Skizzenbuch 2003

Beim Vorlesen erweist es sich als ausgesprochend störend, daß sowohl Frosch als auch Ente angeblich „Quack-Quack“ sagen. Eine Zeitlang habe ich mir damit geholfen, den Frosch, nach Aristophanes, „Brekekekex Koax Koax“ sagen zu lassen. Inzwischen habe ich beschlossen, daß ein Frosch „Buorg. Buorg.“ sagt, und eine Ente „Wäg. Wäg. Wäg.“ Eine Gans sagt „Dägdägdägdägdägdägdäg“, ein Huhn „Buoog bogg bogg“ und ein Rabe „Ra!“. Bleiben noch die problematischen stummen Pinguine.



1.1.2003





In Walter Moers’ „Ensel und Krete“ findet sich folgende Behauptung Mythemetz’: „Es wird Ihnen in der Aufregung wahrscheinlich entgangen sein, daß ich auf der letzten Seite die Buchstaben der Sorte E derart raffiniert angeordnet habe, daß sie, wenn sie mit Linien verbunden werden, ein exaktes Hexagramm ergeben. Wenn Sie außerdem die Anzahl dieser Es mit der Anzahl der auf der Seite benutzten Ypsilons multiplizieren, dann ergibt das die schwarzmagische Zahl 666 (natürlich nicht in der zamonischen Urmathematik). Multiplizieren Sie diese 666 mit der untenstehenden Seitenzahl und diese Summe wiederum mit der Anzahl aller Buchstaben dieses Buches, ergibt das jene Anzahl von Teufelselfen, die nach den Grundsätzen der Gralsunder Dämonologie auf eine Nadelspitze passen, nämlich 7 845 689 654 324 567 008 472 373 289 567 827,5.“ Und der Übersetzer Moers ergänzt: „Das gilt natürlich nur für den zamonischen Urtext, nicht für die vorliegende Übersetzung.[...] Ich habe mehrere Wochen damit verbracht, diesen erzählerischen Zaubertrick mit den Mitteln unserer Sprache nachzuahmen. Es ist unmöglich.“

Nun, sehen wir zu. Ich nehme an, die Anzahl der „E“s beträgt 6, um ein Hexagramm bilden zu können. Die Anzahl der „Y“ muß demnach 111 betragen, damit das Produkt 666 ergibt. Im Deutschen dürfte es sehr schwer sein, auf einer Seite nur 6 mal den Buchstaben „E“, aber 111 mal den Buchstaben „Y“ unterzubringen, ohne daß dieser Trick unbemerkt bleibt. Wir wissen jedoch nichts über die Häufigkeitsverteilung dieser beiden Buchstaben im Zamonischen. Sollte etwa im Zamonischen die Häufigkeit dieser beiden Buchstaben gerade umgekehrt sein wie im Deutschen, dann handelt es sich um einen Trick, der sich durchaus nachahmen läßt, ohne daß dazu „mehrere Wochen“ nötig wären, wenn der Übersetzer sich die Freiheit nimmt, die Rolle der Buchstaben „E“ und „Y“ zu vertauschen. Da sich durch größere oder geringe Ausführlichkeit und entsprechende Wortwahl Seitenzahl und Zahl der Buchstaben mehr oder weniger frei steuern lassen, ist es ohne weiteres möglich, sehr viele verschiedene Produkte von Seitenzahl × Buchstabenzahl × 666 zu realisieren. Da aber die Seitenzahl ebenso wie die Gesamtzahl der Buchstaben eine ganze Zahl ist, kann sich dabei unmöglich, wie von Mythenmetz behauptet, eine Bruchzahl ergeben. Davon abgesehen erscheint mir die genannte Zahl als bei weitem zu hoch, selbst wenn wir annehmen, daß die zamonische Urfassung zehn Mal so viele Seiten und zehn Mal so viele Buchstaben benötigt wie die deutsche Übersetzung. Im übrigen heißt das Ergebnis einer Multiplikation nicht „Summe“, sondern „Produkt“. Die Teufelselfenzahl scheint mir ein typisches Produkt von „zufällig auf den Zifferntasten herumhacken“ zu sein, und zwar meine ich, daß sich noch erkennen läßt, daß Moers diese Zahl auf den Zifferntasten des alphanumerischen Blocks getippt hat, nicht auf dem separaten Ziffernblock (ich bitte das zweimalige Auftauchen des Tripels „567“ zu beachten). Ich fürchte, in einer vergleichbaren Situation wäre ich pedantisch genug gewesen, einen Zufallsgenerator zu beauftragen oder eine irgendwie bedeutungsvolle Zahl (etwa 89.388.836.352) zu wählen.

Während Moers’ Behauptung lediglich ein Scherz ist (den ich, trotz meiner humorlosen Kritik, für ziemlich geistreich halte), gibt es genug Menschen, die eben diesen Unfug über geheime Bedeutungsebenen und Zahlensymmetrien im Ernst vorbringen. Ich erinnere mich an die Arbeit eines Gelehrten, der in Platons Politeia allerlei Zahlensymmetrien entdecken wollte, nun ja, die Politeia lädt zu derartigem natürlich ein. Und wir alle erinnern uns wohl noch, wie vor etwa einem Jahr allerlei Meldungen kursierten, die einen tiefen und geheimnisvollen Zusammenhang zwischen den beiden Zahlen 11 und 9 behaupteten, sowie dieser beiden Zahlen mit allen möglichen anderen Data. Dies jedoch nur am Rande.

Geschrieben am 4.1. des Jahres 4 · (4 + 1)4–1 · 4 + (4 – 1).





Ich bin hier in einer Art Paralleluniversum gestrandet, das in vielerlei Hinsicht unserem bekannten Universum ähnelt, aber gleichzeitig auf verwirrende Art und Weise anders ist. Um mit einem banalen Beispiel zu beginnen: die Band Pink Floyd, eine obskure Psychedelic-Gruppe, die ich nur durch einen ausgesprochenen Zufall kenne und von der ich bislang dachte, sie habe nur ein einziges Album veröffentlicht, hat in diesem Universum Dutzende von Platten veröffentlicht, wohl sogar eine Art Musical produziert und einen abendfüllenden Film und geben noch immer Konzerte. Die Band United States Of America kennt hier dagegen niemand, und es hat mich erhebliche Mühe gekostet, herauszufinden, daß sie in diesem Universum zwar existiert, aber nur ein einziges Album veröffentlicht haben.

Ein drastischeres Beispiel: die Hauptstadt Italiens heißt hier Rom (wohl von Romulus, statt Rem), und ist eine blühende Metropole, da die Remer anscheinend die punischen Kriege gewonnen haben. Der siegreiche Hannibal soll, schon kurz vor Rem oder Rom stehend, wieder kehrt gemacht haben, wenn ich freilich nachfrage, was denn Hannibal zu einer solch unsinnigen Handlung hätte bewegen sollen, ernte ich bloß Achselzucken: das sei eben ein Rätsel, so genau wisse das niemand.

In den westlichen Staaten ist die herrschende Religion das Christentum, eine Sekte, an die ich mich vage zu erinnern meine. Wenn meine Erinnerung mich nicht trügt, war das Christentum eine Sekte, die etwa zur gleichen Zeit aufkam wie der Osirianismus, aber sich, zumindest in dem mir vertrauten Universum, nie recht durchsetzen konnte.

In Rußland gab es hier kurz nach der mir bekannten demokratischen Revolution eine zweite, die die Durchsetzung einer wirren und mir nicht nachvollziehbaren Heilslehre erzwang, die sich Kommunismus nennt. Der Kommunismus ist eine wirre Geschichtsreligion, die gleichzeitig von sich behauptet, Wissenschaft zu sein, und will gewaltsam das Paradies auf Erden errichten, obwohl sie behauptet, daß alle geschichtlichen Ereignisse schicksalhaft und unabänderlich vorherbestimmt seien.

Noch sonderbarer ist die Parallelgeschichte der Deutschen: angeblich haben hier die Deutschen sechs Millionen sogenannter Juden bestialisch ermordet. Es hat lange Zeit gedauert, bis ich enträtseln konnte, wer diese Juden waren: anscheinend wurde in diesem Universum Judäa nicht von den Türken erobert, weil es lange Zeit vorher schon vom remischen oder wohl besser römischen, wie hier gesagt wird, Imperium vernichtet wurde. Ja, die Römer haben wohl anstelle der Karthager ein Weltreich errichtet und die Judäer, weil sie den römischen Kaiser nicht als Gottheit anerkennen wollten (denn anscheinend glaubten die Judäer sonderbarerweise nur an einen einzigen Gott), in alle Winde zerstreut, so daß eine Kolonie von Judäern oder Juden, wie sie heute genannt werden, auch in Deutschland landete.

Im zweiten Weltkrieg kämpfte Deutschland in diesem Universum nicht nur gegen Großbritannien und Amerika (und Frankreich und Polen, versteht sich), sondern auch gegen Rußland, ein Krieg, den es natürlich verlieren mußte. Glücklicherweise, muß ich wohl sagen, denn das dritte Kaiserreich wurde von einem unvorstellbar grausamen Diktator namens Hitler geführt, ein Name, der mir in meinem Universum gänzlich unbekannt ist. Wenn ich von seinen Grausamkeiten lese, aber auch von der Gewaltherrschaft des Führers der Kommunistensekte in Rußland, so zweifle ich beinahe an meinem Verstand: kann dies alles denn überhaupt möglich sein, eine derartige Anhäufung von Verbrechen, oder ist dieses Paralleluniversum nur eine Ausgeburt meiner krankhaft gesteigerten Vorstellungskraft? Aber welches Monster müßte denn ich sein, wenn ich mir solche Verbrechen ausdenken könnte?

Noch eine andere Unvorstellbarkeit ist in diesem Paralleluniversum Wirklichkeit geworden: zwei japanische Großstädte, Hiroshima und Nagasaki, sind durch Atombomben vollständig zerstört worden. Den stolzen Staat Zulu scheint es in diesem Universum nie gegeben zu haben; deshalb konnten die Afrikaner wehrlos von jedem Eroberer als Sklaven verschleppt werden. Königin Elisabeth hat es zwar gegeben, doch sie hat offenbar niemals die Akte zur Gleichstellung der Frauen erlassen, jedenfalls hat hier niemand von einem solchen Erlaß gehört.

Auch die Ernährung ist eine große Umstellung für mich. Reis, Hirse, Maniok oder Kuskus sind zwar bekannt, wo ich wohne, ist das Hauptnahrungsmittel jedoch Weizen, ein kränkliches, witterungsanfälliges Getreide, aus dem Brot gebacken wird, das hier morgens und abends gegessen wird und mir schwer im Magen liegt. Mittags gibt es kein Brot, aber dafür stets Fleisch, was auf Dauer kaum gesünder ist. Ich gebe zu, gegenüber den geschilderten geschichtlichen Grauen mag dies kaum ins Gewicht fallen, trägt aber mehr als alles andere dazu bei, daß ich mich nach meinem heimatlichen Universum zurücksehne, von der Trennung von meinen Lieben natürlich abgesehen, die ich täglich schmerzlicher vermisse.

Meine Erkundungen können, versteht sich, nur vorsichtig und behutsam vor sich gehen, schließlich möchte ich nicht in einer Irrenanstalt landen, denn daß die Bewohner dieses Universums mir glauben, daß ich nicht einer der ihren bin, halte ich für wenig wahrscheinlich.

Gleichzeitig plagt mich eine schreckliche Vorstellung: könnte es sein, daß meine Arbeiten am EPR-Generator mich nicht nur versehentlich in dieses sonderbare Universum katapultiert haben, sondern daß dieses Universum dadurch überhaupt erst entstanden ist? Und wird es mir jemals gelingen, einen zweiten EPR-Generator zu bauen, um nach Hause zurükzukehren?



4.1.2003





Wenn wir wissen, daß Peter Sellars in „Dr Strangelove“ eigentlich vier statt drei Rollen hätte spielen sollen, die vierte Rolle aber krankheitsbedingt ausfallen mußte, bekommt dadurch ein Film, den wir bislang für makellos hielten, nicht nachträglich doch einen Makel?





Eigentlich kann ich die beiden nicht auseinander halten und unterscheiden, aber im direkten Vergleich scheint mir Kerner dann doch noch ein bißchen öliger und abartiger als Beckmann.



7.1.2003





Zu Beginn des Herrn der Ringe debattieren verschiedene Gelehrte den Verbleib der sieben Ringe der Zwerge, der neun Ringe der Menschen und der drei Ringe der Elben. Etwas ähnliches tun auch wir des öfteren: der rote und der grüne Schnuller liegen auf dem Sofa, der orangene auf der Wickelkommode und den gelben Schnuller hat das Kind im Mund.



8.1.2002





Heute morgen hat Selene ihren Apfel verschmäht. Heute abend hat sie mit dem Einkaufsgeldbeutel gespielt, die Scheine hervorgezogen, das Münzfach geöffnet und die Münzen hin und her gedreht.

Nach altgermanischer Rechtsauffassung ist ein Kind mündig und geschäftsfähig, wenn es ein Geldstück einem Apfel vorzieht.





Ein weiteres Beispiel für einen Markt mit unzureichender Konkurrenz: die Einführung der DVD. An sich ist es ja begrüßenswert, wenn ein verbindlicher Standard eingeführt wird, ja, ein Standard kann sogar eine wichtige Voraussetzung für einen funktionierenden Markt sein, da ja ein proprietäres Format ein ideales Mittel zur Erzwingung eines Monopols ist (siehe Microsoft &c. &c. &c.). Von einem einheitlichen Standard kann aber keine Rede sein. Zum einen ist dieser Standard ja keineswegs offen für jeden (sondern nur für Mitglieder des Trusts), zum anderen kann angesichts von DVD-RAM, DVD-R(A), DVD-R(G), DVD+R, DVD-RW, DVD+RW, DVD-V (ohne Berücksichtigung der exotischeren Formate) und so weiter von einem einheitlichen Standard die Rede im Ernst nicht sein, vielmehr handelt es sich um einen Sack voll Unverträglichkeiten und Inkompatibilitäten. Darüber hinaus handelt es sich um einen Trust, der nicht nur die Hersteller von Abspielgeräten umfaßt, sondern auch die Verlage und Produktionsstudios. Infolgedessen wurden neue Standards so festgelegt, daß sie den Wünschen der Produzenten, nicht der Konsumenten entgegen kommen: das in vielen Staaten gesetzlich eingeräumte Recht, sich selbst für den privaten Gebrauch eine Sicherungskopie herstellen zu können, wird kurzerhand abgeschafft, die Ländercodes in einer ganz unnötig restriktiven Art und Weise gehandhabt (zu rechtfertigen wären allenfalls Ländercodes, die nach einem bestimmten Zeitraum erlöschen). Die Konsumenten dürfen zwar konsumieren, sie haben aber keine Mitsprache darüber, welche Produkte angeboten werden, und sie haben, dank des Monopols, auch keine Auswahl. Und mit welchen marktwirtschaftlichen Regeln ist eigentlich zu erklären, daß der billigste DVD(G)-R-Rohling gerade einmal 2 € kostet (was etwa das zehnfache seiner Herstellungskosten sein dürften, schätze ich), der teuerste dagegen 25 €, was noch ein gutes Stück teurer ist als der billigste DVD-RAM-Rohling? Das Verschlüsselungsverfahren für DVDs ist inzwischen übrigens entschlüsselt worden und dank des Internets damit quasi-öffentlich. Die Entschlüsselung war notwendig geworden, um das DVD-Format in Linux integrieren zu können (das aus offensichtlichen Gründen kein Teil des Trusts sein kann, weil es open source ist). Es bleibt abzuwarten, ob es auch in Zukunft immer möglich sein wird, proprietäre Formate (und das Format eines Trusts muß als ein solches angesehen werden) zu entschlüsseln.



10.1.2003





Selene sagte: „Liebe Mutter, behüte mich und gib auf mich acht, einem guten Hirten gleich, der über seine Herde wacht, denn andernfalls könnte es Ärger geben.“. Nun, sie benutzte nicht genau diese Worte, sie drückte sich knapper, lakonischer, konziser aus, sie sagte „Mä, ma, ma, wä“.

Über die Straße ein paar Häuser entlang gingen wir vorgestern bis zur Kunsthalle in eine Ausstellung von Werken Tinguelys, dem Alptraum eines jeden Kurators (all die Maschinen, die kaputt gehen können und kaputt gehen). Selene hat die Ausstellung gefallen, beim Rattern und Rotieren des Märchenreliefs hat sie angefangen zu lachen und zu glucksen, unsere erste Ausstellung war ein voller Erfolg. Daheim hat sie dann gleich den Umschlag des Katalogs geknickt als Zeichen, daß sie das Buch annimmt.

So klein ist das Sofa, und so groß schon das Kind, daß die Selene diese Lehne problemlos überblicken kann.



13.1.2003





Eine beliebte Theorie ist, daß die Menschen so viel Klimagase produzieren, daß die Temperaturen weltweit um etwa sechs Grad Celsius ansteigen, mit der Folge, daß einige kleinere Inseln untergehen, Küstenstädte überschwemmt werden, Unwetter und Stürme zunehmen und weite Landstriche zu Wüsten werden. Aber diese Annahme ist von naivem Optimismus geprägt. Denn unterstellt wird, daß die Erwärmung um sechs Grad Celsius außer den genannten Folgen keine weitere haben wird - während doch anzunehmen ist, daß unter den Folgen der Erwärmung auch solche sein werden, die ihrerseits klimawirksam sind. Mit etwas Glück sind die Folgen derart ausgewogen, daß das Klima keine weiteren drastischen Änderungen erfährt. Denkbar ist aber auch, daß die Folgen derart sind (durch die Versteppung der Regenwälder wird weniger CO2 gebunden, durch das Auftauen von Dauerfrostböden wird Methangas freigesetzt, es kann zu weiteren Folgen kommen, an die wir bislang noch gar nicht gedacht haben und die wir gar nicht absehen), daß die Klimaerwärmung weiter verschärft. Oder auch in ihr Gegenteil verkehrt wird, wer will das schon mit Sicherheit wissen? Es wird unterstellt, es sei möglich, in einem komplizierten und unverstandenen System wild herumzustochern, und die Folgen müßten überschaubar und proportional sein.





Warum wollen die USA keinen Krieg mit Nordkorea anfangen? Bloß weil Kim-Wieheißternoch keiner ihrer ehemaligen Verbündeten ist?





Und da wir gerade dabei sind, uns über die USA lustig zu machen: Ein Debakel wie die vergangene Wahl, bei der ein durch Wählerstimmen nicht legitimierter Bewerber Präsident wurde, ließe sich künftig vermeiden, wenn das Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten zukünftig versteigert würde. Es dürfte sich daher lohnen, gelegentlich bei eBay nach entsprechenden Angeboten Ausschau zu halten. Ebenfalls nicht zeitgemäß ist die Beschränkung auf natürliche Personen bei der Auswahl der Bewerber.



17.1.2003





Wie läßt sich eine verkehrte Ansicht überwinden? Wenn es um die eigenen verkehrten Ansichten geht, gibt es eine Reihe von Übungen, die hilfreich sein können: versuchen, sich in die Lage eines Anderen zu versetzen, probeweise das Gegenteil der eigenen Meinung argumentativ zu verteidigen, sich die bisherigen eigenen Irrtümer ins Gedächtnis rufen, sich die Irrtümer bewunderter Vorbilder ins Gedächtnis rufen, und dergleichen mehr. Schwieriger ist es, die verkehrten Ansichten der Anderen zu überwinden, an denen diese nicht Kraft ihrer Argumente festhalten, sondern weil sie diese verkehrten Ansichten lieb gewonnen haben und an ihnen mit der Kraft ihrer Eigenliebe festhalten. In vielen praktischen Fällen genügt es nicht, das Gegenüber im dialektischen Agon zu bezwingen, es muß auch gewonnen werden. Wir alle erinnern uns an den Schluß des „Euthyphron“: diskursiv bezwungen, gesteht Euthyphron nicht etwa seine Niederlage ein und ändert sein Leben, sondern er muß plötzlich irgendwohin und hat keine Zeit mehr, das Gespräch fortzusetzen. In einem pädagogischen Konzept wie etwa der Kollegialen Beratung wird daher richtigerweise untersucht, welche Bedingungen gegeben sein müssen, damit ein Ratsuchender seine verkehrten Ansichten aufgeben kann, ohne diese Revision seiner Ansichten als Niederlage zu begreifen. In einem Therapeuten-Klienten-Verhältnis ist es natürlich banal, eine solche Revision zu erzwingen, durch die Autorität des Therapeuten; aber ein solches Verhältnis ist ungeeignet, den dialektischen Agon abzubilden, der keine Autorität und keinen Therapeuten kennt. Unter Gleichgestellten ist dagegen nicht klar, wessen Ansicht eigentlich verkehrt ist, und wessen Ansicht richtig, und wer seine verkehrten Ansichten aufzugeben hat - und tatsächlich sind wir insofern alle Gleichgestellte. Welche Gesprächsregeln erweisen sich als hilfreich, damit Euthyphron das Gespräch tatsächlich klüger verläßt, als er gekommen ist? Vorausgesetzt ist dabei freilich, daß Euthyphron sich diesen Regeln freiwillig unterwirft. Aber wiederum: da niemand von uns weiß, wer von uns Sokrates ist, und wer Euthyphron, und wir alle mal das eine und mal das andere sind, liegt es in unserem eigenen Interesse, ein solches Gespräch zu suchen, und wenn es dann gar noch so gestaltet ist, daß wir unser Gesicht wahren können, gibt es keinen Grund, ein solches Gespräch zu scheuen.





Eine kurze Zusammenfassung der wichtigsten Werke Masamune Shirows:

Appleseed:

In einer von Technik und Kybernetik beherrschten Post-Dritter-Weltkrieg-Industrienation arbeitet Deunan Knute als hochgerüstete Polizistin einer Spezialeinheit und erlebt dabei allerlei Abenteuer, die vage über einen gemeinsamen Plot miteinander verbunden sind.

Dominion:

In einer von Technik und Kybernetik beherrschten Post-Dritter-Weltkrieg-Industrienation arbeitet Leona Ozaki als hochgerüstete Polizistin einer Spezialeinheit und erlebt dabei allerlei Abenteuer, die vage über einen gemeinsamen Plot miteinander verbunden sind.

Ghost in the Shell:

In einer von Technik und Kybernetik beherrschten Post-Dritter-Weltkrieg-Industrienation arbeitet Motoko Kusanagi als hochgerüstete Polizistin einer Spezialeinheit und erlebt dabei allerlei Abenteuer, die vage über einen gemeinsamen Plot miteinander verbunden sind.

Orion:

In einer von Magie und Hexerei beherrschten archaischen Welt arbeitet Seska als Flugschiffnavigationszauberin. Tatsächlich handelt die Geschichte aber eher von ihrem Vater Fuzen und dem von ihm beschworenen Susano, dem Gott der Zerstörung.



20.1.2003





Begegnen sich Fremde, dann kommt es oft vor, daß sie sich nicht verstehen und öfter nachfragen müssen, was der andere eben gesagt hat, mit „Was?“ und „Wie bitte?“. In Filmen wird auf derartige die Handlung nicht vorantreibende Details verzichtet, die Schauspieler sprechen mit einer deutlichen, leichtverständlichen und künstlichen Aussprache (selbst dann, wenn sie Dialekt sprechen). Selbst ein britischer Arbeiterklassenmilieufilm ist kein realistischer Film, denn seine Handlung ist so konstruiert und komprimiert, daß in zwei Stunden eine schlanke Geschichte mit einem Anfang, einer Mitte und einem Schluß ohne überflüssige Sackgassen erzählt wird. Alle Filme, alle Bilder und alle Bücher sind nicht realistisch (und überhaupt: die Kinoleinwand zeigt uns zweidimensionale Fünfmetermenschen aus Licht und Schatten - was sollte daran realistisch sein?). Trotzdem können wir natürlich unterscheiden zwischen realistischen Filmen, die die irrealen Erlebnisse von als real empfundenen Menschen zeigen, und irrealistischen Filmen, die die irrealen Erlebnisse von als künstlichen empfundenen Menschen zeigen. Der phantastischste Film kann uns eine in sich konsistente Welt mit glaubwürdigen Figuren zeigen, während eine Milieustudie künstlich, hölzern und ausgedacht wirken kann.

Betrachten wir den Film „Alien“. Die Geschichte will uns glauben machen, in Zukunft würden Menschen mit Überlichtgeschwindigkeit zwischen den Sternen reisen, und sie würden das hauptsächlich deshalb tun, um Erz abzubauen.

Ich will an dieser Stelle nicht über das Reisen mit Überlichtgeschwindigkeit diskutieren (ich werde es aber vielleicht einmal künftig an dieser Stelle tun); es handelt sich hier um ein kaum wahrscheinliches, aber gewohntes und daher in gewisser Weise glaubwürdiges Motiv der Science Fiction und ist daher nicht störender als das Auftreten von Drachen, deren Existenz an sich auch eher fragwürdig ist, im Märchen. Daß jemand den enormen Aufwand betreiben sollte, zu einem anderen Sonnensystem zu reisen, nur, um dort ein bißchen Erz zu schürfen, scheint mir kaum weniger unglaubwürdig. Wie so oft sind hier schlichtweg irdische Verhältnisse auf den Weltraum übertragen worden: die Nostromo entspricht in etwa einem etwas veralteten Öltanker unter einer Billigflagge mit schlecht ausgebildeter Besatzung. Solche Schiffe gibt es zweifellos auf der Erde, aber es ist deshalb nicht zulässig, zu schließen, es werde sie dereinst auch im Weltraum geben. Es ist nicht anzunehmen, daß die Geschichte sich derart simpel wiederholt.

Aber gerade durch diese im Grunde naive Wiederholung irdischer Verhältnisse wirkt die Ausgangssituation des Filmes so glaubwürdig, glaubwürdiger etwa als ein Film über eine gut ausgebildete, hoch motivierte Besatzung perfekter Gutmenschen, die mit einem technisch hochgerüsteten Raumschiff der amerikanischen (Hipp, Hipp, Hurra) Weltraumbehörde zur zivilen Erforschung exotischer Welten und intergalaktischer Völkerverständigung aufbricht auf eine Reise zu Orten, die nie zuvor ein Menschen gesehen hat, denn zu einer solch strahlenden Besatzung gibt es in unserer bescheidenen Gegenwart nun einmal überhaupt keine Analogie, und während die Nostromo ökonomisch und physikalisch unwahrscheinlich ist, ist die Enterprise psychologisch unvorstellbar, was die Glaubwürdigkeit eines Filmes weitaus stärker beschädigt.

Die Besatzung der Nostromo entdeckt auf einem unbewohnten Planeten das Wrack eines außerirdischen Raumschiffes. Die Besatzung dieses Raumschiffes, so dürfen wir vermuten, wurde vor langer Zeit Opfer eines tödlichen Parasiten, dem Alien. Wir lernen auch mehr oder weniger den vollständigen Lebenszyklus des Alien kennen: aus einer Art Ei schlüpft eine Vorform, die ein wenig wie eine Kreuzung aus Rochen, Spinne und Nacktschnecke aussieht, und befällt einen Wirt. In der Lunge des Wirtes wächst nun die ausgereifte Form des Aliens heran, die schließlich schlüpft, wächst und weitere Eier legt (letzteres allerdings erfahren wir lediglich aus einer Szene, die in der endgültigen Fassung des Filmes wieder gestrichen wurde). In den Generationen des Alien wechseln also zwei morphologisch stark verschiedene Formen miteinander ab (im Gegensatz zu den Insekten, bei denen verschiedene Formen in einer einzigen Generation durchlaufen werden). Es scheint, als pflanze sich das Alien durch Parthogenese fort; denkbar ist natürlich auch ein System wie bei manchen Bandwürmern, bei denen das Weibchen das Männchen als winziges Anhängsel des eigenen Körpers mit sich herumschleppt, dafür gibt der Film jedoch keinen Anhaltspunkt, und überhaupt wissen wir nicht, welche Zahl an Geschlechtern in dem Biosystem, dem das Alien entstammt (falls es keine künstliche Schöpfung ist), üblich ist. Vielleicht ist dort ja die Parthogenese die Norm. Wir wissen auch nicht, wie das Alien, über welchen Mechanismus es seine Erbinformationen speichert. Daß es einen doppelten Chromosomensatz besitzt und Information in Form von Desoxyribonukleinsäure speichert, ist kaum anzunehmen und wäre dann doch ein sehr unglaubwürdiger Zufall.

Parasiten sind oft in der unglücklichen Lage, daß sie zu geschlechtlicher Vermehrung nur eingeschränkt oder gar nicht in der Lage sind. Geschlechtliche Vermehrung, Austausch und Rekombination von Genen scheinen aber eine wichtige Voraussetzung zu sein für rasche evolutionäre Veränderungen, die zur Zunahme morphologischer Komplexität führen. Natürlich führt nicht jede evolutionäre Veränderung zu wachsender Komplexität; vielleicht ist das sogar nur bei einer Minderheit der Fall. Es fällt jedenfalls auf, daß viele Parasiten morphologisch vereinfachte Formen wesentlich komplizierterer Vorfahren sind.

Ein Parasit ist vieler alltäglicher Sorgen anderer, nichtparasitärer Lebewesen enthoben, und deshalb ist es nicht verwunderlich, wenn Parasiten eher primitive und schlichte Formen und Verhaltensweisen an den Tag legen. Es kommt aber noch hinzu, daß Parasiten, wenn sie keine Gelegenheit zu geschlechtlicher Fortpflanzung haben, im evolutionären Wettrüsten gegenüber ihren sich geschlechtlich fortpflanzenden Wirten benachteiligt sind. Parasiten können daher meisten nur funktionieren, wenn ihre Lebensweise einfach, wirkungsvoll und narrensicher ist, denn eine komplizierte Lebensweise ist anfällig für vielerlei Störungen, und die sich geschlechtlich fortpflanzenden Wirte können Störungen der parasitären Lebensweise schneller produzieren, als die Parasiten darauf reagieren können: ein einziger gegen Parasiten immuner Wirt kann innerhalb weniger Generationen seine Immunität an die ganze Population weitergeben, den Parasiten steht ein vergleichbarer Mechanismus nicht zur Verfügung.

Es fällt daher auf, daß das Alien sich zwar dem Anschein nach ungeschlechtlich vermehrt, andererseits aber hochentwickelt ist, an einer Stelle des Films wird ihm sogar Vollkommenheit zugesprochen.

Wir erfahren auch nicht, wie es kommt, daß die Menschen überhaupt geeignete Wirte für das Alien sind. Möglich ist, daß es sich schlichtweg um einen Zufall handelt: zufällig sind die Menschen den außerirdischen Raumfahrern, den ursprünglichen Wirten des Alien, so ähnlich, daß sie als Wirte in Frage kommen. Oder aber, das Alien ist bewußt als eine universell einsetzbare Waffe erschaffen worden (was eventuell auch seine Komplexität trotz seiner ungeschlechtlichen Vermehrung erklären würde). Die interessanteste und phantastischste Lösung wäre, wenn das Alien ein interstellarer Parasit wäre, das sich als Wirt auf beliebige raumfahrende Arten spezialisiert hat und sich so von Welt zu Welt ausbreitet. Dies setzt freilich voraus, daß das Alien ein hochgradiger Generalist ist, und das erscheint bei einem sich ungeschlechtlich fortpflanzenden Parasiten, der womöglich auch noch Jahrmillionen oder Jahrmilliarden Jahre warten muß, ehe er eine neue Wirtsart trifft, an der Grenze des vorstellbaren: wir müßten dazu ja unterstellen, daß ein universell an beliebige Wirte angepaßtes Alien sich schneller ausbreitet als an spezielle Wirte angepaßte Varietäten. Ist das Alien einem speziellen Wirt begegnet, dauern seine einzelnen Generationen nur Tage oder Stunden: eine Spezialisierung auf diesen bestimmten Wirt wird sich rasch durchsetzen und generalistischere Varietäten rasch verdrängen, und lange bevor das Alien auf seine zweite Raumfahrerwirtsart trifft, wird es sich perfekt an seine erste Raumfahrerwirtsart angepaßt haben. Ein natürlich entstandener Weltraumfahrerparasit erscheint daher, so interessant die Vorstellung sein mag, als kaum möglich.

Im zweiten Teil erfahren wir dann, daß die Aliens zu sozialem Verhalten fähig sind. Das ist nicht weiter überraschend, wenn wir bedenken, daß die Aliens mutmaßlich eineiige Mehrlinge sind und untereinander genetisch identisch, sie ähneln insofern einer Blattlauskolonie, die ebenfalls aus genetisch identischen Einzelwesen besteht. Darüber hinaus, so erfahren wir, gibt es aber auch eine Königin, die auf das Legen von Eiern spezialisiert ist.

Die einfachste Erklärung dafür ist, daß das Alien neben den beiden bereits bekannten Morphologien noch über eine dritte verfügen, die ausgelöst wird, wenn viele Aliens auf engem Raum vorhanden sind. Die Königin wäre dann demnach ebenfalls mit den einzelnen Arbeiterinnen genetisch identisch, hätte aber aufgrund irgend eines Auslösers eine Form entwickelt, die auf das Legen von Eiern spezialisert ist.

Eine andere mögliche Vorstellung wäre, daß die Aliens, wenn sie eine bestimmte Zahl erreicht haben, zu geschlechtlicher Fortpflanzung übergehen, analog zu bestimmten Eidechsenarten, die zwischen Parthogenese und geschlechtlicher Fortpflanzung wechseln. In diesem Fall könnten mehr oder weniger komplizierte Dinge geschehen, über die wir aber aufgrund der dürftigen Datenlage nur spekulieren könnten.

Im dritten Teil erfahren wir, daß die Entwicklung der drei verschiedenen Morphologien anscheinend davon abhängt, an welchem Ort ein Alien heranwachst, ob in einem Alienei, der Lunge eines Wirts oder der Gebärmutter. Warum dies so ist, und welchen Zweck dies erfüllt, wissen wir nicht (einleuchtender wäre es, wenn sich eine Königin aus einem speziellen Ei entwickelt). Überhaupt wirkt das Alien des dritten Teils etwas merkwürdig und verhaltensgestört, vielleicht, weil es in einem Hund statt einem Menschen herangewachsen ist.

An dieser Stelle wollen wir die Diskussion abbrechen und zusammenfassend feststellen, daß die Geschichte, die uns erzählt wird, zwar in mancher Hinsicht unwahrscheinlich ist, aber doch eine gewisse innere Stimmigkeit aufweist und es immerhin möglich ist, sie halbwegs ernsthaft zu diskutieren. Für den vierten Teil gilt dies leider nicht mehr. Hier werden wir einfach bedenkenlos mit unausgegorenem Unsinn konfrontiert, der zwar irgendwie fortschrittskritisch klingt, eine glaubwürdige Welt aber nicht erzeugen kann. Uns soll eine Gruppe von skrupellosen und überheblichen Frankensteins vorgeführt werden, aber das kritische Gehabe läuft völlig ins Leere, weil die Handlung mit der wirklichen Welt nichts mehr gemein hat. Jeunet, der Regisseur des vierten Teils, ist zwar außerordentlich begabt, wenn es um das Erzählen von Märchen geht (wie „Die Stadt der verlorenen Kinder“ beweist), aber dieses Talent erweist sich hier als unpassend. Die Geschichte der Aliens erhebt den Anspruch, kein Märchen zu sein, und an eben diesem Anspruch scheitert der viere Teil: die Welt funktioniert einfach nicht so, wie sie uns hier gezeigt wird, sie kann so gar nicht funktionieren. Schon der zweite und dritte Teil hatten, zugunsten eines lärmenden Spektakels lahmender Klischees, auf die psychologischen Feinheiten des ersten Teils verzichtet, die den ersten (und nur den ersten) Teil sehenswert machen, zumindest das Alien aber war wenigstens glaubwürdig geblieben, wenn auch als einziges.





Ebenfalls ein hirnrissiger Blödsinn ist „Matrix“. Dagegen ist zum Beispiel „Krieg der Sterne“ derart eindeutig ein Märchen, daß seine technischen Unwahrscheinlichkeiten und logischen Unmöglichkeiten nicht weiter störend auffallen (allenfalls fällt störend auf, wie schlecht Lucas gestohlen hat - meist sind seine Vorbilder besser als er). Der Grundeinfall des Films „Pi“ wiederum, die Ziffernfolge der Zahl π enthielte verschlüsselt sowohl die zukünftigen Börsenkurse als auch den geheimen Namen Gottes, ist zwar auch ausgesprochen hanebüchen, aber derart stilvoll umgesetzt, daß dem Film trotz allem Unfug noch genug Substanz bleibt, um einen Besuch zu lohnen. Wer stört sich schon in „Dark Star“ an der Unwahrscheinlichkeit einer sprechenden Bombe? Wer stört sich nicht am gewollt-rätselhaften Schluß von „2001“? Die Klone in der „Stadt der verlorenen Kinder“ sind unglaublich komisch, die geklonte Ripley ist unglaublich lächerlich.





Nochmals darüber nachdenkend, warum Filme wie „Brazil“ oder „Dr Seltsam“ in ihrer Verbindung von Komischen und Schrecklichem so wohlgelungen sind, scheint mir, daß dies damit zu tun hat, daß in beiden beides, das Komische wie das Schreckliche, aus der selben Quelle stammen, nämlich der Absurdität unserer Existenz. Obwohl beide Filme nicht realistisch sind, sind sie doch getreue Bilder unserer Wirklichkeit in ihrer ganzen sinnlosen und unverständlichen Pracht. Von manchen Szenen läßt sich kaum noch sagen, ob sie nun komisch oder schrecklich sind.





Wie kommt es eigentlich, daß in ein und demselben Laden ein und dieselbe Farbpatrone, wenn sie in der Abteilung Faxzubehör auftaucht, nur halb so viel kostet, wie wenn sie in der Abteilung Druckerzubehör auftaucht? Geiz macht blöd?





Wenn wir nach neuen Platten suchen, können wir unsere Freunde fragen oder zur Not den Besitzer des kleinen, auf sonderliche Musik spezialisierten Plattenladen, der uns mittlerweile persönlich kennt. Was aber sollen wir tun, wenn wir unsere Musik stets über Amazon bestellen? Das Problem wurde inzwischen erkannt, und es gibt mehrere Maßnahmen, die diesem Übel abhelfen sollen. So ist es möglich, sich anzeigen zu lassen, was alles Personen, die so ähnliches Zeugs gekauft haben, wie ich selbst, sonst noch so gekauft haben. Verfeinern lassen sich diese Empfehlungen, wenn die eigenen Besitztümer bewertet werden. Habe ich Fanfare Ciocărlia gelobt (und das habe ich an dieser Stelle schon mindestens drei mal), so schließt der Amazoncomputer messerscharf, daß ich an Zigeunermusik interessiert bin, ja, daß ich an nichts anderem als an Zigeunermusik interessiert bin. Habe ich zweimal hintereinander Bücher russischer Autoren bestellt, bekomme ich nur noch Russen empfohlen. Habe ich Japaner bestellt, bekomme ich als Empfehlung nur noch Japaner. Habe ich Murasaki und Kawabata gelobt und Oe und Murakami nicht völlig verrissen, wird mir unterstellt, ich würde auch die Langweiler Sei Shonagon, Tsunetomo Yamamoto oder Akutagawa mit Begeisterung verschlingen. Wirklich hilfreich wäre doch statt dessen, daß, wenn ich Murakami lobe, Amazon empfielt, es doch einmal mit Pelewin zu versuchen, auch wenn der eine Japaner ist und der andere Russe, aber nicht mit Sorokin. Habe ich ein Album von King Crimson bestellt, dann sollte der Computer mir nicht Gentle Giant, Yes, Genesis oder Emerson, Lake & Palmer empfehlen, sondern Soft Machine. Habe ich Musik von Tool und Händel bestellt, wäre es dann nicht reizvoller, mir Apocalyptica zu empfehlen, statt Korn und Jules Massenet? Tja, aber es ist eben nur eine dumme Maschine mit wenig hilfreichen Empfehlungen.

Schauen wir uns also an, welche Empfehlungen Menschen zu bieten haben. Bei Amazon gibt es die Möglichkeit, Kritiken und Besprechungen zu verfassen und zu veröffentlichen, und so können wir uns rasch einen Überblick verschaffen, wie andere Kunden das entsprechende Produkt bewerten und was sie dazu zu sagen haben.

Meistens sagen sie: „Dies ist das beste Album aller Zeiten. Jeder sollte es sich kaufen. Fünf Sterne.“

Findet sich eine solche Aussage bei jeder, aber wirklich jeder CD, dann ist sie wenig hilfreich. Ist jedes Album das beste Album aller Zeiten? Wohl kaum. Aber die Fähigkeit, ein Werk differenziert und unter Verwendung von Gründen und Argumenten zu besprechen, scheint nicht weit verbreitet zu sein. Am ehesten findet diese Fähigkeit sich noch im Bereich der klassischen Musik, wo wirklich gelegentlich einmal Vergleiche angestellt, Gründe genannt und Analysen vorgenommen werden. Wirklich finster aber wird es, wie zu erwarten, auf dem Gebiet des Heavy Metal. Läßt sich von den folgenden Aussagen noch irgendwie rekonstruieren, worauf sie sich beziehen?

Ein musikalisches Meisterwerk mit intelligentem Arrangement und spielerischer Bestleistung! Für mich schon jetzt das beste Album aller Zeiten!
Tool - Ænima

Hier ist nicht mehr von einem normalen Album die Rede sondern von einem Stück Musikgeschichte. Mehr bekommt man wohl nirgendwo, dieses Album ist sicherlich eines der besten Werke aller Zeiten und die absolute Spitze seines Genres, die Kaufempfehlung versteht sich wohl von selbst.
Metallica - Masters of Puppets

Die Musik geht unter die Haut. Wer sich diese CD anhört, fährt quasi an einem Meilenstein der Rockgeschichte vorbei und man findet viele Elemente auch bei anderen Musikern des Rock Genres wieder. Für mich eine der besten Werke die es gibt.
Black Sabbath - Paranoid

Das Album ist für mich auch Höhepunkt und Perfektion einer „Idee“. Der Idee, Musik nicht als Sprachrohr für eigene Wünsche, Meinungen und Erfahrungen zu sehen, sondern als eine Konstruktion, ein Gebäude. Letzteres zu bauen, erfordert bekanntlich weniger das Träumen oder das Philosophieren, sondern vielmehr Arbeit und Kalkül.
Fantômas - Director’s Cut

Hier liegt das härteste und beste Heavy-Metal-Album aller Zeiten vor (objektiv gesehen).
Slayer - Reign in Blood

nee ernsthaft, wenn wer auf Grindcore mit "unlogischen" Einflüssen steht, sich aber gerne manchmal kaputtlacht und nicht immer nur aggressiv bangen möchte, der soll sich dieses Doppelalbum schnellstens besorgen.
Naked City - Torture Garden/Leng Tch’e

Dieses Ding ist die Hölle, eine Jahrhundertplatte, leider geht die Bewertung nur bis fünf!
Melvins - Honky

Ich war wie vor den Kopf geschlagen. Ich erinnere mich, wochenlang nur noch dieses eine Album aufgelegt zu haben.
Mr Bungle - Mr Bungle

Ein Meisterwerk, das in keiner Sammlung fehlen darf! Eigentlich das einzige Album der frühen Phase, das die Power der Band so richtig einfängt! Die einzelnen Songs hier zu besprechen macht wenig Sinn, es sind samt und sonders Klassiker!
Kiss - Alive

BEschwerde:: 5 sernne reichen nicht !! Kaufen ist hier keine empfehlung mehr sondern eine Aufforderung! Diese CD ist nicht nur die beste platte der band sondern auch der gesamten HardRock/ HEavymetal Scene ! Jeder song ist durch und durch vom feinsten.
AC/DC - Back in Black

Als ich dieses Album zum ersten Mal hörte musste ich erst einmal tieef Luft holen, so verwirrt und überrascht war ich. Also jetzt mal ganz ehrlich: Wer diese Band und dieses Album als Metal-Fan nicht liebt, der hat in meinen Augen einfach keine Ahnung!!!!!
System of a Down - System of a Down

(Lösung: dunkelgraue Felder mit der Maus markieren.)

Oder was sollen wir von Bewertungen wie den folgenden halten?


0 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:

***** Ganz schön experimentell..., 16. August 2002

Rezensentin/Rezensent: fklug aus Seligenstadt, Hessen Deutschland

Also, das erste Mal habe ich von King Crimson vor etwa 6 Jahren auf einer Party gehört. Daraufhin habe ich mir die CD "In the Court of King Crimson" gekauft und war doch mehr als zufrieden mit dem, was da zu hören war. Sanfte Klänge abwechselnd mit schnelleren Passagen und dann noch die träumerische Stimme von Greg Lake, einfach eine gute Mischung. Also dachte ich, ein Live-Konzert von der Band wäre genau das Richtige für mich. Aber da wurde ich doch ein wenig überrascht, war doch auf der DVD größtenteils nur höchst experimentelles Material vorhanden, das mich nur wenig an die grandiose CD erinnert. Die vielen Features und die gute Tonqualität bringen nochmal einen Pluspunkt, aber alles in Allem finde ich die DVD nur Mittelprächtig.


Oder betrachten wir aus gegebenem Anlaß zwei Bewertungen des Films „Aliens“:


2 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:

***** Spannung pur!, 13. August 2002

Rezensentin/Rezensent: robotgeorgie aus Wien, Österreich

Mit Sequels (und Prequels) ist das ja so eine Sache. Oft sind sie nur ein müder Abklatsch des Originals, matt, ohne Originalität.

Umso erfreulicher, daß "Aliens" hier um Welten voraus ist. Die Fortsetzung zu Ridley Scott's Klassiker "Alien" ist mindestens genauso spannend - manche meinen, sogar besser. Dies ist natürlich persönlicher Geschmack. Jedenfalls bietet "Aliens" Spannungskino pur - ohne Zweifel einer der besten Science Fiction-Filme, die es gibt. Erstmals liegt der Film in einem von James Cameron neu geschnittenen und vergängerten "Director's Cut" vor, der zusätzliche Elemente einfügt und den Zuseher noch tiefer in das Geschehen eintauchen läßt. Die bedrohliche Atmosphäre (im doppelten Sinn) kommt perfekt 'rüber, das Styling der und visuelle Design des Films ist grandios.

Bild und Ton sind dank THX-Mastering - eine Seltenheit bei Region 2 DVD's - auf höchstem Niveau angesiedelt, dazu gesellt sich umfangreiches Bonusmaterial mit "Making of...", Videodokumentationen der Produktion, Skizzen der Schauplätze und Raumschiffe und natürlich des Alien Design's von H.R. Giger.



***** Bringt mich zu eurer Königin, 19. Januar 2003

Ridley Scotts Meisterwerk soll also von James „Titanic“ Camerons Fortsetzung weit übertroffen worden sein. Aha. Bislang war ich allerdings geneigt, „Aliens“ für den schlechtesten Film der Tetralogie zu halten. Der Film verfügt über alles, was einen schlechten Science Fiction auszeichnet: tapfere Marines, ein niedlich-pfiffiges Kind, eine Heldin mit Nerven wie Drahtseilen, und statt einem einzigen lumpigen Alien springen ganz, ganz viele herum, und eine Königin haben sie auch endlich, was zwar (angesichts der parasitär-einzelgängerischen Lebensweise der Aliens im ersten Teil) inhaltlich wenig Sinn macht, aber dafür erlaubt, nach all den schrecklichen Monstern zum Finale noch ein extraschreckliches Supermonster zu zeigen. Die Idee der gewissenlosen Company, für die ein Menschenleben nichts zählt, solange sie nur ihr Alien bekommt, hat Cameron so gut gefallen, daß er sie nochmals verwertet (und im dritten Teil wird sie dann wieder hervorgekramt, und im vierten dann erneut, wie einfallsreich). Meisterhaft versteht es Cameron, Spannung zu erzeugen: da schleichen die Marines vorsichtig durch die Gänge, gleich, gleich wird etwas schreckliches geschehen, aber reingefallen, blinder Alarm, es passiert gar nichts; und nun kommt eine Stelle, wo wir uns für einen Moment entspannen, weil sich unsere Helden, so glauben wir, für einen Moment außer Gefahr befinden, doch hoppla, just in diesem Moment geschieht grauenhaftes. Wirklich meisterhaft, jedenfalls für die Zuschauer, die diesen Trick der Irreführung der Erwartung noch nicht kennen. Ansonsten darf in diesem Teil endlich geballert werden, während der erste Teil pyrotechnisch doch etwas mager ausfiel. Das nennt sich dann wohl Action, und einige Zuschauer finden es unterhaltsam.


Die erste Bewertung stammt vom derzeitigen „#1-Top-Rezensenten“; die betreffende Person hat diesen Titel errungen, indem sie über hundert Filme bewertet hat, Bewertungen von Filmen häufiger gelesen werden als Bewertungen von Büchern oder Schallplatten (weil es einfach viel weniger Filme gibt), und diese Bewertungen häufig als hilfreich bewertet wurden, weil sie beliebte Filme loben, die auch viele andere Zuschauer mögen. Die zweite Bewertung scheint mir inhaltlich haltbarer, aber das ist auch nicht allzu überraschend, sie stammt schließlich von mir selbst.





Der neue Name für unsere Regionalvertretung, „Regionalvertretung Mongolei-Zulu-Südchile“ wurde im letzten Moment gekippt und durch „Regionalvertretung Rhein-Neckar“ ersetzt, um unsere Kunden nicht zu verwirren.





Unser Kind läuft durch die Wohnung, und wir sind ein wenig ratlos, wann genau es eigentlich angefangen hat, zu laufen, welchen Tag wir im Kalender anstreichen sollen, weil es so allmählich damit begonnen hat, so schrittweise.





Der Yeti von Bischofsbrunn. Ein Schauerstück in sieben Akten. Naja, sagen wir fünf.



21.12003





Deutsch-Katalanischer Briefwechsel:

>Alle Fraktionen des spanischen Parlaments, mit Ausnahme von
>Aznars Partido Popular, haben eine gemeinsame Erklärung
>unterschrieben, in der sie sich hinter die deutsch-französische
>Position (wie sieht die eigentlich genau aus?) stellen.

Die deutsch-französische Position sieht folgendermaßen aus: Frankreich hält
sich alle Optionen offen, spielt eine bedeutende weltpolitische Rolle,
schließt sich im letzten Moment der siegreichen Seite (also Amerika) an und
schickt ein Dutzend Fremdenlegionäre. Bush dankt Chirac mit warmen Worten
herzlich für den verläßlichen brüderlichen Beistand. Deutschland dagegen
bleibt felsenfest bei seiner Position, sich nicht an einem Krieg zu
beteiligen, bei der Abstimmung im Sicherheitsrat stimmen sie fast dagegen,
sie schicken auch tatsächlich keine Soldaten, nur Flugabwehrraketen in die
Türkei, und natürlich samt Bedienungspersonal, und Aufklärungsflieger, und
zwar, äh, mit Besatzung, und, äh, die Fuchs-Spürpanzer werden natürlich
auch zur Verfügung gestellt, einschließlich Besatzung, versteht sich, und
eine geheime Kampfeinheit, aber das ist natürlich geheim, und außerdem drei
Bataillone Infanteristen, außerdem verpflichtet sich Deutschland, im
Alleingang nach dem Krieg im Irak aufzuräumen, übernimmt für die nächsten
zwanzig Jahre die Leadership in Afghanistan und im Kosovo und marschiert in
der Elfenbeinküste ein. Bush beschimpft die Deutschen als Verräter,
Schurken, Feiglinge, Homosexuelle und Kommunisten und stellt uns in eine
Reihe mit Lybien, Kuba, Irak, Iran, Nordkorea, Al-Kaida, Pol Pot,
Nazideutschland und Dschingis Khans Horden. Ein Sprecher erklärt, diese
Äußerung müsse nicht notwendigerweise die offizielle Haltung der
amerikanischen Regierung wiederspiegeln. In dieser schweren Stunde fällt
dann auch noch Belgien von uns ab. Gaddafi, Castro, Kim Jong-il und bin
Laden bieten Schröder an, ins Exil zu gehen. Schröder versucht sich in den
Hannoveranischen Bergen zu verstecken, stellt aber fest, daß Hannover keine
nennenswerte Berge hat. Lohnnebenkosten und Arbeitslosigkeit steigen ins
Unermeßliche. Koch wird amerikanischer Statthalter in der deutschen Kolonie
und beginnt mit außergerichtlichen Exekutionen als Strafe für
unamerikanische Umtriebe. Die SPD scheitert an der Fünf-Prozent-Hürde und
wird kurz danach als verfassungsfeindlich verboten. Der Führer der
Leninistisch-Maoistischen Widerstandsfront, Oskar Lafontaine, wird
erschossen bei dem Versuch, vor dem Bush-Denkmal nicht den Hut zu lüften.
Der neue deutsche Außenminister, Jürgen W. Möllemann, erklärt öffentlich,
von deutschem Boden dürfe nie wieder Frieden ausgehen. Der alte deutsche
Außenminister wird beim Joggen in der Toskana verhaftet, im Gefängnis
veröffentlicht er den Bestseller "Warum ich Gerd so abgrundtief hasse".
George Bush III, Sohn bzw. Enkel von George Bush und neuer amerikanischer
Präsident, erklärt, aus Präventivgründen müsse Amerika in sämtlichen
Staaten einmarschieren, in denen Atomwaffen vermutet würden, und in den
übrigen Staaten würde man auch einmarschieren, weil die sich ja eh nicht
wehren können. Es gibt nun nur noch drei Staaten auf der Erde: die
Konförderation der Nordstaaten, die Konförderation der Südstaaten samt
ihrer weltweiten Protektorate, und Israel. Präsident der Südstaaten ist
George Bush III, Präsident der Nordstaaten ist offiziell Whoopi Goldberg,
diese ist in Wahrheit aber bloß eine Marionette der Südstaaten, Präsident
Israels ist Jassir Arafat (da die Palästinenser inzwischen auch in Israel
die Bevölkerungsmehrheit stellen). Trotz der geänderten Bedrohungslage
(alle drei verbleibenden Staaten sind Verbündete) wird SDI natürlich
trotzdem gebaut. In einer flammenden Rede warnt George Bush III vor der
"grünen Gefahr". Die geheimen Roswell-Dokumente werden endlich freigegeben,
die beweisen, daß die Erde von fiesen Außerirdischen bedroht wird. Der noch
immer nicht gefaßte schwerkranke bin Laden veröffentlicht auf Al Djaseera
(oder wie immer das Ding geschrieben wird) sein erstes Musikvideo, das auf
MTV wie eine Bombe einschlägt und Johnny Cash (Eminem und Marylin Manson
sind mittlerweile auf Betreiben der "Mothers Against Canada" verboten
worden) von Platz 1 der Charts verdrängt.




13.2.2003





Ein Irrtum Pólyas: nehmen wir an, eine Leserin A findet a Fehler in einem Manuskript, und eine weitere Leserin B findet b Fehler, wobei c Fehler von beiden gleichermaßen gefunden werden. Sei m die (uns unbekannte) Zahl der Gesamtfehler im Manuskript. Unter der Annahme, a/m (das Verhältnis der Fehler, die Leserin A gefunden hat, zur Gesamtzahl der Fehler) sei gleich c/b (das Verhältnis der Fehler, die Leserin A innerhalb der von Leserin B gefundenen Fehler gefunden hat, zur Gesamtzahl dieser Fehler), ergibt sich leicht eine Abschätzung für die unbekannte Gesamtzahl der Fehler, nämlich m = ab/c. Unterstellt wird dabei aber, daß die Wahrschenlichkeit eines Fehlers, von Leserin A entdeckt zu wÄrden, und die Wahrscheinlichkeit eines Fehlers, von Leserin B entdeckt zu werden, unkorreliert ist. Dem ist aber natürlich nicht so, beispielsweise habe ich im vorangegangenen Satz absichtlich zwei Rechtschreibfehler untergebracht, von denen der eine sehr offensichtlich ist. Wenn zwei Leserinnen beide diesen einen Fehler und nur diesen Fehler finden, dann gibt es keinen Grund anzunehmen, der Satz enthielte nur diesen einen Fehler. Wenn wir neben syntaktischen auch anspruchsvollere Irrtümer betrachten, dann ist ohne weiteres vorstellbar, daß ein Text einen schwerwiegenden Irrtum enthält, der aber so grundsätzlicher Natur ist, daß selbst zehntausend Leser ihn nicht entdecken. Ein Text behauptet etwa, die Erde könne nicht täglich um die eigene Achse rotieren, und führt als Argument an, bei der Größe der Erde und der Winkelgeschwindigkeit von einer vollen Umdrehung täglich könne ein von einem Turm geworfener Stein niemals am Fuß des Turmes auftreffen, wie es doch tatsächlich zu beobachten ist, sondern müsse weit vom Fuß des Turmes entfernt auf der Erde aufschlagen, was niemand je gesehen hätte. Generation um Generation von Gelehrten liest diesen Text und stimmt dem Argument zu. Dennoch ist das Argument ungültig. Selbst die Richtigkeit eines mathematischen Beweis’ läßt sich nicht abschließend zeigen, es könnte ja sein, daß der Beweis einen Fehler enthält, den alle Leserinnen gleichermaßen übersehen (wie etwa oben der fehlende Nachweis der Unkorreliertheit). Es nützt nichts, sich auf einen formalistischen Standpunkt zurückzuziehen, dem zufolge alle Fehler syntaktische Fehler sind. Denn irgendwie müssen wir ja trotzdem wohl oder übel von den bedeutungsfreien Zeichenketten zur Bedeutung gelangen, und dabei können Fehler passieren, und die Fehlerträchtigkeit dieses Vorgangs wird nicht dadurch reduziert, daß wir diesen Vorgang möglichst verheimlichen und verstecken.



14.2.2003





Wir haben fast schon Verhältnisse wie in der DDR: das Volk entschließt sich zu spontanen Demonstrationen, um die Politik der Regierung zu unterstützen.



16.2.2003





Heute beim Lesen der Neuen Zürcher Zeitung Neidgefühle empfunden:

„Die Schweiz hat eine Anfrage der USA für Überflugsrechte abschlägig beantwortet. Eine generelle und unbefristete Erlaubnis wie verlangt könne aus Gründen der Neutralität nicht gegeben werden. Erst wenn eine zweite Uno-Resolution zur Anwendung von Gewalt ermächtigt, werde man von Fall zu Fall entscheiden. Prophylaktisch wurde auch eine Einreisesperre für Saddam und seine Entourage erlassen.“

Ach, Schweizer sein, das wär’s! Den Amerikanern würde ich erklären, daß ich, weil zur Neutralität verpflichtet, ohne Uno-Beschluß leider gar nichts machen könne, und Herrn Hussein verweigerte ich prophylaktisch die Einreise. Über meine Steuersätze dürfte ich per Volksentscheid abstimmen, und das Frauenwahlrecht wird erst nach reiflicher Überlegung eingeführt, wenn es sich in anderen Staaten hinreichend bewährt hat.



19.2.2003





Eine der Debatten der Gegenwart: der Monotheismus neige zur Intoleranz, der Polytheismus sei daher als Religion vorzuziehen. Die Gegenseite schreit auf und konstruiert eine gewundene Bahn von Analogien, die vom Polytheismus über Neuheidentum bis zum Nationalsozialismus reicht.

Ob der Monotheismus zur Intoleranz neigt, will ich hier nicht diskutieren, die Antwort scheint mir so offensichtlich und langweilig, daß sich die Mühe nicht lohnt. Daß aber der Polytheismus als Religion sehr viel duldsamer und daher vorzuziehen sei, streite ich ab.

