Skizzenbuch 2003

Beim Vorlesen erweist es sich als ausgesprochend störend, daß sowohl Frosch als auch Ente angeblich „Quack-Quack“ sagen. Eine Zeitlang habe ich mir damit geholfen, den Frosch, nach Aristophanes, „Brekekekex Koax Koax“ sagen zu lassen. Inzwischen habe ich beschlossen, daß ein Frosch „Buorg. Buorg.“ sagt, und eine Ente „Wäg. Wäg. Wäg.“ Eine Gans sagt „Dägdägdägdägdägdägdäg“, ein Huhn „Buoog bogg bogg“ und ein Rabe „Ra!“. Bleiben noch die problematischen stummen Pinguine.



1.1.2003





In Walter Moers’ „Ensel und Krete“ findet sich folgende Behauptung Mythemetz’: „Es wird Ihnen in der Aufregung wahrscheinlich entgangen sein, daß ich auf der letzten Seite die Buchstaben der Sorte E derart raffiniert angeordnet habe, daß sie, wenn sie mit Linien verbunden werden, ein exaktes Hexagramm ergeben. Wenn Sie außerdem die Anzahl dieser Es mit der Anzahl der auf der Seite benutzten Ypsilons multiplizieren, dann ergibt das die schwarzmagische Zahl 666 (natürlich nicht in der zamonischen Urmathematik). Multiplizieren Sie diese 666 mit der untenstehenden Seitenzahl und diese Summe wiederum mit der Anzahl aller Buchstaben dieses Buches, ergibt das jene Anzahl von Teufelselfen, die nach den Grundsätzen der Gralsunder Dämonologie auf eine Nadelspitze passen, nämlich 7 845 689 654 324 567 008 472 373 289 567 827,5.“ Und der Übersetzer Moers ergänzt: „Das gilt natürlich nur für den zamonischen Urtext, nicht für die vorliegende Übersetzung.[...] Ich habe mehrere Wochen damit verbracht, diesen erzählerischen Zaubertrick mit den Mitteln unserer Sprache nachzuahmen. Es ist unmöglich.“

Nun, sehen wir zu. Ich nehme an, die Anzahl der „E“s beträgt 6, um ein Hexagramm bilden zu können. Die Anzahl der „Y“ muß demnach 111 betragen, damit das Produkt 666 ergibt. Im Deutschen dürfte es sehr schwer sein, auf einer Seite nur 6 mal den Buchstaben „E“, aber 111 mal den Buchstaben „Y“ unterzubringen, ohne daß dieser Trick unbemerkt bleibt. Wir wissen jedoch nichts über die Häufigkeitsverteilung dieser beiden Buchstaben im Zamonischen. Sollte etwa im Zamonischen die Häufigkeit dieser beiden Buchstaben gerade umgekehrt sein wie im Deutschen, dann handelt es sich um einen Trick, der sich durchaus nachahmen läßt, ohne daß dazu „mehrere Wochen“ nötig wären, wenn der Übersetzer sich die Freiheit nimmt, die Rolle der Buchstaben „E“ und „Y“ zu vertauschen. Da sich durch größere oder geringe Ausführlichkeit und entsprechende Wortwahl Seitenzahl und Zahl der Buchstaben mehr oder weniger frei steuern lassen, ist es ohne weiteres möglich, sehr viele verschiedene Produkte von Seitenzahl × Buchstabenzahl × 666 zu realisieren. Da aber die Seitenzahl ebenso wie die Gesamtzahl der Buchstaben eine ganze Zahl ist, kann sich dabei unmöglich, wie von Mythenmetz behauptet, eine Bruchzahl ergeben. Davon abgesehen erscheint mir die genannte Zahl als bei weitem zu hoch, selbst wenn wir annehmen, daß die zamonische Urfassung zehn Mal so viele Seiten und zehn Mal so viele Buchstaben benötigt wie die deutsche Übersetzung. Im übrigen heißt das Ergebnis einer Multiplikation nicht „Summe“, sondern „Produkt“. Die Teufelselfenzahl scheint mir ein typisches Produkt von „zufällig auf den Zifferntasten herumhacken“ zu sein, und zwar meine ich, daß sich noch erkennen läßt, daß Moers diese Zahl auf den Zifferntasten des alphanumerischen Blocks getippt hat, nicht auf dem separaten Ziffernblock (ich bitte das zweimalige Auftauchen des Tripels „567“ zu beachten). Ich fürchte, in einer vergleichbaren Situation wäre ich pedantisch genug gewesen, einen Zufallsgenerator zu beauftragen oder eine irgendwie bedeutungsvolle Zahl (etwa 89.388.836.352) zu wählen.

Während Moers’ Behauptung lediglich ein Scherz ist (den ich, trotz meiner humorlosen Kritik, für ziemlich geistreich halte), gibt es genug Menschen, die eben diesen Unfug über geheime Bedeutungsebenen und Zahlensymmetrien im Ernst vorbringen. Ich erinnere mich an die Arbeit eines Gelehrten, der in Platons Politeia allerlei Zahlensymmetrien entdecken wollte, nun ja, die Politeia lädt zu derartigem natürlich ein. Und wir alle erinnern uns wohl noch, wie vor etwa einem Jahr allerlei Meldungen kursierten, die einen tiefen und geheimnisvollen Zusammenhang zwischen den beiden Zahlen 11 und 9 behaupteten, sowie dieser beiden Zahlen mit allen möglichen anderen Data. Dies jedoch nur am Rande.

Geschrieben am 4.1. des Jahres 4 · (4 + 1)4–1 · 4 + (4 – 1).





Ich bin hier in einer Art Paralleluniversum gestrandet, das in vielerlei Hinsicht unserem bekannten Universum ähnelt, aber gleichzeitig auf verwirrende Art und Weise anders ist. Um mit einem banalen Beispiel zu beginnen: die Band Pink Floyd, eine obskure Psychedelic-Gruppe, die ich nur durch einen ausgesprochenen Zufall kenne und von der ich bislang dachte, sie habe nur ein einziges Album veröffentlicht, hat in diesem Universum Dutzende von Platten veröffentlicht, wohl sogar eine Art Musical produziert und einen abendfüllenden Film und geben noch immer Konzerte. Die Band United States Of America kennt hier dagegen niemand, und es hat mich erhebliche Mühe gekostet, herauszufinden, daß sie in diesem Universum zwar existiert, aber nur ein einziges Album veröffentlicht haben.

Ein drastischeres Beispiel: die Hauptstadt Italiens heißt hier Rom (wohl von Romulus, statt Rem), und ist eine blühende Metropole, da die Remer anscheinend die punischen Kriege gewonnen haben. Der siegreiche Hannibal soll, schon kurz vor Rem oder Rom stehend, wieder kehrt gemacht haben, wenn ich freilich nachfrage, was denn Hannibal zu einer solch unsinnigen Handlung hätte bewegen sollen, ernte ich bloß Achselzucken: das sei eben ein Rätsel, so genau wisse das niemand.

In den westlichen Staaten ist die herrschende Religion das Christentum, eine Sekte, an die ich mich vage zu erinnern meine. Wenn meine Erinnerung mich nicht trügt, war das Christentum eine Sekte, die etwa zur gleichen Zeit aufkam wie der Osirianismus, aber sich, zumindest in dem mir vertrauten Universum, nie recht durchsetzen konnte.

In Rußland gab es hier kurz nach der mir bekannten demokratischen Revolution eine zweite, die die Durchsetzung einer wirren und mir nicht nachvollziehbaren Heilslehre erzwang, die sich Kommunismus nennt. Der Kommunismus ist eine wirre Geschichtsreligion, die gleichzeitig von sich behauptet, Wissenschaft zu sein, und will gewaltsam das Paradies auf Erden errichten, obwohl sie behauptet, daß alle geschichtlichen Ereignisse schicksalhaft und unabänderlich vorherbestimmt seien.

Noch sonderbarer ist die Parallelgeschichte der Deutschen: angeblich haben hier die Deutschen sechs Millionen sogenannter Juden bestialisch ermordet. Es hat lange Zeit gedauert, bis ich enträtseln konnte, wer diese Juden waren: anscheinend wurde in diesem Universum Judäa nicht von den Türken erobert, weil es lange Zeit vorher schon vom remischen oder wohl besser römischen, wie hier gesagt wird, Imperium vernichtet wurde. Ja, die Römer haben wohl anstelle der Karthager ein Weltreich errichtet und die Judäer, weil sie den römischen Kaiser nicht als Gottheit anerkennen wollten (denn anscheinend glaubten die Judäer sonderbarerweise nur an einen einzigen Gott), in alle Winde zerstreut, so daß eine Kolonie von Judäern oder Juden, wie sie heute genannt werden, auch in Deutschland landete.

Im zweiten Weltkrieg kämpfte Deutschland in diesem Universum nicht nur gegen Großbritannien und Amerika (und Frankreich und Polen, versteht sich), sondern auch gegen Rußland, ein Krieg, den es natürlich verlieren mußte. Glücklicherweise, muß ich wohl sagen, denn das dritte Kaiserreich wurde von einem unvorstellbar grausamen Diktator namens Hitler geführt, ein Name, der mir in meinem Universum gänzlich unbekannt ist. Wenn ich von seinen Grausamkeiten lese, aber auch von der Gewaltherrschaft des Führers der Kommunistensekte in Rußland, so zweifle ich beinahe an meinem Verstand: kann dies alles denn überhaupt möglich sein, eine derartige Anhäufung von Verbrechen, oder ist dieses Paralleluniversum nur eine Ausgeburt meiner krankhaft gesteigerten Vorstellungskraft? Aber welches Monster müßte denn ich sein, wenn ich mir solche Verbrechen ausdenken könnte?

Noch eine andere Unvorstellbarkeit ist in diesem Paralleluniversum Wirklichkeit geworden: zwei japanische Großstädte, Hiroshima und Nagasaki, sind durch Atombomben vollständig zerstört worden. Den stolzen Staat Zulu scheint es in diesem Universum nie gegeben zu haben; deshalb konnten die Afrikaner wehrlos von jedem Eroberer als Sklaven verschleppt werden. Königin Elisabeth hat es zwar gegeben, doch sie hat offenbar niemals die Akte zur Gleichstellung der Frauen erlassen, jedenfalls hat hier niemand von einem solchen Erlaß gehört.

Auch die Ernährung ist eine große Umstellung für mich. Reis, Hirse, Maniok oder Kuskus sind zwar bekannt, wo ich wohne, ist das Hauptnahrungsmittel jedoch Weizen, ein kränkliches, witterungsanfälliges Getreide, aus dem Brot gebacken wird, das hier morgens und abends gegessen wird und mir schwer im Magen liegt. Mittags gibt es kein Brot, aber dafür stets Fleisch, was auf Dauer kaum gesünder ist. Ich gebe zu, gegenüber den geschilderten geschichtlichen Grauen mag dies kaum ins Gewicht fallen, trägt aber mehr als alles andere dazu bei, daß ich mich nach meinem heimatlichen Universum zurücksehne, von der Trennung von meinen Lieben natürlich abgesehen, die ich täglich schmerzlicher vermisse.

Meine Erkundungen können, versteht sich, nur vorsichtig und behutsam vor sich gehen, schließlich möchte ich nicht in einer Irrenanstalt landen, denn daß die Bewohner dieses Universums mir glauben, daß ich nicht einer der ihren bin, halte ich für wenig wahrscheinlich.

Gleichzeitig plagt mich eine schreckliche Vorstellung: könnte es sein, daß meine Arbeiten am EPR-Generator mich nicht nur versehentlich in dieses sonderbare Universum katapultiert haben, sondern daß dieses Universum dadurch überhaupt erst entstanden ist? Und wird es mir jemals gelingen, einen zweiten EPR-Generator zu bauen, um nach Hause zurükzukehren?



4.1.2003





Wenn wir wissen, daß Peter Sellars in „Dr Strangelove“ eigentlich vier statt drei Rollen hätte spielen sollen, die vierte Rolle aber krankheitsbedingt ausfallen mußte, bekommt dadurch ein Film, den wir bislang für makellos hielten, nicht nachträglich doch einen Makel?





Eigentlich kann ich die beiden nicht auseinander halten und unterscheiden, aber im direkten Vergleich scheint mir Kerner dann doch noch ein bißchen öliger und abartiger als Beckmann.



7.1.2003





Zu Beginn des Herrn der Ringe debattieren verschiedene Gelehrte den Verbleib der sieben Ringe der Zwerge, der neun Ringe der Menschen und der drei Ringe der Elben. Etwas ähnliches tun auch wir des öfteren: der rote und der grüne Schnuller liegen auf dem Sofa, der orangene auf der Wickelkommode und den gelben Schnuller hat das Kind im Mund.



8.1.2002





Heute morgen hat Selene ihren Apfel verschmäht. Heute abend hat sie mit dem Einkaufsgeldbeutel gespielt, die Scheine hervorgezogen, das Münzfach geöffnet und die Münzen hin und her gedreht.

Nach altgermanischer Rechtsauffassung ist ein Kind mündig und geschäftsfähig, wenn es ein Geldstück einem Apfel vorzieht.





Ein weiteres Beispiel für einen Markt mit unzureichender Konkurrenz: die Einführung der DVD. An sich ist es ja begrüßenswert, wenn ein verbindlicher Standard eingeführt wird, ja, ein Standard kann sogar eine wichtige Voraussetzung für einen funktionierenden Markt sein, da ja ein proprietäres Format ein ideales Mittel zur Erzwingung eines Monopols ist (siehe Microsoft &c. &c. &c.). Von einem einheitlichen Standard kann aber keine Rede sein. Zum einen ist dieser Standard ja keineswegs offen für jeden (sondern nur für Mitglieder des Trusts), zum anderen kann angesichts von DVD-RAM, DVD-R(A), DVD-R(G), DVD+R, DVD-RW, DVD+RW, DVD-V (ohne Berücksichtigung der exotischeren Formate) und so weiter von einem einheitlichen Standard die Rede im Ernst nicht sein, vielmehr handelt es sich um einen Sack voll Unverträglichkeiten und Inkompatibilitäten. Darüber hinaus handelt es sich um einen Trust, der nicht nur die Hersteller von Abspielgeräten umfaßt, sondern auch die Verlage und Produktionsstudios. Infolgedessen wurden neue Standards so festgelegt, daß sie den Wünschen der Produzenten, nicht der Konsumenten entgegen kommen: das in vielen Staaten gesetzlich eingeräumte Recht, sich selbst für den privaten Gebrauch eine Sicherungskopie herstellen zu können, wird kurzerhand abgeschafft, die Ländercodes in einer ganz unnötig restriktiven Art und Weise gehandhabt (zu rechtfertigen wären allenfalls Ländercodes, die nach einem bestimmten Zeitraum erlöschen). Die Konsumenten dürfen zwar konsumieren, sie haben aber keine Mitsprache darüber, welche Produkte angeboten werden, und sie haben, dank des Monopols, auch keine Auswahl. Und mit welchen marktwirtschaftlichen Regeln ist eigentlich zu erklären, daß der billigste DVD(G)-R-Rohling gerade einmal 2 € kostet (was etwa das zehnfache seiner Herstellungskosten sein dürften, schätze ich), der teuerste dagegen 25 €, was noch ein gutes Stück teurer ist als der billigste DVD-RAM-Rohling? Das Verschlüsselungsverfahren für DVDs ist inzwischen übrigens entschlüsselt worden und dank des Internets damit quasi-öffentlich. Die Entschlüsselung war notwendig geworden, um das DVD-Format in Linux integrieren zu können (das aus offensichtlichen Gründen kein Teil des Trusts sein kann, weil es open source ist). Es bleibt abzuwarten, ob es auch in Zukunft immer möglich sein wird, proprietäre Formate (und das Format eines Trusts muß als ein solches angesehen werden) zu entschlüsseln.



