Iratsume



Iratsume oder die Sophisten


Ich möchte im folgenden gerne erklären, wie es zu dem Bild „Waisenkind“ gekommen ist, aber vermutlich wird das, wie so oft bei mir, eine etwas weitschweifige und umständliche Geschichte.

Bezüglich der Populärkultur bin ich manchmal nicht ganz auf dem laufenden, weil ich keinen Fernseher mit Kabel oder Schüssel habe und im Radio nur den lokalen Kultursender höre, der hauptsächlich klassische Musik im Programm hat, also gemäß der zappaschen Definition Musik von Leuten, die tot sind, zu Lebzeiten Perücken trugen und Musik für Instrumente schrieben, die braun sind. Das hat zur Folge, daß ich jedesmal, wenn ich zufällig (Supermarkt, flüchtige Bekannte, Atomschutzbunker) Popmusik höre, ganz begeistert bin, wie eingängig diese Musik doch klingt. Nach ein paar Mal hören klingt sie auch wieder sehr ausgängig. Nun ja.

Vor langer Zeit, noch vor der Erfindung des Bump-mapping, hat Eidos mal ein Spiel herausgebracht, dessen Titelheldin in ein so interessantes Grün gekleidet war, daß ich eine rasche Zeichnung mit ihr hinwarf, als ich eine Werbung für dieses Spiel auf einem Prospekt fand, der unserer Tageszeitung beilag. Inzwischen könnte ich mich über diese Torheit ziemlich ärgern, denn mittlerweile gibt es unprofessionelle, kindliche und unbeholfene Fanzeichnungen jener Polygongestalt kiloweise im Internet. Mit dem „Waisenkind“ verhält es sich aber nicht anders, denn wieder handelt es sich um eine Gestalt der Populärkultur, die ich versucht habe, zu zeichnen, ehe sie, jedenfalls auf dieser Hemisphäre, berühmt wird, nämlich um Iratsume (oder so ähnlich) aus „The Sophists“.

Warum sie so einen auffälligen Fleck am am rechten Auge hat, weiß ich nicht. Das wird in einer der mittleren Folgen irgendwann einmal erklärt, aber mein Englisch ist leider zu schlecht, so daß ich die entsprechende Stelle leider nicht verstanden habe. Ich schmeichle mir zwar, daß ich geschriebenen englischen Texten halbwegs zu folgen vermag (notgedrungen, da ich nicht jedesmal hundert Jahre warten möchte, bis der entsprechende Text endlich einmal ins deutsche übersetzt wird), im mündlichen Kommunizieren unter Verwendung der englischen Sprache bin ich aber völlig ungeübt. Trotzdem, wenn ich die Wahl habe zwischen einem englischsprachigen Zeichentrickfilm und dem ZDF, dann wähle ich natürlich den Zeichentrickfilm, da ich, wie gesagt, ausgehungert nach Populärkultur bin und es liebe, wenn es auf dem Bildschirm ordentlich kracht und funkelt und leuchtet und gezeichnete Wesen herumhampeln. Vielleicht habe ich mir auch noch einen Teil meines kindlichen Gemüts bewahrt, denn Kinder, so habe ich den Verdacht, schätzen auch meistens Zeichentrickfilme ohne irgendwie auf die Qualität zu achten.

Es geschieht nun ziemlich selten, daß ich Gelegenheit habe, Kabelfernsehen zu sehen, eigentlich nur, wenn ich verreise, dann aber habe ich meistens besseres zu tun, als fern zu sehen. Bei unserer letzten Italienreise jedenfalls aber war es so, daß wir meistens abends müde nach Hause kamen, erschöpft ins Bett sanken, um dann noch einmal kurz das Hotel auf der Suche nach Nahrung zu verlassen. Und dort in Italien hat irgend ein Hotelbesitzer ein Kabelprogramm auf seinen Fernsehern laufen lassen, daß einen japanischen Zeichentrickfilm (=Anime) immer genau dann abends brachte, wenn die letzten Museen geschlossen hatten und den ich beim zappen entdeckte und über den ich mich freute, denn ansonsten gab es da noch, wie gesagt, das zweite deutsche Fernsehen, CNN und verschiedene italienische Sender (und ein türkischer Sender und ein französischer, glaube ich), und nach einem anstrengenden Tag, dachte ich, ist ein hirnverbrannter Zeichentrickfilm genau das richtige, um das Gehirn langsam wieder vom Olymp bis auf Schlafhöhe herabzuführen. Die Serie hatte mindestens zehn Teile, und ich glaube, die ersten zehn Teile bildeten ein abgeschlossenes Ganzes. Ob Fortsetzungen existieren, weiß ich nicht, vielleicht weiß es ja eine der Leserinnen (ich habe auch schon geschaut, ob es „The Sophists“ oder „Die Sophisten“ auch auf Video oder DVD gibt, das wäre für mich dann nämlich ein Grund, daß wir uns einen Videorekorder oder einen DVD-Player kaufen, das scheint es aber nicht zu geben, schade). Und diese zehn Teile liefen immer Werktags, von Montag bis Freitag, und zwar in den zwei Wochen, in denen wir das Hotel bewohnten. Nun habe ich nicht alle Folgen gesehen, denn wir waren ja nicht nach Italien gefahren, um fern zu sehen: an mindestens zwei Abenden gingen wir, nachdem wir das letzte Museum verlassen hatten, an den Arno und blieben dort bis zur Abenddämmerung und schauten den vielen Mittouristen aus allen Teilen der Welt (darunter auch viele Japaner) zu, und an diesen zwei Abenden habe ich die Serie verpaßt (den zweiten Teil etwa habe ich dadurch verpaßt; nach der ersten Folge war mir noch nicht recht klar, daß ich mich in diese Serie verlieben würde; danach versuchte ich unsere Tagesplanung so zu beeinflussen, daß wir rechtzeitig im Hotel zurück waren).

