte Zahlen gibt, die gerade die Summe ihrer echten Teiler sind (eine Zahl ist ihr eigener Teiler, wenn sie nicht gerade die Null ist, aber da dieses Teilbarkeitsverhältnis so trivial ist, gilt dieser Teiler als minderwertig, also unecht), wie zum Beispiel 1 + 2 + 3 = 6, oder 1 + 2 + 4 + 7 + 14 = 28. Zahlen mit dieser Eigenschaft heißen „perfekt“. Es liegt nahe, zu fragen, ob es unendlich viele solcher perfekten Zahlen gibt, wie sie sich charakteriesieren lassen oder wie sie sich systematisch erzeugen lassen. Eine weitere sehr naheliegende und wohl auch sehr alte Frage ist, ob es auch ungerade perfekte Zahlen gibt.

Nun ist es nicht so, daß wir inzwischen, seit den archaischen Tagen, an denen diese Fragen das erste Mal gestellt wurden, nicht einiges herausgefunden hätten. Wir wissen beispielweise folgendes: wenn p eine Primzahl ist und 2p - 1 ebenfalls eine Primzahl ist (in welchem Fall sie „Mersenne-Primzahl“ heißt), dann ist 2p-1(2p - 1) eine perfekte Zahl. Wir wissen auch, daß alle geraden perfekten Zahlen von dieser Form sind, wir wissen, daß 191561942608236107294793378084303638130997321548169216 eine perfekte Zahl ist, wir kennen perfekte Zahlen mit 8107892 Ziffern, die ich hier allerdings nicht hinschreiben möchte, weil das ein Konvolut im Bibelformat ergäbe, allerdings kennen wir erst 39 gerade perfekte Zahlen und wissen nicht, ob es unendlich viele davon gibt. Ein wenig wissen wir auch über ungerade perfekte Zahlen: sollte es denn tatsächlich eine geben, dann hat sie mindestens 29 Primfaktoren, davon mindestens acht verschiedene, wenigstens einer davon ist größer als 1020 und die Zahl selbst größer als 10300. Ob es denn aber eine gibt, wissen wir nicht. Das heißt, grob gesagt, dreitausend Jahre Forschung haben uns nicht weiter gebracht, als die Frage „Wie viele perfekte Zahlen gibt es?“ durch die Frage „Wie viele gerade und wie viele ungerade perfekten Zahlen gibt es?“ zu ersetzen.

Es gibt ebenso viele perfekte Zahlen wie Mersenne-Primzahlen, aber wir wissen nicht, ob es unendlich viele Mersenne-Primzahlen gibt. Derartige Fragen lassen sich leicht vervielfältigen: sei M1(p) = 2p - 1, Mn+1(p) = M(Mn(p)). Wie viele Primzahlen gibt es, so daß M2(p) prim ist? Was ist das größte n, so daß es eine Primzahl p gibt, so daß Mn(p) prim ist? Selbst eine einfache Frage (die sich im Prinzip mechanisch beantworten lassen sollte, wenn die Antwort nicht gerade „unendlich“ lautet) wie die, welches das kleinste n ist, so daß Mn(2) nicht prim ist, stößt an die Grenzen unserer Rechenkapazität: die Antwort ist ≥ 5, aber ob M5(2) prim ist, ist schwer zu sagen, da M5(2) bereits mehr als 1038 Ziffern hat.

In unseren Überlegungen haben wir ein realistisches Modell der Mathematik zugrunde gelegt („realistisch“ nicht in dem Sinne, daß es die Realität besonders realistisch wiedergeben würde, sondern im Sinne von platonisch, die mathematischen Entitäten als Realien auffassend, im Gegensatz zu „konstruktivistisch“). Wir gingen davon aus, daß es ein Beispiel n mit der Eigenschaft E(n) entweder gibt oder nicht gibt, unabhängig davon, was wir darüber wissen, unter Verwendung des Satzes vom ausgeschlossenen Dritten, die Menge der natürlichen Zahlen als ein selbstständiges, von uns Menschen unabhängiges Ding auffassend. Ich überlasse es der Leserin als Übung, sich zu überlegen, was sich ergibt, wenn wir auf diese Voraussetzung verzichten.



17.9.2002





Heute wird Selene 256 Tage alt. Das ist eine Fermatsche Zweierpotenz, also eine Zweierpotenz, deren Exponent selbst wieder eine Zweierpotenz ist. Die nächste derartige Zahl ist 65536, das entspricht etwas mehr als 179 Jahren.





Ein kleiner Nachtrag zu den Mersenne-Primzahlen, im Lichte des Konstruktivismus:

Wir definieren:

M0(n) = n

M1(n) = 2n - 1

Mk + 1= M1(Mk(n))

Falls n und M1(n) Primzahlen sind, dann ist M1(n) gerade eine Mersenne-Primzahl. Zu beachten ist, daß, wenn Mk(n) keine Primzahl ist, daß dann auch Mk + 1(n) keine Primzahl ist (die erste zusammengesetzte Zahl sorgt dafür, daß die Iteration von da an nur noch zusammengesetzte Zahlen liefert). [Beweis gefällig? Sei n = mk. Dann läßt sich 2km - 1 zerlegen in 2m - 1 und 2m(k-1) + 2m(k-2) + ... + 2m + 1.]

Sei ferner P die Menge der Primzahlen. Dann definieren wir

m(n) = |{k | Mk(n) ∈ P}|

also die Anzahl der Zahlen k, für die Mk(n) ein Primzahl ist. Für eine zusammengesetzte Zahl n ist m(n) gerade 0, für eine Primzahl mindestens 1, für eine Primzahl, für die M1(n) eine Mersenne-Primzahl liefert, ist m(n) mindestens 2. Es ist denkbar, daß es Zahlen gibt, für die m(n) den Wert ∞ liefert, aber daran wollen wir uns nicht stören (in solchen Fällen könnten wir m(n) den Wert -1 zuordnen, wenn wir eine Abbildung ℕ→ℤ verwenden möchte, aber dieser Aufwand scheint mir übertrieben). Wir können fragen, wie groß m(n) maximal werden kann, also nach dem Wert von supk{∃j: k = m(j)}, aber die Frage nach diesem Wert ist schwer zu beantworten, ich weiß nicht einmal, ob dieser Wert endlich oder unendlich ist. Eine andere Frage ist die, ob die Folge
Σ
i = 0
 
m(i)
i
  konvergiert; jedenfalls wird sie größer als 5.