10.1.2003





Selene sagte: „Liebe Mutter, behüte mich und gib auf mich acht, einem guten Hirten gleich, der über seine Herde wacht, denn andernfalls könnte es Ärger geben.“. Nun, sie benutzte nicht genau diese Worte, sie drückte sich knapper, lakonischer, konziser aus, sie sagte „Mä, ma, ma, wä“.

Über die Straße ein paar Häuser entlang gingen wir vorgestern bis zur Kunsthalle in eine Ausstellung von Werken Tinguelys, dem Alptraum eines jeden Kurators (all die Maschinen, die kaputt gehen können und kaputt gehen). Selene hat die Ausstellung gefallen, beim Rattern und Rotieren des Märchenreliefs hat sie angefangen zu lachen und zu glucksen, unsere erste Ausstellung war ein voller Erfolg. Daheim hat sie dann gleich den Umschlag des Katalogs geknickt als Zeichen, daß sie das Buch annimmt.

So klein ist das Sofa, und so groß schon das Kind, daß die Selene diese Lehne problemlos überblicken kann.



13.1.2003





Eine beliebte Theorie ist, daß die Menschen so viel Klimagase produzieren, daß die Temperaturen weltweit um etwa sechs Grad Celsius ansteigen, mit der Folge, daß einige kleinere Inseln untergehen, Küstenstädte überschwemmt werden, Unwetter und Stürme zunehmen und weite Landstriche zu Wüsten werden. Aber diese Annahme ist von naivem Optimismus geprägt. Denn unterstellt wird, daß die Erwärmung um sechs Grad Celsius außer den genannten Folgen keine weitere haben wird - während doch anzunehmen ist, daß unter den Folgen der Erwärmung auch solche sein werden, die ihrerseits klimawirksam sind. Mit etwas Glück sind die Folgen derart ausgewogen, daß das Klima keine weiteren drastischen Änderungen erfährt. Denkbar ist aber auch, daß die Folgen derart sind (durch die Versteppung der Regenwälder wird weniger CO2 gebunden, durch das Auftauen von Dauerfrostböden wird Methangas freigesetzt, es kann zu weiteren Folgen kommen, an die wir bislang noch gar nicht gedacht haben und die wir gar nicht absehen), daß die Klimaerwärmung weiter verschärft. Oder auch in ihr Gegenteil verkehrt wird, wer will das schon mit Sicherheit wissen? Es wird unterstellt, es sei möglich, in einem komplizierten und unverstandenen System wild herumzustochern, und die Folgen müßten überschaubar und proportional sein.





Warum wollen die USA keinen Krieg mit Nordkorea anfangen? Bloß weil Kim-Wieheißternoch keiner ihrer ehemaligen Verbündeten ist?





Und da wir gerade dabei sind, uns über die USA lustig zu machen: Ein Debakel wie die vergangene Wahl, bei der ein durch Wählerstimmen nicht legitimierter Bewerber Präsident wurde, ließe sich künftig vermeiden, wenn das Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten zukünftig versteigert würde. Es dürfte sich daher lohnen, gelegentlich bei eBay nach entsprechenden Angeboten Ausschau zu halten. Ebenfalls nicht zeitgemäß ist die Beschränkung auf natürliche Personen bei der Auswahl der Bewerber.



17.1.2003





Wie läßt sich eine verkehrte Ansicht überwinden? Wenn es um die eigenen verkehrten Ansichten geht, gibt es eine Reihe von Übungen, die hilfreich sein können: versuchen, sich in die Lage eines Anderen zu versetzen, probeweise das Gegenteil der eigenen Meinung argumentativ zu verteidigen, sich die bisherigen eigenen Irrtümer ins Gedächtnis rufen, sich die Irrtümer bewunderter Vorbilder ins Gedächtnis rufen, und dergleichen mehr. Schwieriger ist es, die verkehrten Ansichten der Anderen zu überwinden, an denen diese nicht Kraft ihrer Argumente festhalten, sondern weil sie diese verkehrten Ansichten lieb gewonnen haben und an ihnen mit der Kraft ihrer Eigenliebe festhalten. In vielen praktischen Fällen genügt es nicht, das Gegenüber im dialektischen Agon zu bezwingen, es muß auch gewonnen werden. Wir alle erinnern uns an den Schluß des „Euthyphron“: diskursiv bezwungen, gesteht Euthyphron nicht etwa seine Niederlage ein und ändert sein Leben, sondern er muß plötzlich irgendwohin und hat keine Zeit mehr, das Gespräch fortzusetzen. In einem pädagogischen Konzept wie etwa der Kollegialen Beratung wird daher richtigerweise untersucht, welche Bedingungen gegeben sein müssen, damit ein Ratsuchender seine verkehrten Ansichten aufgeben kann, ohne diese Revision seiner Ansichten als Niederlage zu begreifen. In einem Therapeuten-Klienten-Verhältnis ist es natürlich banal, eine solche Revision zu erzwingen, durch die Autorität des Therapeuten; aber ein solches Verhältnis ist ungeeignet, den dialektischen Agon abzubilden, der keine Autorität und keinen Therapeuten kennt. Unter Gleichgestellten ist dagegen nicht klar, wessen Ansicht eigentlich verkehrt ist, und wessen Ansicht richtig, und wer seine verkehrten Ansichten aufzugeben hat - und tatsächlich sind wir insofern alle Gleichgestellte. Welche Gesprächsregeln erweisen sich als hilfreich, damit Euthyphron das Gespräch tatsächlich klüger verläßt, als er gekommen ist? Vorausgesetzt ist dabei freilich, daß Euthyphron sich diesen Regeln freiwillig unterwirft. Aber wiederum: da niemand von uns weiß, wer von uns Sokrates ist, und wer Euthyphron, und wir alle mal das eine und mal das andere sind, liegt es in unserem eigenen Interesse, ein solches Gespräch zu suchen, und wenn es dann gar noch so gestaltet ist, daß wir unser Gesicht wahren können, gibt es keinen Grund, ein solches Gespräch zu scheuen.





Eine kurze Zusammenfassung der wichtigsten Werke Masamune Shirows:

Appleseed:

In einer von Technik und Kybernetik beherrschten Post-Dritter-Weltkrieg-Industrienation arbeitet Deunan Knute als hochgerüstete Polizistin einer Spezialeinheit und erlebt dabei allerlei Abenteuer, die vage über einen gemeinsamen Plot miteinander verbunden sind.

Dominion:

In einer von Technik und Kybernetik beherrschten Post-Dritter-Weltkrieg-Industrienation arbeitet Leona Ozaki als hochgerüstete Polizistin einer Spezialeinheit und erlebt dabei allerlei Abenteuer, die vage über einen gemeinsamen Plot miteinander verbunden sind.

Ghost in the Shell:

In einer von Technik und Kybernetik beherrschten Post-Dritter-Weltkrieg-Industrienation arbeitet Motoko Kusanagi als hochgerüstete Polizistin einer Spezialeinheit und erlebt dabei allerlei Abenteuer, die vage über einen gemeinsamen Plot miteinander verbunden sind.

Orion:

In einer von Magie und Hexerei beherrschten archaischen Welt arbeitet Seska als Flugschiffnavigationszauberin. Tatsächlich handelt die Geschichte aber eher von ihrem Vater Fuzen und dem von ihm beschworenen Susano, dem Gott der Zerstörung.



20.1.2003





Begegnen sich Fremde, dann kommt es oft vor, daß sie sich nicht verstehen und öfter nachfragen müssen, was der andere eben gesagt hat, mit „Was?“ und „Wie bitte?“. In Filmen wird auf derartige die Handlung nicht vorantreibende Details verzichtet, die Schauspieler sprechen mit einer deutlichen, leichtverständlichen und künstlichen Aussprache (selbst dann, wenn sie Dialekt sprechen). Selbst ein britischer Arbeiterklassenmilieufilm ist kein realistischer Film, denn seine Handlung ist so konstruiert und komprimiert, daß in zwei Stunden eine schlanke Geschichte mit einem Anfang, einer Mitte und einem Schluß ohne überflüssige Sackgassen erzählt wird. Alle Filme, alle Bilder und alle Bücher sind nicht realistisch (und überhaupt: die Kinoleinwand zeigt uns zweidimensionale Fünfmetermenschen aus Licht und Schatten - was sollte daran realistisch sein?). Trotzdem können wir natürlich unterscheiden zwischen realistischen Filmen, die die irrealen Erlebnisse von als real empfundenen Menschen zeigen, und irrealistischen Filmen, die die irrealen Erlebnisse von als künstlichen empfundenen Menschen zeigen. Der phantastischste Film kann uns eine in sich konsistente Welt mit glaubwürdigen Figuren zeigen, während eine Milieustudie künstlich, hölzern und ausgedacht wirken kann.

Betrachten wir den Film „Alien“. Die Geschichte will uns glauben machen, in Zukunft würden Menschen mit Überlichtgeschwindigkeit zwischen den Sternen reisen, und sie würden das hauptsächlich deshalb tun, um Erz abzubauen.

Ich will an dieser Stelle nicht über das Reisen mit Überlichtgeschwindigkeit diskutieren (ich werde es aber vielleicht einmal künftig an dieser Stelle tun); es handelt sich hier um ein kaum wahrscheinliches, aber gewohntes und daher in gewisser Weise glaubwürdiges Motiv der Science Fiction und ist daher nicht störender als das Auftreten von Drachen, deren Existenz an sich auch eher fragwürdig ist, im Märchen. Daß jemand den enormen Aufwand betreiben sollte, zu einem anderen Sonnensystem zu reisen, nur, um dort ein bißchen Erz zu schürfen, scheint mir kaum weniger unglaubwürdig. Wie so oft sind hier schlichtweg irdische Verhältnisse auf den Weltraum übertragen worden: die Nostromo entspricht in etwa einem etwas veralteten Öltanker unter einer Billigflagge mit schlecht ausgebildeter Besatzung. Solche Schiffe gibt es zweifellos auf der Erde, aber es ist deshalb nicht zulässig, zu schließen, es werde sie dereinst auch im Weltraum geben. Es ist nicht anzunehmen, daß die Geschichte sich derart simpel wiederholt.

Aber gerade durch diese im Grunde naive Wiederholung irdischer Verhältnisse wirkt die Ausgangssituation des Filmes so glaubwürdig, glaubwürdiger etwa als ein Film über eine gut ausgebildete, hoch motivierte Besatzung perfekter Gutmenschen, die mit einem technisch hochgerüsteten Raumschiff der amerikanischen (Hipp, Hipp, Hurra) Weltraumbehörde zur zivilen Erforschung exotischer Welten und intergalaktischer Völkerverständigung aufbricht auf eine Reise zu Orten, die nie zuvor ein Menschen gesehen hat, denn zu einer solch strahlenden Besatzung gibt es in unserer bescheidenen Gegenwart nun einmal überhaupt keine Analogie, und während die Nostromo ökonomisch und physikalisch unwahrscheinlich ist, ist die Enterprise psychologisch unvorstellbar, was die Glaubwürdigkeit eines Filmes weitaus stärker beschädigt.

Die Besatzung der Nostromo entdeckt auf einem unbewohnten Planeten das Wrack eines außerirdischen Raumschiffes. Die Besatzung dieses Raumschiffes, so dürfen wir vermuten, wurde vor langer Zeit Opfer eines tödlichen Parasiten, dem Alien. Wir lernen auch mehr oder weniger den vollständigen Lebenszyklus des Alien kennen: aus einer Art Ei schlüpft eine Vorform, die ein wenig wie eine Kreuzung aus Rochen, Spinne und Nacktschnecke aussieht, und befällt einen Wirt. In der Lunge des Wirtes wächst nun die ausgereifte Form des Aliens heran, die schließlich schlüpft, wächst und weitere Eier legt (letzteres allerdings erfahren wir lediglich aus einer Szene, die in der endgültigen Fassung des Filmes wieder gestrichen wurde). In den Generationen des Alien wechseln also zwei morphologisch stark verschiedene Formen miteinander ab (im Gegensatz zu den Insekten, bei denen verschiedene Formen in einer einzigen Generation durchlaufen werden). Es scheint, als pflanze sich das Alien durch Parthogenese fort; denkbar ist natürlich auch ein System wie bei manchen Bandwürmern, bei denen das Weibchen das Männchen als winziges Anhängsel des eigenen Körpers mit sich herumschleppt, dafür gibt der Film jedoch keinen Anhaltspunkt, und überhaupt wissen wir nicht, welche Zahl an Geschlechtern in dem Biosystem, dem das Alien entstammt (falls es keine künstliche Schöpfung ist), üblich ist. Vielleicht ist dort ja die Parthogenese die Norm. Wir wissen auch nicht, wie das Alien, über welchen Mechanismus es seine Erbinformationen speichert. Daß es einen doppelten Chromosomensatz besitzt und Information in Form von Desoxyribonukleinsäure speichert, ist kaum anzunehmen und wäre dann doch ein sehr unglaubwürdiger Zufall.

Parasiten sind oft in der unglücklichen Lage, daß sie zu geschlechtlicher Vermehrung nur eingeschränkt oder gar nicht in der Lage sind. Geschlechtliche Vermehrung, Austausch und Rekombination von Genen scheinen aber eine wichtige Voraussetzung zu sein für rasche evolutionäre Veränderungen, die zur Zunahme morphologischer Komplexität führen. Natürlich führt nicht jede evolutionäre Veränderung zu wachsender Komplexität; vielleicht ist das sogar nur bei einer Minderheit der Fall. Es fällt jedenfalls auf, daß viele Parasiten morphologisch vereinfachte Formen wesentlich komplizierterer Vorfahren sind.

Ein Parasit ist vieler alltäglicher Sorgen anderer, nichtparasitärer Lebewesen enthoben, und deshalb ist es nicht verwunderlich, wenn Parasiten eher primitive und schlichte Formen und Verhaltensweisen an den Tag legen. Es kommt aber noch hinzu, daß Parasiten, wenn sie keine Gelegenheit zu geschlechtlicher Fortpflanzung haben, im evolutionären Wettrüsten gegenüber ihren sich geschlechtlich fortpflanzenden Wirten benachteiligt sind. Parasiten können daher meisten nur funktionieren, wenn ihre Lebensweise einfach, wirkungsvoll und narrensicher ist, denn eine komplizierte Lebensweise ist anfällig für vielerlei Störungen, und die sich geschlechtlich fortpflanzenden Wirte können Störungen der parasitären Lebensweise schneller produzieren, als die Parasiten darauf reagieren können: ein einziger gegen Parasiten immuner Wirt kann innerhalb weniger Generationen seine Immunität an die ganze Population weitergeben, den Parasiten steht ein vergleichbarer Mechanismus nicht zur Verfügung.

