ich stehe vor dir in meiner not. ich habe angst, daß ich dich nur deshalb verehre, weil ich mich vor der hölle fürchte und vor deinem gerechten zorn. denn ich weiß, wir alle haben die hölle verdient durch die schuld, die adam auf sich lud, und wir alle sind voller sünde, und es gibt keine sünde, die ich nicht begangen hätte, und nur deine gnade kann mich retten. also denke ich mir, ich müßte dich verehren und lobpreisen und dir dienen und deine gebote halten und zu dir beten, um dich zu besänftigen und deinem zorn zu entgehen. doch ich weiß, es gibt keine tat, die dich zwingen könnte, dich zu versöhnen mit mir, wenn du selbst es nicht willst. so stehe ich vor dir wie ein schacherer und betrüger, denn es ist ja nicht wahr, daß ich zu dir bete und dich lobe und dir diene aus selbstloser liebe zu dir, sondern ich hoffe dich zu betrügen und hereinzulegen, dich zu beschwindeln und so zu tun, als geschähe all dieses aus selbstloser liebe, während es in wahrheit doch nur geschieht, deinen zorn von mir abzuwenden und der hölle zu entgehen.
ich bekenne dies dir, und noch indem ich dies bekenne, erhebe ich mich eitel über meine brüder, denn ich bilde mir ein, indem ich dir dieses gestehe, nicht aus liebe, sondern aus gewinnsucht dir zu dienen, nämlich dir zu dienen, um mir das ewige leben zu erkaufen, noch in dieser zerknirschung, o Herr, erhebe ich mich anmaßend über meine brüder. denn ich bilde mir ein, keiner von ihnen habe seine selbstzerknirschung so weit getrieben wie ich, daß er dir solches beichten könnte. sie lieben dich in ihrer einfalt wirklich und wahrhaftig, denn du, Herr, hast in deiner güte gestattet, daß auch die einfältigen dich erreichen können. ich aber bilde mir ein, sie wären wie ich, daß sie nur aus berechnung heuchelten, dich zu lieben, ohne selbst zu erkennen, daß es so ist oder vielleicht es sogar zu erkennen, daß es so ist, es dir aber nicht zu beichten, dir, der du die herzen der menschen kennst, weil du sie erschaffen hast und weil sie keinen augenblick ohne dich existieren könnten. so beichte ich dir, wie ich dich betrügen will, und noch in der beichte überhebe ich mich, weil ich mir einbilde, niemand könne so beichten wie ich. und zugleich hoffe ich, dich doch noch betrügen zu können, denn indem ich dir gestehe, wie es sich mit mir verhält, hoffe ich, durch mein geständnis doch noch deiner vergebung teilhaftig zu werden, dir doch noch das ewige leben abzuschwatzen, indem ich zwar dich nicht wahrhaft liebe, sondern nur ein geschäft mit dir abschließen will, aber dir eben dieses gestehe und dich mit diesem geständnis zu beeindrucken hoffe.
Ich weiß, daß ich durch kein werk deinen himmel und deine gnade erzwingen kann. wem du vergibst, dem vergibst du, und wem du nicht vergeben willst, dem vergibst du nicht. doch liebte ich dich wahrhaftig, dann suchte ich nicht, mir deine gnade zu verdienen, sondern täte freudig und aus liebe deine werke. und wäre es so, dann fragte ich auch nicht: wieviel muß ich tun, damit es genug ist, wie viele gebete muß ich sprechen, wie oft den gottesdienst besuchen, wie oft am hochamt teilnehmen, wie viele gute werke muß ich tun, wie oft mir sünden versagen, zu denen es meine natur drängt und die ich ohne unterlaß begehe. Denn stets und ständig begehe ich mehr als genug sünden, um deinen zorn und deine verdammung zu verdienen, und die werke aller heiligen genügen nicht, dich zu besänftigen, wenn du dich nicht besänftigen lassen willst. aber wenn ich dich wahrhaftig und aufrichtig liebte, dann würde ich nach all diesem nicht fragen, sondern ich würde tun, was eben in meiner macht stünde, und den rest würdest du mir gnädig verzeihen, weil du uns ja losgekauft hast durch das opfer deines eigenen sohnes, der du selbst bist, o Herr.