Hier die ersten 32 Werte der Funktion:

n012345678910111213141516171819202122232425262728293031
m(n)00≥ 4≥ 3030≥ 2000102000202000100000102


Wir definieren nun eine weitere Zahl:

m = minn{m(n) = supk{∃j: k = m(j)}}

Wir wissen nicht, wie groß m ist. Es ist denkbar und noch nicht einmal unplausibel, daß m den Wert 2 annimmt. Es dürfte nicht ganz einfach sein, den Wert von m zu bestimmen. Schlimmer noch: es ist denkbar, daß m überhaupt nicht existiert. Das ist dann möglich, wenn zwar m(n) jede beliebige Schranke übersteigt, so daß supk{∃j: k = m(j)} = ∞, es aber kein m gibt, so daß Mk(m) für beliebiges k prim ist

Insgesamt scheint die Existenz von m plausibler als die Nichtexistenz. Darüber hinaus scheint es plausibel, anzunehmen, daß supk{∃j: k = m(j)} endlich ist. Das liegt daran, daß es für größere Zahlen immer schwieriger wird, prim zu sein, so daß es immer schwieriger werden dürfte, lange Ketten von Zahlen zu finden, die Mersenne-Primzahlen ergeben. Zwar haben wir unendlich viele Versuche zur Verfügung, unsere Chancen werden aber auch immer schlechter.

Die Chance, daß eine Zahl n eine Primzahl ist, ist von der Größenordnung ln-1n. Damit m(n) ( 2 gilt, muß auch M1(n) prim sein, mit einer Wahrscheinlichkeit von ln-1(2n-1). Eine Abschätzung der Wahrscheinlichkeit, daß m(n) ≤ r ist, ergibt
 
Π
i ∈ [0, r]
 ln-1(Mi(n))
, und für größere Werte von n und r wird diese Zahl sehr schnell sehr klein (und die Summe über alle n konvergiert). Es ist daher nicht unvernünftig, zu vermuten, daß m(2) = 4 und m = 2 (ein ähnlich primitives Argument legt nahe, daß es unendlich viele Mersenne-Primzahlen gibt, aber nur endlich viele Zahlen n, für die M2(n) eine Primzahl ist). Aber letztlich wissen wir das nicht sicher. Es könnte sein, daß unsere Wahrscheinlichkeitsüberlegungen zwar an sich richtig sind, daß aber durch einen sehr, sehr unwahrscheinlichen Zufall eben doch etwas anderes der Fall ist. Oder aber die Wahrscheinlichkeiten mehrere Zahlen, prim zu sein, ist eben nicht unabhängig, wenn diese Zahlen in der Relation stehen, das M0(n), M1(n), M2(n), ... einer Zahl n zu sein (siehe auch die übernächste Skizze).

Nehmen wir an, m existiert. In welchem Sinn können wir sagen, daß m existiert? Von einem streng monistisch-materialistischen Standpunkt aus existiert natürlich noch nicht einmal die Zahl 2, allenfalls ließe sich sagen, bestimmte menschliche Tätigkeiten seien derart, daß in ihr die-und-die Schriftzeichen und Laute das-und-das bewirken. Vom realistischen Standpunkt aus fühlen wir uns bedrängt, uns m als eine Art undurchsichtiger Schachtel zu denken, die vielleicht leer ist, vielleicht aber auch die Zahl 2 enthält oder die Zahl 213466917 - 1 oder sonst eine Zahl. Jedenfalls existiert, vom realistischen Standpunkt aus, der Inhalt der Schachtel m, mag er auch das Nichts sein, unabhängig davon, ob wir Menschen in die Schachtel hinein geschaut haben oder nicht. Von einem etwas anspruchsvolleren Standpunkt aus existiert noch nicht einmal die Funktion m(.), da wir ja kein Verfahren angegeben haben, das es erlauben würde, m(.) zu berechnen. Allerdings sind wir durchaus imstande (wie die obige Tabelle zeigt), eine ganze Reihe von Werten von m(.) zu berechnen. Wir könnten also versucht sein zu sagen, m(.) sei definiert und berechenbar auf jenen Werten n, die m(n) < ∞ liefern. Möglicherweise aber (und die Überlegung des vorangegangenen Abschnitts läßt diese Möglichkeit sogar als wahrscheinlich erscheinen) gilt sogar für ∀n∈ℕ: m(n) < ∞, so daß m für sämtliche Werte definiert und berechenbar wäre. Wir hätten dann eine Funktion, für die jeder Funktionswert wohldefiniert und berechenbar ist, von der wir das aber nicht wissen. In welchem Sinn können wir dann sagen, daß m(.) existiert?

Wenn m(n) für alle n endlich ist, dann läßt sich m(.) durch eine simple Turingmaschine berechnen. Falls sogar das Supremum aller m(n) endlich ist (beispielsweise gleich 4), dann können wir sogar Zeitschranken angeben, innerhalb derer die Turingmaschine ihre Antwort liefert (Mersenne-Zahlen daraufhin zu testen, ob sie Primzahlen sind, ist sogar vergleichsweise einfach, ärgerlich ist lediglich, daß M4(n) die Tendenz hat, um einiges größer als n auszufallen). Für die orthodoxe Rekursionstheorie wäre m(.) dann eine langweilige Funktion. Nehmen wir aber an, die Endlichkeit von m(n) für alle n ließe sich nicht beweisen (wobei diese Unentscheidbarkeit nicht einmal bösartig im Sinne der gestrigen Skizze zu sein braucht; denn für ein gegebenes n braucht es kein einfaches Verfahren zu geben, von dem wir wissen, daß es abbricht, mit dem wir entscheiden können, ob n das Gegenbeispiel mit m(n) = ∞ ist). Wir könnten zwar für jedes konkrete n den Wert von m(n) bestimmen, wir könnten aber nicht zeigen, daß wir für jedes n den Wert von m(n) bestimmen können. m(.) bliebe zu einer schattenhaften und ein wenig zweifelhaften Existenz verurteilt.





Um 18:30 stellen die Enten im Luisenpark ihren Betrieb ein.





Nachtrag, als Warnung für hoffnungsvolle Anfänger: plausibel klingende Wahrscheinlichkeitsargumente für zahlentheoretische Vermutungen lassen sich leicht finden und können leicht in die Irre führen. Wenn wir etwa davon ausgehen, daß bei einem Zahlenpaar n und n + 1 beide Zahlen mit einer Wahrscheinlichkeit von ln-1n prim sind, dann können wir „beweisen“, daß es „wahrscheinlich“ unendlich viele derartige Paare gibt, bei denen beide Zahlen prim sind. Tatsächlich aber ist es so, daß entweder n oder n + 1 gerade ist. Falls also n eine Primzahl ist, dann ist n + 1 entweder die Zahl drei, oder n + 1 ist eben nicht prim. Es gibt also keineswegs unendlich viele benachbarte Primzahlpaare, sondern bloß ein einziges. Insofern ist oben auch keineswegs bewiesen, daß „wahrscheinlich“ (was auch immer dieses Wort hier bedeuten mag) unendlich viele Primzahlen der Form M1(n), aber nur endlich viele der Form M2(n) existieren. Eine Zahl der Form M2(n) scheint „doppelt so gute Chancen“ zu haben, prim zu sein, als eine beliebige Zahl, da M2(n) ungerade ist und somit nicht zu der Hälfte der Zahlen gehört, die von vorneherein nicht prim sein können, weil sie durch zwei teilbar sind. Wenn wir nicht gründlicher über diese Fragen nachgedacht haben, können wir nicht sicher sein, daß es nicht aufgrund ähnlicher, aber komplizierterer und verborgenerer Beziehungen doch bloß endlich viele Primzahlen der Form M1(n) oder doch unendlich viele Primzahlen der Form M2(n) (allerdings schwerlich beides gleichzeitig) gibt.