Der Anfang: der Meister (Munahira oder Munehiro oder so) und der Schüler (Mimamoto Mitschimischu oder Minamoto Michimitsu oder so ähnlich, ich habe zum Glück die Namen, soweit ich sie lautmäßig verstanden habe, in meinem Reisetagebuch aufgeschrieben, sonst wüßte ich sie heute nicht mehr) trinken zusammen Tee (was sie im folgenden quasi ständig machen) und unterhalten sich darüber, was sie letzte Nacht geträumt haben. Wenn ich es richtig verstanden habe, dann hat Michimitsu, der Schüler, geträumt, zu sterben, was Munehiro, der Meister, als glückliches Vorzeichen deutet, daß nämlich für Michimitsu ein neuer Lebensabschnitt beginnt. Munehiro dagegen hat geträumt, mit einem unsichtbaren Gegner zu kämpfen, und kann diesen Traum nicht deuten.

Es geht dann weiter, daß Michimitsu irgend so eine Prüfung ablegen muß, um ein vollwertiges Mitglied in der Gemeinschaft der Sophists zu werden (warum die Burschen „Sophists“ heißen, und ob das irgendwas mit den griechischen Sophisten zu tun hat, entzieht sich leider völlig meiner Kenntnis). In seinem Fall besteht seine Prüfung darin, daß er einen bestimmten Gedächtniskristall wiederbeschaffen soll (es kann natürlich auch sein, daß er eine Frau namens Christel, die gerne Memory spielt, herbeischaffen soll, statt eines Gedächtniskristalles, mein Englisch ist, wie gesagt, nicht so toll, ich glaube aber doch, daß es sich um einen Gedächtniskristall handelt, denn in Folge Drei ist so ein oktaederähnliches Ding zu sehen). Von diesem Gedächtniskristall zeigt sich, daß er in einer Stadt zu finden ist, die nur noch von Robotern bewohnt wird. Wie und warum diese Stadt entstand und von Menschen verlassen wurde, wird auch während einer der Teepausen erklärt, noch in der ersten Folge, aber da müßte ich raten, wenn ich sagen sollte, wie diese Story verlaufen ist.

Meister und Schüler führen, wie gesagt, in der ersten Folge dauernd alle möglichen Gespräche buchstäblich über Gott und die Welt, und es dauert ein bißchen, bis die Geschichte so richtig in Schwung kommt. Anscheinend sind beide Polytheisten, aber Michimitsu hat wohl irgendwie Zweifel an der Existenz der Götter, denn er sagt so etwas wie, daß die Götter nur ein Name für unsere eigenen Seelenstimmungen sind. Darauf kommt dann vom Meister so ein mystischer Spruch, daß das schon irgendwie stimme, daß er es doch aber auch andersrum sehen könnte, daß nämlich die Seelenstimmungen nur ein unbeholfener Name für die Götter sind (das „unbeholfen“ stammt von mir, wer Genauigkeit verlangt, muß sich das Original anschauen).

Bevor die beiden aufbrechen, wollen sie sich mit einem Scout treffen, der ihnen den Weg zur verlorenen Stadt weisen soll. Dieser Scout ist Iratsume. Die drei verabschieden sich von verschiedenen Sophists und anderen Leuten, dann fuchteln Munehiro und Michimitsu mit ihren Armen, und ein Torbogen in einer Art Amphitheater füllt sich mit Licht, das Ganze verwandelt sich in ein Dimensionstor, die drei schreiten hindurch und sind in einem anderen Amphitheater mit Torbogen, in einer verlassenen Gegend, wo sie dann umherwandern und in einer Teepause das bereits erwähnte Gespräch über die Götter führen. Der erste Teil endet damit, daß die drei Reisenden von so einer Art Räuberbande überfallen werden. Die Räuber haben Maschinengewehre, die beiden Sophists jeweils ein japanisch ausschauendes Krummschwert (ungefähr so, wie ich mir ein/eine(?) Katane vorstellen würde, so ein bißchen wie das Gerät, das meine Drachenjägerin mit sich herumschleppt (vielleicht mag ich „The Sophists“ ja deshalb) oder wie das Schwert in „Ghost Dog“), und Iratsume ist unbewaffnet.