Eine Religion stellt Behauptungen über metaphysische Sachverhalte auf, die wahr oder falsch sein können. Auch für den Polytheismus wäre zunächst einmal zu fragen, ob seine Behauptungen wahr sind. Und hier sieht es ziemlich hoffnungslos aus: es dürfte schwierig sein, irgend jemanden zu finden, der noch im Ernst an die Existenz von Zeus, Hera, Poseidon, Aphrodite oder dergleichen glaubt. Der Neopolytheist kann sich natürlich auf eine symbolische Deutung zurückziehen: die polytheistischen Götter seien allegorisierend dargestellte Begriffe von Phänomenen, deren Existenz kein vernünftiger Mensch leugnen würde. Offensichtlich gibt es die Liebe, und die Behauptung der Existenz der Göttin Aphrodite sei nichts weiter als die Behauptung der Existenz des Phänomens der Liebe, ebenso existiere Ares insofern, insofern es zweifellos Kriege gäbe, und so fort. Ich wüßte jedoch nicht, welchen Gewinn wir davon hätten, unsere moderne abstrakte Begrifflichkeit durch eine veraltete anthropomorphisierende einzutauschen, und im übrigen scheint mir diese Deutung historisch falsch: die antiken Polytheisten hielten die Götter keineswegs nur für Begriffe. Wenn Euripides Menelaos zu Helena sagen läßt, „Aphrodite“ sei nur ein Wort für ihre eigene, Helenas Lüsternheit, so spricht er keineswegs eine banale Selbstverständlichkeit des polytheistischen Glaubens aus, sondern er stellt die Wahrheit des Polytheismus in Zweifel. Vielleicht könnte Homer erwidern, „Helenas Lüsternheit“ sei eben nur ein modernes Wort dafür was er, Homer, „Aphrodite“ nenne, und insofern ginge die Kritik des Euripides ins Leere. Aber diese Antwort ist historisch doch sehr unwahrscheinlich. Zu Euripides’ Lebzeiten war es noch möglich, an die Götter zu glauben (und viele Menschen haben tatsächlich an die Götter geglaubt), aber nicht mehr so, wie Homer an die Götter geglaubt hat. Wir mögen den homerischen Glauben an die Götter anziehend finden, weil er auf gewisse Weise so realistisch und nüchtern ist (seine Götter sind nicht moralischer, als die Empirie einer moralisch unvollkommenen Welt nahelegt, sein Glaube erfreulich frei von Heilsversprechen), aber er läßt sich kaum mit der modernen Vorstellung einer eigenverantwortlichen menschlichen Persönlichkeit verbinden. Wir könnten uns entschließen, auch diese Vorstellung aufzugeben und die menschliche Seele als Schauplatz von Götterkämpfen zu deuten, aber das wäre dann ein sehr viel ehrgeizigeres Projekt als bloß die Rückkehr zum Polytheismus, und noch unwahrscheinlicher. Im übrigen zeigen unsere Ausführungen, daß der Polytheismus ein sich wandelndes Gebilde ist, und daß zunächst einmal zu klären wäre, zu welcher historischen Fassung wir zurückkehren möchten.

Wie aber sieht es aus, wenn wir uns allein auf die Frage beschränken, ob der Polytheismus eher zur Toleranz neigt als andere Religionen?

Der Polytheismus erlaubt viele verschiedene Lebensentwürfe, die nebeneinander bestehen können, weil er für verschiedene Lebensentwürfe verschiedene Götter kennt. Im Polytheismus gibt es Götter für die Keuschheit (etwa Artemis) ebenso wie Götter für die Lüsternheit (Aphrodite, die Satyrn, Priap, Dionysos). Ein Jüngling, der sich übertrieben und auf krankhafte Weise für die keusche Göttin Artemis begeistert, läuft Gefahr, die Göttin Aphrodite zu erzürnen: schlimmstenfalls wird er in einen Hirsch verwandelt und von seinen eigenen Hunden zerfleischt, was wir, wenn wir mögen, für eine etwas altmodische Formulierung durchaus modernen psychologischer Erkenntnisse halten können. Im Katholizismus dagegen hat die heilige Jungfrau Maria keinerlei Korrektiv zur Seite stehen, es gilt hier nur ein einziger Lebensentwurf, jedenfalls wenn wir den Monotheismus wirklich ernst nehmen, ansonsten kennen auch die Katholiken Schutzheilige für Diebe oder Prostituierte, wenn es diesen auch am Glanz des Hermes oder der Aphrodite mangelt. Andererseits kennen natürlich auch polytheistische Gesellschaften die Begriffe Sitte und Anstand, und gewöhnlich gibt es sehr klare Vorstellungen darüber, was schicklich ist und was nicht. Auch im Polytheismus muß ein neuer Kult wie der Dionysos-Kult sich mühsam gegen den Widerstand des konservativen Establishments durchsetzen, und auch in den monotheistischen Religionen können Bewegungen wie die Derwische oder die Franziskaner integriert werden.

Es mag sein, daß in gewisser Weise der Polytheismus keine religiöse Verfolgung kennt. Das freilich ist keine Besonderheit des Polytheismus, sondern eigentlich allen nicht-monotheistischen Religionen (etwa auch Buddhismus, Shintoismus, Hinduismus, Taoismus oder Konfuzianismus) gemeinsam. Aber dafür kennen derartig Gesellschaften sehr wohl politische Verfolgung Andersdenkender, und die Religion wird in solchen Gesellschaften politisch aufgefaßt. Die Römer können daher einvernehmlich mit dem Osiriskult leben, die Götter der Griechen, Ägypter oder Germanen identifizieren sie mit ihren eigenen Göttern, nicht akzeptabel aber ist das Verhalten der Christen, die die Verehrung des Kaisers verweigern (die Verbrechen der Christen bestehen allerdings nicht nur darin, dem Kaiser die ihm zukommende Verehrung zu verweigern; von Christen ist überliefert, daß sie die Kulte der Polytheisten aktiv gestört hätten, ein Verhalten, das selbst nach heutigen Maßstäben unter Strafe stehen müßte). Die Unterdrückung nationalistischen Seperatismus trifft nicht nur die monotheistischen Juden, sondern auch die keltischen Druiden, die eine Zeitlang von den Römern verfolgt werden. Und der zweitberühmteste Prozeß der Weltgeschichte, die Anklage gegen Sokrates, ist eine Anklage, die von Polytheisten vorgebracht wird. Auch diese Anklage können wir als eine politische Anklage auffassen, aber letztlich dürfte es in all diesen Fällen den betroffenen Opfern höchst gleichgültig sein, ob sie nun aus politischen oder aus religiösen Gründen ermordet wurden.

Im übrigen: indem sowohl der Monotheismus als auch der Polytheismus in der Welt eine göttliche Ordnung walten sehen, sind sie beide gleichermaßen geneigt, sich gegenüber dem bestehenden affirmativ zu verhalten. Wenn sie nicht irgendeine zusätzliche Theorie enthalten, warum die bestehende Welt durch die Menschen transformiert werden muß (wie etwa Xenophanes sagt, daß der Mensch suchend das Bessere findet), dann sind sie wenig geeignet, soziale Reformen oder überhaupt irgend eine Art der Reform zu unterstützen. Es sollte an dieser Stelle nicht verschwiegen werden, daß die antiken Gesellschaften, von denen hier die Rede ist, Sklavenhaltergesellschaften waren, also aus heutiger Sicht reichlich widerwärtige Gebilde. Es mag in der Antike einzelne Stimmen gegeben haben, die sich gegen die Sklaverei aussprachen, aber solche Stimmen sind gewiß nicht vom Polytheismus inspiriert. Um noch einmal Euripides als Gewährsmann zu zitieren: von Euripides gibt es eine mitfühlende Schilderung des Schicksals des Sklaven Ion (den der Mythos nur deshalb kennt, weil er später ein mythologisch bedeutsamer König, nämlich der Ahne der Ionier, wurde), aber diese mitfühlende Schilderung ist verbunden mit der drastischsten Schilderung von göttlicher Ungerechtigkeit und göttlicher Eigensucht, die vorstellbar ist: im Vergleich zu seinen Vorgängern ist Euripides sehr modern, aber das heißt eben auch, daß er nicht sehr fromm ist. Wenn es einen Xenophanes, einen Euripides oder einen Sokrates erst einmal gegeben hat, dann führt kein Weg mehr zurück zum unschuldigen Glauben eines Homer, dann ist der Polytheismus nur noch als reichlich unglaubwürdiges metaphysisches Dogma denkbar. Wer also den Monotheismus und sein Wirken nicht leiden kann, sollte es doch statt mit einem Neuheidentum lieber mit Theorien wie Rationalismus, Materialismus oder Atheismus versuchen.

Es gibt, in diesem Zusammenhang, eine Vorliebe für die raunenden Anfänge. Mindestens seit Nietzsche gibt es die Vorstellung, mit Sokrates/Euripides/Platon habe es eine Wende der Antike zum Schlechteren gegeben, damals sei alles bergab gegangen, das schöne antike, echt-griechische Heidentum sei durch einen Vorläufer des Christentums ersetzt worden, die echte und richtige Philosophie sei nur bei den Vorsokratikern zu finden (recht eigentlich scheint Nietzsche hier eine Idee Schlegels zu variieren, dem Euripides auch schon als entarteter Zerfalls- und Zersetzungskünstler galt, wenn auch nicht aus genau den gleichen Gründen wie Nietzsche). In der Nachfolge Nietzsches grübelt ein Heidegger dann darüber nach, ob sich nicht Parmenides oder Heraklit eine Weisheit entreißen ließe, die mit Platon verloren ging. Nun bedaure auch ich, daß uns ausgerechnet von Platon, der nicht selten ein spitzfindiger Wortverdreher ist, so sehr viel mehr an Texten erhalten geblieben ist als von früheren oder zeitgenössischen Philosophen, und auch ich meine, daß es damals eine falsche Weichenstellung gegeben hat, sie scheint mir aber doch von anderer Art zu sein, als die Antimodernisten Schlegel/Nietzsche/Heidegger (eine reichlich seltsame Aufzählung) glauben. Tatsächlich meine ich, daß es sehr bedauerlich ist, daß die Empiristen sich gegenüber der parmenidischen Vorstellung, die Wahrheit in göttlicher Schau zu erkennen, nicht durchsetzen konnten, und hier hat in der Tat Platon meiner Ansicht nach einen ausgesprochen schädlichen Einfluß ausgeübt, außerdem war Platon keineswegs in jeder Beziehung ein Umstürzler, seine politischen Ansichten können weit eher als außerordentlich konservativ bezeichnet werden. Der Weg vom Mythos über die Vorsokratiker bis zu den Sophisten, Demokrit und Euripides jedenfalls ist nicht zu beanstanden, und am Ende hat selbst Platon nicht so viel Unheil anrichten können, als daß wir nicht doch inzwischen in der empirischen Erkundung der Welt recht weit gekommen wären. Es bleibt uns noch immer aufgegeben, Homer oder die Vorsokratiker zu erforschen und uns um ein Verständnis ihrer Texte zu bemühen, und es ist auch nicht auszuschließen, daß wir daraus etwas lernen können, ich sehe aber keinen Anlaß zu glauben, den Anfängen müsse eine besondere Weisheit und Würde innewohnen.





Wie die geneigte Leserin bereits bemerkt haben dürfte, leben wir in einer hochtechnisierten und komplizierten Welt, in der zahllose Geräte und Dienstleistungen ineinander greifen und reibungslos miteinander verzahnt werden müssen. Wenn ich ein Dokument schreibe und es dir schicke, dann mußt du im Stande sein, es lesen zu können, sonst bleibt das Dokument nutzlos. Wir sollten daher mindestens eine Sprache gemeinsam sprechen. Liegt das Dokument in elektronischer Form vor, dann sollte es ein Format besitzen, das du entschlüsseln und bearbeiten kannst. Das Format sollte mit meiner und deiner Textverarbeitung kompatibel sein. Deine Zuordnung zwischen Bytes und Schriftzeichen und nach Möglichkeit auch deine Zuordnung zwischen Schriftzeichen und Glyphen sollte mit dem übereinstimmen, was ich für mein Dokument an Zuordnung zugrunde gelegt habe, und meine Dokumentstruktur sollte von dir wieder aufgelöst werden können.

Das Problem existiert auch für Bestelllisten, Schnittmusterbögen, Musikstücke, Bilder oder meteorologsiche Auswertungen der Beobachtungen von Wettersatelliten. Aber das Problem ist nicht auf das Format von Computerdateien beschränkt. Es betrifft auch Mobilfunkfrequenzen, Stromspannungen, Benzinsorten, Schienenbreiten und dergleichen mehr. Wenn ich in ein Schuhgeschäft gehe und dort Schuhe der Größe 21 kaufe, so erwarte ich, daß alle Schuhgeschäfte unter dieser Angabe die gleiche Größe verstehen.

Ich kenne zwei grundsätzlich verschiedene Lösungen dieses Problems. Die eine besteht darin, daß bestimmte Leistungen durch einen Monopolisten erbracht werden. Wird der Eisenbahnverkehr durch einen einzigen Monopolisten organisiert, dann ist die Schienenbreite ein internes und banales Problem des Monopolisten. Die andere besteht darin, verbindliche Standards zu vereinbaren, an die alle Beteiligten sich halten müssen.

Ein Monopolist kann auf verschiedene Arten entstehen. Ein einzelnes Unternehmen kann eine marktbeherrschende Stellung erringen. Oder mehrere Unternehmen schließen sich zu einem Trust zusammen. Oder der Staat tritt als Unternehmer auf. Oder der Staat setzt einen Monopolisten ein.

Auch ein Standard kann auf verschiedene Arten entstehen. Der Standard kann staatlich vorgegeben werden. Oder es wird eine Organisation zur Standardisierung eingeführt. Oder mehrere Parteien verabreden sich auf gemeinsame Standards. Oder Standards entstehen in einem anarchischen Verfahren, in dem verschiedene Parteien Erweiterungen des Standards vorschlagen, die dann vom Publikum angenommen oder verworfen werden. Der Standard kann auch von einer einzigen Partei vorgeschlagen werden, vorausgesetzt, die anderen Parteien dürfen den Standard ohne Einschränkungen benutzen.

Ein paar Beispiele: der Staat ist ein Monopolist in Bezug auf Grenzsicherung. Er ist auch ein Monopolist in Bezug auf die Schulbildung, denn selbst wenn es nichtstaatliche Schulen gibt, ist deren Rolle zu vernachlässigen. Bahn und Post sind vom Staat eingesetzte Monopolisten, und der Staat versucht nun mühsam, dieses ursprüngliche Monopol nachträglich zu zerschlagen. Die Automobilherrsteller bilden in vielerlei Hinsicht einen Trust. Beispielsweise können sie gegenüber Werkstätten ihre Vorstellung von Vertragswerkstätten durchsetzen. Ebenso können die Mineralölgesellschaften weitgehend Tankstellenpächter ihre Vorstellungen von der Zusammenarbeit zwischen Mineralölgesellschaften und Tankstellen diktieren. Microsoft hat insofern ein Monopol, insofern für viele Anwendungen von Microsoft festgelegte Formate verwendet werden (etwa *.xls für Tabellenkalkulationen, *.doc für formatierte Texte, *.exe für Anwendungen).

Die Formate *.ps oder *.pdf dagegen sind, obwohl es sich um proprietäre Formate von Adobe handelt, nicht in gleichem Maße monopolistisch, sondern eher Standards: die Funktionsweise dieser Formate ist veröffentlicht, und jeder darf diese Formate in seinen Programmen verwenden. Ebenso ist zwar die Programmiersprache Java das Erzeugnis von Sun Microsystems, trotzdem ist es aber jedem Dritten möglich, Programme, Compiler oder Laufzeitumgebungen für diese Sprache zu erstellen. Das Format HTML entwickelte sich eine Zeitlang anarchisch, indem sowohl Netscape als auch Microsoft Erweiterungen vorschlugen, die vom jeweils anderen teilweise übernommen, teilweise verworfen wurden. Später unterwarfen sich beide Seiten dem W3C als standardgebender Instanz, weil ein dritter Konkurrent, Opera, begonnen hatte damit zu werben, mit den Standards dieser Instanz besonders verträglich zu sein.

Ein letztes Beispiel: das CD-Format scheint mir eher ein offener Standard zu sein, das DVD-Format eher das Eigentum eines monopolistischen Trusts, obwohl beide sich in ihren technischen Details ähneln.

Standards werden nicht nur gebraucht, um die Kompatibilität verschiedener Teile sicher zu stellen, Standards werden auch gebraucht, um das Vertrauen der Kunden zu gewinnen. So darf jeder Lebensmittelhersteller seine Produkte mit dem Präfix „Bio-“ schmücken, ohne daß die Konsumenten dadurch eine Gewähr hätten, daß es sich hier tatsächlich um hochwertigere, aufwändiger produzierte Lebensmittel handelt. Die Hersteller hochwertigerer Lebensmittel haben sich deshalb in verschiedenen Organisationen zusammengeschlossen, um gemeinsam Gütesiegel zu organisieren, die gewisse festgelegte Standards vorschreiben und gewährleisten. Ohne diese Standards wäre es nicht möglich, diese hochwertigen Lebensmittel zu verkaufen, da die Konsumenten dem fertigen Produkt die Poduktionsmethode nicht oder nur mit hohem Aufwand zuordnen können. Auch hier kann wieder der Gesetzgeber als Standardgeber einspringen und beispielsweise generell vorschreiben, daß auf Lebensmittelverpackungen die Inhaltsstoffe zu deklarieren sind. Oder der Gesetzgeber schreibt Lebensversicherungskonzernen eine bestimmte maximale Aktienquote vor und andere aufsichtsrechtliche Bestimmungen. Diese Standards ermöglichen überhaupt erst den Vertrieb von Lebensversicherungen, denn ohne diese Standards müßten die verschiedenen Lebensversicherer, nach den Gesetzen des Marktes, einander mit möglichst renditestarken, das heißt aber auch, möglichst riskanten Anlagestrategien überbieten, mit der Folge, daß einer der Hauptvorzüge der Lebensversicheurng, nämlich das geringe Ausfallrisiko, nicht mehr gegeben wäre. Daß der Gebrauchtwagenmarkt unter dem Mangel an verbindlichen Standards leidet, ist bereits Gegenstand nobelpreisgekrönter Untersuchungen gewesen.

Wir können Standards, die ein gewisses Mindestniveau sicherstellen sollen, natürlich auch als Maßnahmen zum Verbaucherschutz auffassen. Die Kennzeichnungspflicht für Lebensmittel wäre dann demnach nicht erfunden, um den Herstellern hochwertiger Lebensmittel zu ermöglichen, höhere Preise durchzusetzen, sondern um die Verbaucher vor minderwertigen Lebensmitteln zu schützen, also gar keine Maßnahme zur Förderung des freien Marktes, sondern zu seiner Einschränkung. So haben etwa auch die staatlich geforderten Curricula eine doppelte Funktion: sie stellen sicher, daß die Absolventen verschiedener Schulen verschiedener Träger alle gleichermaßen weiterführende Bildungseinrichtungen besuchen können (sind also ein Standard zur Kompatibilität), gleichzeitig sollen sie aber auch ein Mindestniveau (einen Mindeststandard) an Bildung sichern, um so die Schüler vor einer mangelhaften Ausbildung zu schützen.

Es gibt Situationen, in denen es schwierig oder nachteilig erscheint, einen offenen Standard durchzusetzen. Es hat sich beispielsweise als schwierig erwiesen, den Schienenverkehr einer Region beliebig vielen Betreibern zu überlassen. In den meisten Fällen sind jedoch offene Standards Monopolen vorzuziehen, und insoweit besteht auch ein weitgehender Konsens (die meisten Monopolisten argumentieren nicht, daß Monopole eine großartige Sache sind, sondern daß sie selbst eigentlich, bei genauer Betrachtung, gar keine Monopolisten seien). Wir können also, wenn wir wollen, einen Sinnspruch oder ein Gebot oder eine Maxime aufstellen, „Offene Standards sind besser als Monopole“. Von diesem allgemeinen Grundsatz können wir einen Spezialfall ableiten: „Möglichst viele Aufgaben sollten von der freien Wirtschaft statt vom Staat übernommen werden“, wenn wir den als Anbieter auftretenden Staat als Beispiel eines Monopolisten auffassen.

Die Pointe unserer Überlegungen ist nun, daß wir die erzliberale Maxime vom zurückhaltenden Staat auf ein allgemeineres Prinzip zurückgeführt haben, das mit irgend einer Wertschätzung des Privateigentums per se nichts zu tun hat und auch von Menschen vertreten werden könnte, die dem Schutz des Privateigentums (zum Beispiel dem Urheberrecht) eher ablehnend gegenüber stehen.





Alter Mathematikerscherz: „Na, hat das Kind nur π2 in der Windel oder auch a2?“





Er behelligte mich mit allerlei zahlenmystischen Spekulationen. Ich habe nicht alles davon behalten, aber seine Kernthese war wohl, daß die Zahl sieben eine besonders mystische Zahl sei, die auf vielfältige Art und Weise mit der Zahl π zusammen hinge. „Schauen Sie“, sagte er im Tonfall eines Eiferers, „das göttliche Prinzip wird in allen Religionen durch die drei repräsentiert, die Welt dagegen durch die vier. Nehmen Sie drei und vier zusammen, und Sie erhalten sieben — die mystische Zahl. Sieben Zwerge, sieben Todsünden, sieben apokalyptische Reiter. Nehmen Sie drei mal vier, und Sie erhalten zwölf — zwölf Apostel, zwölf Monate, und so weiter. Warum, glauben Sie, verehrten die Babylonier sieben Gestirngottheiten? Warum verwenden die Juden noch heute einen siebenarmigen Leuchter? Und haben Sie sich jemals gefragt, warum die Woche gerade sieben Tage hat? Nehmen Sie sieben mal vier, und Sie erhalten die Dauer eines Mondumlaufes, achtundzwanzig Tage, ein Monat. Nehmen Sie diese Zahl mal zwölf, und Sie erhalten ein Mondjahr. Fehlt noch ein Monat, und ein krummer Tag: Schaltmonat und Schalttag. Aber das wirklich verrückte sind die Zusammenhänge mit der Zahl pi, dem Verhältnis von Kreisumfang zu Kreisdurchmesser. Die Bibel nennt als Abschätzung an zwei Stellen, im Buch der König und im Buch der Chronik, die Zahl drei. Hier sehen Sie das göttliche Prinzip, dem sich die Juden verpflichtet glaubten, drei, die Zahl Gottes. Aber pi ist nicht drei, sondern liegt zwischen drei und vier. Eine bessere Abschätzung erhalten Sie, wenn Sie 3 1/7 betrachten. Diese Schätzung ist schon recht gut, die alten Ägypter rechneten so. Die Griechen liebten die zehn, das ist drei plus vier plus drei, oder bekanntlich auch eins plus zwei plus drei plus vier, die Tetraktys, wie die alten Pythagoreer sagten. Deshalb stellten sie fest, daß sie die Ägypter verbessern können: pi liegt irgendwo zwischen 3 10/70 und 3 10/71. Hier kommt die zehn mal sieben ins Spiel. Natürlich werden Sie jetzt sagen, 3 1/7 ist bloß eine Schätzung. Natürlich. Aber passen Sie auf, was jetzt passiert, wenn Sie die Schätzung verbessern. Statt 1/7 können Sie, als nächstbessere Schätzung, auch 1/(7+1/16) betrachten. Das ist die bekannte Schätzung 355/113, und die ist schon verdammt gut. Beachten Sie die Zahl 16: das ist nämlich gerade 4 mal 4, die fehlende Welt, die in 3 1/7 nur indirekt über die sieben vertreten ist, kommt jetzt wieder mächtig mit hinein. So etwas nennt sich Kettenbruch, und wenn Sie wissen wollen, was das nächste Glied der Folge immer genauerer Approximationen in dieser Folge ist, dann erhalten Sie 3+1/(7+1/(15+1(1+1/292))). Die sechzehn ist hier zur fünfzehn geworden und als neuen Term haben wir hier 292. Sieht auf den ersten Blick nicht sehr nach sieben aus, aber passen Sie auf: 292 = 4 · ((7 + 3) · 7 + 3). Und 15 ist in gewisser Weise eine vereinfachte 292, nämlich 15 = 3·4 +3. Was passiert weiter im Kettenbruch? Als nächstes haben Sie dreimal die Eins. Dann haben Sie die zwei, das ist obermerkwürdig, nochmal die eins, und die drei. Und dann kommt die 14. Was ist das? Die obermerkwürdige zwei, mal sieben. Dann kommt zwei, und dann zweimal die eins. Dann viermal die zwei. Einmal die eins. Tja, und dann kommt 84. Eine meiner Lieblingszahlen. Sie sieht unschuldig aus, die 84, aber probieren Sie mal eine Primzahlzerlegung an der 84, und sie zeigt ihr wahres Gesicht: 84 = 3 · 4 · 7. Und so geht es weiter, ich will Sie nicht langweilen. Wollen Sie eine gute Abschätzung für e, die Basis des natürlichen Logarithmus? Nehmen Sie 2, und addieren Sie 3/7. Also insgesamt 17/7. Eine bessere Abschätzung ist allerdings 193/71. Die 71 sollte Ihnen von pi her vertraut sein. Und die 193 ist nichts anderes als 7 · 7 · 4 – 3. Wenn Sie lieber möchten, können Sie diese Abschätzung auch ausdrücken als 2 51/71. Dann sollten Sie aber daran denken, daß 51 = 3 · 4 · 4 + 3. Und was ist nun die nächste gute Abschätzung für e? 1071/394. Ich gebe zu, die 1071 klingt fast ein wenig unglaubwürdig, schon wieder die 71, aber so sind nun einmal die Tatsachen. Die 394 ist vielleicht ein wenig erklärungsbedürftig. Sie erinnern sich, bei der letzten Zahl spukte uns eine 51 herum. Nun, diesmal haben wir 394 = 7 · 7 · 7 + 51, oder 73 + 51, die 51 wurde als Korrekturterm vererbt. Noch ein weiteres Glied in der Kette, dann soll es damit genug sein. Die nächste gute Schätzung ist 1264/465. Das ist die fünfte Abschätzung —die allererste ist einfach die Zahl 2 — und dementsprechend müssen wir ein wenig mit der Zahl fünf spielen. Der Zähler ist gerade 4 · 4 · (84 – 5), Sie erinnern sich an meine Lieblingszahl 84, der Nenner dagegen ist 5 · (7 · 7 + 7 · 7 – 5). Soweit die Mathematik.“ (Er brachte noch mehr Beispiele, aber ich kann nur noch die Beispiele rekonstruieren, die er mir mit Bleistift auf der Rückseite meines Schreibblocks vorrechnete.) Als nächstes fing er dann an, verschiedene Jahreszahlen historischer Ereignisse zu diskutieren, und auch hier fand er wieder jede Menge an Vorkommnissen der Zahl 7 — „Wußten Sie, daß Jesus in Wahrheit sieben Jahre vor Beginn der christlichen Zeitrechnung geboren wurde? Warum dieser kapitale Fehler? Schließlich hatten die Römer doch eine funktionierende Kalenderrechnung. In diesem Zusammenhang, 753, Rom schlüpft aus dem Ei, beachten Sie, wie in der Formel ((4 · 7 + 7 + 4 – 3) · 7 + 3 – 4) · 3 die Rollen der Zahlen 3 und 4 sich allmählich in ihr Gegenteil verkehren? Wer diese Formel begriffen hat, hat einiges über die Geschichte Roms begriffen. 1492, Kolumbus entdeckt Amerika, es wird beschlossen, daß er in diesem Jahr Amerika entdecken darf, warum? Betrachten Sie 7 · 7 · 7 ·4 – 7 · 4 + 4  +  7 · 7 · 3 – 3, es dürfte sich lohnen. Muß ich noch erwähnen, daß die Quersumme gerade 4 · 4 ist? Betrachten Sie die Geschichte der Deutschen, wie sie dreimal scheitert: 1848, die gescheiterte Revolution, 1929, der Börsenkrach, der zum Untergang der Republik führen wird, 1947, die Alliierten teilen das Land unter sich auf. Die Quersumme dieser drei Jahreszahlen? 21! Und was gibt drei mal sieben? Glauben Sie hier wirklich an einen Zufall? Was wäre, wenn jemand diese Daten absichtlich so arrangiert hätte? Glauben Sie, daß Stalin eines natürlichen Todes starb? Oder welche Ironie ist das, ihn 1956 sterben zu lassen? Bilden Sie die Quersumme. Aber das sind Kleinigkeiten. Was ist die erschütterndste Revolution der Neuzeit? Natürlich, 1789. Bilden Sie die Quersumme, und dann die Quersumme der Quersumme. Die Handschrift ist überdeutlich.“ Ich versuchte ihm zu sagen, selbst wenn ich bereit wäre zu akzeptieren, irgend eine geheimnisvolle Macht habe die Geschichte der Menschheit manipuliert, um alles in sein drei-vier-sieben-Schema zu pressen, so hielte ich es doch für unmöglich zu glauben, diese Macht könne auch die Kettenbruchentwicklung von pi beeinflußt haben. Der Einwand schien ihn nicht zu beeindrucken: ob nun die Verschwörung aus Menschen, einer finsteren Gottheit oder der Logik selbst bestand, das schien ihm wenig Unterschied zu machen. „Es gibt ein prinzipielles Naturgesetz, das hinter all diesen Erscheinungen steht, und das der BUND erkannt hat, und der BUND handelt in Übereinstimmung mit diesem Naturgesetz, darauf beruht seine Macht. Die Kenntnis dieses verborgenen Naturgesetz ist die mächtigste Waffe des BUNDES, und alles hängt davon ab, ob es uns gelingt, dieses Naturgesetz rechtzeitig zu erkennen und diese Waffe der Hand des BUNDES zu entwinden.“ Als nächstes begann er mir seine Ansichten über die Quantenphysik und die Superstringtheorie zu erläutern, die er jedoch, wie mir schien, nicht oder nur oberflächlich begriffen hatte. Das einzige Detail, an das ich mich noch erinnern kann, ist, daß der Raum seiner Ansicht nach sieben Dimensionen besitzen müsse, und daß den Superstringtheoretikern, die anderes behaupteten, ein Fehler unterlaufen sein müsse. Schließlich erläuterte er mir noch großzügig die verschiedenen Fehler der darwinschen Evolutionslehre. Er stellte mir in groben Zügen ein revolutionär neues taxonomisches System vor, in dem jedes Reich in sieben Stämme, jeder Stamm in sieben Klassen, jede Klasse in sieben Ordnungen zerfiel, und so weiter. Die Entwicklung der verschiedenen Arten folge einem Prinzip namens „Fungorisation“, keineswegs dem Prinzip der adaptiven Selektion. Er sagte: „keineswegs überlebt immer nur die tüchtigste Art, wie Darwin behauptet. Denn sonst würde es ja heute hier auf Erden überhaupt nur noch eine Art geben, nämlich die, die sich im Laufe der Zeit als die tüchtigste erwiesen hat.“ Es schien, als habe er seine Lieblingsthemen erschöpft, denn von nun an wurde er recht sprunghaft. „Wußten Sie, daß bei vielen Völkern der siebte Sohn eines siebten Sohnes besonders verehrt wird?“, „Ist Ihnen aufgefallen, daß der Name >Hussein< gerade sieben Buchstaben hat?“ und „Kennen Sie das Lied >Über sieben Brücken mußt du gehen<?“ wollte er von mir wissen. Zu diesem Zeitpunkt fand ich glücklich eine Gelegenheit, seinem Gespräch zu entschlüpfen, und verabschiedete mich. Seine penetrante Art war mir inzwischen doch recht lästig geworden.





Daß ich heute ein Fragment über Zahlenparanoia schreibe, nachdem gestern, am dreiundzwanzigsten, der Film „23“ im Fernsehen zu sehen war, ist, so glaubt es mir halt, der schiere Zufall, ich habe den Film gestern auch gar nicht gesehen, nur im Kino habe ich ihn einmal gesehen, er hatte in meiner Fernsehzeitschrift auch nur einen von fünf möglichen Sternen, was doch etwas ungerecht war, denn fünf Sterne hätte er schon mindestens haben sollen, wenn nicht dreiundzwanzig. Im übrigen gehen wir seit 1994 öden Zeiten entgegen, das nächste Jahr mit der Quersumme 23 ist nämlich erst wieder 2399.





Die Halle des Bergkönigs, von Edward Grieg, in einer Bearbeitung für vier Celli. Die vier Cellisten freilich sind Apocalyptica, spezialisiert auf das Covern von Heavy-Metal-Stücken. So klingt auch Grieg, wiewohl ein klassischer Komponist, auf klassischen Instrumenten gespielt, wie Heavy Metal. Die Formensprachen des Heavy Metal oder überhaupt der Rockmusik hängt wenig vom verfügbaren Instrumentarium ab (obwohl die Celli elektrisch verstärkt sind), und im Prinzip wären schon im Barock die technischen Voraussetzungen gegeben gewesen, um Rockmusik zu spielen. Es hat halt bloß keiner gemacht.





Das Problem der stummen Pinguine habe ich inzwischen gelöst. Pinguine machen „Platsch“.



24.2.2003





Es ist nicht möglich, eine Graphik eines Schriftzugs zu entwerfen, die vor jedem beliebigen Hintergrund gut zu erkennen ist. Denn angenommen, G sei eine solche Graphik. Dann nehmen wir irgend einen beliebigen Hintergrund B0 und fügen G mehrere Male an zufälligen Stellen in B0 ein. Das Ergebnis dieser Operation ist ein neuer Hintergrund B, und dieser neue Hintergrund ist derart, daß eine weitere eingefügte Fassung von G sich nicht deutlich vor diesem Hintergrund abhebt. Das Argument gilt selbst dann, wenn die Graphik G raffinierte Farben wie etwa die Farbe „Negativ“ (die das Negative ihres Hintergrundes ist) enthält. Am besten erscheint eine Strategie, in die Graphik G selbst möglichst viel Hintergrund mit hinein zu nehmen. G könnte etwa aus einem weißen Rechteck bestehen, vor dem schwarze Schrift zu stehen kommt. Selbst wenn dieses G sich vor dem Hintergrund B nicht deutlich abhebt, bleibt G doch zumindest noch gut lesbar.



25.2.2003





Die Farbe „Durchsichtig“ gibt es in mehreren Varianten. Zum Beispiel gibt es schwarzes Durchsichtig, weißes Durchsichtig oder grünes Durchsichtig. Sichtbar ist natürlich keine dieser Varianten, aber trotzdem unterscheiden sie sich. Nehmen wir beispielsweise einen Farbgradienten, der von opakem Weiß zu durchsichtigem Schwarz übergeht. In der Mitte des Gradienten haben wir halbdurchsichtiges Grau. Bilden wir diesen Gradienten vor einem weißen Hintergrund ab, so sehen wir zwar am linken und rechten Rand des Gradienten nur Weiß (links, weil der Gradient weiß ist, rechts, weil er durchsichtig ist), in der Mitte aber Hellgrau.

Luft zum Beispiel hat die Farbe hellblaues Fastdurchsichtig.





Einige Worte kenne ich auf englisch, nicht aber auf deutsch. Ich nehme an, es gibt eine offizielle Übersetzung für das Wort „viewport“ (ein Fachbegriff aus der wunderbaren Welt der user agents), sie ist mir aber nicht bekannt. Manche Wichtigtuer geben damit an, bestimmte Worte ließen sich im Deutschen nicht in ihrem Nuancenreichtum abbilden, zum Beispiel „sophisticated“. Das aber ist meist nur Prahlerei oder Faulheit. Was ich meine, sind Worte, für die es durchaus Übersetzungen gibt (sogar bijektive Übersetzungen), die ich aber einfach nicht kenne, weil sie mir nie begegnet sind. „It is easy to see that the Axiom of Choice in ordinary set theory is equivalent to the statement that in the category of sets, all epis are split.“ [Toposes, Triples and Theories] habe ich (in Konjugation mit der Aussage „You should be warned that a statement such as, “It is easy to see...” does not mean it is necessarily easy to see without pencil and paper!“) als wahr eingesehen, weiß aber trotzdem nicht, wie dieser Satz auf deutsch lautet („Es ist leicht zu sehen (= der Beweis ist Übung 1.4.3), daß das Auswahlaxiom der gewöhnlichen Mengenlehre äquivalent zu der Aussage ist, daß in der Kategorie der Mengen alle Epimorphismen split (?) sind.“).



27.2.2003





Die Chancen stehen gut, daß wir beide die Rente gemeinsam lebend erreichen, genauer, sie liegen statistisch über achtzig Prozent. Der Erwartungswert für unsere verbundene Lebenserwartung (die Dauer, bis einer von uns beiden stirbt) liegt bei etwa 43 Jahren, der Median bei 46 Jahren. Einen scharfen Knick gibt es zwischen 40 und 50 weiteren gemeinsamen Jahren: hier fällt die Wahrscheinlichkeit von zwei Drittel auf ein Drittel. Wenigstens zehn weitere gemeinsame Jahre haben wir mit neunundneunzigprozentiger Wahrscheinlichkeit. Daß wir beide gemeinsam hundert werden, ist dagegen statistisch unmöglich. Vorausgesetzt ist bei dieser Rechnung, daß unser Winkel der Welt weiter so friedlich und ruhig bleibt wie bisher. Leider liegt mir keine aktuelle Tabelle mit der statistischen Lebenserwartung der Menschheit vor, und ich wüßte auch nicht, wie eine solche Tabelle sich erstellen ließe.





Die Kuh sagt muh, und was sagst du?



28.2.2003





Ich weiß schon, daß Stalin nicht 1956, sondern 1953 gestorben ist, und wüßte ich es nicht, hätten mich die ganzen Artikel und Dokumentationen zu seinem fünfzigsten Todestag darauf hingewiesen. Wenn meine Skizze über Zahlenparanoia etwas anderes behauptet, so deshalb, weil es mir so lustiger zu sein schien.





Standards: es wird sich wohl nicht vermeiden lassen, Standards für Regierungen einzuführen, derart, daß regelmäßig freie, gleiche und geheime Wahlen durchzuführen sind, daß Gewaltenteilung herrschen und die Menschenwürde beachtet werden muß. Gelten diese Standards verbindlich, wird die Vermengung exekutiver und jurisdiktiver Gewalt im Amt des Lord Chancellors künftig nicht mehr erlaubt sein, ein nicht gewählter Präsident wie George Bush jr. wird sein Amt nicht antreten können, und so weiter. Schließlich gibt es demnächst auch international einheitliche und verbindliche Standards, wie Unternehmensbilanzen auszusehen haben.





Zwar halte auch ich nichts davon, den Irak anzugreifen, unschuldige Menschen zu töten, internationales Recht mit Füßen zu treten und bestehende Konflikte zu verschärfen. Viele Argumente gegen den Krieg sind jedoch recht läppisch. „Kein Blut für Öl“, als ob dem moralischen Furor der amerikanischen Konservativen stets pekuniäre Interessen zugrunde lägen. „Nordkorea greifen sie ja schließlich auch nicht an“, ja, das zeigt eben, wie mißlich es ist, wenn Provinztyrannen Atomwaffen besitzen, noch nicht einmal mit Gewalt lassen sie sich dann noch beseitigen. „Der Häuserkrieg um Bagdad wird sich lange hinziehen und sehr verlustreich sein“, möglich, aber wieso eigentlich? „Die ganze Region wird destabilisiert“, aber es ist doch eher anzunehmen, daß die Regierungen der umliegenden Ländern sich um möglichst gute Beziehungen zu Amerika bemühen werden, und daß eine Regierung gestürzt wird, weil sie nicht energisch genug gegen einen Krieg in einem anderen Land protestiert hat, glaube ich nicht: Revolutionen brechen für gewöhnlich aus handfesteren Gründen aus, wenn die Interessen der Menschen direkter betroffen sind. „Eine friedliche Entwaffnung Saddams ist vorzuziehen“, als ob Hussein ohne militärische Drohungen zu irgend etwas zu bewegen wäre. „Die Inspektoren brauchen mehr Zeit“, die amerikanische Regierung kann ihre Kriegsdrohung aber nicht beliebig lange glaubwürdig aufrecht erhalten: würde die amerikanische Regierung über Monate und Jahre hinweg versuchen, den Anschein zu erwecken, ein Krieg stünde in wenigen Tagen oder Wochen unmittelbar bevor, wer würde ihr da noch glauben? „Eine gewaltsame Lösung des Irakkonflikts wird eine friedliche Lösung des Israelkonflikts unmöglich machen“, als ob es noch irgend einen Araber (oder überhaupt irgend einen zurechnungsfähigen Menschen) gäbe, der die amerikanische Regierung für einen neutralen, unvoreingenommenen Vermittler hielte, und es wäre ja auch sonderbar, wenn irgend eine amerikanische Regierung die demokratische, westliche Regierung Israels und die korrupte, eben erst dem Terror entwöhnte Regierung Palästinas unvoreingenommen, neutral und gleichwertig betrachtete, und darauf kommt es ja auch gar nicht an, gebraucht wird ja gar kein objektiver Schiedsrichter, der mit übermenschlicher Weisheit feststellt, welche der beiden Seiten denn nun recht hat (und welche Gegenseite sich infolgedessen auflösen sollte), sondern ob es möglich ist, einen tragfähigen Ausgleich herbeizuführen, der für beide Seiten akzeptabel ist, mag er nun gerecht oder ungerecht sein.

Es versteht sich, daß die Argumente der Gegenseite oft nicht minder schwach sind. Um nur das törichteste anzuführen: „Von all den Friedensbewegten hat niemand gegen Saddam demonstriert“. Das wäre ja auch reichlich sinnlos, denn Hussein wird sich gewiß nicht von irgendwelchen Demonstrationen gegen seine Art der Regierungsführung beeindrucken lassen, zumal wenn diese Demonstrationen in fremden Ländern durchgeführt werden. Eine Demonstration soll für gewöhnlich etwas bewirken, und eine Demonstration gegen die amerikanische Außenpolitik unterstellt, daß die amerikanische Regierung sich von Demonstrationen beeindrucken läßt. Ich kann die Meinung vertreten, daß die palästinensische Mode, sich selbst in die Luft zu sprengen und dabei möglichst viele Israelis mit in den Tod zu reißen oder zu verstümmeln, ausgesprochen widerlich und unsinnig ist, ich kann auch die Meinung vertreten, daß die israelischen Maßnahmen, palästinensische Terroristen zusammen mit unschuldigen palästinensischen Bürgern umzubringen, abscheulich und abstoßend sind. Aber offensichtlich wäre es sinnlos, gegen das eine oder andere oder beides hier in Deutschland zu demonstrieren, denn meine Demonstration wird am Lauf der Dinge nicht das Geringste ändern.



1.3.2003





Heute habe ich in Landau (Pfalz) Hbf um 17:30 den schönsten Regenbogen meines Lebens gesehen. Die Sonne war schon hinter dem Bahnhofsgebäude verschwunden und nahe dem Horizont, so daß im Osten nahezu der ganze Halbkreis des Regenbogens zu sehen war. Deutlich zu erkennen war ein zweiter, äußerer Regenbogen. An der violetten Innenseite des Regenbogens waren weitere Farbschichten zu erkennen, ein zweites Grün, ein zweites Lila und schwach noch weitere Schichten.



2.3.2003





Meldungen zu tagespolitischen Fragen sind schnell veraltet und erwecken bald einen peinlichen und lächerlichen Eindruck, wie das Blättern in alten Zeitungen beweist: um welch alberne Probleme dort gerungen wurde, die sich dann von selbst auflösten, welche Prognosen erstellt wurden, die damals als vernünftig galten und heute doch absurd sind, welch schal gewordene Modebegriffe dort eitel als Neuigkeit präsentiert werden. Meiner obenstehenden Bemerkungen von vorgestern über ein aktuelles Thema ist mutmaßlich das gleiche Schicksal beschieden. Worum es mir eigentlich geht, ist aber ein vom konkreten Fall unabhängiges: wie nämlich einem guten Argument („Bislang galt international das Töten von Menschen nur dann als legitim, wenn es zur Abwendung einer unmittelbar drohenden, offensichtlichen Gefahr unvermeidbar war, und ein Abweichen von diesem Brauch erfordert eine überzeugende Begründung“) haufenweise schlechte Argumente („Die Amerikaner sind alle übergewichtige Analphabeten, die Irak nicht auf der Landkarte finden können“) hinterhergeschoben werden. Oder anders aufgefaßt: wer immer eine Ansicht vertritt, muß mit schlechter Gesellschaft rechnen.

Gautama empfiehlt, um Streit und Hader zu vermeiden, sei es ratsam, sich der Ansichten generell zu enthalten. Ich zweifle jedoch, daß das möglich ist. Ich sehe nicht, wie es zum Beispiel möglich sein sollte, den Buddhismus anders denn als Ansicht aufzufassen.





Scheinbar enthält „generieren“ die selbe Information wie „bewirken“ („Er hat viel Spott und Hohn generiert“). Tatsächlich aber unterscheiden sich die beiden Worte, und „generieren“ enthält wirklich eine zusätzliche Information: nämlich daß der Verfasser des Textes ein Angeber und Prahlhans ist („Und Gott generierte Himmel und Erde“).

Dem Wort „proaktiv“ möchte ich unterstellen, daß es ursprünglich einmal ironisch gemeint war, es hat halt bloß keiner gemerkt.



3.3.2003





Die Muslime werfen den Götzenanbetern vor, daß jene einen toten Stein anbeten, der ihnen nicht helfen kann. Das, scheint mir, ist tatsächlich ein sehr guter Einwand gegen den Götzenkult. Außerdem beten die Muslime dreimal täglich in Richtung eines toten Steines, der ihnen nicht helfen kann.





Nach anderthalb Jahren können die Terroristen endlich einen ersten Erfolg ihrer Tätigkeit verbuchen: in den westlichen Ländern soll das Folterverbot abgeschafft werden. Außerdem wird über die Wiedereinführung schwarzer Listen debattiert.





Gelegentliche Hörer klassischer Musik äußern häufig den Eindruck, die zweite Einspielung eines bestimmten Stückes des klassischen Repertoires, die ihnen zu Gehör kam, enthielte mehr Details und Feinheiten als die erste. Dies liegt, vermute ich, an folgendem: in der ersten Einspielung sind die Details a, b, c und d deutlich hörbar, in der zweiten Einspielung sind die Details c, d, e und f prägnant herausgearbeitet. Der unbedarfte Hörer hat die erste Einspielung ein paar Mal gehört und sich an die Details a, b, c und d gewöhnt. Beim Anhören der zweiten Aufnahme hört er auch die Details a und b, auch wenn sie gar nicht vorhanden sind, aus Gewohnheit, oder er vermißt sie zumindest nicht. Dafür fallen ihm die Details e und f als neu und ungewohnt um so mehr auf. Fälschlich unterstellt er, die zweite Aufnahme habe die Details a, b, c, d, e und f deutlich herausgearbeitet und sei deshalb differenzierter als die erste Aufnahme. Die Kunst eines professionellen Hörers besteht deshalb auch darin, Nuancen, die nicht vorhanden sind, auch tatsächlich nicht zu hören.



5.3.2003





Bislang hatte ich gegen die Rechtschreibreform nichts einzuwenden, aber das Käsblatt „Die Welt“ hat es geschafft, mich zu schockieren, durch die Einführung von „verwährt“, wo ich bislang unbedarft „verwehrt“ geschrieben hätte. Heißt es nun etwa auch „die Währ“, „währhaft“ oder „Währkraftzersätzung“? Und im Gegenzug dann dafür „Wehrungsumstellung“? Heißt es nun etwa auch „Wächselkursrisiko“? Und ist das Motto der Rechtschreibräformgegner künftig „wer sich nicht währt, lebt verkährt“? Wahrscheinlicher scheint mir allerdings, daß „Die Wält“ sich schlichtweg verschrieben hat, vielleicht irregeleitet durch „aufwändig“ statt bisher „aufwendig“, wär weiß. Oder sie hat „verwahren“ und „verwehren“ verwächselt, bedeutet ja auch beides fast das gleiche, oder so ehnlich. Wozu brauchen wir überhaupt ein „Ä“?



6.3.2003





Heute einen Backup durchgeführt, das Letzte liegt schließlich schon wieder ein halbes Jahr zurück. Diesmal waren es nur vier CDs voll, da ich mich bei den neu hinzugekommenen Bildern strikt auf die fertigen Ergebnisse beschränkt und die ganzen Zwischenschritte ausgelassen habe, sonst wären es fünf DVD voll geworden.





Die genaue Begründung, warum wir gegen den Irak in den Krieg ziehen müssen, wechselt täglich. Ich hoffe, der folgende Algorithmus kann für Klarheit sorgen:


<script language="JavaScript">

<!--

now = new Date();

dayOfWeek = now.getDay();

switch(dayOfWeek)

{

case 0:

document.write("weil der Irak Massenvernichtungswaffen (Pest &c.) hat");

// Wenngleich er anscheinend nicht unmittelbar vorhat, sie einzusetzen.

break;

case 1:

document.write("weil der Irak demnächst die Atombombe haben könnte");

// wobei "demnächst" so viel heißt wie "in zehn Jahren, frühestens".

break;

case 2:

document.write("weil Saddam der beste Freund bin Ladens ist");

// Auch wenn der CIA das Gegenteil behauptet.

break;

case 3:

document.write("weil Saddam Terroristen mit Waffen versorgt");

// Oder zumindest theoretisch versorgen könnte, wenngleich niemand so recht weiß,

// welchen Vorteil er davon hätte.

break;

case 4:

document.write("weil wir den Irak in eine Demokratie verwandeln wollen, als Vorbild für alle islamischen Völker");

// Die Türkei reicht uns als Vorbild eines demokratischen Staates eines

// islamischen Volkes nicht aus.

break;

case 5:

document.write("weil Saddam versucht hat, meinen Papa umzubringen");

// Wobei wir Mordanschläge als Mittel der Politik nicht grundsätzlich mißbilligen.

break;

case 6:

document.write("weil wir die Macht dazu haben");

break;

}

//-->

</script>


Und hier das Ergebnis:


Bagdad muß zerstört werden, .






Gemäß romantisch-sentimentaler Kunstauffassung dient Kunst dazu, die eigene wertvolle und einzigartige Persönlichkeit auszudrücken und muß daher originell und niedagewesen sein. Wie wir aber seit ungefähr fünftausend Jahren alle wissen, ist es schwierig bis unmöglich, in der Kunst irgend etwas hervorzubringen, was nicht so ähnlich schon einmal dagewesen wäre. Eine etwas bescheidenere Kunstauffassung besagt daher, es komme nicht darauf an, etwas völlig Neues zu sagen, sondern das, was schon zuvor gesagt wurde, besser zu sagen. Ein Plagiat ist demnach höchstens ein rechtliches, kein künstlerisches Problem, vorausgesetzt, dem Plagiierenden gelingt es, den Plagiierten künstlerisch zu übertreffen. Schande trifft den Plagiator nur dann, wenn sein Werk schlechter und geringer ausfällt als sein Vorbild.

*

Ich will mich deshalb auch nicht allzu sehr darüber beklagen, daß die neueste, lang erwartete CD von King Crimson, „The Power To Believe“, gelegentlich arg nach früheren Aufnahmen von King Crimson klingt, schließlich haben auch Johann Sebastian Bach oder Dieter Bohlen nicht jeden Tag von Grund auf neue Werke geschaffen, sondern sich selbst gelegentlich imitiert und kopiert, es kann eben nicht jeder ein Edgar Varèse sein, außerdem hat Varèse auch nur ein dementsprechend schmales Oeuvre hinterlassen und ist nie so berühmt geworden wie Bach oder Bohlen.

*

Genauer gesagt, verhält es sich mit dem neuen Crimso-Album so:

Einleitung und Schluß wurden „In The Wake Of Poseidon“ entnommen. „Lark’s Tongues In Aspic V“ wurde der Einfachheit halber kurzerhand „Level 5“ genannt. „Eyes Wide Open“ erinnert sehr entfernt an „Walking On Air“. „Elektrik“ ist eine weitere Variante der „Fracture“/„FraKctured“-Reihe. „Facts of Life“ ist ein „ProzaKc“-artiger Blues, dessen Wurzeln allerdings bis zu „Sailor’s Tale“ zurückreichen. „The Power To Believe II“ wurde auf dem ganzen Erdenrund zusammengeklaut. „Dangerous Curves“ ist das wohl älteste Stück, es reicht zurück bis ins Jahr 1918 und wurde eigentlich von einem gewissen Gustav Holst geschrieben, von King Crimson wurde das Werk erstmals auf „In The Wake Of Poseidon“ veröffentlicht. „Happy With What You Have To Be Happy With“ hatte bereits ein eigenes Album (mit einer sehr interessanten, knappen Fassung von „Lark’s Tongues In Aspic IV“). Und „The Power To Believe III“ hieß unlängst noch „The Deception Of The Trush“.

Aber im Ernst, wer will denn auch überhaupt neue Stücke von King Crimson hören, wo doch die alten so schön sind. Notfalls hören wir uns sogar „21st Century Shizoid Man“ noch einmal an, und wenn es sein muß, auch auf einem Vibraphon als Lounge-Music.



8.3.2003





Andererseits ist das ganze Gerede über unantastbare staatliche Souveränität auch nur Aberglaube. Schließlich sind nicht Völker, Nationen, Staaten oder Regierungen etwas heiliges, sondern nur die einzelnen Menschen.





Das Wort „EUR“ kommt sowohl in meinen regulären Emails als auch in dem Spam, das ich erhalte, häufig vor. Insgesamt in den regulären Emails sogar noch einen Hauch häufiger, denn in der wunderbaren Welt des Spams ist ja oft alles „umsonst“.





Irgendwelche Physiker behaupten, daß die Unordnung im Universum unaufhaltsam zunimmt. Seit ich eine kleine Tochter habe, die laufen und Dinge herumtragen kann, weiß ich auch, wer dafür verantwortlich ist.

(Fußnote: streng genommen nimmt die Unordnung nicht unaufhaltsam zu, sondern sie nimmt bloß statistisch betrachtet nicht ab; aber in praktischer Hinsicht ist das wohl das gleiche, und ein Aphorismus soll ja nach Möglichkeit nicht nur genau, sondern auch knackig sein).





Im Kulturreport der ARD werden kurz die neuen Gedichte des Papstes besprochen, an sich schon ein ziemlich lustiges Thema. Untermalt wird der Bericht mit zarten Celloklängen. Die zarten Celloklänge sind allerdings „Nothing Else Matters“ der Satanistenband „Metallica“. Die unwahrscheinliche Erklärung: es handelt sich um einen Scherz, einer der Redakteure hat mit seiner Tochter gewettet „Ich schaffe es, einen Bericht über den Papst in die Sendung zu bekommen, den ich mit Satanistenmusik untermale“. Die wahrscheinliche Erklärung: es ist halt eh alles egal, es macht sich niemand mehr weiters groß Gedanken, wie was zusammenpaßt, Anything Goes, hey, wir machen da so einen Bericht über den Dings, den Papst, Gedichte hat der alte Pole geschrieben, da braucht’s was lyrisch-klassisches mit Schmalz, nehmen wir doch das Dings da, was wo du mir neulich vorgespielt hast, mit den vier finnischen Violonisten oder was das war.



9.3.2003





Von Silvio Gesell stammt eine ökonomische Theorie, die weder kommunistisch noch liberal ist. Da Gesell kein Freund komplizierter Modelle ist, läßt sich seine Theorie der Bodenrenten recht einfach darstellen: es stehen einander Bodenbesitzer und Pächter gegenüber, aber aus irgendeinem mirakulösen Grund, der nie erklärt wird, übersteigt die Nachfrage nach Boden bei weitem das Angebot, so daß wir bei der Betrachtung eine unendliche Nachfrage unterstellen können. Der Grundbesitzer kann also den Boden zu einem Preis verpachten, so daß dem Pächter lediglich das nackte Existenzminimum verbleibt. Beziehungsweise, er kann den Boden zu einem Preis verpachten, so daß dem Pächter gerade der selbe Lebensunterhalt bleibt, den er auch bei der Bewirtschaftung eines Fleckens sumpfigen Ödlandes in einer Wildnis fern jeder Zivilisation hätte, denn das ist für den Pächter die einzige Alternative zum Pachtvertrag. Auch der Industriearbeiter sieht sich gezwungen, einen Arbeitsvertrag abzuschließen, der ihm einen Lohn auf dem Niveau des Ödlandbauern sichert, denn die Alternative für ihn wäre entweder, Ödlandbauer zu werden, oder einen Pachtertrag abzuschließen, der ihn ebenfalls nicht besser stellt. Auch ein Universitätsprofessor, Schlagersänger oder Vorstandsvorsitzende einer international operierenden Aktiengesellschaft erhält im Prinzip den Lohn eines Ödlandbauern, wobei bei diesen Personen noch die mehr oder weniger kostspielige und aufwändige Ausbildung honoriert wird.

Wir sind etwas verblüfft zu lesen, daß die Vorstandsvorsitzenden von General Motors, Procter & Gambler oder AOL Times Warner lediglich das Einkommen eines Grenzlandbauern erhalten (zuzüglich einer Ausbildungsgratifikation, die aber allzu üppig nicht ausfallen kann – Sinologen, die als Taxifahrer arbeiten, haben schließlich auch jahrelang studiert). Ein weniger mutiger und nervenstarker Bursche als Gesell hätte die offenkundige Absurdität seiner Theorie womöglich dazu bewogen, sie zu verwerfen, Gesell statt dessen verwirft das bestehende Wirtschaftssystem.

Statt dessen sollen die Grundbesitzer enteignet und das Land verstaatlicht werden. Die Pacht wird dann, wie bisher auch schon, meistbietend versteigert. Erfolgt aber die Versteigerung durch den Staat statt durch die Bodenbesitzer, dann kehrt sich durch ein zweites Mirakel das Verhältnis von Angebot und Nachfrage um, es ist nun das Angebot, das im Überfluß und praktisch unendlich vorhanden ist, jedem steht genug Land zur Verfügung, das er bequem bewirtschaften kann, die Einkommen steigen ins Unermeßliche. Anderseits sprudeln die Pachteinnahmen des Staates derart, daß er es sich leisten kann, die Bodenbesitzer nicht etwa entschädigungslos zu enteignen, sondern ihnen für den Boden die vollen Marktpreise zu zahlen, und zwar auf Kredit, einschließlich der marktüblichen Zinsen. Schon nach zwanzig Jahren, so Gesell, wäre der Staat schuldenfrei und wüßte praktisch nicht wohin mit dem vielen Geld aus den Pachteinnahmen.

Nichts desto trotz ist die Lektüre Gesells insofern faszinierend, insofern er völlig unabhängig von den bekannteren Ideologien seiner Zeit argumentiert. So wird zwar der gesamte Boden verstaatlicht, aber der Staat hat außer der völlig mechanischen und mit minimalem bürokratischem Aufwand durchzuführenden Versteigerungen nichts weiter zu tun, Staatswirtschaft, Bürokratismus und kommunistische Planwirtschaft nämlich ist Gesell ein Greuel. Falls das jemand unbedingt möchte, kann er sich mit Gleichgesinnten in einem Kollektiv zusammen schließen, als Genossenschaft einen Hof ersteigern und bewirtschaften, der Markt wird dann zeigen, ob solch genossenschaftliche Wirtschaft individueller Wirtschaft überlegen ist, Gesell jedoch bezweifelt es. Von nationalstaatlicher Souveränität hält er ebenfalls nichts, mit der Abschaffung des Grundeigentums werden Einzelstaaten auch ganz überflüssig, und Einwanderungsbeschränkungen sollen ersatzlos abgeschafft werden: alle sollen einwandern dürfen, auch die Säufer und Spieler, Land ist ja genügend vorhanden, und der Markt wird für das Nötige sorgen. Die staatlichen Einnahmen will Gesell den Müttern als Kopfpauschale für ihre Kinder auszahlen, um so die Frauen von den Männern unabhängig zu machen. Gesell sieht nämlich (vermutlich völlig zu Recht) in den Frauen die entscheidenden Trägerinnen der Zuchtwahl, die deshalb völlig frei und ungehindert entscheiden können sollen, von welchen Männern sie Kinder aufziehen wollen. Das Wort „Zuchtwahl“ ist uns vor allem aus dem Jargon der Nazis vertraut, deren Ideologie staatlich kontrollierter und gelenkter Menschenzucht freilich weit mehr Platon als Darwin verdankt, Gesell dagegen erwartet sich die Veredlung des Menschengeschlechts im wesentlichen aus der ungehinderten individuellen Wahl der Frauen, und in dieser Hinsicht ist sein Vorschlag nicht ohne Charme.





Auf der Suche nach einer bestimmten Zeichnung beim Durchblättern meiner Bilder mit Grauen festgestellt, daß das meiste davon ziemlich unhaltbar ist. Manchmal, selten, sind andeutungsweise gelungene Stellen dabei, der Rest aber ist grauenhaft, miserabel. Dann in den Skizzen von 2002 nachgesehen, ob ich dort über eine bestimmte, von mir erfundene Programmiersprache berichtet habe. Erneutes Grauen: es sind zwar nette Einfälle unter den Skizzen, aber all das ist so schlampig und fehlerhaft und schief geschrieben. Nehmen wir das hier:

„Gestern hat mein Computer versucht, Selene zu installieren: während ich am Computer arbeitete, lutschte Selene auf dem USB-Kabel meiner Digitalkamera herum, ihr Speichel schloß den Stromkreis zwischen zwei Wie-Heißt-Das-Gegenteil-Von-Pins, der Computer erkannte, daß ein Gerät angeschlossen ist, fragte Selene, ob sie Plug&Play-fähig ist, erhielt von Selene keine vernünftige Antwort und teilte dann mir mit, er habe ein neues Gerät entdeckt und suche nach einem Treiber.“

Charmant, gewiß, aber sollte es nicht trotzdem besser „ob sie Plug&Play-fähig sei“ heißen? Und Derartiges und Schlimmeres ist die Regel. Liebe Leserin, es wird nicht besser, wenn du bisher gekommen bist, stell die Lektüre ein, fliehe, such das Weite, meide diesen Ort, lies nicht weiter.