18.9.2002





Die Kastanien hüpfen über die Steinplatten.





Es gibt einen blöden Satz von Hölderlin des Inhalts, daß da, wo Gefahr ist, auch das Rettende wüchse, der gerne zitiert wird. Nehmen wir an, in zehn von hundert Orten, wo Gefahr ist, wüchse auch das Rettende, in den übrigen neunzig Orten sei das dagegen nicht der Fall. In den zehn Fällen wird ein Schreiberling begeistert das Hölderlin-Zitat aufgreifen, weist es ihn doch als gebildeten Schwachkopf aus und paßt auf die Situation wie der Faust aufs Gretchen. In den übrigen neunzig Fällen gibt es dagegen für den Schreiberling keinen besonderen Anreiz, zu schreiben „wieder Mal ein Fall, auf den Hölderlins abgenudeltes Zitat nicht paßt“, zumal es ja sein könnte, daß er das Rettende bloß übersehen hat. Obwohl Hölderlins Satz völlig daneben liegt, breitet er sich immer weiter aus.



20.9.2002





Meine Nase ist kalt

meine Augen sind alt

mein Rücken ist krumm

mein Kopf ist recht dumm



24.9.2002





Schöne Frau’n

tun wir beschau’n

—Sie anzuhau’n

wir uns nicht trau’n.



26.9.2002





Einigen Philosophen gilt die Zeit als das Ur- und Vorbild des Kontinuums. Vielleicht aber ist die Zeit gar kein Kontinuum: vielleicht setzt sie sich, auf einer Planckschen Größenskala, aus diskreten Stückchen zusammen, oder sie verzweigt sich in viele Pfade, und nur wir bilden uns ein, sie bliebe stets einem Pfad treu.





Noch ein Beispiel einer beliebigen Vermutung: es gibt unendlich viele Primzahlen p, so daß auch p + 2, p + 6, p + 8, p + 12, p + 18, p + 20, p + 26, p + 30, p + 32, p + 36, p + 42, p + 48 und p + 50 Primzahlen sind. Ein Beispiel für eine solche Primzahl kenne ich allerdings nicht, so daß auch denkbar ist, daß es überhaupt keine solche Zahl gibt.





Nun gut, nach einigem Nachdenken fällt mir doch ein Beispiel für ein solches p ein, sogar im Kopf.





Eine Theorie, die die etwas exotischen Gemeinde der Keuschheitsgürtelfetischisten mit der leicht weniger exotischen Gemeinde der Anhänger der westlichen Mißverständnisse über den tantrischen Buddhismus (der in westlicher Deutung hauptsächlich mit Sex zu tun hat, nach tibetanischer dagegen hauptsächlich mit der Vergänglichkeit aller Dinge) gemeinsam hat, ist die Stauseetheorie der sexuellen Energie. Demzufolge wird eine Person, die über längere Zeit keinen Orgasmus hat, immer mehr mit sexueller Energie geladen (in der tantrischen Variante läßt sich diese Energie nutzen, um den Weltfrieden zu erzwingen oder wenigstens einige Levitationskunststücke vorzuführen; die Keuschheitsgürtelfetischistengemeinde begnügt sich damit, diese Energie für Fetischspiele zu nutzen), so, wie ein Stausee mit geschlossener Schleuse sich mehr und mehr mit Wasser füllt. Diese Theorie ist zwar nicht völlig und komplett, aber wohl doch an mehreren Stellen ziemlich falsch. Es geht schließlich nicht wirklich um irgend eine Form der Energie, sondern um Hormone und deren Bildung. Eine längere Zeit der Enthaltsamkeit kann auch dazu führen, daß das sexuelle Interesse (und auch die Potenz) nachläßt, der Stausee also verdunstet, insbesondere, denke ich, wenn diese Enthaltsamkeit damit verbunden ist, nicht an Sex zu denken und erst recht nicht irgendwelche orgasmusfreien sexuellen Tätigkeiten durchzuführen. Außerdem, wenn wir denn durchaus an der Metapher eines Potientials festhalten wollen, dann führt auch eine länger anhaltende Erregung zu einer Entladung der sexuellen Energie, auch wenn sie nicht zu einem Orgasmus führt. Ich glaube, in der primitivsten Form der Stauseetheorie steckt das Bild, daß die Hoden eines Mannes kontinuierlich Sperma produzieren (nebenbei produzieren sie sowieso lediglich den Samen), der sich bei anhaltender Enthaltsamkeit mehr und mehr anstaut, und daß für Frauen wohl irgendwie etwas analoges gilt, aber das ist physiologisch doch eher zweifelhaft. Die erwähnte Theorie unterstellt ein mit der Zeit über alle Maßen wachsendes Begehren. Aber ganz so ist es doch wohl nicht: eher scheint mir, daß ein Mann, der, nach einer längeren Zeit der Enthaltsamkeit, einen für ihn orgasmuslosen sexuellen Akt (etwa Cunnilingus) hatte, danach erst einmal eher erschöpft sein wird, so daß seine Erregung ab- und nicht zunehmen wird. Davon abgesehen haben die meisten Menschen so viel anderes zu tun und zu erledigen, daß sie gar keine Zeit haben, andauernd erregt zu sein. Der Stauseetheorie zufolge ist die Erregung oder Erregbarkeit, ist das Verlangen direkt proportional zur verstrichenen Zeit seit dem letzten Orgasmus. In Wahrheit aber hängt das Verlangen nicht linear von der Zeit ab (und kann sogar mit zunehmender Dauer wieder sinken), und es hängt auch nicht lediglich von der Zeit ab (ein Mann, der eine Woche lang keinen Orgasmus hat, wird vermutlich trotzdem beim Anblick seiner Freundin in Reizwäsche eher erregt werden als beim Aufbau eines LAN-Netzwerkes).