Herr, ich sehe meine brüder im glauben, und neid erfüllt mich, vermischt mit einem törichten stolz, daß ich mich auf so unheilvolle weise vor meinen brüdern auszeichne oder mir einbilde, mich auszuzeichnen. denn siehe, ich stelle mir im geist einen meiner brüder vor, wie er von der frohen botschaft gehört hat und sie in sich aufgenommen hat und nun glaubt und dich liebt und verehrt, und er verrichtet still seine werke und kehrt regelmäßig ein zu deinen gottesdiensten, und zu festgesetzten zeiten studiert er dein wort, und er sieht, wie um ihn herum die anderen gemeindemitglieder ein gleiches tun, und ist ganz ruhig. ich aber wüßte nicht, wieviel ich zu tun hätte, und so quält mich, daß ich nicht weiß, wie viel ich zu tun hätte, um deiner würdig zu sein, außer, daß ich weiß, daß keine tat mich deiner würdig machen kann, wenn du mich nicht erwählst. Nun bliebe mir nur noch, dich eben mit allen kräften zu verehren, die ich habe, und jeden moment meines lebens mich ganz auf dich zu werfen mit all meiner kraft, damit ich ehrlich sagen könnte, siehe Herr, ich weiß, ich verdiene deine gnade nicht, aber alles, was in meiner macht stand, habe ich getan, ich hoffe auf deine barmherzigkeit, daß sie mich aufrichtet. Aber siehe, auch dieses tue ich nicht, ich schreie und klage, aber ich weiß nicht, was ich tun soll, um dir recht zu dienen, ob ich mich mühen soll, den armen speise und trank zu schaffen, oder ob ich ausziehen soll, dein wort zu verkünden, oder ob ich in deine schrift mich ohne unterlaß versenken soll, oder ob ich meine tage in einsamkeit damit verbringen soll, dich zu loben und zu dir zu beten. Herr, in meiner schwachheit und unwissenheit tue ich gar nichts davon, und zu all dem, von dem ich von dir verlange, du mögest es mir verzeihen, kommt auch dies noch dazu, daß ich von dir verlange, du sollest mir verzeihen, daß ich zu gar keinem davon mich entschließen kann, daß ich mich nicht aufgerieben habe im dienst für die armen noch den heiden dein wort verkündigt habe noch ohne unterlaß deine schrift studiert habe noch ohne unterlaß dich gepriesen habe. Herr, du weißt es, all dies hätte ich tun können, es wäre mir möglich gewesen, doch ich habe es nicht getan, sondern in der sünde der melancholie und in tausend zweifeln mein leben verbracht, und auch jetzt schwinge ich mich nicht auf zum dienst an dir.
Ich weiß, nur wenige sind berufen, und eng ist das tor, schmal der weg, der zu dir führt, o Herr, und nur wenige gehen ihn. wer könnte gewiß sein, daß alle, die das zeichen der taufe empfingen, dadurch auch schon des heils gewiß wären, denn gewiß hast du alle uns eingeladen, und gewiß wendest du dich von keinem ab, der sich dir zuwendet, doch gibt es doch viele, die zwar sich haben taufen lassen, dann aber dich verleugneten und sich öffentlich von dir lossagten, und andere, die zwar vorgeben, sich zu dir zu bekennen, aber solcherart sünde über sünde auf sich laden, daß unverständlich ist, wie sie gleichzeitig so in sünde leben und sich zu dir bekennen können. so bin zwar auch ich getauft, und ich möchte mich zu dir bekennen, aber mich ängstigt, daß ich mich nicht aus liebe zu dir bekenne, sondern weil ich hoffe, deiner erlösung teilhaftig zu werden. vielleicht bin auch ich einer von denen, die zwar von den menschen zu den christen gezählt werden, aber nicht im buch des lebens verzeichnet stehen. einmal quälen mich fragen, wie denn das rechte ritual sei, dich zu verehren, und es quälen mich fragen der theologie, wie etwa solche, wie es sein kann, daß du einer bist und doch drei, wie das verhältnis von vater, sohn und heiligem geist beschaffen ist, wie sich die fleischwerdung des wortes vollzog, ob der sohn dem vater ähnlich oder gleich ist, ob das wort, als es fleisch wurde, einen menschlichen körper annahm und ob es eine menschliche seele annahm, alle