Da ich 2002 nichts über die eben erwähnte Programmiersprache habe verlauten lassen, sei es hier nachgetragen:

Grundlage ist ein Speicher mit unendlich vielen Speicheradressen, die mit 0,1,2,3... nummeriert sind. Jeder Speicheradresse ist anfangs der Zustand „n“ zugeordnet, jeder Speicheradresse kann aber eine beliebige natürliche Zahl (einschließlich 0) zugeordnet werden. Außerdem gibt es die besondere Zahl E, die Eingabezahl, die der Benutzer eingibt (so, wie ein Eingabeband bei einer Turingmaschine).

Für das Verständnis der Maschine bedeutsam ist außerdem auch noch die Nimm-Addition (+). Die funktioniert wie die gewöhnliche Addition, nur daß die beiden Summanden in ihre Zweierpotenzen zerlegt werden und gleiche Zweierpotenen sich gegenseitig auslöschen, also wie eine Binäraddition ohne Übertrag. Beispiel:

7 (+) 5 = 4+2+1 (+) 4+1 = 4(+)4 + 2 + 1(+)1 = 2

Kommt die Maschine zum halten, dann wird die (+)-Summe über den Inhalt aller Speicheradressen gebildet, der ungleich „n“ ist (was nur endlich viele sein können). Das Ergebnis ist also, wenn das Programm zum halten kommt, eine natürliche Zahl. Der Fall, daß keine einzige Adresse initialisiert wurde, kann aufgrund der Sprachspezifikation in einem wohlgeformten Programm nicht vorkommen, die Summe enthält also mindestens einen Summanden und ist wohldefiniert.

Wir definieren noch einige weitere Begriffe: z(n) ist der Inhalt der Speicheradresse n. sgn(n) ist das Vorzeichen von n, also 0, falls n==0, und 1 sonst. rund(n) ist die Zahl n, aufgefaßt als Binärzahl, wenn wir alle Ziffern bis auf die erste durch Nullen ersetzen. Anders aufgefaßt: wenn [x] die auf die nächste ganz Zahl abgerundete Zahl ist, und log der Logarithmus zu Basis 2, dann ist für n!=0 rund(n)=2^[logn]. Für n==0 definieren wir rund(0)=0. Beispiel:

rund(7)=rund(111)=100=4

rund(5)=rund(101)=100=4

Die Sprache umfaßt 5 Befehle, nämlich 0, 1, 2, 3 und 4. Jeder Befehl hat so viele Parameter, wie sein Symbol angibt. Die Parameter werden links von dem Befehl aufgeschrieben, in polnischer Notation, so daß wir uns Klammern und Kommata sparen können. Dabei unterscheiden sich die Befehle 0, 1 und 4 von den Befehlen 2 und 3. 2 und 3 sind Befehle im eigentlichen Sinn, und ein Programm besteht aus einer Abfolge dieser beiden Befehle (wobei ein Programm mindestens einen solchen Befehl enthalten muß). 0, 1 und 4 sind dagegen Funktionen, die Zahlen zurückliefern. Als Parameter eines Befehls werden stets Zahlen erwartet, ein Parameter besteht daher aus einer Zeichenfolge, die lediglich die Zeichen 0, 1 und 4 enthält. Sei S eine beliebige Zeichenfolge, die nur aus 0, 1 und 4 besteht. Sei i ein Platzhalter für das Zeichen 2 oder das Zeichen 3. Dann hat ein wohlgeformtes Programm den Aufbau iSiSiS....

Ein Programm heißt wohlgeformt, wenn es eine Zeichenkette aus 0 bis 4 ist, derart, daß jeder Befehl die richtige Anzahl an Parametern besitzt, als Parameter lediglich die Funktionen 0, 1 und 4 verwendet werden und das Programm insgesamt aus einer Abfolge von Befehlen 2 und 3 besteht.

Folgendes Programm ist wohlgeformt:

3000300103004000024111101110110100

Folgendes Programm ist nicht wohlgeformt, weil es die falsche Zahl von Parametern hat:

30000

Folgendes Programm ist nicht wohlgeformt, weil 0 kein zulässiger Befehl außerhalb eines Parameters ist:

03000

Folgendes Programm ist nicht wohlgeformt, weil 3 nicht im Inneren eines Parameters auftauchen darf (der Ausdruck 3000 ist hier der dritte Parameter des Befehls 3):

3003000

Die Wohlgeformtheit eines Programmes läßt sich rekursiv entscheiden (und zwar einigermaßen banal, durch einen nicht allzu ehrgeizigen Parser). Dementsprechend lassen sich die wohlgeformten Programme aufzählen. Wir wollen die wohlgeformten Programme, beginnend mit 0, nummerieren. Die ersten 16 Programme lauten:

0        200

1        2010

2        2100

3        3000

4        20110

5        21010

6        21100

7        30010

8        30100

9        31000

10       200200

11       201110

12       210110

13       211010

14       211100

15       300110

Wir bezeichnen mit prog(n) das n-te wohlgeformte Programm.

Hier nun die fünf Befehle in der Übersicht:

0     Liefert die Zahl 0 (ist das eine Funktion oder ein Literal?).

1a    Falls an der Speicheradresse a der Wert „n“ steht, wird 2^a zurückgegeben, ansonsten wird der Inhalt der Adresse a zurückgegeben. Formal: wenn z(a)="n" dann 1(a)=2^a sonst 1(a)=z(a).

2ab   Setze A=a, B=b. Falls an der Speicheradresse A der Wert „n“ steht, dann schreibe an die Speicheradresse B den Wert E, die Eingabezahl. Ansonsten tue folgendes:

Schleifenanfang: Prüfe, ob an der Adresse A die Zahl 0 steht. Wenn ja, verlasse die Schleife. Wenn Nein, tue folgendes:

Vermindere die Zahl an der Adresse A um eins. Führe das B-te Programm durch (das B-te Programm operiert auf dem selben Speicher, wie das Hauptprogramm, und kann seinerseits weitere Schleifen aufrufen; eventuell wird dabei auch der Inhalt der Adresse A verändert, so daß es zu einer unendlichen Schleife kommen kann). Gehe zurück zum Schleifenanfang.

:Schleifenende

Formal läßt sich das in Pseudocode so ausdrücken:

A = a;
B = b;

if (z(A)=="n") { z(B) = E; } else { while (z(A)!=0) { z(A) = z(A)-1; exec(prog(B)); } }

3abc  Schreibe an die Adresse a die Zahl b(+)c, also z(a)=b(+)c;

4abcd Liefert die Zahl ((a(+)rund(b))+sgn(c))*2^(d-1). Dies zerlegt sich folgendermaßen:

Ersetze in der Binärdarstellung von b alle Ziffern bis auf die erste durch Nullen. Bilde die Nimm-Summe von a und b. Falls c ungleich Null ist, bilde das Inkrement dieser Zahl. Füge am Ende der Binärdarstellung dieser Zahl d-1 Nullen hinzu, es sei denn, d ist gleich Null, in diesem Fall nimm die letzte Ziffer weg.

Es ist nicht ganz leicht, ein Programm zu schreiben, das nicht anhält. Das folgende ist das kürzeste Beispiel, das mir eingefallen ist:

30013100110311001110311101011031111001111031111101110111103111110111110111111030011020111110

Das nullte Programm, 200, liefert gerade die Zahl E zurück. Das erste Programm, 3000, liefert die Zahl 0, unabhängig von der Eingabe E. Ich vermute, daß meine Sprache Turing-vollständig ist, für den vollständigen Beweis fehlt es mir aber an Zeit und Nerven. Außerdem wäre ich wohl imstande, einen Compiler für diese Sprache zu bauen, aber auch dazu habe ich, ehrlich gesagt, nicht wirklich Lust.

Das folgende Programm liefert E++ zurück (hoffe ich, falls ich alles richtig gemacht habe):

3001031001103110101102111011103111004111001010300031000311000

Das wievielte wohlgeformte Programm das wohl sein mag?

Die Lernkurve in dieser Programmiersprache ist etwas steiler als in Visual Basic, dafür ist der Befehlssatz wesentlich übersichtlicher, und, wie ich mir schmeicheln darf, weitaus vollständiger dokumentiert.





Wir haben einen neuen Schneebesen von WMF. Er besteht aus einem Bündel von einem Dutzend Drähten, und jeder Draht endet in einer Metallkugel. Es ist viel einfacher, Flüssigkeiten damit aufzuschäumen, als mit dem alten Schneebesen. Er läßt sich außerdem viel besser reinigen. Und wenn er geschüttelt wird, gibt der Schneebesen schöne Klänge von sich, fast wie ein Windspiel. Im Licht einer Lampe trägt jede der Dutzend Metallkugeln ein Glanzlicht, und wenn ich den Schneebesen schüttle, beginnen die Kugeln auf verschiedenen elliptischen Bahnen rasch zu revoltieren, und die Glanzlichter verwandeln sich in tanzende Ellipsen.





Das Kind kann tanzen: es dreht sich um seine Achse, geht in die Knie, bewegt die Arme. Zum ersten Mal aufgefallen bei J0hn Scofield.





Die oben beschriebene Programmiersprache ist mir wieder in den Sinn gekommen, weil ich inzwischen noch eine weitere Sprache erfunden habe, diesmal weniger mit dem Ehrgeiz, eine möglichst schwierige und mühsame Sprache zu erfinden, sondern eher, eine in einer bestimmten Hinsicht besonders dämlich. Ich muß ein wenig ausholen:

Ein Array von Objekten, auf denen eine Ordnung definiert ist, kann sortiert werden, und dafür gibt es verschiedene Algorithmen. Da sich Informatiker oder auch Komplexitätstheoretiker eher selten mit überabzählbaren Mengen von Objekten beschäftigen, können wir davon ausgehen, daß wir es mit einem Array von natürlichen Zahlen zu tun haben, die der Größe nach sortiert werden sollen.

Diese Aufgabe läßt sich auf verschiedene Art und Weise lösen. Eine naheliegende Methode ist ein Algorithmus namens Bubblesort. Eine etwas weniger naheliegende, aber in vielen Fällen schnellere Methode ist ein Algorithmus namens Quicksort. In der Folklore werden beide Algorithmen als Parádigmen verwendet: Bubblesort ist der naheliegende, gedankenarme quick-and-dirty Algorithmus, nicht geradezu falsch, aber auch nicht geradezu ein Ausweis genuiner Einsicht und überlegener Meisterschaft, während die Verwendung von Quicksort zeigt, daß jemand seine Hausaufgaben gemacht hat.

Diese Folklore ist nicht ganz genau und gerecht. Es ist gibt Fälle, in denen Bubblesort tatsächlich vorzuziehen ist. Wenn ein Array fast schon richtig geordnet ist, ist Bubblesort schneller als Quicksort, und in der Praxis können solche Fälle ja durchaus vorkommen (Gegeben sei eine geordnete Liste, in der ein Benutzer einige wenige Werte verändert, so daß die Liste ungeordnet wird. Nun soll die Liste wieder geordnet werden: Quicksort oder Bubblesort?). Der Geschwindigkeitsunterschied macht sich überhaupt erst bei sehr langen Listen wesentlich bemerkbar. Andererseits ist Quicksort ein rekursiver Algorithmus und kann für lange Listen leicht Probleme mit dem Speicher bewirken. Die vielen Funktionsaufrufe, die Quicksort zwangsläufig erzeugt, können ein Performanceproblem für Sprachen darstellen, in denen das Starten von Funktionsaufrufen unverhältnismäßig viel Zeit kosten.

Wie dem auch sei, aus didaktischen Gründen wurde den Algorithmen Bubblesort und Quicksort noch ein dritter an die Seite gestellt, Bogosort (in der Literatur auch Permutation Sort), als Beispiel für einen Algorithmus, dessen Verwendung, im Gegensatz zu Bubblesort, nicht nur kein Genie beweist, sondern ausgesprochene Dämlichkeit. Bogosort ist einfach genug zu begreifen:

1. Führe eine zufällige Permutation des Arrays durch.

2. Prüfe, ob der Array sortiert ist.

3. Falls Nein, kehre zurück zu Schritt 1.

Nicht nur schafft es Bogosort, ein Problem, das „an sich“ von quadratisch zunehmender Komplexität ist (und durch Geschick auf logarithmische Komplexität gepreßt werden kann) in ein Problem exponentieller Komplexität, also ein harmloses in ein übles Problem zu verwandeln, im schlimmsten Fall ist die Laufzeit von Bogosort sogar unendlich. Mehr noch: beruht die „zufällige“ Permutation auf einem nicht sorgfältig ausgewählten deterministischen Pseudozufallsgenerator, dann kann es passieren, daß Bogosort ab einer bestimmten Arraylänge tatsächlich mit von Null verschiedener Wahrscheinlichkeit überhaupt nie abbricht.

[Noch eine Bemerkung als Fußnote: die drei erwähnten Algorithmen sind längst noch nicht alles, was es zu dem Thema Sortieren zu sagen gäbe; es ist leicht, in der Literatur zwei Dutzend mehr oder weniger ernsthaft diskutierte Algorithmen zu finden. Die Folklore ist nicht nur insofern unzutreffend, insofern Quicksort bei weitem nicht für alle Situationen der beste Algorithmus ist (z.B. auch parallele Verarbeitung, hardwareseitige Implementierung), sondern auch insofern, insofern Bubblesort keineswegs für alle Menschen der intuitiv einleuchtendste und naheliegendste Algorithmus ist (mir scheint, das wäre eher ein Algorithmus namens Selection Sort).]

Die Pointe der Programmiersprache, deren Spezifikation folgt, sollte nun sein, daß in ihr die Verwendung von Bogosort nicht nur nicht dämlich, sondern unvermeidbar ist. Tatsächlich ist es mir nicht ganz gelungen, die Sprache so zurecht zu basteln, daß dies der Fall ist, ich werde unten darauf zurück kommen. Die Sprache trägt den Arbeitstitel „Bogo“, mit dem ich allerdings nicht recht glücklich bin, da er mir allzu vermessen scheint: ich bilde mir nicht ein, ich sei imstande, sämtliche Aspekte der Bogozität zu erfassen, zu begreifen und zu implementieren.

Bogo

Variablen

Die Zahl der Variablen ist auf 26 begrenzt. Eine Variable wird mit einem einzelnen, lateinischen Kleinbuchstaben (a, b, c, ..., z) bezeichnet.

Es gibt nur einen einzigen Variablentyp, nämlich ELEMENT. Der besseren Übersichtlichkeit halber unterscheiden wir aber im folgenden drei Pseudotypen, nämlich TROOLEAN, NATURAL und ARRAY.

Der Wertebereich von TROOLEAN ist "true", "false" und "perhaps".

Der Wertebereich von NATURAL sind die natürlichen Zahlen ohne Null, also 1, 2, 3, ...

Elemente vom Typ ARRAY bestehen aus einem Array, dessen einzelne Elemente vom Typ ELEMENT sind (also selbst wieder vom Pseudotyp ARRAY sein können). Ein ARRAY der Länge 1, der nur ein einziges Element vom Pseudotyp NATURAL enthält, unterscheidet sich von diesem Element, also n ≠ {n}.

Beispiele für Elemente vom Pseudotyp ARRAY:

{7}

{1, 2, 3}

{3, 2, 1}

{{1, 2}, {2, 1}}

{1, {1}, {{1}}}

{1, 1, 1}

{true, 1, {1, 2, 3}}

Literale

Es gibt zwei Literale für den Typ ELEMENT. Das erste Literal ist "?" und hat den Wert perhaps, das zweite Literal ist "!" und hat den Wert 42.

Zuweisungen

Mit Hilfe des Operators "=" kann einer Variablen ein Wert zugewiesen werden, entweder der Wert eines Literals, einer anderen Variablen oder der Rückgabewert einer Funktion. Dabei steht die Variable, der ein Wert zugewiesen wird, auf der linken Seite. Durch die erstmalige Verwendung einer Variablen auf der linken Seite einer Zuweisung wird sie automatisch initialisiert. Auf der rechten Seite einer Zuweisung kann eine Variable erst verwendet werden, nachdem sie initialisiert wurde.

Beispiel:

a = !

b = a

c = (a + b)

Unzulässig wäre hingegen ein Programm

a = b

da hier die Variable b nicht initialisiert wurde, ehe sie verwendet wurde, um der Variablen a einen Wert zuzuweisen.

Anweisungen

Es gibt insgesamt vier Anweisungen, "<", "+", "~" und ":". Je nach Eingabewerten haben diese Anweisungen Rückgabewerte oder nicht. Hat eine Anweisung einen Rückgabewert, bezeichnen wir sie als Funktion, andernfalls als Befehl.

Es stehen zwei verschiedene Syntax-Möglichkeiten zur Auswahl: zum einen die polnische Notation, zum anderen eine Notation unter Verwendung von Klammern. Zulässig ist also sowohl

"+ ! !" und "~ !"

als auch

(! + !) und ~(!)

Um die Lesbarkeit des Codes zu erschweren, dürfen beide Notationen beliebig gemischt werden. Zulässig ist also

(! + (! + !)) oder

(! + + ! !) oder

+ ! (! + !) oder

+ ! + ! !

wobei diese vier Terme äquivalent sind.

Innerhalb einer Zuordnung dürfen nur Funktionen verwendet werden. Befehle dagegen dürfen nur außerhalb von Zuordnungen verwendet werden. Funktionen dürfen darüber hinaus als Argumente für Anweisungen verwendet werden.

Beispiele:

"(? < !)" ist, wie weiter unten ausgeführt werden wird, ein Befehl, "(! < !)" dagegen eine Funktion.

Zulässig ist daher:

a = (! < !)

a = (! < (! + !))

(? < !)

(? < (! + !))

Unzulässig wäre dagegen

a = (? < !)

oder

(! < !)

Eine Zuordnung oder ein Befehl bilden eine Zeile. Jede Zeile wird mit einem Zeilenumbruch abgeschlossen. Alle Zeilen eines Programms werden intern, mit 1 beginnend, nummeriert.

Der besseren Übersichtlichkeit halber unterscheiden wir die einzelnen Funktionen je nach Pseudoformat ihrer Eingabewerte und geben diesen Pseudofunktionen verschiedene anschauliche Namen (die aber natürlich nicht Teil der Sprache sind):

trooleannaturalarray
~notgotosumme
:endoutputinput

<trooleannaturalarray
trooleankleinergleichkreuz/quer/rndrotate/pogo
naturalifkleinergleichpush
arrayfirstgetkleinergleich

+trooleannaturalarray
trooleanandprimkonkat
naturalmakepluskonkat
arrayissortenhancekonkat

Die folgende Tabelle gibt außerdem auch noch die Pseudoformate der Rückgabewerte an. Ist der Rückgabewert VOID, so handelt es sich um einen Befehl, andernfalls um eine Funktion.

trooleannaturalarray
~trooleanVOIDany
:VOIDVOIDarray

<trooleannaturalarray
trooleantrooleannaturalarray
naturalVOIDtrooleanarray
arrayanyanytroolean

+trooleannaturalarray
trooleantrooleantroolean/naturalarray
naturalarraynaturalarray
arraytrooleanarrayarray

In Bogo kann der Rückgabewert einer Funktion teilweise vom Zufall bestimmt sein. Das Ergebnis von "not(true)" kann daher mal "false", mal aber auch "perhaps" sein. Wenn das Ergebnis einer Funktion in dieser Weise unbestimmt und zufällig ist, dann ist nicht verlangt, daß die verschiedenen Ausgänge alle gleich wahrscheinlich sind, in diesem Beispiel etwa wird nicht verlangt, daß die Wahrscheinlichkeit für "false" oder "perhaps" jeweils 50 % beträgt. Es wird aber von der Spezifikation verlangt, daß jeder mögliche Ausgang eine Wahrscheinlichkeit echt größer Null besitzt. Es muß also sichergestellt sein, daß bei hinreichend vielen Aufrufen der Funktion not(true) die Wahrscheinlichkeit, daß der Rückgabewert immer perhaps (oder immer false) beträgt, beliebig klein wird.

Diese Bedingung ist für diesen einfachen Fall noch sehr überschaubar. Es muß aber auch für komplizierte Fälle mit sehr vielen möglichen Ausgängen (siehe die Funktion "pogo") sichergestellt sein, daß jeder der möglichen Ausgänge eine von Null verschiedene Wahrscheinlichkeit besitzt.

Es folgt eine ausführliche Aufstellung sämtlicher Anweisungen.

not(troolean x)

Der Funktionswert ist durch die folgende Tafel bestimmt:

xnot(x)
truefalse oder perhaps
falsetrue oder perhaps
perhapsperhaps

goto(natural x)

Springt in der Abarbeitung des Programms zur Zeilen Nummer x. Beispiel:

~ !

Springt in der Abarbeitung des Programms zur zweiundvierzigsten Zeile.

summe(array x)

Angenommen, x sei der Array {a, b, c, ..., n}. Die einzelnen Elemente werden nun, von links nach rechts, mit der Anweisung "+" miteinander verknüpft. Der Rückgabewert der Funktion "summe" ist also (...(((a + b) + c) + d) + ... n). Da die Anweisung "+" für jede beliebige Kombination von Pseudoformaten eine Funktion darstellt, ist auch "summe" stets eine Funktion und wohldefiniert.

end(troolean x)

Hat x den Wert true, dann wird die Ausführung des Programms ohne Fehlermeldung beendet. Hat x den Wert false, so bricht das Programm mit einer Fehlermeldung ab. Hat x den Wert perhaps, so beginnt das Programm eine Endlosschleife. Die Anweisung end(perhaps) ist gleichbedeutend mit der Angabe goto(n) in der n-ten Zeile.

Das Programm endet ebenfalls ohne Fehlermeldung, wenn es die letzte Zeile abgearbeitet hat.

output(natural x)

Gibt die Zahl x auf der Standardausgabe aus.

input(array x)

Der Inhalt von x wird ignoriert, es muß sich aber um ein gültiges Element vom Pseudotyp ARRAY handeln. Zurückgegeben wird ein neuer Array beliebiger Länge, mindestens von Länge 1, der sowohl mindestens einmal die Benutzereingabe als auch ganzzahlige Vielfache der Benutzereingabe als Elemente enthält. Das Programm kann auf eine eindeutige Benutzereingabe zurückgreifen, die vom Pseudotyp NATURAL ist. Eine mögliche Umsetzung durch einen Compiler könnte etwa so aussehen, daß die Benutzereingabe über die Kommandozeile übergeben wird.

Die mögliche Länge des Arrays und die Größe der Vielfachen des Eingabewertes sollten nur vom verfügbaren Speicher angemessen begrenzt sein. Es ist aber zulässig, Bogo so zu implementieren, daß kurze Arrays und niedrige Werte als Ergebnis der Funktion "input" wahrscheinlicher sind als lange Arrays mit großen Werten.

Beispiel: dem Programm wurde der Wert 7 als Benutzereingabe übergeben. Der Variablen a wurde der Wert {1, 2, 3} zugewiesen. Dann ist

b = > a

eine gültige Zuweisung, ebenso wie

a = >(a)

Zulässige Werte für "> a" wären

{7}

{7, 14, 21}

{700, 70, 7}

{7, 7, 7, 7, 7}

{7777777, 7, 7777, 28, 7}

kleinergleich(troolean x, troolean y)

Es gilt false < perhaps < true. Ist der Wert von x kleiner oder gleich y, so wird true oder perhaps als Ergebnis zurückgegeben, andernfalls false oder perhaps. kleinergleich(perhaps, perhaps) könnte also true oder perhaps zurückgeben.

kleinergleich(natural x, natural y)

Gibt true oder perhaps zurück, falls x kleinergleich y ist, andernfalls false oder perhaps.

kleinergleich(array x, array y)

Gibt true oder perhaps zurück, falls x kleinergleich y ist, andernfalls false oder perhaps. Der Array x ist kleiner als der Array y, wenn er kürzer ist. Haben beide Arrays gleiche Länge, werden sie von links nach rechts elementweise verglichen. Sind alle Elemente beider Arrays gleich, sind auch die beiden Arrays gleich. Ansonsten gilt: ist das erste in beiden Arrays verschiedene Element im Array x kleiner als im Array y, so ist der Array x kleiner als der Array y. Dabei gilt zwischen den verschiedenen Pseudotypen: TROOLEAN < NATURAL < ARRAY.

Beispiele:

{1, 2, 3} ist kleiner als {1, 2, 3, 4}, weil der erste Array weniger Elemente hat.

{1, 1000, 1000} ist kleiner als {2, 1, 1}, weil 1 kleiner als 2 ist.

{1, perhaps, 3} ist kleiner als {1, true, 1}, weil perhaps kleiner als true ist.

{{1},{1, 1}, {1, 1, 1}} ist kleiner als {{1, 1, 1}, {1, 1}, {1}}, weil {1} kleiner als {1, 1, 1} ist.

{true} ist kleiner als {1}, weil true kleiner als 1 ist.

{{1}} ist kleiner als {{{1}}}, weil {1} kleiner als {{1}} ist, weil 1 kleiner als {1} ist.

kreuz/quer/rnd(natural x, troolean y)

Ist y gleich true, dann gibt die Funktion die Quersumme (im Dezimalsystem) von x zurück. Ist y gleich false, dann gibt die Funktion das Querprodukt (im Dezimalsystem) von x zurück. Ist dabei das Querprodukt 0, dann bricht das Programm mit einer Fehlermeldung ab. Ist y gleich perhaps, dann gibt die Funktion ein zufälliges Element vom Pseudotyp NATURAL zurück.

Bemerkung: Hier und im folgenden gilt: die Spezifikation verlangt weder, daß die Fehlermeldungen der verschiedenen Fehlerursachen spezifisch, noch daß sie ununterscheidbar sind. Dem Geist von Bogo für angemessen halten wir es allerdings, wenn sie zufällig manchmal spezifisch, manchmal allgemein sind.

Die Größe der Zufallszahl sollte in angemessener Weise lediglich vom verfügbaren Speicher abhängen. Es ist aber eine Implementierung zulässig, in der kleine Zahlen wahrscheinlicher sind als große.

rotate/pogo(array x, troolean y)

Ist y gleich true, werden alle Elemente des Arrays um eine Position nach links gerückt und das erste Element an die letzte Position verschoben. {1, 2, 3} wird also zu {2, 3, 1}. Ist y gleich false, werden alle Elemente des Arrays um eine Position nach rechts gerückt und das letzte Element an die erste Position verschoben. Ist y gleich perhaps, wird die Reihenfolge der Elemente zufällig permutiert. Die innere Struktur der Elemente (die ja ebenfalls Arrays sein können) bleibt dabei unverändert.

if(troolean x, natural y)

Falls x den Wert true besitzt, wird die Ausführung in der Zeile mit der Nummer y fortgesetzt.

push(array x, natural y)

Liefert einen Array, der eine Kopie des Arrays x darstellt, wobei das erste Element des Arrays durch y ersetzt wurde. Sei a der Array {1, 4, 7} und b die Zahl 5, dann weist die Zuordnung

c = < a b

der Variablen c den Wert {5, 4, 7} zu.

first(troolean x, array y)

Wenn x den Wert true besitzt, gibt die Funktion das erste Element des Arrays y zurück. Wenn x den Wert false besitzt, gibt die Funktion das letzte Element des Arrays y zurück. Wenn x den Wert perhaps besitzt, gibt die Funktion ein beliebiges Element des Arrays y zurück.

get(natural x, array y)

Falls die Länge des Arrays y größer oder gleich dem Wert von x ist, liefert die Funktion das Element des Arrays y an der Stelle x zurück. Ist die Länge des Arrays y kleiner als x, so bricht das Programm mit einer Fehlermeldung ab.

and(troolean x, troolean y)

Das Ergebnis dieser Funktion ergibt sich aus der folgenden Verknüpfungstabelle:

xyand(x,y)
truetruetrue, perhaps
truefalsefalse, perhaps
trueperhapsperhaps
falsetruefalse, perhaps
falsefalsefalse, perhaps
falseperhapsfalse, perhaps
perhapstrueperhaps
perhapsfalsefalse, perhaps
perhapsperhapsperhaps

prim(natural x, troolean y)

Wenn y den Wert true besitzt, liefert die Funktion true oder perhaps, wenn x eine Prinzahl ist, oder false oder perhaps, wenn x keine Primzahl ist. Wenn y den Wert false besitzt, liefert die Funktion den kleinsten von Eins verschiedenen Teiler von x zurück. Wenn y den Wert perhaps besitzt, verhält sich die Funktion entweder so, als hätte y den Wert true, oder als hätte y den Wert false.

make(troolean x, natural y)

Erzeugt einen Array der Länge y mit den Elementen von 1 bis y. Wenn x den Wert true besitzt, sind die Elemente aufsteigend angeordnet. Wenn y den Wert false besitzt, sind die Elemente fallend angeordnet. Wenn y den Wert perhaps besitzt, sind die Elemente aufsteigend oder fallend angeordnet.

plus(natural x, natural y)

Gibt die Summe der beiden Zahlen x und y zurück.

issort(troolean x, array y)

Wenn x den Wert true besitzt, dann gilt: wenn der Array y aufsteigend angeordnet ist (bezüglich der oben definierten kleinergleich-Relation, es wird keine strenge Monotonie gefordert), dann liefert die Funktion true oder perhaps, ansonsten false oder perhaps. Wenn x den Wert false besitzt, dann gilt: wenn der Array y fallend angeordnet ist, dann liefert die Funktion true oder perhaps, ansonsten false oder perhaps. Wenn x den Wert perhaps besitzt, dann gilt: wenn der Array y aufsteigend oder fallend angeordnet ist, dann liefert die Funktion true oder perhaps, ansonsten false oder perhaps.

enhance(natural x, array y)

Gibt einen Array zurück, der aus einer Kopie des Arrays y besteht, wobei am Ende des Arrays noch x weitere Elemente hinzugefügt werden, die Kopien aus Elementen des Arrays y sind. Sei der Variablen a die Zahl 3 zugeordnet, und b der Array {true, true, 17, 5, {1, 2, 3}}. Mögliche Resultate der Funktion (a + b) wären etwa:

{true, true, 17, 5, {1, 2, 3}, true, true, true} oder

{true, true, 17, 5, {1, 2, 3}, 5, 17, true} oder

{true, true, 17, 5, {1, 2, 3}, 5, true, {1, 2, 3}}

konkat(array x, element y)

Gibt einen Array zurück, der aus einer Kopie des Arrays x besteht, wobei y an das Ende des Arrays hinzugefügt wurde. Ist y vom Pseudotyp TROOLEAN oder NATURAL, wird es als ein einzelnes Element angehängt, die Länge des Arrays erhöht sich also um 1. Ist dagegen y selbst vom Pseudotyp ARRAY, werden die einzelnen Elemente angehängt, die Länge des zurückgegebenen Arrays ist dann die Summe der Länge der Arrays x und y. Sind etwa a der Array {1, 2} und b der Array {true, {3, 4}}, so ist der Rückgabewert der Array {1, 2, true, {3, 4}}. Ist b dagegen die Zahl 8, so ist der Rückgabewert der Array {1, 2, 8}.

Hinweise für die Praxis

Wie erwähnt, hat diese Sprache nicht unbedingt den Ehrgeiz, besonders schwierig, sondern eher, besonders dämlich zu sein. Es muß daher alles ein wenig umständlich begonnen werden. Für eine if-Bedingung etwa wird üblicherweise eine boolesche Bedingung ausgewertet, die in Bogo aber statt true manchmal auch perhaps ergeben kann. In diesem Fall ist es hilfreich, sich mit folgender Konstruktion zu behelfen:

// Anfang der Abfrage

if(Bedingung; Gehe zu Teil Eins)

if(Not(Bedingung); Gehe zu Teil Zwei)

Gehe an den Anfang der Abfrage

In anderen Programmiersprachen würde entweder die erste oder die zweite Bedingung greifen. In Bogo kann es passieren, daß beide Bedingungen passiert werden, obwohl eine von beiden natürlich zutrifft, weshalb die Entscheidungsgabel so oft passiert werden muß, bis eben doch einmal eine von beiden Bedingungen greift. Deshalb ist es wichtig, daß bei wiederholten Tests der Bedingung die Wahrscheinlichkeit, immer wieder nur perhaps als Resultat zu erhalten, gegen Null geht.

Ein weiteres Ärgernis ist der Mangel an Literalen. Diese lassen sich aber leicht verschaffen. Für die Zahlen genügen dabei die Funktionen plus, quersumme und querprodukt. Um die letzten beiden anzuwenden, müssen wir uns freilich erst einmal Konstanten für boolesche Werte verschaffen. Hier nun wiederum kommen wir um eine Konstruktion iterierter Schleifen nicht umhin. Für diese iterierten Schleifen allerdings brauchen wir Sprungmarken, und für Sprungmarken brauchen wir Zahlen.

Im folgenden Code sind Zeilennummern und Kommentare ergänzt. Diese gehören nicht zur Sprachspezifikation Bogos und sind deshalb in echtem Quellcode unzulässig

1. a=! // Füllmaterial, um bis Zeile 42 zu gelangen

2. a=!

3. a=!

....

42. b = (! < !) // b wird true oder perhaps zugeordnet

43. (b < (!+!)) // Falls b true ist, gehe nach Zeile 84

44. ~! // Gehe zurück nach 42 und ordne erneut zu

45. a=!

...

84. c = ~ b // c wird false oder perhaps zugeordnet

85. (~(c) < (!+(!+!))) // falls not(c) true ergibt, muß c false sein

86. ~ (! + !) // Gehe zurück nach 84

87 a=!

...

126. d = ((! < b) + (! < c)) // 14 = 6 + 8

127. e = ((! < b) + (d < c) // 10 = 6 + 4

128. f = (e < c) // Aus 1 läßt sich durch 1+1+1+... alles andere ableiten

Die Beschränkung auf nur 26 Variablen stellt eine weitere Unbequemlichkeit dar, doch durch die vielen Array-Funktionen keine wirklich gravierende.

Der Eingabewert wird uns durch die Funktion input geliefert. Diese Funktion liefert uns aber einen Array unbekannter Länge. Angenommen, der Eingabewert ist 14, und der gelieferte Array ist {28, 14, 56}. Wir können nun diesen Array rotieren lassen und dabei jeweils die erste Stelle abfragen und so feststellen, daß in ihm die Zahlen 14, 28 und 56 vorkommen, was darauf hindeutet, daß 14 die gesuchte Zahl ist. Aber wir können uns nicht sicher sein, daß wir es nicht in Wahrheit mit dem Array {28, 14, 56, 28, 14, 56, ...., 28, 14, 56, 7} zu tun haben, da wir ja die Länge des Arrays nicht kennen. Wir können aber mit Hilfe der Funktion pogo diesen Array zufällig permutieren und dann mit Hilfe von issort prüfen, ob er sortiert ist. Falls dies zutrifft, dann wissen wir, daß das erste Element den gesuchten Eingabewert enthält:

...

// b wurde als true definiert, m als 1003

...

1001. n = (! + ?) // Erzeugen eines Dummy-Arrays

1002. n = > n // Laden des Eingabewertes

1003. n = (n < ?) // pogo auf n

1004 < ~ (n + b) m // Falls n nicht sortiert ist, versuche es erneut

1005 x = (b < n) // Erstes = Kleinstes Element

1006 > x // Ausgabe von x

1007 > b // Programmende

Es bleiben ein paar Übungsaufgaben

a) Schreiben Sie eine universelle Turingmaschine in Bogo.

b) Zeigen Sie, daß es möglich ist, den Eingabewert ohne Verwendung von Bogosort zu ermitteln.

c) Diskutieren Sie: unter welchen Voraussetzungen ist der in b) gefundene Algorithmus effizienter (Zahl der durchlaufenen Programmzeilen) als die Verwendung von Bogosort?





Eine mögliche Sichtweise auf die Entwicklung der Ethik: anfänglich werden die Stammesgenossen pfleglich behandelt, später die Mitbürger der Heimatstadt, später, mit dem Wachsen der Handelsbeziehungen, gelten ethische Regeln auch für die Bürger der Nachbarstädte, und schließlich werden die Menschenrechte entdeckt. Wir können Chauvinisten dafür verachten, daß sie als Subjekte der Ethik lediglich ihre Volksgenossen anerkennen wollen und die Fremden bedenkenlos als Gebrauchsgegenstände auffassen. Aber mit welchem Recht, wenn unsere eigene ethische Abstraktion an der Artgrenze haltmacht und Primaten für uns lediglich Gebrauchsgegenstände sind? Beliebig läßt die Grenze sich kaum ausweiten (es sei denn, wir wollten Rücksicht auf die Befindlichkeiten der Insekten, der Mikroben oder gar der toten Viren nehmen). Wir edlen Humanisten ziehen also eine willkürliche Grenze, und die verfluchten Chauvinisten ziehen eine andere, geringfügig engere Grenze.



15.3.2003





Die naheliegende naive Theorie, der Preis von Aktien sei gerade der Barwert der künftig zu erwartenden Dividenden, entspricht in etwa der naheliegenden naiven Theorie, Geld sei so viel wert wie das Gold, daß die Nationalbank zur Deckung des Geldes in ihrem Keller längst nicht mehr hortet. Briefmarken oder Überraschungseifiguren werfen, anders als Aktien oder Wohneigentum, weder Dividenden noch Mieteinnahmen ab und sind trotzdem wertvoll. Manche Dinge werden deshalb gekauft, weil sie gekauft werden: weil andere sie kaufen wollen, kaufe ich sie auch, um sie mit Gewinn wieder zu verkaufen. Und Geld wollen die Leute nur haben, weil sie wissen, daß die Leute Geld haben wollen.



17.3.2003





Müssen wir nicht die Amerikaner bewundern, wie sie selbstlos auf ihre Freiheit verzichten, um sie den Irakern zu geben?



23.3.2003





Recht eigentlich ist Bogo eine bescheiden dämliche Sprache. Es wäre auch denkbar, die Abfrage des Eingabewertes so zu gestalten, daß sie zwar möglich ist, aber nicht durch primitive Rekursion, sondern nur durch ein Verfahren, dessen Komplexität ähnlich schrecklich wie die Ackermannfunktion wächst. In praktische Hinsicht wäre die Sprache unbenutzbar, weil schon die Berechnung der einfachsten Funktion auf dem schnellsten Rechner bis zum Ende der Zeiten laufen würde. Beispiel: sei f(n) eine streng monoton wachsende Funktion, e die zu ermittelnde Eingabe. poke() erhöht eine bestimmte Speicheradresse a um 1 und ist die einzige Möglichkeit, a zu verändern. peek() liefert true, falls a == f(e). Der Befehl poke() müßte dann mindestens f(e)-mal ausgeführt werden, um die Eingabe e zu ermitteln. Wenn f(n) sehr schnell wächst, dann wächst auch Zeit- und Speicherbedarf des Programms schnell mit e.



24.3.2003





Ich habe zufällig einen Weg gefunden, wie sich der Anarchismus verwirklichen läßt. Eigentlich wollte ich lediglich als intellektuelle Übung für einige mir besonders absurd erscheinende Ideologien Rechtfertigungen entwerfen. Ich beginne, indem ich den dabei entstandenen Text zitiere:

„Es war einmal, so will es das Märchen, da lebten die Menschen im Naturzustand, und es herrschte Raub und Plünderung und Vergewaltigung und Mord und Totschlag, und der Naturzustand war der schlimmste aller Zustände, und es herrschte ein Krieg aller gegen alle. Und siehe, die Menschen schlossen, um diesem Zustand zu entkommen, einen Gesellschaftsvertrag. Und seit dieser Zeit leben die Menschen in Gesellschaften. Manche dieser Gesellschaften sind Monarchien, andere Republiken, wieder andere Oligarchien oder Tyranneien, aber jede dieser Gesellschaften ist besser als der ursprüngliche Naturzustand des Krieges aller gegen alle. Nur einige Wirrköpfe, die sich Anarchisten nennen, wollen jede Art der Gesellschaft beseitigen, was aber zum Glück ganz und gar unmöglich ist. Soweit das Märchen. Nun trifft es sich zufällig, daß ich einer dieser Wirrköpfe bin. So zeigt mir doch bitte diesen ominösen Gesellschaftsvertrag, und zeigt mir meine Unterschrift darauf. Darauf ihr: ich hätte die Geschichte ganz falsch aufgefaßt, diese Geschichte, dieses Märchen sei nicht wortwörtlich aufzufassen, es sei eher so eine Art Mythos, es erzähle nicht, was einst geschehen ist, sondern was immer geschieht und was jetzt gerade geschieht. Deshalb gäbe es auch den Gesellschaftsvertrag nicht als ein Stück Papier, das sich leibhaftig vorführen ließe, doch sei der Gesellschaftsvertrag dadurch nicht weniger real. Ich stimme euch zu, der Vertrag ist real. Aber dennoch: wo ist meine Unterschrift auf diesem Vertrag? In einem unbedachten Moment haben Vater und Mutter mich gezeugt, und schon kam die Gesellschaft und begann, Vorschriften zu erlassen: daß meine Mutter mich nicht abtreiben läßt, daß sie zu meinem besten zu Vorsorgeuntersuchungen geht, daß sie keine Drogen oder gefährlichen Medikamente nimmt, daß ihre Schwangerschaft behördlicherseits geprüft und aktenkundig gemacht würde. Und ich kam nackt und unwissend zur Welt und bekam einen Namen und ein amtliches Geburtsdatum, und mein Name besteht aus einem Vornamen und einem Zunamen, und ein Dutzend Gesetze regelt die zulässige Art des Vornamens, und zwölf Dutzend Gesetze regeln die zulässige Art des Zunamens, und tausend Gesetze regeln die zulässigen Arten des Namenszusatzes. Und gesetzlichen Vorschriften folgend wurde ich geimpft, und wehe, meiner Mutter wäre es eingefallen, den zuständigen Behörden den Namen meines Vaters zu verschweigen, sie hätte dadurch gegen die Bestimmungen verstoßen. Und das Jugendamt wachte über mein Wohl, jederzeit bereit, mich meinen Eltern wegzunehmen, sollten diese sich vorschriftswidrig verhalten, bis ich alt genug war, der Obhut der Schule übergeben zu werden, wo ich dann endlich Staatsbeamten begegnen durfte, Lehrern, die mir einen staatlich geregelten Bildungskanon beibringen sollten und die mich lehren sollten, welches Verhalten der Gesellschaft angenehm ist und welches Verhalten der Gesellschaft nicht angenehm ist, und hätte ich den Weg zur Schule nicht willig gefunden, so stand die Polizei bereit, mich mit Gewalt in die Schule zu schleifen. Und als ich mit der Schule fertig war, sagte der Staat zu mir: du darfst und sollst dir einen Lebensunterhalt suchen, allerdings ist es so, daß du die Hälfte deines Einkommens mir geben mußt, und über die andere Hälfte mußt du mir genaue Angaben machen, und du mußt diese Versicherung abschließen und diese und diese und jene, und ein Handwerker darfst du nur werden, wenn du Mitglied einer Zunft bist, und ein Arzt darfst du nur werden, wenn du approbiert wirst, und ein Rechtsanwalt darfst du nur werden, wenn dich die Kammer aufnimmt, und dazu mußt du an einer weiteren Schule, der Hochschule, studieren, und Räuber darfst du überhaupt nicht werden, denn diesen Beruf habe ich verboten, und wenn du Bauer werden willst, dann wisse, daß alles Land aufgeteilt ist gemäß den Einträgen des Grundbuchamtes, und wenn du Dichter werden willst, dann gibt es hier die Vorschriften des Urheberrechts, und wenn du Bäcker werden willst, dann darfst du nur die Hälfte deines Brotes aus Altbrot backen, und ehe du überhaupt zu arbeiten beginnst, mußt du, wenn du ein Mann bist, mir ein Jahr deines Lebens schenken, um mir zu dienen und mich gegen die bösen äußeren Feinde zu verteidigen und sie totzuschießen. Und wenn du heiraten willst, dann wisse, daß du dir nur einen Ehegemahl nehmen darfst, aber du darfst später wechseln, freilich mußt du dir dazu einen Anwalt nehmen, und dein Ehegemahl einen zweiten. Und wenn du dir ein Haus bauen willst, so bestimme ich die Farbe deiner Dachziegel. Und du darfst wählen, wer dich regieren soll, vorausgesetzt, du wählst aus einer der Parteien, die die bestehende Ordnung nicht umstürzen wollen. Und für jeden Aspekt deines Lebens haben wir zehntausend Gesetze, Vorschriften und Verordnungen. Und ich frage: wo ist meine Unterschrift auf dem Gesellschaftsvertrag? Und ihr sagt: wähle doch eine Reformpartei, wenn du unzufrieden bist mit diesem oder jenem Paragraphen des Vertrages. Schlau habt ihr das eingefädelt, daß ihr die Menschen narrt und täuscht mit einem kleinen Hoffnungsschimmer, ihr Leben zu verbessern und diesen oder jenen Paragraphen zurecht zu rücken und sie darüber ihr eigentliches Recht vergessen, daß nämlich euer ganzes Regelwerk nichtig ist, daß es alles Lug und Trug ist, daß ihr kein Recht habt, über mich zu herrschen. Und es ist ganz gleich, wie viele ihr seid und welche Mehrheit ihr besitzt: euch fehlt meine Unterschrift. Nun schüttelt ihr weise den Kopf und sagt: es ist ganz gleich, ob die Herrschaft des Gesellschaftsvertrag legitim ist oder nicht, es gibt zu dieser Herrschaft keine Alternative. Wir kennen Monarchien und Republiken und Oligarchien und Tyranneien und wissen, wie diese Herrschaftssysteme funktionieren. Mach du uns einen Vorschlag, welche andere Art der Herrschaft wir an Stelle dieser Systeme setzen sollen, und wir werden darüber nachdenken. Aber wir verstehen nicht, wie dein Herrschaftssystem, der Anarchismus, funktionieren soll. Ihr habt irgendwelche Schaubilder im Kopf: hier, da ist ein Kringel, daran steht König, und von dort geht ein Pfeil aus, der auf einen Kasten zeigt, da steht Volk, das ist die Monarchie. Und hier, da geht ein Pfeil vom Kasten, der das Volk bedeutet, zum Kringel, auf dem Präsident steht, und vom Kringel wieder zurück zum Kasten, das ist die Republik. Und so habt ihr noch viele andere Bilder, und von mir wollt ihr wissen: was ist dein Schaubild? Zeig uns deine Kringel und Pfeile und Kästen, dann wollen wir darüber urteilen, was dein Herrschaftssystem taugt. Ich aber habe kein Schaubild, keine Kringel, keine Pfeile und keine Kästen, ich will auch gar kein Herrschaftssystem errichten. Es soll niemand herrschen, und es soll niemand beherrscht werden. Traurig schüttelt ihr eure Häupter: das geht nicht, das kann nicht funktionieren, es fehlt das Schaubild, sag uns, welchen Regeln die Anarchie gehorchen soll, sag uns, welchen Gesetzen die Anarchie gehorchen soll, sag uns, welche Gewaltmittel die Herrschaft der Anarchie sichern sollen. Ich aber will gar keine Regeln, keine Gesetze, keine Gewaltmittel und keine Herrschaft. So bist du ein Träumer, sagt ihr. Du bist wie einer, der sich über die Schwerkraft empört, über das Rollen der Gezeiten, über das Funkeln der Sterne, wie einer, der der Sonne das Scheinen verbieten möchte. Was du verlangst, ist unmöglich. Aber ich sage: das Unmögliche wird möglich, wo der Wille des Menschen sich mit seiner Phantasie verbindet, es gab Menschen, die sich nicht damit abgefunden haben, daß es unmöglich ist, zu fliegen, was doch alle Gelehrten bündig bewiesen haben, und so lernten die Menschen fliegen, und sie besiegten Krankheiten, die als unbesiegbar galten, und sie erforschten Großes und Kleines, das als unerforschlich galt, und sie können sich über Berge und Meere hinweg augenblicklich verständigen. Im Altertum gab es ein paar kleine Republiken, beschränkt auf jeweils eine einzelne Stadt, später gab es dann große Staaten, die als Monarchien geführt wurde. Niemand konnte damals wissen, ob es überhaupt möglich wäre, derart gewaltige und riesige Reiche als Demokratien zu organisieren, und die Wahrscheinlichkeit sprach doch sehr dagegen, und der Verlauf der französischen Revolution durfte allen Zweiflern als Rechtfertigung dienen: die Zeit der Stadtstaaten ist endgültig abgelaufen, große, moderne Staaten aber lassen sich nicht anders denn als Monarchien regieren. Und doch ist es nicht wahr: sehr wohl lassen sich auch große, moderne Staaten als Demokratien regieren, wie ihr alle wißt. Möglich geworden ist das auch durch die modernen Methoden der raschen Nachrichtenverbreitung, so daß jedes Dorf augenblicklich weiß, was in der Hauptstadt geschieht, und die Hauptstadt augenblicklich weiß, was jedes Dorf von der gegenwärtigen Regierung hält. Ohne die neuen technischen Möglichkeiten der Nachrichtenübermittlung, wer weiß, ob da die Verteidiger der Monarchie nicht recht hätten. Mag sein, die Realisierung der Anarchie hängt ebenfalls von technischen Voraussetzungen ab, die wir erst jüngst entwickelt haben. Bislang waren Staaten geographische Gebilde: sie hatten eine Grenze und umfaßten ein bestimmtes Territorium, und alles, was innerhalb des Territoriums war, gehörte zum Staat. Zwar kam es auch früher schon vor, daß Bürger eines Staates sich auf dem Boden eines anderen Staates aufhielten, doch galt dies bislang als ausnahmsweises, irreguläres Ärgernis. Durch den technischen Fortschritt aber ist die geographische Entfernung zerstört worden, und es gibt nun keinen Grund mehr, Staaten länger mit Territorien zu identifizieren. Statt dessen wäre es möglich, das anfängliche Märchen vom Gesellschaftsvertrag Wirklichkeit werden zu lassen: Menschen, die gemeinsame Vorstellungen davon haben, wie sie ihr Zusammenleben organisieren wollen, schließen sich zu einer Gruppierung zusammen, die wir, wenn wir wollen, auch Staat nennen können, auch wenn die einzelnen Mitglieder dieser Gruppierung weit entfernt voneinander wohnen. Mehrere dieser Gruppierungen können sich zu Bünden zusammenschließen, etwa, um sich gegenseitig Schutz zu bieten und zu verteidigen, oder um einander Vorteile zu gewähren, und diese Bünde könnten zu noch größeren Bünden zusammen gefaßt sein, mit beliebig vielen hierarchischen Stufen. Auf der obersten Stufe stehen Bünde, die nur ganz allgemeine Prinzipien festlegen, auf der untersten Stufe stehen Gruppierungen, die ihr Zusammenleben bis ins Detail geregelt haben. Auch wäre es erlaubt, in mehreren verschiedenen Gruppierungen Mitglied zu sein, die sich mit verschiedenen Aspekten des Zusammenlebens beschäftigen. Es könnte eingewandt werden, daß, bei der völligen Freiwilligkeit der Mitgliedschaft in den verschiedenen Gesellschaften, die Starken und Reichen sich in ihre eigenen Gesellschaften zurückziehen und sich dem sozialen Ausgleich entziehen. Das aber scheint unwahrscheinlich: schließlich sind auch die Starken und Reichen auf die übrigen Menschen angewiesen und werden einen Teil ihres Reichtums und ihrer Macht abgeben müssen für das Privileg, im Schutz verschiedener Bünde sicher leben zu dürfen. Eher schon wäre zu befürchten, daß die besonders Schwachen und Armen, die den Gesellschaften nichts anzubieten haben, von keiner Gesellschaft akzeptiert wird und so schutz- und rechtlos bleibt. Aber auch das scheint mir nicht wahrscheinlich: denn schon heute könnte ja die herrschende Mehrheit beschließen, sich um den Bodensatz der Gesellschaft, sich um die Ärmsten der Armen nicht mehr zu kümmern, trifft aber diesen Entschluß nicht. Ich bin daher zuversichtlich, daß es in der von mir skizzierten Welt Gesellschaften und Bünde geben wird, die jeden Menschen als Mitglied akzeptieren und einen minimalen sozialen Ausgleich organisieren. Soll ich euch Details über die künftigen Gesellschaften und Bünde nennen? Aber ich bin weder Prophet noch Gesetzgeber, sollen doch die Menschen selbst entscheiden, welche Details ihr zukünftiges Zusammenleben besitzen soll. Jedenfalls läßt sich der Anarchismus allmählich, schrittweise, nach und nach, ganz ohne Umsturz und ganz gesetzlich einführen: es müssen sich nur mehr und mehr Menschen in Gesellschaften zusammen schließen, die ihr Leben alternativ zu den Regelungen des Staates regeln, so daß der bisherige Staat mehr und mehr überflüssig wird und schließlich, als überflüssige und machtlose Hülle, abstirbt. Nicht länger könnt ihr sagen, der Anarchismus sei unmöglich zu realisieren: sehr wohl kann er realisiert werden, oder falls nicht, reichen jedenfalls eure bisherigen Argumente nicht aus, das zu beweisen. Und diese neuen Gesellschaften hätten den Vorzug, auf freiwilligen Vereinbarungen zu beruhen, nicht, wie bisher, auf Zwang und Gewalt und Unrecht. Und das Märchen vom freiwilligen Gesellschaftsvertrag, das nur die Herrschaft von Unfreiheit und Unrecht kaschieren soll, würde abgelöst durch die Wirklichkeit von tausend verschiedenen Gesellschaftsverträgen. Ich will nicht verschweigen: der Anarchismus hat auch Nachteile gegenüber dem bisherigen System der Gewaltherrschaft: es kann passieren, daß Menschen sich selbst durch Dummheit oder Kurzsichtigkeit ins Unglück stürzen, und es ist dann vielleicht kein Staat da, der sie auffängt und beschützt. Aber dem steht ein gewaltiger Vorteil gegenüber: in direkter Konkurrenz könnten sich viele verschiedene Gesellschaftsentwürfe aneinander messen. Heute ist alle Welt sich einig, daß der Staat sich mit seinen Eingriffen möglichst zurück halten soll, schon gar nicht etwa soll der Staat als Unternehmer auftreten, denn der Staat sei seiner Natur nach unfähig und ungeschickt. Das aber liegt, meine ich, bloß daran, daß es bisher in jedem Land nur einen einzigen Staat gab, so daß dieser Staat keine Konkurrenz besaß und als Monopolist faul und träge wurde. Wenn es in einem Land hundert Staaten gibt, werden diese untereinander wetteifern, neue Ideen können erprobt werden, und wenn sie sich in einem Staat bewährt haben, werden andere Staaten sie übernehmen. Ihr werft mir vor, ich wolle den Staat abschaffen, und das könne nicht funktionieren? Ich werfe euch vor, daß ihr gar nicht wißt, was der Staat eigentlich ist und sein soll, ein freier Zusammenschluß freier Bürger, und daß eure Art von Staat gar nicht funktionieren kann und auch nicht oder nur mehr schlecht als recht funktioniert.“

Nach dem Verfassen dieses Textes schien mir, der Anarchismus sei vielleicht doch nicht gar so absurd, wie ich ursprünglich dachte, und es könnte sich lohnen, die Angelegenheit näher zu untersuchen. Bezüglich der genauen Details der Umsetzung des Anarchismus blieb der Text vage, und es galt, einen Trick zu finden, eine anarchistische Gesellschaft zu beschreiben, ohne in das Erlassen von Vorschriften zu verfallen. Hier ist das Ergebnis:

„Nach längerer Überfahrt kam ich, Franziska Fragestellerin, auf der Insel Exempel an. Auf der Insel Exempel herrscht Anarchie. Ich sprach mit einem der dort lebenden Bürger, Anton Anarchist Antwortgeber und bat ihn, mir die Staatsform seiner Heimat zu erklären.

F: Wie verhindert ihr, daß bei euch Mord und Totschlag herrscht?

A: Nun, fast alle unserer Bürger sind Mitglied im Polizeischutzbund. Der Polizeischutzbund ist ein privater Verein, der gegen Mord und Totschlag vorgeht.

F: Und wie wird verhindert, daß es zu Übergriffen kommt, daß der Polizeischutzbund seine Kompetenzen mißbraucht?

A: Der Polizeischutzbund ist seinen Mitgliedern Rechenschaft schuldigt. Es gibt mehrere Kontrollinstanzen, die ihn kontrollieren. Eine ständige Kommission erarbeitet permanent Reformen, die dann auf den Mitgliederversammlungen beschlossen werden. Es gibt einen Petitionsausschuß. Die Kataloge, welche Vorgehen vom Polizeischutzbund verfolgt werden sollen, werden von einem von der Ausführung unabhängigen Organ beschlossen. Auch die Verurteilungen erfolgen durch ein unabhängiges Organ. Außerdem berichtet die Presse ausführlich über die Arbeit des Polizeischutzbundes.

F: Nun, das klingt für mich wie ein gewöhnlicher Staat. Der Polizeischutzbund scheint nichts weiter als ein Synonym für eine gewöhnliche Regierung zu sein.

A: Die Mitgliedschaft ist freiwillig, und nicht alle Bürger sind Mitglied.

F: Und was ist mit jenen Bürgern, die nicht Mitglied sind? Bleiben die ungeschützt?

A: Neben dem Polizeischutzbund gibt es noch einige kleinere Vereine, die ähnliche Aufgaben wahrnehmen, etwa den Trutzbund Aufrechter Bürger, der auch viele Mitglieder hat, oder den Unabhängigen Polizeiverein. Die meisten dieser Vereine sind im Justiznetz zusammen geschlossen, das einen Standard der gegenseitigen Zusammenarbeit und Kooperation regelt. Einige wenige Bürger sind allerdings überhaupt keinem solchen Verein angeschlossen. Das sind dann etwa rechtsextreme Sonderlinge, die glauben, besser zu fahren, wenn sie sich selbst verteidigen, einige Obdachlose, die generell nur wenigen Vereinen angehören, Mitglieder religiöser Sekten, außerdem seit neuestem der zu uns geflüchteter Expräsident des Nachbarlandes, den aufgrund seiner Verbrechen kein Verein aufnehmen wollte und der sich nun zum Schutz seiner Sicherheit auf seine Leibwächter verlassen muß, die auch so etwas wie einen kleinen Polizeiverein bilden, allerdings keinen, der dem Justiznetz angehört.

F: Und die Obdachlosen bleiben also ohne Schutz?

A: Der Polizeischutzbund gewährt den Obdachlosen kostenlos seine Hilfe, auch wenn sie nicht Mitglieder sind. Dies wurde nach einigen Skandalen der Vergangenheit von den Mitgliedern mit großer Mehrheit beschlossen.

F: Und wie habe ich mir die Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Polizeivereinen vorzustellen? Was ist, wenn ein Mitglied des einen Vereins das Mitglied eines anderen Vereins umgebracht hat?

A: Nehmen wir an, der Mörder ist Mitglied im Polizeischutzbund, der Ermordete Mitglied im Polizeiverein. In diesem Fall wird der Polizeiverein den Polizeischutzbund verständigen, daß er gegen eines seiner Mitglieder Ermittlungen aufnimmt. Bei einem Mord wird der Polizeiverein vermutlich das Kriminologische Institut mit der Untersuchung beauftragen, das sich auf die forensische Klärung von Kapitalverbrechen spezialisiert hat. Sind die Ermittlungen abgeschlossen, wird der Polizeiverein dem Polizeischutzbund die gefundenen Evidenzen vorliegen, der dann in aller Regel sein Einverständnis mit einem Prozeß erklärt. Unter Umständen werden hierbei bestimmte Auflagen vereinbart. Der Trutzbund etwa kennt die Todesstrafe, als einziger Verein, wenn aber der Trutzbund über ein Mitglied des Schutzbundes Gericht halten will, wird der Schutzbund sich nur einverstanden erklären, wenn der Trutzbund von vornherein auf die Verhängung der Todesstrafe verzichtet. Es kommt dann zu einer Verhandlung, eventuell zu einer Verurteilung und zur Vollstreckung. Wer Mitglied des Trutzbundes Aufrechter Bürger ist, muß natürlich gewärtigen, daß er mit dem Tod bestraft werden kann, wenn er von einem anderen Mitglied des Trutzbundes angeklagt wird. Dafür aber wird er in aller Regel als Nebenkläger schärfere Urteile durchsetzen können, als wenn er Mitglied des Polizeischutzbundes oder gar des liberalen Polizeivereins wäre.

F: Dann sind die meisten Berufsverbrecher vermutlich Mitglieder des Polizeivereins, wenn sie dort die geringsten Strafen zu befürchten haben.

A: So ist es. Eine Zeitlang auch war es unter Verbrechern Mode, sich gar keinem derartigen Verein anzuschließen, doch das hat sich wenig bewährt, da sie dann etwa den Rechtsvorstellungen des Trutzbundes hilflos ausgeliefert waren. Sie haben dann den Freiheitlichen Polizeiverein gegründet, doch der ist nach kurzer Zeit aus dem Justiznetz ausgeschlossen worden und hat sich darauf wieder aufgelöst.

F: Und wie werden diese Vereine finanziert?