Und da ich gerade schon dabei bin, über die Klischees dieser kleinen Gemeinde zu sprechen: aus der Lektüre einiger Dutzend Keuschheitsgürtelfetischgeschichten ist es mir gelungen, die archetypische Geschichte zu destillieren:

„Ich hatte eine Affäre mit einer flüchtigen Bekannten, und meine Frau kam dahinter. Sie drohte mir mit Scheidung, wenn ich nicht einverstanden wäre, einen Keuschheitsgürtel zu tragen. Ich willigte ein. Als nächstes machte sie kompromittierende Photos von mir in meinem Keuschheitsgürtel und drohte mir, diese Photos an alle meine Freunde, Verwandte und Vorgesetzte zu schicken, wenn ich nicht einwilligte, bedingungslos ihr Sklave zu werden. Außerdem stellte sich heraus, daß jene flüchtige Bekannte, mit der ich eine Affäre hatte, mir im Auftrag meiner Frau eine Falle gestellt hatte, um meiner Frau einen Vorwand zu liefern, mich in einen Keuschheitsgürtel zu sperren. Meine Frau kündigte an, daß sie mich nie wieder aus meinem Keuschheitsgürtel befreien werde, da ich dieses Privilegs nicht würdig sei, da mein Glied so lächerlich klein ist. Von nun mußte ich meine Frau mehrmals täglich mit meiner Zunge befriedigen, während sie mir immer wieder vorhielt, wie klein und ihrer unwürdig mein Penis sei und daß ich nie wieder einen Orgasmus haben würde. Außerdem mußte ich von nun, da ich ja kein richtiger Mann mehr war, Frauenkleider tragen und alle Haushaltsarbeiten übernehmen. Meine Frau begann, sich mit anderen Männern zu treffen. Sie schlief mit ihnen und kam anschließend zu mir, und ich mußte das Sperma dieser Männer aus ihrer Scheide auflecken. Schließlich wurde sie meiner überdrüssig, ließ mir riesige Brüste implantieren und verkaufte mich als Hure an ein Bordell, wo ich seither von unzähligen Männern in den Arsch gefickt wurde, während mein Glied noch immer in einer unzerstörbaren Metalllegierung gefangen gehalten wird.“

Ach ja, als besonders erniedrigend gilt es in diesen Geschichten, daß das männliche Opfer im Sitzen pinkeln muß. Was genau daran so erniedrigend sein soll, hat sich mir leider nie so ganz erschlossen (mir jedenfalls scheint es vor allem praktischer, weil dann der Urin nicht durchs ganze Bad fliegt).



30.9.2002





Gestern hat mein Computer versucht, Selene zu installieren: während ich am Computer arbeitete, lutschte Selene auf dem USB-Kabel meiner Digitalkamera herum, ihr Speichel schloß den Stromkreis zwischen zwei Wie-Heißt-Das-Gegenteil-Von-Pins, der Computer erkannte, daß ein Gerät angeschlossen ist, fragte Selene, ob sie Plug&Play-fähig ist, erhielt von Selene keine vernünftige Antwort und teilte dann mir mit, er habe ein neues Gerät entdeckt und suche nach einem Treiber.



19.10.2002





In der Nacht vor der nächsten Sendung lag der Großkritiker wach im Bett und konnte nicht einschlafen. Was ihn denn quäle, wollte seine Frau wissen. „Ach, dieser blöde Babyface hat, um mich zu ärgern, die Strudlhofstiege von Heimito von Doderer als Thema vorgeschlagen, ein völlig unbedeutendes Werk, aber ein Riesenschinken, staubtrocken und völlig langweilig zu lesen, von neunhundert Seiten habe ich gerade einmal ein Viertel geschafft, dauernd werden irgendwelche neuen Personen eingeführt, die alle angeblich irgendwie in einer Beziehung zueinander stehen, aber das Ganze ist völlig unübersichtlich, die angebliche Hauptperson des Buches, ein gewisser Major Melzer, taucht zumindest in dem Teil des Buches, den ich gelesen habe, selten oder gar nicht auf, dazu kommen noch die ständigen geistreich-ironischen Kommentare des Autors, die den Fluß der Handlung völlig zum Stocken bringen und einem den allerletzten Nerv rauben. Ich habe keine Ahnung, was in dem Buch passiert, falls überhaupt irgend etwas passiert. Babyface wird mich fertig machen. Ich werde mal wieder bluffen müssen. Oh, wie ich meinen Beruf hasse.“

Zwanzig Stunden später: Babyface erging sich in begeisterten Lobeshymnen, er entwicklte die These, die Wandlung eines dummen zu einem halbwegs gescheiten Menschen zu schildern, und zwar nicht als schlagartigen Wechsel, sondern als allmähliche kontinuierliche Entwicklung mit allen Nuancen, Schattierungen und Zwischenstufen, sei eine höchst anspruchsvolle literarische Aufgabe, weil es eben die Kenntnis all dieser Zwischenstufen erfordere und, mehr noch, auch die Fähigkeit, sie differenziert darzustellen, letztlich seien an dieser Aufgabe sowohl Döblin im Alexanderplatz gescheitert als auch Mann im Zauberberg, hier zuckte der Großkritiker zusammen, denn den Zauberberg hatte er vor vielen Jahren einmal gelesen und seither beschlossen, es für den unübertrefflichen Höhepunkt literarischen Könnens zu halten, dementsprechend, und weil er wußte, daß Babyface ihn absichtlich provoziert hatte, wollte er bereits eingreifen, doch nun mischte sich die Dame ein, mit irgend einem ganz anderen Thema. Die Dame führte aus, daß das Doppelgängermotiv doch wohl schon bei den Romantikern ein höchst fragwürdiger Topos gewesen sei, seither sei das Thema aber nun vollends auf den Hund gekommen und würde nur noch von Schriftstellern verwendet, denen halt gar nichts Besseres mehr einfiele, es handele sich allemal um ein Zeichen minderer Begabung, Babyface widersprach heftig, es komme eben immer darauf an, wer aus einem altbekannten Motiv etwas mache, selbstverständlich sei ihm die Verhunzung des Doppelgängermotivs durch triviale und einfallslose Schriftsteller zur Genüge bekannt, davon könne doch aber hier, bei der durchaus originellen und eigenständigen Behandlung des Themas gar keine Rede sein, und der Großkritiker wurde zunehmend verwirrt: ein Doppelgänger war in dem Teil, den er gelesen hatte, nicht vorgekommen, zumindest konnte er sich an keinen derartigen erinnern, möglich aber, daß er die entsprechenden Stellen überlesen hatte, auch beim flüchtigen Blättern im hinteren Teil war ihm nichts derartiges aufgefallen, die Diskussion drohte ihm vollends zu entgleiten. Es wurde Zeit, zu seiner ultimativen Geheimwaffe zu greifen. „Mich hat dieser Roman gelangweilt“ polterte er. „Gelangweilt?“, fragte Babyface scheinheilig zurück, „ich habe diesen Roman verschlungen, insbesondere bei den vorletzten fünfzig Seiten, wenn es darum geht, wie die ganzen Knoten des Buches sich lösen werden und die Handlung immer wieder neue Volten schlägt, habe ich das Buch vor Spannung nicht mehr aus der Hand legen können...“ „Mein Lieber“, unterbrach der Großkritiker, nun endgültig auf der Siegerstraße, „da haben Sie sich also durch achthundert Seiten quälen müssen, um fünfzig spannende Seiten lesen zu dürfen, das scheint mir doch eine recht mäßige Bilanz, kommen wir zum nächsten Buch.“



21.10.2002





a bum brum bwrum

*

Meine Tochter hat ihren ersten Scherz gemacht: sie hat so getan, als wolle sie mir in den Zeh beißen, und hat dann gelacht.