diese fragen beunruhigen mich. und ein anderes mal denke ich mir, du habest deinen himmel nicht für spitzfindige schriftgelehrte, sondern für die schwachen im geiste gemacht, und es sei sünde, so viel zeit mit diesen fragen zu verbringen, und es wäre mir statt dessen heilsamer, ich versuchte, so zu werden, wie der einfältigste deiner knechte. denn nicht zu theologen bist du gekommen, sondern zu fischern und handwerkern, und du hast sie nicht für zu gering geachtet, deine frohe botschaft zu empfangen. dann aber wieder denke ich mir, einem einfachen fischer, der fromm an dich glaubt und dich verehrt und in dir lebt, wirst du leicht verzeihen, wenn er in theologischen fragen unwissend ist. wer aber angefangen hat, mit solchen fragen sich zu beschäftigen, von dem darfst du erwarten, daß er keine falsche meinung von dir hat, daß er wahrhaft dich verehrt, und nicht ein götzenbild oder hirngespinnst an deiner stelle. ein fischer wird kaum fragen, ob du, als du dich für unsere sünden in sterblicher gestalt verkörpert hast, ob du da auch eine menschliche seele annahmst oder nicht. ich aber kenne diese frage, und wenn ich hierauf eine falsche antwort gebe, so fürchte ich, eine sünde wieder den heiligen geist zu begehen und dich zu lästern und in eine schlimme ketzerei zu verfallen. darum schwanke ich, mein seelenheil müsse von diesen fragen abhängen, oder auch, die beschäftigung mit diesen fragen könne meinem seelenheil schaden. so bin ich, wie du siehst, in allem und jedem nur um mich besorgt, daß es mir wohl ergehe und ich das himmelreich gewinne, und dabei schwanke ich immer hin und her, und kaum habe ich mich von dem einen überzeugt, so fallen mir hundert gründe für das gegenteil ein.
gewiß, es stünde mir frei, mich an die autoritäten zu wenden und sie zu befragen, was in diesen dingen der rechte, orthodoxe glaube ist. allein auch hier wieder machen mich zweifel irre. wenn ich etwa sehe, wie das amt des bischofs verwaltet wird, welche spottgeburten mitglied des konzils sind, welch unwürdige person schließlich den stuhl des bischofs von rom innehat, so wandelt mich zweifel an, ob hier die autorität zu finden sei, die mir dein wort ohne einen rest von zweifel auszulegen vermag. zwar zweifle ich nicht, daß du in deiner allmacht es vermagst, auch noch den verruchtesten sünder zum werkzeug deiner vorsehung zu machen, und da wir hier auf erden alle sünder sind, ist es ja gar nicht anders denkbar, als daß auch das höchste amt von einem sünder verwaltet wird, und es schließt dies nicht aus, daß du eben diesen sünder dir erwählt hast, um die wahre katholische lehre zu verkünden. wen anders denn als einen sünder könntest du dir zu einem solchen amt erwählen, und es ist ja auch nicht die weisheit des amtsinhabers, auf die wir hoffen, sondern daß du dich zu uns wendest, indem du einen sterblichen menschen zu deinem werkzeug machst. allein es steht ja nicht gewiß fest, daß der inhaber des amtes wirklich und wahrhaftig von dir inspiriert ist, denn die schrift spricht nur sehr allgemein und unbestimmt von diesem amt. was aber die menschliche weisheit des amtsinhabers betrifft, so glaube ich, hundert mal öfter deine schrift aufgeschlagen zu haben, als er, ebenso, wie er hundert mal eher bei einem weibe lag, als deine schrift zu studieren. einzig könnte ich hoffen, du in deiner gnade wolltest dich erbarmen, durch dieses geschöpf, das unwürdig ist wie wir alle, zu uns zu sprechen und unsere zweifel zu lösen. doch Herr, o Herr, die worte, die dein stellvertreter spricht, reichen nicht aus, meine zweifel zu lösen und meine sorgen zu zerstreuen. höre ich von ihnen, wie sie ein bestimmtes problem lösen, so ergeben sich für mich daraus nur neue probleme und fragen, und meine eigentliche sorge, wie ich es anstellen könnte, deinem gerechten zorn zu entgehen, die lösen sie mir nicht.