A: Durch Mitgliedsbeiträge natürlich. In manchen Vereinen, insbesondere im Polizeischutzbund, ist es auch möglich, wenn jemand die Beiträge nicht aufbringen kann, sie durch Arbeit für den Schutzbund zu ersetzen, etwa indem er auf Streife geht oder derartiges. Es handelt sich allerdings seit geraumer Zeit um eine eher symbolische Maßnahme. Wenn jemand die Beiträge nicht aufbringen kann und alt und gebrechlich ist, wird er in Einzelfällen auch umsonst aufgenommen. Außerdem gibt es eine Regelung, daß, wenn jemand zehn Jahre lang Mitglied war und nur ein geringes oder kein Einkommen mehr hat, keine Beiträge zu zahlen hat und dennoch Mitglied bleibt, dann allerdings nur mit eingeschränktem Rechtsbeistand.

F: Ich kann mir die Arbeit ihrer Polizei immer noch nicht so recht vorstellen. Was ist etwa, wenn ein Autofahrer eine Geschwindigkeitsbeschränkung überschreitet? Was passiert dann? Wird dann erst einmal ermittelt, welchem Verein der Raser angehört? Und wer klagt ihn dann an?

A: Dafür ist eine andere Instanz zuständig, in der Regel der Besitzer der Straße. Für die Autobahnen ist die Autobahngesellschaft zuständig, die dafür eine eigene Ordnungsgesellschaft der Autobahngesellschaft gegründet hat. Die übrigen Straßen befinden sich in der Regel im Besitz einzelner Gemeinden, denen es freisteht, eigene Verkehrspolizeien aufzustellen. Die meisten ziehen es jedoch vor, die Dienste der Ordnungsgesellschaft der Autobahngesellschaft mietweise in Anspruch zu nehmen. Im Prinzip kann jede Gemeinde eigene Verkehrsregeln aufstellen. Die meisten verzichten jedoch darauf, denn für die Verfolgung exotische Sonderregeln verlangt die Ordnungsgesellschaft höhere Gebühren.

F: Da wir gerade davon sprechen: wie werden bei euch Umweltstandards durchgesetzt? Wie etwa verhindert ihr, daß die Bürger Autos fahren, die ungefiltert lauter giftige Abgase freisetzen?

A: Dies ist ein großer Streitpunkt in unserer Gesellschaft. Es wurde dazu eigens die Armee der Luftretter gegründet, die mit allen Mitteln versucht, Umweltstandards durchzusetzen. Ihr großer Gegenspieler sind die Freien Automobilisten. Eine Zeitlang kam es sogar zu Anschlägen auf Autofahrer. Inzwischen fahren die meisten Bürger nur noch mit einem deutlich sichtbaren Abgasnormzertifikatssiegel auf der Windschutzscheibe, und die Situation hat sich wieder ein wenig beruhigt. Der Polizeischutzbund hat mit der Mehrheit seiner Mitglieder ebenfalls eine Abgasnorm beschlossen, die allerdings hinter den Anforderungen des Abgasnormzertifikats zurück bleibt. Es handelt sich hier um eine der erbittertsten Kontroversen unserer Gesellschaft. Eine große Mehrheit der Bürger ist für die Erzwingung von Abgasnormen, so lange die Einhaltung dieser Abgasnormen nicht viel kostet, aber eine kleine Minderheit kämpft hartnäckig gegen diese Abgasnormen.

F: Da eben eine Armee erwähnt wurde: wie ist die Landesverteidigung organisiert?

A: Kaum. Allerdings besteht von Seiten unserer Nachbarn auch wenig Lust, uns anzugreifen, da unser Land als nahezu unregierbar gilt. Es gibt einige Armeevereine, die eine Sondergenehmigung des Polizeischutzbundes besitzen, die ihnen den Erwerb schwerer Waffen erlaubt. Außerdem sind viele Bürger Mitglied des Landsturms, sie besitzen eine Waffe und nehmen an regelmäßigen Schulungen teil. Kritiker sind allerdings der Meinung, sowohl die Armeevereine als auch der Landsturm seien nutzlose Spielereien von Waffennarren, die uns im Ernstfall kaum zu schützen vermöchten. Bis jetzt ist uns glücklicherweise die Probe im Ernstfall erspart geblieben. Unser Land ist ja zum Glück recht unzugänglich gelegen und arm an Rohstoffen.

F: Dies alles klingt für mich recht kompliziert, es scheint, als sei jeder Bürger ihres Landes Mitglied von hundert verschiedenen Vereinen, um letztendlich das selbe zu erhalten, was er bei uns durch eine einzige Organisation, nämlich den Staat, erhält.

A: Nein. Auch in eurem Land ist doch jeder Bürger mit vielerlei Organisationen verbunden. So zahlt etwa bei euch jeder Bürger in eine gesetzliche Rentenversicherung ein. Außerdem aber zahlen viele Bürger bei euch auch in eine private Rentenversicherung ein, oder in eine Lebensversicherung, oder sie besitzen einen Fondssparplan oder einen Bausparvertrag, oder Kombinationen all dieser Dinge. Bei uns ist all dies sogar ein bißchen übersichtlicher, denn eine gesetzliche Rentenversicherung gibt es bei uns nicht. Freilich klagen auch bei uns manche Bürger darüber, daß sie den Überblick über all diese vielen Vereine und Institutionen verloren hätten. Aber auch dafür gibt es inzwischen Abhilfe, nämlich spezielle Vereine, die für ihre Mitglied die Organisation und Verwaltung ihrer Mitgliedschaften in den verschiedenen anderen Vereinen organisieren. Wer Mitglied in einem solchen Verwaltungshilfeverein ist, muß nur einen einzigen Beitrag bezahlen, und der Verwaltungshilfeverein organisiert dann die Mitgliedschaft in allen anderen Vereinen, gemäß der Wünsche des Mitglieds. Es gibt einige Bürger, die sich mit der Frage beschäftigen, wie hoch bei uns die Staatsquote ist, im Vergleich zu anderen Ländern. Das aber ist schwierig zu bestimmen: entspricht eine hiesige Rentenversicherung einer gesetzlichen oder privaten Rentenversicherung anderer Länder, und ist sie dementsprechend zu Staatsquote zu zählen oder nicht? Auch in anderen Ländern gibt es private Sicherungsvereine, Wach- und Schließgesellschaften oder Bodyguards. Inwieweit ähnelt unser Polizeischutzbund einer solchen Gesellschaft, inwieweit einer staatlichen Organisation? Die meisten Staatsrechtler und Ökonomen allerdings sind der Ansicht, daß es bei uns überhaupt keinen Staat gibt, und die Staatsquote dementsprechend bei Null liegt.

F: Wie sind bei euch die Belange des Verbraucherschutzes geregelt? Wie verhindert ihr beispielsweise, daß den Bürgern Nahrungsmittel minderer Qualität verkauft werden?

A: Es gibt verschiedene Zertifizierungsvereine, die sich auf Lebensmittelkontrolle spezialisiert haben. Die meisten Supermärkte kaufen nur bei solchen Lebensmittelherstellern ein, die entsprechende Zertifikate besitzen. Dieses Verhalten können sich die einzelnen Supermärkte ihrerseits zertifizieren lassen. Die Bürger wiederum kaufen nur in solchen Supermärkten ein, die ein solches Zertifikat besitzen. Ein Supermarkt, der kein solches Zertifikat besäße, würde sofort von der lokalen Presse verschrieen. Auf einem lokalen Markt dagegen werden Lebensmittel oft auch ohne Zertifizierung verkauft. Daneben gibt es Ketten, die eigene Vertriebswege besitzen und andere als die gängigen Zertifikate verwenden. Ähnliche Systeme gibt es für die gesundheitliche Unbedenklichkeit von Kosmetika, Medikamenten, Elektrogeräten und so weiter.

F: Was ist mit solchen Bürgern, die unmündig sind, etwa kleinen Kindern, schwer geistig behinderten Menschen oder Demenzkranken?

A: Viele Bürger verfügen über Anweisungen, was im Falle ihrer Demenz geschehen soll, und sind Mitglieder in Vereinen, die die Durchsetzung dieser Anweisungen erzwingen. Meist sind diese Vereine auch für die Durchsetzung der Testamente zuständig. Behinderte können in vielen Vereinen, etwa dem Polizeischutzbund, unentgeltlich Mitglied sein, es gibt verschiedene Zertifizierungsstellen, die das Vorliegen einer schweren geistigen Behinderung bescheinigen. In manchen Vereinen können auch Kinder Mitglieder sein. Jeder Verein kann seine eigenen Regeln aufstellen, wie Kinder Mitglied werden können, wen sie als Erziehungsberechtigten akzeptieren. Die meisten orientieren sich dabei am Standard des Kinderschutzbundes, der regelt, welchem Kind welcher Erwachsene als Erziehungsberechtigter zugeordnet ist. Standardmäßig ist dies die Mutter.

F: Bei uns sind die Erziehungsberechtigten meist die Eltern, also Vater und Mutter.

A: Die Väter können sich mit den Müttern über eine Vereinbarung einigen, die ihnen die Hälfte des Sorgerechts gewährt, gegen die Übernahme der Hälfte der Unterhaltsverpflichtung gegenüber den Kindern.

F: Und wenn die Mütter sich weigern, einer solchen Vereinbarung einzugehen?

A: Dann wird der Kinderschutzbund die Väter nicht als Erziehungsberechtige anerkennen, lediglich der Väterverein, dessen Einfluß aber geringer ist.

F: Das ist doch aber nicht gerecht.

A: Das ist Anarchie.

F: Und was ist mit solchen Müttern, die ihre Kinder vernachlässigen oder aussetzen?

A: Hier kann der Kinderschutzbund einen neuen Sorgeberechtigten bestimmen. Der Polizeischutzverein arbeitet satzungsgemäß eng mit dem Kinderschutzbund zusammen. Der Trutzbund Aufrechter Bürger allerdings war einige Zeit mit dem Kinderschutzbund überworfen und versuchte, ein eigenes Sorgerechtssystem zu installieren, ist davon aber wieder abgekommen.

F: Und wie finanziert ihr eure sozialen Sicherungssysteme? Oder gibt es bei euch derartiges nicht?

A: Jedenfalls hat es einen sehr geringen Umfang, im Vergleich zu dem, was bei euch üblich ist. Das, was bei euch staatliche Sozialsysteme leisten, entspricht bei uns teilweise karitativen Organisationen, zum Teil ist es durch Versicherungen ersetzt, zum Teil aber auch ist es nicht vorhanden. Es ist bei uns möglich, eine sogenannte Mindesteinkommensversicherung abzuschließen, die den Bezug eines bestimmten, zum Existenzminimums nötigen Einkommens sichert. Karitative Bestrebungen gehen dahin, völlig Verarmten, die eine solche Versicherung nicht besitzen, den Abschluß einer solchen Versicherung gegen Einmalbeitrag zu ermöglichen. Da Armut zu sozialen Unruhen führt, die auch den Wohlstand der Reichen gefährden, haben sich viele Unternehmen im Sozialverein zusammengeschlossen, der die schlimmsten Auswüchse der Armut verhindern soll. Zur Arbeit des Sozialvereins gehört etwa, Jugendlichen verarmter Familien eine qualifizierte Ausbildung zu gewähren.

F: Ich finde, dies alles klingt teilweise weniger nach Anarchismus als nach einer extremen Form des Liberalismus.

A: Die Identität von Anarchismus und konsequentem Liberalismus ist schon seit langem bekannt.

F: Aber seht ihr es nicht als problematisch an, daß die Armen bei euch auf Almosen und die Gnade der Reichen angewiesen sind?

A: Wir erlauben jedem unserer Bürger das Streben nach Glück. Es gibt aber kein Versprechen, daß bei uns jeder glücklich würde, und manche sind es nicht. Doch wer unser Land besucht, wird auch feststellen können, daß unser System die Menschen zu großer Selbständigkeit erzieht und es ihnen erlaubt, ihr Leben tätig nach ihren eigenen Vorstellungen zu gestalten. Der Sozialverein operiert im übrigen teilweise unabhängig von Weisungen der Unternehmen, und die Zuwendungen des Sozialvereins werden nicht willkürlich und nach Gutdünken verteilt. Der Sozialverein ist übrigens, entgegen seinem Namen, auch für die finanzielle Förderung der Grundlagenforschung zuständig, da es bei uns keinen Staat gibt, der derartiges leisten könnte.

F: Aber genügt denn das von der Industrie bereitgestellte Geld tatsächlich, um eine Grundlagenforschung auf internationalem Niveau zu betreiben?

A: Einige sehr teure Projekte, wie etwa die bemannte Raumfahrt, können wir uns in der Tat nicht leisten. Doch halten viele Bürger dies für einen verschmerzbaren Verlust, da der wissenschaftliche Erkenntniswert bemannter Raumfahrt ohnehin als zweifelhaft gilt. Ansonsten sind unsere Wissenschaftler sehr erfinderisch, mit weniger Mitteln mehr zu erreichen, und die Resultate unserer Forschung können sich, meine ich, durchaus sehen lassen.

F: Wie verhindert ihr, daß Unternehmen Monopole und Trusts bilden?

A: Gar nicht. Dabei ist aber zu beachten, daß wir ein rohstoffarmes Land sind. Der größte Teil unserer Volkswirtschaft beruht auf der Erzeugung hochwertiger Güter, auf Dienstleistungen und auf Informationsverarbeitung. Es gibt bei uns keinen so strikten Urheberrechtsschutz wie bei euch, keine mit staatlichem Schutz versehenen Patente. Hat ein Unternehmen wirtschaftlichen Erfolg, so steht es jedem frei, diesen Erfolg nachzuahmen. Der Erfolg unserer Gesellschaft beruht auf Wissen, und Wissen läßt sich in unserer Gesellschaft kaum monopolisieren. Ich will einige Beispiele geben: einige Zeit sah es so aus, als ob sich für die Betriebssysteme unserer Computer ein kommerzieller Monopolist hätte etablieren können. Inzwischen aber wurde dieses Betriebssystem von einem anderen abgelöst, das kostenlos und einschließlich des Quellcodes erhältlich ist und das nach den Prinzipien des Anarchismus entwickelt wurde. Bevor wir in unserem Land zum Anarchismus übergingen, gab es nur eine einzige staatliche Eisenbahngesellschaft. Inzwischen sind mehr und mehr regionale Eisenbahngesellschaften entstanden, und anfänglich war die Zusammenarbeit dieser verschiedenen Gesellschaften chaotisch und ineffizient, bis sie sich zum Fahrplanverein zusammen geschlossen haben, und seither haben diese regionalen Gesellschaften die ehemalige Staatsgesellschaft vom Markt verdrängt. In der Automobilindustrie hatten wir drei große Unternehmen, die den Markt unter sich aufgeteilt hatten und den Zulieferern oder Vertragswerkstätten ihre Bedingungen diktieren konnten. Inzwischen aber haben sich sogenannte virtuelle Hersteller gebildet, die die verschiedenen Zulieferer fallweise zusammen schließen und den Kunden individuell gefertigte Autos liefern können. Alle Zulieferer, die sich dem Autoteilestandard angeschlossen haben, bilden nun ein Netzwerk, das Autos herstellen kann, die sich keiner bestimmten Marke und keinem bestimmten Hersteller zuordnen lassen. Statt dessen gibt es nun viele kleine Firmen, die nicht Autos, sondern Konstruktionspläne für Autos herstellen und verkaufen. Wer einen solchen Konstruktionsplan erworben hat, wendet sich an das Netzwerk der Zulieferer und läßt sich seinen Konstruktionsplan realisieren.

F: Wenn es keine zentrale Staatsgewalt gib, wie kann es dann Geld geben?

A: Das Geld ist in Wahrheit älter als die zentrale Staatsgewalt. Und auch bei euch gibt es doch neben dem offiziellen Geld auch noch andere Formen des Geldes, etwa Briefmarken, Aktien, Rabattmarken, Genußscheine und dergleichen. Bei uns darf jeder Geldnoten ausgeben, wenn ihm der Sinn danach steht. Aber natürlich werden nicht alle diese Noten als Zahlungsmittel akzeptiert, sondern nur, wenn sie aus einer seriösen und vertrauenswürdigen Quelle stammen. Am Anfang, als wir den Anarchismus bei uns einführten und den Staat abschafften, haben wir uns teilweise mit ausländischen Währungen beholfen, teilweise mit den alten Geldnoten des abgeschafften Staates, die noch eine Zeitlang in Umlauf waren und auch jetzt noch gelegentlich als Zahlungsmittel verwendet werden.

F: Aber dann gibt es doch keine zentrale Instanz, die die Geldmenge steuert und kontrolliert.

A: Wir haben die Erfahrung gemacht, daß die bedeutende Rolle, die der zentralen Steuerung der Geldmenge von einigen Ökonomen zugeschrieben wird, völlig übertrieben ist. Die Geldmenge paßt sich bei uns dem Handelsvolumen an: wird mehr Geld benötigt, so wird es schon irgendwie aufgetrieben, entweder, indem Dinge als Geld verwendet werden, die vorher nicht als Geld verwendet wurden, oder indem neue private Geldnoten auf den Markt geworfen werden.

F: Aber wenn ich beim Bäcker Brötchen kaufen will, kann ich doch dort nicht mit Aktien, Genußscheinen, drei ausländischen und fünf verschiedenen inländischen Währungen erscheinen.

A: Das Bargeld ist ohnehin der allerunwichtigste Teil: nur der kleinste Teil des Geldes liegt als Bargeld vor. Ein Bäcker wird aus praktischen Gründen wohl nur die drei oder vier geläufigsten Währungen akzeptieren, was übrigens dazu führt, daß alle anderen Währungen aus dem Markt gedrängt werden. Aber damit haben sie auch schon die Definitionen dessen, was bei uns Bargeld ist: Bargeld ist eben genau das, wofür sie bei uns beim Bäcker Brötchen bekommen. Warum sollten wir staatlicherseits dem Bäcker vorschreiben, was das zu sein hat? Wir vertrauen darauf, daß er selbst das viel besser weiß.

F: Wie geht ihr mit Drogen und Drogensüchtigen um? Ich nehme an, Drogen sind nicht verboten, weil es keine Instanz gibt, die sie verbieten könnte. Andererseits: zahlt der Sozialverein oder sonst irgend jemand für die medizinische Behandlung von verarmten Drogensüchtigen?

A: Einige Polizeivereine verbieten ihren Mitgliedern die Herstellung oder Gewinnung bestimmter Substanzen. Dazu zählen allerdings nicht Drogen wie Heroin oder Ecstasy, sondern Gifte wie Strychnin. Eine Zeitlang war den Mitgliedern des Polizeischutzvereins auch die Herstellung von Crack untersagt. Heroin ist auf dem Markt in aller Regel nur mit einem Zertifikat verkäuflich, das seine Reinheit garantiert. Der Sozialverein kümmert sich nicht um Drogensüchtige, es gibt aber andere Vereine, die das tun. Da Heroin bei uns sehr billig ist und in guter Qualität vorliegt, ist Heroinsucht bei uns kaum ein großes Problem. Ähnliches gilt für andere Drogen. Heftige Kontroversen gibt es allerdings um die Frage, wie wir mit dem Drogenkonsum von Jugendlichen umgehen sollen. Weitere Probleme unserer Gesellschaft sind der Alkoholismus, denn Alkohol ist bei uns vergleichsweise billig, da keine Sondersteuern auf ihn erhoben werden, und die Spielsucht. Hier sind verschiedene Vereine zu sehr unterschiedlichen und zum Teil inkompatiblen Lösungen gekommen.

F: Ich nehme an, auch Werbung für Drogen ist bei euch erlaubt.

A: Prinzipiell natürlich schon. Es gibt aber einflußreiche Vereine, die auf die Werbeträger großen Druck ausüben, auf bestimmte Werbungen zu verzichten. Eine Zeitschrift oder ein Fernsehsender etwa, der wagen würde, eine Werbung für Heroin zu drucken oder zu senden, würde dies ökonomisch nur schwer überleben. Hier ist es allerdings auch zu einem gesellschaftlichen Wandel gekommen, vor einiger Zeit noch wäre dergleichen ohne weiteres möglich gewesen.

F: Dann gibt es also auch in eurer Gesellschaft eher repressive und eher liberale Phasen?

A: Natürlich! Zwar steht es bei uns jedem frei, welcher Art von Vereinen er sich anschließen will, aber auch bei uns leben die wenigsten völlig abgeschieden und unabhängig von allen anderen Menschen, und so sind wir alle von den Stimmungen und Meinungen der Gesellschaft betroffen. Eine Zeitlang etwa war die öffentliche Meinung stark vom Thema der Kinderpornographie beherrscht, und in vielen Vereinen erzwang die Mehrheit der Mitglieder Maßnahmen, die auf die Verfolgung und Ächtung der Kinderpornographie abzielten, und für einen Vertreiber von Kinderpornographie wurde es sehr schwer, Vereine zu finden. Inzwischen ist diese Mode wieder abgeebbt.

F: Sie können die Verfolgung der Kinderpornographie doch nicht als Mode bezeichnen.

A: Jedenfalls wird inzwischen weit mehr über den Kindesmißbrauch an sich als über den anschließenden Vertrieb von Kinderpornographie diskutiert, insofern handelt es sich wohl doch um eine Mode, welche Themen diskutiert und welche ignoriert werden.

F: Ich würde gerne noch wissen, wie ihr Land seine außenpolitischen Beziehungen regelt. Gibt es Botschafter in anderen Ländern? Gibt es einen obersten Repräsentanten des Landes? Und wenn nicht, wie arbeiten sie mit all den wichtigen internationalen Gremien wie der UNO oder der Welthandelsorganisation zusammen?

A: Die Verhandlungen mit der WTO übernimmt teilweise der Sozialverein. Da wir aber keinerlei Handelsschranken oder Zollhindernisse kennen, gibt es auch wenig zu verhandeln. Ob andere Länder Zollschranken errichten oder nicht ist uns gleichgültig: sie schaden sich selbst und ihrer Freiheit, wenn sie es tun, glauben wir, doch ist das nicht unsere Angelegenheit. Wir beteiligen uns auch an keinen Kriegen, doch steht es unseren jungen Männern frei, sich an ausländischen Kriegen zu beteiligen, wenn sie das möchten. Einige haben sich freiwillig Blauhelmmissionen angeschlossen, jedoch nicht allzu viele. Botschaften besitzen wir nicht, aber unsere Zeitungen und Fernsehsender unterhalten ein Netz an Korrespondenten. Darüber hinaus treten manche unserer Prominenten in ausländischen Talkshows auf oder geben Interviews, um so unsere Sicht der Welt zu erläutern, doch können sie dabei natürlich immer nur für sich selbst oder allenfalls für ihre Vereine sprechen. Einen Sitz bei der UNO haben wir auch nicht. Als Staat gibt es uns ja eigentlich gar nicht. Wir haben auch keine Fahne oder Nationalhymne. Es gibt allerdings einen alten Schlager, den manche als unsere inoffizielle Nationalhymne bezeichnen. Eine Verfassung haben wir natürlich erst recht nicht, nur eine Vielzahl von Satzungen und Normen.

F: Das heißt, ihr könnt auch internationalen Abkommen zum Klimaschutz oder zum Artenschutz nicht beitreten.

A: So ist es. Allerdings haben wir den Eindruck, als ob zwischen den einzelnen Staaten ein größeres Maß an Anarchie herrscht, als bei uns zwischen den einzelnen Bürgern. Da werden etwa Abkommen zum Schutz der Wale feierlich verabschiedet, aber die Walfängernationen erlauben sich großzügige Ausnahmen, Sonderregelungen und Schlupflöcher und fangen trotzdem Wale. Da wird ein schwacher, verwässerter Kompromiß zum Klimaschutz vereinbart, aber die Nation mit dem größten Verbrauch fossiler Rohstoffe und dem größten Ausstoß von Treibhausgasen beschließt, es sei günstiger, diesem Abkommen nicht beizutreten.

F: Auch bei olympischen Spielen oder der Fußallweltmeisterschaft könnt ihr demnach nicht teilnehmen?

A: Sowohl der Sportverein als auch der Sportbund stehen in Verhandlungen. Das ist allerdings schwierig, weil Sportverein und Sportbund in etwa gleich viele Mitglieder haben und keiner von beiden unser Land offiziell vertreten kann. Es scheint wohl nicht möglich, daß beide Organisationen getrennt antreten dürfen, sie werden sich also irgendwie einigen müssen.

F: Wie attraktiv wirkt ihr System? Gibt es viele Einwanderer? Und wie reagieren die Alteingesessenen auf die Zuwanderer?

A: Es gibt einige Forschungsinstitute, die sich mit solchen Fragen befassen, aber es gibt keine offizielle Statistik oder eine Erfassung der Zugewanderten, es gibt ja auch keine Pässe oder dergleichen, wir wissen auch nicht genau, wie viele Einwohner unser Land denn nun tatsächlich hat. Wie schon ausgeführt, sind unsere Sozialleistungen eher bescheiden, aber es gibt natürlich viele Länder, in denen es den Bürgern noch schlechter geht als bei uns, und von dort versuchen durchaus viele, hierher zu kommen. Dies führt immer wieder zu Spannungen, besonders seit der paramilitärische Grenzwachverein gegründet wurde, der versucht, Einwanderer an der Einreise zu hindern. Der Grenzwachverein ist nicht Mitglied des Justiznetzes, und der Polizeischutzbund war kurz davor, ihn als bekämpfenswerte Organisation einzustufen, das hat dann aber zum Glück dazu geführt, daß der Grenzwachverein zum Einlenken bereit war und auf einige seiner extremen Forderungen verzichtet hat. Diese Situation ist aber noch immer angespannt. De facto wurde die Möglichkeit zur Einreise seither stark eingeschränkt, das heißt, wer ins Land will, muß entweder eine hohe Aufnahmegebühr bezahlen, oder ein Unternehmen finden, daß diese Gebühr an seiner Stelle bezahlt. Besucher müssen diese Aufnahmegebühr als Kaution hinterlegen. Es gibt aber Reisegesellschaften, die gegen eine geringe Ausfallrisikoprämie an Stelle der Reisenden die Kaution bereitstellen.

F: Was wäre passiert, wenn der Konflikt zwischen Grenzwachverein und Polizeischutzbund eskaliert wäre?

A: Nun, das ist eine Frage der Definition. Wenn sie den Polizeischutzbund als eine Art quasistaatlicher Institution auffassen, dann hätte die Polizei eine verbotene Partei oder eine kriminelle Organisation aufgelöst. Da aber natürlich keine der beiden Seiten offizieller oder legitimierter ist als die andere, hätte man wohl eher von einem Mini-Bürgerkrieg sprechen müssen. Da der Grenzwachverein hoffnungslos unterlegen wäre, kann ich mir aber nicht vorstellen, daß es tatsächlich zu bewaffneten Auseinandersetzungen gekommen wäre. Der Polizeischutzbund umfaßt die Mehrheit der Bevölkerung, der Grenzwachverein nur eine winzige Minderheit, mit zahlreichen Doppelmitgliedschaften.

F: Wie viele Vereine gibt es denn insgesamt?

A: Nun, das weiß niemand. Außerdem gibt es auch hier Abgrenzungsprobleme. Nach unserem Verständnis ist auch die international operierende katholische Kirche ein Verein mit Mitgliedern. Auch ein Unternehmen mit Angestellten kann bei sehr großzügiger Interpretation als ein Verein aufgefaßt werden. Wir wissen auch nicht, in wie vielen Organisationen im Durchschnitt ein Bürger Mitglied ist, und von wie vielen er Dienste in Anspruch nimmt. Wenn sie bei einem Händler einkaufen, weil der Händler ein bestimmtes Zertifikat vorweisen kann, nutzen sie die Arbeit der Zertifizierungsstelle, auch wenn nur der Händler direkt mit der Zertifizierungsstelle abrechnet.

F: Wie ist überhaupt das Verhältnis von Angestellten und Arbeitgebern? Ich nehme an, es gibt keinen Kündigungsschutz und keine Mindestlöhne.

A: Aufgrund des fehlenden Staates spielen Gewerkschaften bei uns eine große Rolle. Die Gewerkschaften haben eine große Macht, deshalb gibt es auch bei uns in den meisten Fällen Kündigungsschutz und dergleichen. Übrigens ist bei uns auch die Prostituiertengewerkschaft Teil des Gewerkschaftsnetzes.

F: Und vermutlich gibt es auch Zertifizierungsstellen, die den Prostituierten bescheinigen, ob sie einen qualitativ hochwertigen Service anbieten.

A: So ist es. Es gibt sogar Ausbildungslehrgänge für Prostituierte, obwohl es sich natürlich auch bei uns vornehmlich um einen Beruf für gering qualifizierte handelt.

F: Aber so etwas wie Menschenrechte, unveräußerliche Grundrechte sind in eurem Land unbekannt, oder?

A: Sie widersprechen unserer freiheitlichen Grundordnung.“

Ich hoffe, es ist etwas klarer geworden, was in der ersten Rede noch vage blieb. Es bleiben aber dennoch einige Probleme zu klären.

Wie sollte der Anarchismus eingeführt werden? Die Demokratie ist ja nun anscheinend keine völlig unerträgliche Regierungsform, und ich glaube nicht, daß die Bürger bloß zur Durchsetzung abstrakter Prinzipien, ohne konkreteren Anlaß, einen Umsturz anzetteln werden. Von daher bleibt lediglich die Möglichkeit eines schrittweisen, schleichenden und unaufhaltsamen historisch-gesetzmäßigen Übergangs. Der Anarchist wäre demnach in einer ähnlichen Situation wie der orthodoxe Marxist: zwar wüßte er, daß seine Regierungsform eines Tages Wirklichkeit werden wird, er kann aber selbst nichts tun, um diesen Tag aktiv herbei zu führen. Der Anarchismus wäre dann lediglich eine weitere Spielart der Geschichtswahrsagerei.

Wie soll der Anarchismus daran gehindert werden, sich wieder in eine Demokratie zurück zu verwandeln? Die meisten Bürger werden sich einer Gesellschaft anschließen wollen, die einen Polizeidienst organisiert. Es ist zwar denkbar, daß ein solcher Dienst von verschiedenen Gesellschaften angeboten wird, aber es scheint mir plausibel, daß fast alle Bürger sich der mitgliedsstärksten und damit mächtigsten dieser Gesellschaften anschließen werden wollen, denn die kleineren Gesellschaften werden ihnen keinen ausreichenden Schutz bieten können. Es wird also eine Polizeigesellschaft geben, in der fünfundneunzig Prozent der Bevölkerung Mitglied sind (denkbar wäre auch, daß es mehrere Polizeigesellschaften gibt, die durch Kooperationsvereinbarungen dafür sorgen, daß auch die kleineren dieser Gesellschaften ihren Mitgliedern einen ausreichenden Schutz bieten können; dann aber bilden diese vielen kleinen Gesellschaften einen Trust und können im folgenden als eine einzige Gesellschaft behandelt werden). In jeder Gesellschaft aber ist die Polizei eine sehr heikle Institution: sie muß sorgfältig überwacht werden, um Übergriffe zu verhindern. Es wird auch kaum möglich sein, ein für allemal ein Regelwerk für die Arbeit der Polizei aufzustellen, so daß hier dauernder Reformbedarf bestehen bleiben wird, es wird also wohl eine Art gesetzgeberisches Parlament geben müssen.

Auch bei den Gesellschaften, die die Schulen organisieren, wird die größte dieser Gesellschaften eine besonders große Anziehungskraft auf die Bürger ausüben, denn die Bürger werden in der Regel wünschen, daß ihre Kinder einen allgemein anerkannten Abschluß erhalten, was bei kleineren Gesellschaften weniger gewiß ist. Es steht also zu erwarten, daß es eine Schulgesellschaft geben wird, in der achtzig Prozent der Bürger Mitglied sind.

Nun wird es sich kaum vermeiden lassen, gelegentlich Probleme zu behandeln, die sowohl die Polizei als auch die Schule betreffen (etwa: dürfen an Schulen Waffen getragen werden?). Die Polizeigesellschaft, in der fünfundneunzig Prozent der Bürger Mitglied sind, und die Schulgesellschaft, in der achtzig Prozent der Bürger Mitglied sind, werden also eng, ja, Hand in Hand zusammen arbeiten. Gleiches gilt für viele andere Bereiche des Lebens.

Dann aber sind wir wieder dort angekommen, wo wir eigentlich heute auch schon sind: letztlich wird ja niemand gezwungen, Bürger der Bundesrepublik Deutschlands zu bleiben, aber staatenlos zu werden, ist keine ernsthafte Alternative. In unserem anarchistischen Staat könnte es soweit kommen, daß die Alternative ist, entweder Mitglied in der Assoziierten Allgemeinen Polizeigesellschaft Allgemeinen Schulgesellschaft Allgemeinen Eceteragesellschaft zu werden, oder eben nicht Mitglied in diesem Konglomerat zu werden, die Bürger sehen sich also der selben Alternative gegenüber, wie bereits heute.

Falls aber doch tatsächlich die verschiedenen Bereiche sauber getrennt bleiben, ergibt sich das Problem, daß die Verwaltungsstrukturen unter Umständen erheblich aufwändiger werden als bisher. Statt eines einzigen Parlaments, das über sämtliche Fragen entscheidet, gäbe es für die verschiedensten Lebensbereiche die verschiedensten Vereine, die alle ihre Satzungen, ihre Vorstände und ihre Parlamente und ihre Verwaltungen haben müßten, und statt weniger könnte der anarchistische Staat tatsächlich mehr Verwaltung besitzen als der heutige und womöglich erheblich ineffizienter arbeiten.

Daß die reichsten fünf Prozent der Bevölkerung sich den Problemen der restlichen Gesellschaft zu entziehen versuchen und in den allgemeinen Vereinen nicht Mitglied werden, glaube ich nicht, da gerade die Reichen ganz besonders von den Segnungen eines zivilisierten Zusammenlebens profitieren. Es könnte aber passieren, daß die ärmsten fünf Prozent ausgeschlossen bleiben. Schon heute ist es ausgesprochen problematisch, daß die ärmsten Schichten und insbesondere die Obdachlosen sich kaum politisches Gehör verschaffen können, im anarchistischen Staat könnten diese Probleme noch weiter verschärft werden. Gegenwärtig besteht noch ein weitgehender Konsens dahingehend, daß niemand auf Almosen angewiesen sein müssen soll, um sein Leben zu fristen, sondern daß es für jeden Bürger einen Rechtsanspruch auf ein menschenwürdiges Leben gibt. Die Ersetzung des Almosens durch einen Rechtsanspruch erscheint als ein zivilisatorischer Fortschritt, der die Einführung des Anarchismus möglicherweise nicht überstehen wird.





Wann werde ich zum zweiten Mal dazu kommen, „Die Gabe“ von Nabokov zu lesen? Wann überhaupt werde ich dazu kommen, die gelungeneren Bücher meiner Lektüre ein zweites Mal zu lesen? Vielleicht nie, weil ich irgendwann sterben werde und vieles für immer unerledigt liegen bleibt. Daß ich aber sterben werde, widerspricht ganz und gar meiner Intuition, das heißt, meiner Erfahrung. Schließlich bin ich noch nie gestorben, und die Induktion behauptet, daraus sei zu folgern, daß ich auch nie sterben werde (der Aberglaube macht daraus die Vorstellung eines Lebens nach dem Tod, wo dann all das nachgeholt und richtig gestellt wird, was im Leben versäumt wurde und mißglückte; und dann?).

Wenn unsere Gedanken auf einen Bereich abzielen, wo es uns an Erfahrung fehlt, fehlt es unserer Intuition an Halt, während wir doch in unserem Alltag ein feines Gespür dafür haben, was plausibel und was unwahrscheinlich ist. Wenn es gar um letzte Dinge geht, sprechen wir wie die geborenen Blinden von den Farben. Wir können uns die Welt ein wenig anders denken, und es scheint, daß, wenn die Physik der Welt ein wenig anders wäre, daß es dann keine Menschen und auch keine anderen bewußten Beobachter gäbe, daß unsere Existenz beziehungsweise die Existenz von bewußten Beobachtern höchst unwahrscheinlich ist (der Aberglaube münzt daraus einen Beweis für die Existenz eines gütigen Schöpfers; der aber wäre zugleich ein unwahrscheinlicher Verschwender, der ein riesiges ödes Universum um eines winzigen bewohnten Staubsplitters willen erschafft). Gibt es vielleicht noch andere Welten neben unserer Welt, die meisten davon unbewohnt? Aber warum eigentlich sollte es überhaupt irgend eine Welt geben? Oder, noch phantastischer: vielleicht existieren alle Welten, die überhaupt nur möglich sind. Dann gäbe es kein noch so unwahrscheinliches thermodynamisches Wunder, zu dem es nicht auch eine Welt gäbe, in der genau dieses Wunder geschieht. Daß aber alle Welten, die möglich sind, auch existieren sollen, entwertet irgendwie unsere eigene Existenz und macht sie unwirklich, jedenfalls für unser Gefühl. Wir haben uns mehr oder weniger daran gewohnt, in einer fast leeren, fast völlig unbewohnten, gottlosen Welt zu leben, hier immerhin sind wir etwas einzigartiges (und wenn wir einmal von der Begegnung mit Außerirdischen träumen, dann spielen wir in diesen Träumen eine bedeutende Rolle). Noch gleichgültiger und unmenschlicher aber erschient ein Alles-Was-Ist, in dem alles, was möglich ist, auch existiert, in dem wir nur eine einzige unter unzähligen Möglichkeiten sind, in dem es nicht nur diese Welt gibt, sondern auch unzählige, in denen es mich gibt, ein klein wenig anders, in allen denkbaren Varianten, unzählige Welten, in denen es ganz andere Wesen gibt, und unzählige Welten, in denen es gar niemand gibt, in dem alle Geschichten mit allen guten und allen bösen Ausgängen existieren, während ich doch hier nur eine einzige Geschichte als wirklich erfahre, in der ich hier auf dieser Tastatur klappere und darauf warte, daß du eingeschlafen bist, um Pinsel und Farben hervorzuholen und nicht glauben will, daß diese Geschichte nicht wirklicher ist als alle anderen Geschichten, weil diese Vorstellung so radikal all meiner Erfahrung von einer einzigen Wirklichkeit, nämlich meiner Wirklichkeit, widerspricht.

In der Mathematik sind wir ständig in der Verlegenheit, daß unsere Intuition keine Stütze mehr findet, weil wir uns in Bereiche vorwagen, die noch nie ein Mensch zuvor durchdacht hat, statt dessen müssen wir auf das Hilfsmittel der Beweisführung zurück greifen, um unsere Überlegungen abzusichern. Noch schlechter geht es uns, wenn wir über die Mathematik selbst nachdenken. Die paar dürren Erkenntnisse, die wir besitzen, können wir mal so und mal so arrangieren, und je nachdem ergeben sie dieses oder jenes plausible Muster, das diese oder jene plausiblen Schlüsse nahelegt. Wir können beispielsweise die Wichtigkeit betonen, falsche Analogieschlüsse zu vermeiden, nicht für objektiv gegeben zu halten, was wir uns bloß ausgedacht haben, nicht unsere Hirngespinste für Wirklichkeit zu halten und dadurch begründen, warum es geboten ist, sich auf konstruktivistische Beweise zu beschränken oder gar sich auf finitistische Bereiche zurück zu ziehen. Wenn wir neidvoll mit ansehen, wie andere, tollkühnere Beweise finden, die wir für verboten halten müssen, so können wir immerhin darauf verweisen, daß wir Strukturen beschreiben können, die der gröberen konventionellen Betrachtung verborgen bleiben, weil sie kurzerhand identifiziert, was der Konstruktion nach verschieden ist. Wir können die Geschichte aber auch anders herum erzählen.

Es gibt keine Schafe, die einander völlig gleich wären. Wenn wir daher eine Schafherde zählen, so müssen wir über die Unterschiede der einzelnen Schafe, die doch unverwechselbare Individuen sind, hinwegsehen und in einer gewaltigen Abstraktionsleistung gleich setzen, was doch verschieden sind. Und das gilt nicht nur für Schafe: nicht einmal ein Ei gleicht dem anderen. Es gibt also nirgends in der Wirklichkeit ein Beispiel, ein Modell für die natürlichen Zahlen. Wenn also etwa Kronecker die natürlichen Zahlen für eine Schöpfung Gottes (im Gegensatz zum willkürlichen Menschenwerk der übrigen Zahlen) hält, so ist ihm zu widersprechen: schon die natürlichen Zahlen sind eine schwindelerregende Verallgemeinerung des menschlichen Geistes, eine Verschiedenes gleichsetzende Anmaßung, eine irreale Erfindung, der in der Wirklichkeit nichts entspricht. Es gibt keine Zahlen: oder hat irgend jemand schon einmal Zahlen gesehen? Betastet? Gerochen? Gehört? Die Mathematiker verwenden die natürlichen Zahlen, obwohl sie nicht existieren.

Wenn wir in der Axiomatisierung der Mengenlehre durch Zermelo und Fraenkel auf ein Axiom verzichten, das uns die Existenz einer unendlichen Menge garantiert, dann können wir für die Mengenlehre auch endliche Modelle finden. Das freilich würde die Mengenlehre um ihre wesentliche Pointe bringen. Wir müßten auf beliebte Mengen wie etwa die reellen Zahlen verzichten oder sie durch höchst plumpe und schwerfällige Gebilde ersetzen, die niemanden zu befriedigen vermöchten, der an die reellen Zahlen gewöhnt ist. Ordinalzahl- und Kardinalzahlarithmetik wären höchst langweilig, wenn wir uns auf endliche Mengen beschränkten (und die Unterscheidung zwischen Ordinal- und Kardinalzahlen eher nutzlos). Es läßt sich sogar zeigen, daß manche Beweise, die endliche Zahlen betreffen, sich nur über den Umweg des Unendlichen führen lassen.

Können wir davon ausgehen, daß sich für jede Menge eine Wohlordnung finden läßt? Konstruktiv ist uns das sicher nicht möglich (wir haben es mit unendlichen und unübersichtlichen Gebilden zu tun). Es wäre aber doch praktisch, anzunehmen, es gäbe immer und überall Wohlordnungen. Wir wissen jedenfalls, daß uns die Annahme, wir könnten allüberall Wohlordnungen finden, zu keinen Widersprüchen führt. Mit der Annahme der Existenz von Wohlordnungen überall, wo es Mengen gibt, können wir auch andere nützliche Dinge ins Leben rufen, etwa zeigen, daß es für jeden Vektorraum eine Basis gibt.

Wenn wir rekordsüchtig versuchen, einander mit immer größeren Kardinalzahlen zu überbieten (eine Variante des Spiels, einander mit möglichst großen natürlichen Zahlen zu überbieten), stoßen wir auf große Kardinalzahlen (etwa die unerreichbaren Kardinalzahlen), von denen nicht klar ist, ob sie existieren. Genauer: wieder können wir zeigen, daß sowohl die Annahme der Existenz als auch die Annahme der Nichtexistenz mit den übrigen Axiomen vereinbar ist.

So, wie die Geschichte erzählt wurde, scheint klar: die Geschichte der Mathematik ist eine erfolgreiche Geschichte der Integration immer neuer Entitäten, deren Existenz zwar zunächst mit den bekannten Axiomen nicht bewiesen werden konnte, deren Annahme aber nützlich und wünschenswert ist. So, wie die natürlichen Zahlen, die unendlichen Zahlen oder die beliebigen Wohlordnungen nützliche Erweiterungen unseres Denkens sind, sollten wir nicht zögern, auch die sehr großen Kardinalzahlen in unser Reich mit aufzunehmen. Aber es handelt sich natürlich nur um eine Art, die Geschichte zu erzählen.



25.3.2003





Der „stern“ hat, um neue Abonnenten zu werben, sein Käsblatt von letzter Woche an wehrlose Haushalte verteilt, auch an uns. Wiewohl es sich um den letzten Vorkriegsstern handelt, ist der Irakkrieg (neben Männermode) das beherrschende Thema, und der stern hat uns erschütterndes mitzuteilen. So bringen die Mütter Bagdads seit Jahren gehäuft mißgestaltete Kinder zur Welt, und der Stern druckt auch gleich ein Dutzend derartig mißgebildeter Neugeborener ab, nicht ohne uns zu versichern, viele Bilder seien derart schockierend gewesen, daß an einen Abdruck nicht zu denken sei. Die Ursache dieser entsetzlichen Katastrophe sei zwar unbekannt, vermutlich aber auf die Verwendung von abgereichertem Uran als Munition im ersten Golfkrieg durch die Amerikaner zurück zu führen. Die Amerikaner haben also nicht nur einen völkerrechtswidrigen Krieg begonnen, sind dem Umweltschutzprotokoll nicht beigetreten und verweigern sich einem internationalen Strafgerichtshof, sie haben auch hochgiftige und gefährliche Munition verwendet, die eine Halbwertszeit von unvorstellbaren viereinhalb Milliarden Jahren besitzt und nun dafür sorgt, daß in Bagdad nur noch Alptraumkinder geboren werden. Wir sind empört, angeekelt, betroffen und erschüttert.

Nach Ansicht einiger Philosophen ist das Reich des Ethischen nicht ganz ohne Berührung mit dem Reich des Empirischen. Zwar ist es nicht möglich, ethische Prinzipien empirisch abzuleiten. Wohl aber kann es für die Diskussion ethischer Fragen dennoch hilfreich oder entscheidend sein, auch empirische Fragestellungen zu untersuchen. Welche praktischen Konsequenzen hat eine bestimmte Entscheidung? Oder zunächst einmal: wie sieht überhaupt die Welt aus, über die wir richten wollen?

Wie etwa sieht sie im vorliegenden Fall aus? Tatsächlich haben die Amerikaner sowohl im ersten Golfkrieg als auch im Kosovo abgereichertes Uran als Munition benutzt. Abgereichertes Uran ist eine Substanz, die bei der Erzeugung von angereichertem Uran anfällt: natürliches Uran besteht zum allergrößten Teil aus dem Isotop U238, nur zu einem geringen Teil aus dem eigentlich interessanten Isotop U235. Um Uran als Kernbrennstoff zu verwenden, muß der Anteil von U235 erhöht werden, das Uran wird angereichert. Als Abfallprodukt entsteht Uran, in dem die Konzentration von U235 niedriger ist, als bei natürlichem Uran, daher der Name „abgereichertes Uran“. Im Prinzip handelt es sich um Müll; da es ein Stoff von hoher Dichte ist, wird es im Flugzeugbau als Gegengewicht eingesetzt. Aufgrund seiner hohen Dichte handelt es sich aber auch um ein ideales Material für panzerbrechende Munition. Abgereichertes Uran ist, wie natürliches Uran, radioaktiv, mit hoher Halbwertszeit. Die Verwendung dieser Substanz als Munition ist daher in der Tat nicht unbedenklich, und die Bundeswehr verzichtet dementsprechend auf den Einsatz von abgereichertem Uran. Daß die US-Streitkräfte sich von diesen Bedenken nicht haben beirren lassen, zeigt einen sorglosen Umgang mit der Gesundheit der Zivilbevölkerung des Kriegsgegners, der in der Tat Anlaß zu Tadel bietet. Dennoch sind die vom stern vorgebrachten Vermutungen reichlich abenteuerlich. Zwar gibt es aus naheliegenden Gründen keine seriöse Untersuchung der Auswirkung dieser Munition auf die Bevölkerung des Iraks, wohl aber für die Bevölkerung des Kosovo. Dort gab es zunächst den Verdacht erhöhter Leukämiefälle, der sich aber nicht bestätigt hat. Falls es gesundheitliche Beeinträchtigungen der Bevölkerung gab, so konnte sie in den bisherigen Untersuchungen jedenfalls nicht nachgewiesen werden. Dieser Befund ist nicht überraschend: abgereichertes Uran ist nur schwach radioaktiv, es wird außerdem vom menschlichen Körper (der für ein derartig schweres und exotisches Element gar keine Verwendung hat) kaum angereichert, sondern zum allergrößten Teil wieder ausgeschieden. Es mag Gründe geben, daß die Situation im Irak sich mit dem Kosovo nicht vergleichen läßt, doch bleiben diese Gründe spekulativ. Die Behauptung gar, abgereichertes Uran sei für eine Epidemie von Mißbildungen bei Neugeborenen verantwortlich, und zwar, weil die Väter als Soldaten abgereichertem Uran ausgesetzt waren, erscheint noch in weit höherem Maß spekulativ. Nicht, daß derartiges geradezu unmöglich wäre. Aber es würde doch sehr dem zuwiderlaufen, was wir über die gesundheitlichen Wirkungen einer Uranexposition bisher zu wissen glaubten.

Es ist nun nicht so, daß ich in all diesen Fragen Expertenwissen besäße, weil ich mich seit langem mit solchen Dingen beschäftigt hätte. Es war aber nicht übermäßig mühsam, sich diese Informationen zu verschaffen (das WHO etwa hat Untersuchungen über die Wirkungen von abgereichertem Uran gesammelt und teilweise initiiert, und diese Untersuchungen sind frei zugänglich), es war so wenig mühsam, daß auch einem Journalisten diese Arbeit zuzutrauen sein sollte. Der betreffende stern-Artikel freilich beruht auf einer Kette von wilden und waghalsigen Spekulationen, die allesamt nur darauf abzielen, die Amerikaner als barbarisch und unmenschlich erscheinen zu lassen. Kurz: wider besseres Wissen soll eine Sensation gemacht werden.

Was ergibt sich nun daraus? Daß den Irakern eine bessere medizinische Versorgung als bisher dringend zu wünschen ist. Daß ein Abonnement des sterns für mich nicht in Frage kommt. Daß wir nur die Wahl zwischen proamerikanischen und antiamerikanischen Propagandalügen haben.



26.3.2003





Kurze, vereinfachende Zusammenfassung des Anarchie-Modells: mehrere Staaten existieren parallel auf ein und demselben Territorium, die Bürger entscheiden, welchem Staat sie angehören wollen. Vorteil: es kommt zu einer effektiveren Auslese der Regierungen. Im jetzigen Modell haben wir nur die Wahl zwischen verschiedenen Regierungsbewerbern (die uns alles mögliche versprechen können, von denen wir aber nicht wissen, was sie wirklich taugen), nicht aber zwischen verschiedenen Regierungen.





Eine Mutter, die stolz die ersten Gehversuche ihres Kindes betrachtet, ein erfahrener Fahrkartenkontrolleur, der auch bei der dümmsten Ausrede nicht die Geduld verliert, ein junger Mann, dem es zum ersten Mal begegnet, daß das Mädchen, das er liebt, ihn wiederliebt, der Direktor einer Fabrik zur Herstellung von Garnspulen, der ein Dutzend verschiedener Aufnahmen des „Nibelungenrings“ besitzt, George Bush, der sich beim Aufwachen in seinem Bett auf seine morgentliche Lektüre evangelikaler Erbauungsschriften freut, ein Diktator, verantwortlich für das Verhungern unzähliger Menschen, der die kühnsten Architekten seines Reiches zum Bau seiner Paläste versammelt, ein Welteroberer, der alle Lebewesen links des Ganges zu Brei zermalmt und alle Lebewesen rechts des Ganges zu Brei zermalmt und verliebt ist in das Glänzen und Funkeln seiner Waffen, wäre nicht ihnen allen ein langes und glückliches Leben von Herzen zu wünschen?



29.3.2003





Ein klein wenig muß ich mich wundern, welche Wunderwerke derzeit der UNO zugeschrieben werden. Wenn irgend so ein Gremium der UNO, so heißt es, einen Krieg beschließt, so ist dieser Krieg heilig, wenn es ihn nicht beschließt, Sünde. Falls morgen ein demokratisch nicht legitimiertes und durch eine externe Instanz nicht kontrolliertes Gremium der UNO mit der Mehrheit seiner Mitglieder beschließt, eine weltweite Kampagne zur Förderung der Pest oder der Genitalverstümmelung oder des Analphabetismus zu starten, dann Hurra geschrieen, denn die UNO ist die oberste und höchste Quelle der Legitimität.





Zwei Sätze des abgeschlossenen Quartals zur politische Lage, die inzwischen ziemlich seltsam klingen: am 13.2., daß Chirac sich auf die Seiten der Amerikaner schlagen wird, am 1.3., daß es kein überzeugendes Argument für die Annahme gibt, der Krieg werde lange dauern. Ebenfalls töricht die Bemerkung vom 16.9.2002, daß das störrische Verhalten Schröders zu Bushs Kriegsplänen realpolitisch töricht sei: denn ohne diese Haltung stünde Schröder ja jetzt noch viel schlechter da, die Ankündigung, das Krankentagegeld aus der gesetzlichen Krankenversicherung auszugliedern, wird, für sich allein genommen, seine Popularität ja wohl kaum vor einem Sturz ins Bodenlose gerettet haben, dazu braucht es schon einen Krieg, den alle blöd finden. Und Realpolitik heißt ja wohl, die höchst eigenen persönlichen Interessen zu vertreten.





„Bringt mich zu eurer Königin“ fanden bislang zwei von vierzehn Lesern hilfreich. Danke, danke.



31.3.2003





Es sieht so aus, als würde der Krieg auch kommerziell interessant. So habe ich etwa heute die folgende Email erhalten:

Wehrt Euch gegen den Krieg

Wir verurteilen den von der Bush Regierung angezettelten 
Krieg gegen die Irakische Bevölkerung und wollen nicht 
untätig mit ansehen, wie tausende unschuldiger Menschen in 
den Tod getrieben werden. Es ist unser Ziel, dass sich 1 
Million Menschen per Fax an George Bush wenden und damit 
ein Zeichen setzen um gegen diesen unsinnigen Krieg zu 
protestieren. Bitte senden sie ein blanko Fax mit ihrem 
Namen und ihrer Adresse an die folgende Fax Nummer:

Fax Nummer: 0190 ******

Herr Bush wird sicher sehr beeindruckt sein, wenn wir alle ein Blanko-Fax mit unserer Unterschrift an eine 0190er Nummer schicken. Und für alle, die den Krieg im Fernsehen verpaßt haben, hier das Computerspiel zum Krieg:

Alliierte Truppen

Allied 1
Infanterist Kann zum Marine ausgebaut werden.


Allied 2
Luftlandetruppen Können von Lufteinheiten transportiert werden. Verteidigung mal 1/2.


Allied 3
Kreuzfahrer Erhöht den Fanatismus der übrigen Einheiten einer Gruppe um den Faktor 2 (kumulativ).


Allied 4
Sondereinsatzkomando Stealth-Modus. Verdoppelte Angriffskraft.


Allied 5
M1 Abrams Panzer Feuerkraft 1000 Angriffspunkte, Verteidigung 1000 Abwehrpunkte.


Allied 6
Tomahawk Vernichtet alle Einheiten auf neun aneinander grenzenden Feldern.


Allied 7
B 52 Überwindet Stadtmauern. Erzeugt Schock und Ehrfurcht. Kann zu Splitterbombenwerfer aufgewertet werden.


Allied 8
AH-64 Apache Verschießt panzerbrechende Munition aus abgereichertem Uran.


Allied 9
B 2 Stealth. Feuerkraft 10.000 Angriffspunkte. Kann mit GPS zu intelligenten Raketen ausgebaut werden.






Irakische Horden

Evil 1
Gemeiner Soldat Verteidigungs- und Angriffswerte sind halbiert. Läft nach dem ersten Gefecht zum Feind über.


Evil 2
Republikanische Garde Doppleter Verteidigungswert. Hinterhältigkeit. Kann zu Folterknecht ausgebaut werden.


Evil 3
Mullah Erhöht den Fanatismus der übrigen Einheiten einer Gruppe um den Faktor 2 (kumulativ).


Evil 4
Verrückter Wissenschaftler C-Waffen verfügbar. Kann zu B-Waffen ausgebaut werden. Kann zu A-Waffen ausgebaut werden.


Evil 5
T-72 Feuerkraft 9½ Angriffspunkte, Verteidigung ¼ Abwehrpunkte. Bedienungsanleitung auf russisch liegt bei. Kann zu Traktor ausgebaut werden.


Evil 6
Al Samud Kann zu Langstreckenwaffe ausgebaut werden.


Evil 7
Guerilla-Kämpfer Stealth, Heimtücke.


Evil 8
Steinschleuder Kann zu Ballista ausgebaut werden. Reichweite 1 Feld.


Evil 9
Kollateralschaden Kann zu Propaganda aufgewertet werden.







Neutrale Jammerlappen

Coward 1
RAF Tornado Kann von beiden Seiten abgeschossen werden (von Alliierten nur durch friendly fire).


Coward 2
UNO-Waffeninspektor Halbiert die Wirkung von Al-Samud.


Coward 3
UNO-Hilfslieferung „Öl für Nahrung“ Halbiert die Wirkung von Kollateralschaden.


Coward 4
Barbarenführer „Schröder the Hun“ Bewirkt nichts.


Coward 5
Geheime Waffenlieferung aus Syrien Sneak Preview auf Gulf War III.

 





2.4.2003





Shishikura hat schon 1994 bewiesen, daß der Rand der Mandelbrotmenge die Hausdorffdimension 2 hat; und ich dachte die ganze Zeit, diese Behauptung sei noch unbewiesen.





Am kürzesten hat Barbara zusammengefaßt, was von Ulla Schmidts Idee, die Rente der Kinderlosen zu kürzen, zu halten ist: „die Hälfte von Null ist immer noch Null.“



3.4.2003





In einer frühen Übung habe ich erklärt, wie sich verschiedene geometrische Figuren nach dem Grad ihrer Konkavität einteilen lassen. Die dort gegebene Definition ist aber nicht besonders interessant. Wenn wir uns wirklich enrsthaft dafür interessieren, wie konvex ein Gebilde ist, schlage ich statt dessen folgendes Verfahren vor: Gegeben sei eine Menge A als Teilmenge des ℝn, deren Konvexität wir bestimmen wollen. Jedem Punkt x ∈ A ordnen wir die Menge Ax aller Punkte, die sich von x aus auf einer Strecke, die ganz in A verläuft, erreichen lassen, zu; Ax ist offensichtlich ein Sterngebiet, eine Teilmenge von A, und enthält mindestens x. Die Sichtweite von x, s(x), definieren wir für ein Maß μ (normalerweise werden wir dabei das Lebesgue-Borelsche Maß wählen) als s(x) = 

μ(Ax)
μ(A)
. Als Konvexität der Menge A definieren wir das mit der Größe von A normierte Integral von s über A, also κ(A) = 
 
x ∈ A
s(x) dμ.


Ein klein wenig mißlich ist, daß κ(A) nicht für alle Mengen A definiert ist. Offensichtlich muß A wenigstens borelsch sein, da ja sonst selbst μ(A) nicht definiert ist, aber selbst das genügt nicht: A könnte ja zum Beispiel eine ganz harmlose offene, zusammenhängende und sogar konvexe Menge sein, die aber leider zufällig unendliches Maß hat.

Ansonsten aber können wir nun leicht die Konvexität verschiedener einfacher, beschränkter Gebilde berechnen. Eine Quadrat etwa hat die Konvexität 1, zwei disjunkte Quadrate gleicher Größe haben zusammen die Konvexität 1/2. Drei Quadrate gleicher Größe, die gemeinsam eine zusammenhänges „L“ bilden, haben die Konvexität 8/9. Und so weiter.





Ach ja, außerdem erwähne ich ein paar Tage weiter oben einen Wettbewerb um große natürliche Zahlen. Dazu habe ich einige weitere Bemerkungen aufgeschrieben, die sich aber für HTML leider wenig eignen und deshalb als PDF vorliegen: Große Zahlen (BigNumbers.pdf).



5.4.2003









[Die nachfolgenden Skizzen habe ich erst am 19.8.2004 ins Netz gestellt. Da ich bei einigen Skizzen über ein Jahr Zeit hatte, über sie nachzudenken, und viele von ihnen nachträglich blöd und platt fand, habe ich etliche von ihnen gestrichen, andere mit Anmerkungen versehen.]







Was ich für ein pädagogisches Beispiel hielt (im Sinne von Bogosort, das ja auch niemand wirklich verwendet), das gibt es wirklich: eine Homepage aus HTML-Seiten, die jeweils nur aus einer einzigen Graphik und einer komplizierten Imagemap besteht, wobei die Graphik das Aussehen einer gewöhnlichen Seite imitiert: www.madisonenvironmental.com.



6.4.2003





Gerade habe ich mit Bleistift auf einen Schmierzettel einen Satz gekritzelt, in dem der Ausdruck „Stufe 2“ vorkam. Dabei hatte ich das deutliche Bewußtsein, daß „Stufe“ und „2“ auf keinen Fall getrennt werden sollten, so daß ich versucht war, zwischen beide ein geschütztes Leerzeichen einzufügen. Mit dem Bleistift ist das aber natürlich gar nicht möglich.