Es fällt daher auf, daß das Alien sich zwar dem Anschein nach ungeschlechtlich vermehrt, andererseits aber hochentwickelt ist, an einer Stelle des Films wird ihm sogar Vollkommenheit zugesprochen.

Wir erfahren auch nicht, wie es kommt, daß die Menschen überhaupt geeignete Wirte für das Alien sind. Möglich ist, daß es sich schlichtweg um einen Zufall handelt: zufällig sind die Menschen den außerirdischen Raumfahrern, den ursprünglichen Wirten des Alien, so ähnlich, daß sie als Wirte in Frage kommen. Oder aber, das Alien ist bewußt als eine universell einsetzbare Waffe erschaffen worden (was eventuell auch seine Komplexität trotz seiner ungeschlechtlichen Vermehrung erklären würde). Die interessanteste und phantastischste Lösung wäre, wenn das Alien ein interstellarer Parasit wäre, das sich als Wirt auf beliebige raumfahrende Arten spezialisiert hat und sich so von Welt zu Welt ausbreitet. Dies setzt freilich voraus, daß das Alien ein hochgradiger Generalist ist, und das erscheint bei einem sich ungeschlechtlich fortpflanzenden Parasiten, der womöglich auch noch Jahrmillionen oder Jahrmilliarden Jahre warten muß, ehe er eine neue Wirtsart trifft, an der Grenze des vorstellbaren: wir müßten dazu ja unterstellen, daß ein universell an beliebige Wirte angepaßtes Alien sich schneller ausbreitet als an spezielle Wirte angepaßte Varietäten. Ist das Alien einem speziellen Wirt begegnet, dauern seine einzelnen Generationen nur Tage oder Stunden: eine Spezialisierung auf diesen bestimmten Wirt wird sich rasch durchsetzen und generalistischere Varietäten rasch verdrängen, und lange bevor das Alien auf seine zweite Raumfahrerwirtsart trifft, wird es sich perfekt an seine erste Raumfahrerwirtsart angepaßt haben. Ein natürlich entstandener Weltraumfahrerparasit erscheint daher, so interessant die Vorstellung sein mag, als kaum möglich.

Im zweiten Teil erfahren wir dann, daß die Aliens zu sozialem Verhalten fähig sind. Das ist nicht weiter überraschend, wenn wir bedenken, daß die Aliens mutmaßlich eineiige Mehrlinge sind und untereinander genetisch identisch, sie ähneln insofern einer Blattlauskolonie, die ebenfalls aus genetisch identischen Einzelwesen besteht. Darüber hinaus, so erfahren wir, gibt es aber auch eine Königin, die auf das Legen von Eiern spezialisiert ist.

Die einfachste Erklärung dafür ist, daß das Alien neben den beiden bereits bekannten Morphologien noch über eine dritte verfügen, die ausgelöst wird, wenn viele Aliens auf engem Raum vorhanden sind. Die Königin wäre dann demnach ebenfalls mit den einzelnen Arbeiterinnen genetisch identisch, hätte aber aufgrund irgend eines Auslösers eine Form entwickelt, die auf das Legen von Eiern spezialisert ist.

Eine andere mögliche Vorstellung wäre, daß die Aliens, wenn sie eine bestimmte Zahl erreicht haben, zu geschlechtlicher Fortpflanzung übergehen, analog zu bestimmten Eidechsenarten, die zwischen Parthogenese und geschlechtlicher Fortpflanzung wechseln. In diesem Fall könnten mehr oder weniger komplizierte Dinge geschehen, über die wir aber aufgrund der dürftigen Datenlage nur spekulieren könnten.

Im dritten Teil erfahren wir, daß die Entwicklung der drei verschiedenen Morphologien anscheinend davon abhängt, an welchem Ort ein Alien heranwachst, ob in einem Alienei, der Lunge eines Wirts oder der Gebärmutter. Warum dies so ist, und welchen Zweck dies erfüllt, wissen wir nicht (einleuchtender wäre es, wenn sich eine Königin aus einem speziellen Ei entwickelt). Überhaupt wirkt das Alien des dritten Teils etwas merkwürdig und verhaltensgestört, vielleicht, weil es in einem Hund statt einem Menschen herangewachsen ist.

An dieser Stelle wollen wir die Diskussion abbrechen und zusammenfassend feststellen, daß die Geschichte, die uns erzählt wird, zwar in mancher Hinsicht unwahrscheinlich ist, aber doch eine gewisse innere Stimmigkeit aufweist und es immerhin möglich ist, sie halbwegs ernsthaft zu diskutieren. Für den vierten Teil gilt dies leider nicht mehr. Hier werden wir einfach bedenkenlos mit unausgegorenem Unsinn konfrontiert, der zwar irgendwie fortschrittskritisch klingt, eine glaubwürdige Welt aber nicht erzeugen kann. Uns soll eine Gruppe von skrupellosen und überheblichen Frankensteins vorgeführt werden, aber das kritische Gehabe läuft völlig ins Leere, weil die Handlung mit der wirklichen Welt nichts mehr gemein hat. Jeunet, der Regisseur des vierten Teils, ist zwar außerordentlich begabt, wenn es um das Erzählen von Märchen geht (wie „Die Stadt der verlorenen Kinder“ beweist), aber dieses Talent erweist sich hier als unpassend. Die Geschichte der Aliens erhebt den Anspruch, kein Märchen zu sein, und an eben diesem Anspruch scheitert der viere Teil: die Welt funktioniert einfach nicht so, wie sie uns hier gezeigt wird, sie kann so gar nicht funktionieren. Schon der zweite und dritte Teil hatten, zugunsten eines lärmenden Spektakels lahmender Klischees, auf die psychologischen Feinheiten des ersten Teils verzichtet, die den ersten (und nur den ersten) Teil sehenswert machen, zumindest das Alien aber war wenigstens glaubwürdig geblieben, wenn auch als einziges.





Ebenfalls ein hirnrissiger Blödsinn ist „Matrix“. Dagegen ist zum Beispiel „Krieg der Sterne“ derart eindeutig ein Märchen, daß seine technischen Unwahrscheinlichkeiten und logischen Unmöglichkeiten nicht weiter störend auffallen (allenfalls fällt störend auf, wie schlecht Lucas gestohlen hat - meist sind seine Vorbilder besser als er). Der Grundeinfall des Films „Pi“ wiederum, die Ziffernfolge der Zahl π enthielte verschlüsselt sowohl die zukünftigen Börsenkurse als auch den geheimen Namen Gottes, ist zwar auch ausgesprochen hanebüchen, aber derart stilvoll umgesetzt, daß dem Film trotz allem Unfug noch genug Substanz bleibt, um einen Besuch zu lohnen. Wer stört sich schon in „Dark Star“ an der Unwahrscheinlichkeit einer sprechenden Bombe? Wer stört sich nicht am gewollt-rätselhaften Schluß von „2001“? Die Klone in der „Stadt der verlorenen Kinder“ sind unglaublich komisch, die geklonte Ripley ist unglaublich lächerlich.





Nochmals darüber nachdenkend, warum Filme wie „Brazil“ oder „Dr Seltsam“ in ihrer Verbindung von Komischen und Schrecklichem so wohlgelungen sind, scheint mir, daß dies damit zu tun hat, daß in beiden beides, das Komische wie das Schreckliche, aus der selben Quelle stammen, nämlich der Absurdität unserer Existenz. Obwohl beide Filme nicht realistisch sind, sind sie doch getreue Bilder unserer Wirklichkeit in ihrer ganzen sinnlosen und unverständlichen Pracht. Von manchen Szenen läßt sich kaum noch sagen, ob sie nun komisch oder schrecklich sind.





Wie kommt es eigentlich, daß in ein und demselben Laden ein und dieselbe Farbpatrone, wenn sie in der Abteilung Faxzubehör auftaucht, nur halb so viel kostet, wie wenn sie in der Abteilung Druckerzubehör auftaucht? Geiz macht blöd?





Wenn wir nach neuen Platten suchen, können wir unsere Freunde fragen oder zur Not den Besitzer des kleinen, auf sonderliche Musik spezialisierten Plattenladen, der uns mittlerweile persönlich kennt. Was aber sollen wir tun, wenn wir unsere Musik stets über Amazon bestellen? Das Problem wurde inzwischen erkannt, und es gibt mehrere Maßnahmen, die diesem Übel abhelfen sollen. So ist es möglich, sich anzeigen zu lassen, was alles Personen, die so ähnliches Zeugs gekauft haben, wie ich selbst, sonst noch so gekauft haben. Verfeinern lassen sich diese Empfehlungen, wenn die eigenen Besitztümer bewertet werden. Habe ich Fanfare Ciocărlia gelobt (und das habe ich an dieser Stelle schon mindestens drei mal), so schließt der Amazoncomputer messerscharf, daß ich an Zigeunermusik interessiert bin, ja, daß ich an nichts anderem als an Zigeunermusik interessiert bin. Habe ich zweimal hintereinander Bücher russischer Autoren bestellt, bekomme ich nur noch Russen empfohlen. Habe ich Japaner bestellt, bekomme ich als Empfehlung nur noch Japaner. Habe ich Murasaki und Kawabata gelobt und Oe und Murakami nicht völlig verrissen, wird mir unterstellt, ich würde auch die Langweiler Sei Shonagon, Tsunetomo Yamamoto oder Akutagawa mit Begeisterung verschlingen. Wirklich hilfreich wäre doch statt dessen, daß, wenn ich Murakami lobe, Amazon empfielt, es doch einmal mit Pelewin zu versuchen, auch wenn der eine Japaner ist und der andere Russe, aber nicht mit Sorokin. Habe ich ein Album von King Crimson bestellt, dann sollte der Computer mir nicht Gentle Giant, Yes, Genesis oder Emerson, Lake & Palmer empfehlen, sondern Soft Machine. Habe ich Musik von Tool und Händel bestellt, wäre es dann nicht reizvoller, mir Apocalyptica zu empfehlen, statt Korn und Jules Massenet? Tja, aber es ist eben nur eine dumme Maschine mit wenig hilfreichen Empfehlungen.

Schauen wir uns also an, welche Empfehlungen Menschen zu bieten haben. Bei Amazon gibt es die Möglichkeit, Kritiken und Besprechungen zu verfassen und zu veröffentlichen, und so können wir uns rasch einen Überblick verschaffen, wie andere Kunden das entsprechende Produkt bewerten und was sie dazu zu sagen haben.

Meistens sagen sie: „Dies ist das beste Album aller Zeiten. Jeder sollte es sich kaufen. Fünf Sterne.“

Findet sich eine solche Aussage bei jeder, aber wirklich jeder CD, dann ist sie wenig hilfreich. Ist jedes Album das beste Album aller Zeiten? Wohl kaum. Aber die Fähigkeit, ein Werk differenziert und unter Verwendung von Gründen und Argumenten zu besprechen, scheint nicht weit verbreitet zu sein. Am ehesten findet diese Fähigkeit sich noch im Bereich der klassischen Musik, wo wirklich gelegentlich einmal Vergleiche angestellt, Gründe genannt und Analysen vorgenommen werden. Wirklich finster aber wird es, wie zu erwarten, auf dem Gebiet des Heavy Metal. Läßt sich von den folgenden Aussagen noch irgendwie rekonstruieren, worauf sie sich beziehen?

Ein musikalisches Meisterwerk mit intelligentem Arrangement und spielerischer Bestleistung! Für mich schon jetzt das beste Album aller Zeiten!
Tool - Ænima

Hier ist nicht mehr von einem normalen Album die Rede sondern von einem Stück Musikgeschichte. Mehr bekommt man wohl nirgendwo, dieses Album ist sicherlich eines der besten Werke aller Zeiten und die absolute Spitze seines Genres, die Kaufempfehlung versteht sich wohl von selbst.
Metallica - Masters of Puppets

Die Musik geht unter die Haut. Wer sich diese CD anhört, fährt quasi an einem Meilenstein der Rockgeschichte vorbei und man findet viele Elemente auch bei anderen Musikern des Rock Genres wieder. Für mich eine der besten Werke die es gibt.
Black Sabbath - Paranoid

Das Album ist für mich auch Höhepunkt und Perfektion einer „Idee“. Der Idee, Musik nicht als Sprachrohr für eigene Wünsche, Meinungen und Erfahrungen zu sehen, sondern als eine Konstruktion, ein Gebäude. Letzteres zu bauen, erfordert bekanntlich weniger das Träumen oder das Philosophieren, sondern vielmehr Arbeit und Kalkül.
Fantômas - Director’s Cut

Hier liegt das härteste und beste Heavy-Metal-Album aller Zeiten vor (objektiv gesehen).
Slayer - Reign in Blood

nee ernsthaft, wenn wer auf Grindcore mit "unlogischen" Einflüssen steht, sich aber gerne manchmal kaputtlacht und nicht immer nur aggressiv bangen möchte, der soll sich dieses Doppelalbum schnellstens besorgen.
Naked City - Torture Garden/Leng Tch’e

Dieses Ding ist die Hölle, eine Jahrhundertplatte, leider geht die Bewertung nur bis fünf!
Melvins - Honky

Ich war wie vor den Kopf geschlagen. Ich erinnere mich, wochenlang nur noch dieses eine Album aufgelegt zu haben.
Mr Bungle - Mr Bungle

Ein Meisterwerk, das in keiner Sammlung fehlen darf! Eigentlich das einzige Album der frühen Phase, das die Power der Band so richtig einfängt! Die einzelnen Songs hier zu besprechen macht wenig Sinn, es sind samt und sonders Klassiker!
Kiss - Alive

BEschwerde:: 5 sernne reichen nicht !! Kaufen ist hier keine empfehlung mehr sondern eine Aufforderung! Diese CD ist nicht nur die beste platte der band sondern auch der gesamten HardRock/ HEavymetal Scene ! Jeder song ist durch und durch vom feinsten.
AC/DC - Back in Black

Als ich dieses Album zum ersten Mal hörte musste ich erst einmal tieef Luft holen, so verwirrt und überrascht war ich. Also jetzt mal ganz ehrlich: Wer diese Band und dieses Album als Metal-Fan nicht liebt, der hat in meinen Augen einfach keine Ahnung!!!!!
System of a Down - System of a Down

(Lösung: dunkelgraue Felder mit der Maus markieren.)

Oder was sollen wir von Bewertungen wie den folgenden halten?


0 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:

***** Ganz schön experimentell..., 16. August 2002

Rezensentin/Rezensent: fklug aus Seligenstadt, Hessen Deutschland

Also, das erste Mal habe ich von King Crimson vor etwa 6 Jahren auf einer Party gehört. Daraufhin habe ich mir die CD "In the Court of King Crimson" gekauft und war doch mehr als zufrieden mit dem, was da zu hören war. Sanfte Klänge abwechselnd mit schnelleren Passagen und dann noch die träumerische Stimme von Greg Lake, einfach eine gute Mischung. Also dachte ich, ein Live-Konzert von der Band wäre genau das Richtige für mich. Aber da wurde ich doch ein wenig überrascht, war doch auf der DVD größtenteils nur höchst experimentelles Material vorhanden, das mich nur wenig an die grandiose CD erinnert. Die vielen Features und die gute Tonqualität bringen nochmal einen Pluspunkt, aber alles in Allem finde ich die DVD nur Mittelprächtig.