andere christen sagen mir, sie rufen dich an, o Herr, auf daß du ihnen beistehst und ihnen ihre zweifel zerstreust und ihnen den weg weist. siehe, Herr, wenn ich dich rufe, so höre ich dich nicht, wenn du mir antwortest, so höre ich dich nicht, wenn ich mein inneres befrage, so höre ich immer wieder nur aufs neue meine eigene stimme, wie sie mir mal dieses, mal jenes rät. manchmal möchte ich mir einreden, ich könnte dabei auch deine stimme vernehmen, dann aber denke ich wieder, daß ich doch nur mich selbst höre und mich versündige, meine eigene stimme für die deinige zu halten. o Herr, ich bin sicher, daß du zu mir sprichst, in deiner gnade und barmherzigkeit rufst du ja alle menschen an, aber ich höre dich nicht, in mir ist nur mein eigener aufruhr und meine eigene verwirrte seele.
Herr, o Herr, mein Herr, alle sünden habe ich begangen, keinen frevel gibt es, den ich nicht auf mich geladen hätte, ganz und gar verworfen bin ich, alle sünden habe ich mehrfach und vorsätzlich begangen, ganz zerknirscht werfe ich mich dir zu füßen und schiele doch dabei noch zu dir, ob das schauspiel meiner demut dich täuscht und erweicht, rette mich, Herr, rette mich, rufe ich, denn um meine seele ist mir bange, nur um mir ist es mir zu tun, nicht denke ich an meine brüder, oder wenn, dann nur voller neid und groll, nicht denke ich an dich um deiner selbst willen, ich preise dich, höchster, einziger, unvergleichlicher, ewiger, schönster, mein Herr, doch nicht um deiner selbst willen preise ich doch, sondern aus eigennutz, zu dir flehe ich, aus selbstsucht flehe ich, angst habe ich, gänzlich verworfen bin ich, und frohlocke doch, was für eine einzigartige beichte ich vor dir ablege, in wahnwitziger eitelkeit will ich mit meiner eitelkeit alle meine brüder übertrumpfen und übertreffen, Herr, deinen ganzen zorn habe ich verdient, zur schuld meiner väter habe ich schuld um schuld geladen, und siehe, wie hier ein wurm vor dir steht und grübelt, wie er dir seine zerknirschung in möglichst wohlgesetzten worten, in rhetorisch möglichst wohlgesetzten phrasen vortragen kann, Herr, Herr, ganz vernichtet bin ich ohne deinen beistand, ohne deine vergebung bin ich ganz voll sünde, deine vergebung kann ich nur erflehen, wenn du mir deinen beistand leihst, um vergebung möchte ich dich bitten und muß doch noch bitten, daß du mir hilfst und beistehst, dich um vergebung zu bitten, um deine vergebung zu erlangen möchte ich dich rühren, aus eigennutz möchte ich dich selbstlos lieben und muß dich doch noch bitten, mir zu helfen, dich zu lieben. Herr, ich liebe dich nicht, es sei denn, du erweist mir in deiner unerschöpflichen barmherzigkeit die gnade, mich dich lieben zu lassen, Herr, ich vermag dich nicht selbstlos zu lieben, denn nur auf mein wohl sind meine gedanken gerichtet, ich flehe dich an, gieße alle deine gnaden über mir aus, siehe, nackt hast du mich geschaffen, und nackt stehe ich vor dir, du kennst alle meine gedanken, du kennst mich besser als ich selbst, ich stehe vor dir und bringe aus mir selbst nichts mit zum gnadenwerk, ganz und gar bin ich auf dich verwiesen, nichts kann ich dir abnehmen, ganz bin ich auf dich verwiesen, Herr, ich erbitte von dir, schenke mir eine umkehr aus der sünde zu dir, nicht, weil ich sie verdient hätte, ich stehe nackt und ohne verdienst vor dir, siehe, ich habe nichts getan, alles mußt du vollbringen, Herr, rette mich, o Herr, errette mich.