Ich habe keine Ahnung, wie die drei den Räubern entkommen, denn den zweiten Teil habe ich, wie gesagt, nicht gesehen, und im dritten Teil haben die drei die verlorene Stadt erreicht. Die Roboter, die die Stadt bewachen, sind mit magischen Fähigkeiten ausgestattet, aber die beiden Sophisten können einen Schutzkreis um sich zaubern und in die Stadt eindringen (die Stadt erinnert ein bißchen an Blade Runner oder Alien, und außerdem hat sich einer der Japaner einen Scherz erlaubt und läßt an einer Stelle als Hintergrundmusik die Melodie von „Wir sind die Roboter“ von Kraftwerk laufen). Es passieren verschiedene Actionsachen, die für die weitere Handlung nicht so spannend sind, es gibt weitere Teepausen und tiefgründige Gespräche in dem Stil, daß der Sophist jederzeit mit dem Leben abschließen kann, weil er sich selbst nicht ernst nimmt und sein eigenes Ich nicht so wichtig nimmt (mir kam es so vor, als würde Munehiro die Buddha/Hume/Nietzsche/Churchland-These vertreten, daß es kein Ich gibt, aber das ist wahrscheinlich Einbildung und ein wenig übertrieben: wir sehen (und hören) bekanntlich nur, was wir kennen, und es ist ja nur ein Zeichentrickfilm und keine philosophische Vorlesung). Der Höhepunkt und Schluß der Folge ist jedenfalls, wie die drei die große Grabkammer (oder was auch immer) finden, in deren Mitte der Gedächtniskristall wie auf einem Präsentierteller auf einem Säulenstumpf liegt. Munehiro will den Kristall im Namen der Sophistenschaft requirieren, als Iratsume Michimitsu das Schwert aus der Scheide zieht und Munehiro damit bedroht: er soll ihr den Kristall überlassen, sie könne ihm jetzt nicht erklären, weshalb, Munehiro erklärt ihr, daß sie in einem Kampf gegen ihn keine Chance hätte, Iratsume behauptet, daß im Gegenteil sie ihn töten werde, wenn er nicht nachgebe, er will mit ihr über alles reden, wie das so seine Art ist, sie fleht ihn an, sie nicht zu zwingen, ihn zu töten (an der Stelle wird es dann richtig dramatisch, und obwohl ich nur die Hälfte verstanden habe, war es diese Stelle, wo ich dachte, daß ich schauen wollte, ob ich es einrichten könnte, morgen zur Fernsehzeit wieder im Hotel zu sein), und schließlich schlägt sie ihm den Kopf ab, er kippt tot um, sie bricht weinend über seiner Leiche zusammen, Michimitsu stürzt auf sie los, sie flieht mit dem Kristall. Ende Teil Drei.

Teil Vier beginnt, daß ein Raumschiff (oder ein Flugzeug, es gibt keinen Hinweis darauf, ob die Serie auf der Erde, auf einem oder mehreren fremden Planeten spielt) von mehren anderen Raumschiffen verfolgt wird, es landet auf einer Plattform in einem Krater, aus dem Raumschiff/Flugzeug kommt Iratsume, das Raumschiff wird zerschossen, der „Assistent des verrückten Professors“ kommt Iratsume entgegen gerannt und begrüßt sie überschwänglich. Mehrere Roboter schießen auf Iratsume, die die Hände faltet, worauf die Kugeln von ihr abprallen. Der Assistent winkt den Robotern ab, nicht doch, ihr werdet doch nicht auf so einen lieben und lange erwarteten Gast schießen. Iratsume stürzt sich in einen Schacht und landet nach einigen schnellen Schnitten im Hauptquartier des Oberschurken, eines gewissen Ehisehi oder Aishai oder Eisai. Es kommt zu einem Dialog zwischen Eisai und Iratsume, von dem ich leider fast gar nichts verstanden habe. Ich glaube, daß Eisai einen Chip oder eine Bombe in Iratsumes Gehirn implantiert hat, und Iratsume bietet ihm den Gedächtniskristall im Tausch gegen die Deaktivierung dieses Chips an, aber das ist nur eine Theorie, es kann auch sein, daß beide sich über etwas ganz anderes unterhalten. Die letzten Worte von Iratsume sind jedenfalls, daß sie nicht den ganzen Tag Zeit hat, dann gibt es einen harten Schnitt zu Michimitsu, der noch immer in der verlorenen Stadt ist, wo er aber inzwischen Verstärkung von seinen Sophistenkollegen erhalten hat. Der Verlust des Gedächtniskristalles wird allgemein beklagt. Außerdem ist, glaube ich, die Rede von einem bevorstehenden Krieg zwischen Name-habe-ich-mir-leider-nicht aufgeschrieben und Name-habe-ich-mir-leider-nicht-aufgeschrieben (im folgenden die „Blauen“ und die „Roten“ genannt). Noch ein harter Schnitt: Iratsume sitzt einsam auf einem öden Hügel und meditiert. Ein alter Mann kommt den Hügel hinaufgeschnaubt. Er ist einer vom Volk der Blauen, das demnächst vom Volk der Roten angegriffen werden wird. Iratsume sagt einen Satz, in dem das Wort „tax“ vorkommt, ich denke, etwas in dem Sinn, daß es doch egal sei, an wen die Leute ihre Steuern zahlen, ob an das Finanzamt der Blauen oder der Roten. Der alte Mann erklärt etwas in dem Stil, daß die Blauen eine edle Republik und die Roten eine Diktatur mit Folter und Lagern haben. Iratsume steht auf, es wird mal wieder dramatisch, woher denn der alte Mann wisse, daß sie auf Seiten des Guten kämpfe, sie könne ja auch eine Vertreterin des Bösen sein und außerdem könne sie ihn ohne weiteres töten, und dazu steigen im umliegenden Gestein Feuerblasen auf. Der alte Mann sagt, er habe ein langes und glückliches Leben geführt und fürchte den Tod nicht. Iratsume antwortet, sie habe ein kurzes und unglückliches Leben geführt und fürchte den Tod ebenfalls nicht. Ich nehme an, stolz auf diese geistreiche Antwort, ist sie milder gestimmt und verspricht dem alten Mann, den Blauen gegen die Roten zu helfen. Allerdings will sie wissen, ob es bei den Blauen ein Ritual der „Purification“ gebe. Es scheint so, als ob Iratsume einwilligt, den Blauen zu helfen, wenn sie dafür ein bestimmtes Reinigungsritual durchführen darf, wodurch sie dann Mitglied im Stamm oder Bürgerin des Volkes der Blauen wird, oder so irgendwie.