Oder betrachten wir aus gegebenem Anlaß zwei Bewertungen des Films „Aliens“:


2 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:

***** Spannung pur!, 13. August 2002

Rezensentin/Rezensent: robotgeorgie aus Wien, Österreich

Mit Sequels (und Prequels) ist das ja so eine Sache. Oft sind sie nur ein müder Abklatsch des Originals, matt, ohne Originalität.

Umso erfreulicher, daß "Aliens" hier um Welten voraus ist. Die Fortsetzung zu Ridley Scott's Klassiker "Alien" ist mindestens genauso spannend - manche meinen, sogar besser. Dies ist natürlich persönlicher Geschmack. Jedenfalls bietet "Aliens" Spannungskino pur - ohne Zweifel einer der besten Science Fiction-Filme, die es gibt. Erstmals liegt der Film in einem von James Cameron neu geschnittenen und vergängerten "Director's Cut" vor, der zusätzliche Elemente einfügt und den Zuseher noch tiefer in das Geschehen eintauchen läßt. Die bedrohliche Atmosphäre (im doppelten Sinn) kommt perfekt 'rüber, das Styling der und visuelle Design des Films ist grandios.

Bild und Ton sind dank THX-Mastering - eine Seltenheit bei Region 2 DVD's - auf höchstem Niveau angesiedelt, dazu gesellt sich umfangreiches Bonusmaterial mit "Making of...", Videodokumentationen der Produktion, Skizzen der Schauplätze und Raumschiffe und natürlich des Alien Design's von H.R. Giger.



***** Bringt mich zu eurer Königin, 19. Januar 2003

Ridley Scotts Meisterwerk soll also von James „Titanic“ Camerons Fortsetzung weit übertroffen worden sein. Aha. Bislang war ich allerdings geneigt, „Aliens“ für den schlechtesten Film der Tetralogie zu halten. Der Film verfügt über alles, was einen schlechten Science Fiction auszeichnet: tapfere Marines, ein niedlich-pfiffiges Kind, eine Heldin mit Nerven wie Drahtseilen, und statt einem einzigen lumpigen Alien springen ganz, ganz viele herum, und eine Königin haben sie auch endlich, was zwar (angesichts der parasitär-einzelgängerischen Lebensweise der Aliens im ersten Teil) inhaltlich wenig Sinn macht, aber dafür erlaubt, nach all den schrecklichen Monstern zum Finale noch ein extraschreckliches Supermonster zu zeigen. Die Idee der gewissenlosen Company, für die ein Menschenleben nichts zählt, solange sie nur ihr Alien bekommt, hat Cameron so gut gefallen, daß er sie nochmals verwertet (und im dritten Teil wird sie dann wieder hervorgekramt, und im vierten dann erneut, wie einfallsreich). Meisterhaft versteht es Cameron, Spannung zu erzeugen: da schleichen die Marines vorsichtig durch die Gänge, gleich, gleich wird etwas schreckliches geschehen, aber reingefallen, blinder Alarm, es passiert gar nichts; und nun kommt eine Stelle, wo wir uns für einen Moment entspannen, weil sich unsere Helden, so glauben wir, für einen Moment außer Gefahr befinden, doch hoppla, just in diesem Moment geschieht grauenhaftes. Wirklich meisterhaft, jedenfalls für die Zuschauer, die diesen Trick der Irreführung der Erwartung noch nicht kennen. Ansonsten darf in diesem Teil endlich geballert werden, während der erste Teil pyrotechnisch doch etwas mager ausfiel. Das nennt sich dann wohl Action, und einige Zuschauer finden es unterhaltsam.


Die erste Bewertung stammt vom derzeitigen „#1-Top-Rezensenten“; die betreffende Person hat diesen Titel errungen, indem sie über hundert Filme bewertet hat, Bewertungen von Filmen häufiger gelesen werden als Bewertungen von Büchern oder Schallplatten (weil es einfach viel weniger Filme gibt), und diese Bewertungen häufig als hilfreich bewertet wurden, weil sie beliebte Filme loben, die auch viele andere Zuschauer mögen. Die zweite Bewertung scheint mir inhaltlich haltbarer, aber das ist auch nicht allzu überraschend, sie stammt schließlich von mir selbst.





Der neue Name für unsere Regionalvertretung, „Regionalvertretung Mongolei-Zulu-Südchile“ wurde im letzten Moment gekippt und durch „Regionalvertretung Rhein-Neckar“ ersetzt, um unsere Kunden nicht zu verwirren.





Unser Kind läuft durch die Wohnung, und wir sind ein wenig ratlos, wann genau es eigentlich angefangen hat, zu laufen, welchen Tag wir im Kalender anstreichen sollen, weil es so allmählich damit begonnen hat, so schrittweise.





Der Yeti von Bischofsbrunn. Ein Schauerstück in sieben Akten. Naja, sagen wir fünf.



21.12003





Deutsch-Katalanischer Briefwechsel:

>Alle Fraktionen des spanischen Parlaments, mit Ausnahme von
>Aznars Partido Popular, haben eine gemeinsame Erklärung
>unterschrieben, in der sie sich hinter die deutsch-französische
>Position (wie sieht die eigentlich genau aus?) stellen.

Die deutsch-französische Position sieht folgendermaßen aus: Frankreich hält
sich alle Optionen offen, spielt eine bedeutende weltpolitische Rolle,
schließt sich im letzten Moment der siegreichen Seite (also Amerika) an und
schickt ein Dutzend Fremdenlegionäre. Bush dankt Chirac mit warmen Worten
herzlich für den verläßlichen brüderlichen Beistand. Deutschland dagegen
bleibt felsenfest bei seiner Position, sich nicht an einem Krieg zu
beteiligen, bei der Abstimmung im Sicherheitsrat stimmen sie fast dagegen,
sie schicken auch tatsächlich keine Soldaten, nur Flugabwehrraketen in die
Türkei, und natürlich samt Bedienungspersonal, und Aufklärungsflieger, und
zwar, äh, mit Besatzung, und, äh, die Fuchs-Spürpanzer werden natürlich
auch zur Verfügung gestellt, einschließlich Besatzung, versteht sich, und
eine geheime Kampfeinheit, aber das ist natürlich geheim, und außerdem drei
Bataillone Infanteristen, außerdem verpflichtet sich Deutschland, im
Alleingang nach dem Krieg im Irak aufzuräumen, übernimmt für die nächsten
zwanzig Jahre die Leadership in Afghanistan und im Kosovo und marschiert in
der Elfenbeinküste ein. Bush beschimpft die Deutschen als Verräter,
Schurken, Feiglinge, Homosexuelle und Kommunisten und stellt uns in eine
Reihe mit Lybien, Kuba, Irak, Iran, Nordkorea, Al-Kaida, Pol Pot,
Nazideutschland und Dschingis Khans Horden. Ein Sprecher erklärt, diese
Äußerung müsse nicht notwendigerweise die offizielle Haltung der
amerikanischen Regierung wiederspiegeln. In dieser schweren Stunde fällt
dann auch noch Belgien von uns ab. Gaddafi, Castro, Kim Jong-il und bin
Laden bieten Schröder an, ins Exil zu gehen. Schröder versucht sich in den
Hannoveranischen Bergen zu verstecken, stellt aber fest, daß Hannover keine
nennenswerte Berge hat. Lohnnebenkosten und Arbeitslosigkeit steigen ins
Unermeßliche. Koch wird amerikanischer Statthalter in der deutschen Kolonie
und beginnt mit außergerichtlichen Exekutionen als Strafe für
unamerikanische Umtriebe. Die SPD scheitert an der Fünf-Prozent-Hürde und
wird kurz danach als verfassungsfeindlich verboten. Der Führer der
Leninistisch-Maoistischen Widerstandsfront, Oskar Lafontaine, wird
erschossen bei dem Versuch, vor dem Bush-Denkmal nicht den Hut zu lüften.
Der neue deutsche Außenminister, Jürgen W. Möllemann, erklärt öffentlich,
von deutschem Boden dürfe nie wieder Frieden ausgehen. Der alte deutsche
Außenminister wird beim Joggen in der Toskana verhaftet, im Gefängnis
veröffentlicht er den Bestseller "Warum ich Gerd so abgrundtief hasse".
George Bush III, Sohn bzw. Enkel von George Bush und neuer amerikanischer
Präsident, erklärt, aus Präventivgründen müsse Amerika in sämtlichen
Staaten einmarschieren, in denen Atomwaffen vermutet würden, und in den
übrigen Staaten würde man auch einmarschieren, weil die sich ja eh nicht
wehren können. Es gibt nun nur noch drei Staaten auf der Erde: die
Konförderation der Nordstaaten, die Konförderation der Südstaaten samt
ihrer weltweiten Protektorate, und Israel. Präsident der Südstaaten ist
George Bush III, Präsident der Nordstaaten ist offiziell Whoopi Goldberg,
diese ist in Wahrheit aber bloß eine Marionette der Südstaaten, Präsident
Israels ist Jassir Arafat (da die Palästinenser inzwischen auch in Israel
die Bevölkerungsmehrheit stellen). Trotz der geänderten Bedrohungslage
(alle drei verbleibenden Staaten sind Verbündete) wird SDI natürlich
trotzdem gebaut. In einer flammenden Rede warnt George Bush III vor der
"grünen Gefahr". Die geheimen Roswell-Dokumente werden endlich freigegeben,
die beweisen, daß die Erde von fiesen Außerirdischen bedroht wird. Der noch
immer nicht gefaßte schwerkranke bin Laden veröffentlicht auf Al Djaseera
(oder wie immer das Ding geschrieben wird) sein erstes Musikvideo, das auf
MTV wie eine Bombe einschlägt und Johnny Cash (Eminem und Marylin Manson
sind mittlerweile auf Betreiben der "Mothers Against Canada" verboten
worden) von Platz 1 der Charts verdrängt.




13.2.2003





Ein Irrtum Pólyas: nehmen wir an, eine Leserin A findet a Fehler in einem Manuskript, und eine weitere Leserin B findet b Fehler, wobei c Fehler von beiden gleichermaßen gefunden werden. Sei m die (uns unbekannte) Zahl der Gesamtfehler im Manuskript. Unter der Annahme, a/m (das Verhältnis der Fehler, die Leserin A gefunden hat, zur Gesamtzahl der Fehler) sei gleich c/b (das Verhältnis der Fehler, die Leserin A innerhalb der von Leserin B gefundenen Fehler gefunden hat, zur Gesamtzahl dieser Fehler), ergibt sich leicht eine Abschätzung für die unbekannte Gesamtzahl der Fehler, nämlich m = ab/c. Unterstellt wird dabei aber, daß die Wahrschenlichkeit eines Fehlers, von Leserin A entdeckt zu wÄrden, und die Wahrscheinlichkeit eines Fehlers, von Leserin B entdeckt zu werden, unkorreliert ist. Dem ist aber natürlich nicht so, beispielsweise habe ich im vorangegangenen Satz absichtlich zwei Rechtschreibfehler untergebracht, von denen der eine sehr offensichtlich ist. Wenn zwei Leserinnen beide diesen einen Fehler und nur diesen Fehler finden, dann gibt es keinen Grund anzunehmen, der Satz enthielte nur diesen einen Fehler. Wenn wir neben syntaktischen auch anspruchsvollere Irrtümer betrachten, dann ist ohne weiteres vorstellbar, daß ein Text einen schwerwiegenden Irrtum enthält, der aber so grundsätzlicher Natur ist, daß selbst zehntausend Leser ihn nicht entdecken. Ein Text behauptet etwa, die Erde könne nicht täglich um die eigene Achse rotieren, und führt als Argument an, bei der Größe der Erde und der Winkelgeschwindigkeit von einer vollen Umdrehung täglich könne ein von einem Turm geworfener Stein niemals am Fuß des Turmes auftreffen, wie es doch tatsächlich zu beobachten ist, sondern müsse weit vom Fuß des Turmes entfernt auf der Erde aufschlagen, was niemand je gesehen hätte. Generation um Generation von Gelehrten liest diesen Text und stimmt dem Argument zu. Dennoch ist das Argument ungültig. Selbst die Richtigkeit eines mathematischen Beweis’ läßt sich nicht abschließend zeigen, es könnte ja sein, daß der Beweis einen Fehler enthält, den alle Leserinnen gleichermaßen übersehen (wie etwa oben der fehlende Nachweis der Unkorreliertheit). Es nützt nichts, sich auf einen formalistischen Standpunkt zurückzuziehen, dem zufolge alle Fehler syntaktische Fehler sind. Denn irgendwie müssen wir ja trotzdem wohl oder übel von den bedeutungsfreien Zeichenketten zur Bedeutung gelangen, und dabei können Fehler passieren, und die Fehlerträchtigkeit dieses Vorgangs wird nicht dadurch reduziert, daß wir diesen Vorgang möglichst verheimlichen und verstecken.



14.2.2003





Wir haben fast schon Verhältnisse wie in der DDR: das Volk entschließt sich zu spontanen Demonstrationen, um die Politik der Regierung zu unterstützen.



16.2.2003





Heute beim Lesen der Neuen Zürcher Zeitung Neidgefühle empfunden:

„Die Schweiz hat eine Anfrage der USA für Überflugsrechte abschlägig beantwortet. Eine generelle und unbefristete Erlaubnis wie verlangt könne aus Gründen der Neutralität nicht gegeben werden. Erst wenn eine zweite Uno-Resolution zur Anwendung von Gewalt ermächtigt, werde man von Fall zu Fall entscheiden. Prophylaktisch wurde auch eine Einreisesperre für Saddam und seine Entourage erlassen.“

Ach, Schweizer sein, das wär’s! Den Amerikanern würde ich erklären, daß ich, weil zur Neutralität verpflichtet, ohne Uno-Beschluß leider gar nichts machen könne, und Herrn Hussein verweigerte ich prophylaktisch die Einreise. Über meine Steuersätze dürfte ich per Volksentscheid abstimmen, und das Frauenwahlrecht wird erst nach reiflicher Überlegung eingeführt, wenn es sich in anderen Staaten hinreichend bewährt hat.



19.2.2003





Eine der Debatten der Gegenwart: der Monotheismus neige zur Intoleranz, der Polytheismus sei daher als Religion vorzuziehen. Die Gegenseite schreit auf und konstruiert eine gewundene Bahn von Analogien, die vom Polytheismus über Neuheidentum bis zum Nationalsozialismus reicht.

Ob der Monotheismus zur Intoleranz neigt, will ich hier nicht diskutieren, die Antwort scheint mir so offensichtlich und langweilig, daß sich die Mühe nicht lohnt. Daß aber der Polytheismus als Religion sehr viel duldsamer und daher vorzuziehen sei, streite ich ab.