und doch, mich selbst mache ich klein, alles bürde ich dir auf, in meiner faulheit und bequemlichkeit, o Herr, ich weiß wohl, auch wenn es nichts gibt, was ich tun könnte, um dich zu zwingen, mich ins buch des lebens einzutragen, wohl stünde es mir frei, mich zu bemühen, zu dir hinzustreben, ich habe es unterlassen, die gnade kann ich mir nicht verdienen, wohl aber hätte ich nicht untätig bleiben brauchen, Herr, Herr, angst habe ich, daß ich mich nicht ändern werde, alles verlange ich von dir, alles erwarte ich von dir, verstockt und reglos bleibe ich, in der sünde verharre ich, was ich tun könnte, tue ich nicht. bequem ist es für mich, zu sagen: die gnade läßt sich nicht durch verdienst erwerben, alles liegt an gott. so bleibe ich untätig und in der sünde, und die umkehr kann nicht stattfinden, nicht durch deine Schuld, sondern durch meine.
Herr, Herr, ich flehe zu dir, ich bete zu dir, meine zuflucht nehme ich zu dir, und immerfort lüge ich, erlöse mich, errette dich, erbarme dich meiner. im namen Jesu Christi, rette mich.
doch denke ich manchmal, du habest uns das leben gegeben, nicht daß wir uns quälen und leiden, denn du bist kein böser gott, sondern ein gütiger gott, du wolltest, denke ich mir, daß wir an dich glauben und dich verehren und hier ein leben auf erden führen, bemüht, nach deinen geboten zu leben, tätig, nicht müßig, nicht abgewandt von der welt, denn du hast die welt geschaffen, nicht irgend ein demiurg hat die welt geschaffen, sondern du, o Herr, und du hast sie gut geschaffen, denn du bist ein guter gott. also sollen wir unsere tage nicht in sündiger schwermut und melancholie verbringen, sondern tätig sein und mithelfen am tun der welt, soweit es sich mit dem glauben und deinen geboten veträgt. darum, so denke ich manchmal, ist es sünde, wenn ich auf solch übertriebene art mich zerknirsche und demütige und mit mir hadere und zweifel um zweifel um mich her wälze und dabei ständig gedanken in meinem geist bewege, die mich mit furcht erfüllen. keiner von uns weiß auf erden, scheint mir, ob er zu den wenigen erwählten gehört, doch vielleicht wolltest du in deiner güte nicht, daß wir uns damit quälen, ob wir erwählt sind oder nicht, sondern wir sollen ruhig auf dich vertrauen und darauf, daß nicht irre geht, wer auf dich vertraut und wer dich anruft. dann scheint es mir sündig, beständig über die eigene erwähltheit nachzugrübeln, und ich fürchte, eben darum aus dem buch des lebens ausgelöscht zu werden, weil meine gedanken so oft darum kreisen, ob ich wohl in ihm verzeichnet sei.
Herr, ich tue so, als würde ich mich auf dich werfen mit meinem ganzen glauben, als würde ich dich preisen in der hoffnung, das beständige preisen werde sich einmal von der lüge in die wahrheit verwandeln, was als schauspiel begann, dich zu täuschen und dich glauben zu machen, ich liebte dich, würde mit der zeit, gewohnheit geworden, wahrheit werden, ich würde mich hineinfinden und dich, von dir gestützt und gestärkt, schließlich wahrhaft und aufrichtig preisen. doch es geht mir dabei so, daß ich dabei nur achtgebe, ob es denn wohl schon ehrlich genug sei, das loben und preisen und huldigen, und wie viel fortschritte ich hierbei schon gemacht habe, so daß ich in wahrheit gar keine fortschritte mache und jetzt nicht weniger lüge und schwindle als früher.
Herr, nimm mich auf in deine gnade, schenke mir deinen glauben zu dir, schenke mir deine liebe zu dir, erbarme dich meiner, erbarme dich, erbarme dich, errette mich aus meiner not und meiner sündenpein, hilf mir, o Herr, Herr, ich schreie zu dir, ich mache viele worte, obwohl uns gesagt worden ist, im gebet nicht viele worte zu machen, ich will dich auch mit der länge meines gebets bewegen, ich will dich durch mein lautes geschrei bewegen, dich, den nichts bewegen kann und der unveränderlich bleibt von ewigkeit zu ewigkeit, sieh, welch narr ich bin, Herr, erlöse mich, Herr, erbarme dich. hilf mir, stehe mir bei, Herr, o Herr, o mein Herr.