Die Armee der Roten besteht ausschließlich aus Robotern und automatischen Panzern und dergleichen. Iratsume schwebt ihnen im Lotussitz entgegen, mit geschlossenen Augen, und dann zerplatzen alle Roboter und Panzer, das Ganze ist natürlich ein opulenter graphischer Festschmaus, der gehörig zelebriert wird. Iratsume erfährt dann von den Blauen, daß das noch nicht alles war und daß die Roten nach der Vernichtung ihrer Roboter sicher auch noch eine menschliche Armee hinterherschicken werden. Also zieht Iratsume los (ins Land der Roten oder in eine Grenzregion, keine Ahnung) und wird verhaftet. In der Zwischenzeit nähern sich Michimitsu und ein weiterer Sophist namens Tabito dem Land der Blauen (zu Fuß natürlich, und inklusive regelmäßiger Teepausen) und entdecken dabei die Trümmer der Roboter, die ihnen einige Rätsel aufgeben.

Nun kommt es zu einer ziemlich blutigen Szene (meiner Meinung nicht unbedingt vorabendtauglich, aber da sind die Meinungen von Land zu Land bekanntlich auch unterschiedlich). Iratsume erschlägt mit dem Schwert, das vermutlich immer noch das Schwert ist, das sie Michimitsu gestohlen hat, mehrere Soldaten, dann tötet sie weitere Soldaten nur durch Gesten ihrer Hände, dann beginnt sie zu schreien und tötet alle Anwesenden mit ihrer Stimme, dann sehen wir, wie die Wirkung ihrer Stimme das ganze Gebäude durchdringt und alle Menschen wie eine Orkanböe packt und zerreißt, außerdem sehen wir, wie Iratsume schreiend zusammensinkt. Das Ganze ist so gemacht, daß allmählich alle Farben bis auf Rot verschwinden und alle Gegenstände allmählich eine Rottönung annehmen, unterlegt ist das Ganze mit stampfender Heavy-Metal-Music (wahrscheinlich auch wieder ein Zitat, irgend eine ironische Anspielung, die ich aber nicht erkannt habe), und vielleicht kann ich froh sein, daß ich diese Szene nur auf einem kleinen billigen Fernsehschirm gesehen habe und nicht im Kino auf einer großen Leinwand, denn eigentlich war das Ganze ziemlich grauenerregend und unappetitlich.

Zurück im Land der Blauen verfällt Iratsume einem Fieber und verliert das Bewußtsein. Inzwischen sind auch Michimitsu und Tabito angekommen und werden von den gutgläubigen Blauen (die nicht wissen, daß Iratsume Michimitsus Lehrer getötet hat) zu Rate gezogen, was sie mit der erkrankten Iratsume anfangen sollen.

Dann kommt ein nächtliches Gespräch zwischen Michimitsu und Tabito. Beide haben erkannt, daß Iratsume sich morgen wieder erholen wird, und daß heute Nacht ihre einzige Chance ist, Iratsume zu töten. Sie erörtern, ob so ein Mord ethisch zu vertreten ist. Wenn ich es richtig verstanden habe, sagen sie, daß es das Höchste für einen Menschen ist, am Leben zu bleiben und die Sonne sehen zu können, und daß das Recht auf Leben zu den elementaren Rechten aller Menschen gehört. Andererseits ist klar, daß niemand eine wieder gesundende Iratsume daran hindern kann, noch mehr Menschen umzubringen. Schließlich entscheiden sich Michimitsu und Tabito gegen den Mord. Am nächsten Tag erwacht Iratsume, sie ist wieder bei klarem Bewußtsein, es folgt in so einer Art Apollontempel die Reinigungszeremonie, bei der Iratsume ihre Sünden beichtet (falls ich die Szne richtig gedeutet hat und mir meine katholische Herkunft nicht irgend einen Wahrnehmungsstreich gespielt hat), und daraufhin ist sie im Stamm der Blauen aufgenommen. Wenn ich es richtig verstanden habe, zählt sie in der Beichte alle Menschen auf, die sie getötet hat, nämlich sieben ihrer „Geschwister“, Munehiro, und eine unbekannte Zahl der Soldaten der Roten, kann aber auch sein, sie sagt etwas ganz anderes. Neue Hiobsbotschaft: die Roten planen einen dritten Invasionsversuch (eigentlich bewundernswert hartnäckige Burschen), und zwar diesmal wieder mit Robotern. Die Blauen bitten Michimitsu und Tabito um Hilfe, es kommt zu einigen weiteren Gesprächen über das Wesen der Polis und über das Kriegführen, von denen ich leider nicht übermäßig viel verstanden habe. Iratsume einerseits und die beiden Sophists andererseits schließen so etwas wie Waffenstillstand, um gemeinsam den Robotern der Roten entgegen zu gehen. Iratsume will zuerst nicht (ich glaube, sie ist auch ein bißchen beleidigt, daß die Blauen sich nicht mit ihrer Hilfe begnügt haben); sie hat dann einen Traum, in der Munehiro ihr erscheint, mit der tödlichen Wunde, die sie ihm geschlagen hat, und sie fängt im Traum an zu weinen und legt ihren Kopf in seinen Schoß und sagt irgendwas in dem Sinn, wie toll sie ihn fand und wie leid es ihr tut, daß sie ihn umgebracht hat, und Munehiro sagt etwas in der Richtung, daß sie sich bemühen solle, auch ein Sophist zu werden und sich mit Michimitsu und Tabito zu versöhnen.