Eine Religion stellt Behauptungen über metaphysische Sachverhalte auf, die wahr oder falsch sein können. Auch für den Polytheismus wäre zunächst einmal zu fragen, ob seine Behauptungen wahr sind. Und hier sieht es ziemlich hoffnungslos aus: es dürfte schwierig sein, irgend jemanden zu finden, der noch im Ernst an die Existenz von Zeus, Hera, Poseidon, Aphrodite oder dergleichen glaubt. Der Neopolytheist kann sich natürlich auf eine symbolische Deutung zurückziehen: die polytheistischen Götter seien allegorisierend dargestellte Begriffe von Phänomenen, deren Existenz kein vernünftiger Mensch leugnen würde. Offensichtlich gibt es die Liebe, und die Behauptung der Existenz der Göttin Aphrodite sei nichts weiter als die Behauptung der Existenz des Phänomens der Liebe, ebenso existiere Ares insofern, insofern es zweifellos Kriege gäbe, und so fort. Ich wüßte jedoch nicht, welchen Gewinn wir davon hätten, unsere moderne abstrakte Begrifflichkeit durch eine veraltete anthropomorphisierende einzutauschen, und im übrigen scheint mir diese Deutung historisch falsch: die antiken Polytheisten hielten die Götter keineswegs nur für Begriffe. Wenn Euripides Menelaos zu Helena sagen läßt, „Aphrodite“ sei nur ein Wort für ihre eigene, Helenas Lüsternheit, so spricht er keineswegs eine banale Selbstverständlichkeit des polytheistischen Glaubens aus, sondern er stellt die Wahrheit des Polytheismus in Zweifel. Vielleicht könnte Homer erwidern, „Helenas Lüsternheit“ sei eben nur ein modernes Wort dafür was er, Homer, „Aphrodite“ nenne, und insofern ginge die Kritik des Euripides ins Leere. Aber diese Antwort ist historisch doch sehr unwahrscheinlich. Zu Euripides’ Lebzeiten war es noch möglich, an die Götter zu glauben (und viele Menschen haben tatsächlich an die Götter geglaubt), aber nicht mehr so, wie Homer an die Götter geglaubt hat. Wir mögen den homerischen Glauben an die Götter anziehend finden, weil er auf gewisse Weise so realistisch und nüchtern ist (seine Götter sind nicht moralischer, als die Empirie einer moralisch unvollkommenen Welt nahelegt, sein Glaube erfreulich frei von Heilsversprechen), aber er läßt sich kaum mit der modernen Vorstellung einer eigenverantwortlichen menschlichen Persönlichkeit verbinden. Wir könnten uns entschließen, auch diese Vorstellung aufzugeben und die menschliche Seele als Schauplatz von Götterkämpfen zu deuten, aber das wäre dann ein sehr viel ehrgeizigeres Projekt als bloß die Rückkehr zum Polytheismus, und noch unwahrscheinlicher. Im übrigen zeigen unsere Ausführungen, daß der Polytheismus ein sich wandelndes Gebilde ist, und daß zunächst einmal zu klären wäre, zu welcher historischen Fassung wir zurückkehren möchten.

Wie aber sieht es aus, wenn wir uns allein auf die Frage beschränken, ob der Polytheismus eher zur Toleranz neigt als andere Religionen?

Der Polytheismus erlaubt viele verschiedene Lebensentwürfe, die nebeneinander bestehen können, weil er für verschiedene Lebensentwürfe verschiedene Götter kennt. Im Polytheismus gibt es Götter für die Keuschheit (etwa Artemis) ebenso wie Götter für die Lüsternheit (Aphrodite, die Satyrn, Priap, Dionysos). Ein Jüngling, der sich übertrieben und auf krankhafte Weise für die keusche Göttin Artemis begeistert, läuft Gefahr, die Göttin Aphrodite zu erzürnen: schlimmstenfalls wird er in einen Hirsch verwandelt und von seinen eigenen Hunden zerfleischt, was wir, wenn wir mögen, für eine etwas altmodische Formulierung durchaus modernen psychologischer Erkenntnisse halten können. Im Katholizismus dagegen hat die heilige Jungfrau Maria keinerlei Korrektiv zur Seite stehen, es gilt hier nur ein einziger Lebensentwurf, jedenfalls wenn wir den Monotheismus wirklich ernst nehmen, ansonsten kennen auch die Katholiken Schutzheilige für Diebe oder Prostituierte, wenn es diesen auch am Glanz des Hermes oder der Aphrodite mangelt. Andererseits kennen natürlich auch polytheistische Gesellschaften die Begriffe Sitte und Anstand, und gewöhnlich gibt es sehr klare Vorstellungen darüber, was schicklich ist und was nicht. Auch im Polytheismus muß ein neuer Kult wie der Dionysos-Kult sich mühsam gegen den Widerstand des konservativen Establishments durchsetzen, und auch in den monotheistischen Religionen können Bewegungen wie die Derwische oder die Franziskaner integriert werden.

Es mag sein, daß in gewisser Weise der Polytheismus keine religiöse Verfolgung kennt. Das freilich ist keine Besonderheit des Polytheismus, sondern eigentlich allen nicht-monotheistischen Religionen (etwa auch Buddhismus, Shintoismus, Hinduismus, Taoismus oder Konfuzianismus) gemeinsam. Aber dafür kennen derartig Gesellschaften sehr wohl politische Verfolgung Andersdenkender, und die Religion wird in solchen Gesellschaften politisch aufgefaßt. Die Römer können daher einvernehmlich mit dem Osiriskult leben, die Götter der Griechen, Ägypter oder Germanen identifizieren sie mit ihren eigenen Göttern, nicht akzeptabel aber ist das Verhalten der Christen, die die Verehrung des Kaisers verweigern (die Verbrechen der Christen bestehen allerdings nicht nur darin, dem Kaiser die ihm zukommende Verehrung zu verweigern; von Christen ist überliefert, daß sie die Kulte der Polytheisten aktiv gestört hätten, ein Verhalten, das selbst nach heutigen Maßstäben unter Strafe stehen müßte). Die Unterdrückung nationalistischen Seperatismus trifft nicht nur die monotheistischen Juden, sondern auch die keltischen Druiden, die eine Zeitlang von den Römern verfolgt werden. Und der zweitberühmteste Prozeß der Weltgeschichte, die Anklage gegen Sokrates, ist eine Anklage, die von Polytheisten vorgebracht wird. Auch diese Anklage können wir als eine politische Anklage auffassen, aber letztlich dürfte es in all diesen Fällen den betroffenen Opfern höchst gleichgültig sein, ob sie nun aus politischen oder aus religiösen Gründen ermordet wurden.

Im übrigen: indem sowohl der Monotheismus als auch der Polytheismus in der Welt eine göttliche Ordnung walten sehen, sind sie beide gleichermaßen geneigt, sich gegenüber dem bestehenden affirmativ zu verhalten. Wenn sie nicht irgendeine zusätzliche Theorie enthalten, warum die bestehende Welt durch die Menschen transformiert werden muß (wie etwa Xenophanes sagt, daß der Mensch suchend das Bessere findet), dann sind sie wenig geeignet, soziale Reformen oder überhaupt irgend eine Art der Reform zu unterstützen. Es sollte an dieser Stelle nicht verschwiegen werden, daß die antiken Gesellschaften, von denen hier die Rede ist, Sklavenhaltergesellschaften waren, also aus heutiger Sicht reichlich widerwärtige Gebilde. Es mag in der Antike einzelne Stimmen gegeben haben, die sich gegen die Sklaverei aussprachen, aber solche Stimmen sind gewiß nicht vom Polytheismus inspiriert. Um noch einmal Euripides als Gewährsmann zu zitieren: von Euripides gibt es eine mitfühlende Schilderung des Schicksals des Sklaven Ion (den der Mythos nur deshalb kennt, weil er später ein mythologisch bedeutsamer König, nämlich der Ahne der Ionier, wurde), aber diese mitfühlende Schilderung ist verbunden mit der drastischsten Schilderung von göttlicher Ungerechtigkeit und göttlicher Eigensucht, die vorstellbar ist: im Vergleich zu seinen Vorgängern ist Euripides sehr modern, aber das heißt eben auch, daß er nicht sehr fromm ist. Wenn es einen Xenophanes, einen Euripides oder einen Sokrates erst einmal gegeben hat, dann führt kein Weg mehr zurück zum unschuldigen Glauben eines Homer, dann ist der Polytheismus nur noch als reichlich unglaubwürdiges metaphysisches Dogma denkbar. Wer also den Monotheismus und sein Wirken nicht leiden kann, sollte es doch statt mit einem Neuheidentum lieber mit Theorien wie Rationalismus, Materialismus oder Atheismus versuchen.

Es gibt, in diesem Zusammenhang, eine Vorliebe für die raunenden Anfänge. Mindestens seit Nietzsche gibt es die Vorstellung, mit Sokrates/Euripides/Platon habe es eine Wende der Antike zum Schlechteren gegeben, damals sei alles bergab gegangen, das schöne antike, echt-griechische Heidentum sei durch einen Vorläufer des Christentums ersetzt worden, die echte und richtige Philosophie sei nur bei den Vorsokratikern zu finden (recht eigentlich scheint Nietzsche hier eine Idee Schlegels zu variieren, dem Euripides auch schon als entarteter Zerfalls- und Zersetzungskünstler galt, wenn auch nicht aus genau den gleichen Gründen wie Nietzsche). In der Nachfolge Nietzsches grübelt ein Heidegger dann darüber nach, ob sich nicht Parmenides oder Heraklit eine Weisheit entreißen ließe, die mit Platon verloren ging. Nun bedaure auch ich, daß uns ausgerechnet von Platon, der nicht selten ein spitzfindiger Wortverdreher ist, so sehr viel mehr an Texten erhalten geblieben ist als von früheren oder zeitgenössischen Philosophen, und auch ich meine, daß es damals eine falsche Weichenstellung gegeben hat, sie scheint mir aber doch von anderer Art zu sein, als die Antimodernisten Schlegel/Nietzsche/Heidegger (eine reichlich seltsame Aufzählung) glauben. Tatsächlich meine ich, daß es sehr bedauerlich ist, daß die Empiristen sich gegenüber der parmenidischen Vorstellung, die Wahrheit in göttlicher Schau zu erkennen, nicht durchsetzen konnten, und hier hat in der Tat Platon meiner Ansicht nach einen ausgesprochen schädlichen Einfluß ausgeübt, außerdem war Platon keineswegs in jeder Beziehung ein Umstürzler, seine politischen Ansichten können weit eher als außerordentlich konservativ bezeichnet werden. Der Weg vom Mythos über die Vorsokratiker bis zu den Sophisten, Demokrit und Euripides jedenfalls ist nicht zu beanstanden, und am Ende hat selbst Platon nicht so viel Unheil anrichten können, als daß wir nicht doch inzwischen in der empirischen Erkundung der Welt recht weit gekommen wären. Es bleibt uns noch immer aufgegeben, Homer oder die Vorsokratiker zu erforschen und uns um ein Verständnis ihrer Texte zu bemühen, und es ist auch nicht auszuschließen, daß wir daraus etwas lernen können, ich sehe aber keinen Anlaß zu glauben, den Anfängen müsse eine besondere Weisheit und Würde innewohnen.





Wie die geneigte Leserin bereits bemerkt haben dürfte, leben wir in einer hochtechnisierten und komplizierten Welt, in der zahllose Geräte und Dienstleistungen ineinander greifen und reibungslos miteinander verzahnt werden müssen. Wenn ich ein Dokument schreibe und es dir schicke, dann mußt du im Stande sein, es lesen zu können, sonst bleibt das Dokument nutzlos. Wir sollten daher mindestens eine Sprache gemeinsam sprechen. Liegt das Dokument in elektronischer Form vor, dann sollte es ein Format besitzen, das du entschlüsseln und bearbeiten kannst. Das Format sollte mit meiner und deiner Textverarbeitung kompatibel sein. Deine Zuordnung zwischen Bytes und Schriftzeichen und nach Möglichkeit auch deine Zuordnung zwischen Schriftzeichen und Glyphen sollte mit dem übereinstimmen, was ich für mein Dokument an Zuordnung zugrunde gelegt habe, und meine Dokumentstruktur sollte von dir wieder aufgelöst werden können.

Das Problem existiert auch für Bestelllisten, Schnittmusterbögen, Musikstücke, Bilder oder meteorologsiche Auswertungen der Beobachtungen von Wettersatelliten. Aber das Problem ist nicht auf das Format von Computerdateien beschränkt. Es betrifft auch Mobilfunkfrequenzen, Stromspannungen, Benzinsorten, Schienenbreiten und dergleichen mehr. Wenn ich in ein Schuhgeschäft gehe und dort Schuhe der Größe 21 kaufe, so erwarte ich, daß alle Schuhgeschäfte unter dieser Angabe die gleiche Größe verstehen.

Ich kenne zwei grundsätzlich verschiedene Lösungen dieses Problems. Die eine besteht darin, daß bestimmte Leistungen durch einen Monopolisten erbracht werden. Wird der Eisenbahnverkehr durch einen einzigen Monopolisten organisiert, dann ist die Schienenbreite ein internes und banales Problem des Monopolisten. Die andere besteht darin, verbindliche Standards zu vereinbaren, an die alle Beteiligten sich halten müssen.

Ein Monopolist kann auf verschiedene Arten entstehen. Ein einzelnes Unternehmen kann eine marktbeherrschende Stellung erringen. Oder mehrere Unternehmen schließen sich zu einem Trust zusammen. Oder der Staat tritt als Unternehmer auf. Oder der Staat setzt einen Monopolisten ein.

Auch ein Standard kann auf verschiedene Arten entstehen. Der Standard kann staatlich vorgegeben werden. Oder es wird eine Organisation zur Standardisierung eingeführt. Oder mehrere Parteien verabreden sich auf gemeinsame Standards. Oder Standards entstehen in einem anarchischen Verfahren, in dem verschiedene Parteien Erweiterungen des Standards vorschlagen, die dann vom Publikum angenommen oder verworfen werden. Der Standard kann auch von einer einzigen Partei vorgeschlagen werden, vorausgesetzt, die anderen Parteien dürfen den Standard ohne Einschränkungen benutzen.

Ein paar Beispiele: der Staat ist ein Monopolist in Bezug auf Grenzsicherung. Er ist auch ein Monopolist in Bezug auf die Schulbildung, denn selbst wenn es nichtstaatliche Schulen gibt, ist deren Rolle zu vernachlässigen. Bahn und Post sind vom Staat eingesetzte Monopolisten, und der Staat versucht nun mühsam, dieses ursprüngliche Monopol nachträglich zu zerschlagen. Die Automobilherrsteller bilden in vielerlei Hinsicht einen Trust. Beispielsweise können sie gegenüber Werkstätten ihre Vorstellung von Vertragswerkstätten durchsetzen. Ebenso können die Mineralölgesellschaften weitgehend Tankstellenpächter ihre Vorstellungen von der Zusammenarbeit zwischen Mineralölgesellschaften und Tankstellen diktieren. Microsoft hat insofern ein Monopol, insofern für viele Anwendungen von Microsoft festgelegte Formate verwendet werden (etwa *.xls für Tabellenkalkulationen, *.doc für formatierte Texte, *.exe für Anwendungen).

Die Formate *.ps oder *.pdf dagegen sind, obwohl es sich um proprietäre Formate von Adobe handelt, nicht in gleichem Maße monopolistisch, sondern eher Standards: die Funktionsweise dieser Formate ist veröffentlicht, und jeder darf diese Formate in seinen Programmen verwenden. Ebenso ist zwar die Programmiersprache Java das Erzeugnis von Sun Microsystems, trotzdem ist es aber jedem Dritten möglich, Programme, Compiler oder Laufzeitumgebungen für diese Sprache zu erstellen. Das Format HTML entwickelte sich eine Zeitlang anarchisch, indem sowohl Netscape als auch Microsoft Erweiterungen vorschlugen, die vom jeweils anderen teilweise übernommen, teilweise verworfen wurden. Später unterwarfen sich beide Seiten dem W3C als standardgebender Instanz, weil ein dritter Konkurrent, Opera, begonnen hatte damit zu werben, mit den Standards dieser Instanz besonders verträglich zu sein.