Mein Herr, mein Herr, warum hast du mich verlassen, bist fern meinen schreien, den worten meiner klage? mein Herr, ich rufe dich bei tag, doch du gibst keine antwort; ich rufe bei nacht und finde doch keine ruhe. aber du bist heilig, du thronst über dem lobpreis israels. dir haben unsere väter vertraut, und du hast sie gerettet. zu dir riefen sie und wurden befreit, dir vertrauten sie und wurden nicht zuschanden. ich aber bin ein wurm und kein mensch, der leute spott, vom volk verachtet. alle, die mich sehen, verlachen mich, verziehen die lippen, schütteln den kopf: „er wälze die last auf den Herrn, der soll ihn befreien! der reiße ihn heraus, wenn er an ihm gefallen hat.“ du bist es, der mich aus dem schoß meiner mutter zog, mich barg an der brust der mutter. von geburt an bin ich geworfen auf dich, vom mutterleib an bist du mein Herr. sei mir nicht fern, denn die not ist nahe, und niemand ist da, der hilft.
Wer ist es. der nicht gegen Gott gesündigt hätte,
wen gibt es. der seine Gebote stets befolgt hätte?
Die gesamte Menschheit, alle, die leben,
sind in Sünde.
Ich, Dein Diener. habe jedwede Sünde
begangen.
Ich diente Dir wohl,
doch ich diente Dir in Unwahrheit.
Lügen sprach ich und achtete meine
Sünden gering,
Unziemliches sprach ich;
Du aber weißt alles.
Ich verging mich gegen den Gott,
der mich schuf,
Abscheuliches tat ich.
immer erneut die Sünde begehend.
Ich gierte zudem nach Deinem
reichen Besitz,
nach Deinem kostbaren Silber
gierte ich ohne Unterlaß.
Ich erhob meine Hand und entweihte,
was unantastbar,
unrein betrat ich den Tempel.
Jeden Tag verübte ich
schändlichen Frevel.
Ich übertrat Deine Gebote in allem,
was Dir mißfiel.
Ich lästerte Deine Göttlichkeit
in der Raserei meines Herzens.
Immer erneut beging ich Verwerfliches,
bewußt tat ich dies, aber auch unbewußt.
Ich wandelte ganz nach meinem störrischen Sinn,
ich häufte Untat auf Untat.
Genug, mein Gott,
lasse Dein Herz sich wieder beruhigen,
möge die erzürnte Göttin sich ganz besänftigen!
Laßt ab von dem hochgestiegenen Zorn Eurer
Herzen.
Dein hehrer Sinn, den ich beschwor,
möge sich mit mir auf Dauer
versöhnen.
Sind meine Übertretungen auch ohne Zahl,
löse von mir meine Schuld.
Sind meine Frevel auch sieben,
lasse Dein Herz wieder ruhig werden.
Sind meine Sünden auch sieben mal sieben,
zeige Erbarmen und heil mich!
erschöpft, wie ich bin, faß meine Hand
. . .
31.12.96 00:39 Jan Thor
Das akkadische Gebet ist authentisch, das von mir erfundene Theologengebet ist Fiktion; das akkadische Gebet ist deshalb per definitionem frei von Anachronismen, nicht aber meine Fiktion.
Einige Stellen meines Gebets, die Erwähnung von Konzilien, die Fragen nach der menschlichen oder göttlichen Natur Jesu, lassen darauf schließen, daß das Gebet in die Zeit der Spätantike gehört. Die Idee aber, Gott müsse um seiner selbst willen, nicht um eines Vorteils wie der ewigen Seeligkeit willen geliebt werden, ist, soweit ich weiß, erst in der Mitte oder gegen Ende des Mittelalters entstanden. Das früheste Zeugnis, das mir bekannt ist (glücklichere und gebildetere Leserinnen mögen frühere Fundstellen beisteuern), findet sich bei Farid ud-din Attar, der von etwa 1140 bis 1230 lebte und in seiner „Lebensbeschreibungen der Heiligen“ schreibt:
Herr, wenn ich dich aus Furcht vor der Hölle anbete, verbrenne mich in der Hölle, und wenn ich dich aus Hoffnung auf das Paradies anbete, verbanne mich aus dem Paradies; wenn ich dich aber um deiner selbst anbete, verweigere mir nicht deine unvergängliche Herrlichkeit.