Die Roboter der Roten werden von Iratsume mit einigen buddhistischen Posen in bewährter Manier zerlegt, dann aber sieht sich das Trio mit einem besonderen Roboter konfrontiert: einem Roboter mit zwei Beinen, vier Armen, und in jeder Hand ein Schwert. Es stellt sich heraus, daß es sich um einen Roboter mit magischen Fähigkeiten handelt (mit seinem eigenen magischen Schutzzirkel, wenn ich es recht verstanden habe). Die drei ziehen ihre Schwerter (Michimitsu hat sich anscheinend ein neues Schwert besorgt), und es kommt zu einem weiteren dramatischen Schwertkampf. Gemäß der Dramaturgie solcher Filme muß dabei natürlich einer von den Guten auf der Strecke bleiben, in diesem Fall Tabito, der von dem Roboter erstochen wird, der ansonsten herumhoppst wie der Hauptdarsteller in einem Karatefilm und mit allen vier Schwerter gleichzeitig kämpft. Es sieht also ziemlich schlecht aus für die verbleibenden Iratsume und Michimitsu, und Iratsume schlägt etwas vor, eine „mind fusion“, wenn ich es richtig verstanden habe. Die beiden hüpfen also für einen Moment aus der Reichweite des Roboters und schauen ziemlich konzentriert. Es folgen Überblendungen ihrer Gesichter und verschiedener Flashbacks. Insbesondere kommt die erste von drei Wiederholungen einer Szene aus Iratsumes Kindheit (wenn ich alles richtig verstanden habe): ein düsteres Verließ, und ein Junge mit einer blutigen Wunde, der anscheinend stirbt. Dann sind wir wieder im Hier und Jetzt, Michimitsu und Iratsume gegen den magischen Roboter, nun greifen beide an, durch die Geistverschmelzung in vollendeter Harmonie, und wie nicht anders zu erwarten, siegen sie: Iratsume schnappt sich im entscheidenden Moment Tabitos Schwert, während sie mit ihrem eigenen Schwert in der anderen Hand die Streiche des Roboters abwehrt, und schlägt ihm den Kopf ab. Iratsume und Michimitsu versuchen zu flüchten, und der Roboter explodiert und die Druckwelle wirbelt beide durch die Luft. Sie verlieren das Bewußtsein, und in der Traumwelt ihrer Ohnmacht sehen sie Flashback Nummer Zwei: Das düstere Verließ, der Junge, der mit dem Schwert gegen den ebenfalls bewaffneten Standpunkt der Kamera kämpft (so daß wir nicht wissen, gegen wen er da kämpft), er wird tödlich getroffen, sinkt zusammen, schaut verwundert und stirbt. Dann wachen Iratsume und Michimitsu wieder auf und berappeln sich.

Sie schichten Äste auf, um Tabito zu verbrennen. Michimitsu hält die Gefallenenrede, in der er die Aufgabe der Sophists erklärt, die Vielfalt und Buntheit der Welt zu bewahren und die schwache Sache zur Stärkeren zu machen, möglichst durch Worte, notfalls aber auch durch das Schwert.

Iratsume und Michimitsu wollen sich auf den Rückweg machen. Da aber die Nacht anbricht, übernachten sie auf freiem Feld. Wir sehen, wie Iratsume die Augen schließt und einschläft und träumt. Wir sehen wieder alles aus der Ich-Perspektive: das Ich eilt eine Treppe empor in ein Wohnhaus, trifft dort eine junge Frau, Michimitsus Stimme sagt, er habe einen Ausbildungsplatz als Sophist erhalten, die junge Frau sagt, das sei ja toll, beide gehen ins Bett und ziehen sich aus und schlafen miteinander (das ist sehr schön gemacht, ganz unpornographisch, aber auch ganz unbefangen). Dann aber sind wir wieder in dem düsteren Verließ, uns gegenüber steht der Junge. Er sagt so etwas in der Richtung, daß er ein Supermagier und Schwertkämpfer ist und dich jetzt gleich töten wird mit seinen magischen Kräften. Iratsumes Stimme antwortet ihm, daß er ein Idiot sei, und es folgen Sätze, die ich nicht verstanden habe. Der Junge faltet die Hände zum Gebet, Blitze sind zu sehen, die aber anscheinend keinen Schaden anrichten. Es werden weitere Sätze gewechselt, der Junge zieht sein Schwert, es kommt zum Kampf, und so weiter, siehe oben, und Michimitsu erwacht schreiend aus seinem Traum. Beide unterhalten sich über ihre Träume. Iratsume hat eine Erinnerung aus Michimitsu Leben geträumt und umgekehrt, da ja beide die mind fusion vollzogen haben. Wenn ich es richtig verstanden habe, beschwert sich Iratsume, oder drückt ihre Trauer darüber aus, daß, während Michimitsus markanteste Erinnerung die Erinnerung an besonders gelungenen Sex ist, ihre eigene markanteste Erinnerung die Erinnerung an ihren ersten Mord oder an einen Mord (oder so) ist. Ich glaube, außerdem sagt sie, daß sie noch nie Sex hatte und daß es für sie seltsam sei, den ersten Geschlechtsakt im Leben als Mann zu erleben, aber es kann sein, daß hier meine Phantasie mit mir durchgeht.