Ein letztes Beispiel: das CD-Format scheint mir eher ein offener Standard zu sein, das DVD-Format eher das Eigentum eines monopolistischen Trusts, obwohl beide sich in ihren technischen Details ähneln.

Standards werden nicht nur gebraucht, um die Kompatibilität verschiedener Teile sicher zu stellen, Standards werden auch gebraucht, um das Vertrauen der Kunden zu gewinnen. So darf jeder Lebensmittelhersteller seine Produkte mit dem Präfix „Bio-“ schmücken, ohne daß die Konsumenten dadurch eine Gewähr hätten, daß es sich hier tatsächlich um hochwertigere, aufwändiger produzierte Lebensmittel handelt. Die Hersteller hochwertigerer Lebensmittel haben sich deshalb in verschiedenen Organisationen zusammengeschlossen, um gemeinsam Gütesiegel zu organisieren, die gewisse festgelegte Standards vorschreiben und gewährleisten. Ohne diese Standards wäre es nicht möglich, diese hochwertigen Lebensmittel zu verkaufen, da die Konsumenten dem fertigen Produkt die Poduktionsmethode nicht oder nur mit hohem Aufwand zuordnen können. Auch hier kann wieder der Gesetzgeber als Standardgeber einspringen und beispielsweise generell vorschreiben, daß auf Lebensmittelverpackungen die Inhaltsstoffe zu deklarieren sind. Oder der Gesetzgeber schreibt Lebensversicherungskonzernen eine bestimmte maximale Aktienquote vor und andere aufsichtsrechtliche Bestimmungen. Diese Standards ermöglichen überhaupt erst den Vertrieb von Lebensversicherungen, denn ohne diese Standards müßten die verschiedenen Lebensversicherer, nach den Gesetzen des Marktes, einander mit möglichst renditestarken, das heißt aber auch, möglichst riskanten Anlagestrategien überbieten, mit der Folge, daß einer der Hauptvorzüge der Lebensversicheurng, nämlich das geringe Ausfallrisiko, nicht mehr gegeben wäre. Daß der Gebrauchtwagenmarkt unter dem Mangel an verbindlichen Standards leidet, ist bereits Gegenstand nobelpreisgekrönter Untersuchungen gewesen.

Wir können Standards, die ein gewisses Mindestniveau sicherstellen sollen, natürlich auch als Maßnahmen zum Verbaucherschutz auffassen. Die Kennzeichnungspflicht für Lebensmittel wäre dann demnach nicht erfunden, um den Herstellern hochwertiger Lebensmittel zu ermöglichen, höhere Preise durchzusetzen, sondern um die Verbaucher vor minderwertigen Lebensmitteln zu schützen, also gar keine Maßnahme zur Förderung des freien Marktes, sondern zu seiner Einschränkung. So haben etwa auch die staatlich geforderten Curricula eine doppelte Funktion: sie stellen sicher, daß die Absolventen verschiedener Schulen verschiedener Träger alle gleichermaßen weiterführende Bildungseinrichtungen besuchen können (sind also ein Standard zur Kompatibilität), gleichzeitig sollen sie aber auch ein Mindestniveau (einen Mindeststandard) an Bildung sichern, um so die Schüler vor einer mangelhaften Ausbildung zu schützen.

Es gibt Situationen, in denen es schwierig oder nachteilig erscheint, einen offenen Standard durchzusetzen. Es hat sich beispielsweise als schwierig erwiesen, den Schienenverkehr einer Region beliebig vielen Betreibern zu überlassen. In den meisten Fällen sind jedoch offene Standards Monopolen vorzuziehen, und insoweit besteht auch ein weitgehender Konsens (die meisten Monopolisten argumentieren nicht, daß Monopole eine großartige Sache sind, sondern daß sie selbst eigentlich, bei genauer Betrachtung, gar keine Monopolisten seien). Wir können also, wenn wir wollen, einen Sinnspruch oder ein Gebot oder eine Maxime aufstellen, „Offene Standards sind besser als Monopole“. Von diesem allgemeinen Grundsatz können wir einen Spezialfall ableiten: „Möglichst viele Aufgaben sollten von der freien Wirtschaft statt vom Staat übernommen werden“, wenn wir den als Anbieter auftretenden Staat als Beispiel eines Monopolisten auffassen.

Die Pointe unserer Überlegungen ist nun, daß wir die erzliberale Maxime vom zurückhaltenden Staat auf ein allgemeineres Prinzip zurückgeführt haben, das mit irgend einer Wertschätzung des Privateigentums per se nichts zu tun hat und auch von Menschen vertreten werden könnte, die dem Schutz des Privateigentums (zum Beispiel dem Urheberrecht) eher ablehnend gegenüber stehen.





Alter Mathematikerscherz: „Na, hat das Kind nur π2 in der Windel oder auch a2?“





Er behelligte mich mit allerlei zahlenmystischen Spekulationen. Ich habe nicht alles davon behalten, aber seine Kernthese war wohl, daß die Zahl sieben eine besonders mystische Zahl sei, die auf vielfältige Art und Weise mit der Zahl π zusammen hinge. „Schauen Sie“, sagte er im Tonfall eines Eiferers, „das göttliche Prinzip wird in allen Religionen durch die drei repräsentiert, die Welt dagegen durch die vier. Nehmen Sie drei und vier zusammen, und Sie erhalten sieben — die mystische Zahl. Sieben Zwerge, sieben Todsünden, sieben apokalyptische Reiter. Nehmen Sie drei mal vier, und Sie erhalten zwölf — zwölf Apostel, zwölf Monate, und so weiter. Warum, glauben Sie, verehrten die Babylonier sieben Gestirngottheiten? Warum verwenden die Juden noch heute einen siebenarmigen Leuchter? Und haben Sie sich jemals gefragt, warum die Woche gerade sieben Tage hat? Nehmen Sie sieben mal vier, und Sie erhalten die Dauer eines Mondumlaufes, achtundzwanzig Tage, ein Monat. Nehmen Sie diese Zahl mal zwölf, und Sie erhalten ein Mondjahr. Fehlt noch ein Monat, und ein krummer Tag: Schaltmonat und Schalttag. Aber das wirklich verrückte sind die Zusammenhänge mit der Zahl pi, dem Verhältnis von Kreisumfang zu Kreisdurchmesser. Die Bibel nennt als Abschätzung an zwei Stellen, im Buch der König und im Buch der Chronik, die Zahl drei. Hier sehen Sie das göttliche Prinzip, dem sich die Juden verpflichtet glaubten, drei, die Zahl Gottes. Aber pi ist nicht drei, sondern liegt zwischen drei und vier. Eine bessere Abschätzung erhalten Sie, wenn Sie 3 1/7 betrachten. Diese Schätzung ist schon recht gut, die alten Ägypter rechneten so. Die Griechen liebten die zehn, das ist drei plus vier plus drei, oder bekanntlich auch eins plus zwei plus drei plus vier, die Tetraktys, wie die alten Pythagoreer sagten. Deshalb stellten sie fest, daß sie die Ägypter verbessern können: pi liegt irgendwo zwischen 3 10/70 und 3 10/71. Hier kommt die zehn mal sieben ins Spiel. Natürlich werden Sie jetzt sagen, 3 1/7 ist bloß eine Schätzung. Natürlich. Aber passen Sie auf, was jetzt passiert, wenn Sie die Schätzung verbessern. Statt 1/7 können Sie, als nächstbessere Schätzung, auch 1/(7+1/16) betrachten. Das ist die bekannte Schätzung 355/113, und die ist schon verdammt gut. Beachten Sie die Zahl 16: das ist nämlich gerade 4 mal 4, die fehlende Welt, die in 3 1/7 nur indirekt über die sieben vertreten ist, kommt jetzt wieder mächtig mit hinein. So etwas nennt sich Kettenbruch, und wenn Sie wissen wollen, was das nächste Glied der Folge immer genauerer Approximationen in dieser Folge ist, dann erhalten Sie 3+1/(7+1/(15+1(1+1/292))). Die sechzehn ist hier zur fünfzehn geworden und als neuen Term haben wir hier 292. Sieht auf den ersten Blick nicht sehr nach sieben aus, aber passen Sie auf: 292 = 4 · ((7 + 3) · 7 + 3). Und 15 ist in gewisser Weise eine vereinfachte 292, nämlich 15 = 3·4 +3. Was passiert weiter im Kettenbruch? Als nächstes haben Sie dreimal die Eins. Dann haben Sie die zwei, das ist obermerkwürdig, nochmal die eins, und die drei. Und dann kommt die 14. Was ist das? Die obermerkwürdige zwei, mal sieben. Dann kommt zwei, und dann zweimal die eins. Dann viermal die zwei. Einmal die eins. Tja, und dann kommt 84. Eine meiner Lieblingszahlen. Sie sieht unschuldig aus, die 84, aber probieren Sie mal eine Primzahlzerlegung an der 84, und sie zeigt ihr wahres Gesicht: 84 = 3 · 4 · 7. Und so geht es weiter, ich will Sie nicht langweilen. Wollen Sie eine gute Abschätzung für e, die Basis des natürlichen Logarithmus? Nehmen Sie 2, und addieren Sie 3/7. Also insgesamt 17/7. Eine bessere Abschätzung ist allerdings 193/71. Die 71 sollte Ihnen von pi her vertraut sein. Und die 193 ist nichts anderes als 7 · 7 · 4 – 3. Wenn Sie lieber möchten, können Sie diese Abschätzung auch ausdrücken als 2 51/71. Dann sollten Sie aber daran denken, daß 51 = 3 · 4 · 4 + 3. Und was ist nun die nächste gute Abschätzung für e? 1071/394. Ich gebe zu, die 1071 klingt fast ein wenig unglaubwürdig, schon wieder die 71, aber so sind nun einmal die Tatsachen. Die 394 ist vielleicht ein wenig erklärungsbedürftig. Sie erinnern sich, bei der letzten Zahl spukte uns eine 51 herum. Nun, diesmal haben wir 394 = 7 · 7 · 7 + 51, oder 73 + 51, die 51 wurde als Korrekturterm vererbt. Noch ein weiteres Glied in der Kette, dann soll es damit genug sein. Die nächste gute Schätzung ist 1264/465. Das ist die fünfte Abschätzung —die allererste ist einfach die Zahl 2 — und dementsprechend müssen wir ein wenig mit der Zahl fünf spielen. Der Zähler ist gerade 4 · 4 · (84 – 5), Sie erinnern sich an meine Lieblingszahl 84, der Nenner dagegen ist 5 · (7 · 7 + 7 · 7 – 5). Soweit die Mathematik.“ (Er brachte noch mehr Beispiele, aber ich kann nur noch die Beispiele rekonstruieren, die er mir mit Bleistift auf der Rückseite meines Schreibblocks vorrechnete.) Als nächstes fing er dann an, verschiedene Jahreszahlen historischer Ereignisse zu diskutieren, und auch hier fand er wieder jede Menge an Vorkommnissen der Zahl 7 — „Wußten Sie, daß Jesus in Wahrheit sieben Jahre vor Beginn der christlichen Zeitrechnung geboren wurde? Warum dieser kapitale Fehler? Schließlich hatten die Römer doch eine funktionierende Kalenderrechnung. In diesem Zusammenhang, 753, Rom schlüpft aus dem Ei, beachten Sie, wie in der Formel ((4 · 7 + 7 + 4 – 3) · 7 + 3 – 4) · 3 die Rollen der Zahlen 3 und 4 sich allmählich in ihr Gegenteil verkehren? Wer diese Formel begriffen hat, hat einiges über die Geschichte Roms begriffen. 1492, Kolumbus entdeckt Amerika, es wird beschlossen, daß er in diesem Jahr Amerika entdecken darf, warum? Betrachten Sie 7 · 7 · 7 ·4 – 7 · 4 + 4  +  7 · 7 · 3 – 3, es dürfte sich lohnen. Muß ich noch erwähnen, daß die Quersumme gerade 4 · 4 ist? Betrachten Sie die Geschichte der Deutschen, wie sie dreimal scheitert: 1848, die gescheiterte Revolution, 1929, der Börsenkrach, der zum Untergang der Republik führen wird, 1947, die Alliierten teilen das Land unter sich auf. Die Quersumme dieser drei Jahreszahlen? 21! Und was gibt drei mal sieben? Glauben Sie hier wirklich an einen Zufall? Was wäre, wenn jemand diese Daten absichtlich so arrangiert hätte? Glauben Sie, daß Stalin eines natürlichen Todes starb? Oder welche Ironie ist das, ihn 1956 sterben zu lassen? Bilden Sie die Quersumme. Aber das sind Kleinigkeiten. Was ist die erschütterndste Revolution der Neuzeit? Natürlich, 1789. Bilden Sie die Quersumme, und dann die Quersumme der Quersumme. Die Handschrift ist überdeutlich.“ Ich versuchte ihm zu sagen, selbst wenn ich bereit wäre zu akzeptieren, irgend eine geheimnisvolle Macht habe die Geschichte der Menschheit manipuliert, um alles in sein drei-vier-sieben-Schema zu pressen, so hielte ich es doch für unmöglich zu glauben, diese Macht könne auch die Kettenbruchentwicklung von pi beeinflußt haben. Der Einwand schien ihn nicht zu beeindrucken: ob nun die Verschwörung aus Menschen, einer finsteren Gottheit oder der Logik selbst bestand, das schien ihm wenig Unterschied zu machen. „Es gibt ein prinzipielles Naturgesetz, das hinter all diesen Erscheinungen steht, und das der BUND erkannt hat, und der BUND handelt in Übereinstimmung mit diesem Naturgesetz, darauf beruht seine Macht. Die Kenntnis dieses verborgenen Naturgesetz ist die mächtigste Waffe des BUNDES, und alles hängt davon ab, ob es uns gelingt, dieses Naturgesetz rechtzeitig zu erkennen und diese Waffe der Hand des BUNDES zu entwinden.“ Als nächstes begann er mir seine Ansichten über die Quantenphysik und die Superstringtheorie zu erläutern, die er jedoch, wie mir schien, nicht oder nur oberflächlich begriffen hatte. Das einzige Detail, an das ich mich noch erinnern kann, ist, daß der Raum seiner Ansicht nach sieben Dimensionen besitzen müsse, und daß den Superstringtheoretikern, die anderes behaupteten, ein Fehler unterlaufen sein müsse. Schließlich erläuterte er mir noch großzügig die verschiedenen Fehler der darwinschen Evolutionslehre. Er stellte mir in groben Zügen ein revolutionär neues taxonomisches System vor, in dem jedes Reich in sieben Stämme, jeder Stamm in sieben Klassen, jede Klasse in sieben Ordnungen zerfiel, und so weiter. Die Entwicklung der verschiedenen Arten folge einem Prinzip namens „Fungorisation“, keineswegs dem Prinzip der adaptiven Selektion. Er sagte: „keineswegs überlebt immer nur die tüchtigste Art, wie Darwin behauptet. Denn sonst würde es ja heute hier auf Erden überhaupt nur noch eine Art geben, nämlich die, die sich im Laufe der Zeit als die tüchtigste erwiesen hat.“ Es schien, als habe er seine Lieblingsthemen erschöpft, denn von nun an wurde er recht sprunghaft. „Wußten Sie, daß bei vielen Völkern der siebte Sohn eines siebten Sohnes besonders verehrt wird?“, „Ist Ihnen aufgefallen, daß der Name >Hussein< gerade sieben Buchstaben hat?“ und „Kennen Sie das Lied >Über sieben Brücken mußt du gehen<?“ wollte er von mir wissen. Zu diesem Zeitpunkt fand ich glücklich eine Gelegenheit, seinem Gespräch zu entschlüpfen, und verabschiedete mich. Seine penetrante Art war mir inzwischen doch recht lästig geworden.