*

Selene krabbelt zum Hocker, zieht sich hoch, hält sich stehend mit einer Hand fest, die andere Hand ist frei und bereit, und sie schaut mich mit großen Augen an, denn eigentlich weiß sie, daß der Inhalt der Hockeroberfläche verboten ist. Streng erkläre ich ihr „Nein“ und schüttle den Kopf. Mit noch viel größeren Augen schaut sie mich an, wie kann ich nur so hartherzig sein und ihr verbieten, mit dem scharfen Messer zu spielen. Aber für mich geht es um die Frage, ob ich die nächsten achtzehn Jahre im Himmel oder in der Hölle verbringen werde, und so lasse ich mich von dem steinerweichenden Blick nicht erweichen. Selene läßt sich auf die Knie plumpsen und krabbelt davon, auf der Suche nach neuen Sensationen. Womöglich noch nicht einmal unzufrieden, sondern glücklich, daß bestimmte ihrer Theorien korrobiert wurden.

*

Wenn sie müde auf meinem Arm ihren Kopf an meine Wange legt, riecht ihr Haar nach Esrom.

*

dake-dake-dai-dai



28.10.2002





Fürst David Savimbi hat mir eine Email geschrieben, des Inhalts, daß er sich an mich als einer vertrauenswürdigen Person wendet, um eine heikle finanzielle Transaktion abzuwickeln, die aber für mich mit keinerlei Risiko verbunden ist, wobei es um 80 Millionen US-Dollar geht, von denen ich 15 % Kommission erhalten soll. Das klingt fast zu schön, um wahr zu sein. Ein wenig befremdet mich allerdings, daß der Fürst es nötig hat, in seinem Briefkopf für ein Bulk Email Programm zu werben.





Ein Regalbrett im Dunkeln spontan richtig einzubauen ist dreimal so wahrscheinlich wie einen String im Dunkeln spontan richtig anzuziehen, da die Symmetriegruppe des Regalbrettes nur vier, die des Strings zwölf Elemente enthält.

(Hier ist die Lösung für Leserinnen, die sich außerstande sehen, die entsprechenden Symmetriegruppen zu finden [den folgenden Abschnitt mit der Maus markieren, um ihn lesen zu können]:)

Das Brett läßt sich um 180 Grad um die X-, Y- oder Z-Achse rotieren, wobei eine zusammengesetzte Rotation um zwei dieser Achsen gerade einer Rotation um die dritte Achse entspricht. Zusammen mit der Ausgangsposition ergibt das die vier Elemente der Symmetriegruppe.

Nehmen wir, um uns besser orientieren zu können, an, der String sei unterhalb des Bauchnabels an der Außenseite mit einem kleinen Schleifchen markiert (eben dieses Schleifchen bewirkt meist, daß die Symmetriegruppe nur im Dunkeln zwölf Elemente enthält). Nun können wir den String insofern verkehrt herum anziehen, indem wir ihn linksherum anziehen, so daß das Schleifchen auf der Innenseite landet (physikalisch stehen wir uns diese Operation so vor, daß wir den String auf den Kopf stellen und dann auf links wenden). Nennen wir diese Symmetrie L. Außerdem können wir vorne und hinten vertauschen, so daß das Schleifchen auf dem Rücken landet, nennen wir diese Symmetrie H. Schließlich können wir den String um 120 Grad rortieren, so daß das Schleifchen entweder beim rechten oder beim linken Oberschenkel landet, wir uns also den eigentlich für den Schritt vorgesehenen Bereich entweder um die linke oder rechte Hüfte wickeln. Nennen wir diese Symmetrien D und D2. Die gesuchte Symmetriegruppe ist nun nichts weiter als eine Untergruppe der freien Gruppe der Elemente L, H und D, mit L2 = H2 = D3 = 1, LH = HL, DH = HD2 und DL = LD. Jedes Element läßt sich in der Form LaHbDc schreiben, mit a und b aus {0, 1} und c aus {0, 1, 2}. Das ergibt insgesamt 2 · 2 · 3 = 12 Elemente.



1.11.2002





Ich werde allmählich alt und bekomme nicht mehr mit, was die Jugend heutzutage für Musik hört, so daß ich nur durch glückliche Zufälle auf Tortoise, Tool, Nils Petter Molvær, Godspeed You Black Emperor! oder Rob Swift gestoßen bin, aber wie viel mag mir schon entgangen sein?



2.11.2002





Drei Botschaften Selenes an die Menschheit:

vxm,.o

,,,,,,, x⋖,. pioo x⋖ y hhh, m m .. .v ü c j b ⋗ gh

vvvvvvvvvvvvv s<fg ax<Y > > I:



5.11.2002





Mangelndes zeichnerisches Talent läßt sich teilweise durch Mühe und Fleiß ausgleichen, doch zum Preis von viel Zeit und Aufwand, und das Ergebnis wird doch nicht genauso aussehen wie die Zeichnung eines guten Zeichners.





Da ich bereits wußte, daß die heutige Folge Lexx eine Wiederholung der Folge letzter Woche sein würde, war ich nicht enttäuscht, sondern angenehm überrascht, da die heutige Fassung viel besser war als die Fassung letzte Woche.



6.11.2002





RWE, inzwischen auch „eR. We E“ genannt, macht Werbung dafür, ein wettbewerbsfeindlicher Monopolist zu sein, und verwendet dazu John Lennons „Imagine“ als Hintergrundmusik. Die erste Strophe, in der Lennon sich gegen Jenseitsglauben und Religiosität wendet, geht für RWE dabei voll in Ordnung, die dritte Strophe dagegen, in der sich Lennon gegen Geld und Kapitalismus ausspricht, schneidet RWE dann doch lieber ab. Imagine all the people being hypocritic bastards. Stell dir vor, daß RWE dir all diese Heuchelei aus einer Hand bieten kann.



11.11.2002





Viel Praxis andererseits führt zu zeichnerischer Sicherheit.





Die zu beobachtende abnehmende Gewaltbereitschaft heutiger Jugendlicher ist zurückzuführen auf

Statt „abnehmende“ muß es im ersten Satz natürlich „zunehmende“ heißen, sorry.





Während unseres Medizinstudiums hatten wir uns zu einer lockeren Clique zusammengeschlossen. Hauptzweck unseres Zusammenseins war es, uns gemeinsam auf die Prüfungen vorzubereiten, aber wir hatten auch jede Menge Spaß. Ja, damals war das Leben noch heiter und verantwortungslos. Wir spielten einander gerne Streiche. Ich erinnere mich noch, einer von uns hatte angekündigt, er wolle am nächsten Tag an einem Stadtmarathon teilnehmen, daraufhin schnitten wir ihm nachts heimlich beide Beine ab, da war am nächsten Tag die Heiterkeit natürlich groß.