Es scheint, so ob Iratsume und Michimitsu (von der Uno, vom obersten Rat der Sophists oder von wem?) den Auftrag bekommen, das Land der Roten zu inspizieren. Es ist wohl so, daß die Regierung der Roten eine unheilvolle Allianz mit dem Unternehmer Eisai geschlossen haben, der ihnen die Roboter für ihre Eroberungszüge liefert, und dieser Eisai hat mehrere Kinder entführt, darunter Iratsume, und sie genmanipuliert oder sonstwie behandelt, daß sie zu Übermenschen mit magischen Fähigkeiten heranwachsen, und dann hat er sie gegeneinander kämpfen lassen, bis Iratsume als einzige überlebte, und Iratsume hat er gezwungen, den Gedächtniskristall aus der verlorenen Stadt zu beschaffen. Dieser Gedächtniskristall enthält vermutlich die Anleitung, wie Roboter mit magischen Fähigkeiten zu bauen sind, und mit Hilfe dieser Roboter könnte Eisai möglicherweise die ganze Welt erobern, was die Sophisten nicht gut finden können, da sie ja eine Einzelherrschaft ablehnen, insofern sie gegen die Vielfalt gerichtet ist. Leider fehlen mir hier zwei Folgen, so daß ich hier auf Rekonstruktionen angewiesen bin. Irgendwie kommt es dazu, daß Michimitsu eine Rede vor dem Parlament der Roten hält und daß es im Land der Roten zu einer Revolution kommt, an der Iratsume und Michimitsu zunächst nicht teilnehmen, in die sie dann aber auch verwickelt werden. Der Präsident des Landes ist ein gewisser Dogen, der mit einem Sophist namens Haikunin oder Hakuin verbündet ist (die verschiedenen Sophisten unterstützen nämlich ganz verschiedene Parteien). An der ganzen Auseinandersetzung ist mir nur eine Szene besonders bemerkenswert erschienen: Dogen ist in seinen Privatpalast außerhalb der Hauptstadt geflohen, Iratsume will ihn verhaften, im Tor stellt sich ihr Hakuin entgegen. Hakuin weiß, daß er gegen die übermenschlichen Kräfte Iratsumes nichts ausrichten kann, aber anscheinend ist er einem sehr strikten Ehrenkodex verpflichtet und will eher sterben, als Dogen unverteidigt zu lassen. Iratsume erklärt ihm, das schönste für einen Menschen sei es doch, am Leben zu sein und die Sonne zu sehen, warum er dieses höchste Gut denn wegwerfen wolle (meine Interpolation, wir erinnern uns, ähnlich wurde das Leben von Tabito und Michimitsu charakterisiert). Hakuin läßt sich nicht bereden, die beiden fangen ein bißchen an, zu fechten, aber Iratsume springt in einer eleganten Bewegung über ihn drüber und rennt an ihm vorbei und vermeidet so, ihn töten zu müssen (sie sagt auch irgend etwas schrecklich geistreiches zu ihm, aber ich habe es halt leider nicht verstanden). Im Palast stellt sich heraus, daß Dogen mit so einer Art Hubschrauberraumschiff vom Dach des Palastes fliehen will, Iratsume kommt gerade auf dem Dach an, als ein Schuß fällt. Es stellt sich heraus, daß Dogen erschossen wurde. Nun behaupten die einen, daß Iratsume Dogen erschossen habe (wovon wir wissen, daß es nicht stimmt), andere, Dogen habe sich selbst erschossen, wieder andere, seine eigene Leibgarde habe ihn erschossen.

Nun haben die Aufständischen gewonnen, und eine neue Regierung wird eingesetzt. In den Archiven der Roten wird gefunden, daß die Kinder, die Eisai für seine Experimente entführt hat, alle aus dem Land der Roten (seinen Verbündeten stammen), daß also auch Iratsume aus diesem Land stammt, und daß ihre Eltern noch leben. Sie besucht ihre Eltern, die sie zunächst nicht als ihr Kind kennen, sondern als die fremde Kriegerin, die den Sturz der Regierung herbeigeführt hat, und reagieren sehr feindselig. Iratsume fragt, ob sie Kinder haben. Zwei Söhne im erwachsenen Alter. Iratsume fragt weiter, ob sie nicht auch eine Tochter hatten, die kurz nach der Geburt starb. Die Eltern sind noch immer mißtrauisch, aber die Mutter bejaht. Iratsume gibt sich zu erkennen. Weiterhin sind die Eltern ablehnend und skeptisch, aber ich glaube, beim Abschied lassen sie dann doch erkennen, daß sie in Iratsume ihre Tochter erkennen und nur etwas Zeit brauchen, sich an diesen Gedanken zu gewöhnen. Iratsume jedenfalls bekommt offiziell eine doppelte Staatsbürgerschaft, sowohl im Land der Roten als auch im Land der Blauen.

Nun muß nur noch Eisai der Gedächtniskristall wieder abgenommen werden. Also machen sich Iratsume und Michimitsu auf den Weg in die einsame Wüste, in der Eisais Fabrik steht (anscheinend sind Fabriken und Unternehmen der Zukunft so vollautomatisch, daß der Unternehmenschef zugleich der einzige Mitarbeiter ist, es gibt jedenfalls keinen Hinweis darauf, daß die Eisaische Fabrik von irgend jemand anders außer Eisai bewohnt wird.