In späteren Jahrhunderten wird diese Idee Gemeingut; Meister Eckhart etwa erörtert sie ausführlich.
Älter ist das Problem der Rechtfertigungslehre. Paulus hat diese Frage diskutiert, Augustinus seine Lösung aufgegriffen, Luther ist zu ihr zurückgekehrt. Aber, wie wir gesehen haben, schon 2700 v.Chr. haben sich Menschen mit eben diesem Problem beschäftigt. Ich nehme an, die Sumerer interessierte eigentlich eine andere Frage: nämlich die, wie sich die Theorie des Tat-Ergehens-Zusammenhanges retten ließe. Diese Theorie besagt, daß es einem Menschen, der die göttlichen Gebote einhält, gut ergehen wird (viele Frauen, viele Kinder, viel Vieh), einem Menschen dagegen, der gegen die göttlichen Gebote verstößt, wird es schlecht gehen (Krankheit, Armut, früher Tod). Es gibt ernsthafte Gründe, diese Theorie für falsch zu halten; in sumerischer und akkadischer Tradition entstanden Hiob-Texte, die diese Theorie widerlegen sollten, einer davon fand Eingang in die Bibel. Das von mir zitierte Problem löst das Problem: es gibt so viele und komplizierte göttliche Gebote, daß es unmöglich ist, nicht gegen einige von ihnen zu verstoßen. Deshalb sind wir alle schuldig, und nur die Gnade der Götter kann uns erlösen (das ist selbstverständlich nicht die einzige Möglichkeit, das Hiobproblem zu lösen: eine weitere Möglichkeit besteht in Ad hoc-Hypothesen, die etwaige Gegenbeispiele gegen die Tat-Ergehen-Theorie nach Art des Hiobschicksals wegerklären, eine weitere Möglichkeit besteht in der Annahme eines Lebens nach dem Tod, in dem dann die Menschen belohnt oder bestraft werden, statt, wie es die ursprüngliche Theorie vorsah, noch im Diesseits, eine weitere Möglichkeit besteht in der schlichten Annahme, daß die Tat-Ergehen-Theorie falsch und die Welt an sich nicht gerecht ist: gerecht können allenfalls wir Menschen sein, wenn wir es denn wollen, unsere Götter aber nicht). Die Theorie, daß wir alle Sünder sind, findet sich wieder bei Paulus, im berühmten Birnenraub des Augustinus findet sie ihre Bestätigung. Wenn wir aber alle gleichermaßen Sünder sind, die die Hölle verdienen, kann uns nur die willkürliche Gnadenwahl Gottes retten. Aus der Willkür der Gnadenwahl ergeben sich seltsame Folgerungen: bereits Paulus zog den Schluß, einem Christen sei alles erlaubt, und sie ersetzt die Willensfreiheit durch den Determinismus, weshalb die katholische Kirche sich im Laufe der Jahrhunderte entschloß, die Theorie der willkürlichen Gnadenwahl stillschweigend fallen zu lassen: eben darin besteht ja der wesentliche Unterschied zum Protestantismus, der mit Luther an dieser Idee festhält, und nicht etwa im dem Supremat des Bischofs von Rom oder dem Zölibat oder der Frauenordination.
Unser Theologe ist auf den gleichen Gedanken verfallen wie Attar und Eckhart: daß der Gläubige Gott nicht um der ewigen Seeligkeit, sondern um seiner selbst lieben soll, aber zu seinem Unglück ist es ihm unmöglich, sich selbst diese Liebe nach eigenem Belieben zu attributieren, so, wie Attar oder Eckhart das ohne weiteres tun. Wäre ich ein Christ, was ich zum Glück und aus ganz anderen Gründen nicht bin, würde ich mich wohl mit ähnlichen Problemen herumschlagen müssen.