16.11.2002





„VERISIGN DISCLAIMS ANY WARRANTIES WITH RESPECT TO THE SERVICES PROVIDED BY VERISIGN HEREUNDER INCLUDING WITHOUT LIMITATION ANY AND ALL IMPLIED WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR A PARTICULAR PURPOSE. VERISIGN MAKES NO REPRESENTATION OR WARRANTY THAT ANY CA OR USER TO WHICH IT HAS ISSUED A DIGITAL ID IN THE VERISIGN SECURE SERVER HIERARCHY IS IN FACT THE PERSON OR ORGANIZATION IT CLAIMS TO BE WITH RESPECT TO THE INFORMATION SUPPLIED TO VERISIGN. VERISIGN MAKES NO ASSURANCES OF THE ACCURACY, AUTHENTICITY, INTEGRITY, OR RELIABILITY OF INFORMATION CONTAINED IN DIGITAL IDS OR IN CRLs COMPILED, PUBLISHED OR DISSEMINATED BY VERISIGN, OR OF THE RESULTS OF CRYPTOGRAPHIC METHODS IMPLEMENTED.“

Nun ja, wenn das so ist – wozu ist Verisign dann eigentlich überhaupt gut? Ist der Sinn einer Zertifizierungsautorität nicht gerade der, daß sie garantiert, daß bestimmte Leute genau die Leute sind, die sie zu sein behaupten? Wenn aber jede Garantie für die Gültigkeit dieser Übereinstimmung ausgeschlossen wird, wozu dann die ganze Veranstaltung? Ist das Ganze dann nicht absurd und grotesk? Welche Dienstleistung erbringt Verisign dann eigentlich überhaupt?





Manchmal wedelt Selene wild mit den Händen, in der Hoffnung, dadurch in ihrem Spielzeug zufällig einen interessanten Effekt zu erzielen. Da sie aber auch längst den Pinzettengriff beherrscht, muß es sich bei diesem primitiveren Verfahren um Sentimentalität oder Ungeduld handeln.





Ist Schröder eigentlich noch Bundeskanzler? Er ist in letzter Zeit so selten im Fernsehen, obwohl Deutschland doch gerade untergeht, oder so ähnlich.





Dr Bösbart will die Welt vernichten. Wer weiß Rat?



22.11.2002





Ulla Schmidt ist recht unbedarft und hat eine unangenehme Stimme, ist also so eine Art Verona Feldbusch der Bundesregierung.



24.11.2002





Patricia Arquette und Avril Lavigne haben schöne Zähne.



29.11.2002





Wenn jemand gerne Schubert hört — meinetwegen, manchmal höre ich ja selber Schubert. Wenn jemand Chopin mag — warum nicht. Aber was an diesem Robert Schumann interessant sein soll, es ist mir unbegreiflich, ein derart langweiliges Zeugs aber auch. Seine Frau soll eine berühmte Klaviervirtuosin gewesen sein.



3.12.2002





Die Opern Monteverdis sind eigentlich sehr spät, modern und ironisch. Im gattungsbegründenden Orfeo etwa geht es um den Sänger Orpheus, nun gut, aber wie wird diese Geschichte erzählt? Orpheus steht am Eingang der Hölle und möchte Zerberus mit seinen süßesten Koloraturen betören und rühren. Es mißlingt, das Höllengeschöpf ist von Musik nicht zu erweichen. In seiner Verzweiflung beginnt Orpheus kunstlos und schlicht und ehrlich zu klagen, und Zerberus wird davon ebenfalls nicht gerührt, aber er schläft ein. Freilich, das alles ist harmlos gegenüber L’Incoronazione Di Poppea, in der die furchtbarsten Verbrecher die schönsten Arien singen. Das abschließende Duett Pur ti miro könnte Steine schmelzen, aber recht eigentlich sind es doch zwei Monster, die sich da anschmachten. In einem anderen Duett singt Nero ein bezauberndes Lied über seine angebetete Geliebte, nachdem er eben gerade seinen lästigen Philosophielehrer hat umbringen lassen. All das ähnelt eher letzten als ersten Opern.



4.12.2002





Am 25.6. habe ich ein kleines Geschichtchen begonnen, daß sich innerhalb der nächsten paar Tage und Wochen auf etwa zweihundert Seiten aufblähte. Danach ließ ich das Ding liegen, obwohl ich es nur noch korrekturlesen müßte, damit es fertig ist. Hätte ich es heute zum Abschluß gebracht, dann wäre das ein hoch befriedigend symmetrisches Datum gewesen: 25.6 bis 5.12., also von einer Zweierpotenz bis zur nächsten. Aber das Korrekturlesen ist so sehr viel schwieriger als das Schreiben der Erstfassung; beim Schreiben der Erstfassung kommt es bloß darauf an, die Handlung halbwegs konzis zu planen und die eigene Phantasie spielen zu lassen; beim Erstellung der zweiten Fassung geht es darum, subtile stilistische Entscheidungen zu treffen, zu streichen und zu verwerfen, und dabei die ganze Zeit nach Ungereimtheiten, Unebenheiten und blanken, baren Fehlern Ausschau zu halten, ohne doch wirklich ehrlich zu wünschen, solche Fehler zu finden. Und diese Arbeit ist nicht delegierbar: zwar können auch andere Fehler der Orthographie, der Grammatik oder der Handlung finden, aber Nuancen um Nuancen abzuwägen, um unter verschiedenen möglichen Fassungen die richtige zu finden, das eben ist die Kunst und deshalb Gesellen nicht übertragbar.



5.12.2002





Ein bißerl warte ich auf einen Techno-Remix des „Überlebenden aus Warschau“, damit wir auch diese Geschmacklosigkeit endlich hinter uns haben — aber halt, ist „Ein Überlebender aus Warschau“ nicht selbst schon eine Geschmacklosigkeit, an der absurden Idee krankend, die jüdische Religion vermöchte das Elend des Holocausts irgendwie auszugleichen und zu heilen?



14.12.2002





Hut tut gut.





Der Abergläubische ist auch in folgender Hinsicht ein Technokrat: der Abergläubische hält die Natur für unvollständig, defekt, ständig technologischer Krücken und Prothesen für bedürftig. Der Abergläubische glaubt, nur durch ständige Eingriffe und Maßnahmen die Ordnung aufrecht erhalten zu können. Die Rationalistin weiß, daß Schnupfen eine unheilbare, aber harmlose Krankheit ist, und wartet gelassen den natürlichen Verlauf ab. Der Abergläubische ist dazu aufgrund seiner Technologiebesessenheit unfähig: hat er einen Schnupfen, so meint er, diesen nicht anders überstehen zu können als dadurch, daß er seine Pülverchen, Globuli, sein Schlangenöl und sein Krötenblutextrakt schluckt, einnimmt, aufstreicht, inhaliert, in den After einführt oder Punkt Mitternacht vergräbt. Die Rationalistin vertraut dem Lauf der Natur. Der Abergläubische kennt keinen Lauf der Natur, stets muß der Mensch nachhelfen. Die Rationalistin vertraut darauf, daß die Sonne auch morgen wieder aufgehen wird, ohne daß dazu besondere Maßnahmen nötig sind. Der Abergläubische ist überzeugt, daß die Sonne morgen nur dann wieder aufgehen wird, wenn einer ausreichenden Zahl von Kriegsgefangenen auf den Stufen des Tempels des Sonnengottes das Herz bei lebendigem Leib herausgerissen wird, weshalb der Abergläubische sich zu seinem großen Bedauern gezwungen sieht, ständig Kriege zu führen, um den Nachschub an Kriegsgefangenen zu sichern, so leid es ihm tut, aber schließlich kann er nicht verantworten, daß aufgrund seiner Nachläßigkeit die Sonne morgen womöglich nicht mehr scheinen wird.