Daß ich heute ein Fragment über Zahlenparanoia schreibe, nachdem gestern, am dreiundzwanzigsten, der Film „23“ im Fernsehen zu sehen war, ist, so glaubt es mir halt, der schiere Zufall, ich habe den Film gestern auch gar nicht gesehen, nur im Kino habe ich ihn einmal gesehen, er hatte in meiner Fernsehzeitschrift auch nur einen von fünf möglichen Sternen, was doch etwas ungerecht war, denn fünf Sterne hätte er schon mindestens haben sollen, wenn nicht dreiundzwanzig. Im übrigen gehen wir seit 1994 öden Zeiten entgegen, das nächste Jahr mit der Quersumme 23 ist nämlich erst wieder 2399.





Die Halle des Bergkönigs, von Edward Grieg, in einer Bearbeitung für vier Celli. Die vier Cellisten freilich sind Apocalyptica, spezialisiert auf das Covern von Heavy-Metal-Stücken. So klingt auch Grieg, wiewohl ein klassischer Komponist, auf klassischen Instrumenten gespielt, wie Heavy Metal. Die Formensprachen des Heavy Metal oder überhaupt der Rockmusik hängt wenig vom verfügbaren Instrumentarium ab (obwohl die Celli elektrisch verstärkt sind), und im Prinzip wären schon im Barock die technischen Voraussetzungen gegeben gewesen, um Rockmusik zu spielen. Es hat halt bloß keiner gemacht.





Das Problem der stummen Pinguine habe ich inzwischen gelöst. Pinguine machen „Platsch“.



24.2.2003





Es ist nicht möglich, eine Graphik eines Schriftzugs zu entwerfen, die vor jedem beliebigen Hintergrund gut zu erkennen ist. Denn angenommen, G sei eine solche Graphik. Dann nehmen wir irgend einen beliebigen Hintergrund B0 und fügen G mehrere Male an zufälligen Stellen in B0 ein. Das Ergebnis dieser Operation ist ein neuer Hintergrund B, und dieser neue Hintergrund ist derart, daß eine weitere eingefügte Fassung von G sich nicht deutlich vor diesem Hintergrund abhebt. Das Argument gilt selbst dann, wenn die Graphik G raffinierte Farben wie etwa die Farbe „Negativ“ (die das Negative ihres Hintergrundes ist) enthält. Am besten erscheint eine Strategie, in die Graphik G selbst möglichst viel Hintergrund mit hinein zu nehmen. G könnte etwa aus einem weißen Rechteck bestehen, vor dem schwarze Schrift zu stehen kommt. Selbst wenn dieses G sich vor dem Hintergrund B nicht deutlich abhebt, bleibt G doch zumindest noch gut lesbar.



25.2.2003





Die Farbe „Durchsichtig“ gibt es in mehreren Varianten. Zum Beispiel gibt es schwarzes Durchsichtig, weißes Durchsichtig oder grünes Durchsichtig. Sichtbar ist natürlich keine dieser Varianten, aber trotzdem unterscheiden sie sich. Nehmen wir beispielsweise einen Farbgradienten, der von opakem Weiß zu durchsichtigem Schwarz übergeht. In der Mitte des Gradienten haben wir halbdurchsichtiges Grau. Bilden wir diesen Gradienten vor einem weißen Hintergrund ab, so sehen wir zwar am linken und rechten Rand des Gradienten nur Weiß (links, weil der Gradient weiß ist, rechts, weil er durchsichtig ist), in der Mitte aber Hellgrau.

Luft zum Beispiel hat die Farbe hellblaues Fastdurchsichtig.





Einige Worte kenne ich auf englisch, nicht aber auf deutsch. Ich nehme an, es gibt eine offizielle Übersetzung für das Wort „viewport“ (ein Fachbegriff aus der wunderbaren Welt der user agents), sie ist mir aber nicht bekannt. Manche Wichtigtuer geben damit an, bestimmte Worte ließen sich im Deutschen nicht in ihrem Nuancenreichtum abbilden, zum Beispiel „sophisticated“. Das aber ist meist nur Prahlerei oder Faulheit. Was ich meine, sind Worte, für die es durchaus Übersetzungen gibt (sogar bijektive Übersetzungen), die ich aber einfach nicht kenne, weil sie mir nie begegnet sind. „It is easy to see that the Axiom of Choice in ordinary set theory is equivalent to the statement that in the category of sets, all epis are split.“ [Toposes, Triples and Theories] habe ich (in Konjugation mit der Aussage „You should be warned that a statement such as, “It is easy to see...” does not mean it is necessarily easy to see without pencil and paper!“) als wahr eingesehen, weiß aber trotzdem nicht, wie dieser Satz auf deutsch lautet („Es ist leicht zu sehen (= der Beweis ist Übung 1.4.3), daß das Auswahlaxiom der gewöhnlichen Mengenlehre äquivalent zu der Aussage ist, daß in der Kategorie der Mengen alle Epimorphismen split (?) sind.“).



27.2.2003





Die Chancen stehen gut, daß wir beide die Rente gemeinsam lebend erreichen, genauer, sie liegen statistisch über achtzig Prozent. Der Erwartungswert für unsere verbundene Lebenserwartung (die Dauer, bis einer von uns beiden stirbt) liegt bei etwa 43 Jahren, der Median bei 46 Jahren. Einen scharfen Knick gibt es zwischen 40 und 50 weiteren gemeinsamen Jahren: hier fällt die Wahrscheinlichkeit von zwei Drittel auf ein Drittel. Wenigstens zehn weitere gemeinsame Jahre haben wir mit neunundneunzigprozentiger Wahrscheinlichkeit. Daß wir beide gemeinsam hundert werden, ist dagegen statistisch unmöglich. Vorausgesetzt ist bei dieser Rechnung, daß unser Winkel der Welt weiter so friedlich und ruhig bleibt wie bisher. Leider liegt mir keine aktuelle Tabelle mit der statistischen Lebenserwartung der Menschheit vor, und ich wüßte auch nicht, wie eine solche Tabelle sich erstellen ließe.





Die Kuh sagt muh, und was sagst du?



28.2.2003





Ich weiß schon, daß Stalin nicht 1956, sondern 1953 gestorben ist, und wüßte ich es nicht, hätten mich die ganzen Artikel und Dokumentationen zu seinem fünfzigsten Todestag darauf hingewiesen. Wenn meine Skizze über Zahlenparanoia etwas anderes behauptet, so deshalb, weil es mir so lustiger zu sein schien.





Standards: es wird sich wohl nicht vermeiden lassen, Standards für Regierungen einzuführen, derart, daß regelmäßig freie, gleiche und geheime Wahlen durchzuführen sind, daß Gewaltenteilung herrschen und die Menschenwürde beachtet werden muß. Gelten diese Standards verbindlich, wird die Vermengung exekutiver und jurisdiktiver Gewalt im Amt des Lord Chancellors künftig nicht mehr erlaubt sein, ein nicht gewählter Präsident wie George Bush jr. wird sein Amt nicht antreten können, und so weiter. Schließlich gibt es demnächst auch international einheitliche und verbindliche Standards, wie Unternehmensbilanzen auszusehen haben.





Zwar halte auch ich nichts davon, den Irak anzugreifen, unschuldige Menschen zu töten, internationales Recht mit Füßen zu treten und bestehende Konflikte zu verschärfen. Viele Argumente gegen den Krieg sind jedoch recht läppisch. „Kein Blut für Öl“, als ob dem moralischen Furor der amerikanischen Konservativen stets pekuniäre Interessen zugrunde lägen. „Nordkorea greifen sie ja schließlich auch nicht an“, ja, das zeigt eben, wie mißlich es ist, wenn Provinztyrannen Atomwaffen besitzen, noch nicht einmal mit Gewalt lassen sie sich dann noch beseitigen. „Der Häuserkrieg um Bagdad wird sich lange hinziehen und sehr verlustreich sein“, möglich, aber wieso eigentlich? „Die ganze Region wird destabilisiert“, aber es ist doch eher anzunehmen, daß die Regierungen der umliegenden Ländern sich um möglichst gute Beziehungen zu Amerika bemühen werden, und daß eine Regierung gestürzt wird, weil sie nicht energisch genug gegen einen Krieg in einem anderen Land protestiert hat, glaube ich nicht: Revolutionen brechen für gewöhnlich aus handfesteren Gründen aus, wenn die Interessen der Menschen direkter betroffen sind. „Eine friedliche Entwaffnung Saddams ist vorzuziehen“, als ob Hussein ohne militärische Drohungen zu irgend etwas zu bewegen wäre. „Die Inspektoren brauchen mehr Zeit“, die amerikanische Regierung kann ihre Kriegsdrohung aber nicht beliebig lange glaubwürdig aufrecht erhalten: würde die amerikanische Regierung über Monate und Jahre hinweg versuchen, den Anschein zu erwecken, ein Krieg stünde in wenigen Tagen oder Wochen unmittelbar bevor, wer würde ihr da noch glauben? „Eine gewaltsame Lösung des Irakkonflikts wird eine friedliche Lösung des Israelkonflikts unmöglich machen“, als ob es noch irgend einen Araber (oder überhaupt irgend einen zurechnungsfähigen Menschen) gäbe, der die amerikanische Regierung für einen neutralen, unvoreingenommenen Vermittler hielte, und es wäre ja auch sonderbar, wenn irgend eine amerikanische Regierung die demokratische, westliche Regierung Israels und die korrupte, eben erst dem Terror entwöhnte Regierung Palästinas unvoreingenommen, neutral und gleichwertig betrachtete, und darauf kommt es ja auch gar nicht an, gebraucht wird ja gar kein objektiver Schiedsrichter, der mit übermenschlicher Weisheit feststellt, welche der beiden Seiten denn nun recht hat (und welche Gegenseite sich infolgedessen auflösen sollte), sondern ob es möglich ist, einen tragfähigen Ausgleich herbeizuführen, der für beide Seiten akzeptabel ist, mag er nun gerecht oder ungerecht sein.

Es versteht sich, daß die Argumente der Gegenseite oft nicht minder schwach sind. Um nur das törichteste anzuführen: „Von all den Friedensbewegten hat niemand gegen Saddam demonstriert“. Das wäre ja auch reichlich sinnlos, denn Hussein wird sich gewiß nicht von irgendwelchen Demonstrationen gegen seine Art der Regierungsführung beeindrucken lassen, zumal wenn diese Demonstrationen in fremden Ländern durchgeführt werden. Eine Demonstration soll für gewöhnlich etwas bewirken, und eine Demonstration gegen die amerikanische Außenpolitik unterstellt, daß die amerikanische Regierung sich von Demonstrationen beeindrucken läßt. Ich kann die Meinung vertreten, daß die palästinensische Mode, sich selbst in die Luft zu sprengen und dabei möglichst viele Israelis mit in den Tod zu reißen oder zu verstümmeln, ausgesprochen widerlich und unsinnig ist, ich kann auch die Meinung vertreten, daß die israelischen Maßnahmen, palästinensische Terroristen zusammen mit unschuldigen palästinensischen Bürgern umzubringen, abscheulich und abstoßend sind. Aber offensichtlich wäre es sinnlos, gegen das eine oder andere oder beides hier in Deutschland zu demonstrieren, denn meine Demonstration wird am Lauf der Dinge nicht das Geringste ändern.



1.3.2003





Heute habe ich in Landau (Pfalz) Hbf um 17:30 den schönsten Regenbogen meines Lebens gesehen. Die Sonne war schon hinter dem Bahnhofsgebäude verschwunden und nahe dem Horizont, so daß im Osten nahezu der ganze Halbkreis des Regenbogens zu sehen war. Deutlich zu erkennen war ein zweiter, äußerer Regenbogen. An der violetten Innenseite des Regenbogens waren weitere Farbschichten zu erkennen, ein zweites Grün, ein zweites Lila und schwach noch weitere Schichten.



2.3.2003





Meldungen zu tagespolitischen Fragen sind schnell veraltet und erwecken bald einen peinlichen und lächerlichen Eindruck, wie das Blättern in alten Zeitungen beweist: um welch alberne Probleme dort gerungen wurde, die sich dann von selbst auflösten, welche Prognosen erstellt wurden, die damals als vernünftig galten und heute doch absurd sind, welch schal gewordene Modebegriffe dort eitel als Neuigkeit präsentiert werden. Meiner obenstehenden Bemerkungen von vorgestern über ein aktuelles Thema ist mutmaßlich das gleiche Schicksal beschieden. Worum es mir eigentlich geht, ist aber ein vom konkreten Fall unabhängiges: wie nämlich einem guten Argument („Bislang galt international das Töten von Menschen nur dann als legitim, wenn es zur Abwendung einer unmittelbar drohenden, offensichtlichen Gefahr unvermeidbar war, und ein Abweichen von diesem Brauch erfordert eine überzeugende Begründung“) haufenweise schlechte Argumente („Die Amerikaner sind alle übergewichtige Analphabeten, die Irak nicht auf der Landkarte finden können“) hinterhergeschoben werden. Oder anders aufgefaßt: wer immer eine Ansicht vertritt, muß mit schlechter Gesellschaft rechnen.

Gautama empfiehlt, um Streit und Hader zu vermeiden, sei es ratsam, sich der Ansichten generell zu enthalten. Ich zweifle jedoch, daß das möglich ist. Ich sehe nicht, wie es zum Beispiel möglich sein sollte, den Buddhismus anders denn als Ansicht aufzufassen.





Scheinbar enthält „generieren“ die selbe Information wie „bewirken“ („Er hat viel Spott und Hohn generiert“). Tatsächlich aber unterscheiden sich die beiden Worte, und „generieren“ enthält wirklich eine zusätzliche Information: nämlich daß der Verfasser des Textes ein Angeber und Prahlhans ist („Und Gott generierte Himmel und Erde“).

Dem Wort „proaktiv“ möchte ich unterstellen, daß es ursprünglich einmal ironisch gemeint war, es hat halt bloß keiner gemerkt.



3.3.2003





Die Muslime werfen den Götzenanbetern vor, daß jene einen toten Stein anbeten, der ihnen nicht helfen kann. Das, scheint mir, ist tatsächlich ein sehr guter Einwand gegen den Götzenkult. Außerdem beten die Muslime dreimal täglich in Richtung eines toten Steines, der ihnen nicht helfen kann.