Dem gutmütigen Naiven scheint es, als gäbe es gewisse Prinzipien des zwischenmenschlichen Umgangs, die als ethische Maßstäbe auch Anwendung auf das Handeln des Staatsmannes finden könnten. Wenn etwa das zwischenmenschliche Handeln vom Prinzip bestimmt wird, nicht zu töten, so sollte, so die naive Meinung, auch der Staatsmann keine Tötungen anordnen lassen. Da wir unser Handeln gewöhnlich nicht nur von einem Prinzip allein leiten lassen, kann es zu Konflikten zwischen unseren verschiedenen Prinzipien kommen, so daß es geschehen kann, daß wir mit einem Prinzip brechen müssen, um ein anderes durchzusetzen. Aber jedenfalls sollte doch gelten, daß, wenn ein einzelner Bürger nicht morden darf, daß dann auch der Staatsmann keine Kriege beginnen darf.

Der Staatsmann jedoch weiß es besser. Es verhält sich nämlich, so der Staatsmann, so, daß der Staatsmann aufgrund seiner staatsmännischen Weisheit die Zusammenhänge von Ursache und Wirkung durchschaut und deshalb verpflichtet ist, Unrecht und Verbrechen zu begehen, um schlimmeres Unrecht und schlimmere Verbrechen zu verhüten. So muß der Staatsmann hundert Menschen in den Tod schicken, um tausend Menschen zu retten. Er muß zum seinem Bedauern den Tod von zehntausend Menschen in Kauf nehmen, um Millionen von Menschen zu retten.

Nun kann gewiß darüber diskutiert werden, ob es ethisch zulässig, geboten oder verwerflich ist, wenige Menschen zu opfern, um viele zu retten. Mancherlei Prinzipien und Ansichten stehen dem entgegen, andere sprechen dafür. Gewöhnlich aber ist es dabei so, daß zwischen der Opferung der wenigen und der Rettung der vielen eine zeitliche Lücke klafft, die von einer mehr oder weniger komplizierten Kausalität gefüllt wird. Eben deswegen braucht es ja die staatsmännische Weisheit, um diese Kausalität zu durchschauen.

Es stellt sich die Frage, ob unsere Staatsmänner tatsächlich qualifiziert sind, die nötigen Prophezeiungen und Orakel zu produzieren. Ich meine, sie sind es nicht (und deshalb scheint mir die naive Ansicht, nach der auch Staatsmänner kein Unrecht begehen dürfen, als regulatives Prinzip durchaus annehmbar). Der Grund dafür ist, daß ich glaube, daß die anspruchsvollen Prophezeiungen und Orakel, die hier nötig sind, von überhaupt niemanden geleistet werden können, daß es hier einer übermenschlichen Einsicht bedarf.

Es wird gelegentlich bedauert oder beklagt, die Politiker demokratischer Staaten seien unfähig, beim Fällen ihrer Entscheidungen über den nächsten Wahltermin hinauszudenken. Überlegungen, die einen längeren Zeitraum als vier Jahre umfassen, sind ihnen nicht zugänglich, ja, in der Regel ist ihr Horizont auf ein einziges Jahr beschränkt , denn immer sind irgendwo regionale Wahlen, immer gibt es neue Umfragen. Weitaus gefährlicher aber scheinen mir Staatsmänner, die den Ehrgeiz haben, lange Zeiträume zu überblicken, und am gefährlichsten ist ein Staatsmann, der das Schicksal der nächsten tausend Jahre gestalten möchte.

Damit soll nicht gesagt sein, daß eine Politik, die lediglich den Zeitraum eines einzigen Jahres überschaut, unproblematisch wäre. Die demographische Entwicklung unserer Gesellschaft erfordert ein Handeln, das die Veränderungen der nächsten fünfzig Jahre berücksichtigt. Die ökologische Entwicklung unserer Biosphäre erfordert ein Handeln, daß noch sehr viel längere Zeiträume in die Betrachtung mit einbezieht. In der Tat ist es höchst problematisch, daß das bisherige politische Handeln in Bezug auf diese Gebiete ein erstaunliches Maß an Kurzsichtigkeit aufweist. Die vorgeschlagenen Maßnahmen sind nicht selten von grotesker Unzulänglichkeit. Aber wir haben es hier, scheint mir, mit einer etwas anderen Situation zu tun. Die Prophezeiung, die Bevölkerung unseres Landes stehe aufgrund des Kindermangels vor einer nie dagewesenen Überalterung, ist keine besonders anspruchsvolle Prophezeiung: sie läßt sich mit ein wenig unstrittigem statistischen Datenmaterial und den Grundrechenarten belegen. Prophezeiungen zur künftigen Klimaentwicklung sind sehr viel anspruchsvoller und wenig vertrauenswürdig, aber die simple Aussage, Eingriffe in das Klimasystemen könnten mit hoher Wahrscheinlichkeit überproportionale Folgen zeitigen, ist sehr viel bescheidener. Außerdem, und dies wiegt wohl noch mehr, sind die Maßnahmen, die sich in Verbindung mit unseren Prinzipien aus diesen Prophezeiungen ergeben, doch zumeist nur solche, die darin bestehen, die Reichtümer und Überschüsse unserer Gesellschaft ein klein wenig anders zu verteilen. Es geht darum, wer an bescheidenem und wer an unbescheidenem Wohlstand teilhaben darf, aber es geht bei den zu ergreifenden Maßnahmen nicht um Fragen von Leben und Tod. Es ist deshalb gut möglich, daß uns bei der Einschätzung der künftigen Entwicklung viele gravierende Fehler unterlaufen und deshalb die von uns ergriffenen Maßnahmen höchst ungerecht sind, aber diese Maßnahmen beinhalten nicht Mord und Totschlag. Selbst hier freilich sollten wir unserem Wissen und unserer Klugheit und insbesonders unserer Sehergabe nicht allzu große Wunder zutrauen und uns nicht ohne Not zu umstürzenden und radikalen Maßnahmen verleiten lassen.

Ich will ein bekanntes Beispiel staatsmännischer Weisheit erwähnen. Nach dem zweiten Weltkrieg erkannten die führenden Staatsmänner die Gefahr der kommunistischen Bedrohung, und sie versuchten, sich gegen diese Gefahr zu wappnen. Zu bedenken war die Möglichkeit eines direkten Angriffs der Sowjetunion oder Chinas, zu bedenken waren aber auch subtilere Verhängnisse. So gab es eine Reihe von Entwicklungsländern (und eigentlich waren ja auch Rußland und China Entwicklungsländer gewesen), die sich anfällig zeigten für die Verführungen des Kommunismus. War hier ein Land erst einmal gefallen, so würden andere ihm bald folgen, so, wie ein fallender Dominostein andere mitreißt. Viele haben sich gewundert, mit welcher Vehemenz sich das reiche und mächtige Amerika gegen die weit unterlegenen Nordvietnamesen wehrte, so, als stünde ein Einmarsch der Nordvietnamesen in Amerika unmittelbar bevor, wovon doch keine Rede sein konnte. Aber der staatsmännische Weitblick der amerikanischen Führung erkannt, daß Vietnam nur ein Dominostein der Weltpolitik war, an Vietnam mußte ein Exempel statuiert werden, denn andernfalls würden nach und nach andere Entwicklungsländer folgen, und am Ende wäre Amerika umzingelt von einer Welt von Kommunisten, und dann würde auch die amerikanische Freiheit sich nicht länger halten können. Was dem naiven Blick absurd erscheint, daß nämlich die Nordvietnamesen die amerikanische Freiheit bedrohen sollten, das erkannte staatsmännischer Weitblick als nur allzu wahr: denn eine genaue Betrachtung der Ursachen und Wirkungen, der Ereignisse und ihrer Folgen zeigte, daß die Nordvietnamesen praktisch tatsächlich schon an der Küste Amerikas angelangt waren, und wenn es nicht gelang, sie zu besiegen, so war Amerika verloren, und die ganze Welt würde rot werden. Insofern war es durchaus rational, sich zu verhalten, als stünde man mit dem Rücken zur Wand, denn die staatsmännische Weitsicht offenbarte, daß man tatsächlich mit dem Rücken zur Wand stand und daß daher jedes Mittel legitimiert war: der Einsatz von Chemiewaffen, Massaker an der Zivilbevölkerung, die Bombardierung neutraler Nachbarn, die Täuschung der eigenen Legislative bis hin zur Bespitzelung oppositioneller Politiker.

Es kann, meine ich, im Rückblick kaum Zweifel daran bestehen, daß die Bombardierung Kambodschas durch die Amerikaner (in Verbindung mit dem durch die CIA angezettelten Sturz des kambodschanischen Königshauses) zur Machtergreifung der roten Khmer in Kambodscha geführt hat. Diese wiederum errichteten nicht nur ein kommunistisches Regime, sie errichteten eine Terrorherrschaft, für die es selbst in der Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts kaum ein Beispiel gibt.

Versuchen wir rückblickend, die Genauigkeit des staatsmännischen Blicks in die Zukunft zu bewerten, ergibt sich daher ein katastrophaler Befund. All die durchgeführten Maßnahmen konnten das eigentliche Ziel, eine kommunistische Herrschaft in Vietnam zu verhindern, nicht erreichen. Sie führten sogar zusätzlich zu einer weiteren, besonders grausamen kommunistischen Diktatur in einem weiteren südostasiatischen Land. Andererseits hat es sich als durchaus irrig erwiesen, mit Vietnam würden generell weitere Entwicklungsländer und schließlich alle Länder der Erde kommunistisch werden (die Annahme, die ja überhaupt nur all die ergriffenen Maßnahmen rechtfertigen konnte). Statt dessen ist inzwischen der Kommunismus recht friedlich verschieden und spielt als Ideologie keine Rolle mehr (auch wenn einige Länder sich weiterhin kommunistisch nennen, aber dabei handelt es sich lediglich um eine überkommene Tradition). Die sich über den Blick gewöhnlicher Sterblicher erhebende staatsmännische Weitsicht hat sich also als blind und irrend erwiesen. Ich meine, es kann von keinem Staatsmann und von keinem Politiker fairerweise verlangt werden, daß er die Herrschaft eines Pol Pot vorhersagen kann, aber eben diese übermenschliche Fähigkeit zur Weissagung muß ein Staatsmann in Anspruch nehmen, wenn er sich zu solchen Greueln entschließt wie der Bombardierung eines neutralen Landes, wenn er sein Verhalten ethisch rechtfertigen will, denn er muß ja angeben können, wieso und inwiefern aus seinen gegenwärtigen üblen Taten in der Zukunft gutes hervorgehen wird.

Wir wollen kurz noch ein zweites Beispiel betrachten. Der völkerrechtswidrige Einmarsch westlicher Truppen in Jugoslawien wird allgemein weit positiver bewertet, als der Einsatz der Amerikaner in Vietnam. Zum einen ist dabei aber zu beachten, daß die Erwartungen an die Folgen des Einsatzes hier eben zufällig erfüllt, dort zufällig nicht erfüllt wurden. Manchmal gehen staatsmännische Orakeleien in die Irre, manchmal auch treffen sie zufällig das Richtige. Zum anderen war hier die Motivation nicht eine anspruchsvolle Prophezeihung irgendwelcher künftiger Folgen und Wirkungen, sondern konkrete Berichte über einen beginnenden Völkermord und Bürgerkrieg, etwas bereits aktuell vorliegendes sollte beendet werden. Hier brauchte es deshalb keinen staatsmännischen Weitblick, um komplizierte Geflechte aus künftigen Folgen und Wirkungen zu überschauen. Auch ein vergleichsweise naiver Blick auf das konkret Gegebene war imstande, nachzuvollziehen, wieso hier ein Prinzip einem anderen Prinzip geopfert werden sollte.

[Zusatz 2004: es läßt sich natürlich argumentieren, die amerikanischen Regierungen hätten bloß den bedrängten Südvietnamesen zu Hilfe eilen wollen.]

Freilich unterscheidet sich das konkret Gegebene und das nur in visionärer Schau Erahnbare nur dem Grad nach. Auch in Jugoslawien hätte es geschehen können, daß all unser vermeintliches Wissen sich als gräßlicher Irrtum herausstellt und wir in bester Absicht verheerendes Unrecht begehen (dies ist unabhängig davon, wie wir uns bei der Abwägung zwischen verschiedenen Prinzipien entscheiden: es konnte jemand der Ansicht sein, ein Krieg könne zwar in der gegebenen Situation einen Völkermord verhindern, Krieg dürfe aber niemals als politisches Mittel eingesetzt werden, es konnte aber auch jemand der Ansicht sein, Krieg als politisches Mittel sei zwar grundsätzlich zulässig, im vorliegenden Fall aber wüßten wir nicht mit hinreichender Gewißheit, daß unser Eingreifen tatsächlich einen Völkermord verhindern und nicht vielmehr alles nur noch viel schlimmer machen würde). Jedenfalls sollten wir verlangen, daß, je drastischer ein Eingriff ist, seine Begründung um so weniger von staatsmännischer Weitsicht abhängen darf.



10.4.2003





An einem Produkt können sich zweierlei Arten eingeschränkter Nutzung festmachen. Wenn ich etwa beispielsweise ein Gemälde kaufe, darf ich das Gemälde nicht ohne weiteres verbrennen und die Asche im Garten vergraben, sondern ich muß dem Künstler mit vertretbarem Aufwand die Möglichkeit geben, nachträglich Reproduktionen des Werkes anzufertigen. Ich kann auch auf den Einfall kommen, der Regierung eines befreundeten Staates Waffen zu verkaufen, aber mit der Maßgabe, daß diese Waffen nur zur Verteidigung eingesetzt werden dürfen. Eine ganz andere Art der eingeschränkten Nutzung ist, daß ich zwar das einzelne Exemplar verkaufe, das platonische Urbild aber als Eigentum behalte, das heißt, der Käufer darf keine Kopien des erworbenen Exemplars anfertigen und weiter vertreiben, da ich das Urheberrecht besitze. Hier handelt es sich quasi um einen anderen Gegenstand: wir haben einerseits das konkrete, fleischliche Exemplar, andererseits die Idee, das Urbild, und ich kann entweder das eine verkaufen oder das andere oder beides, ich kann das Fleisch verkaufen und das Urbild behalten oder auch (wenn ich nur die Rechte an der Idee veräußere, ohne eine Werkprobe beizugeben) umgekehrt. Auch wenn ich die Idee, das Urbild verkaufe, kann ich Klauseln vereinbaren, die die anschließende Verwertung einschränken: wenn ich etwa die Rechte der Verfilmung eines Buches verkaufe, dabei aber Bedingungen stelle, daß die Verfilmung jedenfalls nur so-und-so, keineswegs so-und-so erfolgen dürfe.

Der Besitz eines physikalisch konkret vorhandenen Gegenstandes scheint einigermaßen klar zu sein: ich besitze den Gegenstand, wenn er in meiner Gewalt ist. Aber das ist eine hoffnungslos naive Auffassung: wenn ich einen Gegenstand verleihe, so bleibt er in meinem Besitz, auch wenn er nicht mehr in meiner Gewalt ist. Schon der Schutz des materiellen Eigentums bedarf gesetzlicher Regeln, die Besitz als eine abstraktere und raffiniertere Eigenschaft als die bloße Verfügungsgewalt begreift. Es kann daher kein Einwand gegen die Rechtmäßigkeit des Urheberrechts sein, daß dieses Recht sich auf etwas Ungreifbares bezieht.

Freilich glaube ich nicht, daß sich das Recht auf die Unangreifbarkeit des Besitzes irgendwie naturrechtlich ableiten läßt. Da ja der Besitz eine über die Verfügungsgewalt hinausgehende Abstraktion ist, ist der Besitz eine Leistung der Gesellschaft, die daher auch stets Ansprüche an den Besitzenden stellen wird. Innerhalb der Gesellschaft kann ein Einzelner sich durch seine Arbeit Besitz erwerben, aber dieser Besitz verfällt auch wieder (durch Steuern, durch Enteignungen, durch Schimmel, durch Ablauf der Urheberrechtsfristen, durch Inflation, bei jedem Generationenwechsel, durch obsoletmachenden technischen Fortschritt, durch Unterhaltszahlungen, und so weiter) und soll auch verfallen, um nicht eine nutzlose Kaste der Besitzenden dauerhaft entstehen zu lassen (es mag hingehen, daß ein Einzelner die erste Hälfte seines Lebens arbeitet, um in der zweiten Hälfte die Früchte seines Besitzes zu genießen, aber daraus soll kein die Generationen unverändert überdauernder Vorteil des Besitzes werden).

Wenn wir daher wissen wollen, wie haltbar das Urheberrecht sein soll, dann gibt es darauf keine natürliche Antwort. Statt dessen werden wir einen Kompromiß finden müssen zwischen den Interessen der Produzenten und den Interessen der Konsumenten.

Mir scheint allerdings, als sei in einigen westlichen Industrieländern die Lobby der Produzenten mit größerem Erfolg aufgetreten als die Lobby der Konsumenten. Insbesondere ist es den Produzenten gelungen, das Urheberrecht mit Einschränkungen am erworbenen Recht am einzelnen Exemplar eines Produkts zu verwirren. So ist es mir aus Urheberrechtsgründen verboten, Kopien eines Werkes anzufertigen und in Umlauf zu bringen. Aber selbstverständlich ist es mir erlaubt, Kopien anzufertigen und sie nicht in Umlauf zu bringen. Ebenso, wie ich ein von mir erworbenes Taschenbuch oder eine von mir erworbene CD verbrennen oder als Unterlegscheibe für einen wackelnden Tisch verwenden darf, ohne daß der Produzent mir das verwehren dürfte, selbst wenn ich die von ihm produzierten Werke dadurch anders verwende, als er das gerne möchte, ebenso darf ich auch Kopien anfertigen.

Um die Vervielfältigung und Verbreitung ihrer urheberrechtlich geschützten Werke zu unterbinden sind einige Produzenten dazu übergegangen, die Kopierfähigkeit ihrer Werke mit technischen Mitteln zu behindern. Es handelt sich dabei aber um einen Eingriff in meine Rechte: mir wird verwehrt, ein von mir erworbenes und dadurch in meinem Besitz verbindliches Produkt so zu benutzen, wie ich das gerne möchte. Tatsächlich kann ich legitime Gründe anführen, warum etwa ich von mir erworbene CDs gerne kopieren möchte, etwa weil ich mir eigene CDs mit Werken verschiedener Interpreten oder eines einzigen Interpreten aus verschiedenen Alben zusammen stellen möchte. Aber darauf kommt es nicht an: schließlich muß ich nicht begründen, warum ich wie mit meinem Eigentum umgehe. Komme ich auf die an sich ja doch recht unsinnig wirkende Idee, eine CD als Unterlegscheibe für einen wackelnden Tisch zu benutzen, muß ich mich für diese Verwendung ja auch nicht rechtfertigen und erklären, warum mein Verhalten wohlanständig und sittlich gerechtfertigt ist, ich lege einfach die CD unter das Tischbein und rate jedem, sich nicht in meine Angelegenheiten einzumischen.

Ist ein von mir erworbenes Produkt mit einem Kopierschutz versehen, dann bedeutet das, daß es von meiner Seite womöglich vermehrter Anstrengungen bedarf, um das Produkt doch noch zu kopieren. Nun fällt es den Produzenten ein, ein neues Gesetz zu verlangen: das Umgehen des Kopierschutzes soll nun Unrecht sein. Das aber scheint mir eine sehr bedenkliche und besorgniserregende Entwicklung zu sein: sie läuft darauf hinaus, den Produzenten das Recht einzuräumen, ein Produkt zu verkaufen und gleichzeitig doch zu behalten. Ich soll für das Produkt bezahlen, ich soll es aber nicht besitzen dürfen. Stellt der Kopierschutz einen Versuch dar, mir die Verfügungsgewalt über meinen Besitz zu entziehen, also mich zu berauben, so soll ich nun etwas erwerben, was mir anschließend nicht gehört, ich soll also betrogen werden.

Etwas freundlicher können wir formulieren: statt Produkte zu erwerben, soll ich überredet werden, mich mit einer Erbpacht gegen Einmalbeitrag zu begnügen. Aber warum sollte ich mich mit einer Erbpacht gegen Einmalbeitrag begnügen, wo ich doch bisher gewohnt war, Produkte zu erwerben? Welchen Vorteil habe ich davon? Und welche Vorteile hat unsere Gesellschaft davon? Wird der freie Austausch der Waren dadurch nicht behindert und ins Stocken gebracht, wenn künftig an jedem Ding tausend Rechte zurückliegender Besitzer kleben bleiben?

[Zusatz 2004: Siehe aber andererseits das Beispiel des verkauften Gemäldes, an dem ebenfalls noch alte Rechte kleben bleiben.]





In diesem Zusammenhang wollen wir uns das Vergnügen machen, einmal im Namen des Volkes zu sprechen.

Ausgangspunkt ist folgendes Problem: ein bekannter Hersteller von Computersoftware, nennen wir ihn einmal „die Klägerin“ läßt ihr relativ teures Betriebssystem (im Vergleich zu völlig kostenlosen Betriebssystemen) gerne zusammen mit neuen Rechnern vertreiben, um so Raubkopien zu verhindern. Wird das Betriebssystem zusammen mit neuen Rechnern verkauft, so ist das Betriebssystem viel billiger, als wenn es einzeln gekauft wird. Da die Klägerin nicht selbst Computer herstellt, verkauft sie ihr Betriebssystem an Computerhändler mit der Auflage, das Betriebssystem nur zusammen mit einem Computer zu verkaufen; diese Fassung des Betriebssystems hat, versteht sich, eine angelsächsische Abkürzung als Namen, nämlich „OEM“. Ein solches Paket aus Computer und vergünstigter „OEM“-Betriebssystemsoftware wurde an einen Zwischenhändler, nennen wir ihn „die Beklagte“, verkauft. Die Beklagte nun wieder erfrechte sich, die OEM-Software ohne neuen Rechner weiter zu verkaufen, obwohl doch die Klägerin „Darf nur zusammen mit einem neuen Rechner verkauft werden“ in fetten Lettern auf ihren Datenträger geschrieben hatte, weshalb denn die Klägerin die Beklagte verklagte. Denn nach der Vorstellung der Klägerin hat sie zwar ihr Produkt verkauft, aber doch zugleich behalten und ihre Rechte an dem Produkt nicht aufgegeben, und keineswegs kann ein Käufer mit dem Produkt tun und lassen, was ihm beliebt. Das Gericht folgte dieser Argumentation auch, soweit dies den ursprünglichen Händler betraf, setzte aber voraus, daß im folgenden das Recht der Klägerin nach jedem weiteren Verkauf an ihrem Produkt erschöpft sei (wenngleich es einige Instanzen gedauert hat, bis das Gericht sich zu dieser Einsicht durchringen konnte). Und nun sprechen wir im Namen des Volkes:

„Ist ein Werkstück jedoch einmal mit Zustimmung des Berechtigten im Wege der Veräußerung in Verkehr gebracht worden, kann der weitere Vertrieb vom Berechtigten nicht mehr kontrolliert werden. Denn das Verbreitungsrecht ist nunmehr erschöpft (BGH GRUR 1986, 736, 737 f. - Schallplattenvermietung). Die nach § 32 UrhG zulässige dingliche Beschränkung des Nutzungsrechts wirkt sich nicht in der Weise aus, daß der Berechtigte nach dem mit seiner Zustimmung erfolgten Inverkehrbringen auch alle weiteren Verbreitungsakte daraufhin überprüfen könnte, ob sie mit der ursprünglichen Begrenzung des Nutzungsrechts im Einklang stehen oder nicht. Nach dem Erschöpfungsgrundsatz hängt der urheberrechtliche Verbrauch des Verbreitungsrechts allein davon ab, ob der Rechtsinhaber dem (ersten) Inverkehrbringen durch Veräußerung zugestimmt hat. Auf die Art und Weise der weiteren Nutzung braucht sich die Zustimmung nicht zu erstrecken. Denn bereits mit der (ersten) durch ihn oder mit seiner Zustimmung erfolgten Veräußerung gibt der Berechtigte die Herrschaft über das Werkexemplar auf; es wird damit für jede Weiterverbreitung frei. Diese Freigabe dient dem Interesse der Verwerter und der Allgemeinheit, die in Verkehr gebrachten Werkstücke verkehrsfähig zu halten (vgl. BGHZ 80, 101, 106 - Schallplattenimport I; BGH GRUR 1986, 736, 737 - Schallplattenvermietung). Könnte der Rechtsinhaber, wenn er das Werkstück verkauft oder seine Zustimmung zur Veräußerung gegeben hat, noch in den weiteren Vertrieb des Werkstücks eingreifen, ihn untersagen oder von Bedingungen abhängig machen, so wäre dadurch der freie Warenverkehr in unerträglicher Weise behindert (vgl. bereits RGZ 63, 394, 397 ff. - Koenigs Kursbuch).

[...]

Die von der Klägerin erstrebte Beschränkung der Erschöpfungswirkung liefe demgegenüber darauf hinaus, daß die vertraglich eingegangenen Bindungen nicht nur inter partes, sondern gegenüber jedermann Wirkung entfalten könnten. Eine derartige Verdinglichung schuldrechtlicher Verpflichtungen ist dem deutschen Recht fremd; sie ist auch im Interesse der Verkehrsfähigkeit nicht erwünscht (vgl. BGH, Urt. v. 1.12.1999 - I ZR 130/96, WRP 2000, 734, 737 - Außenseiteranspruch II, zur Veröffentlichung in BGHZ bestimmt).

Im übrigen ist nicht erkennbar, weshalb die Klägerin darauf angewiesen ist, die vereinbarten Verwendungsbeschränkungen ungeachtet vertraglich auferlegter Verpflichtungen gegenüber jedermann durchzusetzen. Ihr Interesse, gegenüber zwei verschiedenen Käufergruppen unterschiedliche Preise für dieselbe Ware zu fordern und dies mit Hilfe des Urheberrechts durchzusetzen, erscheint nicht ohne weiteres schützenswert. Kann die Klägerin ihr Ziel, neue PCs sogleich mit einem Betriebsprogramm sowie einem Grundbestand an Standardsoftware auszustatten und auf diese Weise PC-Benutzer von der Verwendung von Raubkopien abzuhalten, nur durch ein preisliches Entgegenkommen erreichen, ist nicht von vornherein ersichtlich, warum nicht auch andere Kunden von dem günstigeren Preis der im Markt zirkulierenden Ware profitieren sollten.“

BGH, Urteil vom 6. Juli 2000 - I ZR 244/97





Es ist aber freilich zu befürchten, daß sich auch hier Gewalt durchsetzen wird: wenn etwa der erwähnte namhafte Softwarehersteller sich mit den Herstellern von Computern verbündet und diese ihre Rechner mit Chips ausstatten, die eine eindeutige Identifizierung des Rechners (etwa auch über Internet) ermöglicht, so daß es möglich ist, ein Programm zu verkaufen, das nur mit einem ganz bestimmten Rechner zusammen funktioniert.

Aus naiver Sicht wäre es natürlich, wenn ein Betriebssystem, das fest mit einem bestimmten Rechner verbunden ist und gemeinsam mit diesem verkauft wird, kostenlos ist, während ein universell einsetzbares Betriebssystem teuer ist. Zu erwarten ist aber wohl eher das Gegenteil.



14.4.2003





Ein transparent operierendes Verfahren ist eines, das heimlich, unbemerkt, schwer verständlich, undurchschaubar, ja, opak operiert. Ein opak operierendes Verfahren dagegen ist eines, das offen, merklich, verständlich, nachvollziehbar, ja, transparent operiert.





An der Börse versuchen die Akteure solche Aktien zu kaufen, die zukünftig von anderen Akteuren begehrt sein werden. Deshalb ist es so wichtig, dass eine bestimmte Aktie von einer gut klingenden Story begleitet wird: der Käufer gibt zwar auf diese Geschichte nichts, glaubt aber, dass vielleicht zukünftige Käufer auf die Story hereinfallen werden. Im Grunde ist es egal, welches Merkmal die Akteure für attraktiv halten: sobald einige von ihnen ein bestimmtes Merkmal attraktiv finden (Internetaktivitäten, Quartalsberichte, Entlassungen oder was auch immer), finden es eben deswegen auch alle anderen attraktiv.

Wir haben hier eine ähnliche Situation bei der sexuellen Selektion. Ein Weibchen wählt ein Männchen mit prächtigem Gefieder, weil es sich Söhne wünscht, die auf Weibchen möglichst attraktiv wirken. Das prächtige Gefieder ist deshalb attraktiv, weil es attraktiv ist. Eine aus welchen Gründen auch immer anfänglich entstandene zufällige Verschiebung in den Präferenzen (etwa für ein glänzendes Gefieder, das einen guten Gesundheitszustand anzeigt; für Entlassungen, die möglicherweise zu Produktivitätssteigerungen führen) wirkt selbstverstärkend, bis wir bei prächtigen Pfauenrädern angelangt sind.





Tapete wird mit Leim gekleistert,

Die Mutter ist vom Reim begeistert.



25.4.2003





Das Angenehme am Computer ist, daß in ihm die Entfernung, die Bewegung völlig virtuell wird. Einstens mußten wir, selbst wenn wir nur am Schreibtisch saßen und Bücher wälzten, doch Bücher vom Rand des Schreibtischs in die Mitte wälzen oder sogar aufstehen und zum Regal gehen, während am Computer sich das alles mit einem Schütteln des Handgelenks, aus dem Ärmel heraus erledigen läßt. Ich wandere nun nicht mehr von Regal zu Regal, sondern von Festplatte c:\ zu Festplatte d:\, und diese Wanderung geschieht sonder Mühe, ja, bis ans andere Ende der Welt kann ich reisen, ohne mich vom Stuhl zu erheben. Der Computer ist insofern das Omega, die Lichtgeschwindigkeit, der mystische ferne Punkt, an dem alles in eins fällt und alles Trennende aufgehoben ist.

Oder klingt das jetzt zu sehr nach Virilio?





Nehmen wir an, ein aufrechter Bürger, nennen wir ihn Tell, käme auf die Idee, sich sämtliche Folgen der Fernsehserie „Lexx - The Dark Zone“ anzuschauen. Nun gibt es hier ein kleines Problem. Von Lexx gibt es vier Staffeln. Die erste Staffel wurde im deutschen Fernsehen ausgestrahlt. Auch die zweite Staffel wurde im Fernsehen ausgestrahlt, wenn auch in lieblos verdrehter Reihenfolge. Die erste Staffel ist im übrigen auch auf DVD erhältlich. Die zweite Staffel ist auf deutsch nicht auf DVD erhältlich, wohl aber in Großbritannien im englischen Original. Die dritte Staffel dagegen ist nur in Amerika auf DVD erschienen, mit Regionalcode 1, und die vierte Staffel wurde selbst in Amerika bisher nicht auf DVD veröffentlicht. Nun hat Tell selbstverständlich die Möglichkeit, einen DVD-Player zu erwerben, der sich Code-free schalten läßt, die in Amerika bereits erschienen Folgen zu importieren und bei den noch nicht veröffentlichten Folgen auf die Veröffentlichung zu warten. Alles in allem bedeutet dies für Tell Kosten von mehreren hundert Euro, die Notwendigkeit weitergehender technischer Kenntnisse, einige Gänge zum Zollamt und mindestens mehrere Monate (Jahre?) Wartezeit, bis alle Folgen erschienen, bestellt und geliefert sind.

Die andere Möglichkeit besteht darin, sich sämtliche Folgen kostenlos aus einer Tauschbörse im Internet zu ziehen und auf CDs zu brennen. Der Vorteil dieses Verfahrens ist, daß es Tell höchstens zehn Euro kostet (da CDs inzwischen kaum noch etwas kosten und Tell ohnehin einen Flatrate-Breitband-Internetanschluß besitzt), daß er sämtliche Folgen sofort erwerben kann und daß er dazu noch nicht einmal sein Haus verlassen muß. Der offensichtliche Nachteil besteht darin, daß dieses Verfahren illegal ist, und daß die Aufnahmen von schlechterer Qualität sind.

Da es mir denkbar fern liegt, dich, liebe Leserin, zu illegalem Tun anzustacheln, empfehle ich dieses Verfahren nicht, rate dir nicht dazu, und werde dir im folgenden auch nicht detailliert und unter Angabe der entsprechenden Links erklären, wie es durchgeführt werden kann, so wenig, wie ich dazu rate, Bahnhöfe, T-Punkte oder Verkaufsräume von KarstadtQuelle in die Luft zu sprengen. Vielleicht aber, liebe Leserin, gelüstet es dich, noch etwas mehr aus der verbotenen Welt der Tauschbörsen zu erfahren.

Die wohl erfolgreichste Börse dieser Art wird durch ein Programm namens Kazaa vermittelt. Dieses Programm ist eine gefährliche Bauernfängerei für unbedarfte Jugendliche, da es gebündelt mit allerlei Werbe- und Spyprogrammen daherkommt, die Informationen über den Benutzer übermitteln. Jedes Tauschbörsenprogramm muß natürlich die Information übermitteln, was der Benutzer zum Tausch anbietet und was er zu tauschen wünscht – es ist aber nicht nötig, diese Informationen auch noch Werbetreibenden zu übermitteln. Infolgedessen gibt es, konkurrierend zu Kazaa, auch ein nobles Open-Source-Project, das ein Netzwerk namens Gnutella verwendet und (beispielsweise) über ein Java-Programm namens LimeWire betrieben wird. [Zusatz 2004: Diese Darstellung ist, historisch gesehen, völlig falsch. Außerdem dürfte Emule Kazaa demnächst den Rang ablaufen. Völlig unerwähnt bleiben noch ein paar Dutzend anderer Tauschprogramme, etwa Shareazaa] Da aber natürlich sämtliche unaufgeklärten Jugendlichen ihre Dateien über Kazaa tauschen, sind in Gnutella weniger Dateien zu finden, und LimeWire krankt an den üblichen Ressourcenproblemen eines Javaprogrammes unter Windows (Java und Windows sind beides Ressourcenkiller, die eigentlich nicht besonders gut zueinander passen). Ein paar Bastler haben deshalb ein Programm namens Kazaa Lite gebastelt, das aus dem Programm Kazaa besteht (dessen Quellcode natürlich nicht Open Source und nicht bekannt ist) und es gewaltsam so modifiziert, daß seine Adware- und Spyware-Programme nicht mehr funktionieren. Kazaa Lite enthält noch einige weitere Modifikationen gegenüber Kazaa: so gibt es in Kazaa die Möglichkeit, den eigenen Status durch Uploads zu verbessern (also dadurch, daß andere meine Dateien downloaden), mit Statuswerten zwischen 0 und 1000. Ein Benutzer von Kazaa Lite dagegen besitzt von Anfang an und für immer einen Status von 1000.

Die Legalität von Kazaa ist mindestens fragwürdig. Ich nehme an, es ist legal, Kazaa zu installieren, und vielleicht ist es legal, Kazaa zu benutzen und damit Freeware-Dateien zu tauschen. Irgendwelche anderen Dateien damit zu tauschen ist offensichtlich von der bestehenden Urheberrechtsgesetzgebung verboten. Selbst eine Datei, die der GNU-Lizenz unterliegt, darf unter bestimmten Umständen nicht mit Kazaa getauscht werden (etwa, wenn sie nicht zusammen mit dem Quellcode oder einem Verweis auf den Quellcode angeboten wird, die GNU Public Licence aber einen solchen Verweis verlangt).

Da Kazaa Lite vermutlich die Modifikation eines urheberrechtlich geschützten Programms, nämlich Kazaa, darstellt, ist Kazaa Lite selbst inhärent illegal. Darauf macht die Benutzerlizenz auch ausdrücklich aufmerksam. Ich erlaube mir zu zitieren:

„Please note that installing this software is ILLEGAL and is in violation of the Kazaa Media Desktop Terms of Use. If you do, however, install the software contained in this package, you agree to take ALL responsiblity for your actions.

This installation package was created for educational purposes only. It was not meant to be distributed. If you however do distribute this installation package or the software it contains, you take ALL responsiblity for doing so.

Kazaa Lite is not able to control any of the content that is made available on the FastTrack network. We do urge you to not download or share content that violates copyrights or is illegal in any way.

All software contained in this package is freeware. Commercial use of this package or any of the components of this package is strictly prohibited.“

Nahezu jeder Absatz dieses kleinen Ausschnitts der Endbenutzerlizenz von Kazaa Lite ist ein kleines logisches und juristisches Juwel. Kazaa Lite zu verkaufen ist verboten, weil es sich um Freeware handelt. Es zu installieren ist verboten, weil es sich um eine illegal gecrackte Fassung von Kazaa handelt. Und es zu benutzen ist erst recht verboten, weil seine Benutzung aus nichts anderem als fortgesetztem Bruch des Urheberrechtsschutzes besteht.

In Kazaa Lite ist es möglich, die Zahl der gleichzeitig möglichen Uploads und Downloads zu beschränken. Da jeder Download eine eigene Verwaltung und damit zusätzliche Bandbreite für diese Verwaltung kostet, macht es wenig Sinn, beliebig viele Dateien gleichzeitig zu laden. Je nach Rechner und Verbindung ist eine Beschränkung auf vier bis acht gleichzeitige Downloads sinnvoll. Auch Uploads kosten Bandbreite und sollten daher in ihrer Anzahl beschränkt werden. Optimal ist eine Zahl von Null Uploads, aber offensichtlich ist es so, daß, wenn alle Beteiligten nur noch null Uploads zulassen, daß dann das Netzwerk zusammenbricht, weil niemand mehr Downloaden kann.

Viele getauschte Dateien bestehen aus komprimierten Daten, mit denen sich an sich nichts anfangen läßt, und die weiter verarbeitet werden müssen. Nehmen wir an, Tell lädt sich über das Netzwerk die Datei Lexx301.avi, dann muß er diese Datei zunächst in eine mpeg-Datei umwandeln, damit sein DVD-Spieler sie später lesen kann, und diese muß er anschließend auf eine CD oder DVD brennen. Hat er aber erst einmal die fertig gebrannte CD, so sind für ihn die beiden Dateien Lexx301.avi oder Lexx301.mpeg nutzlos geworden, ja, sie verbrauchen nicht unerheblichen Patz auf seiner Festplatte. Ein rationales Verhalten im Sinne der Ökonomen bestünde also darin, nach dem Brennen und Prüfen der CD beide Dateien wieder zu löschen.

Einige Benutzer stellen ihre Rechner als Verteilerstationen zur Verfügung. Diese Verteilerstationen sind für ein reibungsloses Funktionieren des Netzwerkes wichtig, es ist aber für einen Verteiler kein Vorteil, ein Verteiler zu sein.

Nach den Gesetzen der Ökonomie dürfte es ein Tauschbörsennetzwerk also gar nicht geben. Sämtliche Benutzer sollten Uploads verbieten, keine Dateien anbieten und schon gar nicht als Verteiler agieren. Trotzdem existieren mehrere derartige Netzwerke. Mehr noch gibt es Benutzer, die nicht nur Dateien, die sie erhalten haben, auf ihrer Festplatte stehen lassen, sondern aktiv neue Dateien erzeugen. Eine Datei wie Lexx301.avi entsteht ja schließlich nicht von selbst, sondern muß ursprünglich einmal erzeugt worden sein, ebenso muß jemand sich ursprünglich einmal die Mühe gemacht haben, ein Bild von Xenia Seeberg in Bademode aus einer Zeitschrift auszuschneiden, in seinen Scanner zu legen und als XeniaSeebergAlmostNude.jpg zur Verfügung zu stellen, ebenso muß es jemand gegeben haben, der eine Originalcd einer teueren Software als Iso-Abbild kopiert und zur Verfügung gestellt hat.

Es ist also keineswegs so, daß geschäftstüchtige Piraten, Geldmacher und Schwarzbrenner diese Tauschbörsen füttern und unterhalten (obwohl es geschäftstüchtige Schwarzbrenner natürlich auch gibt, die sich aber anderer Vertriebskanäle bedienen), sondern ein Heer von ehrenamtlicher Fanatiker, die Zeit, Geld und Ressourcen opfern, um Dateien kostenlos zur Verfügung zu stellen.

[Zusatz 2004: in den meisten Netzwerken wird allerdings uploaden als Vorraussetzung für das downloaden verlangt. So uneigennützig, wie hier dargestellt, sind die Menschen denn doch nicht.]





Alles Geschwätz über Customer Relationship läuft ja wohl darauf hinaus: wie können wir unter all unseren Kunden die paar wirklich rentablen Kunden herausfischen, bei denen es sich lohnt, unseren gewohnt miserablen Service durch einen wenigstens mittelmäßigen zu ersetzen?



26.4.2003





Zur Altersvorsorge kenne ich fünf Modelle. Das erste Modell besteht darin, Kinder zu zeugen, die dann später die Altersvorsorge übernehmen.

Nun kann es passieren, dass manche Kinder keine Eltern mehr haben, manche Menschen aber aufgrund irgendwelcher seltsamer und unglücklicher Zufälle keine Kinder. Es liegt also nahe, ein staatliches Ausgleichssystem zu schaffen, das elternlose Kinder kinderlosen Alten zuweist. In seiner Reinform besteht dieses Modell (das zweite Modell) darin, dass alle jungen Menschen in eine Umlage einzahlen, der dann die Altersvorsorge der alten Menschen entnommen wird (im gegenwärtigen System kommen noch zusätzliche soziale Ausgleichssysteme hinzu, die die Sache noch unübersichtlicher machen). Leider läuft dieses Modell darauf hinaus, ökonomische Anreize zu schaffen, keine Kinder zu zeugen, da in diesem System alle Eltern mit den Kosten der Kindererziehung voll belastet werden, die Früchte der Kindererziehung (die Altersvorsorge) aber sozialisiert werden (de facto werden die Eltern entschädigungslos enteignet). Es ist jüngst vorgeschlagen worden, die Rente der Kinderlosen zu halbieren. Diesem Vorschlag ist viel Kritik begegnet, insbesondere wird oft eingewandt, dass viele Kinderlose nicht gewollt kinderlos sind, sondern an ihrer Kinderlosigkeit leiden. Es geht jedoch nicht um eine moralische Bewertung der Kinderlosigkeit, sondern allein um die Frage, ob die Betreffenden die Kosten der Kindererziehung zu tragen gehabt haben oder nicht. Allerdings ist der Vorschlag tatsächlich nicht frei von Willkür. Warum sollten die Kinderlosen eine halbe Rente bekommen? An sich sollten sie überhaupt keine Rente bekommen, falls wir das zweite Modell aufgeben und zum ersten Modell zurück kehren.

Falls wir das Modell der staatlichen Umlage aufgeben, ein Einzelner aber auch keine Kinder zeugen will oder kann, bleibt ihm, statt dessen Rücklagen anzusparen. Dies ist dann das dritte Modell der privaten Altersvorsorge. Leider ist auch die Kapitalbildung nicht unproblematisch: sie setzt das reibungslose Funktionieren des Wirtschaftssystems über mehrere Jahrzehnte, ja, Jahrhunderte (ohne Kriege, Börsenzusammenbrüchen oder Wiedervereinigungen) voraus. Und, schlimmer noch, auch die Altersvorsorge durch Akkumulation von Kapital setzt die Existenz einer nachwachsenden Generation voraus. Denn sonst gibt es ja niemanden, der bereit ist, das Kapital wieder in Produkte und Dienstleistungen, in Waren einzutauschen. Und je weniger Nachkommen es gibt, desto weniger Menschen stehen bereit, das Kapital einzutauschen, und um so mehr wird das angesparte Kapital entwertet. Das Problem wird ein wenig dadurch entschärft, dass die Kapitalabnehmer nicht unbedingt im Inland ansässig sein müssen. Wenn wir jedoch davon ausgehen, das (zum Beispiel in Euro) angesparte Kapital werde in vierzig Jahren vom Ausland massiv nachgefragt, werden mehrere Dinge voraussetzt: dass es im Ausland eine jugendliche Bevölkerung gibt (wenn auch im Ausland nur Greise sind, ist nichts gewonnen), dass dieses Ausland mit dem Kapital auch etwas anfangen kann (denn ein völlig desolates Entwicklungsland kann unser Kapital offensichtlich nicht in Waren eintauschen), und dass es unser Kapital überhaupt als Kapital ansieht (es könnte ja auch auf die Idee kommen, den Euro als nahezu wertlose Währung aufzufassen). Wir setzen also voraus, dass es in vierzig Jahren Länder gibt, die weder hochentwickelte Industrienationen mit stark überalterter Bevölkerung noch völlig hoffnungslose Entwicklungsländer sind, sondern hoffnungsvolle Schwellenländer mit genau der richtigen Mischung an jugendlicher Bevölkerung und beginnender, kapitalhungriger Industrialisierung, und dass diese Länder außerdem auch noch so unbegreiflich gutmütig sind, dauerhaft feste Wechselkurse zwischen ihren eigenen Währungen und der unseren zu akzeptieren.

Angesichts all dieser Schwierigkeiten liegt es nahe, sich für das vierte Modell zu entscheiden, die „Voodoo-Altersvorsorge“. Dieses Modell besteht darin, alles beim alten zu belassen und Propagandisten behaupten zu lassen, es sei alles in schönster Ordnung („Die Renten sind sicher“, „Die Pflegeversicherung wird in zehn Jahren Überschüsse erwirtschaften“). Der Vorteil des vierten Modells besteht darin, dass zwar allmählich alles immer schlimmer wird, dass die Verschlimmerung innerhalb von vier Jahren aber nicht so drastisch ist, dass sie nicht hinwegerklärt werden könnte („wir haben von unseren Vorgängern eine desolate Lage geerbt und müssen deshalb leider einige wenige einschneidende, aber letztlich überschaubare und harmlose Maßnahmen durchführen, im Kern kann alles beim Alten bleiben“).

Langfristig läuft dieses Modell auf die Realisierung des fünften Modells hinaus. Dieses Modell besteht darin, dass überhaupt keine Altersvorsorge stattfindet. Infolgedessen gibt es keine Renten mehr, keine Pflege, es gibt eine lebenslängliche Notwendigkeit zur Berufstätigkeit, und wer nicht mehr arbeiten kann, verarmt. In der aktuellen Debatte geht der Vorschlag Rürups andeutungsweise in diese Richtung. Es handelt sich hier aber um kein neues System. In früheren Jahrhunderten war es nicht üblich, Knechte oder Sklaven in Rente zu schicken, und unser gegenwärtiges System stellt eine historische Ausnahme dar.

Wirklich ärgerlich ist allerdings, dass meine Generation nicht unerhebliche Beiträge zahlen muss, um das Modell 2 zu finanzieren, obwohl wir selbst wohl eher in Modell 5 leben.

Mein praktischer Vorschlag, wie wir in dieser Misere weiter vorgehen, lautet: das Rentenbeginnalter wird jährlich (ohne Übergangsregelung) um zwei Jahre angehoben. Kapitallebensversicherungen mit Laufzeiten über zwölf Jahren oder private Rentenversicherungen werden als Bauernfängerei verboten. Die Leibeigenschaft wird wieder eingeführt, allerdings verbunden mit der Auflage an den Leibeigner, für die Krankheitskosten des Leibeigenen in angemessener (also nicht allzu üppiger) Weise aufzukommen. Norbert Blüm wird täglich öffentlich ausgepeitscht.





Irgendwie sehen die leichtgeschürzten Mädels in Hiphop-Videos alle gleich aus. Vermutlich sind es auch immer wieder die selben Damen. „Ey, wir drehen jetzt das nächste Video drüben in Aufnahmeraum acht, alle leichtgeschürzten Mädels bitte nach Raum acht, und danach im Anschluß sofort ohne Pause umziehen und zum nächsten Video nach Raum fünfzehn.“



28.4.2003





In Gottes Vorzimmer traf Luzifer zu seiner Überraschung auf Keuschheit. „Guten Morgen“, sagte Luzifer, „ich dachte, sie hätten heute frei, und Mildtätigkeit hätte heute Dienst.“ „Aber nein“ sagte Keuschheit und lächelte ihr bezauberndstes Lächeln, „Mildtätigkeit ist zusammen mit Herrn Raffael unterwegs zum Pluto, irgend etwas mit der Umlaufbahn stimmt dort nicht und muß dringend in Ordnung gebracht werden.“ – „Ach so. Sagen sie, wie ist denn die Stimmung im Moment? Ist der Chef gut gelaunt?“ – „Er hat wohl eine neue Familie der Ordnung Coleoptera entworfen, die er Curculionidae genannt hat.“ – „Wieder Polyphaga, nehme ich an?“ – „Natürlich. Er klang sehr enthusiastisch, ich glaube, das wird mindestens so ein Erfolg werden wie damals die Chrysomelidae.“ – „Freut mich zu hören.“ – „Aber auf sie, Herr Luzifer, ist er gar nicht gut zu sprechen. Ich glaube, sie können sich auf ein ziemliches Donnerwetter gefasst machen.“ Die Keuschheit bediente die Gegensprechanlage: „Der Herr Erzengel Luzifer ist jetzt da.“ – „Kann sofort rein kommen.“ kam die Antwort Gottes. „Viel Glück“ sagte Keuschheit und lächelte Luzifer noch einmal strahlend an. „Danke“ murmelte Luzifer und öffnete die schwere Eichenholztür.

Gott saß an seinem Rechner und blickte kurz auf, um sich dann schwerfällig zu erheben und Luzifer die Hand zu schütteln. „Ach Herr Luzifer. Bitte setzen sie sich.“ Luzifer ließ sich in den repräsentativen Besucherledersessel fallen, und Gott ließ sich in seinen noch repräsentativeren Chefsessel fallen.

Gottes Büro war ausgesprochen geschmackvoll und erlesen eingerichtet. An den Wänden hingen hauptsächlich Bilder von Vertretern der Gattung Insecta, aber auch einiger anderer Arthropoda: erste Skizzen, detaillierte Konstruktionszeichnungen, vollständige Entwürfe, Photographien von Prototypen und fertige Exemplare; eine Gottesanbeterin, Bienen beim Bau einer Wabe, eine Schlupfwespe bei der Eiablage, Ameisen beim Transport von Nestbaumaterial, eine Spinne in ihrem Spinnennetz, ein Schmetterling beim Bestäuben einer Blüte, eine über einen Teich fliegende Libelle und dergleichen mehr. Gott schloß auf seinem Computer seine Anwendung und lehnte sich dann zurück. „Herr Erzengel Luzifer. Vor einem Monat haben wir uns zuletzt getroffen. Damals haben sie mich versucht zu überzeugen, dass sie unbedingt noch eine fünfte Wirbeltierklasse brauchen. Warum und wieso, habe ich damals schon nicht verstanden: Fische, Amphibien, Reptilien, Vögel, das alles bildet ja doch eine logische und natürliche Reihe, wozu es dann noch eine weitere Klasse braucht, weiß ich nicht, aber ich habe mich von ihnen überreden lassen, ich wollte auch ihren Eifer nicht bremsen, vielleicht war das ein Fehler, wie ich jetzt sehe. Ich habe immer sehr viel von ihnen gehalten, Luzifer. Sie sind ohne Zweifel einer der begabtesten und originellsten Erzengel, und es hätte mich sehr gefreut, wenn sie sich hätten entschließen können, am Projekt der Arthropoda mitzuarbeiten, es hätten ja nicht gerade die Insekten sein müssen, das Phylum der Kerbtiere ist groß, auch für sie hätte sich da ein Plätzchen finden lassen. Nun, sie haben es anders gewollt und sich für die Wirbellosen stark gemacht. Damals sind wir das erste Mal aneinander geraten, als sie anfingen, immer größere und intelligentere Kraken zu bauen. Und irgendwie habe ich das Gefühl, sie haben es noch immer nicht verwunden, dass ich ihnen die Weiterentwicklung der Kraken entzogen und die Wirbellosen Michael unterstellt habe. Nun ja.“ Gott hielt für einen Moment inne, um seine Gedanken zu sammeln, und noch wagte Luzifer nicht, ihn zu unterbrechen. Gott fuhr fort: „Sie lagen mir dann endlos in den Ohren mit ihrer Idee vom Endoskelett: wenn es Tiere mit einem Exoskelett gäbe, dann sollte es auch Tiere mit einem Endoskelett geben, um alle Varianten des Lebens durchzuspielen. Ich ließ mich überreden und gab ihnen freie Hand für die Schaffung vier neuer Klassen. Ich dachte mir: sie haben eben eigene Vorstellungen, eigene Ideen, ich muß ihnen mehr Freiraum lassen, ich darf sie nicht immer bevormunden, auch wenn ich, ehrlich gesagt, die Vorstellung eines Endoskeletts schon immer aus ästhetischen Gründen äußerst widerwärtig fand. Das Ergebnis ihrer Bemühungen war jedenfalls niederschmetternd. Das Ergebnis war eine Armee von Monstrositäten, Riesen, Ungetümen. Ich gebe zu, eine Zeitlang ließ ich mich beinahe von ihnen anstecken: warme, sauerstoffreiche Luft, so haben sie mir damals gesagt, und wir könnten viel größere Insekten bauen. Aber was sollte das? Es kommt doch schließlich nicht auf die Größe an, ob eine Gattung etwas taugt. Wozu waren all diese Monstrositäten gut?“ – „Wenn ich mir erlauben darf, ich habe aber doch dann die Dinosaurier auf ihren Wunsch hin beseitigt.“ – „Aber wie viele Opfer das gekostet hat, was für eine entsetzliche Materialverschwendung, was für ein sinnloses Massensterben. Allein ihretwegen mussten wir ein Massensterben organisieren, das fast so schlimm war wie seinerzeit im Kambrium. Und was haben sie nun mit dieser neuen Klasse angefangen, den Mammalia? Wozu haben sie diese Klasse gebraucht? Da bauen sie ein Säugetier, das fliegen kann, obwohl sie doch schon Vögel und Reptilien haben, die fliegen können.“ – „Die fliegenden Reptilien wurden doch aber wieder abgeschafft.“ – „Aber wenn ich sie nicht gestoppt hätte, hätten wir jetzt sogar noch fliegende Fische. Was soll das? Dafür gibt es dann auch noch schwimmende Vögel, und außerdem diese schwimmenden Säuger. Was haben sie sich dabei gedacht? Das selbe wie bei den Kraken, nur diesmal alles noch viel schlimmer: noch größer, noch gigantischer, und dazu ein völlig überdimensioniertes Gehirn. Wozu braucht dieser Buckelwal ein derart riesiges Gehirn? Der liegt doch ohnehin bloß im Wasser und lässt sich das Plankton direkt in den Wanst treiben. Und wozu wieder so ein Riesenviech? Wozu überhaupt Säugetiere im Meer?“ – „Es sollte ein Beitrag zur Vielfalt sein. Der Wal lebt im Meer, atmet aber Luft, weshalb er zur Meeresoberfläche schwimmen muß, um zu atmen…“ – „eine extrem umständliche Lebensweise, meinen sie nicht? Aber wozu die Intelligenz?“ – „Die Wale brauchen sie, um über weite strecken mit ihren komplizierten Gesängen zu kommunizieren.“ – „Ja, aber wozu sollen diese Gesänge denn gut sein? Ich verstehe es nicht.“ – „Diese Gesänge, ich weiß nicht, wie ich es ausdrücken soll, nun ja, diese Gesänge sind eben einfach schön.“ – „Ja, aber welche biologische Funktion erfüllen sie? Welchen Überlebensvorteil gewähren sie? Inwiefern steigern sie die Effizienz der Wale? Sofern man bei diesen schwimmenden Monstrositäten überhaupt von Effizienz sprechen kann.“ – „Wenn sie möchten, kann ich auch die Wale wieder vernichten…“ – „Lassen wir die Wale, die sind beileibe nicht das Hauptproblem. Es geht mir hier nicht um die Wale. Die sollen meinetwegen das Plankton abweiden oder sich gegenseitig fressen, wen kümmert das schon. Warum ich sie eigentlich habe kommen lassen, ist etwas anderes.“ Gott strich sich die Fühler glatt und rieb kurz seine Mandibeln aneinander. „Sehen sie, Gabriel beschäftigt sich nun schon seit hunderten von Jahrmillionen mit seinen Archebakterien. Nicht, dass ich dieses Gebiet für besonders interessant oder spannend hielte, aber für ihn scheint es die Erfüllung zu bedeuten. Ich bin durchaus bereit, meinen Mitarbeitern große Freiheiten einzuräumen. In sie hatte ich ursprünglich größere Hoffnungen gesetzt als in Gabriel. Sie haben zweifellos größeren Ehrgeiz. Wie sie mit ihren Schleimpilzen Uriels Fungi übertroffen haben, das hatte Witz, das ist mir nicht entgangen. Aber es gibt doch gewisse Prinzipien. Es gibt Richtlinien. Und es ist im Grunde immer wieder der gleiche Punkt, an dem wir aneinander geraten. Intelligenz. Bewusstsein. Warum nur wollen sie alle ihre Wesen mit Intelligenz und Bewusstsein ausstatten? Sie wissen doch genau, dass ich alle Experimente in diese Richtung verboten habe? Wozu brauchen sie denn die Intelligenz? Sehen sie sich meine Ameisen an: sie bauen Häuser mit einer raffinierten Kühlung, sie züchten Pilzkulturen, sie halten sich Haustiere, sie legen ein sehr komplexes und durchdachtes Verhalten an den Tag und sind doch ganz und gar unbewusst. Sie empfinden keinen Schmerz und kein Leid. Sie sind sich ihrer Lage nicht bewusst. Sie ängstigen sich nicht. Es gibt in der Welt der Insekten kein Leid, kein Gut und kein Böse, keinen Schmerz, keine Moral, es gibt nur Instinkt, und das ist auch gut so. Denn wie könnten wir unser Tun andernfalls rechtfertigen? Wenn es in der Natur Bewusstsein und Intelligenz gäbe, Schmerz, Leid, Kummer, Jammer, Elend: unsere ganze Schöpfung würde augenblicklich aufhören, das herrlichste und erhabendste Werk zu sein, und es würde statt dessen das schrecklichste und höllischste. Ist ihnen das bewusst? Können sie das verantworten? Ich jedenfalls kann es nicht verantworten, ich dulde es nicht. Es darf nicht sein. Und deshalb verbiete ich ihnen jede weitere Arbeit an den Hominiden. Haben wir uns verstanden?“ – „Ja, natürlich. Ich habe allerdings eine Hominidenspezies, die fast fertig gestellt ist. Es wäre schade um die viele Arbeit, wenn ich nicht wenigstens noch diese eine Spezies fertig stellen dürfte…“ – „Nein. Der Schimpanse ist mir schon zuviel. Schon der Gorilla bereitet mir außerordentliches Unbehagen, aber der Schimpanse ist eine Provokation. Es wird keine weitere Hominidenart geben.“ – „Aber könnte ich nicht…“ – „Ich wünsche über diesen Punkt keine Diskussion mehr. Keine weiteren Hominiden. Das war’s. Betrachten sie das Gespräch als beendet.“

Bestürzt sah Keuschheit, wie der Erzengel aus Gottes Büro kommend grußlos an ihr vorbeieilte. Auf dem Korridor aber beruhigte Luzifer seinen Schritt und begann nachzudenken. „Na gut, das war zu erwarten“, murmelte er, „den Neandertaler werde ich opfern müssen. Gibt es eben keinen Neandertaler. Aber den Menschen gebe ich nicht auf… vielleicht werde ich ihn in Höhlen verstecken müssen…“





Wobei mir scheint, dass vielleicht nicht alle Höhlenmenschen in Höhlen gelebt haben, sondern bloß die, die dann später archäologische oder paläontologische Spuren hinterlassen haben.



30.4.2003





Winzige Schönheitsflecken auf dem Antlitz von „Proofs and Refutations“: die Theorie der Hoffnungsvollen Monster, die Popper Lakatos aufgeschwatzt hat, und die idiotischen Kommentare der Herausgeber.

Ansonsten habe ich mir einen alternativen Beweis ausgedacht für die Descartes-Euler-Vermutung, die Summe der Anzahl der Flächen und Ecken eines Polyeders sei stets um zwei größer als die Zahl der Kanten. Wie bei dem Beweis von Cauchy soll das Kantennetzwerk in einen ebenen Graphen überführt werden. Statt aber alle Flächen zu triangulieren und dann von Außen nach Innen Flächen zu löschen, sollen Kanten im Inneren gelöscht und dadurch Flächen vereinigt werden, bis nur noch eine einzige Fläche im Inneren übrig bleibt. Bei diesem Prozeß ergeben sich einige Schwierigkeiten: es entstehen Ecken, an denen nur zwei Kanten anliegen, oder der Zusammenhang des Graphen kann verloren gehen, wenn in der falschen Reihenfolge vorgegangen wird, oder Flächen grenzen an sich selbst. Um diese Schwierigkeiten zu umgehen, ist etwas Vorarbeit nötig, die ich parodistisch versucht habe, in eben jenes autoritäre Schema zu fassen, gegen das Lakatos sich wendet:

Definition 1: Ein Kantennetzwerk heißt planar, wenn es sich auf der Ebene ausbreiten lässt, ohne daß Kanten sich überschneiden.

Definition 2: Ein Knick ist eine Ecke, an der genau zwei Kanten angrenzen.

Definition 3: Eine Multikante ist ein System von Kanten, die über Knicke miteinander verbunden sind.