Treffen auf einem Markt eine große Anzahl von Käufern und Verkäufern eines bestimmten Produkts aufeinander, kommt es zu stochastischen Effekten, die sich unabhängig von der Natur des gehandelten Produktes verallgemeinern lassen, wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind und nicht bestimmte Ausnahmen greifen. Dann können wir Phänomene wie den Grenznutzenpreis und dergleichen beobachten, und die ganze Veranstaltung wird dann als Marktwirtschaft bezeichnet. Mittlerweile aber existieren die seltsamsten Vorstellungen über die Marktwirtschaft. Die Bahn etwa hat vor kurzem ihr Preissystem umgestellt und ist dafür gelobt worden, weil ihr neues Preissystem nun so sehr viel marktwirtschaftlicher sei, weil es marktwirtschaftliche Steuerungselemente benutze, um volle Züge zu leeren und leere Züge zu füllen und so eine gleichmäßigere Auslastung zu erzielen, indem nämlich besonders begehrte Züge teuerer, besonders unbeliebte Züge billiger gemacht würden. Mit Marktwirtschaft hat das alles freilich überhaupt nichts zu tun. Simuliert wird ein typischer Effekt der Martwirtschaft — daß nämlich eine hohe Nachfrage eines limitierten Gutes den Preis nach oben treibt — aber eine solche Simulation erzeugt noch keine Marktwirtschaft, so wenig, wie ich Masern bekomme, wenn ich mir rote Punkte ins Gesicht male. Die Bahn konkurriert in einem vagen Sinn mit dem Autoverkehr und Fluggesellschaften, außerdem gibt es ein paar Regionalbahnen, aber in Wahrheit ist die Bahn schlichtweg ein Monopolist, so daß Regeln der Marktwirtschaft auf die Bahn per Definition nicht anwendbar sind.

In einer abstrakten Marktwirtschaft führt ein knappes Angebot nicht nur bloß zu steigenden Preisen, sondern durch die steigenden Preise wird die Produktion des entsprechenden Gutes derart attraktiv, daß neue Anbieter auf dem Markt auftauchen, so daß das Angebot erhöht wird und die Preise langfristig sinken. Auf einem funktionierenden Markt hat dieser Mechanismus zur Folge, daß die wichtigsten und häufigsten Bedürfnisse der Käufer zu erschwinglichen Preisen erfüllt werden, und zwar erstaunlicherweise ohne daß eine aufwändige Bürokratie dazu nötig wäre. Für bestimmte Zwecke ist eine Marktwirtschaft eine konkurrenzlos effiziente Methode, die Bedürfnisse der Konsumenten zu stillen. Es gibt jedoch keinen vernünftigen Grund, anzunehmen, immer und unter allen Umständen sei eine Marktwirtschaft das effizienteste Werkzeuge, bestimmte Zwecke zu erreichen. Unter Umständen kann es sinnvoll sein, ein bestimmtes Ziel mit Mitteln zu erreichen, die an die Funktionsweise der Marktwirtschaft angelehnt sind, beispielsweise wenn das Ziel darin besteht, die Emission von CO2 zu reduzieren, eine hohe Steuer auf CO2 zu erheben, so daß eine Produktion von Gütern mit geringem Ausstoß von CO2 dem Produzenten Kostenvorteile verschafft und jeder einzelne Produzent im Rahmen seiner Möglichkeit zur Reduktion der Emission beiträgt (ist das Ziel dagegen lediglich, das schlechte Gewissen der eigenen Bevölkerung gegenüber der eigenen Nachkommenschaft zu beruhigen, genügt schon eine niedrige, symbolische Steuer). Manche Zwecke dagegen lassen sich am besten mit Mitteln erreichen, die mit Marktwirtschaft überhaupt nichts zu tun haben. Ein Ideologe läßt sich daran erkennen, daß er ein bestimmtes Verfahren unbegründetermaßen und unterschiedlos in allen Situationen bevorzugt, etwa behauptet, in allen Fällen müßten die Rechte des freien Unternehmertums gewahrt bleiben, oder es müßten auf jeden Fall die Schlüsselindustrien verstaatlicht werden.

Was ist nun ein optimales Preissystem für eine Eisenbahngesellschaft? Das hängt von der Zielsetzung der Eisenbahngesellschaft ab, die in aller Regel darin bestehen wird, die eigenen Gewinne zu erhöhen. Insofern ist es keine qualifizierte Kritik, der Bahn vorzuwerfen, Bahnfahren würde durch das geänderte Preissystem für bestimmte Personen teurer — es sei denn, wir halten es für grundsätzlich verkehrt, Eisenbahnen halbprivatwirtschaftlich zu betreiben, wie das in Deutschland derzeit der Fall ist, wo es einen (teilweise) nichtstaatlichen Monopolisten gibt, der gewinnorientiert arbeiten soll. Tatsächlich wüßte ich nicht, warum eine privatwirtschaftlich betriebene Bahn per se einer staatlichen Bahn überlegen sein sollte, wenn wir als Ziel eine preiswerte Versorgung der Konsumenten mit vielen, häufig befahrenen Linien und hohen Sicherheitsstandards vor Augen haben. Tatsächlich scheint die radikale Privatisierung der Eisenbahn in Großbritannien (die weit über die fadenscheinige Privatisierung in Deutschland hinausging) zu zeigen, wie vorzugehen ist, wenn das Ziel eine unübersichtliche, unbequeme, teuere Bahn mit niedrigen Sicherheitsstandards ist.

Wir treffen ständig in wichtigen Bereichen auf Monopolisten. Die Energieversorger sind regionale Monopolisten, und Microsoft ist selbstverständlich ein Monopolist. In vielen anderen wichtigen Bereichen teilt sich ein halbes Dutzend Konzerne oder weniger weitgehend den Markt, wie etwa bei Lebensmitteln oder Automobilen. Auf anderen Märkten gibt es keine Konkurrenz, weil es sich um urheberrechtlich geschützte Güter handelt. Manche Berufe, wie Ärzte oder Rechtsanwälte, sind noch in Zünften organisiert. Die Ideologie der Marktwirtschaft ist deshalb größtenteils ein Aberglaube, der eine Welt beschreibt, die nicht existiert.





Es hat etwas sehr tröstliches, daß es noch immer Künstler wie die Musiker von Godspeed You Black Emperor! gibt, die sich herzlich wenig darum kümmern, ob ihre Kunst es vielleicht bis in die Charts schaffen könnte, sondern die Kunst machen, die gemacht werden muß.