Nach anderthalb Jahren können die Terroristen endlich einen ersten Erfolg ihrer Tätigkeit verbuchen: in den westlichen Ländern soll das Folterverbot abgeschafft werden. Außerdem wird über die Wiedereinführung schwarzer Listen debattiert.





Gelegentliche Hörer klassischer Musik äußern häufig den Eindruck, die zweite Einspielung eines bestimmten Stückes des klassischen Repertoires, die ihnen zu Gehör kam, enthielte mehr Details und Feinheiten als die erste. Dies liegt, vermute ich, an folgendem: in der ersten Einspielung sind die Details a, b, c und d deutlich hörbar, in der zweiten Einspielung sind die Details c, d, e und f prägnant herausgearbeitet. Der unbedarfte Hörer hat die erste Einspielung ein paar Mal gehört und sich an die Details a, b, c und d gewöhnt. Beim Anhören der zweiten Aufnahme hört er auch die Details a und b, auch wenn sie gar nicht vorhanden sind, aus Gewohnheit, oder er vermißt sie zumindest nicht. Dafür fallen ihm die Details e und f als neu und ungewohnt um so mehr auf. Fälschlich unterstellt er, die zweite Aufnahme habe die Details a, b, c, d, e und f deutlich herausgearbeitet und sei deshalb differenzierter als die erste Aufnahme. Die Kunst eines professionellen Hörers besteht deshalb auch darin, Nuancen, die nicht vorhanden sind, auch tatsächlich nicht zu hören.



5.3.2003





Bislang hatte ich gegen die Rechtschreibreform nichts einzuwenden, aber das Käsblatt „Die Welt“ hat es geschafft, mich zu schockieren, durch die Einführung von „verwährt“, wo ich bislang unbedarft „verwehrt“ geschrieben hätte. Heißt es nun etwa auch „die Währ“, „währhaft“ oder „Währkraftzersätzung“? Und im Gegenzug dann dafür „Wehrungsumstellung“? Heißt es nun etwa auch „Wächselkursrisiko“? Und ist das Motto der Rechtschreibräformgegner künftig „wer sich nicht währt, lebt verkährt“? Wahrscheinlicher scheint mir allerdings, daß „Die Wält“ sich schlichtweg verschrieben hat, vielleicht irregeleitet durch „aufwändig“ statt bisher „aufwendig“, wär weiß. Oder sie hat „verwahren“ und „verwehren“ verwächselt, bedeutet ja auch beides fast das gleiche, oder so ehnlich. Wozu brauchen wir überhaupt ein „Ä“?



6.3.2003





Heute einen Backup durchgeführt, das Letzte liegt schließlich schon wieder ein halbes Jahr zurück. Diesmal waren es nur vier CDs voll, da ich mich bei den neu hinzugekommenen Bildern strikt auf die fertigen Ergebnisse beschränkt und die ganzen Zwischenschritte ausgelassen habe, sonst wären es fünf DVD voll geworden.





Die genaue Begründung, warum wir gegen den Irak in den Krieg ziehen müssen, wechselt täglich. Ich hoffe, der folgende Algorithmus kann für Klarheit sorgen:


<script language="JavaScript">

<!--

now = new Date();

dayOfWeek = now.getDay();

switch(dayOfWeek)

{

case 0:

document.write("weil der Irak Massenvernichtungswaffen (Pest &c.) hat");

// Wenngleich er anscheinend nicht unmittelbar vorhat, sie einzusetzen.

break;

case 1:

document.write("weil der Irak demnächst die Atombombe haben könnte");

// wobei "demnächst" so viel heißt wie "in zehn Jahren, frühestens".

break;

case 2:

document.write("weil Saddam der beste Freund bin Ladens ist");

// Auch wenn der CIA das Gegenteil behauptet.

break;

case 3:

document.write("weil Saddam Terroristen mit Waffen versorgt");

// Oder zumindest theoretisch versorgen könnte, wenngleich niemand so recht weiß,

// welchen Vorteil er davon hätte.

break;

case 4:

document.write("weil wir den Irak in eine Demokratie verwandeln wollen, als Vorbild für alle islamischen Völker");

// Die Türkei reicht uns als Vorbild eines demokratischen Staates eines

// islamischen Volkes nicht aus.

break;

case 5:

document.write("weil Saddam versucht hat, meinen Papa umzubringen");

// Wobei wir Mordanschläge als Mittel der Politik nicht grundsätzlich mißbilligen.

break;

case 6:

document.write("weil wir die Macht dazu haben");

break;

}

//-->

</script>


Und hier das Ergebnis:


Bagdad muß zerstört werden, .






Gemäß romantisch-sentimentaler Kunstauffassung dient Kunst dazu, die eigene wertvolle und einzigartige Persönlichkeit auszudrücken und muß daher originell und niedagewesen sein. Wie wir aber seit ungefähr fünftausend Jahren alle wissen, ist es schwierig bis unmöglich, in der Kunst irgend etwas hervorzubringen, was nicht so ähnlich schon einmal dagewesen wäre. Eine etwas bescheidenere Kunstauffassung besagt daher, es komme nicht darauf an, etwas völlig Neues zu sagen, sondern das, was schon zuvor gesagt wurde, besser zu sagen. Ein Plagiat ist demnach höchstens ein rechtliches, kein künstlerisches Problem, vorausgesetzt, dem Plagiierenden gelingt es, den Plagiierten künstlerisch zu übertreffen. Schande trifft den Plagiator nur dann, wenn sein Werk schlechter und geringer ausfällt als sein Vorbild.

*

Ich will mich deshalb auch nicht allzu sehr darüber beklagen, daß die neueste, lang erwartete CD von King Crimson, „The Power To Believe“, gelegentlich arg nach früheren Aufnahmen von King Crimson klingt, schließlich haben auch Johann Sebastian Bach oder Dieter Bohlen nicht jeden Tag von Grund auf neue Werke geschaffen, sondern sich selbst gelegentlich imitiert und kopiert, es kann eben nicht jeder ein Edgar Varèse sein, außerdem hat Varèse auch nur ein dementsprechend schmales Oeuvre hinterlassen und ist nie so berühmt geworden wie Bach oder Bohlen.

*

Genauer gesagt, verhält es sich mit dem neuen Crimso-Album so:

Einleitung und Schluß wurden „In The Wake Of Poseidon“ entnommen. „Lark’s Tongues In Aspic V“ wurde der Einfachheit halber kurzerhand „Level 5“ genannt. „Eyes Wide Open“ erinnert sehr entfernt an „Walking On Air“. „Elektrik“ ist eine weitere Variante der „Fracture“/„FraKctured“-Reihe. „Facts of Life“ ist ein „ProzaKc“-artiger Blues, dessen Wurzeln allerdings bis zu „Sailor’s Tale“ zurückreichen. „The Power To Believe II“ wurde auf dem ganzen Erdenrund zusammengeklaut. „Dangerous Curves“ ist das wohl älteste Stück, es reicht zurück bis ins Jahr 1918 und wurde eigentlich von einem gewissen Gustav Holst geschrieben, von King Crimson wurde das Werk erstmals auf „In The Wake Of Poseidon“ veröffentlicht. „Happy With What You Have To Be Happy With“ hatte bereits ein eigenes Album (mit einer sehr interessanten, knappen Fassung von „Lark’s Tongues In Aspic IV“). Und „The Power To Believe III“ hieß unlängst noch „The Deception Of The Trush“.

Aber im Ernst, wer will denn auch überhaupt neue Stücke von King Crimson hören, wo doch die alten so schön sind. Notfalls hören wir uns sogar „21st Century Shizoid Man“ noch einmal an, und wenn es sein muß, auch auf einem Vibraphon als Lounge-Music.



8.3.2003





Andererseits ist das ganze Gerede über unantastbare staatliche Souveränität auch nur Aberglaube. Schließlich sind nicht Völker, Nationen, Staaten oder Regierungen etwas heiliges, sondern nur die einzelnen Menschen.





Das Wort „EUR“ kommt sowohl in meinen regulären Emails als auch in dem Spam, das ich erhalte, häufig vor. Insgesamt in den regulären Emails sogar noch einen Hauch häufiger, denn in der wunderbaren Welt des Spams ist ja oft alles „umsonst“.





Irgendwelche Physiker behaupten, daß die Unordnung im Universum unaufhaltsam zunimmt. Seit ich eine kleine Tochter habe, die laufen und Dinge herumtragen kann, weiß ich auch, wer dafür verantwortlich ist.

(Fußnote: streng genommen nimmt die Unordnung nicht unaufhaltsam zu, sondern sie nimmt bloß statistisch betrachtet nicht ab; aber in praktischer Hinsicht ist das wohl das gleiche, und ein Aphorismus soll ja nach Möglichkeit nicht nur genau, sondern auch knackig sein).





Im Kulturreport der ARD werden kurz die neuen Gedichte des Papstes besprochen, an sich schon ein ziemlich lustiges Thema. Untermalt wird der Bericht mit zarten Celloklängen. Die zarten Celloklänge sind allerdings „Nothing Else Matters“ der Satanistenband „Metallica“. Die unwahrscheinliche Erklärung: es handelt sich um einen Scherz, einer der Redakteure hat mit seiner Tochter gewettet „Ich schaffe es, einen Bericht über den Papst in die Sendung zu bekommen, den ich mit Satanistenmusik untermale“. Die wahrscheinliche Erklärung: es ist halt eh alles egal, es macht sich niemand mehr weiters groß Gedanken, wie was zusammenpaßt, Anything Goes, hey, wir machen da so einen Bericht über den Dings, den Papst, Gedichte hat der alte Pole geschrieben, da braucht’s was lyrisch-klassisches mit Schmalz, nehmen wir doch das Dings da, was wo du mir neulich vorgespielt hast, mit den vier finnischen Violonisten oder was das war.



9.3.2003





Von Silvio Gesell stammt eine ökonomische Theorie, die weder kommunistisch noch liberal ist. Da Gesell kein Freund komplizierter Modelle ist, läßt sich seine Theorie der Bodenrenten recht einfach darstellen: es stehen einander Bodenbesitzer und Pächter gegenüber, aber aus irgendeinem mirakulösen Grund, der nie erklärt wird, übersteigt die Nachfrage nach Boden bei weitem das Angebot, so daß wir bei der Betrachtung eine unendliche Nachfrage unterstellen können. Der Grundbesitzer kann also den Boden zu einem Preis verpachten, so daß dem Pächter lediglich das nackte Existenzminimum verbleibt. Beziehungsweise, er kann den Boden zu einem Preis verpachten, so daß dem Pächter gerade der selbe Lebensunterhalt bleibt, den er auch bei der Bewirtschaftung eines Fleckens sumpfigen Ödlandes in einer Wildnis fern jeder Zivilisation hätte, denn das ist für den Pächter die einzige Alternative zum Pachtvertrag. Auch der Industriearbeiter sieht sich gezwungen, einen Arbeitsvertrag abzuschließen, der ihm einen Lohn auf dem Niveau des Ödlandbauern sichert, denn die Alternative für ihn wäre entweder, Ödlandbauer zu werden, oder einen Pachtertrag abzuschließen, der ihn ebenfalls nicht besser stellt. Auch ein Universitätsprofessor, Schlagersänger oder Vorstandsvorsitzende einer international operierenden Aktiengesellschaft erhält im Prinzip den Lohn eines Ödlandbauern, wobei bei diesen Personen noch die mehr oder weniger kostspielige und aufwändige Ausbildung honoriert wird.

Wir sind etwas verblüfft zu lesen, daß die Vorstandsvorsitzenden von General Motors, Procter & Gambler oder AOL Times Warner lediglich das Einkommen eines Grenzlandbauern erhalten (zuzüglich einer Ausbildungsgratifikation, die aber allzu üppig nicht ausfallen kann – Sinologen, die als Taxifahrer arbeiten, haben schließlich auch jahrelang studiert). Ein weniger mutiger und nervenstarker Bursche als Gesell hätte die offenkundige Absurdität seiner Theorie womöglich dazu bewogen, sie zu verwerfen, Gesell statt dessen verwirft das bestehende Wirtschaftssystem.

Statt dessen sollen die Grundbesitzer enteignet und das Land verstaatlicht werden. Die Pacht wird dann, wie bisher auch schon, meistbietend versteigert. Erfolgt aber die Versteigerung durch den Staat statt durch die Bodenbesitzer, dann kehrt sich durch ein zweites Mirakel das Verhältnis von Angebot und Nachfrage um, es ist nun das Angebot, das im Überfluß und praktisch unendlich vorhanden ist, jedem steht genug Land zur Verfügung, das er bequem bewirtschaften kann, die Einkommen steigen ins Unermeßliche. Anderseits sprudeln die Pachteinnahmen des Staates derart, daß er es sich leisten kann, die Bodenbesitzer nicht etwa entschädigungslos zu enteignen, sondern ihnen für den Boden die vollen Marktpreise zu zahlen, und zwar auf Kredit, einschließlich der marktüblichen Zinsen. Schon nach zwanzig Jahren, so Gesell, wäre der Staat schuldenfrei und wüßte praktisch nicht wohin mit dem vielen Geld aus den Pachteinnahmen.

Nichts desto trotz ist die Lektüre Gesells insofern faszinierend, insofern er völlig unabhängig von den bekannteren Ideologien seiner Zeit argumentiert. So wird zwar der gesamte Boden verstaatlicht, aber der Staat hat außer der völlig mechanischen und mit minimalem bürokratischem Aufwand durchzuführenden Versteigerungen nichts weiter zu tun, Staatswirtschaft, Bürokratismus und kommunistische Planwirtschaft nämlich ist Gesell ein Greuel. Falls das jemand unbedingt möchte, kann er sich mit Gleichgesinnten in einem Kollektiv zusammen schließen, als Genossenschaft einen Hof ersteigern und bewirtschaften, der Markt wird dann zeigen, ob solch genossenschaftliche Wirtschaft individueller Wirtschaft überlegen ist, Gesell jedoch bezweifelt es. Von nationalstaatlicher Souveränität hält er ebenfalls nichts, mit der Abschaffung des Grundeigentums werden Einzelstaaten auch ganz überflüssig, und Einwanderungsbeschränkungen sollen ersatzlos abgeschafft werden: alle sollen einwandern dürfen, auch die Säufer und Spieler, Land ist ja genügend vorhanden, und der Markt wird für das Nötige sorgen. Die staatlichen Einnahmen will Gesell den Müttern als Kopfpauschale für ihre Kinder auszahlen, um so die Frauen von den Männern unabhängig zu machen. Gesell sieht nämlich (vermutlich völlig zu Recht) in den Frauen die entscheidenden Trägerinnen der Zuchtwahl, die deshalb völlig frei und ungehindert entscheiden können sollen, von welchen Männern sie Kinder aufziehen wollen. Das Wort „Zuchtwahl“ ist uns vor allem aus dem Jargon der Nazis vertraut, deren Ideologie staatlich kontrollierter und gelenkter Menschenzucht freilich weit mehr Platon als Darwin verdankt, Gesell dagegen erwartet sich die Veredlung des Menschengeschlechts im wesentlichen aus der ungehinderten individuellen Wahl der Frauen, und in dieser Hinsicht ist sein Vorschlag nicht ohne Charme.





Auf der Suche nach einer bestimmten Zeichnung beim Durchblättern meiner Bilder mit Grauen festgestellt, daß das meiste davon ziemlich un