Definition 4: Ein zusammenhängendes planares Kantennetzwerk heißt stark zusammenhängend, wenn keine Fläche an sich selbst grenzt. Dabei soll auch ausgeschlossen sein, daß die Fläche um das Netzwerk an sich selbst grenzt.

Definition 5: Ein Polyeder mit einer endlichen Anzahl von Flächen, Ecken und Kanten nennen wir endliches Polyeder. Ebenso heißt ein Kantennetzwerk mit endlich vielen Ecken und Kanten endliches Kantennetzwerk.

Lemma 6: Das Kantennetzwerk eines zur Kugel homöomorphen endlichen Polyeders ist planar.

Beweis: Wir entfernen aus dem Polyeder eine Fläche. Das Kantennetzwerk bleibt dadurch unverändert. Das so entstandene Gebilde ist homöomorph zur Kreisscheibe.

Lemma 7: Das Kantennetzwerk eines zur Kugel homöomorphen endlichen Polyeders, dessen Flächen einfach zusammenhängend sind, ist zusammenhängend.

Beweis: Angenommen, es liegen zwei unverbundene Teilnetzwerke vor. Der Raum zwischen diesen beiden Teilnetzwerken entspricht einer Fläche des Polyeders. Wenn wir nun eine Kurve um eines der Teilnetzwerke zeichnen, erhalten wir eine Kurve auf der Polyederfläche, die sich nicht stetig zu einem Punkt zusammenziehen läßt. Die Fläche ist also nicht einfach zuammenhängend.

Definition 8: Ein endliches Polyeder, das zur Kugel homöomorph ist und dessen Flächen einfach zusammenhängend sind, nennen wir Cauchy-Polyeder.

Definition 9: Ein endliches, stark zusammenhängendes planares Kantensystem nennen wir Cauchysystem.

Lemma 10: Das Kantennetzwerk eines Cauchy-Polyeders ist ein Cauchysystem.

Beweis: Es ist nach Lemma 6 planar, da der Cauchy-Polyeder zur Kugel homöomorph ist. Es ist außerdem endlich. Zu zeigen bleibt, dass es stark zusammenhängend ist. Es ist jedenfalls nach Lemma 7 zusammenhängend. Wäre es nicht stark zusammenhängend, gäbe es eine Fläche, die an sich selbst grenzt. Da aber im Polyeder eine Fläche in einer Ebene liegt, eine Kante aber das Zusammentreffen von Flächen, die in verschiedenen Ebenen liegen, voraussetzt, kann eine Fläche eines Polyeders nicht an sich selbst grenzen.

Lemma 11: In einem Cauchysystem, das mehrere Flächen enthält, gibt es wenigstens zwei Flächen, die über genau eine Multikante miteinander verbunden sind.

Beweis: Es gibt jedenfalls wenigstens zwei Flächen, die über mindestens eine Multikante verbunden sind, denn andernfalls wären die beiden Flächen Teile zweier unzusammenhängender Teilsysteme. Nehmen wir an, die beiden Flächen sind über mindestens zwei Multikanten miteinander verbunden. Dann ist zwischen diesen beiden Verbindungsstellen mindestens noch eine weitere Fläche vorhanden. Wir können also statt dem gesamten Cauchysystem das Teilsystem betrachten, das aus einer der beiden Flächen besteht, die über mindestens zwei Multikanten miteinander verbunden sind, und aus all den Flächen, die zwischen diesen beiden Verbindungsstellen liegen. Für dieses Teilsystem können wir unsere Betrachtung wiederholen. Da das Cauchysystem aber nur endlich viele Flächen enthält, muss diese Rekursion irgendwann abbrechen.

Lemma 12: Wird in einem Cauchysystem eine Multikante durch eine einfache Kante ersetzt, ist das Ergebnis wieder ein Cauchysystem.

Beweis: ergibt sich durch einfaches Überprüfen der Definition eines Cauchysystems.

Lemma 13: Seien in einem Cauchysystem zwei Flächen durch genau eine Kante miteinander verbunden. Wird diese Kante entfernt und die beiden Flächen zu einer einzigen Fläche vereinigt, dann ist das Ergebnis wieder ein Cauchysystem.

Beweis: Wir müssen lediglich zeigen, dass das neue System wieder stark zusammenhängend ist. Nehmen wir an, es sei nicht stark zusammenhängend. Es ist dann unzusammenhängend, oder es gibt eine Fläche, die an sich selbst grenzt. Unzusammenhängend kann das Netzwerk nicht werden, denn alle Ecken, die bislang unter Verwendung der gestrichenen Kante miteinander verbunden werden konnten, können nun über den Rand der neuen vereinigten Fläche miteinander verbunden werden. Nehmen wir also statt dessen an, es gäbe eine Fläche, die an sich selbst grenzt. Um die neu entstandene Fläche kann es sich aber nicht handeln, denn ihre beiden Teile waren zuvor nur über eine einzige Kante miteinander verbunden, die nun gelöscht wurde, und die einzelnen Teile selbst waren auch nicht mit sich selbst benachbart. Es kann sich aber auch um keine der übrigen Flächen handeln, denn für die haben sich die Nachbarschaftsverhältnisse mit sich selbst nicht geändert.

Definition 14: Die Zahl der Flächen, minus die Zahl der Kanten, plus die Zahl der Ecken in einem planaren Kantennetzwerk oder einem Polyeder heißt Eulerzahl.

Satz 15: Die Eulerzahl eines Cauchy-Polyeders ist 2.

Beweis: Es genügt zu zeigen, dass die Eulerzahl eines Cauchysystems 1 ist. Denn nach Lemma 10 können wir ein Cauchy-Polyeder in ein Cauchysystem überführen, indem wir auf eine Fläche des Polyeders verzichten. In einem Cauchysystem, in dem es Multikanten gibt, können wir diese Multikanten nach Lemma 12 durch einfache Kanten ersetzen. Die Eulerzahl bleibt dadurch unverändert. Enthält ein Cauchysystem mehr als eine Fläche, dann können wir nach Lemma 11 zwei Flächen finden, die über genau eine Multikante miteinander verbunden sind. Diese Multikante können wir durch eine Einfachkante ersetzen. Nach Lemma 13 können wir die beiden Flächen durch eine einzige ersetzen. Auch bei dieser Operation ändert sich die Eulerzahl nicht. Da die Zahl der Flächen endlich ist, können wir diese Operation so lange wiederholen, bis wir ein Cauchysystem mit einer einzigen Fläche erhalten. Dieses Cauchysystem ist ein Polygon mit der Eulerzahl 1. Also hatte auch das ursprüngliche Cauchysystem die Eulerzahl 1.





Meine Augen sind leer, mein Essen schmeckt recht schal, meine Ohren sind taub, mein kahler Kopf klingt hohl, Staub ist alles, ist schwer und fad, und es ist wohl insgesamt mein einst buntes Leben eine Qual. Wenig Licht fällt in dieses tiefe dunkle Tal, fern der glänzende Ruhm, vergraben das Juwel, Karten lügen, und jeder Weg geht gründlich fehl, aber trotzdem, das alles ist mir ganz egal und ich würde nichts ändern, hätte ich die Wahl, denn das alles bedeutet mir nun nicht mehr viel, jetzt bewundere ich dein infantiles Spiel, du bist meine sechs Richtige mit Superzahl.





Eine der neueren Theorien besagt, die hohen Lohnnebenkosten wirkten abschreckend auf die Arbeitgeber bei der Entscheidung, neue Mitarbeiter einzustellen, sie seien daher eine Ursache der Arbeitslosigkeit. Vielleicht aber auch wirken die hohen Lohnnebenkosten abschreckend auf die Arbeitslosen bei der Entscheidung, sich eine reguläre Arbeit zu suchen, statt von Schwarzarbeit zu leben. Dann wäre es grundverkehrt, die Lohnnebenkosten für die Arbeitgeber zu senken, indem sie den Arbeitnehmern aufgebürdet werden. Zwar klingt vielleicht die erste Erklärung etwas plausibler als die zweite, aber wer weiß schon wirklich, was zutrifft. Halbwegs gewiß jedenfalls scheint, daß die Produktivität gestiegen ist, die Gewinne der Unternehmen, die (predigen wir ein wenig Sozialneid) Bezüge der Vorstände, und daß der Außenhandelsüberschuß nicht gefährdet erscheint, während andererseits die realen Lohnzuwächse der Arbeitnehmer bescheiden ausfielen und die Binnennachfrage lahmt, so daß wir uns eher über die Gehälter der Arbeitnehmer als die Kosten der Arbeitgeber Gedanken machen sollten. Da beruhigt es denn doch, zu hören, die Bundesregierung wisse genau, was sie tue, und zu ihrer Politik gäbe es keine Alternative, eine Politik, die etwa darin besteht, einen Teil der Lohnnebenkosten aus der paritätischen Finanzierung auszunehmen und allein den Arbeitnehmern aufzubürden, so, als ob sich dadurch in Wahrheit irgend etwas ändern würde, denn genau das, was die Arbeitnehmer an Lohn einbüßen und die Arbeitgeber einsparen, werden sich die Arbeitnehmer natürlich durch erhöhte Lohnforderungen wieder zurückholen, so daß selbst bei einer völligen Abschaffung der paritätischen Finanzierung die Arbeitgeber den gleichen Bruttolohn zahlen müßten wie immer, die Arbeitnehmer den gleichen Nettolohn erhielten wie immer und die Sozialversicherungsträger die gleichen Beträge überwiesen bekämen wie immer (letzterer Punkt scheint der Aufmerksamkeit der Gewerkschaften entgangen zu sein, sonst würden sie die paritätische Finanzierung nicht derart zum Popanz erheben). Einer der grandiosen Vorschläg besteht etwa darin, die Krankengeldversicherung zu „privatisieren“, wobei hier unter Privatisierung verstanden wird, daß die Krankengeldversicherung weiterhin bei den gesetzlichen Krankenkassen angesiedelt ist und auch Rentner weiterhin Beiträge für die Krankengeldversicherung bezahlen müssen, anders gesagt, es wird lediglich die Parität der Finanzierung der gesetzlichen Krankenkassen unter einem mehr oder weniger wohlklingenden rhetorischen Vorwand abgeschafft.

Kurzfassung: Die Sozialdemokraten versuchen, die Arbeiterschaft zu verarschen, sind aber selber zu blöd dazu.



9.5.2003





Kuchen, Kuchen, den möcht ich gern versuchen, doch schmeckt der Kuchen schlecht, dann schimpfe ich zu Recht.



13.5.2003





Mama, Papa, Bauch, Brei, Colin, Arm, Ohr, Tee, Bein, Jan, Wauwau, Brumm, Bär.





Viel bekannter als Gesells Ansichten zur Landwirtschaft sind seine Theorien zum Zins, die aber scheinen mir letztlich weniger spektakulär. Nach einem Vierteljahrhundert monetaristischer Irrlehre, der zufolge der Zins über die Geldmenge manipuliert werden soll, um die Inflation auf Null zu senken, ist es befriedigend zu lesen, daß es andere Ökonomen gab, die umgekehrt die Inflation erhöhen wollten, um den (inflationsbereinigten) Zins auf Null zu drücken, und es besteht Hoffnung, daß diese vernünftigere Haltung eine gewisse Renaissance erfährt. Ob nun gerade eine Inflation von jährlich fünf Prozent für alle Zeiten der optimale Wert ist, ist zweifelhaft, aber vielleicht auch nicht die Kernaussage der Gesellschen Lehre. Auch das von Gesell vorgeschlagene Verfahren der Klebemarken ist nicht unbedingt wirklich überzeugend; es steht auch zu befürchten, daß der Markt, wird ihm eine bestimmte Art von Geld verleidet, einfach eine Ersatzwährung sucht. Und die Gesellsche Theorie der Konjunkturzyklen scheint mir ebenfalls nicht völlig überzeugend. So daß letztlich als Kern der Gesellschen Zinslehre eine vernünftige Idee (nämlich, eher eine moderate Inflation als keine Inflation anzustreben) übrig bleibt, die aber auch andere Ökonomen geäußert haben und die bei Gesell von teils eher unsinnigen Einzelheiten überlagert wird.





Die Rechtschreibprüfung eines gewissen beliebten Textverarbeitungsprogramms wird aber auch von Version zu Version schwachsinniger. Statt „Wauwau“ sollte ich doch besser „Wausau“ schreiben, empfiehlt sie mir. Überhaupt würde der Rechtschreibprüfung die folgende Liste wesentlich besser behagen:

Mama, Papa, Bausch, Brie, Colin, Arm, Our, Tee, Been, Jan, Wausau, Broom, Bar.

In Anführungszeichen eingeschlossen freilich findet das erwähnte Textverarbeitungsprogramm dann doch wieder „Wauwau“ besser als „Wausau“.





Weiteres Beispiel, wie alles mit allem zusammenhängt und vorgeschlagene Reformen unerwünschte Nebeneffekt haben: die erwähnten Lohnnebenkosten verteuern die Arbeit, um sie zu senken, ist daher auch vorgeschlagen worden, die Beiträge zu den Sozialversicherungen auch auf Mieteinnahmen zu erheben. Eine solche Maßnahme wird ja wohl, sofern wir, wie angenommen, in einer Marktwirtschaft leben, zu einem Anstieg der Mieten führen, und zwar in der Summe um eben den Betrag, um den auch die Nettogehälter steigen, weil die Lohnnebenkosten sinken. Da aber vor allem die Bezieher niedriger Einkommen Miete bezahlen (die Bezieher mittlerer Einkommen können sich nämlich Wohneigentum leisten) kommt es dadurch faktisch zu einer Umverteilung von den niedrigen zu den mittleren Einkommen. Statt also die kapitalistischen Hausbesitzerbonzen zu treffen, werden schon wieder die armen Proletarier bestraft. Beziehungsweise die Binnennachfrage geschwächt, da die Bezieher niedriger Einkommen überdurchschnittlich zum Konsum beitragen. Es ist eben alles ein Elend.





Ein Salonphilosoph könnte auf die Idee kommen (oder ist bereits auf die Idee gekommen), unser Zeitalter als von der Beschleunigung (oder der Geschwindigkeit, ist ja ohnehin alles egal) beherrscht zu beschreiben, als eine Dromokratie. Nun lassen sich in der Tat viele Prozesse und Vorgänge der modernen Welt als beschleunigt beschreiben, und auf manchen Gebieten gibt es Phänomene, die sich annährend und stückweise durch ein exponentielles Wachstum beschreiben lassen, etwa die steigende Zahl von jährlichen Dissertationen, die Verschlankung von Produktionslinien, die Schnittfrequenz in Musikvideos, und was es an dergleichen Beispielen mehr geben mag. Aber auf der anderen Seite gibt es auch Beispiele für Dinge, die keineswegs schneller geworden sind. So dauert beispielsweise heutzutage eine Ausbildung in vielen Bereichen weitaus länger, als sie zur Zeit unserer Väter oder Großväter gedauert hat. Das führt dazu, daß es nicht ungewöhnlich ist, daß fünfundzwanzigjährige Studenten sich in finanzieller Abhängigkeit von ihren Eltern ohne abgeschlossene Berufsausbildung befinden, also in einem Stadium prolongierter Juvenilität, während früher ein Fünfzehnjähriger als vollwertiger Erwachsener gelten konnte, der vielleicht noch an Lebenserfahrung zunahm, dessen Ausbildung aber doch als abgeschlossen gelten mußte. Auch die Lebenserwartung nimmt kontinuierlich zu, so daß sich insgesamt eher von einer Verlangsamung des Lebens sprechen ließe. Sparkassen treiben Werbung mit Musterrechnungen, auf welchen Betrag ein Euro, um die Zeitenwende auf ein Sparkassenkonto eingezahlt, durch Zins und Zinseszins bis heute gewachsen wäre. Diese Rechnung ist natürlich absurd, denn es gibt weder eine Währung noch ein Kreditinstitut, die zwanzig Jahrhunderte unbeschadet überdauert hätten. Die Absurdität dieses Arguments bleibt aber unbemerkt für eine Generation, die an einen Stillstand der Geschichte, an ein Fehlen dramatischer Umbrüche und Zäsuren, an ein Ausbleiben von Katastrophen gewohnt ist: unserem Zeitalter scheint es durchaus natürlich, sein Geld zwanzig Jahrhunderte lang zu einem festen Zinssatz anzulegen. So daß sich sagen läßt, daß wir in einem Zeitalter der Verlangsamung, der Entschleunigung, geradezu des Stillstandes leben.

Die schlichte Wahrheit ist, daß schlichte Wahrheiten nicht auf unsere unschlichte Welt passen.





Auf ihrem welthistorischen Treffen beschließt die FDP, den Meisterbrief nicht abzuschaffen, da er keine Arbeitsplätze vernichtet (woher auch immer sie das wissen mag). Ehedem bedeutete „liberal“, staatliche Regelungen auch dann abzulehnen, wenn sie möglicherweise wohltätige Folgen haben, sofern sie nicht sehr strengen Maßstäben genügen. Staatliche Regulierungen öffentlich zu befürworten, die nachgewiesenermaßen und eingestandenermaßen schädlich sind, wird wohl selbst einem Stalinisten nicht einfallen.



19.5.2003





In den goldenen, glorreichen Tagen der Vergangenheit war die Welt für die Sammler noch in Ordnung. Um Status und Ansehen zu erhalten, genügte es, sich, sagen wir, tausend Schallplatten ins Regal zu stellen, um als Junior Collector geduldet zu werden. Besser waren natürlich zweitausend oder dreitausend Schallplatten, um den Status eines Graduated Collectors oder Serious Collectors zu erhalten. Außerdem gab es natürlich einiges bei den Wiedergabegeräten zu beachten: die richtige Nadel, tausend mechanische Einzelteile des Plattenspielers, ein unhörbarer, gleichmäßiger Motor, der richtige Verstärker, und natürlich die richtigen Boxen. Natürlich war ein Haufen Fachwissen (und Geld) erforderlich, war dieses aber erst einmal investiert, so war ein Schatz vorhanden, an dem der Wurm der Zeit nicht nagte, ein sicheres Refugium des eigenen Stolzes, ein sicherer Heimathafen des unruhigen und wilden Gemüts.

Und dann kam die CompactDisk.

Sie kam in einer häßlichen Plastikschachtel (wie zum Hohn als „Jewel Case“ bezeichnet, und es dauerte eine Weile, bis jemand auf die Idee kam, CDs einfach wie früher schon LPs in Papphüllen zu stecken), sie waren lächerlich klein, und sie entwerteten schlagartig die eigenen Sammlungen. Zwar ließ sich einwenden, daß die CDs nicht so gut klangen wie Schallplatten (tatsächlich läßt sich dieser Vorwurf sogar ansatzweise belegen, die hohen Frequenzen werden auf einer CD ein bißchen rüde abgeschnitten, die Samplingrate ist zu bescheiden gewählt, und so weiter; es bedarf freilich sehr geschulter Ohren, um diese Defizite wahrzunehmen, und sie sind kaum so ernst zu nehmen wie die offensichtlichen Nachteile von Knacken und Rauschen), aber dieser Einwand setzte sich nicht durch, viele Musik erschien nicht mehr auf Schallplatte, zähneknirschend mußte sich der Sammler doch einen CD-Spieler anschaffen und CDs kaufen, schließlich verschwand seine ganze riesige Sammlung an Schallplatten im Keller oder Speicher, und seine Lieblingswerke kaufte er ein zweites Mal auf CD. Bescheiden wuchs in seinem Wohnzimmer eine neue Sammlung, und es dauerte quälend lange, bis diese Sammlung endlich den verhaßten dreistelligen Bereich verließ.

Dabei aber blieb die eigentliche Tücke des neuen Datenträgers unbemerkt.

Die eigentliche Neuerung bestand darin, daß Musik nun digitalisiert beliebig kopierbar geworden war. Es war nun nicht länger entscheidend, auf welchem physikalischen Datenträger sie vorgehalten wurde: Musik war nun eine Datei. Es brauchte eine gewisse Zeit, bis die Folgen dieses Wandels sichtbar wurden. Nach einiger Zeit legten sich viele Privatanwender CD-Brenner zu und kopierten ihren Freunden und Bekannten CDs. Den Sammler machten diese selbstgebrannten CDs ein wenig ratlos: sie glichen irgendwie den Musikkassetten früherer Tage, sahen aber so aus wie käuflich erworbene Alben. In früheren Tagen hatte der Sammler seine Schallplatten gezählt, aber natürlich die Zahl seiner Kassetten zu dieser Zahl nicht addiert. Und nun? War es zulässig, die Zahl der eigenen Alben durch diese Raubkopien aufzublähen? Durfte man nur 1:1-Kopien offiziell gehandelter CDs mitzählen, oder auch Sampler, die Freunde aus unterschiedlichen legalen CDs zusammengestellt hatten? Dann begannen alle, sich einen Internetanschluß zuzulegen, und die Übertragungsgeschwindigkeiten des Internet nahmen zu, gleichzeitig wurden Methoden gefunden, Musikdateien auf einen Bruchteil ihrer ursprünglichen Größe zusammenzuschrumpfen. Findige Bastler errichteten Netzwerke, in denen es ohne besonderen Aufwand möglich war, solche Dateien anonym (und illegal) zu tauschen. Nun ist es möglich, sich aus dem Internet ein ganzes Album (oder auch nur eine Sammlung von Lieblingsstücken) zu laden und auf eine CD zu brennen. Es ist aber recht überflüssig: an den Computer lassen sich zwei Boxen anschließen, und dann ist jede CD oder jeder andere externe Datenträger überflüssig, es genügt, die Musikdateien auf der Festplatte vorrätig zu halten.

Das aber ist nun das Ende der Sammler. Denn die heranwachsende Generation braucht nicht länger tausend Tonträger in Regalen in ihren Wohnzimmern aufzubewahren. Sie hat ihre Musik auf der Festplatte ihres Computers, verborgen im Computergehäuse, und niemand kann dem Computer von Außen ansehen, ob er zehn oder zehntausend Musikdateien enthält. Darauf kommt es auch gar nicht an. Denn wenn es mir nur um die schiere Zahl zu tun wäre, könnte ich leicht zehntausend Dateien laden, ohne mir diese Dateien jemals anzuhören oder mich um die Qualität dieser Dateien zu kümmern. Wollte ich also damit prahlen, daß ich zehntausend Musikdateien auf meinem Rechner gespeichert habe, so würde ich mich lächerlich machen.

Entscheidend ist also nicht mehr, wie viele Alben ich besitze, sondern nur noch, was ich höre. Aber auch hier sind die Maßstäbe erodiert: sind alle Werke beliebig im Internet erhältlich, dann stellt es keine besondere Leistung mehr dar, eine ganz bestimmte Datei („jene obskure französische Pressung eines an sich unveröffentlichten Captain-Beefheart-Albums“) zu besitzen. Insbesondere ist es nun reichlich uninteressant, die Werke eines bestimmten Künstlers vollständig gesammelt zu haben (außerdem: wer behauptet, sämtliche Bootleg-Aufnahmen von Jimi Hendrix zu besitzen, lügt ganz einfach: es gibt schlicht zu viele davon). Es nützt auch nur noch wenig, einen verfeinerten, exzentrischen oder esoterischen Geschmack zu entwickeln. Denn auch daraus läßt sich kaum noch Prestigegewinn erzielen: es gibt schlicht zu viele Sonderströmungen und Spezialrichtungen, und für jede Band, die du nennst und die ich nicht kenne, kann ich eine Band nennen, die du nicht kennst, ätsch.

Für jene freilich, die Musik nicht sammeln, sondern hören, sind herrliche Zeiten angebrochen.



28.5.2003





Ich bin Selene Thor, ich verlange den Zehnt von jedem Nahrungsmittel.





Bei einer Musterung meiner bisherigen Bilder bleiben etwa hundert übrig, die mir brauchbar erscheinen, der Rest ist Abfall. Immerhin, manche bringen es ja noch nicht einmal auf hundert Bilder. Vielleicht sollte ich etwa achtzig Prozent meiner Homepage löschen, damit nur noch die halbwegs gelungenen Sachen übrig bleiben.

[Zusatz 2004: Gute Idee.]





Im Allgemeinen sind die Herrscher der CDU bereit, Reformen mitzutragen, im Konkreten nicht. Damit repräsentieren sie recht genau den Volkswillen.





- Ich weiß, wie Deutschland vor dem Untergang gerettet werden kann.

- So?

- Es müssen erst einmal alle Subventionen gestrichen werden, einschließlich aller Steuervergünstigungen. Das gesparte Geld verwendet der Staat, um seine Schulden abzutragen. Außerdem kann er in den Sozialversicherungen mit den freigewordenen Mitteln versicherungsfremde Leistungen finanzieren, wodurch es möglich wird, die Lohnnebenkosten teils zu senken, teils mit den gesparten Mitteln einen Kapitalstock aufzubauen, um gegen die demographischen Veränderungen gewappnet zu sein.

- Eine sehr gute Idee. Ja, diese Subventionen für die Landwirte und die Steinkohle müssen endlich einmal energisch bekämpft werden.

- Ich meine nicht nur die Subventionen für Landwirtschaft und Steinkohle. Ich meine auch die Steuerbegünstigung der Zuschläge für Nachtarbeit.

- Wieso soll denn die auch abgeschafft werden? Weißt du denn nicht, daß Nachtarbeit oft von ohnehin schlecht bezahlten Krankenschwestern ausgeübt wird, daß Nachtarbeit anstrengend und ungesund ist? Es wäre höchst ungerecht, diese Vergünstigung abzuschaffen.

- Aber das ist doch nur eine Täuschung. Die Krankenschwestern, die du erwähnst, erhalten doch dieses Geld überhaupt nicht. Wenn Nachtarbeit tatsächlich so unangenehm ist, wie du behauptest, dann wird sich in einer Marktwirtschaft der Arbeitgeber genötigt sehen, diesen Nachteil irgendwie auszugleichen, um Arbeitskräfte anzulocken, am einfachsten durch zusätzlichen Lohn, oder durch großzügige Urlaubsregelungen für Nachtarbeiter oder was auch immer geeignet erscheint. Wird Nachtarbeit subventioniert, so erhöht sich nicht der Lohn der Nachtarbeiter, sondern es sinken bloß die Kosten des Arbeitgebers.

- Ja, aber die Krankenschwestern verrichten doch eine sozial nützliche Arbeit.

- Wieso das denn?

- Weil sie kranke Menschen versorgen.

- Aber nahezu jede kapitalistische Tätigkeit bewirkt eine Verbesserung des Menschenloses. Der Kinobetreiber sorgt für Kurzweil und Zerstreuung, der Schneider sorgt dafür, daß die Menschen nicht frieren müssen, so gesehen ist die meiste Arbeit nützlich, und alles müßte gefördert werden.

- Was ich meine, ist, daß es gut ist, wenn medizinische Versorgung staatlich subventioniert wird, weil sich dann auch arme Menschen eine hochwertige medizinische Versorgung leisten können.

- Wenn dies das Ziel ist, dann sollten arme Menschen einen Zuschuß zu den Kosten medizinischer Versorgung erhalten. Wenn statt dessen direkt die Anbieter medizinischer Dienste subventioniert werden, dann profitieren alle von dieser Subventionierung, auch die Reichen, die eine solche Subventionierung gar nicht nötig hätten.

- Was ich eigentlich meinte ist: der Staat muß Krankenhäuser subventionieren, damit es auch in ländlichen, dünner besiedelten Gebieten eine hochwertige medizinische Versorgung gibt, die anzubieten sich dort vielleicht rein nach den Gesetzen des Marktes gar nicht lohnen würde.

- Wiederum gilt, daß von einer Subventionierung der Nachtarbeit auch die Krankenhäuser in dicht besiedelten Gebieten profitieren. Mir scheint, dir ist jede Ausrede recht, um die steuerliche Begünstigung der Zuschläge für Nachtarbeit nicht antasten zu müssen. Wir sollten uns aber doch eher fragen: wollen wir überhaupt, daß nachts gearbeitet wird? In vielen Fällen ist die Frage müßig, weil es zur Nachtarbeit keine Alternative gibt. In den wenigen Fällen, in denen es theoretisch möglich wäre, die Nachtarbeit durch verstärkte Tagarbeit zu kompensieren, lautet die Antwort doch wohl eher: wenn die Nachtarbeit durch verstärkte Tagarbeit ersetzt werden kann, dann soll sie auch ersetzt werden, da zwei gesunde Tagesarbeitsplätze einem einzigen ungesunden Nachtarbeitsplatz vorzuziehen sind. Wenn überhaupt, dann sollte es eher eine staatliche Strafsteuer für Nachtarbeit geben, statt einer Vergünstigung. Als Übungsaufgabe empfehle ich dir, dir zu überlegen, wieso Kilometerpauschale oder Eigenheimzulage den Landschaftsverbrauch und den Verbrauch fossiler Rohstoffe begünstigen, die Armen und Bedürftigen aber nicht reicher machen.



2.6.2003





Wenn wir aus einer Kreisscheibe einen Punkt zufällig auswählen (wobei alle Punkte gleichermaßen wahrscheinlich sein sollen), dann wird dieser Punkt im Durchschnitt 2/3 vom Mittelpunkt entfernt sein (die Fläche des Kreises ist pi*r^2, Punkte der Entfernung x vom Mittelpunkt gibt es auf einer Kreislinie des Umfangs 2*pi*x, der Erwartungswert der Entfernung ist (1/pi*r^2)*Int(0-r:2*pi*x * x dx)=2/3 * r). Der Median der Entfernung, also jene Kreislinie, für die die Fläche außerhalb und innerhalb gleich groß ist, beträgt (1/2)^1/2, ist also einen Hauch größer. Welcher der beiden kleineren Kreise mit den Radien 2/3 r beziehungsweise r (1/2)^1/2 fügt sich harmonischer und gottgefälliger in den großen Kreis?



4.6.2003





Nehmen wir an, wir haben tausend Ursachen für eine bestimmte Entwicklung (das Prosperieren des römischen Reiches, wenn wir gerade von Kreisinhalt und Umfang sprechen), und tausend Ursachen für die gegenteilige Entwicklung (der Fall des römischen Reiches). Eine Zeitlang dominieren die ersten tausend Gründe, später dominieren die zweiten tausend Gründe. Dabei kann es durchaus sein, daß einige der Gründe der ersten Gruppe sogar stärker, einige Gründe der zweiten Gruppe sogar schwächer geworden sind, es genügt, daß insgesamt die Summe der Gewichte der ersten Gruppe kleiner wird, die der zweiten Gruppe relativ dazu größer. Dabei ist es auch anzunehmen, daß zwischen den einzelnen der zweitausend Gründe die unterschiedlichsten kausalen Zusammenhänge und Wechselwirkungen bestehen.

Wenn wir nun eine Frage stellen wie „warum ging das römische Reich unter?“, dann besteht die Antwort gewöhnlich darin, aus tausend Ursachen eine einzelne auszuwählen. Aber es kann durchaus sein, daß keine der vielen Ursachen die anderen wesentlich dominiert (zum Beispiel, wenn das Gewicht der wichtigsten Ursache nur ein Zehntel des Gesamtgewichts aller Ursachen ausmacht). Jeder Versuch, eine geschichtliche Entwicklung durch eine einzige Ursache (oder nur durch zwei oder drei Ursachen, oder nur durch sieben Ursachen) zu erklären, bleibt deshalb unbefriedigend und geht an der Wirklichkeit vorbei.

Dabei ist selbst das Benennen von zweitausend Ursachen eine Abstraktion, denn tatsächlich vorhanden gewesen sind ja nur die einzelnen Menschen und ihre einzelnen Taten (ob ein Bettler auf den Straßen Roms in einer Nacht auf der rechten oder linken Seite schläft, beschleunigt oder verzögert den Fall Roms). Wie viel einfacher hatten es da doch früher die Schüler im Geschichtsunterricht, als sie bloß die Namen, Regierungszeiten und Schlachten der Könige auswendig lernen mußten und nicht von ihnen verlangt wurde, die geschichtlichen Prozesse in ihrer Essenz zu begreifen.

Neben der Fischerschen Theorie, die Reproduktionsrate der Sklaven sei zu groß gewesen und habe zum Untergang Roms geführt, und der Weberschen Theorie, die Reproduktionsrate der Sklaven sei zu klein gewesen und habe zum Untergang Roms geführt, gibt es natürlich noch ungezählt viele weitere Theorien, für jede der tausend wirkenden Ursachen eine. Ein Freund hat sich an folgender unvollständigen Aufstellung versucht:

> Das römische Reich ist übrigens einzig und allein deshalb untergegangen,

> - weil die richtigen Römer alle an Bleivergiftung starben

> - weil die Römerinnen nicht mehr ihre nötigen drei Kinder pro Weib

> austragen wollten

> - weil die bessergestellten Römer der Steuerschraube entgehen wollten

> und also alle in die angrenzenden Barbarengebiete umzogen.

> - weil die Profitrate im Orienthandel zu sehr fiel

> - weil das Christentum die geistige Widerstandskraft zerrüttete

> - weil die Frauen zu frei wurden

> - weil die Prätorianer unfähige Kaiser einsetzten

> - weil die Hunnen die Völkerwanderung auslösten

> - weil die aufgenommenen Barbaren weniger Gemeinsinn zeigten als die

> alten patrizialen Familien

> - weil es zuviele Plebejer gab

> - weil es zuwenige Plebejer gab

> - weil es zuwenige Sklaven gab

> - weil es zuviele Sklaven gab

> - weil es zuviele Freigelassene gab

> - weil es zuviele Barbaren gab

> - weil die Sklaven den Plebejer die Arbeit wegnahmen

> - weil die Römer degeneriert und verweichlicht waren

> - weil die Kaiser zu mächtig waren und meist den Cäsarenwahn bekamen

> - weil die Kaiser zu schwach waren und immer Angst vor den Prätorianern

> hatten

> - weil die Kaiser zu oft, fern von Rom, selber Krieg gegen die Barbaren

> führten

> - weil die Römer sich auf barbarische Hilfsvölker verließen

> - weil ihnen die Catonische Strenge abhanden gekommen war

> - weil die Bevölkerungsdichte in den angrenzenden Barbarengebieten durch

> den sich ausbreitenden zivilisatorischen Fortschritt zunahm

> - weil sie unfähige Feldherrn hatten

> - weil die meisten Germanen Arianer waren

> - weil die Germanen den Steigbügel erfanden

> - weil die Parther immer zum Schein flohen und sich die arglosen Römer

> dieses Verhaltens nie versahen

> - weil das Wetter in Friesland und überhaupt bei den Germanen zu

> schlecht für die Römer war, und sie es also nicht rechtzeitig eroberten

> und kolonisierten

> - weil die hunnischen Frauen sogar beim Reiten gebaren

> - weil Varus zu unvorsichtig war

> - weil Arminius zu tückisch war

> - weil die Plebejer nur noch konsumierten

> - weil mit der Ausbreitung des Reiches der Sklavennachschub mit r wuchs,

> der Bedarf aber mit r^2.

> - weil es seine Blüte- und seine Reifezeit überschritten hatte

> - weil sie mit den Gladiatorenspielen gegen Gott gefrevelt hatten

> - weil das Holz für die Schiffe überall im Mittelmeer selten wurde

> - weil die Römer keine Monotheisten waren

> - weil die Römer zuviele Religionen hatten

> - weil die Zeit leichtbewaffneter Fußtruppen einfach vorbei war

> - weil mit den alten Göttern auch die alten kriegerischen Tugenden

> verloren gegangen waren

> - weil ein Schmetterling in Peking einen Schlag tat

> - weil die Germanen tugendhafter waren

> - weil es eigentlich ein Wunder ist, daß das Reich überhaupt so lange

> gehalten hat.

> - weil ihre Volkskräfte erschöpft waren

>

> Hier nun exklusiv der all-einzige und wahre Grund, der uns bisher

> heimtückisch von den Illuminaten verhehlt wurde: Weil damals die

> Weltbevölkerungszahl erstmals die Schwelle von 3 * 23^(2+3) überschritt.

>

> (Alle oben aufgelisteten Argumente, bis auf wenige in polemischer

> Absicht eingestreute, habe ich übrigens tatsächlich gehört oder gelesen,

> wenn sie auch hier vielleicht manchmal ein bißchen von mir zugespitzt

> wurden.)

>

Theorien über die Ursachen des Unterganges großer Reiche scheinen zu Spenglers besten Zeiten recht beliebt gewesen zu sein. Inzwischen dagegen dürfte wohl den meisten Menschen schwer klar zu machen sein, was denn an dieser Fragestellung so besonders spannend und interessant und wichtig sein sollte. Auch bei den Fragestellungen gibt es Moden.

In Wahrheit ging das römische Reich unter, weil aufgrund der Kirchenspaltung die Kreuzritter glaubten, Byzanz plündern zu dürfen, so daß es den Arabern wehrlos ausgeliefert war.

> In der Tat, die Schwächung Ostroms durch die barbarischen Kreuzzügler,

> die hatte ich aus tandelnswerter Nachlässigkeit bei der Benennung aller

> Gründe für den Untergang Roms vergessen - es wurde Byzanz wirklich den

> Arabern gegenüber so wehrlos, daß es - ratzputz - von den Türken erobert

> wurde.





Überall in den an sich gebildeten, aber doch modernen Zeitschriften und Zeitungen (also wahrscheinlich überall außer in der FAZ und Focus) wurde beklagt, der zweite Teil von Matrix sei nicht mehr so anspruchsvoll, gehaltvoll, philosophisch, hinter- und untergründig wie der erste Teil, vielmehr oberflächlich, ein leeres und hohles Actionspektakel, stellenweise langweilig, jedenfalls bei weitem nicht so brillant, raffiniert, intellektuell wie der erste Teil. Es erinnert ein wenig an den Vorwurf, die ersten drei Teile von Star Wars (also eigentlich die letzten drei Teile) seien viel besser gewesen als die neuen Teile. Es ist doch sehr erstaunlich, welch Verklärungsleistung das Gedächtnis imstande ist zu vollziehen. Über die hirnrissigen Dialoge sämtlicher Star Wars-Folgen wollen wir nicht weiter richten; wir gestehen, daß wir selbst sentimentale Erinnerungen an diesen Unfug haben. Aber was soll denn am ersten Teil von Matrix denn so übermäßig prickelnd gewesen sein? Es gab in der ersten Viertelstunde des Films ein paar faustdicke Anspielungen auf Alice im Wunderland, die Protagonisten hatten seltsame, gesuchte, bedeutungsschwere, ja, -schwangere Namen, naja, und der Film thematisierte den Unterschied zwischen real und virtuell, wie das vorher außer Platon, den Romantikern, Lem, den Cyberpunk-Science-Fiction-Büchern und mehreren weiteren Kinofilmen noch nie jemand getan hat.

Besonders schön ist die Stelle, an der Neo erklärt wird, daß die Maschinen ihre Energie aus der Wärme und psychischen Energie der Menschen beziehen. Ernährt werden die realen Körper der Menschen in der Matrix von den Leichen anderer Menschen. Klingt ein klein wenig nach einem Perpetuum mobile, oder?

Aber vielleicht bin ich hier ungerecht und voreingenommen und leide selbst unter dem gleichen Fehler, schließlich habe ich mich weiter oben beklagt, der erste Teil von Alien sei besser als die folgenden. Ich bin inzwischen darauf hingewiesen worden, auch der erste Teil sei doch in Wahrheit ein ziemlicher Blödsinn gewesen, und auch meine Ausführungen zur Biologie dieses Filmes leide an ernsten Fehlern und Irrtümern.





Selene hat einen Plüschelephant mit einer Spieluhr in der Nase, die eine Melodie von Mozart spielt, weshalb der Elephant den Namen Colin Mozart bekommen hat. Nun hat der Elephant ein Auge verloren, weshalb wir ihn in den Laden gebracht haben, damit die Herstellerfirma erfährt, daß ihre Elephanten Augen verlieren. Bei dieser Gelegenheit wurde uns angeboten, den invaliden Elephanten durch einen jungen, gesunden zu ersetzen, womit wir dann auch, trotz eines gewissen unbehaglichen Gefühls (schließlich war es dann ja nicht mehr der selbe Elephant) einverstanden waren. So hat Selene jetzt also einen neuen Colin, der wieder über beide Augen verfügt.

Nur daß dieser neue Colin jetzt nicht Mozart spielt, wenn er am Rüssel gezogen wird, sondern La-Le-Lu.





Ist es eigentlich zulässig, die King-James-Bibel in andere Sprachen als Englisch zu übersetzen?





Das Selbstreferentielle der Emails, die ich neuerdings erhalte und die mich zum Erwerb von (garantiert hundertprozent wirksamer) Antispamsoftware auffordern, kann mich nur wenig amüsieren, eher schon haben diese Emails den Charakter der Nötigung.





Haben wir bereits genügend Abstand, um den Erfolg des jüngsten Irakkrieges zu beurteilen? Nun, wir wollen es versuchen. Versuchen wir uns zu erinnern, was die Gründe für den Krieg waren: der Krieg war unvermeidbar,

weil der Irak Massenvernichtungswaffen (Pest &c.) hat.

Wenngleich es etwas mühsam ist, diese Massenvernichtungswaffen zu finden. Wir suchen noch. Wir brauchen mehr Zeit. Lustig, genau das haben damals auch die UN-Inspektoren gesagt.

weil der Irak demnächst die Atombombe haben könnte.

Das nun scheint zwar dem Reich der Legende anzugehören. Aber immerhin dürfte durch die Nachlässigkeit der Amerikaner inzwischen genügend von Plünderen gestohlenes Uran und Cäsium in den Händen von Terroristen sein, um eine „schmutzige Bombe“ (also eine konventionelle Bombe, die radioaktives Material verteilt) zu bauen.

weil Saddam der beste Freund bin Ladens ist.

Jedenfalls sind jetzt beide verschwunden. Das deutet doch auf einen Zusammenhang, ja, Komplizenschaft zwischen den beiden hin, oder?

weil Saddam Terroristen mit Waffen versorgt.

Da ist es doch weitaus besser und nobler, den Kunstmarkt mit geraubten Kunstwerken zu versorgen.

weil wir den Irak in eine Demokratie verwandeln wollen, als Vorbild für alle islamischen Völker.

Oder, falls das nicht gelingt, in einen islamistischen Gottesstaat.

weil Saddam versucht hat, Bushs Papa umzubringen.

Wobei Saddam selbst bislang noch gar nicht zur Rechenschaft gezogen wurde.

weil wir die Macht dazu haben.

Warten wir ab. Langfristig hat ein Außenhandelsdefizit ja auch einige Nachteile.

[Zusatz 2004: die Bemerkung über das Außenhandelsdefizit scheint mir inzwischen kindisch und töricht. Möge Amerikas Wirtschaft lange und erfolgreich prosperieren.]



6.6.2003





Wenn wir im vierzehnten Bruchstück des „Achter Buch“, dem vierten Teil des Suttanipāto, der Sammlung der Bruchstücke des Khuddakanikāyo, der Kürzeren Sammlung des Pāli-Kanons, in Strophe 916 lesen

Das Wurzeln hier im Sondern, Unterscheiden,

„Ich bin’s, der denkt“ muß gänzlich sein entrodet,

Ein jedes Dürsten seiner Brust

Entfremden muß man lernen immer klargemut.

und dabei der zweite Vers wie eine Antwort auf Descartes klingt, dann ist das natürlich kein Zufall, da ja der Übersetzer dieser Strophen (in diesem Fall Karl Eugen Neumann) die Schriften Descartes kennen konnte und gekannt hat. Was nun eigentlich im Urtext steht (oder gar, was der historische Gautama mündlich gelehrt hat) wissen wir nicht. Aber du ahnst bereits, liebe Leserin, diese Unkenntnis wird mich nicht davon abhalten trotzdem den Flug meiner Spekulationen zu beginnen.

Im übrigen könnte ja kaum gleichgültiger sein, was denn nun wirklich im Urtext steht, wie wir sogleich sehen werden. In der 38. Rede der Mittleren Sammlung verkündet ein gewisser Sāti die Lehre, das Bewußtsein überdauere den Kreislauf der Wiedergeburten, er entwickelt also eben jene Theorie der Wiedergeburt einer unsterblichen Seele, wie sie auch hierzulande als Vulgärbuddhismus eine gewisse bescheidene Popularität erzielt hat. Die übrigen Mönche weisen ihn darauf hin, daß seine Lehre sich außerhalb der Orthodoxie bewegt und der Buddha anderes gelehrt hat, doch Sāti zeigt sich unbeeindruckt und wird schließlich vor den Meister zitiert. Der weist ihn dann zurecht, und Sāti ist beschämt und verwirrt, doch läßt Gautama es dabei nicht bewenden, sondern entwickelt noch einmal ausführlich im Gespräch mit den Mönchen die Gründe, warum das Bewußtsein, als bedingt entstandenes, den Kreislauf des Wandelseins nicht unbeschadet und unverändert trotzen kann: „Ohne zureichenden Grund entsteht kein Bewußtsein“ (ein Satz, der mir durchaus vernünftig erscheint). Die Erörterung endet:

„Werdet ihr nun, ihr Mönche, also erkennend, also verstehend, vielleicht sagen: „Dem Meister zollen wir Verehrung, aus Verehrung vor dem Meister reden wir also“?“

„Gewiß nicht, o Herr!“

[...]

„Wie nun, ihr Mönche: so sagt ihr einzig das, was ihr selbst durchdacht, selbst erkannt, selbst verstanden habt?“

„Gewiß, o Herr!“

Es finden sich im Pāli-Kanon gelegentlich Reste von so etwas wie Diskussionen, insbesondere, wenn Gautama konkurrierende Sekten trifft, die er natürlich regelmäßig in Grund und Boden redet, die er aber doch durch eine stimmige Argumentation gewinnen muß. Wir können also sagen, daß es uns gleichgültig ist, was die historische Lehre ist, da es uns wichtiger ist, was denn die Wahrheit über die Welt ist, und eine historisch korrekte Rekonstruktion der Lehre einer wahrhaft korrekten Lehre opfern.

Es findet sich im Pāli-Kanon in gewisser Weise oft ein entschieden antimetaphysischer Zug (allerdings nicht durchgängig: es gibt genügend andere Stücke, die märchenhaft, fabelhaft, mythologisch, metaphysisch oder sonstwie recht zeitverhaftet sind), wenngleich die Grenzziehung zwischen der müßigen Metaphysik und der nahrhaften Lehre nicht ganz dem entspricht, was ein moderner Skeptiker erwarten würde (als abschreckendes Beispiel eines metaphysischen „Beweises“ für jenseitigen Lohn und jenseitige Strafe, wie es sich selbst Platon nicht törichter hätte ausdenken können, sei etwa auf die 23ste Rede der Längeren Sammlung verwiesen).

„Was aber, Māluṉkyāputto, hab’ ich nicht mitgeteilt? „Ewig ist die Welt“, Māluṉkyāputto, hab’ ich nicht mitgeteilt, „Zeitlich ist die Welt“ hab’ ich nicht mitgeteilt, „Endlich ist die Welt“ hab’ ich nicht mitgeteilt, „Unendlich ist die Welt“ hab’ ich nicht mitgeteilt, „Leben und Leib ist ein und dasselbe“ hab’ ich nicht mitgeteilt, „Anders ist das Leben und anders der Leib“ hab’ ich nicht mitgeteilt [...]. Und warum hab’ ich das, Māluṉkyāputto, nicht mitgeteilt? Weil es, Māluṉkyāputto, nicht heilsam, nicht urasketentümlich ist, nicht zur Abkehr, nicht zur Wendung, nicht zur Auflösung, nicht zur Aufhebung, nicht zur Durchschauung, nicht zur Erwachung, nicht zur Erlöschung führt: darum hab’ ich das nicht mitgeteilt.

Was aber, Māluṉkyāputto, hab’ ich mitgeteilt? „Das ist das Leiden“, Māluṉkyāputto, hab’ ich mitgeteilt, „Das ist die Leidensentwicklung“ hab’ ich mitgeteilt, „Das ist die Leidensauflösung“ hab’ ich mitgeteilt, „Das ist die Leidensauflösung“ hab’ ich mitgeteilt, „Das ist der zur Leidensauflösung führende Pfad“, hab’ ich mitgeteilt.“

Mittlere Sammlung 63. Rede

Im Diskurs trifft Gautama (beziehungsweise treffen seine verschiedenen Stellvertreter) auf die verschiedensten Menschen, die sich mit den verschiedensten Fragen und Problemen beschäftigen und die verschiedensten vorgefaßten Meinungen besitzen, und sie alle sollen in einer Diskussion gewonnen werden. Descartes hat versucht, wenn wir ihn so deuten wollen, ein Argument zu finden, einen Diskussionsgang, der gegen alle Gegner und Einwände Bestand haben könnte, also eine Argumentationsweise, die auf jede Voraussetzung verzichten muß. Der Ausgangspunkt seiner Überlegungen, sein archimedischer Punkt, ist das Vorhandensein seines Zweifels, also seines Nachdenkens, aus dem er dann seine eigene Existenz ableiten, eben sein berühmter Satz, mit dem wir uns schon anderer Stelle beschäftigt haben.

Wir können nun die Argumentationsweise Gautamas so rekonstruieren, daß auch er, wie Descartes, voraussetzungslos beginnt. Wie Descartes drängt sich ihm unabweisbar die Existenz des eigenen Zweifels auf, der bei ihm aber anders aufgefaßt wird, nämlich als Leiden. Vom Leiden aus aber nimmt sein Denken eine andere Richtung als die Argumentation Descartes’. Descartes beweist von der Existenz des Zweifels aus bekanntlich die Existenz des eigenen Bewußtseins, eines gütigen Gottes, der materiellen Welt und der unsterblichen Seele. Bei Gautama wird das Leiden zurückgeführt auf die Geburt, die Geburt auf das Werden, das Werden auf das Anhangen, das Anhangen auf den Durst, der Durst auf das Gefühl, das Gefühl auf die Berührung und so immer weiter hinab in der buddhistischen Ontologie, während Gott, Materie oder Seele auf diesem Argumentationsgang unberührt bleiben und der Satz „Ich bin’s, der denkt“, wie wir gesehen haben, sogar explizit verneint wird.

Wir könnten nun die Gautamasche Ablehnung bestimmter metaphyischer Fragen so auffassen, daß sich über diese Fragen eben nichts aussagen läßt: ausgehend vom unbezweifelbaren Ausgangspunkt des Leidens, sind diese Fragestellungen unerreichbar, und wir wissen eben nichts sicheres über diese Dinge. Diese Deutung wird durch den Pāli-Kanon freilich nicht gedeckt. Dort ist es eher so, daß der Buddha zwar alles wissen kann, was er wissen möchte, bestimmte Fragestellungen aber für die Erlösung irrelevant sind. Das angeführte Zitat belegt dies ja bereits. Folgende Stelle geht ihm voran:

„„Wenn die Ansicht „Ewig ist die Welt““, Māluṉkyāputto, „besteht, kann Asketentum bestehen“: das gilt nicht. „Wenn die Ansicht „Zeitlich ist die Welt““, Māluṉkyāputto, „besteht, kann Asketentum bestehen“, auch das gilt nicht. Ob die Ansicht „Ewig ist die Welt“, Māluṉkyāputto, besteht oder die Ansicht „Zeitlich ist die Welt“: sicher besteht Geburt, besteht Alter und Tod, besteht Wehe, Jammer, Leiden, Gram und Verzweiflung, deren Zerstörung ich schon bei Lebzeiten kennen lehre.“

(die Argumentation Gautamas ist an diesem Punkt allerdings nicht ganz stimmig: denn angenommen, die Welt ist zeitlich, dann kann ich dem ganzen Elend ja wohl recht einfach entgehen, indem ich das Ende der Welt abwarte, ist sie dagegen ewig, dann gibt es diesen Ausweg nicht).

Was nun ist der Ertrag dieser Betrachtungen? Nach dem, was wir wissen, war Gautama, im Gegensatz zu Descartes, wohl nicht übermäßig daran interessiert, ob es möglich ist, absolute Gewißheiten zu konstruieren (ich meine, dergleichen ist nicht möglich, möchte das nun aber ungern als absolute Gewißheit hinstellen). Trotzdem können wir seine Lehre so auffassen, daß sie wie die Lehre Descartes von universellem Zweifel ausgehend eine positive und für gewiß gehaltene Theorie entwickelt, nur daß die Pointe darin besteht, daß Gautamas Theorie unter anderem Descartes allererste Folgerung (die doch eigentlich am allergewissesten von allen seinen Folgerungen sein sollte) als falsch erweist. Es ist schwierig zu entscheiden, ob auch das Umgekehrte gilt: vom Leiden ausgehend erschließt Gautama die Geburt, und Descartes hat sicher nicht bestritten, daß Geburten stattfinden. In gewisser Weise läßt sich auch die Theorie, daß jede Geburt zu Leid führt, als vereinbar mit der christlichen Lehre der Erbsünde auffassen, denn nach dem Fall Adams ist das menschliche Leben notwendig unvollkommen und mangelhaft. Aber das gilt streng genommen nur für die Zeit zwischen dem Fall Adams und der Geburt des neuen Adams, also nicht universell: nach christlicher Lehre sind Geburt und Leidensfreiheit nicht völlig unvereinbar. Insofern könnten wir ergänzen, daß umgekehrt auch Descartes Lehre Gautamas allererste Folgerung (die doch eigentlich die allergewisseste von allen seinen Folgerungen sein sollte) als falsch erweist.

Diese Pointe muß freilich leider eingeschränkt werden. Gautama fand sich kaum in der gleichen Problemsituation wie Descartes, und wir finden daher im Pāli-Kanon wenig Neigung zu philosophischen Diskussionen, inwiefern sich zweifelsfreie Gewißheit voraussetzungslos konstruieren läßt. In Diskussionen mit Zeitgenossen verwendet Gautama ohne weiteres den gemeinsamen Konsens, den er jeweils spezifisch vorfindet: glaubt etwa jemand an Brahmā, so widerspricht Gautama nicht, sondern versucht zu zeigen, inwiefern die Existenz des Brahmā mit der buddhistischen Lehre in Einklang steht. Glaubt ein anderer dagegen nicht an die Existenz der Götter, wohl aber (da der romantische Idealismus im antiken Indien nicht übermäßig verbreitet war) an die Existenz der materiellen Welt einschließlich der sozialen Interaktionen zwischen den Menschen, so verwendet Gautama diesen Glauben als Ausgangspunkt seiner Erörterungen. Es kann also kaum die Rede davon sein, Descartes habe das gleiche getan wie Gautama, sei aber dabei zu einem völlig anderen Ergebnis gekommen. Hinzu kommt noch, daß der Pāli-Kanon unausgesetzt mit einer sehr speziellen Theorie der Kausalität operiert, die meines Wissens nirgends begründet oder bewiesen, sondern immer nur vorausgesetzt wird (wiederum andererseits: auch Descartes verwendet mehr oder weniger naiv eine spezifische Theorie der Kausalität, sonst könnte er seinen Folgerungsapparat gar nicht erst in Gang bringen).

Jedenfalls können wir wohl festhalten: der Versuch, absolute Gewißheit durch strenges, voraussetzungsloses Denken zu erreichen ist tückisch und gefährlich und kann leicht in der Blamage enden, daß die eigenen unbezweifelbaren Gewißheiten schon vor über zweitausend Jahren widerlegt wurden.



7.6.2003





Da ich mit der obigen Darstellung noch nicht recht zufrieden bin (zu kompliziert, gelehrt und verworren), will ich versuchen, ob ich das Gesagte noch einmal einfacher und klarer sagen kann. Also:

Beginnen wir zunächst mit dem Europäer, der uns etwas vertrauter ist. Descartes ist in seinem Leben in vielen Ländern gewesen und hat dort unterschiedliche Sitten, Gebräuche und Vorstellungen getroffen. Verschiedene Menschen hängen verschiedenen Religionen an, es gibt Juden, Christen, Muslime und sogar Protestanten, und von der richtigen Wahl hängt das Seelenheil ab. Am einfachsten scheint es, einfach das zu glauben und für richtig zu halten, was auch alle anderen sagen. Aber Descartes ist zu klug: selbst in den geliebten Wissenschaften gibt es Zweifel und Irrtümer. Es könnte doch sein, daß das ganze Leben nur ein Traum ist, oder Descartes ein Gefangener der Matrix, oder getäuscht von einem übelwollenden Dämon. Kann denn in dieser Situation überhaupt etwas gewiß sein? Nun, zumindest doch ist gewiß, daß hier jemand zweifelt und nachdenkt. Wo es Zweifel und Nachdenken gibt, muß doch wohl auch jemand dasein, der zweifelt und nachdenkt:

Alsbald aber machte ich die Beobachtung, daß, während ich so denken wollte, alles sei falsch, doch notwendig ich, der das dachte, irgend etwas sein müsse, und da ich bemerkte, daß diese Wahrheit „ich denke, also bin ich“ so fest und sicher wäre, daß auch die überspanntesten Annahmen der Skeptiker sie nicht zu erschüttern vermöchten, so konnte ich sie meinem Dafürhalten nach als das erste Prinzip der Philosophie, die ich suchte, annehmen.

Im übrigen ist Descartes nicht so naiv, seinen eigenen Geist für eine tabula rasa zu halten, die einfach voraussetzungslos drauflosphilosophiert: es ist ihm durchaus bewußt, daß es einer großen Anstrengung bedarf, um radikal alles bislang unbesehen für gewiß erachtete in Zweifel zu ziehen. Aus methodologischen Gründen beginnt er daher mit der radikalen Annahme, ein übelwollendes Wesen versuche, ihn über schlichtweg alles zu täuschen, und alles, was er bisher geglaubt habe, sei falsch. Selbst in dieser Situation läßt es sich, so Descartes, für ihn doch zumindest nicht bezweifeln, daß er selbst, der Zweifelnde, existiert.

Nachdem er erst einmal diesen einen Satz als wahr erobert hatte, gelang es ihm (so dachte er), einige weitere Sätze zu beweisen, insbesondere die Existenz Gottes, und daß die menschliche Seele vom Körper verschieden ist. In seiner „Abhandlung über die Methode des richtigen Vernunftgebrauchs“ glaubte Descartes außerdem noch, die Unsterblichkeit der Seele beweisen zu können; in den „Meditationen über die Erste Philosophie“ ist er bescheidener und verzichtet auf diesen Anspruch.

In gewisser Hinsicht ist das Ergebnis seiner Überlegungen dürftig: sie erlauben ihm beispielsweise nicht, sich zwischen den verschiedenen monotheistischen Religionen zu entscheiden. Andererseits sind seine Ergebnisse dafür wenigstens gewiß und unbezweifelbar wie die Sätze der Geometrie.

Das Leben Gautamas ist weniger gut belegt und verliert sich teilweise im Legendenhaften. Er soll ein vornehmer Prinz gewesen sein, der eines Tages unvermittelt der Erfahrung der Krankheit, des Alterns und des Todes begegnet, und, davon erschüttert, seine Heimat verläßt und Asket wird. Er versucht sich zunächst an allerlei Fasten und Kasteiungen, die er aber schließlich aufgibt, da sie zur Befreiung vom Leid ungeeignet erscheinen. Darauf erfährt er, so der buddhistische Bericht, Erleuchtung, begreift den Zusammenhang zwischen Begierde, Durst, Werden und Leiden und kann sich dadurch (wie für den platonischen Sokrates ist für Gautama Einsicht und Handeln eine untrennbare Einheit) befreien. Dabei ist das Bewußtsein, auch das Bewußtsein seiner selbst, eine der Stationen der Kausalkette auf dem Weg zum Leiden. Die Annahme eines autonomen Ichs, das zu hätscheln und zu pflegen und vielleicht sogar unsterblich ist, gilt ihm dabei ein wesentliches Hindernis auf dem Weg zur Befreiung.

Das Wurzeln hier im Sondern, Unterscheiden,

„Ich bin’s, der denkt“ muß gänzlich sein entrodet,

Ein jedes Dürsten seiner Brust

Entfremden muß man lernen immer klargemut.

Von David Hume und einigen seiner Nachfolger gibt es Überlegungen, warum die Annahme der Existenz eines Ich auf einer Täuschung beruht. Da die zitierten vier Zeilen eine Übersetzung aus einer längst gestorbenen Sprache sind, ist nicht gewiß zu sagen, inwieweit Gautama in diesen Zeilen etwas ähnliches sagt wie Hume. Vielleicht sagt Gautama hier, daß das Ich eine Täuschung ist, daß es nicht existiert und daß die Erlösung in der Einsicht in diese Tatsache besteht: die falsche Meinung „Ich bin es, der denkt“ muß aufgegeben werden. Vielleicht aber auch sagt Gautama hier, daß das Wichtignehmen des eigenen Ichs eine falsche Praxis ist und daß die Erlösung durch das Aufgeben dieser Praxis bewirkt wird: demnach gäbe es zwar vielleicht ein Ich, das denkt, dieses Ich sollte aber nicht ernst genommen werden, es soll ihm keine Beachtung mehr geschenkt werden. Falls die erste Deutung zutrifft, dann widerspricht Gautama direkt Descartes, und das frappante ist dann, daß er fast exakt die Worte Descartes benutzt, nur, um sie energisch zu verneinen, obwohl Descartes sehr viel später als Gautama lebte. Im übrigen bleibt natürlich auch bei Gautama einiges recht zweiflhaft: zum Beispiel, ob denn wirklich das Leben so schrecklich ist, und falls wir das zugeben, warum wir uns ihm dann nicht einfach durch Selbstmord entziehen können, und wieso und inwiefern ein Erleuchteter ein besseres Leben führt als ein Unerleuchteter.