Rap ist irgendwie arg selbstrefentiell, oder? Ich meine, meist geht es doch in den Texten darum, daß der Rapper uns mitteilt, daß er ein Rapper ist, der rapt, nicht wahr. Andererseits geht es bei Borges oder Nabokov oder Tieck ja auch um nichts anderes. Und wenn Rob Swift behauptet, „All That Scratching Is Making Me Rich“, die X-Ecutioners die „Hip Hop Awards“ verleihen, or Eminem sagt „I don’t blame you, I wouldn’t let Hailie listen to me neither“, dann ist das nicht ohne Witz.





Ach halt! Godspeed und Rob Swift habe ich ja schon am 2.11. genamedropt.





In amerikanischen Vorabendserien sehen Außenaufnahmen von außerirdischen Planeten irgendwie immer wie nordamerikanische Wälder aus.





Lexx ist bei weitem nicht so perfekt, wie es sein könnte. Zweierlei ist mir aufgefallen, was mich stört. Zum einen sieht die Serie, trotz aller Tricks, immer ein wenig billig aus, obwohl doch der Trick sein sollte, mit einem geringen Budget teuer auszusehen. Die neuartige Synthese von Computeranimationen und Realfilmen ist zwar sehr hilfreich, aber vieles davon wird durch die elend statische Kameraführung wieder zerstört. Ständig bleibt die Kamera festgenagelt an ihrem Ort, so gut wie nie gönnt sie uns eine Totale, andererseits ist sie noch nicht einmal imstande, zwischen zwei verschiedenen Großaufnahmen zu wechseln (überhaupt scheinen ihr Großaufnahmen eher fremd zu sein). Wir sehen also beispielsweise, wie Kai und Xev sich unterhalten. Ein Blick auf das gesamte Interieur, in dem sie sich befinden, wird uns verweigert. Xev spricht, im Bild sind aber alle beide, Kai hört mit dem ausdruckslosen Gesicht eines Toten zu. Dann spricht Kai, und immer noch sind alle beide im Bild, denn die Kamera hat sich seither keinen Millimeter bewegt. Ich weiß nicht, ob Xenia Seeberg eine gute Schauspielerin ist, jedenfalls bemüht sie sich, für ihr Geld etwas zu leisten, und während Kai spricht und sie weiterhin im Bild ist, verzieht sie ihr Gesicht zu allerlei sinnlosen Grimassen, die allesamt nicht nötig wären, wenn die Kamera sich immer nur auf den konzentrieren würde, der gerade spricht. Und auch wenn in der zweiten Staffel die Außenaufnahmen der verschiedenen Planeten nicht unbedingt wie nordamerikanische Wälder aussehen, sind all diese Welten doch seltsam entvölkert und öde, so, als habe für Massenszenen das Budget irgendwie nicht gereicht.

Der andere störende Punkt: ein anderer Kritiker war ihm schon beinahe auf der Spur, als er sagte, die Serie könne sich nicht recht entscheiden, ob sie denn nun komisch sein wolle oder nicht. Das ist noch nicht ernsthaft ein Vorwurf, auch „Brazil“ oder „Dr. Seltsam“ können sich nicht richtig entscheiden, ob sie denn nun wirklich komisch sein wollen oder nicht und sind doch großartige Filme. Aber um Humor und Melancholie zu mischen, ist nicht jede Art von Humor geeignet, und Lexx entscheidet sich oft für einen zotigen Humor, der sich nicht harmonisch mit seiner Düsternis verträgt. Nicht, daß ich der Ansicht wäre, Humor dürfte nicht auch sexuellen Inhalt haben, die spezielle Form der Zote als Doppeldeutigkeit oder Anzüglichkeit aber verträgt sich, als schlichtere und unsubtilere Form des Humors (die in manchen Konrtexten durchaus ihre Berechtigung hat) nicht mit dem absurden Witz, der hier gefordert ist.





Im Spiel Myst gibt es eine Stelle, an der die Spielerin mit zwei Hebeln eine Zahlenkombination mit drei Zahlen einstellen kann. Die Ausgangskonfiguration ist 3-3-3, der linke Hebel dreht die ersten beiden Zahlen um eins weiter (wobei auf die 3 die 1 folgt, also zu 1-1-3), der rechte Hebel dreht die letzten beiden Zahlen um eins weiter (also etwa von 1-1-3 zu 1-2-1). Die Spielerin soll nun eine bestimmte Konfiguration einstellen, wobei sie hinterhältigerweise dazu gebracht wird, zu glauben, dies sei lediglich durch einfaches Betätigen der beiden Hebel in der richtigen Reihenfolge möglich. Welche Konfiguration im Spiel die gesuchte ist, will ich nicht verraten, aber nehmen wir einmal an, es solle 1-1-2 eingestellt werden. Nun gibt es mehrere Möglichkeiten, vorzugehen. Eine Möglichkeit besteht darin, wild an den Hebeln zu rütteln, in der Hoffnung, durch Zufall das richtige Ergebnis zu erhalten. Nennen wir dies die „Idioten-Methode“. Ein etwas systematischerer Ansatz besteht darin, einen Baum mit sämtlichen möglichen Rechts-Links-Kombinationen zu zeichnen. Von 3-3-3 kommen wir zu 1-1-3 und 3-1-1, von 1-1-3 kommen wir zu 2-2-3 und 1-2-1, von 3-1-1 kommen wir zu 1-2-1 und 3-2-2, und so weiter. Nach einiger Zeit tauchen in diesem Baum Konfigurationen auf, die wir bereits kennen und daher nicht weiter verfolgen müssen. Irgendwann stirbt der Baum daher aus. Wenn das der Fall ist, dann haben wir entweder einen Weg, wie wir von 3-3-3 zu 1-1-2 kommen können, oder wir haben einen Beweis, daß das nicht möglich ist. Zu beachten ist, daß diese Methode, wiewohl nicht übermäßig intelligent, doch immerhin einen Beweis der Unlösbarkeit unseres Problems liefert. Nennen wir diese Methode die „Laien-Methode“; wir könnten uns vorstellen, ein gewitzter Laie könnte auf diese Methode verfallen.

Eine Mathematikerin wird feststellen, daß die Reihenfolge, mit der linker und rechter Hebel betätigt werden, vollkommen gleichgültig ist und daß insgesamt nur die Anzahl zählt, mit der linker beziehungsweise rechter Hebel betätigt werden. Aus dieser Überlegung ergibt sich sofort, daß es überhaupt nur neun mögliche Zustände gibt und jede Konfiguration sich von jeder anderen Konfiguration aus nach höchstens vier Schritten erreichen läßt. Es ergibt sich außerdem, daß sich eine Konfiguration der Form 1-x-2 von der Konfiguration 3-3-3 aus nur dann erreichen läßt, wenn x = 3 gilt.



29.12.2002





Nach Platen:

Wer die Schönheit angeschaut mit Augen

wird in diesem Leben zu nix mehr taugen,

wird in kein Beruf mehr passen

und die doofe Schönheit gründlich hassen.



31.12.2002









wird fortgesetzt in:


Jan Thor
www.janthor.com
jan@janthor.de