In der Eisaischen Fabrik werden Iratsume und Michimitsu von einer ganzen Horde von magischen Robotern angegriffen. Wie sie dieser Gefahr entkommen, weiß ich leider nicht (fehlende Folge), ich kenne nur wieder die letzte Folge, in der diese Roboter zwar nicht zerstört, aber irgendwie inaktiviert sind und überall bewegungslos herumstehen. Es kommt zum finalen Showdown zwischen Iratsume und Michimitsu einerseits und Eisai andererseits. Mit Hilfe der Informationen des Gedächtniskristalles (oder mit Hilfe seines eigenen Intellekts, keine Ahnung) hat Eisai nicht nur die magischen Roboter gebaut, sondern auch so eine Art vollautomatischer magischer Rüstung, die in selbst zu einem Superkrieger und Supermagier macht. Mit einer einzigen Handbewegung durchbricht er den Schutzkreis von Michimitsu und läßt ihn durch eine Windbö in einen Abgrund wehen. Iratsume kettet er auf einer Art Verhörstuhl fest. Nun beginnt er ein Gespräch mit Iratsume, ich glaube, er fühlt sich von ihr ungeliebt, er betrachtet sie, so kam es mir vor, als seine Tochter und Nachfolgerin, während er für Iratsume halt nur der verrückte Wissenschaftler ist, der ihre Kindheit und Jugend ruiniert hat.

Schnitt: Michimitsu hängt an einigen Kabeln, in denen er sich verfangen hat, bewußtlos über einem Abgrund. Iratsumes Stimme aus dem Off weckt ihn wieder auf. Sie erwähnt ein Kabel, das entscheidend für die Stromversorgung der magischen Rüstung Eisais ist (oder seiner Magieversorgung). Er, Michimitsu, müsse mit der Kraft seiner Gedanken oder seiner Magie dieses Kabel durchtrennen, inzwischen werde sie Eisai ablenken. Michimitsu wendet, glaube ich, ein, daß seine Fähigkeiten nicht ausreichend seien, das Kabel zu durchtrennen, aber Iratsume wiederspricht ihm. Michimitsu springt aus dem Abgrund heraus und duckt sich. Iratsume sagt gedanklich „Jetzt“. Sie greift Eisai mit einer Art von Blitzstrahlen an, der seinerseits zurückblitzt, während der kauernde und versteckte Michimitsu seinerseits sehr angestrengt und konzentriert schaut. Die Blitze Eisais gewinnen die Überhand, Iratsume schreit in Schmerzen auf, dann sehen wir, wie das Kabel durchschmort, wie die Blitze Eisais versiegen, wie Iratsume bewußtlos zusammenbricht und Blut aus ihrem Mundwinkel rinnt. Nun gibt sich Michimitsu Eisai zu erkennen und will ihn festnehmen. Aber Eisai hat anscheinend immer noch magische Kräfte, und er kündigt seinerseits an, Michimitsu zu töten (glaube ich). Es kommt zum großen Finalschwertkampf Michimitsu-Eisai. Eisai sagt anscheind so etwas in der Art, daß er vorhatte, die Welt zu erobern und den Weltfrieden einzurichten, etwas, das die Sophists mit ihrem Streben nach Vielfalt stets verhindert hätten. Michimitsu bringt ein kluges Gegenargument, nehme ich an, das ich aber mal wieder nicht verstanden habe. Dann schlägt Michimitsu Eisai den Kopf ab.

Dann kümmert er sich um Iratsume. Mit seiner Off-Stimme fragt er sie, ob sie noch lebt, sie antwortet „I guess“. Er befreit sie aus dem Verhörstuhl und stützt sie, während sie in die Abenddämmerung humpelt. Ende der Geschichte.

Da die letzte Folge nur etwa die Hälfte der Zeit einer normalen Folge gebraucht hat, kam anschließend noch ein ziemlich ironisches „Making of“, das so tat, als ob „The Sophists“ keine Zeichentrickserie, sondern ein Film mit echten Schauspielern gewesen wäre, und das selbst wieder nur ein Zeichentrickfilm war. Man sieht also die gezeichnete Iratsume (die gezeichnete Darstellerin der Iratsume), wie ihr in der Garderobe gerade der Augenfleck geschminkt wird, und sie wird gefragt, wie sie die Rolle der Iratsume versteht. Dann wird gezeigt, wie erst die gezeichnete Iratsume in einer gezeichneten Blue Box gefilmt wird, dann sehen wir eine gezeichnete Kamera, die einen winzigen Roboter filmt, und dann wird beides überblendet, wir sehen Iratsume vor dem Roboter, der jetzt riesig wirkt. Dann ist ein gezeichneter Regissuer zu sehen, der die Konzeption seines Filmes erläutert. Dann wird ein gezeichneter Stuntman interviewt, der angeblich Iratsume in gefährlichen Szenen gedoubelt hat. Die entsprechende Szene wird in slow motion gezeigt, der Stuntman kommentiert aus dem Off.

So, warum gefällt mir nun diese Serie so? Einen Teil davon habe ich schon erwähnt: die Möglichkeit, ein wenig zu regredieren und sich an buntem Knallbumm zu freuen. Dann auch, was ich bislang noch nicht erwähnt habe, die technische Meisterschaft der Animationen: die allermeisten Trickfilme sind ja heutzutage so beschaffen, daß sie möglichst die Zahl der nötigen Einzelbilder reduzieren. Es ist deshalb üblich, eine halbe Minute lang zusehen zu müssen, wie der Bildschirm zwischen zwei Bildern hin und her springt: ein Sprechender mit geöffnetem und mit halb geöffnetem Mund, alles um ihn herum in völlige Bewegungslosigkeit erstarrt, die Kameraperspektive unverrückbar festgenagelt. Oder wir sehen unsere Helden rennen: vor einem bewegten Hintergrund wechseln sich das eine Bild, in dem sie das rechte Beine heben, mit dem anderen Bild ab, wo sie das linke Bild heben, ohne jede Variation.