8.6.2003





Beim Malen eines Bildes mit Acrylfarben stelle ich fest, daß die Schwarz völlig vertrocknet und versteinert und zu nichts mehr zu gebrauchen ist. Ich behelfe mich notdürftig mit etwas Tusche, die ja schließlich auch schwarz ist, zumindest die ersten hundert Jahre lang. Dann scanne ich das Bild ein, um es weiter zu verarbeiten, was mit einem über vier Jahren alten, mehrfach nachgerüsteten Pentium II bei Bildern in der Auflösung viertausend auf siebentausend Pixeln auch kein reines Vergnügen ist, die einzelnen Schritte dauern derart quälend langsam, daß ich nebenher (die Kleine schläft gerade und hüpft nicht mehr um mich herum) eine bestimmte Stelle in der Kritik der reinen Vernunft nachschlagen kann. Dann will ich das Bild ausdrucken, dabei geht die Farbe im Farbdrucker zur Neige. Das Resultat reicht aber trotzdem aus, um mich zu überzeugen, daß das Bild insgesamt gravierende Mängel aufweist (in der Zeichnung: der Oberkörper sollte ein Stück weiter nachts rechts; in der Verarbeitung: das Gamma der Schuhe sollte niedriger sein, so stehen sie zu sehr vom Boden ab). Schließlich will ich noch diese kurze Notiz schreiben, ehe ich ins Bett gehe, als der Pentium vor Überlastung endgültig den Geist aufgibt und



9.6.2003





Wenn kleine Kinder beim Füttern nichts mehr zu essen wollen, drehen sie den Mund vom Löffel weg, sie schütteln den Kopf. Wollen sie dagegen noch etwas, stürzen sie sich mit aufgerissenem Mäulchen auf den Löffel, sie nicken.





Zweierlei Behauptungen reizen zum Widerspruch: zum einen die Behauptung, es sei in Deutschland leider nicht möglich, einzelne Juden zu kritisieren, auch wenn diese Kritik bitter nötig hätten, zum anderen die Behauptung, es brauche in der Öffentlichkeit gewisse Tabus, etwa ein Tabu, das antisemitische Äußerungen verbietet. Was ersteres angeht, so scheint es mir erbärmlich oder heuchlerisch, sich bei anderen über die eigene Feigheit zu beschweren. Was zweiteres angeht, so sind Tabus wenig dazu angetan, ein Überprüfen der eigenen Position zu ermöglichen und zu rechtfertigen eigentlich nur unter der mir grotesk erscheinenden zusätzlichen Annahme, die eigenen Ansichten seien so unfehlbar, daß sie einer weiteren Diskussion entraten könnten. Es mag bedauerlich sein, aber der geschichtlichen Realität des Holocausts können wir uns nur sicher sein, wenn jemand diese geschichtliche Realität bezweifelt und wir diesen Zweifel widerlegen, ein Dogma kann keine geschichtliche Wahrheit begründen. Und was nun Antisemitismus ist oder nicht, ist eine heikle Auslegungsfrage. Im übrigen gilt ja wohl in jedem Fall, daß wir pauschale und unzulässig verallgemeinernde Angriffe als unzulässig zurückweisen sollten, gleich, gegen wen sie sich richten.



20.6.2003





Die ersten Marktwirtschaftler haben einige Abhandlungen darüber geschrieben, warum Schutzzölle in jedem Fall von Übel sind und ein freier Warenverkehr stets von Vorteil ist. Wahrscheinlich hatten sie Unrecht. Heute jedenfalls verkünden die Marktwirtschaftler, warum der unvermeidliche, naturgesetzliche Freihandel leider unser aller Wohlstand vernichtet. Aber wahrscheinlich stimmt das auch nicht.





Wären Induktionsschlüsse zulässig, dann wäre ich unsterblich.





Es gibt wohl irgendwelche Fernsehserien, die den Zuschauern weiß machen wollen, in Roswell sei ein UFO gelandet, unsere Gesellschaft von Außerirdischen unterwandert, und die Regierung wüßte etwas, hielte es aber geheim. Ich persönlich glaube ja eher, daß in Roswell ein Wetterballon gelandet ist, daß unsere Gesellschaft von esoterischen Trotteln unterwandert ist und daß unsere Regierung nichts weiß, dies aber dafür auch überall verkündet. Außerdem gibt es bestimmte Talkshows, die den Zuschauern weiß machen wollen, Deutschland stünde kurz vor dem Untergang, wir seien Schlußlicht in Europa und demnächst fiele unser Lebensstandard hinter den Angolas zurück.





In dem erwähnten Staunen über das Untergehen großer Reiche spielt wohl eine Rolle, daß jene Reiche zwar zu eindrucksvollen Leistungen imstande waren (wie etwa große Bauwerke errichten, eine komplizierte Kultur pflegen, Nachbarvölker unterwerfen), aber unfähig, den eigenen Untergang abzuwenden, was doch scheinbar viel weniger Macht erfordert hätte, als es ursprünglich an Macht erfordert hat, die Macht zu erringen. Der Trugschluß ist hier, sich vorzustellen, ein bestimmtes Reich habe ein bestimmtes Maß an Kraft, Macht, virtue, Potenz, und könne sich nun frei entscheiden, wofür es diese Kraft verwenden soll. In Wahrheit ist aber das Reich ganz ohnmächtig, es kann nicht anders, als große Bauwerke errichten oder Nachbarvölker unterwerfen, und wenn die Bedingungen und Umstände sich ändern, löst es sich wieder auf.



23.6.2003





Selene und ich stehen im Wäschekorb, Selene steigt aus und rennt zum Bett, klettert hoch, will wieder absteigen, rutscht auf dem Po zur Kante, hüstelt, um anzudeuten, daß ich ihr helfen soll, ich rufe ihr zu, daß sie es auch alleine kann, sie dreht sich auf den Bauch und rutscht vom Bett runter, ich applaudiere, sie rennt zu mir und steigt wieder zu mir in den Wäschekorb.

Sie steigt aus dem Wäschekorb, rennt zum Bett, klettert hoch, rutscht auf dem Po zum Rand, hüstelt andeutungsweise, wartet meine Reaktion gar nicht erst ab, dreht sich auf den Bauch, rutscht runter, klatscht in die Hände und rennt zu mir, um in den Wäschekorb zu klettern.

Was wir an schönem oder eindrucksvollem erlebt haben, kann in ein Ritual verwandelt und so wieder und wieder durchlebt werden.





Die ersten empören sich (aus nichtigem Anlaß) über Friedman; dann empören sich die zweiten über die antisemitischen ersten; dann empören sich die dritten über die zweiten, die immer und überall Antisemitismus wittern; dann empören sich die vierten über alle anderen, weil die anderen sich ständig über irgend etwas empören müssen; dann empören sich die fünften über die Selbstreferentialität der Empörung der vierten.





Weiteres Ritual: „Ohhh nööö, oh, oh, sag mal, Colin, heijeijei, was machst du denn da unten auf dem Boden, Mensch, du alter Schlumpelelefant, du sollst doch auf die Selene aufpassen, wie oft habe ich dir gesagt, du sollst auf die Selene aufpassen, statt dich auf dem Boden herumzutreiben, es ist nicht zu fassen, komm her, setz dich wieder zu Selene.“



27.6.2003





Tomate, Tomate, die schmeißen wir nicht weg. Das wär’ nämlich schade und hätt’ auch keinen Zweck.

[Zusatz 2004: Müßte es nicht, um des Versmaßes willen, „wäre“ statt „wär’“ heißen?]



6.7.2003





Einst herrschten vier Könige über die Welt: im Osten der gelbe König auf einem Stuhl aus Jade, im Süden der schwarze König, einen Reif von purem Gold auf seinem Haupt und umgetan mit einem Leopardenfell, im Westen der rote König mit einer Krone aus Fasanenfedern, und im Norden der weiße König, angetan mit Hermelin und einem Siegelring aus Silber. Jeder von ihnen besaß einen Zauberstab mit eingeschnitzten mächtigen Runen, an der Spitze einen Schopf aus Menschenhaar, darunter eine Perle, in der ihre Zauberkraft gespeichert war. Lange und friedvoll herrschten diese vier Könige: der König des Ostens erfand den Pflug und die Schildkrötenschrift, der König des Südens erfand die Ziegelbrennerei und die Lanze, der König des Westens erfand das Rad und den Langbogen, der König des Nordens den Gerichtshof und den Steigbügel. Jedoch vergaßen die vier über die Dauer ihrer Herrschaft die spirituellen Grundlagen ihrer Herrschaft, sie verloren das Mandat des Himmels, und so wurde das Volk unter ihrer Herrschaft üppig und unbescheiden, verehrte nicht länger die Ahnen und erregte den Zorn der Götter. Noch einen fünften König gab es, doch hatte dieser aller weltlicher Macht entsagt und sich in die Wälder zurückgezogen, als Einsiedler die Einsamkeit pflegend, fromm der Meditation und der Läuterung des Herzens ergeben. O Fama, niederträchtige Verleumderin der Tugend: es geht das Gerücht, nicht aus Frömmigkeit sei dieser König in die Waldeinsamkeit gegangen, sondern er sei um eines unaussprechlichen Verbrechens wegen verbannt worden, er, der gerechteste der Menschen! Meditierend in seiner Einsamkeit, erkannte er, daß die Herrschaft der anderen vier Könige morsch und hohl geworden war, daß sie das Mandat des Himmels verloren hatten und ihnen ihre Macht nicht länger zustand, ja, zum Verderben der Völker wurde. Und mit Hilfe seiner Kunst erschuf er mich, den Wächter, das schönste und prächtigste Wesen, das jemals unter den Himmeln zu sehen war. Wie kristall schimmerte meine Rüstung, die fest mit meinem Leib verwachsen war, klar und durchdringend war mein Blick, dröhnend war meine Stimme. Geh, sagte mein König, beende die ungerechte Herrschaft der vier Könige, zerbrich ihre Stäbe, bringe mir die Perlen mit ihrer Zauberkraft, auf daß die Welt geläutert werde. Schweigend entfaltete ich meine Flügel, denn wie ein von Gott gesandter Engel habe ich Flügel, und fliegend machte ich mich auf den Weg. Ich besiegte den König des Ostens, den König des Südens, den König des Westens und den König des Nordens. Gedungene Schergen, Söldner und Mörder stellten sich mir in den Weg, viele Kämpfe hatte ich zu bestehen, viel Mühsal und Plage mußte ich erleiden, doch will ich mich dessen nicht rühmen und nicht blähen, jeder Gedanke an Ruhm ist mir fern, im übrigen sind meine Taten in den Frühlings- und Herbstanalen verzeichnet, wenn diese Darstellungen auch so manchen Fehler, Ungenauigkeit und Ungerechtigkeit enthält. Viele Jahre währte meine Pilgerschaft, doch schließlich kehrte ich in die Klause meines lauteren Königs zurück, um ihm die vier Perlen der vier Könige zu bringen, als sichtbares Zeichen dafür, daß meine Fahrt siegreich beendet war. Freudig eilte er mir entgegen, und ich entdeckte in seinem Herzen aufrichtigen Jubel über den Fall der Tyrannen, Freude über den Sieg der Gerechtigkeit, doch ach, verborgen in der untersten Falte seines Herzens fand ich auch ein Gran, ein Skrupel an Stolz, Hochmut und Herrschsucht. Ich reichte ihm die vier Perlen, und die Gier und Habsucht machte ihm die Augen überquellen. Nun wird meine Herrschaft beginnen, prahlte er, mein ist der ganze Erdkreis. Bedauernd und mitleidsvoll sah ich ihn an. Oft genug war mir Verblendung und Machtgier begegnet. Geburt ist Leiden, und Tod ist Leiden, Alter, Krankheit, Kummer und Sorgen sind Leiden, all diese Leiden aber haben ihre Quelle im Durst, denn der Durst erzeugt Wünsche und Begehren, wer aber den Durst überwindet, ist frei von den Leiden und stirbt befreit, ohne wieder zu kehren. Als ich sah, daß auch mein König, das Muster an Tugend und Lauterkeit, dem Durst und der Gier verfallen war, ließ ich noch einmal meine mächtige Stimme erschallen, und sogleich war er zu einem Haufen Asche verbrannt, und ich fügte die Perle seines Zauberstabes den Perlen der anderen Könige hinzu. Es gibt manche, die dies anders überliefern: es hätte mich selbst nach der Weltherrschaft gelüstet, und darum hätte ich den König getötet. So lachhaft ist dieser Vorwurf, daß er mich nicht zu kränken vermag. Strebte ich denn etwa nach diesem Vorfall nach Herrschaft? Nein, noch tiefer in die Wälder zog ich mich zurück, ein Einsiedler, ein frommer Eremit, selten besucht. Ein paar törichte Burschen hörten von den einzigartigen Schätzen, die ich hüte, und kamen als Räuber in eisernen Rüstungen, um mich zu töten, ihre Gebeine zieren den Eingang meiner Klause, denn mag ich nun auch alt geworden sein, bin ich noch immer wehrhaft. Davon abgesehen, begegne ich selten Menschen und halte statt dessen Zwiesprache mit dem Himmel. Gelegentlich verlasse ich meine Klause, um einen fetten Ochsen zu fangen oder einen fetten Bauern, denn so streng ich mich kasteie, so muß ich doch, als Hüter der fünf Perlen, darauf achten, daß mein Leib kräftig und geschmeidig bleibt, ein Werkzeug der Gerechtigkeit. Feinde und Verleumder werfen mir vor, daß ich auch zarte Jungfrauen entführe und verspeise, doch richtet diese Ignoranz sich selbst: enthalten doch nur Jungfrauen gewisse Spurenelemente und Vitamine, die mein Körper regelmäßig braucht, um gesund und frisch zu bleiben. Mein Herz ist lauter und lind, niemals habe ich aus Bosheit oder niedrigen Beweggründen mein Amt als Bewahrer der Gerechtigkeit geübt. Eine Last ist mir dieses Amt, nur aus Pflichtgefühl übe ich es aus. Doch weiß ich, daß ich nicht vergessen und verlassen von den Göttern bin. Meine Jahre der Einsamkeit haben Früchte getragen, meine Gebete sind nicht ungehört verhallt. Bald schon, weiß ich, wird mein Erlöser kommen, äußerlich den Räubern ähnlich, die mich gelegentlich belästigen, in einer Rüstung, doch inwendig lauter und rein, mit einem Herz ohne Fehl. Auch ihn werde ich prüfen, wie es meine Pflicht ist, doch wird er diese Prüfung bestehen und mich von meinem Amt befreien. Auf einem weißen Pferd wird er zu mir reiten, um sein Haupt ein Leuchten, wie es Zeichen der Heiligen ist.

*

Der Anlaß dieser kleinen Geschichte sind zwei Bilder, eines, das eine Muschelschale mit fünf Perlen zeigt, ein anderes, das den heiligen Georg zeigt, wie er mit dem Drachen kämpft, und die Aufforderung, beide Bilder mit einer Geschichte zu verbinden. Die Idee, die Geschichte aus der Sicht des Ungeheuers zu erzählen, das sich selbst für tugendhaft hält (oder sich jedenfalls so darstellt), stammt von Borges, sie taucht bei ihm sogar zweimal auf, einmal mit Fafner und einmal mit dem Minotaurus als Held. Die Charakterisierung der vier Könige ist im Stil an die Berichte über die ersten chinesischen Kaiser angelehnt, die ja bekanntlich auch alles mögliche erfunden haben und so als die Begründer der menschlichen Kultur gelten. Die vier Himmelsrichtungen ergeben sich, weil ja irgendwie begründet werden muß, warum insgesamt gerade fünf Perlen auftauchen (die vier Himmelsirchtungen, , die göttlich-harmonische Ordnung der Welt, plus der fünfte König als störende dreizehnte Fee). Zauberstäbe mit Menschenhaar gibt es (gab es) zum Beispiel auf Indonesien, aber vermutlich auch anderswo. Wiederum handelt es sich um ein exotisches Detail, das darüber hinweghelfen soll, daß Perlen traditionell keine spezifisch magischen Instrumente sind, im Gegensatz zu Zauberstäben oder Zauberringen: wenn ein Zauberstab Runen und Menschenhaar enthalten kann, dann ja wohl auch eine Perle, oder?



8.7.2003





Auf dem Video zu „Seven Nation Army“ sind nur zwei Instrumente zu sehen, Schlagzeug und Baß, zu hören sind aber drei, Schlagzeug, Baß und Gitarre. Dieses Rätsel scheint auch andere beschäftigt zu haben. Laut Jack White handelt es sich um eine Gitarre mit einem Effektfilter, die wie Baß und Gitarre klingt. Kaum zu glauben, aber White muß es ja schließlich wissen.



9.7.2003





Einwortsatz: „Colin!“

Zweiwortsatz: „Papa Brille“

Dreiwortsatz: „Mama keine Brille“

Vierwortsatz: „Mama Handtuch Biene weg“

Fünfwortsatz: „Papa Buch lesen Maulwurf Stinker“

Sechswortsatz: „Zug Bahnbof Ostaburge aus-stiege Oma Auto“

Bis sechs kann Selene allerdings noch nicht zählen, sondern erst bis fünf.





In jedem noch so verkorksten Forum taucht irgendwann einmal eine vernünftige Person mit durchdachten Ansichten auf. In jedem noch so erlauchten Forum taucht irgendwann einmal ein unbelehrbarer Blödmann auf. Infolgedessen endet jedes Forum in einem Gezänk aus Menschen mit vernünftigen (das heißt, mit meinen) Ansichten und Menschen mit völlig hirnrissigen Ansichten, wobei es letzteren ganz und gar an Einsicht mangelt, zu erkennen, wann sie besiegt, vernichtend geschlagen und völlig widerlegt sind. Es fehlt an einem neutralen, objektiven Schiedsrichter, der Sieg oder Niederlage endgültig feststellt. Aber wo sollte ein solcher Schiedsrichter denn auch herkommen? Er wäre ja doch wieder nur ein sterblicher Mensch, und damit Partei (es nützt auch nichts, das Publikum zum Schiedsrichter zu machen: als ob eine Horde von Idioten klüger als ein einzelner Idiot wäre).

Die Sehnsucht nach einem Gott speist sich vielleicht nicht nur aus dem Wunsch, ewig im Paradies zu leben, oder aus dem Bedürfnis, eine Erklärung für die Phänomene Blitz und Donner zu entwickeln, sondern auch aus dem Mangel eines vertrauenswürdigen Schiedsrichters, der ein für alle mal feststellt, wer denn nun recht hat (nämlich ich), wessen Argumente die besseren sind (nämlich meine) und wem der Lorbeer im Agon der Meinungen und Ansichten gebührt (nämlich mir).

Es ist daher wenig überraschend, wie willfährig Gott seinen Gläubigen gehorcht. Unter manchen christlichen Gläubigen ist ein Zitat Dostojewskis beliebt, demzufolge, gäbe es keinen Gott, alles erlaubt wäre. Mir scheint, daß eher das Gegenteil richtig ist: Gäbe es Gott, dann wäre alles erlaubt. Denn Gott ist gegenüber seinen Gläubigen gewöhnlich nicht sehr anspruchsvoll: er verbietet ihnen just das, was sie sowieso verboten sehen wollen, und erlaubt ihnen just das, was sie erlaubt haben möchten. Hätte Dostojewski recht, so müßten wir uns jeden Christen als blutrünstigen Mörder, Plünderer und Vergewaltiger vorstellen, der nur durch die Furcht vor dem Höllenfeuer mit Mühe davon abgehalten werden kann, zu morden, plündern und vergewaltigen, wie es eigentlich seiner Natur entspricht, und es müßte als ein Wunder erscheinen, daß die allermeisten Atheisten, denen ja, mangels Höllenfeuerstrafe, alles erlaubt ist, zufällig derart unbegreiflich sanftmütige und gutartige Geschöpfe sind, daß sie auf morden, plündern und vergewaltigen verzichten, obwohl es ihnen ja erlaubt wäre. Die Wahrheit ist freilich für die Christen sehr viel günstiger, als sie selbst glauben: denn die meisten von ihnen haben gar kein Interesse an Mord, Plünderung und Vergewaltigung, und es kostet sie daher auch gar keine Mühe, die diesbezüglichen Verbote einzuhalten. Und findet einer zufällig doch Gefallen am Morden, so wird er sicher auch eine Begründung dafür finden, warum das Morden im Namen des Glaubens Gott wohlgefällig sei.

Ich habe weiter oben den Fall eines Menschen geschildert (aus dem Vorwort des Buches von Doktor Faust), der bereit war, um seiner Armut zu entgehen, seine Seele dem Teufel zu verkaufen, mit dem erwähnten mangelhaften Erfolg, da der Teufel seinem Rufen nicht antwortete. Es sieht so aus, als habe nicht einmal die Androhung des Höllenfeuers irgend einen Einfluß auf das Verhalten der Menschen. Nehmen wir einen harmloseren Fall: ein frommer Christ, der regelmäßig zur Kirche geht, sich in seiner Gemeinde engagiert, die christlichen Gebote für wichtig, notwendig und nützlich hält und Raubkopien urheberrechtlich geschützter Programme verwendet. Die Verletzung des Urheberrechts wird von den meisten Menschen als moralisch zulässig empfunden. An diesem natürlichen Rechtsempfinden ändern auch die Gebote Gottes nichts: Raubkopieren ist anscheinend auch dem Gläubigen erlaubt, und selbst die Feuer der Hölle können ihn nicht dazu bringen, darüber nachzudenken, ob diese Haltung denn moralisch und ethisch tatsächlich über jeden Zweifel erhaben ist, denn er bringt ja durch das Raubkopieren andere um die Früchte ihrer Arbeit. Denkt er aber doch einmal darüber nach (etwa, weil er diese Zeilen hier liest), so mag er antworten, daß Gott gütig und verzeihend ist und über die kleineren Schwächen der Menschen großzügig hinweg sieht, so lange sie nur im Großen und Ganzen seinen Geboten folgen (also nicht morden, plündern oder vergewaltigen).

Ist ein Gläubiger homophob, so wird er in der Bibel zahlreiche Stellen finden, die ihm bestätigen, daß Homosexualität eine schwere Sünde ist. Ist er dagegen aufgeklärt und liberal, so wird er diese Stellen als nicht inspiriert bezeichnen, als menschliche Entstellung der Übermittler der göttlichen Botschaft, und statt dessen fragen: zwischen David und Jonathan, zwischen Ruth und Naomi, war da nicht eine Liebesbeziehung?

Ist ein Gläubiger ein Anhänger des geozentrischen Weltbildes, so wird er in der Bibel Stellen finden, die seine Ansichten stützen. Ist er kein Anhänger des geozentrischen Weltbildes, so wird er diese Stellen nicht finden. Welche Ansichten auch immer er hegt, just diese Ansichten wird er in der Bibel finden. Und wenn er sie dort nicht finden sollte, so steht es ihm ja frei, im Koran oder in den Aufzeichnungen der Ansichten und Meinungen des Meisters Kung weiter zu suchen.

Da also die Stimme des Herrn allzu sehr der Stimme eines Bauchredners ähnelt, ist der Herr als Schiedsrichter für die Fehde unserer verschiedenen Ansichten ungeeignet. Wir müssen uns wohl damit abfinden, daß das Forum des Lebens in dem Zustand ist, in dem es ist, in dem Unfug als Weisheit ausgeschrieen wird, Lüge als Lauterkeit, Tollheit als Einsicht, Betrug als Uneigennützigkeit, Willkür als Folgerichtigkeit, Einfalt als Aufrichtigkeit, Wirrnis als Tiefe und langweilige Aufzählungen als brillante rhetorische Stilmittel.





Hast du, liebe Leserin, schon einmal versucht, möglichst lüstern, geil und verrucht auszusehen, etwa, um deinem Freund eine Freude zu machen? Und war das Ergebnis, daß du eher albern, lächerlich und dämlich ausgesehen hast? Da ist es doch ein Trost, daß auch solche Menschen, die dafür bezahlt werden, verrucht und sexy auszusehen, und damit ihren Lebensunterhalt bestreiten, meist vor allem albern, lächerlich und dämlich aussehen.





Auf die Frage der Metaphysiker, warum es etwas gibt und nicht eher nichts, sind mehrere Antworten denkbar, etwa „Ich weiß es nicht“ oder „was für eine uninteressante Frage“. Eine Antwort, die mir vor einiger Zeit eingefallen ist (und vor mir außerdem auch noch Peirce), besteht darin, daß das absolute, vollkommene Nichts auch das Fehlen einer streng gültigen Physik impliziert, und daß ohne eine streng gültige Physik alles mögliche passieren kann, eben auch, daß aus Nichts Etwas wird (inklusive einer Physik). Gäbe es nichts, so gäbe es nichts, das dieses Nichts daran hindern würde, durch ein etwas ersetzt zu werden, das weniger launisch ist und hartnäckiger an seiner Existenz hängt.

Inzwischen bin ich auf eine andere mögliche Antwort gestoßen. Betrachten wir folgendes: etwas kann unmöglich sein und dementsprechend nicht existieren, oder aber es wäre zwar an sich möglich, existiert aber trotzdem nicht, oder aber es existiert und ist daher auch möglich (die vierte Kombination, etwas existiert, obwohl es unmöglich ist, dürfen wir ausschließen). Beispielsweise gibt es keine verheirateten Junggesellen oder runde Dreiecke und kann es auch nicht geben. Einhörner gibt es auch nicht (zumindest wollen wir das einmal annehmen), aber es könnte welche geben. Und schließlich gibt es den Eiffelturm oder diese Worte, die du gerade liest. Diese simple Einteilung wirft bereits einige Fragen auf: in welchem Sinn existiert eine abstrakte platonische Entität wie das runde Dreieck ebensowenig nicht wie ein physikalischer Gegenstand wie der verheiratete Junggeselle? Inwiefern existieren diese Worte, die ja etwas abstraktes sind, ebenso wie der handgreifliche Eiffelturm? Wir wollen aber diese heiklen Fragen heute einmal nicht weiter verfolgen und uns auf die physikalischen Gegenstände beschränken, die unmöglich, potentiell oder existent sein können. Vielleicht ja ist unsere Einteilung falsch, und die mittlere Kategorie ist in Wahrheit leer: alles, was möglich ist, existiert auch. Könnte es sein, daß die Etablierung dieser ontologischen Kategorie des bloß möglichen auf einem Irrtum beruht? Vielleicht ist es ja gar nicht möglich, daß etwas bloß möglich ist, ohne zugleich auch zu existieren.

Falls es sich so verhält, wäre unser Universum demnach nicht das einzige. Es gäbe noch unzählige viele weitere Universen, die den gleichen physikalischen Gesetzen gehorchen wie das unsere, sich aber in den Anfangsbedingungen von dem unseren unterscheiden. Manch dieser Welten unterscheiden sich von unserer nur durch ein Staubkorn, andere nur durch die Lage eines einzelnen Atoms, wieder andere sind ganz und gar anders als unsere Welt, gehorchen aber den gleichen physikalischen Gesetzen. Daneben aber gibt es auch Welten mit ganz anderen physikalischen Gesetzen. Jede Welt, die sich widerspruchslos beschreiben läßt, existiert. Manche Welten sind sehr simpel und überschaubar, andere ähneln der unseren, andere sind auf unfaßbare Art und Weise noch viel komplizierter als unsere Welt. In manchen dieser Welten gibt es nur einen einzigen Planeten, der von einer Sonne, einem Mond, einigen Wandelsternen und der unveränderlichen Schale des Fixsternhimmels umkreist wird. In wieder anderen Welten gibt es nichts außer einer Erdscheibe, die auf dem Rücken einer Schildkröte ruht, die wiederum auf einer unendlichen Reihe von Schildkröten ruht. In anderen Welten gibt es keine Atome, und die Materie ist unbegrenzt teilbar. Andere Welten bestehen nicht aus Raum&Zeit, Energie&Materie und Information, sondern aus Chlön, Chtlu und Chimmel.

Falls es sich so verhält, dann ist an der Viele-Welten-Deutung der Quantenmechanik nichts übermäßig exotisches. Im Gegenteil, die vielen Welten der Viele-Welten-Deutung sind sogar vergleichsweise langweilig, weil sie nur solche Welten erzeugen, die sowohl in ihrer Physik als auch in ihren Anfangsbedingungen übereinstimmen (von Max Tegmark gibt es den Vorschlag, folgende Hierarchie der Parallelwelten zu betrachten: Erstens, wenn unsere Welt unendlich groß ist, müssen sich einige lokale Zustände irgendwann wiederholen, es gibt also innerhalb dieser Welt Abschnitte, die mit unserem hiesigen Abschnitt in Zustand, Anfangsbedingungen und Physik übereinstimmen. Zweitens, gemäß der Viele-Welten-Deutung gibt es Quantenfassungen unserer Welt, die in Physik und Anfangsbedingungen mit unserer Welt übereinstimmen, sich aber im Zustand unterscheiden. Drittens könnte es nach dem Modell des inflationären Universums weitere Weltblasen geben, die die gleiche Physik aufweisen wie unsere Welt, sich aber in den Anfangsbedingungen unterscheiden. Und Viertens könnte es unerreichbare Welten mit einer alternativen Physik geben).

Falls es sich so verhält, ist auch Nietzsches ewige Wiederkehr ist eine harmlose Banalität. Allein schon in dieser Welt, wenn sie nur unendlich groß ist, ist zu erwarten, daß jeder Moment meines Lebens sich just in diesem Augenblick unendlich oft wiederholt, ganz abgesehen von all den vielen Welten, in denen unsere Welt (eine Kopie unserer Welt) als kleines Rädchen, als Atom, enthalten ist oder gar unendlich oft enthalten ist, denn eine andere Welt könnte aus unendlich vielen Kopien unserer Welt bestehen, die dort dem vergleichbar sind, was bei uns die Elementarteilchen sind.

Falls es sich so verhält, dann ist unsere hiesige Welt so, wie sie ist, weil das halt eine der unendlich vielen Möglichkeiten ist, wie eine Welt sein kann. Es wäre dann vergeblich, begründen zu wollen, warum sie gerade so und nicht anders ist. Es wäre dann auch nicht weiter erstaunlich, wenn einige der grundlegenderen Konstanten der Physik gerade derart sind, daß sie Leben und Bewußtsein ermöglichen. Bewohnte Welten wären dann aber auch nichts ungewöhnliches. Fast alle Welten wären komplizierter und vielfältiger sind als unsere, und für jede beliebige Welt würde gelten, daß fast alle anderen Welten komplizierter wären als diese Welt.

Falls es sich so verhält, ist es schwierig, sich selbst für etwas Einzigartiges zu halten. Zu jeder Entscheidung, die ich im Leben getroffen habe, mag es eine Welt geben, die sich von unserer Welt nur dadurch unterscheidet, daß ich in jener Welt eine andere Entscheidung getroffen habe. Von einer kosmischen Warte aus gesehen wäre es schwierig, den eigenen Entscheidungen Wert und Bedeutungen zuzuschreiben, weil ja doch alle Geschichten, die überhaupt möglich sind, die guten wie die schlechten, geschehen, egal, wie ich mich nun zufällig in dieser Welt hier entscheide.

Falls es sich so verhält, dann muß zu jeder Geschichte, die sich jemals jemand ausgedacht hat, solange sie nur logisch konsistent ist, auch eine Welt existieren, in der sich genau diese Geschichte ereignet. Alle Höllen und alle Himmel, die jemals erdacht wurden, würden auch wirklich existieren, und in unendlich vielen Welten würden Unschuldige gefoltert (und eine dieser Welten mag die unsere sein). Jeder Trost und jedes Grauen, das vorstellbar ist, wäre irgendwo real.

Wie läßt sich der Unterschied zwischen möglicher und aktualer Existenz beschreiben? Empirisch läßt sich jedenfalls von einem Gegenstand, dessen Möglichkeit bekannt ist, nicht zeigen, daß es ihn nicht wirklich irgendwo gibt. Wenn wir von etwas sagen, daß etwas zwar sein könnte, aber nicht ist, dann haben wir doch wohl im Sinn, daß es innerhalb eines bestimmten, abgegrenzten Bereich nicht vorkommt. So können wir etwa sagen, daß es auf der Erdoberfläche keine Einhörner gibt. Da es aber kein physikalisches Gesetz gibt, das die Existenz von Einhörnern auf der Erdoberfläche ausschließt, können wir sagen, daß Einhörner zwar möglich wären, daß es sie aber auf der Erdoberfläche nicht gibt. Die Gesamtheit allen Seins nun stellen wir uns gleichermaßen als einen solchen abgegrenzten Bezirk vor, in dem manche der möglichen Dinge vorkommen und andere möglichen Dinge nicht vorkommen. Möglicherweise handelt es sich hier aber um eine falsche, schiefe Analogie, da wir es bei der Gesamtheit allen Seins nicht gleichermaßen mit einem begrenzten Bereich zu tun haben und unsere Unterscheidung zwischen möglich und tatsächlich in diesem unbegrenzten Bereich sinnlos ist. Die Einhörner sind das, was möglich, aber bei uns hier nicht tatsächlich ist.

Auf dem Gebiet der Mathematik haben wir diesbezüglich ganz andere Gewohnheiten als auf dem Gebiet der Physik. Ist ein mathematisches Gebilde widerspruchsfrei, so sagen wir, daß es existiert. Wenn wir etwa sagen „es gibt [mindestens] eine Gruppe mit sieben Elementen“, dann meinen wir damit nicht, daß einer von uns eine solche Gruppe schon einmal photographiert, befühlt, betastet oder sonstwie angetroffen hätte: die Möglichkeit einer Gruppe mit sieben Elementen und ihre Existenz sind synonym. Wir können noch nicht einmal sagen, daß es ein bestimmtes Gebilde nur einmal gibt, statt dessen sagen wir „bis auf Isomorphie gibt es nur einen vollständigen, archimedisch angeordneten Körper“.

Wer mit Worten spielen möchte, könnte sagen, die Äquivalenz von Möglichkeit und Tatsächlichkeit bedeute, daß alles, was existiert, nur traumhaft existiert, daß es in Wahrheit gar nichts gibt und die Welt nur als Möglichkeit vorhanden ist, und an dergleichen Ausführungen noch Verweise auf den Zen-Buddhismus anschließen, der dergleichen schon immer behauptet hätte. Solche Formulierungen scheinen mir aber unangemessen: treffender, scheint mir, wäre es, zu sagen, daß die Unterscheidung zwischen dem Möglichen und dem Tatsächlichen nur eine scheinbare ist, eine sinnvoll erscheinende, doch tatsächlich sinnlose, und nicht zu sagen, das scheinbar Tatsächliche sei in Wahrheit nur Schein. Schein in Bezug auf was, und verglichen mit was? Es liegt nahe, zu sagen, wenn alles, was möglich ist, existiert, daß dann Existenz eine so schwache und ärmliche Eigenheit ist, daß wir genausogut sagen könnten, daß nichts existiert. Nach dieser Auffassung wäre Existenz gerade das (durch irgend ein Stück unfaßbarer Metaphysik) über die bloße Möglichkeit hinausgehobene, und wo nichts hinausgehoben sei, da existiere eben auch nichts. Durch derlei Überlegungen scheint aber wenig gewonnen, und das wenige, was wir an Klarheit gewonnen haben, droht uns dadurch wieder verloren zu gehen.

Wir wollen uns statt dessen beeilen, lieber noch einige klärende Worte hinzuzufügen. Wenn wir sagen, daß alles, was möglich ist, auch existiert, so haben wir uns dabei gleich im ersten Abschnitt, ohne dies weiter zu erläutern, auf die physikalischen Gegenstände beschränkt, wobei wir uns die Freiheit nahmen, von den physikalischen Gegenständen von beliebigen Arten von Physik zu sprechen. Die Frage, in welchem Sinn platonische Gegenstände wie etwa die Gebilde der Mathematik wie zum Beispiel das Dodekaeder-An-Sich existieren, bleibt offen, obwohl wir spekulieren können, daß unsere Welt einer bestimmten mathematischen Struktur entspricht, so daß der Unterschied zwischen mathematischen und physikalischen Gegenständen in Wahrheit ebenfalls ein scheinbarer sein könnte (unsere Welt hier wäre demnach etwas ähnliches wie ein Dodekaeder oder Torus, nur viel komplizierter). Auch würde die Theorie der Äquivalenz von Möglichem und Tatsächlichem nichts darüber sagen, ob es einen Gott gibt (wobei wir Gott als „Urheber allen Seins“ auffassen und nicht bloß als „Bursche, der in unserer lokalen Welt ziemlich viel Einfluß hat“): bloß weil wir ihn uns vorstellen können oder glauben, vorstellen zu können, kann daraus nicht geschlossen werden, daß es ihn auch gibt, da er deutlich über das hinausgeht, was wir als physikalischen Gegenstand auffassen wollen (dies läßt sich leicht zeigen: angenommen, aus unserer hier vorgestellten Theorie ließe sich folgern, daß es einen einzigen Gott geben muß, der alle hier erwähnten Welten geschaffen hat, mit der Begründung, daß ein solcher Gott möglich und damit auch existent sei; mit der gleichen Argumentation ließe sich aber auch beweisen, daß es genau zwei Götter namens Shem und Schaun gibt, die beide zusammen sämtliche der hier erwähnten Welten geschaffen haben; woraus dann folgt, daß es genau einen, aber auch genau zwei solcher Götter gibt, was offenbar ein Widerspruch ist).

Eigentlich eine schöne Religion für Mathematiker: der Glaube, daß nichts außer den mathematischen Gegenständen existiert, und daß es unsere Welt nur deshalb gibt, weil sie eine besonders komplizierte mathematische Struktur ist.



4.9.2003





In der vorangegangenen Skizze verwende ich mal konditionale Formulierungen, mal nicht, etwa „Falls es sich so verhält, wäre unser Universum demnach nicht das einzige.“. Richtig wäre „Falls es sich so verhält, ist unser Universum demnach nicht das einzige“ oder „Falls es sich so verhielte, wäre unser Universum demnach nicht das einzige“. Handelt es sich hier um ein zulässiges Stilmittel (um zwischen spekulativen und extrem spekulativen Aussagen zu unterscheiden), oder handelt es sich um einen Ausweis totaler Idiotie?





In der Epistemologie gibt es ein paar Tricks und Kniffe, wie wir einer mutmaßlichen objektiven Realität (deren Existenz natürlich letztlich völlig ungewiß ist) auf die Schliche kommen können: Experiment, Kritik, Reproduzierbarkeit, Falibilität und dergleichen. Zwar können wir auch die Entwicklung der Wissenschaften als ein historisches Phänomen beschreiben, in dem es bestimmte Moden gibt (die geozentrische Mode wird irgendwann durch die heliozentrische Mode abgelöst, &c.), zugleich aber scheint es auch als halbwegs vertretbar, die Wissenschaften als ein Bemühen um das Erfassen der erwähnten objektiven Realität aufzufassen, daß mal mehr, mal weniger gelingt (insofern ist es nicht einfach so, daß die Wissenschaft der Griechen uns besser gefällt, weil sie unserer eigenen Mode ähnlicher ist, als die Wissenschaft des Frühmittelalters, sondern das Frühmittelalter stellt, so meinen wir, objektiv einen Rückschritt dar).

Für die Ästhetik habe ich keinen vergleichbaren objektiven Maßstab gefunden (es ist kein Problem, in Bezug auf die Ästhetik willkürliche Maßstäbe zu entwickeln, die beliebig objektiv sind: wenn wir etwa Romane nach der relativen Häufigkeit des Vorkommens des Buchstabens „a“ bewerten, ist dies ein objektiver Maßstab, der von jeder Person unabhängig von Geschmack und Urteil angewandt werden kann; aber natürlich ist es kein besonders hilfreicher Maßstab, er trifft nicht das, was wir unter Ästhetik verstehen), siehe dazu die Ausführungen in Über das Beurteilen von Kunst. Alles, was ich hier aufzuweisen habe, ist eine Art historizistischer Relativismus: so-und-so haben sich die Geschmäcker entwickelt, im Diskurs über bestimmte Werke wurden Werte etabliert und dann modifiziert, darum gab es damals jene und gibt es nun diese Maßstäbe. Objektive Maßstäbe aber, um Kunst zu bewerten, gibt es nicht. Das ist ein wenig bedauerlich, weil ich so außerstande bin, zu beweisen, daß mein persönlicher Geschmack allen anderen Geschmäckern objektiv überlegen ist, aber letztlich kann ich mit diesem Ergebnis einigermaßen leben.

Nun bleibt uns aber noch die Ethik übrig. Auch hier können wir natürlich wieder einen historizistischen Relativismus entwickeln und sagen: so-und-so haben sich verschiedene ethische Vorstellungen entwickelt, eine objektive Realität steckt hier nicht dahinter. Im Falle der Ethik ist dieses Ergebnis aber sehr viel unbefriedigender als im Fall der Ästhetik. Daß auf dem Gebiet der Ästhetik der eine dies mag, der andere das, ist gewöhnlich nicht weiter problematisch (so lange nicht einer das, was er mag, mit Lautsprechern so sehr verstärkt, daß alle anderen seinen ästhetischen Genuß teilen müssen). Da die Ethik aber vor allem das Zusammenleben der Menschen regelt (einige Regeln betreffen auch den Umgang eines Menschen mit sich selbst oder mit den nichtmenschlichen Geschöpfen, aber davon können wir hier absehen), ist hier eine derartige Vermeidungsstrategie wie im Fall der Ästhetik nicht möglich. Leider ist es so, daß es mir auch im Fall der Ethik nicht gelungen ist, eine objektive Basis zu finden.

Nicht, als ob andere sich nicht darum bemüht hätten. Etwa ist es möglich, zu behaupten, es gäbe bestimmte natürlichen Rechte, die offensichtlich und unbestreitbar wären. Mir freilich sind sie noch nicht begegnet, und ich halte sie für Fiktion. Die Fiktion wird vielleicht weniger leicht durchschaubar, wenn wir von möglichst wenig natürlichen ethischen Axiomen ausgehen, im günstigsten Fall von einem einzigen, etwa der goldenen Regel („handle stets so, daß du kein Problem damit hättest, wenn die Maxime deines Handelns in Gold gerahmt in allen Haushalten und öffentlichen Plätzen als unbedingt zu befolgende Richtschnur zu finden wäre“). Um so mühsamer wird es umgekehrt, alle Spezial- und Sonderfälle auf diese allgemeine Regel zurückzuführen. Es besteht auch kaum Einigkeit, auf welchen Bereich die goldene Regel angewandt werden soll: sollen wir nur zu den eigenen Stammesangehörigen nett sein, oder zu allen empfindungsfähigen Lebewesen?

Es ist auch möglich, mit unserer evolutionären Abstammung zu argumentieren und zu sagen, bestimmte Regeln seien insofern vor anderen Regeln ausgezeichnet, insofern es die natürlichen Regeln seien, nämlich die Regeln, die das Leben unserer Vorfahren bestimmt hätten und die deshalb die richtigen Regeln sind, weil sie einen adaptiven Vorteil darstellen. Auch hier vermag ich nicht zu folgen: was für die ursprünglichen Savannenbewohner richtig und gut gewesen sein mag, muß für uns trotzdem nicht richtig sein. Beispielsweise mag es vor einer Million Jahre üblich gewesen sein, daß jedes Rudel einen männlichen Anführer hat, der bestimmt, wo es langgeht, wobei sich seine Autorität mindestens teilweise auf seine physische Kraft stützt. Unbestreitbar hat etwas von dieser Regelung in unserer heutigen Welt überlebt (so sind Präsidenten, Vorstände und Direktoren auch heute noch überwiegend Männchen), es gibt aber keinen Grund, anzunehmen, diese Regelung sei auch heute noch besonders effektiv und sinnvoll: es wird kaum jemand im Ernst vorschlagen, als Direktor einer Max-Planck-Gesellschaft das Männchen mit den stärksten Muskeln einzusetzen. Davon einmal abgesehen: warum sollte ich mir ausgerechnet eine Ethik suchen, die den größtmöglichen Selektionsvorteil bietet? Was habe ich persönlich denn davon, wenn ich meine Nachkommenschaft statistisch maximiere?

Unsere christlichen Brüder und Schwestern versuchen zumeist, ihre Ethik auf göttliche Gebote zu gründen. Abgesehen davon, daß sie dazu eine ganz unwahrscheinliche metaphysische Entität postulieren müssen, was an sich schon ein hinreichender Einwand gegen diese Art der Begründung der Ethik ist, sehe ich nicht, wie dergleichen funktionieren sollte: Gott mag bestimmte persönliche Vorlieben und Abneigungen haben und mächtig genug sein, sie anderen aufzuzwingen, dadurch wird doch aus dem Befolgen der göttlichen Gebote nie und nimmer ethisches Handeln. Ich wüßte auch nicht, wie wir diese Vorlieben und Abneigungen in Erfahrung bringen könnten.

Aristipp, Platon und wohl eine Mehrheit der antiken Philosophen hat sich diesem Problem dadurch entzogen, daß sie die Ethik umformulierten als Wissen nicht vom richtigen, sondern vom vorteilhaften Handeln (angeblich kam ihnen die griechische Sprache dabei entgegen, die zwischen beidem nicht sauber unterscheidet; da aber die philosophische Sprache von den Philosophen geprägt wurde und sie gewöhnlich keine Mühe hatten, ihnen wichtig erscheinende Unterscheidungen sprachlich zu markieren, und sei es durch radikale Umgestaltung der Sprachkonventionen, mag ich nicht so recht glauben, sie seien hier blindlings von einer Zufälligkeit ihrer Muttersprache verführt worden). Wer, wie Platon, an die Existenz göttlicher Weisungen glaubt, für den wird dann das Befolgen dieser Weisungen tatsächlich ethisch richtig, weil dieses Befolgen ein vorteilhaftes Handeln ist. Andere mögen etwa die goldene Regel als vorteilhafte Strategie auffassen in einer Welt, in der wir auf gegenseitige Hilfe angewiesen sind (ich würde hinzufügen: „analog dem Gefangenendilemma“, aber dann müßte ich erklären, was das ist, und der Quotient Originelle Einfälle/Anzahl Wörter ist in dieser Skizze ohnehin schon bedenklich niedrig). Der scheinbare Vorteil dieser Umdeutung ist, daß die Frage nach dem vorteilhaften Handeln (so wir denn wissen, was wir für vorteilhaft halten) eine empirische Frage wird. Tatsächlich aber zeigt sich, daß es auch bei der Beantwortung dieser Frage wieder Schwierigkeiten gibt, denn die Antworten von Aristipp oder Platon, was denn eigentlich das den eigenen Vorteil Maximierende wäre, fallen höchst unterschiedlich aus. Vertreter einer solchen Theorie haben zumeist schon von vornherein klare Vorstellung, was sie für gut halten, und entwickeln dann umständlichste und gewundenste Argumentationen, warum dieses Gute zufällig auch gerade das Vorteilhafte sei.

Ich bitte um Vergebung, daß ich in vier Absätzen kurz über ein Problem hinweggegangen bin, über das sich die letzten siebentausend Jahre die klügsten Köpfe denselben zerbrochen haben. Was ich damit sagen will, ist, daß es hierzu zwar viele Ideen und Lösungsansätze gibt, aber keine davon geeignet ist, mir Vertrauen in die Möglichkeit der objektiven Fundierung ethischer Urteile einzuflößen, was insofern bedauerlich ist, insofern eine solche objektive Fundierung mir besser gefallen hätte, als schlicht zu sagen, daß die Menschen dies für gut und jenes für schlecht halten, für die Götter aber dieser Unterschied nicht existiert. Ich hätte gerne, daß die Ethik der Epistemologie ähnelt, finde aber, daß sie der Ästhetik ähnelt. Oder so ähnlich.





Kleiner Anhang: von Platon zu Attar

Du sollst deinen Vorteil suchen

Die Gebote der Götter zu achten und die Ahnen zu ehren ist vorteilhaft

Die Götter gebieten dir, uneigennützig zu handeln

Wer uneigennützig handelt, darf nicht die Gebote Allahs um eigener Vorteile willen befolgen



5.9.2003





Der vorgestrige Eintrag ist insofern falsch, insofern Selene weiß, daß nach der Sieben die Acht kommt.



6.9.2003





Ein Würfel enthält 6 Quadrate, ein Quadrat enthält vier Kanten, eine Kante enthält 2 Ecken, also enthält ein Würfel 48 Ecken.





„Gerechtigkeit ist, wenn es allen gleich schlecht geht.“ Da ich dieses Bonmot nicht brauche (es klingt für meinen Geschmack zu neoliberal), stelle ich es hiermit zur Verfügung.





Um größtmöglicher Genauigkeit und größtmöglicher Ehrlichkeit willen (die in diesen Fragen ganz unverzichtbar ist), will ich nicht verschweigen, daß die folgenden Ausführungen zum Teil spekulativ sind. Andere Teile sind bestätigt, sogar von mehreren unabhängigen, glaubwürdigen Quellen bestätigt, aber... Alas!, es ist mir nicht möglich, meine Quellen zu nennen, und selbst die Gründe dafür darf ich nicht nennen, ich weiß aber, daß einige mich auch so verstehen werden, einige, wie soll ich sie nennen?, einige Forscher, die sich seit zwei Jahren bemühen, den verwirrenden Lauf der Zeiten zu enträtseln und sich nicht mit dem zu begnügen, was die Massenmedien uns als Wahrheit eintrichtern wollen.

In der französischen Provence sitzt ein alter, kranker Mann, der sich zur Tarnung den Bart hat entfernen lassen, sieht auf einem kleinen, tragbaren Fernsehgerät fern und reibt sich in diabolischer Freude die Hände. Es ist Osama bin Laden, und er glaubt, vor zwei Jahren seien auf sein Geheiß hin die Türme des World Trade Centers zerstört worden.

Was er freilich nicht weiß, ist, daß in eben diesem Moment sich Saddam Hussein in seinem Versteck in Tripolis sich in noch viel diabolischerer Freude die Hände reibt: war es doch, so bildet er sich ein, in Wahrheit sein Plan, und Osama bin Laden nur sein unwissendes und ahnungsloses Werkzeug.

Was freilich auch Saddam nicht weiß, ist, daß auch er nur ein unwissendes Werkzeug in diesem Spiel war. Derweil faltet George Walker Bush die Hände in frommem Gebet: er weiß, er hat schwere Schuld auf sich geladen, auf sein Geheiß hin mußten vor zwei Jahren dreitausend unschuldige Menschen sterben, doch war diese Tat notwendig, um die Macht des Bush-Clans zu retten. Nicht um Geld oder Einfluß geht es in diesem Spiel, beides besitzt er, es geht um die Verfolgung des alten, ja, ältesten Plans...

Derweil, in Südamerika, reibt sich Adolf F. Hitler vergnügt die Hände. Der Führer ist inzwischen einhundert und vierzehn Jahre alt, doch dank des Genußes des Blutes einer blonden, reinrassig arischen Jungfrau würde jeder, der ihn sieht, für einen Dreißigjährigen halten. Selbst Bush weiß nicht, daß in Wahrheit der Anschlag des 11. Septembers auf Hitlers Plan beruhte. Oder zumindest bildet sich der ehemalige Reichskanzler ein, die Anschläge seien Teil seines Planes gewesen. Was er nicht weiß, ist, daß er von Reichsmarschall Göring hypnotisiert wurde, der seinerseits ein Doppelagent der Rosenkreutzer ist.

In der Zentrale der Rosenkreutzer in Lyon haben sich zwölf ernste Männer versammelt, um ihren nächsten Schritt abzusprechen. Doch das Ergebnis dieser Besprechung wurde von den Weisen von Zion längst im Voraus festgelegt...

Die Vorgeschichte all dieser Dinge liegt weit zurück. Vor hundert tausend Jahren versammeln sich die Ältesten von Chtogg-Ngu und errichten an einem Ort, der später Stonehenge genannt wird, einen Kreis von Steinen, die ein Feld psychischer Energie bündeln. Die Verschiebung in Raum und Zeit hat Auswirkungen bis zum Planeten M’Drochgd, der um einen Stern kreist, der den Menschen als Sirius bekannt wird. Die L’Tlerhrr rüsten das große lebende Raumschiff aus, das Kurs in Richtung Planeten Erde nimmt. Heute vor neunundneunzig tausend Jahren kommt es zum ersten Kontakt.

Vor siebentausend Jahren: Der Untergang von Atlantis. Ein Teil der Priester von Atlantis rettet sich in den Himalaya, ein Teil in die Anden. Die größte Fraktion gründet die erste ägyptische Dynastie. Riesige Pyramiden werden gebaut, um die sich zyklisch verstärkende Astralenergie anzuzapfen.

Sargon der Zweite (die selbe Person, die den meisten Menschen eher als Saddam Hussein bekannt sein dürfte) entdeckt in seinen schwarzmagischen Experimenten das Geheimnis des ewigen Lebens ... doch er muß einen hohen Preis dafür bezahlen ...

In unserem Jahrhundert (ich muß einige wichtige Details überspringen, leider darf ich auch nicht alles enthüllen, sondern muß mich auf Andeutungen beschränken)... die dritte Wiederkehr Chthlu’s, vor der der arme Lovecraft stets gewarnt hatte. Nyarlatoteph begeht einen entscheidenden Fehler und muß in Roswell notlanden... Elvis Presley, der geheime Leiter der Operation Majestic 12, beginnt eine der mächtigsten Geheimorganisationen aufzubauen (neben den Rosenkreutzern, den Illuminaten, den Weisen von Zion, der Sekte von Zin, den Fersensitzern und dem Bund des Ra natürlich). Kennedy beginnt das Apollo-Programm, dreizehn Jahre nachdem der erste Mensch auf dem Mond gelandet ist (wenn wir von Milurepa absehen, dem dieses Kunststück schon tausend Jahre früher gelungen ist). J. F. Kennedy wird von Marylin Monroe (die in Wahrheit eine Zweitidentität von Elvis Presley ist) erschossen. Der Krieg der Kennedys (die in Wahrheit Nachfahren der ägyptischen Pharaonen sind, die Nachfahren der Priester von Atlantis sind, die Nachfahren der Ältesten von Chtogg-Ngu sind) und der Bushs (die in Wahrheit Nachfahren der Könige von Uruk sind, die Nachfahren der N’Tar-Rg-Obs sind, die Nachfahren der Ketzer von Chtogg-Ngu sind) geht in eine neue Runde.

Die sowjetischen Machthaber versuchen sich der Schlafmohnfelder von Afghanistan zu bemächtigen, um so viele Drogensüchtige wie möglich als Relaisstation für ihre Manipulationen des Gaiafeldes benutzen zu können. Aber auch die Herrscher von Uruk, denen es nicht genügt, nur das Erdöl zu kontrollieren, strecken ihre Hand nach Afghanistan aus. Auch der Bush-Clan erkennt seine Chance. Und in Südamerika träumt Hitler noch immer seinen Traum einer weißen Herrenrasse, die im Schlafmohnrausch willenlos seinen Befehlen gehorcht...



11.9.2003





Ethik, Fortsetzung.

Während die Konservativen der Meinung sind, früher sei alles besser gewesen, als die Menschen noch an Gott geglaubt und ihm Menschenopfer dargebracht haben, und daher, falls sie zufällig eine historizistische Moral haben, als das wahrhaft Gute dasjenige ansehen, das früher allgemein für gut gehalten wurde, kann der Fortschrittsgläubige sich darauf verlassen, daß unsere Nachfahren dereinst einmal klüger sein werden als wir, und nicht nur klüger, sondern auch moralisch einsichtiger, so daß das wahrhaft Gute dasjenige ist, das dereinst einmal allgemein als gut angesehen werden wird, und die Kunst besteht nun nur noch darin, vorauszusehen, wie die Moralvorstellungen künftiger Generationen einmal aussehen werden. Beides scheint mir als Quelle einer objektiven Ethik, selbst wenn wir von der sachlichen Schwierigkeit absehen, die Ethik unserer Vor- oder Nachfahren zu erraten, ungeeignet. Ich wüßte nicht, warum wir irgend welchen längst verstorbenen oder noch nicht geborenen Idioten eine Autorität einräumen sollten, die wir heutigen Idioten nicht besitzen. In der Wissenschaft allerdings ist es nicht ungewöhnlich, daß die späteren Idioten mehr wissen als die früheren Idioten. Es wäre ja doch irgendwie vorstellbar, daß die Menschen durch lange, vernünftige Diskurse und Diskussionen schließlich etwas klarer sehen, was sie für gut und was für schlecht halten wollen, so daß sie unter glücklichen Umständen tatsächlich so etwas wie einen Fortschritt in moralischen Fragen erzielen. Wenn wir etwa vergleichen, wie vor zweitausend oder vor hundert Jahren Homosexualität ethisch bewertet wurde (nämlich als schauderliche Sünde), und wie die Bewertung heute aussieht (nämlich als ethisch indifferent), zumindest, was eine breite Mehrheit der Meinungsführer angeht, so scheint dies mindestens die äußere Gestalt des Fortschritts zu besitzen, das heißt, daß wir heutigen etwas wissen, wo unsere Vorfahren irrten. Ist das so, wenn ja, warum sollte es so sein?

Der Erkenntnisfortschritt unterminiert den Glauben an Gott und hat deshalb Einfluß auf den Einfluß solcher Moralvorstellungen, die sich auf eine gottgefällige Ordnung der menschlichen Gemeinschaft beziehen. Wo der Glaube an Gott nur eine von mehreren möglichen Theorien ist, und noch nicht einmal eine besonders überzeugende, wird es schwieriger, eine ganze Gemeinschaft auf die Regeln einer gottgefälligen Ordnung zu verpflichten. Bringt uns der Fortschritt der Wissenschaften und der Philosophie zu der Erkenntnis, daß wir rechte Toren sind und gar wenig wissen, und dieses Wissen zudem nur auf Vermutung beruht, daß es unvermeidlich, ja notwendig ist für den Erkenntnisfortschritt, daß mehrere Meinungen nebeneinander in Konkurrenz bestehen, dann wird dies oft auch Auswirkungen auf die Ethik haben. Es steht dem Einzelnen frei, weiterhin zu versuchen, ein nach seinen Überzeugungen gottgefälliges Leben zu führen, und unter frommen Christen (also Katholiken, Zeugen Jehovas, evangelikalen Protestanten &c.) gilt Homosexualität auch heute noch als sündhaft. Insgesamt aber liegt es doch eher nahe, das eigene Gemeinschaftswesen nach liberalen Grundsätzen zu organisieren.

Auch empirische Erfahrungen, die rein auf dem Gebiet der Ethik (und der Politik) liegen, können hier eine Rolle spielen. Ein korrupter klerikale Gottesstaat oder Jahrhunderte währende Religionskriege können die Ansicht nahelegen, daß der Versuch, eine gottgefällige Gemeinschaftsordnung auf Offenbarung in Form eines Gottesstaates gründen zu wollen, weniger attraktiv ist als eine liberale Gesellschaft, die zwar als Ganzes sündhaft ist, aber doch wenigstens dem Einzelnen das Streben nach gottgefälligem Leben erlaubt. Ethik ist insofern nicht völlig apriorisch und unverbunden mit der Empirie, insofern bestimmte ethische Ansichten in ihrer praktischen Durchsetzung unangenehme, ungeahnte und unbeabsichtigte Folgen zeitigen können. Zwar läßt eine bestimmte Ethik sich dadurch nicht widerlegen: aber es ist doch möglich, für Aussagen der Form „die-und-die Ethik hat diese-und-diese praktischen Folgen“ empirische Evidenz zu finden.

Falls daher ein Fortschritt in den empirischen Wissenschaften möglich ist (was nicht heißt, daß er notwendig ist), dann ist daran gekoppelt die Möglichkeit eines Fortschritts unserer Ansichten zu Fragen der Ethik. Dadurch ist der ethische Futurismus (die Ansicht, die „wahre“ Ethik sei notwendig identisch mit der Ethik künftiger Generationen) nicht gerechtfertigt, es läßt sich dadurch aber doch plausibel machen, warum eine heute verbreitete Ethik im Vergleich zu früheren Ansichten nicht einfach nur einen völlig willkürlichen Wechsel des Geschmacks und der Mode darstellen muß.

Übrigens können wir ein ähnliches Argument auch auf die Ästhetik anwenden: ein Renaissancemaler ist einem mittelalterlichen Maler wenigstens insofern überlegen, insofern der Renaissancemaler die Wahl zwischen Zentralperspektive und Bedeutungsperspektive besitzt. Der mittelalterliche Maler hat diese Auswahl nicht, da ihm das mathematisch-geometrische Rüstzeug nicht zu Gebote steht, das für die Verwendung der Zentralperspektive Voraussetzung ist. Dadurch ist die Ästhetik der Renaissance nicht automatisch der mittelalterlichen Ästhetik überlegen (das sind ohnehin sehr pauschale und wenig brauchbare Begriffe), aber es zeigt, daß auch die Ästhetik nicht völlig vom Erkenntnisfortschritt entkoppelt ist. Wenn wir also das Vorliegen eines Erkenntnisfortschritts für plausibel halten, dann können wir diesen Fortschritt benutzen, um damit die Ethik und, vielleicht in geringerem Maß, die Ästhetik damit zu infizieren.

(Das alles setzt voraus, daß nicht jene extremen Varianten von Kuhn oder Feyerabend recht haben, die uns auch noch den Erkenntnisfortschritt der empirischen Wissenschaften rauben wollen...)

Ich würde gerne noch kurz ein bereits weiter oben erwähntes praktisches Beispiel streifen, nämlich den Urheberrechtsschutz in den Zeiten kostengünstiger verlustfreier Kopierbarkeit von Informationen (id est, digitale Raubkopien). Die Anbieter von Inhalten aller Art versuchen gerne den Eindruck zu erwecken, der Schutz des Urheberrechts sei eine Art unveräußerliches Naturrecht. Tatsächlich ist das moderne Urheberrecht aber vergleichsweise jung, und frühere Zeiten hätten für die gegenwärtigen Formen des Urheberrechts wenig Verständnis gezeigt. Wie dem auch sei, ursprünglich war die Begründung des (an sich illiberalen, weil die Benutzer in ihren Freiheiten beschränkenden) Urheberrechts eine utilitaristische: wir sollten den Urhebern gewisse Rechte einräumen, um sie zu motivieren und anzuspornen. Ein Pharmakonzern, der sich die Mühe macht, ein neues Medikament zu entwickeln, soll zum Ausgleich eine Zeitlang das Recht haben, dieses Medikament exklusiv zu vertreiben. Wer sich die Mühe macht, ein Lied zu komponieren, soll nicht auf die Großherzigkeit reicher Mäzene angewiesen sein, sondern ein paar Jahre lang seinen Lebensunterhalt aus den Rechten an diesem Lied verdienen dürfen (wobei es in dieser Hinsicht gleichgültig ist, ob wir von Urheberrechten sprechen, die dem Urheber automatisch zustehen, oder von Patenten, die angemeldet werden müssen, um eine rechtliche Wirkung zu entfalten). Nach dieser Begründung sollte das Urheberrecht allerspätestens wenige Jahre nach dem Tod des Urhebers erlöschen, und es läßt sich mit dieser Argumentation auch ohne weiteres vereinbaren, daß geistiges Eigentum prinzipiell nach spätestens zwanzig Jahren erlischt. Die offenkundige Tatsache, daß in vielen Ländern der Schutz des Urheberrechts um immer neue und immer groteskere Fristen verlängert wurde, läßt sich wohl ohne Umschweife als erfolgreiche Lobbyarbeit der Unterhaltungsindustrie deuten. Es ist zu beachten, daß ein übertriebener Schutz der Urheberrechte die Entstehung neuer Werke gerade nicht fördert. Warum sollte sich ein Verlag um die Werke junger Talente bemühen, wenn er doch mit den Werken längst verstorbener viel müheloser Geld verdienen kann?

Es gibt auf der anderen Seite, auf der Seite der Konsumenten, eine Neigung, ein naturgesetzliches Recht zur beliebigen Verbreitung an sich urheberrechtlich geschützten Materials zu postulieren. Es handelt sich hierbei wohl zum Teil um eine Auswirkung der weit verbreiteten Neigung, ein Unrecht nur dann zu sehen, wenn das Opfer hinreichend individuelle Züge trägt. So gilt ja vielen allgemein Schwarzarbeit, kreative Steuererklärungen oder Versicherungsbetrug als läßliche Sünden, da hier das Kollektiv der geschädigten anonym und gesichtslos bleibt. Hinzu kommt wohl auch, daß eben viele Unterhaltungsmedien tatsächlich entweder kostenlos sind oder nur subtil versteckte Kosten besitzen. So ist etwa der Empfang privater Fernsehsender oder privater Rundfunksender kostenlos. Viele Computerprogramme sind kostenlos, und nicht selten konkurriert ein teures kostenpflichtiges Computerprogramm mit einem vergleichbaren oder sogar besseren Programm, das kostenlos ist. Leihe ich mir in einer Videothek einen Film aus und kopiere ihn, begehe ich Unrecht. Wird der selbe Film im Fernsehen ausgestrahlt, und ich zeichne diese Fernsehsendung auf, so handle ich rechtmäßig. Der rechtliche Unterschied zwischen beiden Handlungen scheint wenig einleuchtend und unnatürlich. Tatsächlich wäre ja auch durchaus vorstellbar, daß Filmstudios ihre Filme Privatsendern nur unter der Auflage zur Verfügung stellen, daß diese wiederum ihre Zuschauer verpflichten, ihre Ausstrahlungen nicht aufzuzeichnen, denn letztlich handelt es sich ja auch hier um das Kopieren urheberrechtlich geschützter Inhalte. In einer solchen durchaus vorstellbaren Welt wären Vidoe-, Kasetten- oder DVD-Rekorder gesetzlich verboten. Noch verwirrender ist der rechtliche Status von Fernsehmitschnitten, die anschließend verschenkt oder verkauft werden.

In dieser Situation können die Besitzer der Vervielfältigungsrechte darauf verweisen, daß das ungesetzliche Vervielfältigen geschützter Werke die Produktion neuer Werke behindert. Die Vervielfältiger wiederum können darauf verweisen, daß schlechterdings kaum unter Strafe gestellt werden kann, was eine überwältigende Mehrheit der Bevölkerung nicht für Unrecht hält (dies ist nicht nur eine Frage der Macht, in dem Sinn, daß eine überwältigende Mehrheit eine Minderheit überwältigt und ihr ihre Rechtsauffassung aufzwingt; es ist auch problematisch, ein Vergehen zu ahnden, das von sehr vielen Menschen begangen wird und von wenigen für Unrecht gehalten wird, weil die Ahndung zwangsläufig willkürlich werden muß: manche werden unter Umständen harsch bestraft, andere gar nicht, obwohl sie sich in ihrem Vergehen nicht unterscheiden).

Die weitere Entwicklung der Ethik kann nun unter anderem von der Entwicklung der technischen Möglichkeiten abhängen (etwa davon, ob es den Besitzern der Vervielfältigungsrechte gelingt, einen zuverlässigen Kopierschutz zu entwickeln, oder nicht). Sie wird wohl auch davon abhängen, welche Folgen bestimmte ethische Setzungen haben. Schon jetzt etwa ist abzusehen, daß bestimmte Exzesse im Patentrecht den technischen Fortschritt erheblich behindern, denn gegenwärtig ist es möglich, irgend einen höchst trivialen Teilschritt eines bestimmten üblichen Verfahrens zu patentieren und dadurch das ganze Verfahren entweder zu verunmöglichen oder erheblich zu verteuern. Ein vergleichsweise harmloses Beispiel wäre etwa der Patentschutz auf ein Komprimierungsverfahren, das in der Speicherung von Gif-Graphiken zur Anwendung kommt. Das Verfahren ist weder besonders originell noch besonders effektiv, es ist eine Variante eines allgemein bekannten Verfahrens, und keine besonders effiziente Variante, es ist aber eine patentgeschützte Variante und untrennbar mit Gif-Graphiken verbunden. Die das Patent haltende Firma beschränkte sich zunächst darauf, Lizenzen für alle Programme einzufordern, die das Gif-Format verwenden (also etwa alle Internetbrowser und nahezu alle Graphikprogramme). Eine unmittelbare Folge dieses Verhaltens ist, daß kostenlose Software (die ja keine Möglichkeit hat, teure Lizenzen zu finanzieren) auf die Unterstützung des Gif-Formats verzichten muß (beispielsweise gibt es für The Gimp ein Zusatzmodul zum Bearbeiten von Gif-Graphiken, dieses Zusatzmodul darf legalerweise aber nur in solchen Ländern verwendet werden, die von dem entsprechenden Patent nicht betroffen sind). Da aber jederzeit auch von den Anbietern von Internetseiten, die Gif-Graphiken enthalten, Lizenzen eingefordert werden können, sind Gif-Graphiken als Internetstandard inzwischen obsolet. Es handelt sich insofern um ein vergleichsweise harmloses Beispiel, als es inzwischen weitgehend gelungen ist, das Gif-Format durch das technisch überlegene PNG-Format abzulösen. Es gibt aber eine ganze Reihe derartiger Beispiele, manche davon weniger harmlos, die in ihrer Summe dazu führen, daß das Entwickeln neuer Standards zu einem Minenfeld geworden ist, bei dem aufwändig und sorgfältig geprüft werden muß, ob nicht in irgend einem Detail des Standards irgend ein noch so absurdes Patent verletzt wurde.

Software, die ihren Quellcode offen legt, ist in dieser Hinsicht besonders verwundbar. Es steht nämlich den Anbietern von Software mit geheimen Quellcode mehr oder weniger frei, den Quellcode, die Methoden und Verfahren von open-source-Programmen kompensationslos zu plündern und im Gegenzug die open-source-Programme, die nicht selten kostenlos angeboten werden, mit allerlei mehr oder weniger haltlosen Lizenzforderungen zu drangsalieren. Selbst wenn die entsprechenden Lizenzforderungen juristisch völlig haltlos sind, fehlt es den entsprechenden open-source-Projekten nicht selten an Geld, um ihre Rechte gerichtlich durchsetzen zu können. Die gegenwärtige Rechtslage behindert infolgedessen erheblich die Entwicklung innovativer und zuverlässiger Software. Diese (empirische) Konsequenz des gegenwärtigen Urheber- und Patentrechts läßt sich kaum völlig zugunsten einer apriorischen (oder quasi „naturrechtlichen“) Betrachtung ignorieren, etwa in der Art „Urheberrecht ist heilig, mögen die Konsequenzen auch katastrophal sein“.

Um zu einer stabilen ethischen Bewertung von Musiktauschbörsen im Internet zu gelangen, wird es sich kaum ganz vermeiden lassen zu fragen, wie groß denn nun eigentlich der dadurch verursachte Schaden wirklich ist. Natürlich wird Unrecht nicht automatisch zu Recht, wenn der durch das Unrecht verursachte Schaden erträglich scheint, andererseits hat die Musikindustrie keine staatlichen oder gesellschaftlichen Bestandsgarantien zu erwarten. Gegenwärtig scheint es sich so zu verhalten, daß sogenannte Superstars tatsächlich durch die Tauschbörsen geschädigt werden, weniger bekannte Gruppen dagegen eher sogar von den Tauschbörsen profitieren. Es gibt keinen Grund, anzunehmen, daß dies für alle Zeiten so bleiben wird, aber falls es sich tatsächlich so verhält und wir als vordringliches Ziel unseres Handelns vor allem eine möglichst vielfältige und innovative Musik wünschen, dann scheinen Tauschbörsen weit weniger verwerflich, als es das gegenwärtige positive Recht nahe legt.

Ich weiß nicht, wie künftige Generationen Raubkopien ethisch bewerten werden. Aber ihre Bewertungen werden wohl neben anderen Faktoren auch davon beeinflußt werden, welche Folgen Raubkopien haben. Sollte der Slogan der Rechtebesitzer, wonach das Kopieren von Musik die Musik tötet (selbst dann, wenn die Musiker seit einem halben Jahrhundert tot sind) sich als zutreffend erweisen, dann scheint es plausibel, zu erwarten, daß künftige Generationen sich Raubkopien gegenüber wohl eher restriktiv verhalten werden. Zeigt es sich, daß Raubkopien einen segensreichen Einfluß auf die Vielfalt der Musik haben und viele Menschen glücklich machen, erweist es sich als nicht möglich, effektive Kopierschutzverfahren zu entwickeln, und zeigt es sich, daß übertriebene Vorschriften zum Schutz der Rechteinhaber sich lähmend und hinderlich auswirken, dann können wir kaum erwarten, daß künftige Generationen eine übertriebene Ehrfurcht vor dem heiligen Urheberrecht entwickeln.

Dies alles bedeutet nun nicht, daß unsere Nachkommen klüger sind als wir oder daß sie automatisch und von Natur aus im Recht wären mit ihren Ansichten. Noch weniger wage ich zu prophezeien, was denn ihre Ansichten dereinst sein werden. Vielleicht zeigt es aber, warum trotzdem nicht notwendig die Ansichten unserer Nachfahren völlig willkürlich sein müssen.





Ich habe im Internet eine wortlose Bildergeschichte veröffentlicht. Diese Geschichte wird auf einer anderen Internetseite aufgegriffen und, ohne meine Urheberschaft an den Bildern zu erwähnen, um einen Text ergänzt. Es ärgert mich ein klein wenig, aber hauptsächlich, weil ich den Text unnötig und dumm finde (der Reiz meiner Bildergeschichte besteht eben darin, daß sie ihre Geschichte ganz ohne Worte erzählt, und der dazugestoppelte Text ist ziemlich redundant und bietet nichts neues: er schwächt die Kraft der Bilder und trägt nichts eigenes bei), und die Unfreundlichkeit (vermutlich geboren aus schlechtem Gewissen), meinen Namen oder meine Seite nirgends zu erwähnen, wie es doch die elementarste Höflichkeit gebieten würde. Was aber wäre, wenn jemand meine Bilder genommen und um einen Text ergänzt hätte, der die Bilder nicht abschwächt, sondern steigert, der eine originelle, eigenständige Leistung darstellt, so daß die Summe aus Text und Bildern meine ursprüngliche Bildergeschichte übertrifft, und wenn darüber hinaus der Verfasser am Fuß der Seite angemerkt hätte „und übrigens, die Bilder habe ich der-und-der Seite entnommen“? In diesem Fall, meine ich, hätte ich mich eher gefreut, ich wäre geschmeichelt, ich wäre entzückt.

Der Raubkopierer, der es verschmäht, sich eine Originalcd eines geliebten und verehrten Meisters zu kaufen (niemals würde ich es wagen, Robert Wyatt oder Hugh Hopper um ihren verdienten Lohn zu bringen), die Manager der Plattenfirmen, die die Sorge um ihren Profit mit hehren Reden bemänteln, der Ignorant, der meine Bilder geklaut und mit seinem geschwätzigen Begleittext verhunzt hat: sie alle werden von Gier getrieben, sie wollen die Früchte fremder Arbeit genießen, ohne doch selbst etwas geleistet zu haben.





„Daniela Dammsnitt holen“ (Daniel ist unsere Hebamme, und Selene wollte damit ihre Meinung äußern, Daniela ginge nach Hause, um dort diesen Dammschnitt zu holen, von dem die ganze Zeit die Rede war).





Die meisten Erstgebärenden scheinen der Meinung zu sein, das Gebären eines Kindes sei eine Art Leistungssport oder Prüfung, bei der es darauf ankomme, die Geburt mit einer möglichst guten Note abzuschließen. Die Wahrheit ist aber, daß hinterher niemand mehr danach fragt, ob die Geburt sanft oder schrecklich, leicht oder schwer war, und daß es im Nachhinein auch nicht besonders wichtig ist. Es geht darum, daß das Kind aus dem Bauch heraus an die Welt kommt, und das wird schließlich so oder so in jedem Fall geschehen, und Noten werden darüber hinaus nicht vergeben. Der Sinn von Geburtsvorbereitung besteht nur darin, den Vorgang möglichst nicht allzu unangenehm werden zu lassen, indem den Schwangeren ein paar Atemtechniken und Haltungen gezeigt werden, die vielleicht nützlich sein könnten, und ein paar Informationen zum Vorgang der Geburt vermittelt werden, damit sie während des Vorgangs selbst nicht über die Maßen hilflos und desorientiert sind. Das eigentlich beeindruckende und emotional Anrührende ist aber eigentlich gar nicht die Geburt, sondern der Anblick des Neugeborenen.

Eine Folge des Irrglaubens, eine möglichst gute Geburtperformance hinlegen zu müssen, besteht in der übertriebenen Bedeutung, der einzelnen Details der Geburt im Vorfeld beigelegt werden, die Sorgfalt, mit der das Krankenhaus ausgewählt wird, ob im Kreißsaal gestreifte oder getupfte Seidentücher hängen, obwohl doch die wenigsten Mütter sich an derart marginale Details später erinnern können, es ist auch anderes während der Geburt wichtiger, und der Schmerz drängt sowieso den meisten derartigen Firlefanz beiseite. Außerdem läßt sich ohnehin wenig genug steuern und planen, so daß es klüger ist, das eigene Los freudig oder wenigstens gleichgültig so zu nehmen, wie es eben kommt. Gut möglich, daß aus der geplanten Hausgeburt nichts wird, die Badewanne für die Wassergeburt gerade nicht frei ist, die diensthabende Hebamme schwerhörig und der zugehörig Assistenzarzt ein Vollidiot ist, der CD-Spieler für die mitgebrachte Geburtsmusik klemmt, die geplante Geburtsstellung sich als völlig unpraktikabel erweist, ein Kaiserschnitt durchgeführt werden muß, ein geplanter Kaiserschnitt nicht durchgeführt werden kann, eine PDA nötig ist, eine geplante PDA nicht durchgeführt werden kann oder die Batterie der Videokamera, die den großen Moment aufzeichnen soll, leer ist. Das Kind kommt trotzdem zur Welt.





Darüber hinaus gibt es den Aberglaube, ein kleines Kind könne nur dann laufen und sprechen lernen, wenn es von seinen Eltern nach modernsten und neuesten pädagogischen Methoden optimal betreut wird.



15.9.2003





Ethik, Fortsetzung:

Nachdem ich nun nochmals darüber nachdenke, welche Konsequenzen das oben gesagte hat, zeichnet sich in etwa folgende Theorie ab:

Ich versuche, mir selbst ein angenehmes Leben zu verschaffen. Als Mitglied einer sozial lebenden Spezies bedeutet das, das ich mich einer Gemeinschaft anschließe, die ihr gemeinschaftliches Leben Regeln unterwirft. Diese Regeln können mehr oder weniger erfolgreich darin sein, die Mitglieder der Gesellschaft glücklich zu machen: es handelt sich hierbei um eine empirische Frage, so daß es uns möglich ist, im Laufe der Zeit in unserer Erkenntnis fortzuschreiten. Beispielsweise gelingt es uns im Lauf der Zeit, das Prinzip des Liberalismus zu entdecken. Dieses Prinzip erlaubt es uns beispielsweise, Kirche und Staat zu trennen oder Homosexualität nicht unter Strafe zu stellen. Es ist aber nur ein abgeleitetes, sekundäres Prinzip: so ist es zum Beispiel nicht notwendig (wie es eine strikte Anwendung des liberalen Prinzips eigentlich verlangen würde), die staatlichen Steuern auf ein Minimum zu reduzieren, das das Funktionieren des Staates gerade noch ermöglicht. Statt dessen benutzen wir den Staat für Wohlfahrtsmaßnahmen, wenn wir zu der Ansicht gekommen sind, dadurch das Unglück der Bürger mildern zu können. Da Glück und Unglück allerdings nicht meßbar sind, ist es prinzipiell nicht möglich, exakt zu bestimmen, wie denn nun der optimale Staat beschaffen ist, der das Unglück seiner Bürger optimal verhindert.

Ob das nun schon eine richtige Ethik ist, weiß ich nicht. Fundiert ist diese Haltung jedenfalls im egoistischen Streben nach Glück.

Es ist offensichtlich, daß diese Haltung in einigen spekulativen und extremen Lebensumständen keine Haltungen nahelegt, die wir üblicherweise als moralisch richtig bezeichnen würden. Nehmen wir etwa das folgende Beispiel: Angenommen, ich hätte pädophile Neigungen und hätte außerdem die Gelegenheit, ein Kind zu mißbrauchen, so daß ich sicher sein könnte, nicht bestraft zu werden. Wie sollte ich mich, der obigen Darstellung zufolge, verhalten?

Ich bezweifle aber, ob es notwendig und sinnvoll ist, eine Ethik zu basteln, die in jedem extremen Beispiel tragfähig bleibt. Zumeist sind solche Beispiele in praktischer Hinsicht ganz unbedeutend. In persönlicher Hinsicht etwa ist es so, daß ich als Geschlechtspartner Menschen bevorzuge, die die Pubertät erfolgreich abgeschlossen haben, so daß das Beispiel für mich ohnehin nicht relevant ist. In allgemeiner Hinsicht dagegen würde ich es für wichtiger halten, dafür zu sorgen, daß möglichst gar nicht erst Situationen entstehen, in denen Pädophile Kinder mißbrauchen können, ohne Strafe befürchten zu müssen, als statt dessen nach einer Ethik zu suchen, die Kindesmißbrauch auch ohne Androhung von Strafen verhindert, denn so etwas funktioniert ja ohnehin nicht (selbst die Drohung mit dem Höllenfeuer erweist sich als wenig wirkungsvoll, um wie viel weniger irgend welche abstrakten Überlegungen zum kategorischen Imperativ oder zu einem naturrechtlichen Anspruch auf die Unverletzbarkeit der eigenen Person).

Fragen wie „Sie sehen einen Zug, der auf fünf Personen zufährt. Auf einem Nebengleis sitzt eine weitere Person. Sie haben die Gelegenheit, eine Weiche umzustellen, so daß der Zug auf das Nebengleis fährt und eine Person tötet. Tun Sie das nicht, wird der Zug die fünf Personen töten. Wie verhalten Sie sich?“ haben wenig mit unseren tatsächlichen Lebensumständen zu tun. In unserem Leben geht es um Fragen wie: soll ich bei der Steuererklärung ein wenig mogeln? Soll ich den Seitensprung gestehen? Soll ich für eine Partei stimmen, die den Abbau von Sozialleistungen befürwortet? Soll ich für oder gegen einen preemptiven Krieg stimmen? Soll ich Gerüchte über einen Kollegen ausstreuen, mit dem ich um eine Führungsposition konkurriere? Und letztlich meinen wir, daß es sich gezeigt hat, daß ohnehin nur ein kleiner Bereich dieser Fragen gesetzlich geregelt werden sollte. Ob etwa ein bestimmter Krieg gerechtfertigt ist oder nicht, ist nur teilweise geregelt (insofern das Führen oder Vorbereiten eines Angriffskrieges unter Strafe steht), teilweise ist es der Entscheidung des Parlaments überlassen. Ob ein Seitensprung zulässig ist oder nicht, ob er eingestanden werden muß oder verschwiegen werden soll ist nicht mehr gesetzlich geregelt, sondern der einzelnen Entscheidung überlassen, und es bleibt jedem einzelnen überlassen, sich selbst ein System zurechtzulegen, mit dem er versucht, seine Beziehungen zu Freunden, Verwandten oder Kollegen zu regeln. In der Regel gilt ein Verhalten als zulässig, so lange es auf einem Konsens beruht (so gilt etwa Promiskuität als zulässig, wenn sie im Konsens geschieht, selbst wenn sie auf einen der beiden Gatten beschränkt bleibt; ohne Konsens dagegen gilt sie als „Betrug“). (Kleine Abschweifung: das gesetzliche Verbot von Polygamie und Polyandrie ist an sich illiberal; gerechtfertigt könnte dieses Verbot aber eventuell mit der Begründung, daß zwischen den Geschlechtern eine ungleiche Machtverteilung herrscht und Geschlecht G1 das Geschlecht G2 ansonsten erpressen könnte, eine von G2 ungeliebte Form der Ehe einzugehen.)

In einer liberalen Gesellschaft wäre demnach (wenn das oben gesagte irgendwie stimmig ist) die Ethik zerlegt in einen politischen und einen psychologischen Teil. Die Psychologie (als eine empirische Wissenschaft) würde uns sagen, wie wir unsere persönlichen Beziehungen, soweit sie nicht gesetzlich geregelt sind, zu unserer Zufriedenheit gestalten sollen, die Politik dagegen, welche Bereiche wir gesetzlich regeln sollen und wie.

Das alles ist nun nicht unbedingt von unfaßbarer Originalität. Es läßt sich aber doch vielleicht so auflösen: daß Ethik sich nicht durch eine apriorische Festlegung bestimmen läßt, muß nicht zwangsläufig bedeuten, daß es sich bei ethischen Setzungen um willkürliche Moden handelt, sondern kann statt dessen auch auf eine empirische Natur der Ethik verweisen.

Letztlich bleibt (da wir Glück und Unglück nicht messen können) die Frage offen, wie stark wir etwa Gerechtigkeit, wie stark wir individuelle Freiheit in unserer Gesellschaft gewichten sollen. Aber selbst wenn ich der Ansicht bin, daß unser Gemeinwesen den Optimalpunkt in dieser Frage verfehlt, bedeutet dies nur die Verbesserungsfähigkeit unseres Gemeinwesens, es bedeutet nicht, daß unser Gemeinwesen seinem Wesen nach ein Unrechtsstaat, eine Tyrannei wäre.



16.9.2003





Frischers Fritz frischt frische Frische.



23.9.2003





Stellen wir uns ein Haus vor, das nach oben und unten unendlich viele Stockwerke hat. Zwischen zwei Stockwerken ist als Boden ein Einwegspiegel eingelassen, so daß die Bewohner des oberen Stockwerks die unteren Bewohner sehen können, aber nicht umgekehrt. Der Bewohner eines Stockwerks kann unter seinen Füßen unendlich viele Stockwerke sehen, über seinem Kopf aber kann er kein weiteres Stockwerk mehr sehen.

Die Bewohner der Stockwerke treiben Physik, und bald entdecken sie, daß es keine Möglichkeit gibt, die Mauern ihres Stockwerkes zu durchdringen. Auch die Zwischenböden sind vollkommen undurchdringlich, außer für Licht, das von unten nach oben durch einen Zwischenboden wandern kann.

Nun diskutieren die Bewohner eines Stockwerkes, ob es über ihnen ein weiteres Stockwerk geben kann. Einer von ihnen erklärt: „nur die Dinge existieren, die beobachtbar sind. Die Aussage, daß etwas existiert, das prinzipiell nicht beobachtbar ist, ist sinnlos: diese Aussage entspricht der Aussage, daß etwas existiert, das nicht existiert. Ein Metaphysiker mag über derlei Begriffswirrwarr spekulieren, ein Wissenschaftler wird sich an das halten, was beobachtbar ist. Wir können zeigen, daß ein Stockwerk oberhalb unseres Stockwerks prinzipiell unbeobachtbar ist. Dies bedeutet aber, daß ein solches Stockwerk nicht existiert, nicht existieren kann, ein Widerspruch in sich selbst ist. Das bedeutet, wir müssen nicht vermuten oder für wahrscheinlich halten, daß kein Stockwerk oberhalb unseres Stockwerks existiert, wir wissen, daß kein derartiges Stockwerk existiert.“ Da diese Rede die Bewohner des Stockwerks überzeugt, setzt sich die Meinung durch, daß ein höheres Stockwerk erwiesenermaßen nicht existiert.

Die Bewohner des nächsthöheren Stockwerks haben diese Diskussion aufmerksam verfolgt (da sie perfekt Lippen lesen können, wissen sie genau, was die Personen in den Stockwerken unter ihnen sprechen). Nun kommt auch unter ihnen die Frage auf, ob es ein weiteres, höheres Stockwerk gibt. Einer von ihnen erklärt: „Es existiert nur das, was für die Bewohner unseres Stockwerks beobachtbar ist. Die Bewohner des Stockwerks unter uns haben fälschlicherweise angenommen, es würde nur das existieren, was für die Bewohner dieses Stockwerks beobachtbar ist. Es ist nicht überraschend, daß diese falsche Definition zu Fehlern, Irrtümern und falschen Vorhersagen führt, wie etwa dem Irrtum, unser Stockwerk würde nicht existieren, was offensichtlich falsch ist, da unser Stockwerk von uns beobachtet werden kann und folglich auch existiert. Ein Stockwerk oberhalb des unseren existiert aber sicher nicht, weil ein solches Stockwerk nämlich für uns prinzipiell nicht beobachtbar wäre und daher der Begriff eines solchen höheren Stockwerks in sich widersprüchlich ist. Die naive Auffassung mag den Gedanken nahelegen, daß unser Stockwerk ein ganz gewöhnliches Stockwerk ist und sich in nichts von den unendlich vielen Stockwerken unterscheidet, die unter uns liegen, und daß es deshalb auch ein Stockwerk über uns gibt, so, wie auch für alle Stockwerke unter uns gilt, daß es für jedes von ihnen ein höheres Stockwerk gibt. Die naive Auffassung verweist auf die Stockwerke unter uns, die sich irrtümlich für das höchste aller Stockwerke halten, und warnt uns, dem selben Fehler zu verfallen. Doch die geläuterte, wissenschaftliche Weltauffassung verwirft diese naive Auffassung als widersprüchliche Metaphysik. Es mag überraschend sein, aber die wissenschaftliche Weltauffassung ist in der Lage zu beweisen, daß es kein Stockwerk oberhalb unseres Stockwerks gibt.“



6.10.2003





Politisches Gedicht

Wer verursacht uns Qualen? Die Liberalen!

Welche Fehler müssen wir sühnen? Die der Grünen!

Wer hat uns verraten? Sozialdemokraten!

Wer verrät uns noch? Roland Koch!





Selene, wenn sie fertig ist mit telefonieren: „Also tsüß!“ Wenn sie beschuht und bemützt vor der Tür steht: „Hamma alles?“ Selene vor dem Zubettgehen: „Gudenacht Colin, Slaf gut.“

Dinge benennen zu können ist ihr, scheint mir, nicht nur eine Quelle der Freude, sondern auch eine Notwendigkeit zur Abwehr der Dämonen. Ist sie aufgeregt, kann es passieren, daß sie mit mir alle Dinge um uns herum durchgeht und mit Namen benennt, um sich ihrer Welt und ihrer Beherrsch- und Benennbarkeit zu versichern.



7.10.2003





In seinem Aufsatz über die Frauen behandelt Mill auch das Problem, ob Frauen per Gesetz von der Ausübung bestimmter Berufe ausgeschlossen werden sollen. Dabei entwickelt er folgendes Dilemma: seien Frauen für bestimmte Berufe ungeeignet, dann sei es unnötig, sie gesetzlich von diesen Berufen auszuschließen, da der Markt von selbst dafür sorgen würde, daß sie in diesen Berufen nicht beschäftigt würden. Seien sie aber für bestimmte Berufe geeignet, sei nicht recht einzusehen, warum sie gesetzlich an der Ausübung dieser Berufe gehindert werden sollten. So oder so sind Gesetze, die Frauen von bestimmten Berufen ausschließen, unsinnig.

So einleuchtend Mills Überlegungen sind, so empörend müssen sie heute wirken. Wie? Der Markt soll regeln, ob Frauen in bestimmten Berufen geduldet werden? Ist Mill denn nicht bekannt, daß der Markt nur ein Euphemismus für die Herrschaft des Patriarchats ist? Daß eine solche bloß rechtlich-formale Gleichstellung ganz sinnlos ist, geradezu eine Verhöhnung der Frauen, und daß es, um wahre Gleichberechtigung zu erreichen, erheblich weitergehender Anstrengungen bedarf? Keineswegs genügt es, Berufsverbote für Frauen aufzuheben. Vielmehr ist es nötig, per Gesetz die Mühe der Aufzucht von Kindern oder der Führung eines Haushaltes gleichmäßig auf die Geschlechter zu verteilen, ein öffentliches System der Kinderbetreuung einzurichten, das Frauen die Vereinbarkeit von Produktion und Reproduktion ermöglicht, sowie eine Quotierung aller Posten und Arbeitsplätze.

Es gibt da die seltsame These, die Frauenbewegung sei erst dann am Ziel angekommen, wenn es möglich und gewöhnlich sei, daß auch dumme und wenig begabte Frauen Vorstände, Professorinnen oder Ministerinnen werden könnten, wobei unterstellt wird, daß gegenwärtig nur außergewöhnlich begabte Frauen eine Karriere machen können, die ansonsten auch durchschnittlich begabten Männern möglich ist. Einmal abgesehen davon, daß auch von den Männern nur ein kleiner Bruchteil Vorstand, Professor oder Minister wird, so daß hier doch jedenfalls auch andere Einflußfaktoren außer dem Geschlecht am Werk zu sein scheinen, wäre doch eine weit naheliegendere Forderung, zu verlangen, Besetzungsregelungen so zu gestalten, daß nach Möglichkeit nur die Fähigsten und Begabtesten ausgewählt wurden (die Frage nach dem Geschlecht hätte sich damit erledigt, es sei denn, wir bestehen darauf, daß auch eine schlecht oder überhaupt nicht qualifizierte Frau einen gut bezahlten und prestigeträchtigen Job bekommen muß, als Ausgleich für die Erziehungsarbeit, die sie eventuell geleistet hat und die sie daran gehindert hat, sich zu qualifizieren, was dann aber endgültig eine völlig bizarre Forderung wäre, die auf Begabung und Eignung keine Rücksicht mehr nimmt). Falls es Grund zu der Annahme gibt, daß die bestehenden Auswahlverfahren nicht optimal sind (und in vielen Fällen mag es tatsächlich Gründe für diese Annahme geben), dann sollte es ganz unabhängig von der Gleichstellung der Geschlechter in unserem Interesse liegen, diese Auswahlverfahren zu verbessern. Wenn etwa ein Posten bislang über persönliche Bekanntschaft und Empfehlungen besetzt wurde (wobei nicht per se zu sehen ist, warum dieses Verfahren weniger geeignet sein sollte als andere Verfahren), und wir sind nun der Meinung, es sei besser, diesen Posten über den Rang des Zitationsindexes des Bewerbers zu vergeben (wobei auch dieses Verfahren Seilschaften nicht ausschließt), dann sollten wir das Besetzungsverfahren ändern, ob wir uns davon nun eine Verbesserung der Frauenquote erhoffen oder nicht.

Neben vernünftigen und empirisch belegbaren Erklärungen, warum Frauen in bestimmten Berufen und insbesondere in leitenden Positionen unterrepräsentiert sind, findet sich eine Konstruktion namens Patriarchat, die, scheint mir, auf eine Art Paranoia hinaus läuft. Ein Mann, der einen bestimmten Posten haben möchte, wird versuchen, seine Konkurrenten zu verdrängen, mögen diese nun Männer oder Frauen sein. Ein Mann aber, der einen Posten zu vergeben hat, wird ihn so vergeben, daß er seinen persönlichen Vorteil maximiert, sein Ansehen vermehrt, bestehenden Vorschriften gehorcht oder seine Wahl so vornimmt, daß sie seiner subjektiven Meinung nach dem Wohl der Menschheit oder der fraglichen Aufgabe am besten dient. Warum er bei dieser Wahl einen Mann einer Frau vorziehen sollte (wenn wir ihn als rationalen Agenten betrachten), sehe ich nicht. Vielleicht wird er von persönlichen Vorurteilen beherrscht, die es ihm verunmöglichen, seine Zielerreichungsaussichten zu optimieren und eine rationale Wahl zu treffen. Das Vorkommen irrationaler Vorurteile ist aber etwas anderes als eine Verschwörung, eine systematische Ausgrenzung. Nach meiner persönlichen anekdotischen Erfahrung (die sich allerdings hauptsächlich auf das Gebiet der Mathematik beschränkt, auf dem sich sowieso schnell herausstellt, wer etwas kann und taugt und wer nicht) gibt es eine solche systematische Ausgrenzung als patriarchale Verschwörung nicht.

Je höher wir in der Hierarchie eines Unternehmens oder einer Gesellschaft gehen, auf desto weniger Posten treffen wir, deren Besetzung dafür immer anspruchsvoller wird, so daß wir, je höher wir gehen, mehr und mehr auf Personen treffen, deren Leben ohne Umwege als Kette von Erfolgen verlaufen ist. Eine durchgehende Kette von Erfolgen wird um so unwahrscheinlicher, je länger sie ist. Je höher ein Posten in einer Hierarchie ist, so können wir sagen, um so länger muß die Kette von Erfolgen sein, die die Person vorweisen können muß, die den Posten einnimmt (wobei wir unter Erfolgen auch das Ausbleiben von Schicksalschlägen und tausend Zufälligkeiten verstehen, an denen der Betreffende keinerlei Verdienst hat: es kann ein begabter Mensch etwa das Pech haben, daß zum richtigen Zeitpunkt gerade kein Posten vakant ist, so daß er nicht berücksichtigt wird; ein begabter Politiker kann sich in der Hierarchie seiner Partei just in dem Moment bis zum Posten des Spitzenkandidaten einer Landtagswahl hochgearbeitet haben, in dem sich die Bevölkerung seines Bundeslandes seiner Partei überraschend zu- oder abwendet). Je höher wir in der Hierarchie gehen, desto seltener sollten wir erwarten, auf Personen zu treffen, die irgend eine Art des Handicaps aufweisen. Da für bestimmte Karrieren das weibliche Geschlecht offenbar ein Handicap ist, ist es nicht weiter erstaunlich, daß der Anteil der Frauen um so mehr abnimmt, je höher wir in der Hierarchieebene gehen. Es handelt sich hier aber nicht eigentlich um eine spezifische Ungerechtigkeit gegenüber Frauen. Die Anforderungen werden eben immer spezifischer und strenger und schließen immer mehr Menschen aus, nahezu alle Frauen, aber auch fast alle Männer, und wollten wir hier wirklich von einer Ungerechtigkeit sprechen, die wir beseitigen wollten, so müßten wir dafür sorgen, daß überhaupt alle und jeder gleichermaßen jeden beliebigen Posten einnehmen können und gleiche Chancen haben muß, ein drogensüchtiger Sozialhilfeempfänger und Hauptschulabgänger etwa müßte dann die gleichen Chancen auf den Vorstandsposten eines großen Konzerns haben wie ein studierter Jurist oder Betriebswirt, wir müßten gesetzlich sicherstellen, daß ein unverheirateter Mann die gleichen Karrierechancen hat wie ein verheirateter, wir müßten auch sicherstellen, daß Parlamente nicht bloß von Beamten bevölkert werden, und so weiter. Ein unverheirateter Mann kann offensichtlich auch Karriere machen, aber er hat ein Handicap, das um so gravierender wird, je höher er in der Hierarchie aufsteigt. Auch eine Frau kann Karriere machen, aber sie hat ein Handicap, das um so gravierender wird, je höher sie in der Hierarchie aufsteigt.

Es mag sein und klingt durchaus plausibel, daß die Vorstände großer Konzerne sich nur unzureichend die Sorgen und Nöte einfacher Arbeiter vorstellen können, daß verbeamtete Parlamentarier nur ein mangelhaftes Verständnis für freie Wirtschaft aufweisen oder daß die herrschenden Männer sich nur unzureichend in die Sorgen und Nöte der Frauen hinein versetzen können. Aber die Unterstellung, eine bestimmte Gruppe sei unfähig, akzeptable Regeln für die ganze Gesellschaft zu entwickeln, ist doch recht unhaltbar. Oder jedenfalls: wer sie vertritt, müßte unser gegenwärtiges politisches System durch eine direkte Demokratie ersetzen, in der Gesetze nicht mehr von einem Parlament, sondern durch Volksabstimmung entschieden werden, und ein solches System wäre jedenfalls eine gravierende Neuerung (nicht einmal die Schweiz verzichtet auf ein Parlament, dessen Angehörige natürlich auch wieder keinen repräsentativen Querschnitt durch die Bevölkerung bilden). In einer rationalen Diskussion sollte es vor allem auf die Argumente ankommen und weniger auf die Personen, die diese Argumente äußern, und wenn wir Beamten nicht die Fähigkeit zu rationalem Denken und Handeln absprechen, dann sollten auch Beamte, wenn sie in ein Parlament gewählt wurden, imstande sein, vernünftige Gesetze zu erlassen. Falls sie es nicht sind, können sie abgewählt werden, und falls sich dabei zeigt, daß das Problem nicht darin besteht, daß diese statt jener Beamten herrschen, sondern generell in der Herrschaft der Beamten, dann werden künftig Parteien damit werben, daß in ihren Reihen und Listen besonders wenig Beamte vorkommen. Und für die Herrschaft der Männer gilt, scheint mir, ähnliches: es steht den Frauen ja frei, eine Partei zu wählen, die streng auf eine Quotierung ihrer Listen achtet, viele Frauen ziehen es dennoch vor, Parteien zu wählen, die sich nicht unbedingt als Vorreiter in Sachen Quotierung erwiesen haben, und sie handeln damit, meine ich, auch durchaus rational, denn entscheidend sollte das Programm einer Partei sein und nicht die Geschlechterzusammensetzung ihrer Kandidatenlisten. Im Streit um die Abtreibung war eines der Argumente, daß hier die männlichen Herrscher über etwas beschließen, daß sie ja eigentlich gar nichts angeht oder bei dem sie jedenfalls nicht mitreden können, weil es ihnen an eigenen Erfahrungen mangelt, und besonders eigneten sich als Zielscheibe solcher Angriffe katholische Würdenträger, die bekanntlich gelobt haben, zölibatär zu leben, und daher nicht nur keine Erfahrungen als Schwangere oder Abtreibende hatten machen können, sondern nicht einmal als Ehemänner oder Liebhaber, die aber doch glaubten, ihre Ansichten zur Abtreibung öffentlich vertreten zu müssen. Aber unabhängig davon, daß ich wenig von katholischen Kirchenvertretern und Abtreibungen für zulässig halte, ist dieses Argument doch nur ein Argument ad personem, das in der Sache unzulässig ist und daher auch eigentlich gar kein Argument, sondern nur ein Fehlschluß. Denn ungeachtet daß katholische Kirchenvertreter von sich selbst behaupten, persönliche Erfahrungen weder als Schwangere noch als Ehemänner oder Liebhaber von Schwangeren gemacht zu haben (wobei letzteres im Einzelfall nicht einmal unmöglich ist und auch in vielen Fällen vorgekommen sein mag), kann es trotzdem sein, daß ihre Argumente und Einlassungen vernünftig und richtig sind, und wenn sie es nicht sind, muß dies auf andere Weise gezeigt werden als durch den Nachweis mangelnder Betroffenheit. Verkündet ein katholischer Bischof etwa, Pädophilie sei eine schreckliche Sünde und ein schweres Verbrechen, so wird es gewöhnlich kaum jemand einfallen, ihm zu raten, als Unbetroffener doch besser den Mund zu halten. Daß etwas richtig oder falsch ist, kann, meine ich, entweder von allen oder von niemandem gezeigt werden.

Die Teilhabe der Menschen an der Macht erfolgt gewöhnlich dadurch, daß Menschen von anderen Menschen repräsentiert werden, die für dieses Repräsentieren für geeignet gehalten werden. Das kann mal mehr oder mal weniger gut funktionieren, entspricht aber jedenfalls unserer arbeitsteiligen Gesellschaft, und wenn dieses System geändert werden sollte, dann sehe ich nicht, warum es nur gerade in Bezug auf die Frauen geändert werden sollte.

Glücklicherweise ist wenigstens auf einem Gebiet, daß tatsächlich plebiszitäre Züge aufweist, nämlich dem der Popmusik, die Quote mehr oder weniger erfüllt, jedenfalls kenne ich keine Vorschläge, den Anteil der Sängerinnen unter den Sängern durch eine verordnete Quote sicher zu stellen. Aber wieder ist es nicht recht: denn die Popsängerinnen sind, vom Standpunkt der Orthodoxie, keine zulässigen Beispiele weiblichen wirtschaftlichen Erfolgs, oder jedenfalls nicht generell (ich nehme an, Miss Eliot wäre für die Orthodoxie vielleicht noch akzeptabel). Geschieht es doch einmal, daß die alte Ungerechtigkeit, daß Frauen keinen Erfolg haben dürfen, widerlegt wird, so taucht ein neues Gerechtigkeitsproblem auf: denn Erfolg haben die Popsängerinnen ja nur, wenn und weil sie hübsch sind, ja, ihre körperlichen Reize betont zur Schau stellen. Auch hier haben wir also wieder, gerade im scheinbaren Triumph, eine niederschmetternde Niederlage der Gerechtigkeit, Gerechtigkeit wird nämlich erst herrschen, wenn häßliche wie schöne Mädchen gleichermaßen Erfolg als Popsängerinnen haben können. Und ist dieses Ziel endlich erreicht, stellt sich womöglich heraus, daß es sich wieder nur um einen Pyrrhussieg gehandelt hat: zwar können Menschen dann auch dann als Sänger erfolgreich sein, wenn sie Frauen sind, und sogar dann, wenn sie häßlich sind, aber womöglich wird ihnen dann zugemutet, nur dann Erfolg und öffentliche Anerkennung haben zu dürfen, wenn sie gesangliche Fähigkeiten aufweisen können, was ja nun leider und ungerechterweise nicht auf alle Menschen gleichermaßen zutrifft. Freilich ist auch nicht so recht zu sehen, wie sich Gerechtigkeit hier durchsetzen lassen könnte, zumal es sich bei der Popmusik ja doch um etwas handelt, bei dem im starken Maß das Publikum über Erfolg und Mißerfolg entscheidet und der Macht der geschmähten Plattenfirmenvorstände ebenso Grenzen setzt wie gesellschaftlichen Umerziehungsversuchen und staatlichen Reglementierungen. Übrigens werden, soweit ich sehe, Platten von Sängerinnen eher von Frauen als von Männern gekauft, so daß, falls wir die Auswahlkriterien, die im Showbusiness über Erfolg und Mißerfolg entscheiden, für sexistisch halten, wir doch eher die Frauen anklagen müssen.

Verständlicherweise wendet sich der emanzipatorische Furor daher lieber Erscheinungen zu, in denen weniger offensichtlich Frauen (als Publikum) Macht ausüben und im Ausüben ihrer Macht die Erwartungen der Orthodoxie enttäuschen. Lohnendere Ziele sind die Werbung (die von Männern, so nehmen wir an, beherrscht und dem Publikum ungefragt aufgezwungen wird) und die von Männern konsumierte Pornographie (es scheint der Orthodoxie allerdings entgangen zu sein, daß es auch eine von Frauen und sogar speziell von Lesben konsumierte Pornographie gibt (ich spreche jetzt nicht von jenen „Lesben in Ekstase“-Filmen, deren Zielpublikum natürlich Männer sind), wenn sie auch wirtschaftlich nicht an die von Männern konsumierte Pornographie heranreichen mag). Durch die Konstruktion des „auf ein Objekt degradiert werdens“ - als ob nicht jeder Mensch ständig von allen möglichen Institutionen zum bloßen Objekt degradiert würde - ist es möglich, an allem und jedem Anstoß zu nehmen und im Namen höherer Werte, der Gerechtigkeit, ja sogar im Namen des Schutzes von Leib und Leben der Frauen (denn wer ein Automobil oder einen Joghurt mit einer schönen Frau beworben sieht, lernt, die Frauen als stets verfügbare Objekte zu begreifen und kann daher gar nicht mehr anders, als eine von ihnen bei nächster Gelegenheit zu vergewaltigen) die freie Rede einzuschränken. Hinzu kommt die etwas sonderbare und sensationelle Gleichsetzung von Pornographie und Kinderpornographie, wobei letztere wiederum mit Kindesmißbrauch gleichgesetzt wird, so, als sei es einerseits selbstverständlich, daß ein Film mit erwachsenen und mit nicht erwachsenen Protagonisten völlig einerlei wäre, und andererseits, als sei es selbstverständlich, daß die schriftliche Schilderung einer pädophilen Phantasie der filmischen Dokumentation eines realen Mißbrauchs moralisch gleich zu stellen sei, während doch in Wahrheit viel naheliegender ist, auf schriftliche Phantasieschilderungen eher ästhetische als ethische Maßstäbe anzuwenden („Verherrlichung“ nennt sich dergleichen, so daß die Schilderung der Tat gleichgesetzt werden kann; deshalb werden ja auch gewaltverherrlichende Spiele indiziert). Das Verbot oder doch wenigstens die gesellschaftliche Ächtung, sagen wir, eines Filmes, der ein liebevolles Paar beim genußvollen Beischlaf zeigt, wird so als eine emanzipatorische Tat beworben, obwohl es sich doch bloß um einen Versuch der Knechtung, Bevormundung und Erziehung handelt, den freie Bürgerinnen und Bürger entschieden zurück weisen sollten. Ein puritanischer Wahn möchte schmutzige Filme, bauchnabelfreie T-Shirts oder Silikonbrüste verbieten, als ob so sich eine geschwisterliche Welt ohne Ungerechtigkeiten sich herstellen ließe, und nicht bloß eine gewöhnliche Diktatur.



8.10.2003





Was unterscheidet eigentlich die sozialen Sicherungssysteme von verbotenen Pyramidenspielen?



10.10.2003





Der Geburtstag meiner Tochter:

05.01.02

512

2 · 2 · 2

· 2 · 2 · 2 ·

2 · 2 · 2



15.10.2003





Selene hält Mittagsschlaf, ich schaue vor dem Einschlafen noch ein bißchen „Presseclub“. Eingeladen ist unter anderem Elisabeth Niejahr. Rentner rufen an und stellen Fragen, bei einer besonders peinlichen zappe ich weg, von Phoenix zu n-tv. Dort wird gerade Elisabeth Niejahr interviewt. Nun halte ich Elisabeth Niejahr ja für eine recht ordentliche Journalistin, aber daß sie auf zwei Kanälen gleichzeitig live erscheinen kann, das verblüfft mich dann doch.



19.10.2003





Dieter Bohlen und ich

Montag

Dieter bietet mir keinen millionenschweren Plattenvertrag an.

Dienstag

Dieter lädt mich nicht zum Essen ein. Es trifft nicht zu, daß er unter dem Tisch mein Knie berührt.

Mittwoch

Dieter und ich haben keinen wilden Sex. Was für ein Glück.

Donnerstag

Dieter bittet mich nicht, ihm ein Schnitzel zu kochen.

Freitag

Dieter gelingt es nicht, mich zu einer Blitzhochzeit in Las Vegas zu überreden.

Samstag

Dieter unterläßt es, mich zu schlagen.

Sonntag

Ich verzichte darauf, Dieter zu verklagen und Schwärzungen in seinem neuen Buch zu verlangen.



20.10.2003





...An dieser Stelle ist eine längere Pause...





Einige haben sich beschwert, der Name unseres zweiten Kindes, „Susanne“, sei ja doch recht gewöhnlich, im Vergleich zu „Selene“. Abgesehen davon, daß Susanne unter den heutigen Neugeborenen keineswegs häufig ist, übersieht dieser Tadel, daß wer von Moden unabhängig ist, den Moden weder affirmativ noch durch angestrengte Vermeidungsbemühungen zu folgen braucht. Was schert es denn mich, ob dieser Name häufig oder selten, beliebt oder unbeliebt ist?

Aus Symmetriegründen wäre es reizvoll gewesen, im Namen des zweiten Kindes die Sonne unterzubringen. In erster Linie soll es freilich ein schöner und brauchbarer Name sein. Selene hat dann aber herausgefunden, daß „Susanne“ so ähnlich wie „die Sonne“ klingt.





Seit der Geburt von Zwerg Zwo hat meine Verblödung sich noch etwas gesteigert. Das einzige Buch, das ich seit der Geburt gelesen habe, ist der „Jim Knopf“ (Teil 1 & 2). „Das Leben. Gebrauchsanweisung“, die Geschichte des Ritters Erec und Schadewaldts Anfänge der Philosophie bei den Griechen, die ich angefangen habe zu lesen, sind erst einmal liegengeblieben. Und eigne Gedanken habe ich mir seither auch keine mehr gemacht, sonst könnte ich ja jetzt hier diese eigenen Gedanken aufschreiben und müßte nicht auf dieses langweilige autobiographische Zeug zurückgreifen.

Statt dessen habe ich einige unsäglich dämliche Science-Fiction-Serien im Fernsehen gesehen. Nun gut, immerhin habe ich so endlich auch einmal Seven of Nine kennen gelernt, über die ich schon einmal einen Text verfaßt habe und die noch langweiliger ist, als ich erwartet habe. Einige Regeln und Gesetzmäßigkeiten dieser Serien:

Die Oberfläche eines jeden Planeten sieht aus wie eine Außenaufnahme in einem nordamerikanischen Wald, es sei denn, es ist ein Wüstenplanet, der wie eine Ansammlung von angemalten Styroporbrocken aussieht.

Alle Außerirdischen haben zwei Beine, zwei Arme und einen Kopf mit einem Mund und darüber zwei Augen. Im Gegensatz zu uns Menschen haben sie aber allerlei Flecken und Wülste, Höcker, Kämme und spitze Ohren.

Die Ökonomie sämtlicher außerirdischen Kulturen beruht auf einem individualistischen Kapitalismus mit zentralstaatlicher Leitung, ähnlich der amerikanischen Ökonomie.

Die technische Entwicklung der Außerirdischen hinkt der irdischen entweder ein paar Jahrhunderte hinterher, ist in etwa gleichauf, oder aber die Außerirdischen sind den Menschen in ihrer technischen Entwicklung einige wenige Jahrzehnte voraus, obwohl doch eigentlich eher zu erwarten wäre, daß viele außerirdischen Kulturen Jahrmillionen oder Jahrmilliarden älter als die unsere sind.

Nahezu jede Zivilisation entdeckt eine Methode, mit Überlichtgeschwindigkeit zu reisen. Fast keine Zivilisation jedoch entdeckt eine Methode, die Oberfläche ganzer Planeten unbewohnbar zu machen. Wird doch einmal eine solche Methode entdeckt, dann wird diese Entdeckung sogleich wieder vergessen.

Reisen mit Überlichtgeschwindigkeit sind ebenso möglich wie Zeitreisen, letztere sind aber schwieriger und seltener und gelingen oft nur durch Zufall, ungeachtet der Tatsache, daß aus relativistischer Sicht beides das gleiche ist.

Es ist möglich, einen Roboter zu konstruieren, der zu menschlichen Gefühlen fähig ist, es kann aber immer nur einen solchen Roboter im Universum geben.

Das Weltall ist von einem schallleitenden Weltäther erfüllt.

Eine besonders dämliche Serie, „Andromeda“, von einem Haufen widerlicher Sprücheklopfer bewohnt, kennt noch eine weitere, eherne Regel:

In jeder Folge gibt es genau eine Weltraumschlacht und genau einen Faustkampf.

In dieser Serie taucht auch das Volk der Nietzscheaner auf, die den Lehren des großen Propheten Friedrich Nietzsche folgen. Was natürlich die Frage aufwirft, was denn nun eigentlich Nietzsches Lehren sind, insbesondere, was er zur Menschenzüchtung, Rassen und dergleichen zu sagen hat.

Das Verblüffende ist, daß ich zwar etliche Bücher dieses Herrn gelesen habe, seine Ansichten zu diesem Punkt aber nicht kenne. Wenn Nietzsche über Rassen und dergleichen spricht, verwendet er die Begriffe auf eine seltsame, krude und vor allem vordarwinistische Art und Weise, die schwer zu entziffern ist. Oft genug geht es ihm nicht um biologische Begriffe, sondern um soziale Klassen oder auch um verschiedene Archetypen. Betrachten wir ein Beispiel:

Was ist das Gegenteil von Gut? Den Titel von „Jenseits von Gut und Böse“ im Ohr, sind wir Plebejer geneigt, „Böse“ zu antworten. Für einen Adligen, also einen Edlen, ist aber das Gegenteil des Begriffes Gut der Begriff Schlecht, der mit dem Wort „schlicht“ zusammenhängt und den Gemeinen bezeichnet (auch das Wort „gemein“ wird häufig in moralischem Sinn gebraucht). In dieser Analyse ist Nietzsche nicht weit von Marx’ bekanntem Diktum entfernt, daß das Sein das Bewußtsein bestimmt: für die vornehme Klasse ist das Negative die schlichte, gemeine Klasse, für die Klasse der Gewöhnlichen dagegen ist das Negative das Böse, das mit den Reichen und Herrschenden verbunden wird. Einen besonderen und gänzlich unmarxistischen Dreh erhält diese Deutung dadurch, daß Nietzsche den vornehmen Menschen eine kulturschaffende Rolle zuweist. Das ist nun wiederum nur bedingt richtig und enthält bereits ein verstecktes subjektives ästhetisches Urteil. Denn zwar gehen bestimmte Arten kultureller Leistungen in der Tat auf die Klasse der Müßiggänger zurück oder werden zumindest von ihr veranlaßt. Andererseits gibt es durchaus auch Kulturleistungen des gemeinen Volkes, und es ließe sich argumentieren, daß alle unsere Mythen, Bilder und Tänze letztlich der Volkskunst entstammen und von der höfischen Kultur in unselbständiger Art und Weise verfeinert wurden. Eine solche Argumentation könnte (beruhend auf einer abweichenden subjektiven ästhetischen Entscheidung) behaupten, gerade die volkstümliche Kunst sei die wahre, urtümliche und unverfälschte. Jedenfalls gibt es von der Warte eines nüchternen Philosophen aus keinen Anlaß, sich nun unbedingt auf die Seite der Vornehmen schlagen zu müssen.

Es kommt hinzu, daß derartige Aufteilungen ohnehin an Bedeutung verloren haben. Die Welt hat sich gewandelt, es gibt zwar weiterhin Arme und Reiche, aber diese Unterscheidung stimmt nicht länger mit der Einteilung in Gemeine und Edle überein. Die wirtschaftlichen Bedingungen sind auch nicht mehr derart, daß die Arbeit vieler Gemeiner nötig ist, den Müßiggang eines Edlen zu finanzieren, der dann kulturschaffend oder kulturfördernd tätig werden könnte. Eine kulturgeschichtliche Analyse kann in einer sich wandelnden Kultur nicht den Rang einer ewigen Wahrheit besitzen. Es hat halt im Großen und Ganzen der Sozialismus gewonnen und die Vornehmen sind ausgestorben.

Das heißt nun nicht, daß es nicht Utopien der Selbstvervollkommnung des Menschengeschlechts gäbe, aber diese liegen doch heute eher auf Gebieten, die Nietzsche eher fern lagen, etwa gentechnische Eingriffe in unser Erbgut oder die Aufrüstung unseres Körpers (einschließlich des Gehirns) mit allerlei Geräten.

In den entsprechenden Kapiteln seiner Schriften scheint mir Nietzsche soziale und biologische Kategorien zu verwechseln, vermutlich, weil er einem vorwissenschaftlichen Vererbungsprinzip anhängt. So äußert sich Nietzsche etwa lobend über indische Kastenvorschriften, die er so deutet, daß sie die Ausrottung der niedrigsten Kasten zum Ziel haben. Ähnlich bewertet er die Funktion der Klitorisbeschneidung, die, insbesondere unter unzureichenden hygienischen Bedingungen, eine hohe Mortalität zur Folge hat. Wir wollen davon absehen, daß herrschende Klassen selten eine völlige Vernichtung der beherrschten Klasse anstreben: schließlich sind die Herren von den Knechten abhängig und brauchen sie, um gebildete, kultivierte Herren sein und sich die Knechtsarbeiten ersparen zu können, selbst wenn eine Herrschaftsklasse auf das Leben einzelner Gemeiner keine Rücksicht nimmt. Der genetische Austausch zwischen den einzelnen Klassen ist zu groß, die Dauer einzelner Zivilisationen zu kurz, als daß Zucht und biologische Vererbung hier eine übermäßig wichtige Rolle spielen können. Die Edlen unterscheiden sich biologisch nicht von den Gemeinen, so stolz sie auch sonst auf ihre Ahnentafeln, Stammbäume und Genealogien sein mögen.

Es ist auch gar nicht zu erkennen, wieso ein strenges Kastensystem der Kultur besonders zuträglich sein sollte. Das Renaissanceitalien, das wir meinetwegen als Referenzpunkt kultureller Blüte akzeptieren können, war zwar nicht gerade ein Musterbeispiel freiheitlich-egalitärer Demokratie, aber doch auch von einem starren indischen Kastenwesen weit entfernt und für die sonderbarsten Karrieren durchlässig.



16.12.2003





Tatsächlich vermöchte ich rückblickend nicht zu sagen, wie eigentlich Nietzsche sich das Entstehen einer Hochkultur vorstellt: durch die Wirkung einer strengen Zuchtwahl oder durch die immer weiter verfeinerte Tradierung kultureller Normen? Oder durch irgend einen Geschichtsgeist oder Nationalcharakter? Nicht auszuschließen ist ja bei einem ehemaligen Schopenhauerianer, daß Nietzsche weit eher zu platonistischer Begriffbildung neigte, als seine antiplatonischen Polemiken zunächst vermuten lassen würden.

Womöglich ließe diese Frage durch gründliche Lektüre entscheiden, aber zwei Gründe sprechen gegen dieses Verfahren (und beide Gründe haben zur Zeit Probleme, nachts durchzuschlafen).

Für die Serie „Andromeda“ spielen diese Subtilitäten natürlich keine Rolle. Dort sind die Nietzscheaner einfach rassistische Volldeppen, die sich per Zuchtwahl zum Übermenschen steigern möchten.



17.12.2003









wird fortgesetzt in:


Jan Thor
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