Iratsume dagegen! Keine zwei Augenblicke sind jemals gleich, und die Kamera ist in ständiger Bewegung und ändert die Perspektive. Normalerweise ist ein Zeichentrick geteilt in einen Vordergrund mit beweglichen Figuren und einem statischen, elaborierter gezeichneten Hintergrund. Hier aber kann der Hintergrund nicht statisch sein, allein schon, weil sich der Fluchtpunkt der Zentralperspektive ständig verschiebt. Zugleich ist eine unvergleichliche Liebe in die einzelnen Details gesteckt. Iratsume und ihre Begleiter bewegen sich oft unter freiem Himmel, und dabei bewegen sie sich zwischen Pflanzen, zwischen Gräsern und Bäumen, die so gezeichnet sind, daß zwar nicht ich, aber ein Botaniker (oder jemand, der auf dem Land aufgewachsen ist) ohne weiteres erkennen und bestimmen könnte.

Und auch der Detailreichtum, mit dem etwa Iratsume gezeichnet ist, unterligt einem ständigen Wechsel. Da ein Zeichentrickfilm nicht von einer Person allein gezeichnet werden kann, geht das Bestreben meist dahin, alle Figuren so zu standardisieren, daß sie stets gleich aussehen. So ist etwa das Ideal von Walt Disney, daß Donald immer und immer gleich ausschaut, wer auch immer ihn zeichnet, und dementsprechend ist es als ein Rückschlag dieses Vorhabens anzusehen, wenn ein einzelner Zeichner wie etwa Carl Barks zu individuellem Ruhm gelangt. Ich weiß nicht, wie genau „The Sophists“ realisiert wurde (denn „The Making of“ gibt darüber ja nicht wirklich Auskunft), aber für mich sah es so aus, als ob die verschiedenen Figuren in den verschiedenen Situationen von verschiedenen Zeichnern mit einem jeweils individuellen Stil gezeichnet worden wären. Deswegen konnte ich kaum anders, als selbst meine eigene Variante von Iratsume beizusteuern, in meinem eigenen Stil. Und während etwa eine Kinderzeichnung von Lara oder Pikachu in ihrem Mangel an technischen Fertigkeiten etwas lächerliches (oder, freundlicher gesagt, etwas rührendes) hat, würde eine Kinderzeichnung von Iratsume nicht allzu sehr aus dem Konzept der Serie herausfallen, es wäre quasi eine natürliche Fortsetzung dieses Ansatzes. Die Sophists vertreten, wie ich aus Folge Eins glaube entnehmen zu dürfen, eine Theorie, wie sie schon den alten Griechen (zumindest Homer) geläufig war: daß der Mensch eine Wohnstatt der Götter ist und daß er selbst nichts Außergewöhnliches vermag, sondern daß alles Außergewöhnliche in einem Zustand der Besessenheit geschieht. In gewisser Weise ist der Stil der „Sophists“ eine Illustration dieser These: denn mal wird Iratsume vom Schwertkampf-Zeichner-Gott geführt, mal vom Nachdenkliches-Gesicht-In-Großaufnahme-Zeichner-Gott, mal vom Friedlich-Durch-Die-Landschaft-Wandern-Zeichner-Gott.

Aber was mich wohl noch mehr für Iratsume einnimmt, ist die (von den Verfassern der Serie wohl bewußt kalkulierte) Balance aus Mut und Unsicherheit, Macht und Verletzlichkeit, die in Iratsume verwirklicht ist. Denn wir alle wären ja gerne eine mächtige Kriegerin, die sich vor niemandem zu fürchten braucht, und gleichzeitig fühlen wir uns alle doch gelegentlich als einsame und verlorene Waisenkinder (deshalb habe ich das Bild Waisenkind genannt). Außerdem handelt es sich, so deute ich zumindest die Serie, um eine Art Bildungsroman: am Anfang ist Iratsume so eine Art kulturloses Wolfskind, das nach und nach in die menschliche Gemeinschaft aufgenommen wird. Und während sie am Anfang im Grunde sprachlos ist und deshalb entsetzliche Dinge begeht (etwa den herzensguten Munehiro umbringt), gelingt es ihr später, die Tötung Hakuins zu vermeiden. Ganz haben die Macher der „Sophists“ das nicht durchhalten können, Eisai wird am Ende nicht durch gute Wort bekehrt, aber das wäre (abgesehen davon, daß es die Zuschauer enttäuscht hätte, die auf ihrem Krachbumm bestehen) wohl auch unrealistisch gewesen: Worte reichen wohl leider nicht immer aus (zumindest ist das die Ansicht, die in der Serie die Sophists vertreten).

Es gibt einige Szenen, in deren Erinnerung ich gerne verweile: wie Iratsume Munehiro bittet, daß sie ihn nicht töten muß, und wie sie über seiner Leiche weint. Wie Iratsume und Michimitsu aus ihren Träumen erwachen und feststellen, wie ihr Leben von nun an ineinander verwoben sein wird. Wie Michimitsu Iratsume fragt, ob sie noch am Leben ist. Das zornige und verbitterte Gesicht Iratsumes, als der alte Mann sie aufsucht, und sie um Hilfe bittet, und wie es sich in ein freundliches und mitleidiges verwandelt.

More Texts

Main Index Page


Jan Thor
www.janthor.com
jan@janthor.de